2. X. 15.

Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie ganz gefesselt, ich weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis interessant? — Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu sagen, keine sanften pastoralen Klänge. — Grüße alle! Mit liebem Kuß

Dein
Frz.

5. X. 15.

L.,

wenn sich die Rehchen strecken, ist es ein sicheres Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kot nachweisbar; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. — Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, — selbst wenn mir letztere vorübergehend genußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst * * * direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim Versuch bliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und Gewinn ist.