20. X. 15.

L.,

heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen sogar noch mehr!), — heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine Gefechttätigkeit, — aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine riesige Wohlthat.

Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst reden, — laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, — mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem „opfernden Großgrundbesitzer“ im beiliegenden Zeitungsabschnitt, — ist der nicht köstlich? Geradezu unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.

Kuß und Liebe von
Deinem
Frz.

Koehler hat sich sehr über Deinen Obstgruß gefreut.

p. s. Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das Dach mit Schilf bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus. Es freut mich sehr, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen!