Grube, Samstag, 12. Sept. 14.
L....,
Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von Lubine über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von St. Dié nach Urbais 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. Wir gingen über Urbais hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher — Selbstverständlichkeiten — d’autrefois. Ob wir nun nach Schlettstadt-Belfort kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?
Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.
L.... M....,
heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;
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Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, weil die „Ereignisse“ mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die „Aktion“ hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, — im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, — oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der’s doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, — aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, — ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht’s doch noch eher! Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.
Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, — — — — —