Mühlhausen, 22. XII. 14.
L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch erklärt, — es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen, wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung setzte. Daran denke ich gar nicht. — — — — —
Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig ist, — solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! — Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren den Maler Helmuth ansahen, — ist es nicht komisch? — — — — —
M., 23. XII. 14.
L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, — Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr liberal die Kolonne versorgte. — Wir hatten gestern ein kleines Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General F., der sehr entzückt schien über „die Bayern“. Es scheint mir sehr sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist’s ganz recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird mir — politisch gedacht — immer rätselhafter, der selbstmörderische Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten „Fehler“ in der Politik. Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, wenn auch unsere „Interessen“ ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr ich’s verlange!
Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute, zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich. Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich immer und kann mir kein Bild davon machen.
Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk an mich, an uns beide. — — — —