Ostersonntag 15.

L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem fruchtbaren „Osterwasser“, das doch auch von jeher als besonders heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen, so gründlich und feiertägig, als wir nur können. — Was ist wohl mit Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich — unten, (Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben, wie es damit steht.

Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein paar Blümchen hinein.

6. IV. 15.

L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz, vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst dachte ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen Fühlen kommen und mich immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir „äußerlich“; wörtlich genommen ist es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das „lebendige Gefühl“, von dem Du immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu kurz, um sie an die „Welt“ zu verschwenden. Was ich in Artikel I schrieb, scheint mir noch immer nicht „ein unwahrer Trost“, wie Du ihn zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer und der Reinigung. K. hat wohl insofern recht, daß der Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um „ins Reine“ zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die sterbenden Krieger sind nicht häßlich. Da trügt Dich Dein Gefühl, weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut es Dir möglich ist, wenn Du sein „Bild“ nicht ertragen kannst, aber erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar etwas sehr Großes und Furchtbares.

Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief von Lisbeth. — — — — —

Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr neugierig.