Die Bedeutung des Kinematographen.
Der Kinematograph als Forscher und Lehrer.
So bewundernswert nun auch die technischen Leistungen bei solchen Aufnahmen sein mögen: in diesen Kunststücken darf man nicht den Hauptwert des Kinematographen suchen. Seine eigentliche Bedeutung liegt auf anderem Gebiete: In der Hand des Naturfreundes ist der Kinematograph ein großer Forscher geworden. Er schaut durchs Vergrößerungsglas und verfolgt das Treiben der kleinen Lebewesen; er belauscht die Vögel in ihren Nestern; er beobachtet die Pflanzen und Blumen, wie sie wachsen, verblühen und vergehen; dann wieder sucht er fremde Länder und Völker auf und studiert ihre Sitten und ihren Sinn, oder er geht mit dem Techniker in große industrielle Werke. Er sieht alles, schreibt alles auf seinem Film auf, nichts entgeht ihm. Und so oft man will, erzählt er alles getreu bis in die kleinsten Einzelheiten wieder.
Dem Gelehrten vermag der Kinematograph unschätzbare Dienste zu leisten, indem er festhält, was des Menschen Auge nicht mehr verfolgen, nicht mehr unterscheiden kann. Und uns steht durch den Kinematographen die ganze Welt mit ihrem Getriebe offen. Was die Natur im Großen und im Kleinen nur darbietet, was der Mensch nur erschafft, alles bringt dieser Wunderapparat vor unser Auge. In spielender Unterhaltung zeigt und lehrt er innerhalb einer Stunde mehr, als mancher nach langem, schwierigem Studium beobachtet oder auf kostspieliger, weiter Reise gesehen hat.
Macht der kinematographischen Darstellung.
Wie lebendig und überzeugend ist seine »Sprache«! Wer noch nie am Meere gewesen ist, erhält wohl von einer Photographie oder einem Gemälde einen Eindruck der unendlichen Wasserfläche; aber erst der Kinematograph zeigt ihm, wie die mächtigen Wogen dahingehen, wie sie brandend auf den Sand rollen oder hoch aufschäumend gegen die Felsküste schlagen, zeigt ihm, wie ein Ozeandampfer hinausfährt oder ein Kriegsschiff manövriert.
Diese lebendige Sprache verleiht auch dem kinematographischen Drama eine so mächtige Wirkung. Statt des Phantasiebildes, das wir beim Lesen gewinnen, drängt sich hier gewissermaßen leibhaftige Wirklichkeit auf. Ja, da dem »taubstummen« Stücke die Worte fehlen, wird die Handlung zusammengedrängt: was uns der Roman im Laufe von Stunden erzählt, wickelt sich hier in Minuten ab — daher atemlose Spannung von Anfang bis zu Ende. Kraftvollen Schriftstellern ist das kinematographische Drama ein vorzügliches Ausdrucksmittel.
Das Kinematographen-Theater.
Praktische Anwendung hat der Kinematograph in umfangreichem Maße in den Kinematographen-Theatern gefunden, besitzt doch bei uns jede Stadt von soundsoviel tausend Einwohnern mindestens ein solches Theater (wenn nicht, wie heißt der verwaiste Ort? Interessenten bezahlen den Nachweis). In den Programms herrschen die dramatischen Darstellungen vor. Man sucht vielfach volle Häuser zu gewinnen, indem man dem Sensationsgelüste der Menge entgegenkommt und im Übermaße aufregende, nervenreizende Stücke bringt. Diese Tendenz zahlreicher Unternehmungen: »Sensationell um jeden Preis« hat dem Kinematograph einen bösen Ruf eingebracht und Gegenbewegungen ins Leben gerufen. Gewiß ist auch viel Erfreuliches zu verzeichnen, vielerlei schöne Aufnahmen werden gezeigt, die hohen Bildungswert besitzen. Diesen möchte ein größerer Platz eingeräumt werden. Solange indessen das Volk gerade an den garstigen Stücken seinen Gefallen bekundet, solange Filmfabriken und Theater sehen, daß sie damit ihre besten Einnahmen machen, ist eine gehörige Besserung schwerlich zu erwarten.
Das Tonbild.
Im Kinematographen-Theater findet man auch das Tonbild, die Verbindung von Kinematograph und Sprechmaschine. Der eine Apparat stellt die bildliche Szene dar, während der andere die Figuren sprechen, singen und musizieren läßt. Die Aufnahmen dazu mit kinematographischer Kamera und Grammophon werden getrennt vorgenommen, und zwar erfolgt die eine an Hand der anderen. Damit sich nun bei der Wiedergabe Bild und Ton genau decken, damit also nicht die Bewegungen den Worten vorauseilen oder dahinter zurückbleiben, müssen beide Apparate Hand in Hand — man sagt »synchron« — laufen. Diese Forderung zu erfüllen, werden Sie denken, ist eine einfache Aufgabe — gewiß: man braucht nur die Räderwerke von Kinematograph und Sprechmaschine durch eine geeignete Übersetzung »zwangläufig« miteinander zu verbinden; dann muß der eine genau mit dem anderen gehen, er kann nicht vorstreben oder zurückbleiben. Indessen bietet die praktische Ausführung insofern eine Schwierigkeit, als man das Grammophon, um die richtige Wirkung zu erzielen, beim Projektionsschirm, also weit vom Kinematograph entfernt, aufstellt. Aber auch eine andere Forderung ist schwer mit dieser Lösung in Einklang zu bringen: die Sprechmaschine muß nämlich mit einer bestimmten Geschwindigkeit laufen, damit der Ton die richtige Höhe erhält, und sie ist darin sehr empfindlich — jede Abweichung bringt einen Mißton. Nun ist der Kinematograph ein unruhiger Bruder; er läuft nicht so gleichmäßig: da kommt z. B. einmal eine Klebstelle im Filmband, die momentan eine geringe Verzögerung der Geschwindigkeit herbeiführt — in diesem Augenblick schreit die Sprechmaschine, der Ton geht herunter, um sofort wieder in die Höhe zu schnellen. Um diesen Übelstand zu vermeiden, läßt man das Grammophon, so wie es soll, ruhig für sich laufen und reguliert nun nach seinem Gang mittels einer Anzeigevorrichtung die Geschwindigkeit des Kinematographen. Derartige Vorrichtungen — man nennt sie »Synchronismen« — gibt es verschiedene. Hier sind es optische Signale, wonach der Operateur den Gleichlauf kontrolliert, dort auf elektrischem Wege übertragene Zeichen; bei anderen hinwieder geschieht die Regelung automatisch: der Motor des Kinematographen wird selbsttätig in seiner Geschwindigkeit korrigiert, wenn die Übereinstimmung aussetzt.
Fehlerhafte Erscheinungen.
Da wir grade im Kinematographen-Theater sind, höre ich Sie die Frage stellen: woher kommt es, daß man zuweilen auf dem lebenden Lichtbilde vorwärts fahrende Wagen mit schleifenden oder gar rückwärts laufenden Rädern sieht? Nun, suchen wir einmal die Erklärung! Bei der Aufnahme der Szene machte die kinematographische Kamera etwa 15 Belichtungen in der Sekunde, also wurde auch das Rad 15 mal in der Sekunde photographiert. Nun hat sich das Rad zwischen den einzelnen Aufnahmen stets um ein Stück gedreht, und wenn es der Zufall will, so ist in dieser Zeit immer eine Speiche genau an die Stelle der nächsten getreten. Da eine Speiche aussieht wie die andere, bietet dann das Rad auf allen Bildern das gleiche Aussehen; unser Auge nimmt also keine Bewegung in den Speichen wahr und wir meinen, das Rad stände still. Nehmen wir nun an, das Rad laufe etwas langsamer wie vorher. Dann bleibt die Speiche, welche bisher — in der Zeit von Aufnahme zu Aufnahme — immer genau an Stelle der Nachbarspeiche getreten war, etwas gegen diese zurück. Unser Auge verwechselt nun diese Speichen, die in den aufeinanderfolgenden Bildern so nahe beieinander sind, und wir nehmen eine langsame Rückwärtsdrehung wahr. Es brauchte nur eine einzige der Speichen eine abweichende Form zu besitzen, so fiele die Ursache zu dieser optischen Täuschung fort und wir würden sehen, wie diese Speichen sich richtig drehen und wie das Rad vorwärts rollt.
Ferner fragen Sie: manchmal sieht man in den kinematographischen Darstellungen überhastete Bewegungen! — Diese Erscheinung tritt ein, wenn der Vorführer den Apparat zu rasch laufen läßt. Es ist leicht verständlich: je rascher man den Film durchlaufen läßt, desto schneller spielt sich die Szene ab. Die Bewegungen können nur dann natürlich wirken, wenn die Wiedergabe mit der gleichen Geschwindigkeit, also mit der gleichen Bilderzahl in der Sekunde, erfolgt wie die Aufnahme. Endlich: woher kommt es, daß man zuweilen im lebenden Lichtbilde ein unangenehmes Flickern wahrnimmt? — In solchem Falle wird zur Vorführung ein alter oder schlecht behandelter Film benutzt, der, wie man sagt, »verregnet« ist. Mit jedem neuen Bilde, also 15 mal in der Sekunde, erscheinen immer wieder andere Flecken und Kratzen, die bald hier, bald dort sitzen und daher auf unser Auge wie ein Gewirre tanzender Mücken wirken.
Das lebende Lichtbild in Schule und Vortragssaal.
Ein großes Anwendungsgebiet steht dem Kinematographen noch offen: die Schule; sie hat sich des lebenden Lichtbildes bisher noch wenig angenommen. Und doch stellt der kinematographische Apparat ein ausgezeichnetes Anschauungsmittel dar, das dem Lehrer große Hilfe bietet und gleichzeitig eine Erweiterung des Lehrplanes ermöglicht. Praktische Vorschläge, die auf die Einführung des Kinematographen in die Schule hinzielen, sind schon ausgearbeitet worden. Das Gleiche gilt vom Hörsaal der Hochschulen und Universitäten, sowie vom Unterricht in Kunstschulen, der auch durch geeignete Aufnahmen gewinnen wird.
In Vereinen und bei öffentlichen Vorträgen, wo die Benutzung des Lichtbilderapparates fast zur Regel geworden ist, findet man den Kinematographen schon häufiger. Mag der Vortragsredner auch sprechen über Länder und Völker, über Tiere und Pflanzen, über technische Betriebe oder über Luftschiffe und Flugmaschinen — wenn er nicht das Objekt selbst demonstrieren kann: gibt es für ihn ein besseres Anschauungsmittel als das lebende Lichtbild?
Einer ausgedehnteren Verwendung des Kinematographen in Schule und Verein steht heute weniger im Wege wie ehedem, wo ein solcher Apparat sehr kostspielig war. Für einige hundert Mark kann man jetzt schon eine leistungsfähige praktische Einrichtung erhalten; ist bereits ein Lichtbilderapparat vorhanden, so kommt man wesentlich billiger weg, weil dann nur der Mechanismus zu beschaffen ist. Ferner liegt ein umfangreiches Material an guten, lehrhaften kinematographischen Aufnahmen vor, deren Zahl ständig vermehrt wird, und es gibt viele Anstalten, die Films verleihen.
Was es an lehrhaften Films gibt.
Alle Weltteile, aller Herren Länder sind in kinematographischen Darstellungen vertreten. Da gibt es Films von Rom, Pompeji, Venedig, von Konstantinopel, Moskau und Tiflis; nicht minder solche, die uns Berlin, London, Paris zeigen. Die berühmten Stätten Palästinas und Egyptens sind ebenso im lebenden Bilde festgehalten, wie die interessantesten Plätze aus Indien, China und Japan. Der Rheinfall bei Schaffhausen, die Strudel des Zambesi und der Niagara haben dem Photographen und seiner Kurbelkamera »Modell gestanden«; selbst der Südpol ist kinematographisch erobert, nachdem Shackleton in seiner Nähe erfolgreich Aufnahmen gemacht hat. Ein gleichfalls großes Kapitel der Filmaufnahmen betrifft die verschiedenen Völker in ihren Sitten, Gebräuchen und in ihrer Gewerbetätigkeit, sowie anschließend daran die moderne Technik. Arabische Töpferei, indische Seilerei, Kriegstänze der Südseeinsulaner, chinesische Hochzeit, Walfischfang, Krokodiljagd, Straußenzucht, Gewinnung und Verarbeitung des Tees und der Baumwolle — vom Felde bis zum Versand des fertigen Produktes, Betrieb in den Diamantminen Südafrikas und den Goldgruben Australiens; dann bei uns: Eisengießerei, Herstellung von Eisenbahnschienen und von Lokomotiven, Wagenbau, Werkzeugmaschinen in Tätigkeit, Stapellauf eines Dampfers, Herstellung von Luftballons, die verschiedenen Systeme der Flugmaschinen, — das sind lauter Titel von Films, die für Lehranstalten und Vorträge von großem Wert sind. Für den naturkundlichen Unterricht gibt es Aufnahmen, wie: die Ameise, die Biene, von der Raupe zum Schmetterling, das Leben im Sumpfwasser, das Leben im Ei, wilde Vögel in ihren Nestern. Die medizinische Fakultät findet Anschauungsmaterial in kinematographischen Aufnahmen von von Operationen, wie solche verschiedentlich hergestellt worden sind.
Kinematographische Aufnahmen für Kunstschulen.
Für Kunstschulen werden Bewegungsstudien der Art von Wert sein, wie sie Muybridge und Anschütz schon vor 20 bis 30 Jahren schufen (vergl. die Darstellungen auf dem Lebensrad und in Fig. 15). Aufnahmen von schreitenden und laufenden Menschen und Tieren, von bewegten Gewändern, von der wogenden und brandenden See mögen die Beobachtung in der Natur trefflich ergänzen. Ja, während die wiederholte Beobachtung einer Bewegung in der Natur dadurch erschwert wird, daß beim zweiten und dritten Mal die Bewegung nicht die gleiche ist wie zuerst, indem Zufälligkeiten andere Formen hineinbringen, zeigt der Kinematograph, so oft man will, immer wieder genau denselben Vorgang ohne die geringste Abweichung. Ungestört kann der Künstler — Bildhauer oder Maler — sein Augenmerk auf einen bestimmten Moment konzentrieren, der ihn besonders interessiert: er weiß, daß dieser jedesmal gleichmäßig wiederkehrt. Schließlich steht es ihm frei, die Einzelbilder zu studieren und zu vergleichen.
Auch die Schauspielkunst sollte sich der Kinematographie bemächtigen, sollte sie zur Belehrung, namentlich angehender Bühnenkünstler, heranziehen und durch geeignete Aufnahmen — bedeutende Schauspieler in wichtigen Rollen sowie vorbildliche Aufführungen — Studienmaterial schaffen.
Der Kinematographenfilm als geschichtliche Urkunde.
Wiederholt hat man angeregt, kinematographische Archive anzulegen, und Anfänge dazu sind auch wohl schon gemacht worden. Denn manche der Aufnahmen, die wir heute als aktuell bezeichnen, werden als urkundliches Material von großem Werte für unsere Nachkommen sein: sie werden geschichtliche Begebenheiten in der richtigen Anschauung überliefern. Was würden wir darum geben, wenn wir berühmte Männer der Vergangenheit, wichtige historische Ereignisse im Lichtbilde aufleben lassen könnten! Vielleicht wird gar einmal das Wort des Witzblattes wahr, wonach der General vor der Schlacht ausruft: »Soldaten, seid tapfer, die Kinematographen der ganzen Welt blicken auf euch!«
Das lebende Lichtbild im Dienste der Reklame.
Erfolgreich hat man den Kinematograph — wenn auch einstweilen noch in geringem Maßstabe — in den Dienst der Reklame gestellt: der Geschäftsreisende zeigt den Interessenten im lebenden Lichtbild, wie eine neue Maschine arbeitet; Verkehrsgesellschaften lassen Ansichten der von ihnen befahrenen Gegenden vorführen. So konnte man einen schönen Film sehen, der die Reise eines Lloyddampfers von Bremen nach New York wiedergibt und der einem gar sehr den Mund wässerig macht, einmal mitzufahren. Die Southern Pacific Railway Company drüben benutzt kinematographische Bilder, die dort allenthalben gezeigt werden, um ihr Unternehmen bekannt zu machen. In Australien läßt man zahlreiche Aufnahmen herstellen, durch deren Vorführung Ansiedler aus Europa »geworben« werden sollen. — Es ist das ein Gebiet, das sich noch weit ausbauen läßt.
Der Kinematograph in der Wissenschaft.
Als Hilfsmittel bei wissenschaftlichen Forschungen wurde der Kinematograph bisher nur vereinzelt angewandt. Aber was der Apparat auf diesem Felde bereits geleistet hat, ist so beachtenswert, daß die Gelehrten ihn im Laufe der Zeit ohne Zweifel immer mehr heranziehen werden. So hat der französische Physiologe Marey, dessen grundlegender Arbeiten wir eingangs gedachten, schon vor mehr denn 20 Jahren die Kinematographie zum Studium der Bewegungsvorgänge bei Menschen und Tieren benutzt. Auch Professor Fischer gründete seine eingehenden Untersuchungen des Ganges und der dabei wirksamen Kräfte auf die Ergebnisse, welche die photographische Registrierung ihm geliefert hatte.
Fig. 53. »Photographie der Sprache«, Reihenaufnahme von Demeny.
Demeny, der verdienstvolle Mitarbeiter Marey's, machte Aufnahmen der Mundbewegungen sprechender Personen und wies darauf hin, daß derartige Bilderreihen für die Physiologie der Sprache von Wert seien und daß sie ferner brauchbares Lehrmaterial für Sänger und Taubstumme darböten. Figur 53 zeigt die Reihenaufnahme eines Mannes, der die Worte ausspricht: »Je vous aime«. Tatsächlich konnten Schüler einer Taubstummenanstalt, die gelernt hatten, von den Lippen zu lesen, diese Worte aus der Aufnahme verstehen, wenn sie als lebendes Bild mit dem Lebensrade oder auf dem Projektionsschirm gezeigt wurde. Die Abbildung ist auch historisch interessant, insofern als sie aus dem Anfangsstadium der Kinematographie stammt: sie wurde von Demeny im Jahre 1891 mit seiner gegen heute verhältnismäßig noch primitiven Apparateinrichtung unter großen Mühen hergestellt.
Ein anderes Anwendungsgebiet der Kinematographie beschritt Londe (ebenfalls zur Zeit Marey's), indem er krankhafte Bewegungen nervöser Personen in einer Anzahl von Bildern festhielt; es konnte dadurch eine sichere Unterlage für genaue Studien gewonnen werden.
Mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen gelang es ferner, den Flügelschlag der Insekten zu erforschen. Die Fliege bewegt ihre Flügel so rasch, daß man nichts als ein Flimmern wahrnimmt; auch der beste Beobachter ist machtlos dagegen. Der Kinematograph indessen, mit großer Geschwindigkeit laufend, so daß er bis zu 1500 Bilder in der Sekunde aufnimmt, hält alle Phasen der Bewegung fest. Und wenn dann die gewonnenen Bilder mit normaler Geschwindigkeit — 15 in der Sekunde — auf den Projektionsschirm geworfen werden, so spielt sich dort der Vorgang hundertmal langsamer ab: mit Ruhe kann man nun das Auf- und Abgehen der Flügel und das Arbeiten des Flugmechanismus verfolgen. Umgekehrt hat man mit Hilfe des Apparates Bewegungen, die zu langsam vor sich gehen, als daß man sie zu übersehen vermöchte, künstlich beschleunigt. Auf diese Weise kann man das Wachstum der Pflanze mit dem Auge verfolgen. So wurde z. B. eine aufblühende Victoria Regia mit überaus geringer Geschwindigkeit — etwa alle 2 Minuten ein Bild — aufgenommen. In der Projektion der Aufnahme, die mit normaler Geschwindigkeit: 15 Bilder in der Sekunde — also 1800 mal rascher, erfolgt, sieht man dann den Vorgang, der in der Natur Stunden in Anspruch nimmt, innerhalb weniger Minuten sich abwickeln. Man verfolgt deutlich, wie die Knospenhüllen sinken, wie sich ein Blütenblatt vom anderen hebt, bis die herrliche Blume voll entfaltet ist, und wie sie alsbald wieder vergeht.
In gleicher Weise hat der französische Astronom Flammarion die Vorgänge am Sternhimmel, die sich während einer fast 16 stündigen Nacht abspielten, in 2 bis 3 Minuten zur Darstellung gebracht: es wurden, wie bei den Pflanzen, mit dem Kinematograph in gewissen Zeitabständen Aufnahmen gemacht, insgesamt 2000 bis 3000, und diese dann mit der normalen Geschwindigkeit projiziert. Da sieht man vom Sonnenuntergang an alle Bewegungen der Gestirne in etwa 400 facher Beschleunigung; man verfolgt, wie die Milchstraße erscheint, wie der Mond aufgeht und vor den übrigen Himmelskörpern vorbei zieht, wie der ganze Sternhimmel sich von Ost nach West dreht und wie endlich das Tagesgestirn aufsteigt.
Erfolgreich hat man den Kinematograph in Verbindung mit dem Mikroskop, ja sogar mit dem Ultramikroskop gebracht, das uns die feinsten Partikelchen zeigt. So wurden auf dem Film die Bewegungen der Blutkörperchen und ihr Kampf mit den ins Blut eingebrachten Bazillen in außerordentlich starker Vergrößerung festgehalten. Man sieht, wie die Krankheitserreger über die roten Blutkörperchen herstürzen, um sie zu verzehren. Der Forscher kann hier mit Ruhe die Vorgänge verfolgen; aus den einzelnen Bildern solcher Aufnahmen vermag er die Zahl gewisser Blutteilchen, die sich mit der Art der Ernährung ändert, festzustellen.
Wellenbewegungen im Wasser, die ein Schiffskiel oder ein Propeller erzeugt, werden mit dem Kinematograph studiert. Daß man Spezialapparate zur kinematographischen Aufnahme fliegender Geschosse hergestellt hat, wurde schon erwähnt. Geheimrat Cranz konnte mit seinem Apparat, der 5000 Belichtungen in der Sekunde macht, die Vorgänge beim Abschießen einer Kugel aus einer Selbstladepistole untersuchen; er konnte damit ferner die Wirkung von Schüssen auf Knochen, Metallplatten, wassergefüllte Gummiblasen und Kugeln aus feuchtem Ton in einer Reihe von Bildern festlegen. Diese Bilder, von denen die Dresdener photographische Ausstellung 1909 interessante Proben zeigte, brachten wichtige Ereignisse: man sieht, daß eine beschossene, dünne Messingplatte schon durch den Druck der mitgerissenen Luft zerstört wird, ehe die Kugel selbst auftrifft; daß die Zersplitterung eines durchschossenen Knochen nach dem Durchschlagen des Geschosses weiter vor sich geht.
In neuerer Zeit ist es auch gelungen, kinematographische Röntgenaufnahmen zu machen; darunter hat namentlich eine Reihenaufnahme des Magens dem Mediziner neue wichtige Aufschlüsse über die Arbeitsweise dieses Organs gegeben. Mit Hilfe einer solchen Aufnahme hat man auch bei einem Magenkranken den Ort der Störung feststellen können.
Die Kinematographie in natürlichen Farben, dies schwierige Problem, ist neuerdings ebenfalls, wenn nicht vollkommen, so doch in praktisch recht zufriedenstellender Weise gelöst worden. Es harrt noch die stereoskopische Kinematographie der Lösung; sie wird uns dereinst, hoffentlich in nicht zu ferner Zeit, das lebende Lichtbild in greifbarer Plastik vor Augen führen.
Wirtschaftliche Bedeutung des Kinematographen.
Was die Kinematographie heute vorstellt, davon bekommt man einen Begriff, wenn man die Unternehmungen überschaut, die in ihrem Dienste stehen. Da sind zunächst — soviel man schätzen kann — 20000 Kinematographentheater, deren Besucherzahl täglich mehrere Millionen beträgt. Um diese Theater mit Bildmaterial zu versorgen, schaffen in die hundert Fabriken Tag für Tag gegen 500000 Meter Film mit einem Verkaufswert von einer Million Mark. Dazu kommen noch zahlreiche Werke, welche die mechanischen und optischen Bestandteile der Apparate herstellen. Kapitalien von vielen hundert Millionen sind in all den verschiedenen Unternehmungen festgelegt, viel' Hunderttausende finden darin ihr Auskommen. Wenn man bedenkt, daß die Kinematographie vor 15 Jahren als bescheidenes Kind an die Öffentlichkeit trat, so haben wir hier eine Entwicklung vor uns, wie sie wohl selten eine Industrie erlebt.