13. Kapitel: »Priester im Bunde des Satans«

Die Aufregung in der Stadt wuchs von Tag zu Tag. Die gefängliche Einziehung des Spittlmeisters am Dietericher Tor beschäftigte die Würzburger aufs lebhafteste. Jedermann war dem hochgelehrten, treuherzigen Herrn aufrichtig gewogen, jedermann dachte sich ihn ohne Fehl und Arg, und besonders die Kinder vermißten ihren lieben Freund sehr schmerzlich.

»Da haben sie just den Rechten eingefangen,« meinte ein Alter, der unter einer Gruppe von Männern und Frauen vor dem Hauptportale des Domes stand, wo sie eben die Frühmesse gehört hatten.

»So, und warum?« fragte ein anderer heftig entgegen. »Will euch was sagen. Wir haben ein wahres Schandregiment in der Stadt; Gauner, Spitzbuben, fahrendes Gesindel lauft lustig in unseren Gassen umher und treibt, was ihm gefällt; die besten Männer dagegen reißt man des Nachts aus ihren Betten und wirft sie in den Kerker! Ist das nicht eine Schmach? Und es wird nicht besser, bis nicht wir Bürger der Stadt fest zusammentreten und zum Fürstbischofe gehen und ihm sagen: Gnädigster Herr, wir Bürger möchten ein anderes Regiment.«

»Und doch sage ich,« wiederholte der erste, »sie haben am Spittlmeister den Rechten eingefangen. Seht, da glotzt ihr mich an und streckt die Hälse und versteht mich nicht. Ich sage euch, der Spittlmeister mit seinem scharfen Verstande und mit seiner gewaltigen Rede wird den Herren beim Malefizgerichte ein solches Licht aufstecken, daß ihnen die Augen aufgehen.«

»Glaub's nicht; denen geht nicht Herz noch Auge und Verstand auf. Die sind hartgesotten wie wahre Teufel, und solange der Fürstbischof nicht unter die ganze Rotte fährt und sie auseinanderfegt, geht kein Ende mit dem Einfangen und Hinrichten her. Herrgott, ist es jetzt doch schon schier, als sollte unsere Stadt zum Grabe werden! Nirgend mehr Lust und froher Sang, überall finstere, traurige Gesichter; und die Geschäfte erst; alle liegen sie danieder, der Henker ist der einzige, der jetzt guten Verdienst hat, Kreuzsternbombenelement — —«

»Ob du ruhig bist,« herrschte ihn seine Alte an und legte ihm die knochige Hand auf den Mund. »Ich will dir als ehrsamer Bürger fluchen!«

»Frau, halte dein Maul,« gab der zurück und stieß die Hand weg; »du verstehst das gar nicht. Gegen einen richtigen Zorn hilft oft gar nichts als ein tüchtig Scheltwort.«

»Das sagen alle Fuhrknechte und Soldaten,« zürnte die Alte vorwurfsvoll.

Der Aktuarius trat fast demütig grüßend zu den Plaudernden. Er trug ein gewaltiges Aktenbündel unter dem Arme und legte sein langes, hageres Gesicht in gar bedenkliche Miene.

»Besten guten Morgen!« sprach er, nach allen Seiten grüßend. »Schon andächtig gewesen? Schön, schön! Ernste Zeiten jetzt; es tut Gebet wirklich not. Jawohl! Ist nur das Traurigste, daß auch unsere Priester zu wanken beginnen. Und was soll aus dem armen Volke werden, wenn die Geistlichkeit aufhört, dessen Stütze und Richtschnur zu sein?«

»Was könnt Ihr über unsere Priester klagen?« murrte der Alte unzufrieden.

Der Aktuarius deutete mit seinen Spinnenfingern nach den Aktenstücken, die er unter seinem Arme hielt. »Heute wird man mit dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger ins Gericht gehen. Ich sage Euch, das sind ganz schreckliche Zauberer. Und stünden sie allein! Aber man hat bereits an vierzig Priester im Verdachte, daß sie's mit dem Teufel haben.«

Er ließ den Kopf gar wehmutsvoll auf die flache Brust herabsinken, seufzte tief auf und wischte sich über die halbgeschlossenen Augen.

»Das glaub' ich nicht,« schmähte eine Frau, »und wenn es auch klügere und größere Herren sagten, als Ihr seid. Habt Ihr nicht genug daran, daß Ihr die halbe Stadt bereits um Ehre und guten Namen gebracht habt, wollt Ihr nun auch unsere Priester schlecht machen?«

»Euer Unwille ehrt Euch, beste Frau,« sprach der Aktuarius und verdrehte die Augen. »Ihr habt vollständig recht, daß, wenn alles zu Trümmern geht, wenigstens unsere Priester als Wächter des Glaubens unerschütterlich feststehen sollten; wir haben ein heiliges Recht, dies von ihnen zu fordern; allein dies schließt weiter die Möglichkeit nicht aus, daß auch das Salz der Erde schal wird. Spricht man doch von einem Priester, der sich die Hochachtung aller, die ihn kennen, zu erwerben verstand, daß auch seine Rechtgläubigkeit angefangen hat, verdächtig zu werden.«

»So. Und wer wäre dieser Priester?« fragte gereizt ein Bürger.

»Ein Jesuit ist es,« antwortete der Aktuarius und rieb sich die Hände.

»Was nicht gar?« lachte der andere; »wollt Ihr uns nicht am Ende vormachen, der Pater wolle lutherisch werden?«

Der Aktuar sah mit stolzer Überlegenheit seinen Gegner an.

»Was würdet Ihr sagen,« begann er, seiner Stimme einen besonderen Nachdruck verleihend, »wenn ein katholischer Priester, ein Ordensmann, behaupten würde, es gäbe keinen Teufel?«

Er hielt einen Augenblick inne und blickte forschenden Auges auf seine Zuhörer.

»Bedenkt,« fuhr er sehr gelehrt fort, »bedenkt, daß, wer den Teufel leugnet, notwendig — wir Gelehrte sagen logisch — auch unseren Herrgott leugnen muß. Und ist einer einmal dahin gekommen, so bricht aller Glaube zusammen.«

»Ja, ja,« meinte ein alter Bürger, »soweit habt Ihr ganz recht. Es muß einer alles glauben; Stückwerk führt zum Unglauben. So etwas versteht auch ein einfacher Handwerkerverstand. Aber wer ist denn der Jesuit, von dem Ihr da redet?«

»Das ist der Pater Spee!« entgegnete der Aktuarius.

»Oho, Ihr beliebt mit uns zu scherzen, Herr! Wenn Ihr uns doch ein Märchen aufbinden wolltet, hättet Ihr wenigstens den Spee weglassen sollen; der paßt nun einmal gar nicht hinein.«

»Und doch ist es so, wie ich gesagt habe,« gab mit kaltem Stolze der Aktuar zurück. »Ihr sagt, was ihr wollt und wünschet, ich, was ich weiß

Dabei deutete er sehr wichtig tuend auf sein Bündel Akten.

»Es ist bereits so weit, daß sich das Gericht mit dem Pater Spee befassen muß, und es wird am besten sein, wenn man den Pater veranlaßt, Würzburg, je eher je lieber, zu verlassen. Er muß fort,« fuhr er leidenschaftlich werdend weiter, »er ist an all dem Elende schuld, das über unsere Stadt gekommen ist. Der Fürstbischof hat ihm nicht umsonst seine Gnade entzogen; — ein höchst gefährlicher Mann — betet, daß uns Gott von ihm erlöse!«

Leicht grüßend ging er seines Weges weiter und berechnete die Ernte, welche wohl aus dieser Aussaat aufgehen könnte. Und diese war nicht auf ganz unfruchtbaren Boden gefallen. Die Bürgersleute standen gar nachdenklich beieinander, und jeder wog die Zweifel ab, die seine Seele bewegten. Der Pater Spee war ihnen bisher eine höchst ehrwürdige Erscheinung gewesen, der sie mit allem Vertrauen entgegenkamen; eine einzige Rede genügte, um über den Mann einen trüben Schein zu breiten und Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit zu wecken.

»Hätte es mein Lebtag nicht gedacht,« sprach der eine kopfschüttelnd, »daß sogar ein Pater Spee im Glauben verdächtig sein könnte! Hm, was man nicht alles erleben kann.«

»'s ist doch ein wahrer Trost,« meinte ein zweiter, »daß unsere Herren am Gerichte noch auf Strenggläubigkeit halten; um dessentwillen kann man ihnen wieder gar viel verzeihen.«

»Ich glaube es noch nicht ganz fest,« keifte eine Alte, »daß der Spee nicht ganz rechtgläubig ist. Aber ich mag ihn doch nicht mehr recht leiden. Er täte wohl am besten, er ginge fort aus Würzburg. Mit dem Respekt ist es doch zu Ende. Du mein Gott, wenn wir Bürgersfrauen nicht zum rechten Glauben stünden, es wäre zuletzt um unseren Herrgott geschehen. Die richtigen Frommen sind doch immer wir Frauen der Stadt.«

Der Aktuar rieb sich sehr vergnügt die Hände, als er durch die kleinen Scheiblein des Malefizsaales auf die Straße heruntersah. Hatte er doch mit der Lösung seines Versprechens, gegen Spee zu arbeiten, wie er hoffen durfte, mit gutem Erfolge begonnen, und wußte er doch, daß das Volk seiner Zeit nicht weniger wankelmütig sei, als jenes war, das aus einer Kehle »Hosanna« und »Kreuzige« rief.

Der Henker trat in den Saal und ordnete an seinen Marterwerkzeugen herum. Er tat dies mit jener vollen Seelenruhe und Gleichgültigkeit, als wären es Äpfel, die er auf ihren Platz legte.

»Guten Morgen, Herr Aktuarius!« grüßte er. »Die Gestrengen gehen heute frühe ans Tagewerk. Wie ich gehört habe, kommen diesen Morgen die zwei Priester an die Reihe, die im Schneidturme gefangen sitzen.«

»Ganz richtig,« bestätigte mit Amtsmiene der Aktuar; »die zwei Priester und der Student.«

»Das junge Studentenblut könnte mir fast leidtun,« meinte der Henker, die Folterbank prüfend.

Der Aktuar zuckte mit den Achseln. »Mir tut kein Mensch leid, der in unsere Hände fällt.«

Der Henker lachte grinsend. »Hätte es mein Lebtag nicht gemeint, daß ich so vornehme Kundschaft bekäme. Da seht mal den prächtigen Daumenschrauben! Ob der nicht ein ganz kostbares Handwerkszeug ist! Und all die anderen schönen Sächlein! Es ist eine wahre Lust, die eisernen und spitzigen Dinger zu sehen.«

Vom Dome her schlug die Glocke die achte Morgenstunde. Der Henker zog sich zurück, der Aktuarius begab sich an seinen Tisch, und alsbald trat der Gestrenge, begleitet von seinen Räten, in den Saal. Sein Blick begegnete fragend dem des Aktuars, der mit leichtem, bejahendem Kopfnicken antwortete.

»Die Delinquenten!« befahl der Oberschultheiß.

Nikodemus Hirsch, der Chorherr im neuen Münster, und Christophorus Barger, Vikarius an derselben Kirche, wurden den Richtern vorgeführt.

»Ihr Herren seid angeklagt,« begann der Gestrenge, »mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die alte Ammfrau Bernin hat, peinlich gefragt, über euch ausgesagt, ihr hättet nicht wenige Kinder getauft: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, ganz besonders im Namen des Teufels. Die armen Kinder seien dadurch der Macht und Gewalt des bösen Feindes anheimgefallen und somit das schändliche Übel der Zauberei und des Hexenunwesens gerade durch euch in besonderem Grade gefördert und gestärkt worden. Was sagt ihr nun zu solcher Anklage?«

»Daß sie falsch ist.«

»Ich habe diese Antwort erwartet,« entgegnete der Oberschultheiß mit Geringschätzung, »obwohl es Priestern besser anstünde, die Wahrheit zu sagen, als zu lügen. Freilich,« setzte er mit schneidendem Hohne bei, »wer mit dem Teufel in Geschäftsverbindung steht, pflegt sein Gewissen auf keine Goldwage zu legen.«

»Herr,« sprach der Chorherr mit einer vor Entrüstung bebenden Stimme, »was gibt Euch ein Recht, in solcher Weise mit Priestern zu sprechen? Ihr scheint zu verdammen, ehe Ihr gerichtet habt, Ihr sprechet mit voller Gewißheit von dem, was Ihr nicht wißt, noch wissen könnt. Fürwahr, die Flut der Schmach steigt hoch, wenn sie selbst das Priestertum in ihre schmutzigen Wellen hinabzieht, und mit der Schmach steigt auch das Elend, das erdrückend auf uns lastet. Mich decken graue Haare, und lange Zeit ist's her, daß mir der Bischof weihend seine Hände auf den Scheitel legte. Was er mir dort als heilige Pflicht auf meine Seele band, und was ich Gott mit vollem Herzen geschworen, habe ich durch vierzig volle Jahre treu gehalten. Ich bin nicht frei von Sünde, auch meine Seele glitt zuweilen einen Augenblick, denn der Gerechte selbst bleibt nicht frei von jedem Fehl; doch daß ich meinen Eid durch böse Tat verleugnet, daß ich die Treue, die ich Gott gelobt, dem Teufel zugewendet hätte, daß ich das hohe Amt, die pflichtenschwere Würde, die mir Gott gegeben, im Dienste des Satans führte, daß ich die armen Kleinen, die man zur Entsühnung von ererbter Schuld mir gebracht, daß ich der Taufe heiligen Quell auf sie ergösse und sie zu Kindern Gottes machte — statt meiner Pflicht zu walten, dem Teufel weihte: das, Herr, ist ein Wort, so unsagbar abscheulich, daß es nur in der Hölle tiefster Tiefe seine Heimat hat. Und wie für mich, so spreche ich auch mit gleichem Mute, weil mit gleichem Rechte, für die Unschuld meines Freundes, der hier vor euch als Angeklagter steht. Sein Leben liegt gleich einem offenen Buche vor meinen Augen, und was in seiner Seele sich an Sturm und Sonnenschein gefunden hat, wir lebten es gemeinsam: kein Geheimnis liegt fremd zwischen uns, ja selbst der Zweifel, der des einen Geist bewegte, ward in des andern Seele übertragen, daß er dort seine Lösung finde. Ich schwöre es für mich und ihn bei Gottes heiligem Namen und bei unserer Seelen Seligkeit, daß wir keinen Teil an dem Verbrechen haben, dessen man uns zeiht.«

»Und wenn ich Euch nicht glaube?« fragte der Oberschultheiß mit einer Stimme, in der auch nicht eine Spur von Gefühl lag.

»Wer kann Euch dazu zwingen, wenn nicht die Ehre und die Pflicht?« rief Barger mit jugendlichem Feuer. »Wir haben nichts, das wir Euerer Anklage entgegensetzen könnten, als unser Wort und unser reines Gewissen. Das Wort mögt Ihr verachten, dazu habt Ihr Gewalt und einen Schein von Recht. Doch wenn Ihr wagt, mit Euerer Henkershand auch des Gewissens Heiligtum anzutasten, dann wehe Euch! Den Leib mögt Ihr töten, Ihr tragt das Schwert; doch dem Gewissen sprecht nicht Hohn, Ihr schändet sonst den Staat, den Ihr vertretet, die Macht, die Euch verliehen ist!«

»Denkt an die Folter!« mahnte abgewandten Angesichts der Richter.

Der alte Chorherr ließ sein Auge auf den Marterwerkzeugen, die ihm zur Seite lagen, ruhen. »Die Folter,« sprach er, »ist menschlicher Verirrung ärgste Ausgeburt. Seit die Folter in das Buch der richterlichen Weisheit eingeschrieben ist, seit jener Zeit spricht man von Zauberern und Hexen, und jenes Marterwerkzeug, mit dem Ihr einen selbstgeschaffenen Feind besiegen zu können hofft, ist eben jenes Feindes Ursprung. Seid ehrlich, schafft die Folter ab, und Euer Hexenwahn zerfällt in nichts. Es ist ein tiefbeschämendes Schauen, wenn man die Menschheit nach so langem Ringen, ja wenn man die, die unterm Kreuzesschatten stehen, bei dem Wahnwitz einer Folterbank stillstehen sieht, als habe sie damit der Wahrheit und dem Rechte, der Menschenwürde und Gerechtigkeit den sichern Thron erbaut. Ihr Toren, die ihr glaubt, der Satan habe ungehinderte Gewalt über Gottes schönstes Werk, den Menschen; ihr Frevler ohne Glauben, die ihr meint, ein Teil der Menschheit stünde gegen den andern mit dem bösen Geist im Bunde; ihr, die ihr mit euerer Blindheit Gott vom Throne stoßet, ihm das Zepter seiner Macht entreißet und den Teufel damit schmücket; ihr, die ihr keine Ahnung davon habt, wie weit die Gottesmacht steht über Teufelsmacht; ihr, die ihr Hexen schafft, um sie zu töten — geht aus der Welt mit eueren Marterwerkzeugen, nehmt euer peinliches Gesetz und Recht mit euch, und holder Friede kehrt wieder und all der Wahn von Hexentum und Teufelsherrschaft bricht in sich zusammen. Wohlan, mögt ihr vor Gott am Jüngsten Tag so leicht bestehen ob euerer Richtermacht, die ihr jetzt übt, wie hier mein Freund und ich vor Gott bestehen werden vor dem Ewigen der Kinder wegen, die wir in Gottes Namen tauften, und an denen der Satan keinen Teil hat! Ja, wenn die Welt das wäre, was euer Wahnsinn aus ihr macht, wenn selbst der Priester das Sakrament der Entsündigung zum Teufelsdienst mißbrauchte, dann möchte ich selbst vom Himmel Feuer erbeten, daß es die Welt verzehre. Ihr Herren habt noch viel mehr Schiffbruch am Glauben gelitten, als die, welche ihr mit stolzem Sinn und kaltem Herzen auf euere Scheiterhaufen werft. Fangt wieder an, Gott zu erkennen und seiner Macht wie seiner Liebe unbegrenzte Allgewalt, verweist den Teufel dorthin, wohin sein Fluch ihn bindet, in die Hölle, glaubt wieder, was die Kirche lehrt, und nicht, was euch — verzeiht das Wort, es ist das einzig wahre — was euch die Dummheit in die Seele predigt.«

»Ihr seid verstockt; so mögt ihr mit der Folter euch abfinden!« sprach finster der Gestrenge.

»Nein,« entgegnete mit Würde der Chorherr, »nein, Ihr sollt nicht zu der Schmach, die schwer genug schon auf Euch lastet, auch die noch fügen, daß Ihr an den Gesalbten des Herrn Euch vergreift. Wir würden auf der Folter Euch dasselbe sagen, was Ihr als Schwur aus unserem Munde gehört, das Zeugnis unserer Unschuld. Glaubt Ihr dem Schwure des Priesters nicht, so fügt Euch selbst nicht jene Schmach zu, daß Ihr der Folter glaubtet. Könnt Ihr nach dem, was Ihr Gesetze nennt — die Nachwelt wird es als rohe Macht bezeichnen — uns nicht der Freiheit und der Ehre wiedergeben, so laßt uns heute noch sterben. Doch ladet nicht auf Euch den Fluch, die Hand an die Gesalbten Gottes gelegt zu haben. Laßt die Folter!«

»Ihr beharret also fest darauf, daß ihr ohne Schuld seid?«

»Ja!«

»Und seid bereit zu sterben?«

»Jeden Augenblick!«

»Auch ohne den gewohnten Gang des Rechtes?«

»Wo es kein Recht gibt, läßt sich leicht darauf verzichten, des Unrechts Stufengang an sich zu erproben.«

Der Gestrenge sah lange Zeit in tiefem Ernste vor sich nieder. Es lag wie Bitterkeit, wie tiefste Scham auf seinem Antlitze. Aber bald erstarrte jeder Zug zur alten Härte, das graue, stechende Auge blickte mit ungeschwächter, kalter Ruhe nach den Priestern, und ohne Beben sprach der Mund das Urteil.

»Macht euch mit euerem Gott fertig! Der nächste Morgen ist der Abend eueres Lebens.«

Einen Augenblick standen die beiden Priester wie gebannt; dann aber breiteten sie die Arme und umfingen sich.

Der Henker trat herzu, legte seine Hände auf ihre Schultern — sie waren ihm verfallen!

Nach einer kleinen Pause ward auch der Student, den man bereits zu wiederholten Malen dem peinlichen Verhöre unterzogen hatte, vorgerufen. Aus dem frischen, lebensvollen Jünglinge war ein wankender Greis geworden; durchlebt man doch im Kerker in einer Stunde Jahre! Wie immer, so blieb er auch jetzt auf dem Bekenntnisse seiner vollen Unschuld. Und als der Richter sagte, des Studenten außerordentliche Kenntnis vieler Sprachen und seine herrliche Musik seien der deutlichste Beweis seines Bündnisses mit dem Teufel, denn alles dieses sei auf unnatürliche Weise von ihm erworben, da hatte der Jüngling als Antwort nur ein wehmütig mitleidiges Lächeln.

»Laßt mich sterben,« sprach er — »laßt mich sterben gleich der Blume, die des Frühlings Pracht geahnt hat. Ob sie voll den Kelch erschlossen, ob die Sonne sie geküßt, ob der Mond ihr still gelächelt und die Sterne sie beschaut haben; oder ob sie knospend und ungekannt welkte, was liegt daran! Drüben in der wahren Heimat blüht sie neu zu schöner Pracht. Laßt mich sterben!« —

— Der Oberschultheiß stand im Vorzimmer des Fürstbischofs. Ein Heft Akten ruhte in seiner Hand, aber diese zitterte. Ein Zug tiefen Unbehagens strahlte aus seinen Augen. Ein Page saß in einer Ecke und spielte mit dem Lieblingshunde des Fürsten.

»Glaubst du wohl, daß ich noch lange warten muß?« fragte der Gestrenge den Knaben.

»Kann nicht dienen, Gnädiger,« antwortete dieser, ohne übrigens sein Spiel zu unterbrechen. »Euer Gestrengen täten überhaupt besser daran, heute nicht auf einer Audienz zu bestehen, wenn es nicht unbedingt sein muß.«

»Warum?«

»Warum? Seine fürstlichen Gnaden geruhen heute sehr ungnädig zu sein.«

»Sehr unangenehm!«

»Nicht wahr? Ich finde das auch. Um Vergebung, Euer Gestrengen, sind diese Papiere in Eueren Händen Todesurteile?«

»Ja.«

»Hm, ich hätte mir das auch ungefragt denken können. Ich hatte noch nie die Ehre, Euer Gestrengen ohne Todesurteil zu sehen. Das gibt Euch ein ganz schauerliches Ansehen. Ich denke mir, die Leute in der Stadt müßten Euer Gestrengen so sehr fürchten, daß alles in die Häuser läuft und sich versteckt, wenn Ihr über die Straße geht.«

Die Glocke des Fürstbischofs unterbrach des Pagen Gespräch. Der Oberschultheiß ward zur Audienz befohlen, und er trat mit einer tiefen Verbeugung in das Prunkgemach.

»Dringende Angelegenheiten?« fragte der Fürst, an einem Marmortische stehend und den rechten Arm auf dessen Platte stützend.

»Zu dienen, Durchlaucht, sehr dringende Angelegenheiten.«

»Nun, und?«

»Hexenangelegenheiten!«

Der Fürstbischof fuhr ungeduldig auf und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab. Sein sonst so wohlwollendes Antlitz hatte sich in tiefen Unmut gehüllt.

»Immer und immer diese traurigen Hexenprozesse! Wann wird endlich einmal in dieser Sache Ruhe werden?«

»Wann die letzten Hexen ausgerottet sind.«

»Und wann wird das sein?«

»Ich hoffe bald. Sind erst diese gefallen, deren Todesurteil nur der Bestätigung Euerer Durchsucht bedarf, so wird dem Malefizgerichte wenig mehr zu tun übrigbleiben.«

»Und wenn ich nicht unterzeichne?«

Der Oberschultheiß zog die Achseln in die Höhe. »Durchlaucht möchten sich wohl zuletzt doch dazu gezwungen sehen, die Urteile zu unterzeichnen.«

»Gezwungen?« rief der Fürst voll Erstaunen. »Und von wem gezwungen?«

»Von den Verhältnissen und von dem Volke. Gerade die Hexen und Zauberer, deren Akten ich Euerer Durchlaucht unterbreite, sind von einer so ausgeprägten Bosheit, daß jede Stunde Verzug neue Gefahr bringt.«

»Aber Spee sagt, alle jene, die in Euerem Kerker liegen, seien keine Hexen.«

»Durchlaucht, der Jesuit führt mit seiner irrigen Meinung eine solche Verwirrung und Aufregung der Gemüter herbei, daß ihm entweder Stillschweigen geboten werden muß, oder ich sehe mich gezwungen, mein Amt zu dero Füßen niederzulegen.«

»Spee wird nicht schweigen; seine Seele glüht für das, was er als Recht und Wahrheit erkannt hat.«

»Dann muß er aus der Stadt!«

»Oberschultheiß, ich sage, was geschehen muß, und sonst niemand! Wohl verstanden!«

»Zu Befehl, Durchlaucht! Nur bitte ich, mich gnädigst aller Verantwortung zu entheben, wenn das Volk in seiner Aufregung die Grenzen des Erlaubten überschreitet.«

»Was meint man damit?«

»Aufruhr, Durchlaucht.«

Der Fürst sah nachdenklich vor sich nieder.

»Ist das Wahrheit, was Er mir sagt?«

»Volle Wahrheit!«

»Die Akten!« befahl der Fürstbischof, trat an einen Tisch und durchlas die Berichte. Sie waren ganz im Geiste des Hexenwahns abgefaßt, jeder tolle Verdacht als Wahrheit hingestellt und Beweise von Schuld angeführt, die wahrlich nicht existierten.

»Ich kann mich nicht überzeugen,« sprach Philipp Adolf.

»Ich bürge für die Wahrheit,« entgegnete der Oberschultheiß.

»Mit Euerem Gewissen?«

»Mit meiner Seligkeit!«

Der Fürstbischof schritt zum Tische; mit zitternder Hand schrieb er seinen Namen unter das Todesurteil der alten Bernin, der armen Kinder, der beiden Priester, des Studenten, der Gauner von Heidingsfeld und unter das von — Elsa und Edeltraut.

Triumphierend verließ der Oberschultheiß den Fürsten, dieser aber brach auf einem Stuhle zusammen und weinte bitterlich.


14. Kapitel: Blutiges Morgenrot

Im Hofe des Schneidturmes herrschte noch am selben Abende, da der Oberschultheiß mit den Todesurteilen vom Fürstbischofe geschieden war, ein hastendes, geräuschvolles Leben. Der Henker stellte in einen Winkel einen Block zurecht, der überreiche Blutflecken an sich trug; dann brachte er aus einer Gewölbekammer zwei sargähnliche Truhen, die ebenfalls schon Spuren häufigen Gebrauches zeigten; an den Block lehnte er sein langes Richtschwert, nachdem er es zuvor noch ein paarmal prüfend in der Luft geschwungen hatte.

Der alte Kerkermeister stand etwas abseits und sah den Vorbereitungen des Henkers mit trübem Auge zu.

»Um neun Uhr, Alter?« rief der Henker.

Der Angeredete nickte stumm mit dem zitternden Haupte und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Morgen wird es heiß hergehen,« fuhr der Henker fort; »so viele auf einmal sind noch nie von mir zur Richtstätte geführt worden. Sind ja an die Dreißig, die verbrannt werden!«

»Und alle unschuldig!« setzte der Kerkermeister mit einer vor Erregung zitternden Stimme bei.

»Oho, Alter, das Heidingsfelder Gaunervolk wird doch nicht unschuldig sein!« lachte der Henker.

»Insoweit sie der Zauberei angeklagt sind, sind auch sie ohne Schuld.«

»Schau, Alter, das gilt mir ganz gleich. Ich frage nicht, warum, ich frage nicht, ob schuldig oder unschuldig; schenkt mir das Gericht einen Missetäter, so tue ich mein Amt, und damit Punktum!«

Der Kerkermeister schüttelte den Kopf.

»Mir geht das Ding tiefer zu Herzen als dir. Ich habe meinen Dienst gekündigt. Morgen gehe ich.«

Der Henker blickte verwundert auf.

»Du bist wohl nicht bei Trost, daß du von deinem guten Brote laufst, und gar jetzt noch in deinen alten Tagen.«

»Gutes Brot!« rief der Kerkermeister mit bitterem Lachen. »Gutes Brot, an dem das Blut der Unschuldigen klebt! Nein, lieber sterbe ich Hungers, als daß ich noch länger in diesem Schanddienste bleibe.«

»Und wohin gehst du?«

»Fort, weit fort aus dem würzburgischen Lande. 's ist ein Schmachland geworden!«

Vom Toreingange her tönte ein Glöckchen. Pater Spee trat, die heilige Wegzehrung tragend, von einem dienenden Knaben begleitet, in den Hof. Der Kerkermeister warf einen Blick tiefen Schmerzes nach dem Jesuiten und schritt ihm dann voraus, um ihm das Gefängnis des Chorherrn und des Vikars zu öffnen. Dort waltete nun der Pater seines erhabenen Amtes und bereitete zwei Seelen zum Gange in die Ewigkeit. —

Es schlug vom Neumünster her die neunte Abendstunde, und die übrigen Glocken der Stadt fielen ein. Dann läuteten sie von allen Türmen das Ave; aber es klang heute so wehmütig und freudearm, als klagten all die Glocken tiefes Leid zum Himmel.

Aus einer Türe des Turmes trat ein stillernster Zug. Voran ging der Kerkermeister, ihm folgte Spee, begleitet von dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger. Die drei Priester beteten mit lauter Stimme den Psalm Miserere. Ihr Antlitz war ruhig, und eine himmlische Ergebung lag darüber ausgegossen.

Der Henker ließ, auf sein Schwert gestützt, den Zug an sich herankommen. Als die Priester neben dem Blocke standen, trat er an sie heran, reichte jedem die Hand und sprach: »Verzeiht dem Henker, wenn er an euch seines Amtes waltet!«

»Du bist ein braver Mann,« sprach Nikodemus Hirsch, jenem die Hand drückend. »Wir scheiden in Liebe und Frieden.«

Und nun knieten die Priester vor Pater Spee nieder. Ihre gefalteten Hände zitterten, die Häupter waren tief zur Erde gebeugt. Mit bebenden Lippen beteten sie nochmals das Confiteor. Jedes Wort des demütigen Gebetes war von Glaube und Ergebung durchglüht.

Spee breitete seine Hände segnend über sie. »Misereatur vestri omnipotens Deus — — —«

Und nun erhoben sie sich.

»Wir sterben unschuldig und ohne Groll im Herzen. Pater Spee, Gott möge Euere Liebe Euch vergelten! Auf Wiedersehn im Paradies!«

Ein langer, heißer Kuß aufs Kreuz — ein Blick voll Sehnsuchtsglut nach oben — ein im Mondlicht aufblitzender Schwertstreich, und nun noch einer — rings am Boden heißes, dampfendes Blut, und in ihm zwei Leichen! —

Der Henker legte die entseelten Körper der Priester in die Truhen. Es war das erstemal in seinem Leben, daß ihm Hand und Herz bebten und eine Träne in seinem Auge stand. Spee besprengte die Leichen mit geweihtem Wasser und betete das De profundis. Dann hoben zwei Knechte die Truhen auf einen Wagen, und nun ging es in langsamem, traurigem Zuge hinaus durch die Stadt nach dem Richtplatze, wo bereits ein großer Scheiterhaufen errichtet war. Auf diesen wurden die Leichen gelegt und dann das Holz angezündet. Bald züngelten die Flammen hinauf und hüllten alles in Feuer und Rauch.

Blutrot sah der Mond vom nächtigen Himmel zur Erde nieder, verhängnisvoll leuchtete des Scheiterhaufens Flamme von der Anhöhe hinab in die Stadt, und alle, welche die züngelnde Lohe und den schwarzqualmenden Dampf, der wie eine dunkle Säule zum Himmel aufstieg, sahen, beteten ein stilles, schmerzliches Gebet für die Gerichteten.

Und als es Mitternacht war, da erloschen die Flammen, und nur ein Häuflein Glut leuchtete noch durch die Nacht. Und als auch dieses erstarb, war es Morgen geworden — der Morgen eines schrecklichen Tages.

Der Tod der beiden Priester durchlief wie eine Schauermäre am frühen Tage die ganze Stadt. Allenthalben stieß man auf ängstlich flüsternde Gruppen und Mienen voll Trauer und Gram. Besonders aber unter der Geistlichkeit war der Schmerz ein ebenso großer als gerechter; denn die beiden hingerichteten Mitbrüder hatten als fromme und liebenswürdige Männer die Hochachtung und aufrichtige Verehrung aller genossen. Man begriff sehr wohl, daß die geheime Hinrichtung weniger eine Rücksicht auf den Stand der armen Priester, als eine Tat der Vorsicht war, da die öffentliche Enthauptung und Verbrennung von Geistlichen leicht zu schlimmen Volksauftritten, mochten sie sich nun gegen die weltliche Obrigkeit oder gar gegen den Priesterstand richten, hätte führen können.

Weniger, ja gar keine Rücksichten glaubte man dagegen bei der Urteilsvollstreckung an den übrigen Gefangenen hegen zu müssen. Im Gegenteile. Der Tag und die Stunde der Massenhinrichtung ward mit Absichtlichkeit in Würzburg bekannt gemacht. Es sollte möglichst viel Volk Zeuge des schrecklichen Schauspieles sein, und zugleich sollte der Menge durch Entfaltung aller richterlichen Macht neuerdings tiefste Ehrfurcht vor dem Malefizgerichte beigebracht und der teilweise bereits wankend gewordene Glaube an Hexen und Zauberer neu bestärkt werden.

Es war ein trüber Morgen, der über der Stadt brütete. Der Himmel war von fliegendem Gewölke umzogen, das sich zuletzt zu dunkeln Massen anstaute und regenschwer über Würzburg hing. Das Licht des wachsenden Tages war dämmerig, die Luft feucht und kalt, und stoßweise fegte ein brausender Westwind durch die Gassen.

Die Kirchentüren standen schon am frühesten Morgen weit offen, und die heiligen Räume waren unablässig von Betenden gefüllt, welche einem frommen Gebrauche gemäß vor dem hochwürdigsten Gute für jene zu Gott flehten, welche heute dem Tode durch den Henker verfallen sollten.

Immer dichtere Menschenmassen wogten nach der Gegend des Schneidturmes hin und drängten sich dort um das alte, finstere Gebäude. Kein froher Scherz, kein heiteres Lachen tönte aus der Menge heraus; allenthalben war Trauer und aufrichtiger Schmerz sichtbar, und über viele Wangen perlten Tränen, von tiefem Mitleide mit den armen Opfern geweint.

Es mochte die achte Morgenstunde sein, als der Oberschultheiß, begleitet von zwei Bütteln, am Schneidturme erschien. Er hatte seine volle Amtstracht angetan und schritt mit unvergleichlichem Stolze durch die drängende Menge.

»Platz gemacht!« rief er einigen Bürgern zu, die ihm den Weg versperrten.

Murrend traten diese auseinander.

»Der Oberhenker!« brummte ein Grobschmied. — »Herrgott, der wenn ein Stück Eisen wäre und ich hätte ihn auf meinem Ambos!«

Kein Mensch grüßte den Gestrengen. Überall, wohin er blickte, begegnete er finsteren, feindseligen Mienen. Er atmete hoch auf, als er unter den Torbogen des Schneidturmes trat und dort vom Aktuarius mit einem tiefen Bücklinge empfangen wurde.

»Das Volk scheint mir eine etwas bedenkliche Haltung anzunehmen,« sprach der Oberschultheiß in leisem Tone zum Aktuarius und ließ sein Auge langsam und prüfend über die Menge gleiten.

»Ah bah! sie schauen finster,« antwortete dieser verächtlich. »Das ist auch alles, wozu sich der Witz und Mut dieser Leute aufzuschwingen vermag. Lassen wir ihnen das wohlfeile und unschädliche Vergnügen!«

»Und doch möchte ich die Sache ernster nehmen als Ihr. Es sind noch zwei Stunden bis zur Hinrichtung, Zeit genug, daß das Volk aus finsterem Brüten zu lauter Auflehnung übergehen könnte. Ich beauftrage Euch daher, ein wachsames Auge auf die Leute zu haben, und sobald Ihr etwas Verdächtiges bemerkt, mir sogleich Mitteilung zu machen.«

Nach diesen Worten trat er in des Kerkermeisters Stube.

»Sind alle Gefangenen, die ich bezeichnete, im untern Saale versammelt?«

»Ja, Euer Gestrengen,« antwortete abgewandten Gesichtes der Alte.

»Ihr habt uns ja den Dienst gekündet?«

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil ich nicht Mördern dienen will!«

»Alter, ich warne Euch!«

»Und ich danke Euch nicht darum.«

»Aber wovon wollt Ihr in Eueren alten Tagen leben?«

»Von der Schande gewiß nicht!«

»Ihr seid ein mürrischer Kopf!«

»Aber ehrlich, Herr!«

»Vorwärts!«

— In einem niederen, mit Quadern belegten Saale waren die vorgerufenen Delinquenten versammelt. — Nur die armen Kinder hofften, man werde sie nun endlich einmal ihren Eltern wiedergeben, die Erwachsenen ahnten nur zu sehr, warum man sie hieher berufen.

Der Oberschultheiß trat ein, gefolgt vom Kerkermeister, der einen Stab trug. Er räusperte sich und las:

»Auf unseres durchlauchtigsten, gnädigsten Fürsten Befehl wird zu Recht erkannt, daß sämtliche hier anwesende Kinder ohne Ausnahme, dann die Jungfrauen Elsa Gering und Edeltraut Göbel, der Studiosus Heinrich und die Ammfrau Bernin wegen Bündnisses mit dem Teufel, ferner der Zuckerwastl, der Pappenheimer, der Neunaugen und die Streunerin Helena wegen eines Mordes und dringenden Verdachtes höchst verwerflicher Zauberei und Hexengemeinschaft zu der gewöhnlichen Richtstatt geführt und allda die Kinder an der Säule durch den Nachrichter vom Leben zum Tode stranguliert, auch alsbald die Körper mit dem Feuer zu Pulver verbrannt werden, die Erwachsenen aber bei lebendigem Leibe dem Scheiterhaufen übergeben werden sollen.«

Bei den letzten Worten nahm er den Stab aus des Kerkermeisters Händen, brach ihn entzwei, warf ihn den Verurteilten vor die Füße und verließ eiligst den Saal.

Warum fliehst du, der du dich Wächter des Gesetzes nennst, warum fliehst du und schaust nicht den Jammer, der deinen Worten folgt? Fehlt dir der Mut, die Klagen anzuhören, die steinerweichend über Kinderlippen fließen? Willst du nicht die Tränen sehen, die über edler Mädchen Wangen perlen, nicht sehen, wie der Schmerz ihre Augen erstarren macht und ihre Lippen bleicht? Und willst du nicht sehen den Jüngling, der sein Haupt dort an die Mauer lehnt und dessen Zunge des Fieberwahnsinns Sprache redet? Hast du nicht so viel Mut, das hoffnungsreiche Leben mit kaltem Auge anzuschauen, das du mit deinem Narrenrechte in den Staub getreten hast? Du hast wohl Furcht vor giftigen Blicken und jenen wilden Flüchen, die über heiße Gaunerlippen rollen und die zu Tod und Hölle dich tausendmal verwünschen? Du hast ja deine Pflicht getan, gestrenger Richter — nun — nun kannst du auch getrost dem Leid den Rücken wenden!

— Der Student lehnte noch immer an der Mauer, sein glühendes Haupt an den feuchten Steinen kühlend. Sein Denken war zerrissen, wie sein Herz zerfleischt in seinem Leibe blutete. Wilde, wirre Phantasien jagten durch sein brennendes Gehirn, und wieder war's, als griffen Engel in der wunden Seele Saiten und sängen drin die herrlichsten Akkorde.

Edeltraut war neben ihn getreten. Aus ihrem Auge strahlte die Sonne der Liebe.

»Heinrich!«

»Wer ruft mich?« fragte mit hohler Stimme der Student.

»'s ist die Edeltraut!«

Der Jüngling wandte sich rasch um.

»O Edeltraut, meine Edeltraut!« rief er, die Arme ausbreitend. »Du, Engel, bist wohl aus des Himmels Höhen herniedergestiegen, um meine Seele mit dir fortzunehmen! Nimm mich fort auf deinen reinen Schwingen, o bitte, bitte!«

Er sank zum Boden nieder und hob die Hände flehend auf.

»Hör' mein Leid! Ich trug einst ein reiches Hoffen in meiner Seele, dem Frühling gleich, der tausend Knospen schwellt. Es war so wundersüß! Ich hoffte, dich, reine Blume, an dieses Herz zu legen und dort so treu und warm zu betten. Die Hoffnung wuchs zur Seligkeit, da ich aus deinen Augen meiner Wünsche Himmel leuchten sah. Nie sprachst du ein Wort der Liebe zu mir — es war ja besser, edler so. Wozu das Wort auch, wenn die Herzen ihre reiche Sprache reden! Da kam ein wilder Sturm verheerend über meine Hoffnung und brach die Knospen, und all mein Hoffen fiel wie welkes Laub vom Baume. Rings starrt der Tod, und da — da, Edeltraut, am Morgen fange langsam auch ich zu sterben an. Noch bin ich nicht zu Ende mit dem Sterben, ein winzig Teilchen Leben kämpft noch mit dem Tode. Der Kampf wird bald zu Ende sein, die junge Sonne geht zur Rüste — Abend wird's — dann tiefe Nacht im Grab!«

»Wir sterben miteinander!« schluchzte Edeltraut.

»Du? du mit mir?« stammelte Heinrich, und aus seinen stieren Augen dämmerte der neu erwachende Wahnsinn.

»Am Scheiterhaufen!«

Der Jüngling schüttelte das Haupt. »Das begreife ich nicht, daß Engel sterben.«

»Sie haben mich als Hexe zum Feuertode verdammt.«

Des Jünglings Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, seinem Munde entströmte glühender Atem. »Dich, dich,« rief er, »nennen sie eine Hexe! Ja, ja, ich fühl' es, die Welt dreht sich im wirren Wahnsinnswirbel, nur ich allein bin frischen, heilen Geistes. Du, eine Hexe — haha ha —«

Er stieß ein gräßliches Lachen aus. Dann hielt er seine Hand vor die Lippen und flüsterte: »Sei klug, mein Kind, und breite deine Schwingen und flieh hinauf hoch über alle Sterne! O flieh, flieh, die Erde ist so voll des Schmutzes und der Schande, daß sie nicht Lilien auf ihrem Boden tragen kann.«

»Ich kann nicht fliehen, teurer Heinrich; und könnte ich auch, ich möchte nicht. Ich sterbe gerne, sterbe ich doch mit dir. Gott wird uns gnädig seinen Himmel öffnen und dort in seiner Liebe unsere Liebe segnen. Leb' wohl, mein Freund, auf Wiedersehen im Jenseits!«

Sie reichte ihm die beiden Hände. Der Jüngling ergriff sie mit Inbrunst und ließ seine glühende Stirne aus ihnen ruhen. »Leb' wohl, mein Herz, mein Lieben und mein Hoffen; du Blume Gottes, lebe wohl! — — Du scheidest, wie der Tag, der tief in Feuergluten seine letzte Stunde hüllt, um dann als schönerer Morgen der Erde tauige Tränen aufzuküssen! — — Leb' wohl — ich sterbe gerne, freudig des Lebens letzten Rest, — auf Wiedersehen bei Gott!«

Edeltraut entzog ihm leise ihre Hände. Er schien es kaum zu fühlen. Gleich einem Marmorbilde kniete er, das Haupt geneigt, und seine Seele trank Entzücken.

— — Die dem Tode Geweihten wurden von dem Kerkermeister nach ihren Gefängnissen zurückgebracht. Als Edeltraut und Elsa in ihren Kerker traten, fanden sie dort Pater Spee.

»Ich bringe euch den Leib des Herrn,« sprach er, auf das Kreuz an seiner Brust zeigend, in dessen Mitte sich das Heiligste befand.

»O, Gott ist gut, unsäglich gut mit uns,« rief Elsa und sank anbetend auf die Knie.

»Nun, Kinder, reinigt euere Seelen von jedem Makel durch das Beichtgericht. Hat auch der Erde Verderben keinen Teil an euch, so denkt, daß auch der Reinste nicht vor Gott besteht, wenn sein Erbarmen nicht den letzten Hauch der Sünde von uns nimmt!«

— — — »Ich arme Sünderin« — — —

»Gott sei mit dir, — mit euch! Mit euch sein Friede!« sprach der Priester und reichte beiden Mädchen den Leib des Herrn.

— »Nun laßt den letzten Schmerz ums Irdische vernarben, ihr traget Gott in euch; noch eine Stunde, eine lange, lange, und ihr schaut den in seiner Herrlichkeit, der in des Brotes demutsvoller Hülle euch im Kerker zum reinsten Troste geworden! Zaget nicht, zittert nicht, ihr lieben, reinen Tauben! Zum Himmel auf geht euer Flug, zum Schauen euer Glauben!« —

Pater Spee hatte auch die übrigen Kerker besucht, um überall den gleichen Himmelstrost zu spenden; doch ward derselbe nicht von allen gerne angenommen. — Der Student zeigte sich innigst dankbar für den Empfang dieser Gottesgnade, auch der Zuckerwastl nahm den Pater freundlich auf. Die übrigen aber wiesen ihn mit unbeugsamem Trotze von sich. Gott habe sich nie um sie bekümmert, meinte Helena; nun wolle sie auch nichts von ihm wissen und trage gar keine Sehnsucht nach ihm; es sei ihr ganz gleichgültig, ob sie zum Teufel fahre oder nicht; sie finde dort jedenfalls bessere und vornehmere Gesellschaft, als sie je auf Erden gehabt.

Auch der Neunaugen ließ sich nicht aus seinem blöden Brüten aufrütteln, während der Pappenheimer die ganze Laune seines Spottes über Gott, Glaube und Priestertum ausgoß. Wenn ihm der Pater Spee denn doch noch einen Gefallen erweisen wolle, so möge er sich von ihm den Hals umdrehen lassen, denn er hoffe sicherlich, die beste Aufnahme in der Hölle zu finden, wenn er erst einen Jesuiten geschunden habe.

Spees Herz blutete ob der hartgesottenen Verstocktheit dieser armen Menschen, die mit vollem Bedachte einem zweifachen Tode entgegengingen. Alle seine innige Liebe blieb unverstanden, all sein flehendes Bitten unerhört, alle Hinweisungen auf einen barmherzigen wie auch einen gerechten Gott fanden nur eine höhnende Antwort.

Herzzerreißend war der Kinder Jammer und Klage, als Spee auch bei ihnen eintrat. Es bedurfte langer Zeit, ehe ihn sein eigener Schmerz jene Worte der tröstenden Liebe sprechen ließ, von denen seine Lippen sonst so herrlich überflossen.

»Kinder, ihr kommt zu Gott!« das war der beste Trost, den der Priester den jungen Seelen geben konnte. Und endlich kam auch in die Kinderherzen stille Ergebung; wohl mag auch des Schmerzes lange ertragenes Übermaß die zarten Seelen ermüdet haben, so daß sie, wenn auch stille weinend, doch gottergeben zu des Priesters Füßen von ihrer Himmelsheimat sich süße Worte sagen ließen.

Edeltraut und Elsa hatten, ehe sie dem Tode verfielen, noch eine schmerzenschwere Viertelstunde zu bestehen. Beide Mädchen lagen betend auf den Knien, als deren Väter zu ihnen in den Kerker traten. Edeltraut warf sich mit dem ganzen Ungestüm ihrer hocherregten Seele in ihres zitternden Vaters Arme und schluchzte, als wollte ihr das Leid das arme Herz abstoßen.

»O Vater, Vater!« stöhnte sie, das Haupt an seine Brust bergend, »o bete, daß mich Gott an deinem Herzen sterben läßt. O diese eine — eine Gnade soll mir Gott erzeigen! Ich will ja gern mein junges Leben sterben lassen, und alles, was ich hoffte — liebte, mit mir zu Grabe tragen, aber lebend von den Flammen aufgefressen werden — an jedem Gliede tausend Todesqualen leidend — dieser Gedanke ist so unfaßbar gräßlich, daß mir das arme, von Leiden totgehetzte Herz im Leib erstarrt!«

»Ich kann dir, armes, teures Kind,« sprach mit tränenerstickter Stimme der alte Göbel, »keinen Trost geben als Gottes reiches Erbarmen. Es wird deine Leiden kürzen, Edeltraut, und deine reine Seele wird der weißen Taube gleich sich zu den Himmeln schwingen. Mein Kind, ich bin so eigen ruhig gestimmt. Ich weiß, daß du mir stirbst und mit dir meines Lebens höchste, letzte Freude welk zur Erde fällt, und dennoch klage ich nicht. Ich fühle es an meiner Herzensuhr; sie schlägt die letzten Viertelstunden; dann bricht auch dieses morsche Räderwerk in Stücke, und bald folge ich durch des Todes Pforte dir zu einem schöneren Leben.«

— Elsa hing lange Zeit an ihres Vaters Hals und tauschte mit ihm der scheidenden Liebe heißen Kuß. Dann aber entwand sie sich seiner Umarmung und kniete nieder. »Nun deinen Segen, teuerer Vater! Mit ihm will ich hinübergehen zu meinem Gotte. Ist doch der Elternsegen des Kindes herrlichster Geleitsbrief, wenn es vor Gott erscheint. Und nun noch meines ganzen großen, treuen Herzens vollen Dank für deine Vaterliebe. Sie war mein Licht, mein Trost und meine reinste Freude in der Nacht des Lebens. Du warst so innig gut mit deiner armen blinden Elsa, und was dein reiches Herz an Liebe an sich trug, war mein schönster Reichtum. Ich gehe zu Gott — ich sage es mit Seligkeit! — Ist auch die Pforte grauenvoll und begleitet tiefstes Weh den letzten Lebensschritt, so kennt doch meine Seele keine Furcht. Ich gehe zu Gott, und wenn ich dort den ersten Blick ins tiefe Meer der Gottesliebe schaue, dann, Vater, wird deine Elsa betend sprechen: »O guter, großer, lieber Gott, mir lebt auf Erden einsam trauernd ein treues Vaterherz. Tröste und segne es und gib ihm aus dem Schatze deiner Liebe reichen Lohn für all das Gute, das seine Hand an mir tat.« — Und also will ich beten, bis der Tag gekommen, an dem ich mit lautem Jubel drüben an der Schwelle des Himmels dich begrüßen kann. Dann, Vater, dann hat alles Leid ein Ende und jede Träne wird zur Seligkeit! Noch einen Kuß, ein Kreuz von deiner Hand auf meine Stirne, dann sage deinem Kinde gute Nacht — auf Wiedersehen!«

Die Zeit der Hinrichtung war gekommen. Sämtliche zum Tode Verurteilten waren in Totenhemden gekleidet und bestiegen die für sie bereitgehaltenen Wagen.

Pater Spee saß auf dem ersten derselben inmitten der armen Kinder, die weinend und schluchzend sich um ihn drängten. Auf einem zweiten befanden sich Elsa und Edeltraut, wieder auf einem andern die alte Ammfrau Bernin und der Student, beide von der Nacht des Wahnsinns umschattet, und endlich auf dem letzten der Pappenheimer, der Zuckerwastl, der Neunaugen und Helena. Der Zug hatte sich in dem großen Hofraume des Gefängnisses geordnet und bewegte sich nun durch das enge, finstere Tor hinaus aus die Gasse. Ein Fähnlein Landsknechte eröffnete denselben. Die langgezogenen Töne einer Trompete schnitten durch Mark und Bein. Darauf folgte hoch zu Roß der Oberschultheiß, das Todesurteil zusammengerollt in seiner Linken, indes die Rechte die Zügel hielt. Hinter ihm gingen Schergen und der Henker, und diesen folgten die einzelnen Wagen mit den Verurteilten. An den letzten schlossen sich die Mitglieder der Armenseelenbruderschaft betend an. Zu beiden Seiten schritten enggeschlossen Stadtsoldaten mit gezückten Schwertern.

Erst war es tiefstille, als der Zug ins Freie kam, als wäre jeder Laut erstarrt, bald aber brach ein lautes Schluchzen aus, das immer mehr zur herzzermalmenden Klage anschwoll, und dem sich das neugeweckte Weinen der Kinder anschloß. Es war, als zitterten nicht nur alle Menschenherzen vor Leid und Gram, sondern als zöge auch ein geisterhafter Wehruf durch die Luft und hallte von den Häusern wider. Ein leiser Regen fiel hernieder, es waren Tränen des Himmels!

Kein Auge blieb trocken, auch die Wangen der härtesten Männer netzte des Schmerzes bitteres Naß. Nur der Oberschultheiß überschaute mit kaltem Blicke, dem kein Mitgefühl innewohnte, die drängende, klagende Menge. An der Ecke der Domstraße staute sich der Zug. Dort stand, in sich versunken, der alte Bildschnitzer Meister Gothard an die Mauer gelehnt. Des Greises graues Haar hing wirr um die faltenschwere Stirne, und aus den Augen brannte ungesöhnter Haß.

Als der Zug, sich langsam vorwärts wälzend, um die Ecke bog, da trat der Bildschnitzer vor, fest, mit ruhigem, sicherem Schritte, ging auf den Oberschultheiß zu, hielt die Zügel von dessen Pferd an und rief mit lauter Stimme: »Bluthund von einem Menschen, sei verflucht! Dich, aller Henker schlechtesten, sollen die Teufel ewig quälen, und schon auf Erden soll deine Seele keine Ruhe finden! Gleich giftigen Schlangen sei dir dein Gewissen, ein jeder Bissen, den du issest, wandle sich in Unrat, und jeder Tropfen Wassers, den du auf deine Zunge bringst, schmecke nach Menschenblut! Wachend soll dich aller Menschenhaß verfolgen, und deine Träume sollen dir die Teufel malen. Und wenn du stirbst, soll kein Priester dir zur Seite stehen, und bist du tot, kein Kreuz die Stätte zeichnen, wo dein elendes Herz verfault. Geh' hin, du Satan, geh' und morde deine Opfer, geh', und sei verflucht!«

Sprach's und trat zurück unter die Menge, die einen schützenden Wall um ihn schloß. Der Oberschultheiß saß weiß wie eine Leiche und starr vor Schrecken auf seinem Rosse, den Blick zu Boden geschlagen.

In demselben Augenblicke stürzte ein junges Weib händeringend und mit aufgelösten Haaren durch die Soldaten nach dem Wagen, auf welchem die Kleinen saßen, und rief mit einer Stimme, wie sie nur dem höchsten Mutterschmerz eigen ist: »Mein Kind, mein Kind, o gebt mein Kind mir wieder!«

Dabei klammerte sie sich mit der Macht der Verzweiflung an den Wagen, da die Soldaten den Versuch machten, sie loszureißen und fortzuführen. Plötzlich verließ die Ärmste alle Kraft, sie brach zwischen den Rädern zusammen, die Pferde zogen zu gleicher Zeit den Wagen an, — er ging der Mutter übers Herz. Sterbend hob man sie vom Boden auf, sie warf noch einen Blick nach ihrem Kinde, flüsterte dessen Namen und schloß das brechende Auge für ewig! — —

»Vorwärts!« herrschte der Gestrenge in höchster Erregung und trieb den Zug zur Eile an. Fürchtete er doch, es möchte sich das Volk zuletzt in Masse auf die Wagen stürzen und die Gefangenen befreien. Und fürchtete er wohl nicht auch für sein Leben, das dem Fluche verfallen war?

Endlich langte der Zug auf der Richtstätte an. Die Kinder wurden von starker Henkershand vom Wagen gerissen, unter den Galgen gebracht, jedem eine Schlinge um den Hals gelegt, ein Zug am Stricke — und — —

— — Die Feder will den Dienst versagen! —

Inmitten des großen Planes waren fünf Scheiterhaufen aufgerichtet, mächtig groß. Aus jedem ragte ein starker Pfahl empor. Die zum Tode Verurteilten wurden auf die einzelnen Scheiterhaufen geführt, auf denen sie enden sollten.

Pater Spee ging noch zu einem jeden, reichte das Kreuz zum Kusse und segnete alle mit der ganzen Inbrunst seiner heiligen Liebe.

»Mut, Mut, liebe Kinder,« sprach er, »Gott ist euch nahe; euere Unschuld —«

Der Oberschultheiß trat glühend vor Zorn auf den Pater zu.

»Ein Wort noch wenn Ihr von Unschuld redet, lasse ich Euch gefänglich abführen!«

»Sie sind unschuldig,« sprach mit ruhiger, fester Stimme Spee und trat von den Gefangenen zurück.

Die Opfer bestiegen die einzelnen Scheiterhaufen.

»Laßt mich mit Elsa sterben!« flehte Edeltraut den Henker an.

Dieser nickte Gewährung, half den beiden Mädchen auf einen gemeinsamen Holzstoß und band sie darauf an den Armen und Füßen um den Pfahl fest.

Und nun ward Feuer an die einzelnen Scheiterhaufen gelegt. Das Reisig, das zwischen den großen Holzstücken lag, loderte knisternd auf, und bald züngelte die Flamme um die Füße der armen Opfer. Die Rauchwolken ringelten sich erst in Wirbeln auf, dann wuchsen sie zur mächtigen Säule, deren schwarze, qualmende Wolken von den roten Flammen schauerlich durchzogen waren.

Ein leiser Aufschrei und ein Seufzer, namenlos wehklagend, drang zitternd durch die Luft.

»Elsa — Edeltraut!« riefen zwei Väter schmerzlich aus — und wankten zu dem Scheiterhaufen.

»Edeltraut... Geduld, mein Kind... ich komme ... nur noch... ein paar müde... letzte Herzensschläge ... o Gott ... sei gnädig ... Amen!«

Tot sank er nieder! Sein Herz war gebrochen, seine Seele flog mit der seines Kindes gegen Himmel.

Der alte Gering stürzte in stummem Schmerze über der Leiche seines Freundes zusammen. Der Gram hatte ihn zwar nicht getötet, aber die Kräfte seiner Seele wie seines Leibes waren gelähmt.


Nacht ist's, dunkle, finstere Nacht.

Das Feuer der Scheiterhaufen ist erloschen, fünf Häuflein Asche kennzeichnen den Platz, an dem menschlicher Wahnwitz »im Namen des Gesetzes« zum ewig verächtlichen Mörder geworden war.

Rings tiefe Stille! Zuweilen schreit ein Käuzlein, und Raben krächzen um den Galgen, an welchem die Kinder hängen, und unter dem zwei Henkersknechte finster brütend sitzen.

»Hat es noch nicht die zwölfte Stunde der Nacht geschlagen?«

»Ja.«

»So schneide die Kinder ab und wirf ihre Leichen dort auf den frischen Scheiterhaufen. Die Nacht ist kalt und schwarz, frisch vorwärts, daß der Haufen brennt, mich friert an Leib und Seele!«

Und bald züngeln neue Flammengarben in rotem Scheine durch die Nacht zum Himmel auf — o Würzburg, deine Kinder sind's, die nun zu Asche brennen!

— — Im Namen des Gesetzes! — —


15. Kapitel: Der Wahrheit Sieg

Die Aufregung der Bewohner Würzburgs hatte den höchsten Grad erreicht! Spees Wort — sie sind unschuldig, hatte den aufgehäuften Zündstoff außerordentlich vermehrt. Man stritt überall über die Schuld oder Nichtschuld der Gerichteten, beide Ansichten wurden mit der äußersten Hartnäckigkeit verfochten, die zuletzt geradezu in unheilbare Erbitterung auszuarten drohte.

Zu dieser bittern, gereizten Stimmung kam noch die tiefe Trauer um die Gerichteten. Alle die Angehörigen der armen Opfer waren der Gegenstand tiefsten Mitleides, das in der wohlgemeinten Geschäftigkeit fortgesetzten Tröstens den Schmerz nicht vernarben ließ. Die ohnehin schon traurigen Vorgänge jenes verhängnisreichen Richttages wuchsen im Munde des Volkes von Stunde zu Stunde an Schauerlichkeit, und statt daß Schmerz und Leid sich in ergebender Demut Trost an den Stufen des Altares und in der stillen Zurückgezogenheit der Familie geholt hätten, wurden sie nimmerruhend vom Volke hin und her gezerrt und die Wunden stets neu zum Bluten gebracht.

Acht Tage nach der Hinmordung seiner Tochter Elsa starb auch der alte Gering. Ein Schlagfluß hatte ihn gerührt, und in Spees Armen hauchte er seine müde Seele aus. Ein seliges Lächeln lag auf des Alten Angesicht erstarrt, da man ihn zu Grabe trug. Eine ungeheure Menschenmenge gab seiner Leiche das Geleite, und ward auch viel um den Gestorbenen gebetet und geweint, so ward noch mehr gemurrt. Man sah auch in ihm, und nicht mit Unrecht, ein Opfer jenes Hexengerichtes, das viele verfluchten und verwünschten.

Spee hielt auf besonderen Wunsch des Verstorbenen, den dieser schon früher geäußert hatte, die Grabrede. Er schilderte mit ergreifenden Worten die Vorgänge der jüngsten Zeit und suchte nicht nur Balsam in die wunden Herzen, sondern auch Friede und Versöhnung in die aufgeregten Gemüter zu träufeln. Der Erfolg war nur ein teilweiser. Während sich wirklich bei vielen der wilde Schmerz in stille Ergebung kehrte, benutzten die Feinde Spees einige Äußerungen desselben, sie verdrehend und schärfend, um neuerdings gegen die Jesuiten aufzureizen.

Bei der stets wachsenden Schärfung der Gegensätze gelang dies auch nicht unschwer; will doch das Volk für alles und für jedes, was ihm mißfällt, einen persönlichen Sündenbock haben. Und je mehr die einen an Pater Spee hingen, ihn liebten und verehrten, weil er sich der armen Hexen so mutig und liebevoll angenommen, desto mehr haßten und verfolgten ihn die anderen aus dem gleichen Grunde.

Am tätigsten war der Haß des Oberschultheißen, der den ganzen Ingrimm, den die jüngste Zeit in ihm angehäuft hatte, auf den Pater Spee zu entladen geschworen hatte. Sooft der Gestrenge sich auf öffentlicher Gasse sehen ließ, durfte er gewiß sein, den verschiedensten Demütigungen und Zeichen tiefster Verachtung ausgesetzt zu sein; und so sehr des stolzen Mannes harter Sinn dadurch tödlich verletzt wurde, so freute er sich doch andererseits wieder dieser Beleidigungen, weil sie ihm stets neue Waffen boten, den ihm verhaßten Jesuiten zu stürzen.

Der Aktuarius tat sein möglichstes, um unter dem Volke den Namen des Pater Spee und dessen Wirken zu verdächtigen; der Oberschultheiß besorgte dies in den höheren und einflußreicheren Kreisen. Und mit Erfolg! Denn wo fänden sich nicht solche, die mit Freuden die hilfreiche Hand bieten, wenn es sich darum handelt, einen Menschen zu verderben!

Als er seine Minen in ausreichender Zahl gelegt zu haben glaubte, ließ er sich beim Fürstbischofe zur Audienz melden.

Der Fürst empfing ihn kalt.

»Es scheint, wir haben beide viel gelitten, seit wir uns das letzte Mal gesehen,« sprach Philipp Adolf, den prüfenden Blick fest auf den Oberschultheiß richtend.

»Mir wird die Last zu schwer, Durchlaucht,« entgegnete der Gestrenge finster schauend. »Ich habe nicht darum mein ganzes langes Leben dem Schutze und der Pflege des Rechtes geweiht, um nun als Greis ein Gegenstand des Hohnes und der Verachtung zu sein. Auf offener Straße spuckt mir das Volk vor die Füße und nennt mich Mörder und Henker. Bluthund hat mich ein Mann geschmäht und mich verflucht vor allem Volke, mit einem Fluche, daß mich seitdem alle Ruhe flieht.«

»Ich weiß davon, ich weiß!« unterbrach der Fürst.

»Um so mehr werden fürstliche Durchlaucht meine Klage wie meine Bitte gerechtfertigt finden,« erwiderte nicht ohne scharfe Betonung der Oberschultheiß.

»Soweit ich kann, recht gerne, mein Werter; aber sagt mir, wer hört des Fürsten Klage, wenn er den Gram, der ihn tief drückt, in fremde Herzen schütten will? Wer ist's, der zum Throne hinansteigt und sagt, ich tröste dich? Und glaubt Ihr nicht, es hätte auch mein Fürstenherz in diesen Tagen die schwerste Sorge heimgesucht? Der schönste Glanz, womit ein Fürst sich schmücken kann, sind treue Räte, die zu Recht und Wahrheit stehen. Alle andere Herrlichkeit ist eitel Hohn! Ich kann mich nicht des Glückes rühmen, daß meine Räte mir die Wahrheit sagen. Nur einer war's, der treu zum Rechte stand, und dieser war nicht unter meinen Räten, sein Rat war gut, ich sehe es, doch leider viel zu spät.«

Der Oberschultheiß schwieg und schaute den Fürsten mit fragendem Blicke an.

»Ihr wollt den Namen wissen? Recht gerne willfahre ich Euerem Wunsche. 's ist Pater Spee. Das ist mein bester Freund und Rat.«

Des Gestrengen Auge blitzte zornig auf.

»Was ist Euch?« fuhr Adolf Philipp verwundert fort. »Euer Blick widerstrahlt des Zornes Glut?«

»Der Pater ist mein Feind!« stieß jener heftig heraus.

»Euer Feind? Nein. Pater Spee ist niemandens Feind. Er ist ein Feind der Sache, die ihm böse scheint, doch Menschen haßt er nicht!«

»Ich hasse ihn!«

»Das ehrt Euch nicht!«

»Mein Fürst, verzeiht, Ihr seid hart. Wenn Ihr wüßtet, welche Flut von Leiden der Jesuit auf mich gehäuft, Ihr würdet mein Gefühl natürlich finden.«

»Natürlich, ja; doch christlich, nein! Ihr urteilt über Spee ganz irrig. Ihr wähnt, das Recht befände sich auf Euerer Seite, und jener irre; Ihr irret, und Pater Spee sagt Wahrheit.«

Der Oberschultheiß trat einen Schritt zurück. »Dann bleibt mir nichts mehr übrig, als Euerer Durchlaucht meine Stelle ehrerbietigst zu Füßen zu legen.«

Diese Worte waren mit einer vor Zorn und Ingrimm zitternden Stimme gesprochen.

»Gut!« antwortete der Fürst. »Ihr seid ein weiser Mann, Ihr gebt, ehe man von Euch verlangt.«

Der Gestrenge sah finster zu Boden.

»Also in Ungnaden entlassen,« murrte er halblaut. »Durchlaucht,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »Durchlaucht, das alles verdanke ich jenem Jesuiten!«

»Sprecht deutlich!«

»Der Spee hat mich bei Euch verdächtigt und mir die Sonne Euerer Gunst verdunkelt. Er hat mit seinem Worte Euch bestochen, Ihr solltet seiner Meinung sein, und mich stellt er als Mörder Eueres Volkes dar.«

»Weiter!«

»Er war's, der Euch geflüstert, die Nachwelt würde mit Verachtung unserer Zeit gedenken und der Richter, die auf Zauberer und Hexen schworen. Er hat Euch klar bewiesen — wie eben Jesuiten alles klar beweisen, was sie wollen —, er hat Euch klar bewiesen, daß ich die Leute erst zu Hexen mache, und daß alle, die ich richten ließ, unschuldig starben.«

»Das saget Ihr,« entgegnen Philipp Adolf lächelnd, »und Euerer Rede wohnt viel Weisheit inne. Doch Spee hat nicht vor mir gegen Euch gesprochen, seit jenem Abende, da ich ihn rufen ließ, um gegen Euere Meinung sich zu äußern. Ihr Herren müßt fürwahr nicht gar so kleinlich sein und glauben, daß, wenn in euerem Leben Mißgeschick sich findet, ein Jesuit dahinterstecke. Da seid ihr fast so klug wie das arme Volk, das hinter allem, was es nicht versteht, die Hexen und den Satan riecht.«

»Durchlaucht, Spee ist Euch gefährlich!«

»Ei, was Ihr sagt? Ich wollte, es wären es alle so wie er!«

»Er wiegelt Euer Volk auf!«

»Ich warne Euch, seid mit Euerer Rede vorsichtig!«

»Geht in die Stadt und schaut Euer Volk drin an! Finster brütend lebt es Tag um Tag im Kampfe mit sich selbst. Indes die einen sagen, es sei ein gutes Werk, daß wir die Hexen töten, murren laut die anderen und plaudern jenem Jesuiten nach und sagen, wir hätten nicht gerichtet, wir hätten gemordet; denn alle seien unschuldig dem Tode verfallen.«

»Ich glaube es nun selbst,« sprach Philipp Adolf mit dem Ausdruck bitteren Seelenschmerzes.

»Wächst die Aufregung,« fuhr jener fort, »nur noch ein geringes, so kann das Volk gar leicht zum wilden Tiere werden, das sich in seinem Grimme auf seine Quäler wirft und sie zerreißt. Und diese Gefahr ist so lange vorhanden, als Spee in Würzburgs Mauern weilt. Mein letztes Wort an Euch ist, Spee muß fallen!«

Ein Page trat unter die Türe und meldete, sich tief verneigend, der Pater Spee bitte, ihn zu empfangen.

»Ganz gut; er soll sogleich eintreten; Ihr, Oberschultheiß, bleibt!«

Spee grüßte den Fürsten ehrerbietig.

»Ich komme, Durchlaucht, Euch den Scheidegruß zu bringen; der nächste Morgen führt mich fort aus Euerer Stadt.«

»Spee,« rief Philipp Adolf mit der Miene schmerzlicher Überraschung, »Ihr wolltet wirklich von hinnen scheiden? O tut das nicht, ich bitte Euch!«

»Ihr wißt, hoher Herr, ich bin ein Jesuit, und Jesuiten leben strenge im Gehorsam ohne eigenen Willen. Meine Oberen gaben mir den Wanderstab nach Köln, ich nehme ihn freudig aus ihrer Hand.«

»Und warum so plötzlich?«

»Ich weiß für mich von keinem Warum. Euch, edler Fürst, kann ich die Frage lösen. Ich habe, sagen meine Oberen, mein Tagewerk getan, den Samen ausgestreut; die Ernte mögen andere in die Scheuern bringen. Dazu erkennen wohl meine Vorgesetzten, daß meines Körpers Kräfte fast verbraucht sind — ein junger Greis mit weißen Haaren scheide ich aus Euerer Stadt, die ich als Mann in voller Kraft betreten.«

Der Fürstbischof sah mit einem Blicke dankbarer Liebe in das Auge des Jesuiten. Dann ging er auf ihn zu und ergriff dessen Hände und sprach: »Mein lieber Pater Spee! ich darf als Fürst euch nicht verhindern, dem angelobten Gehorsame treu nachzukommen. Scheidet denn in Gottes Frieden! Mein Dank, mein wärmster Herzensdank folgt Euch, wohin Ihr geht. Ihr habt, ein wahrer Priester der reinen Gottesliebe, mit freiem Mut für den Sieg der Wahrheit gekämpft.«

»Gott sei die Ehre, edler Fürst! Dankt, wenn ein Reis des Guten mehr in Euerer Stadt erwachsen ist, nicht mir, der ich nur ein Werkzeug bin, dankt Gott, dem Herrn und Meister. Ihr seid so gnädig, daß ich nun, ehe ich scheide, noch eine Bitte Euch tief ins Herz senken möchte. Ich bitte nicht für mich — ich will und brauche nichts als meinen Gott, — Euerem Volke soll meine Bitte gelten. Bekämpft, was ich mit aller Kraft bekämpfte, bekämpft den Hexenwahn! Ich weiß als Priester nur zu gut, daß die Dämonenwelt in unsere Welt herüberragt; ich leugne nicht den Satan und nicht dessen Macht. Doch was ich stets bestreite und bestritt, ist jener irre Glaube, der überall des Teufels Bündnis mit den Menschen sieht, wo Dummheit oder Bosheit ihm die Brillen leihen. Ich schwöre es Euch, von allen, die ich in des Kerkers düsterer Nacht besuchte, und die ihr ganzes großes Leid in meine Seele übertrugen, und die ich dann zum Scheiterhaufen führte, hat auch nicht einer jene Schuld auf sich gehabt. Ja, schuldlos sind sie gestorben, als Opfer eines Wahnes, und düstere Schatten bleiben sie für alle Zeit. Mein Fürst! seid groß und sprecht das Wort, das Euch stets ehren wird, sagt laut, Ihr wollet keine Hexen mehr — dies eine Wort vernichtet sie. Verbietet, daß man Hexen suche, und es wird sich nirgend eine finden, verbietet, daß man Hexen richte, und rings in Eueren Landen wird kein Mensch im Bunde mit dem Satan stehen. O daß mein Ruf durch alle Lande tönte! Wehe Deutschland, so vieler Hexen Mutter! Was Wunder, daß es sich vor Gram die Augen ausweint, um sie nicht zu schauen! Daß alle mich rufen hörten: Wehe den Fürsten, die, statt Völkerhirten zu sein, die unmenschlichen Greuel unter ihren Schutz nehmen! Wehe den Richtern, deren Kastengeist aus den Hexenprozessen ein Privilegium und eine Erwerbsquelle gemacht hat! Und doch sollten sie die Schuld bedenken, mit der ein übereiltes Todesurteil das Gewissen belastet! Wehe jenen Rechtsgelehrten, die in ihren Büchern nur von Hexen und Zauberern sprechen, überall verbrecherischen Spuk erblicken und mit Gewalt zur Verfolgung anfeuern! O der Blindheit und Dummheit solcher Weisen! Da sitzen sie hinter dem Ofen in behaglicher Ruhe und hecken Kommentare aus. Sie selbst empfinden keinen Schmerz, reden aber viel von Qualen, die man den Unglücklichen antun soll, gerade wie ein Blindgeborener, der weise über Farben spricht. Auf sie kann man mit Recht des Propheten Amos Wort anwenden: Sie trinken Wein in Schalen, und mit dem Öle salben sie sich und kümmern sich nicht um Josephs Leiden. Aber setzt sie doch einmal nur ein halbes Viertelstündchen dem Feuer aus, dann werdet Ihr sehen, wie all ihre Weisheit und großmächtige Philosophie zusammenbricht. Sie philosophieren über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Und auch die Beichtväter müssen anders zu Werke gehen, als sie es bis jetzt getan. Sie müssen sich als Mittelspersonen zwischen Gott und dem Schuldigen, nicht aber zwischen diesem und dem Richter betrachten. Die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten müssen dafür sorgen, daß der ewigen Zuträgerei, Ehrabschneidung und Verleumdung ein Ende gemacht wird, weil dadurch die christliche Liebe so tief verletzt, die Unschuld gefährdet und die Gerichte unsicher gemacht werden. Wehe! welche Strafe wird nicht allein die Richter, sondern auch die Beichtväter treffen, welche meinen Worten nicht folgen, nicht nur ihren Geist nicht anstrengen zum Erforschen, sondern auch darüber knirschen, daß sie unterwiesen werden.[Y] Gebt, hoher Herr, dem Volke den vollen, wahren Gottesglauben, laßt alle Kanzeln widerhallen von der Liebe des Gekreuzigten, sorgt dafür, daß das Volk aus seinem dumpfen Brüten sich erhebe zum lebendigen Glauben wie zum vernünftigen Denken!«

»Mein fürstlich Wort lege ich in Euere Seele nieder,« sprach tiefbewegt der Fürstbischof, »daß Würzburg von nun an, solange Philipp Adolf hier das Zepter führt, nicht wieder unter jenen Greueln seufzen soll, die lange genug auf ihm gelastet. Mein Volk soll Gott erkennen und lieben lernen mehr und mehr, und seines Geistes Schwingen sollen frei sich erheben; die Nacht verschwindet, heller goldener Tag bricht an. Und einst, wann kommende Geschlechter dankend jene Stunde segnen, da hier der Bann des Hexenwahnes brach, so können sie dies nur, wenn sie auch dessen gedenken, der in unermüdlicher Liebe den Menschen Licht und Friede brachte, des wahrhaft edeln Jesuiten Friedrich Spee[Z]