Einem Denker

Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.

Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.

Meine Sphäre war traurig,

Ihr mißfiel Deine Art

An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,

Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.

Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!

Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!

Wie deute ich mir,

Wie verstünd ich’s,

Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,

Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?

Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?

Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!

Denn wer zu Gericht sitzt,

Über die Sünder,

Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu gedenken, darf sein Wesen vergessen,

Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.

Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!

Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.

Du aber bist wie ein Knabe,

Und scheinst nicht zu wissen,

Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde Deine Blöße bedeckst . . .

Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.

Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.

Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.

Kennst Du die starke Waffe

Der wirklichen Sieger?

Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .

Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!

Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.

Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die Unterscheidung der Worte.

Aber die Worte sind

Bedingter noch als die Dinge.

Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der Geist der Worte

Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.

Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.

Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.

In Dir ist aber noch

Der alte Adam allzusehr!

So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,

Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.

Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,

Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.

Du kennst jene Weisheit nicht,

Höher als alles Mitleid!

Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,

Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.