Das Verhältnißwort.

63. Das Vaterhaus.

(Verhältnißwörter des Ortes.)

Ach wie gern, schrieb ein siebzigjähriger Greis, denke ich noch heute an mein liebes Vaterhaus zurück! Es war eigentlich nur eine Hütte und stand dicht an einem Felsen in dem schönen Lande Tyrol. Auf ihrem niederen Moosdache blühten niedliche Waldblümchen. Ach, unter ihnen habe ich manch schönen Knabentraum geträumt! Hinter den schmalen Fenstern standen im Sommer stets Sträußchen Alpenrosen und Edelweiß. Neben der Hausthür kletterte wilder Epheu an der Wand empor. Ueber der Thür war ein Muttergottesbild gemalt. Noch sehe ich, wie lieb die fromme Maria auf uns Kinder herniederschaute!

Vor der Hütte rann ein frischer Waldbach murmelnd dahin. Zwischen ihm und dem Häuschen lag ein kleines Gärtchen, das uns Salat, Möhren und Rüben in die Küche lieferte. Oberhalb des Gärtchens führte ein schmaler Steg über das Wässerchen. Jenseits desselben beschattete niederes Gebüsch die Silberwellen und diesseits desselben zog sich eine blumenreiche Wiese hin.

Wie oft habe ich an diesem Bächlein gesessen, wenn über ihm die Mücken spielten und innerhalb seiner Tümpel die Schmerlen hin- und herhuschten.

Unterhalb unserer kleinen Besitzung hatte mein Vater ein kleines Wehr erbaut. Vor demselben staute natürlich das Wasser und so hatten wir zur heißen Sommerzeit ein kühlendes Bad. Welche Lust in dem frischen Wasser! Wie Frösche hüpften wir in die klare Tiefe, wie Fische tauchten wir unter das Wasser, wie kleine Wassernixe tanzten wir dann wieder längs des Ufers hin. Kein Wunder, daß wir des Tages mehr als einmal zu dem erquickenden Plätzchen eilten.

Aber auch außerhalb des engen Kreises unserer Häuslichkeit gab es für uns Kinder viel Lust. Wie herrlich war es, wenn wir unsere zwei Geisen hinter die Felsen an den stillen Schwummersee führen konnten! Während sie nach den saftigen Kräutern gingen, legten wir uns zwischen schattiges Gebüsch oder hinter einen Felsblock. Hatten sich die Geisen gesättigt, streckten auch sie sich zuweilen neben uns hin.

Läutete dann das Abendglöcklein von der Dorfkapelle, ertönte kein Laut mehr aus den Zweigen, zogen wir heimwärts, singend und jodelnd bis vor unsere Hütte.

O schöne, süße, goldene Jugendzeit im geliebten Vaterhause!

64. Vor Paris.

(Verhältnißwörter der Zeit.)

Während der Belagerung stand ein deutscher Soldat auf Vorposten. Er war erst vor zwei Tagen aus dem Lazarethe entlassen worden und noch etwas schwach. Seit dem frühen Morgen schon quälte ihn der Hunger. Aber unter zwei Stunden durfte er den Brodbeutel noch nicht öffnen. Binnen dieser Zeit mußte er seine Augen streng auf die feindlichen Wälle gerichtet halten.

Da trat eine arme Mutter mit drei todtenblassen Kindern an ihn heran und flehte um einen Bissen Brod. Sie habe, erzählte sie, schon vor dem letzten Ausfalle Paris verlassen und irre bereits seit drei Tagen umher. Während dieser Zeit aber hätten sie und ihre Kinder noch keinen Bissen zu essen gehabt.

Nach kurzem Besinnen griff der brave Soldat in seinen Beutel und reichte den Aermsten all sein Brod. „Hier, eßt“, sagte er. „Habe ich auch bereits bei acht Stunden Hunger gelitten, ich halte es noch aus, Ihr aber würdet binnen vierundzwanzig Stunden dem Hungertode erlegen sein.“

65. Die Rückkehr der Helden.

(Verhältnißwörter der Weise.)

Unter dem Geläute der Glocken zogen die rückkehrenden Krieger in die Residenz ein. Mit Sang und Klang marschirten sie die reichgeschmückten Straßen dahin. Die Reihenfolge der verschiedenen Truppen war nach dem Befehle des Feldmarschalls bestimmt worden.

Ohne Heuchelei wurden die Helden von allen Seiten aufs herzlichste begrüßt. Sie sahen, wider alles Erwarten, frisch und munter aus, obgleich viele von ihnen heute schon mehrere Stunden bei heißem Sonnenbrande marschirt waren. Selbst dem Feldmarschall, der sammt seinem Stabe die Spitze bildete, schien dieser wahrhaft begeisterte Empfang gegen alle Voraussetzung zu sein.

Mit Blumen reich geschmückt langten endlich die Soldaten in ihren Quartieren an, wo sie unter warmen Händedrücken empfangen wurden und sich nun meist bei einer Flasche Wein gütlich thun konnten. Da trank denn auch mancher alte Papa heute fast wider seinen Willen und gegen seine Gewohnheit ein Gläschen mehr mit dem glücklich heimgekehrten Sohne.

Freilich verlief das schöne Fest auch in mancher Familie nicht ohne bittere Thränen. Zuweilen den einzigen Sohn, ein Kind nach aller Herzen, hatte die feindliche Kugel durchbohrt. Er kehrte sammt vielen Tausenden nie mehr heim!

66. Joachim.

(Verhältnißwörter des Grundes.)

Der erst zwanzigjährige Joachim stand wegen eines Raubanfalls vor Gericht. Laut Aussage seines Vaters hatte er sich als Knabe sehr naschhaft gezeigt. Der Ordnung gemäß wurde auch sein ehemaliger Lehrer über seine Aufführung als Schüler befragt. Zufolge dieses Schulzeugnisses hatte es Joachim im Bezug auf Ehrlichkeit nie recht genau genommen. Um eines lumpigen Schiefers willen, den er doch für einen Pfennig haben konnte, war er sogar einmal vermittelst eines Nagels in seines Nachbars Schränkchen eingebrochen.

„Vermöge seiner Geistesanlagen“, schloß des Lehrers Zeugniß, „hätte Joachim etwas Tüchtiges lernen können. Aus purem Leichtsinn aber blieb er hinter allen seinen Mitschülern zurück. Kraft eines Lehrerconferenz-Beschlusses mußte er deshalb einmal vier Wochen lang auf der Strafbank sitzen.“

Den Raubanfall hatte Joachim mehr aus Rache, als um des Raubes willen ausgeführt. Laut seiner Auslassungen sollte ihn der Angefallene einmal infolge eines Kirschendiebstahls grausam durchgeprügelt haben. Auch habe er ihn wegen eines kleinen Schimpfwortes einmal tüchtig an den Haaren gezaust. Daß er ihn mittels eines dicken Stockes auf den Kopf geschlagen habe, zufolge dessen der Mann niedergestürzt sei, leugnete Joachim. Er habe, sagte er, ihm blos mit der Hand einen Stoß versetzt und es wäre wohl möglich, daß er infolge dieses Stoßes hingefallen sei.

Dem Urtheile der Richter gemäß wurde Joachim für schuldig erkannt und erhielt für seine That, kraft des Strafgesetzbuches, fünf Jahre Zuchthaus.

67. Die Mühle.

(Wiederholung aller Arten Verhältnißwörter.)

In einem düsteren Waldgrunde stand seit langer Zeit eine Mühle. Sie lehnte mit ihrer Rückseite an einem kleinen Hügel. Eine alte Linde breitete ihre schattigen Aeste über sie hin. Vor der Mühle lag ein kleines Blumengärtchen. Oberhalb derselben, mehr nach einem Felsen zu, erblickte man zwischen Gebüsch einen Teich, aus dem sich ein Bächlein unter dumpfem Gemurmel hervorschlängelte. Es eilte in raschem Laufe auf die Mühle zu. Dort stürzte sich sein Wasser mit ziemlichem Geräusche über das Mühlrad und setzte dieses, vermöge seiner Schwere, in Bewegung.

Das Mühlrad klapperte ohne Ruh und Rast bei Tag und Nacht. Nur am Sonntage, um der Sabbathfeier willen, stand es still. Laut einer Verordnung hätte sonst der Müller vor Gericht Strafe zahlen müssen.

Viele Stunden im Umkreise gab es kein Haus. Des Müllers Kinder waren ohne alle Kameraden. Selten traten sie aus dem Thale hinaus. Die Blumen am Bachrande waren ihre Bilder, die Fischlein im Wasser und die Käfer auf und unter den Blumen ihre Gespielen, die Vöglein innerhalb des Thales ihre Singlehrer.

Im Winter kamen sie selten aus der Stube. Sie nähten dann Säcke aus grober Leinwand für ihren Vater. So führten sie während des Sommers und Winters ein einsames Leben. Und doch hingen sie mit ganzem Herzen an ihrem Vaterhause und hätten um keinen Preis dasselbe mit einem andern vertauscht.

Als der Müller eines Tages von dem Nachbardorfe kam und sagte, er könne jetzt die Mühle für ein gutes Geld verkaufen, stellten sich alle Kinder um ihn her, faßten ihn an der Hand und baten unter Thränen, er solle doch das nicht thun. Sie würden, wenn sie aus der Mühle fortmüßten und außerhalb des stillen Thales leben sollten, unglücklich sein.

Diesen dringenden Bitten zufolge versprach auch der Müller, die Mühle zu behalten. „Nein“, sagte er nach kurzem Besinnen, „ich will nicht gegen Eure Wünsche handeln, aus purer Liebe zu Euch. Wegen eines irdischen Gewinnes soll Euer Glück nicht gestört werden.“