Abriss der Geschichte der Tschadseeländer.
Bis vor kurzen gehörte das Tschadseegebiet zu den unbekanntesten Gegenden der Welt. Die wenigen Routen, welche vereinzelte Reisende innerhalb der Tschadseeländer ausführten, hatten trotz der sorgfältigen Erkundigungen doch nur für die nächste Umgebung der Reisewege erschöpfende Nachrichten gebracht. Wir können stolz darauf sein, dass es Deutsche waren, welche bis jetzt für die Erforschung dieses Gebietes das meiste geleistet haben, sowohl als Geographen und Ethnographen wie als Historiker. Ich brauche für die nächste Umgebung des Tschadsees nur Barth und seine tapferen, auf dem Felde ihrer Forschungen verstorbenen Mitarbeiter Overweg und Vogel, ferner den in Kanem ermordeten v. Beurmann, sodann Gerhard Rohlfs und unseren grossen Nachtigal zu nennen, für den Süden Flegel, Zintgraff, Passarge und v. Üchtritz, für Adamaua unter anderen Morgen, v. Stetten und neuerdings Dominik, für Sokoto Staudinger, für die Gebiete im Süden und Südosten Wadais den Nestor unserer noch lebenden Afrikaforscher Schweinfurth, ferner Junker. Mit dieser Aufzählung ist die Reihe deutscher Namen, welche sich um die Erkundung des Tschadseegebiets verdient gemacht haben, noch nicht erschöpft.
Andere Nationen haben an diesem Werke mitgearbeitet. Die ersten europäischen Forschungsreisenden im Tschadseegebiete waren Engländer: Denham und Clapperton, Oudney und Richardson. Der zu den Beamten der Royal Niger Company gehörige Mackintosh hat vor einigen Jahren noch Bornu erreicht. Zwei Italiener, Matteucci und Massari, haben im Fluge Afrika von Ost nach West und zwar über die Tschadseegebiete durchzogen, leider ohne dass ihre kühne Reise der Wissenschaft viel genützt hätte. Der eine starb noch in Afrika infolge der Anstrengungen und des Fiebers. Dem anderen umnachteten sich bald darauf aus demselben Grunde die Sinne. Eine Holländerin, eine mutige, von tragischem Geschick verfolgte Frau, hat den Versuch, nach dem Tschadsee vorzudringen, mit dem Tode gebüsst: noch bevor sie dorthin gelangte, wurde Fräulein Tinne bei Scharaba unfern von Murzuk von den Tuareg getötet. Belgischen Beamten verdanken wir manche Erweiterungen unserer Kenntnis des Gebiets im Süden von Wadai und Dar Fertit.
In neuester Zeit sind die Franzosen, wie bereits hervorgehoben, mit besonderem Eifer für die Erforschung der Tschadseeländer thätig gewesen. Auch von ihnen hat mancher sein Leben bei dieser Aufgabe lassen müssen. Monteil gelang es, vom Senegal aus den Tschadsee zu erreichen und, durch die Sahara kommend, europäische Civilisation am Mittelmeer wiederzusehen. Besonders die letzten Jahre brachten für Frankreich eine fast fieberhafte Thätigkeit im Tschadseegebiete und im übrigen Innerafrika. Um die Besitzungen am Mittelmeer und am Atlantischen Ocean mit dem französischen Kongo zu einem grossen Kolonialreiche zu vereinigen, musste eine Verbindung dieser Gebietsteile durch die Sahara und über den Tschadsee hergestellt werden. Männer wie Mizon, Crampel, Maistre, Dybowsky, Bonnel de Mézières und Marchand seien als Forscher im Süden und Südosten des Tschadsees genannt. Die Thätigkeit der bei den jüngsten Expeditionen und im Kriege mit Rabeh hervorgetretenen Männer hat wichtige Resultate auch für die Wissenschaft gezeitigt, die dem Gouverneur Gentil, Prins, Joalland und anderen Offizieren zahlreiche Bereicherungen der verschiedensten Art verdankt. Der Gelehrte Foureau hat mit seiner seit langer Hand vorbereiteten Durchquerung Afrikas von Algerien zur Kongomündung die Erforschung der Tschadseeländer jetzt zu einem gewissen Abschluss gebracht.[77]
Die politischen Beziehungen der europäischen Mächte in Centralafrika sind seit einigen Jahren durch internationale Verträge geregelt. Die Grenzen, welche infolge dieser Verträge zwischen den einzelnen Kolonialmächten festgelegt wurden, sind auf der dieser Arbeit beigegebenen Karte ersichtlich.
Die Bevölkerung in den Ländern des Tschadseegebietes ist recht buntscheckig. Neben mehr negerartigen Völkern finden wir hamitische und hamitisch angehauchte Stämme wie die Tibbu, Tuareg, Gora‘an, Baele, Wadaba, Kanuri (Kanembo), Haussa und Fulbe, ferner Araber aus verschiedenen Einwanderungsperioden. Ein grosser Teil der von diesen Völkerschaften bewohnten Gegenden ist bereits muhammedanisch. In einzelnen Strichen ist der Islam schon seit über tausend Jahren heimisch, einen besonderen Aufschwung hat er im 19. Jahrhundert und zwar namentlich durch die Thätigkeit einzelner muhammedanischer Orden genommen.
Im folgenden sei ein Überblick über die historische Entwicklung der hauptsächlichsten für die Geschichte Rabehs in Betracht kommenden innerafrikanischen Staatengebilde gegeben.
[77] Seit mehr als 20 Jahren war Foureau an der Erforschung der Sahara thätig. Von seiner Durchquerung Afrikas von Algerien über den Tschadsee zur Kongomündung, die er von langer Hand vorbereitet hatte, brachte er neben zahlreichen anderen wissenschaftlichen Resultaten über 500 astronomische Ortsbestimmungen mit. Nach den Untersuchungen Foureaus bildet der Bahr el Ghazal im Südwesten des Tschadsees keinen Zufluss des Sees. Vielmehr ist er eher als eine Art von Abfluss zu betrachten, indem er nach Nordosten hin bei starkem Wasserstande des Sees eine golf- oder lagunenartige Verlängerung desselben darstellt, welche zu gewissen Zeiten Wasser an der Erdoberfläche etwa 60 km landeinwärts weiterführen soll. (Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1900, S. 433 ff., 453.) Die ausführliche Darstellung der wissenschaftlichen Arbeiten seiner Reisen wird Foureau hoffentlich recht bald der Öffentlichkeit übergeben können. Der erste Band mit der eigentlichen Reisebeschreibung ist unter dem Titel „Mission Saharienne Foureau Lamy d’Alger an Congo par le Tsad“ bereits erschienen. (Paris, Masson & Cie, 1902.) Gentil hat eine Schilderung seiner Feldzüge im Tschadseegebiet im „Tour de Monde“ erscheinen lassen.