III. Die ersten Eroberungszüge Rabehs.

Von der ersten Jugend Rabehs wissen wir nicht viel. Rabehs Vater, Fadel Allah, soll aus dem Djebel Idris in Sennar stammen. Am glaubwürdigsten erscheint die Nachricht, dass Fadel Allah dort als freier Muhammedaner geboren wurde und von Beruf ein Schreiner war. Fadel Allah war jedoch kein Araber, wie sein Sohn später behauptete, sondern ein Neger; er wurde von den egyptischen Truppen erbeutet und als Soldat in ein Sudanbataillon eingestellt. Rabeh, welcher als Sohn eines Soldaten für den Militärdienst bestimmt war, wurde schon als Knabe eingereiht und zunächst als Tambour und dann in der Front verwandt. Später war er imstande, zwei Sklaven an seiner Statt zu stellen, worauf er, dem damaligen egyptischen Gesetze entsprechend, aus dem Militärverband entlassen wurde. Er ging dann nach dem Bahr el Ghazal, und hier wurde er von Zuber, der den aufgeweckten und waffenkundigen jungen Mann brauchbar fand, angeworben. Dem Djellabaführer folgte Rabeh als Knecht und Soldat, später als Einexerzierer, Offizier und Abteilungsführer. Nachdem Rabeh, zu unverhältnissmässig grösserer Macht gelangt war, als Zuber Pascha jemals besessen hatte, und von seinen früheren Beziehungen zu dem depossedierten Sklavenfürsten des Bahr el Ghazal nichts mehr wissen wollte, blieb Zuber doch stolz auf die Erfolge seines ehemaligen Mannes und bestritt mir ausdrücklich, dass Rabeh je sein Sklave gewesen sei.

Als Soliman, der Sohn Zubers, den für ihn so verderbenbringenden Entschluss fasste, sich Gessi Pascha auszuliefern, stand Rabeh an der Spitze derjenigen, die ihm hiervon abrieten und das vollständige Verlassen der alten Heimat, eine unbestimmte Zukunft und ein wildes Nomadenleben der Übergabe an Gessis Leute vorzogen. Damals (1879) muss Rabeh nach der Berechnung Zubers, der ihn als einen Mann von besonderer Energie, grosser Klugheit und rücksichtsloser Tapferkeit schildert, etwa 30 Jahre alt gewesen sein. Als er unter dem Vorantritt der dröhnenden Kriegstrommeln, jener grossen mit einer Ochsenhaut bespannten kupfernen Kesselpauken, das Lager Solimans in Djerra verliess, folgten ihm wohl tausend, vielleicht sogar mehrere tausend der besten Basinger Zubers, der Kern der Leute, denen er seine späteren gewaltigen Eroberungen verdankte, und denen er bis in die letzte Zeit hinein die Offiziere seiner Umgebung mit Vorliebe entnahm.

Die Tapferkeit der Basinger ist bekannt. Wir selbst haben sie in unseren Kolonien vielfach erprobt. Die Askari der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe rekrutieren sich heute noch zum Teil aus solchen sudanesischen Söldlingen. In den Kriegen zur Wiedereroberung des dem Mahdismus verfallenen Sudan haben sie sich in den Reihen der egyptischen Armee auf das glänzendste geschlagen, wie sie im feindlichen mahdistischen Lager den Egyptern und den Engländern schwere Verluste und in früherer Zeit manche Niederlage bereitet haben. Denn der Basinger ist ein Söldner in des Wortes wahrster Bedeutung. Wie der Landsknecht kämpft er für den, dessen Brot er isst; aber er dient auch dem Feinde, nachdem dieser ihn besiegt, ihn erbeutet hat, und ihm nunmehr den Lebensunterhalt gewährt und Aussicht bietet, mit seinen Weibern weiter zu leben oder neue Weiber und neue Beute zu erwerben. Der Abstammung nach sind die Basinger Schilluks, Dinkas und Angehörige anderer meist heidnischer Stämme des oberen Nils und seiner Nachbarländer. Als Kinder, oft aber auch erst als erwachsene Männer gefangen, werden sie nach kurzer Einübung tüchtige Soldaten und dienen dann, bis ihre Haare weiss werden und sie die Waffen nicht mehr tragen können. Sie werden regelmässig Muhammedaner und eignen sich die arabische Sprache nach Möglichkeit an.

Die Basinger, welche Rabeh nach dem Westen folgten, nahmen natürlich ihre Weiber mit sich. Später erhielt Rabeh beträchtlichen Nachschub aus dem egyptischen Sudan. Die Mannschaften, aus welchen sein Heer sich in der Folge weiter ergänzte, die von ihm auf seinen Kriegsfahrten erbeuteten Sklaven, gingen in seine Truppen auf, auch sie wurden Muhammedaner. Die Eroberungszüge Rabehs, die ihn immer mehr nach dem Westen geführt haben, sind als eine Art von Völkerwanderung im Kleinen anzusehen, bei welcher seine ursprünglich aus zahlreichen verschiedenartigen Stammeselementen bestehenden muhammedanischen Truppen einen neuen einheitlichen, fremden, erobernden Stamm in dem vielfach noch heidnischen neugewonnenen Gebiete darstellen.

Es gelang Rabeh, mit Geschick sich den Verfolgungen Gessi Paschas zu entziehen. Er wandte sich zunächst nach Dar Fertit und setzte sich hier in dem gebirgigen Gebiete von Dar Manga[9] fest. Diese Landschaft bildet eine grosse, leicht zu verteidigende natürliche Festung, und hier baute Rabeh sich seine erste Zeribe, von der aus er, vor jeder Verfolgung sicher, bis auf weiteres seine Sklavenjagden nach Süden hin ausführte.

Demnächst unterwarf Rabeh die kleinen Häuptlinge von Dar Banda und dehnte seine Eroberungszüge bis nach Bangasso am Mbomu, also bis in die nächste Nachbarschaft des Ubangi, aus. Auch gegen Semio und Rafai, die gleich Rabeh früher in Zubers Diensten gestanden und sich später im Heidengebiet der Niamniam, nordöstlich von Bangasso, selbständige Fürstentümer gründen konnten, unternahm er erfolgreiche Beutezüge, die damit endeten, dass die Genannten sich zu einem Tributverhältnis ihm gegenüber bequemten. Im Niamniam-Lande hatte Rabeh schon zur Zeit Zubers das Sklavenjagdgewerbe ausgeübt.[10]

Nunmehr wandte sich Rabeh nordwestlich und unterwarf sich die zwischen Dar Banda und Dar Runga gelegene Landschaft Kuti.[11] In Kuti regierte damals ein den Titel Schech führender Duodezfürst, Namens Muhammed waled Abu Bekr es Senussi,[12] der seinerzeit mit Zuber in Beziehung gestanden und ihm eine Art von Tribut gezahlt hatte, als dieser Sklavenfürst seine Menschenjagden so weit nach dem Westen ausdehnen konnte. Gleichzeitig stand der Herr von Kuti aber auch im Vasallenverhältnis zu Wadai, wie ein solches doppeltes Vasallentum in den afrikanischen Staatswesen an der Regel war und ist. Der Schech Muhammed es Senussi von Kuti gehört zur herrschenden Familie von Baghirmi. Er ist ein Enkel des Sultans Osman Burkomanda von Baghirmi, der 1807–1846 regierte. Muhammeds Vater, Abu Bekr, war aus Baghirmi geflohen, als der älteste Sohn Burkomandas, Abd el Kader, auf den Thron seiner Väter gelangte. Nachdem Abu Bekr eine zeitlang heimatlos umhergeirrt war, machte er die Pilgerfahrt und gewann, nach Afrika zurückgekehrt, im Süden des Bahr es Salamat das Zutrauen des mächtigsten der heidnischen Fürsten in Dar Runga, dessen Tochter er heiratete. Nach dem Tode seines Schwiegervaters gelangte er zur Regierung, nachdem er natürlich seinen Schwager hatte ermorden lassen. Ihm war sein ältester Sohn Muhammed, der gegenwärtig noch Schech von Kuti ist, im Jahre 1875 gefolgt.

Als Rabeh im Gebiete von Kuti erschien, verhielt sich der Schech ihm gegenüber misstrauisch; Rabeh wurde gezwungen, ausserhalb der Hauptstadt zu lagern. Bald traf eine nicht unbedeutende Truppenmacht ein, welche der damalige Sultan Ali von Wadai gegen Rabeh entsandt hatte, vielleicht von dem Schech von Kuti zu Hilfe gerufen, vielleicht aber auch deshalb, weil Rabeh sich auf dem Marsche nach Dar Runga in den anderen zu Wadai gehörigen Distrikten Gewaltakte hatte zu schulden kommen lassen. Rabeh wurde zu einer friedlichen Besprechung aufgefordert. Statt darauf einzugehen, überfiel er nachts die übermächtigen Wadaileute und schlug sie glänzend.[13] Die zersprengten Reste des Wadai-Heeres flüchteten in die schwer zugänglichen heimatlichen Berge im Norden. Rabeh zog dann in Kuti ein, dessen Bewohner ihm huldigten. Damit war seine Stellung in Innerafrika begründet. Der bisherige Gebieter von Kuti und Dar Runga erkannte ihn als Oberherrn an, und von Kuti aus, wo er sich nunmehr consolidierte, begann Rabeh seine Herrschaft nach Süden und Westen auszudehnen. Sehr bald wurde seine Truppenmacht durch weitere frühere Gefolgsleute Zubers, welche sich der Regierung Gessis und der egyptischen Effendis nicht hatten fügen wollen, sowie später auch von solchen, die in den durch den aufkommenden Mahdismus geschaffenen Verhältnissen im Bahr el Ghazal und in Darfur sich nicht mehr wohl fühlten, verstärkt.

Zwischen Wadai und Rabeh kam eine Art stillschweigenden Kompromisses zu Stande. Zuber Pascha teilte mir mit, dass er von Kairo aus mit dem Sultan Ali von Wadai und mit Rabeh in Verbindung geblieben und dass es seiner Vermittlung gelungen sei, ein gutes Verhältnis zwischen beiden herzustellen. Jedenfalls respektierten beide Teile einander, und es ist wahrscheinlich, dass damals Handelsbeziehungen zwischen Rabeh und Wadai bestanden haben, durch die der Eroberer sich von Norden her mit frischen Waffen und Munition versehen konnte.

In den ehemaligen egyptischen Provinzen des Sudan, in Kordofan, Darfur und im Bahr el Ghazal bis Lado hin, wo Emin Pascha die egyptische Fahne noch hoch halten konnte, war inzwischen das theokratische Reich des aus Dongola stammenden Mahdi Muhammed Ahmed zur That geworden. In geradezu verblüffender Weise hatte der Dongolaner die gegen ihn entsandten egyptischen Truppen immer wieder geschlagen. Es war ihm gelungen, in den Völkern der Nilländer einen religiösen Fanatismus zu entfachen, dessen man die zum Teil vor gar nicht langer Zeit erst dem Islam gewonnenen Neger nicht fähig gehalten hatte. Im August des Jahres 1881 hatte Muhammed Ahmed seine „göttliche Mission“ begonnen. Im Jahre 1882 lagen seine Scharen in der Nähe von Chartum. Nachdem schon der ganze egyptische Sudan ihnen verfallen, wurde auch Chartum im Jahre 1884 genommen, bei der Einnahme der Stadt fand der englische Generalgouverneur Gordon seinen Tod. Bald darauf erstreckte sich das Reich des Mahdi nilabwärts bis in die Gegend des zweiten Kataraktes, in die Nachbarschaft von Wadi Halfa, im Osten bis zum Roten Meere hin reichend, wo Suakin eine egyptische Enclave bildete, im Süden bis nach Lado; im Westen war es begrenzt von den Negerstämmen von Dar Fertit und Dar Banda, weiter nördlich von Wadai und endlich von der Libyschen Wüste, in deren Oasen der Oberschech des Senussiordens allmächtig war.[14] Sowohl mit Rabeh, als auch mit Wadai und dem Schech der Senussi versuchte der Mahdi Beziehungen anzuknüpfen, jedoch ohne Erfolg. Der Oberschech der Senussi hatte offen den Mahdi als einen Ketzer dargestellt. Wadai und Rabeh wollten ihre Selbständigkeit zu Gunsten des Schreckensfürsten am Nil nicht aufgeben, und zwischen Rabeh und Wadai herrschte Frieden, auf Interessengemeinschaft begründet.[15]

Im Jahre 1884 sandte der Mahdi ein Schreiben an Rabeh, in welchem er diesen auffordern liess, ihn als den geweissagten Welterlöser und Herrn der Welt anzuerkennen. Rabeh antwortete nicht. Drei Jahre später liess der Chalifa Abdullahi, der im Jahre 1885 dem Mahdi gefolgt war, durch seinen Vetter Osman Adam an Rabeh die schriftliche Aufforderung richten, seinen Fahnen zu folgen. Auch dieses Schreiben wurde ignoriert. Erst viel später benutzte Rabeh die Sache der Derwische für seine eigenen Interessen. —

Mehrere Jahre setzte Rabeh von Kuti aus das Handwerk seines früheren Herrn und Lehrmeisters Zuber fort, mit seiner Soldateska die kleinen Negerfürsten und Dorfschaften in der Nachbarschaft von Dar Runga bekriegend und besiegend, hauptsächlich um Sklaven einzujagen, die wiederum Ersatz für die naturgemäss in diesen Kämpfen sich aufreibenden alten Truppen bildeten. Die Weiber wurden den Soldaten zu Frauen gegeben, der Überschuss nach Norden hin verkauft und gegen Waffen und Munition eingetauscht. Gleichzeitig versuchte er überall, ebenfalls nach dem Vorbilde Zubers, eine Art Regierung einzuführen, indem er in den von ihm eroberten Gebieten eigene Gouverneure einsetzte oder von den Stammesfürsten Tribut erhob. In Kuti behielt er den Schech Muhammed waled Abu Bekr es Senussi, dessen Tochter Hadja er mit seinem Sohne verheiratete, als seinen Statthalter bei. Der Schech von Kuti hat später viel von sich reden gemacht. Im Mai 1891 liess er im Auftrage seines Oberherrn Rabeh die französische Expedition unter Crampel massakrieren. Dadurch fielen Rabeh 50 Repetiergewehre, 200 gewöhnliche Gewehre und reiche Munition in die Hände.[16] Einige der Senegalesen Crampels erscheinen später als Offiziere im Heere Rabehs.

[9] Die viel gebrauchte Pluralbildung des Namens lautet Mangiat.

[10] Übrigens haben sich Semio und Rafai, sowie einige andere Häuptlinge im Niamniam-Gebiete, deren Land von den Franzosen kurzweg „les Sultanats“ genannt wird, gegen die mahdistische Invasion halten können. Im Jahre 1884 konnten sie einen Angriff der Mahdisten mit Erfolg abweisen, und seither scheinen sie nicht mehr belästigt worden zu sein. In der Folge haben sie aus Opportunitätsgründen den durchkommenden Belgiern und Franzosen keine Schwierigkeiten gemacht und sich der Handelsexpedition des Bonnel de Mezières entgegenkommend gezeigt. Rafai ist unlängst gestorben, ihm ist sein Sohn Osman gefolgt.

[11] Belgische Quellen (vergl. A. J. Wauters, Mouvement Géographique, 1899, No. 44) geben die ersten Geschicke Rabehs, nachdem er den Verfolgungen Gessis sich hatte entziehen können, wie folgt: Zunächst habe er sich südwestlich nach Dar Fertit gewandt, das er vernichtete. Darauf wäre er, weiter südwestlich ziehend, in das Gebiet der Kresch und der Banda eingedrungen, die er sich unterworfen habe. Dann sei es zu einem grossen Kampfe zwischen ihm und den Sakkara gekommen, deren Anführer damals Bali, der Vater ihres gegenwärtigen Schech Bangasso, gewesen sei. Die Schlacht habe am Bali, einem Nebenflusse des Ubangi, unweit des Dorfes Baso, also in der nächsten Nähe der nördlichen Grenze des Kongostaates, stattgefunden. Die Sakkara seien vollständig geschlagen worden, und ihr Gebiet wäre der Verwüstung und Unterwerfung in derselben Weise wie das der Kresch und Banda anheimgefallen, wenn der Sieger in seinem Marsche nach dem Ubangi nicht durch absoluten Mangel an Lebensmitteln und die Furcht, auch im Süden sich nicht verproviantieren zu können, aufgehalten worden wäre. Infolgedessen habe er sich nunmehr nach dem Nordwesten gewandt. Nach der Überschreitung des Koto, eines anderen Nebenflusses des Ubangi, sei er nach Dar Runga marschiert, dessen in Kuti residierender Sultan, ein Vasall von Wadai, sich ihm unterwerfen musste. Bei dieser Gelegenheit seien Rabeh grosse Waffenvorräte in die Hände gefallen, und von dem Augenblicke an datiere seine eigentliche Macht. Die gedachten belgischen Quellen verlegen diese Ereignisse in die Jahre 1883 und 1884.

Es ist schwer zu entscheiden, ob der gegen die dem Kongostaate nahe liegenden Sakkara gerichtete Kampf der Festsetzung Rabehs in Kuti wirklich vorangegangen ist. Es ist mir wahrscheinlicher, dass es sich dabei um einen jener Kriegs- und Raubzüge handelt, welche Rabeh von Kuti aus strahlenförmig nach dem Südwesten und Südosten ausführte.

[12] Kuti ist der Name einer der Landschaften, in die Dar Runga zerfällt und gleichzeitig der Name der früheren Hauptstadt des Landes. In jüngster Zeit wird N’Delle als Residenz des Schech Muhammed waled Abu Bekr es Senussi genannt. Der Herr von Kuti hat nichts mit der religiösen Bruderschaft der Senussi zu thun. Der Name es Senussi kommt mehrfach vor. Ihn trägt auch eine reiche Kaufmannsfamilie in Alexandrien und ein ganzer tunesischer Beduinenstamm.

[13] Dieser erste Kampf, der zwischen Rabeh und Wadai noch bei Lebzeiten des eigentlichen Mahdi im egyptischen Sudan stattfand, wurde mir von einem Wadai-Manne in seinen Einzelheiten etwas anders dargestellt. Der Kampf sei durch Regen unterbrochen worden. Auf beiden Seiten seien 3–400 Mann gefallen. Oberbefehlshaber auf Seiten Wadais sei der Eunuch Scharaf ed Din, der Akid es Salamat, gewesen. Von hervorragenden Wadai-Leuten, die gefallen, nannte er el Makua Hlata, den Akid der Chamis, den der Djamie u. a. Nach diesem Kampfe habe sich Rabeh zunächst vom Salamat-Gebiet, woselbst der Kampf stattgefunden habe, ostwärts nach dem Bahr el Iro, dann sudwärts nach Dar Runga und Kuti gewandt.

[14] Der Orden der Senussi, deren Namen in diesen Blättern häufig wiederkehrt, ist eine religiöse muhammedanische Bruderschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem nicht zu unterschätzenden Machtfaktor in der afrikanischen Politik herausgebildet hat und namentlich in gewissen Gegenden des nordöstlichen Afrika ausschlaggebenden Einfluss besitzt. In religiöser Beziehung auf puritanischer, den starren ursprünglichen Islam betonender Grundlage stehend, zeichnet sie sich durch eine ausserordentlich straffe Organisation aus, die in blindem Gehorsam dem Ordensoberhaupt gegenüber gipfelt. Unter sich sind die Ordensbrüder zu gegenseitiger Unterstützung gezwungen. Der Gründer des Ordens, der Vater des gegenwärtigen Oberschechs, ein Algerier von Geburt, hat Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, nachdem er lange Zeit im Hedjaz gelebt, den Ordenssitz in Djerabub, an der tripolitanisch-egyptischen Grenze, in einer Oase aufgeschlagen, die mitten in der Wüste, weitab vom Meere, gelegen ist. Von hier hat der gegenwärtige Schech der Senussi im Jahre 1896 seinen Centralsitz nach der Oase Kufra und im Jahre 1899 noch weiter nach dem Innern, nach Borku, verlegt. In sehr geschickter Weise hat sich das Ordensoberhaupt mit einem mystischen Nimbus zu umgeben gewusst, und der heutige Schech der Senussi wird von seinen Anhängern als der erwartete, wahre Mahdi angesehen. In zahlreichen Orten Innerafrikas, auf den Karawanenstrassen nach Mekka u. s. w. haben die Senussi klosterartige Etablissements, Zauijas, errichtet, welche unter eigenen Beamten, Mokaddims, stehen, und in denen die Gläubigen und vor allem die Ordensbrüder bewirtet und die Lernbegierigen in eigenen Schulen unterrichtet werden. Von diesen Zauijas aus wird die Propaganda für den Islam und für den Orden eifrig betrieben. Gleichzeitig sind sie durch ihre Schulen die Träger einer gewissen Kultur geworden. Die Senussi betonen die Nützlichkeit der Arbeit, und die Zauijas geben in dieser Beziehung selbst ein gutes Beispiel durch Anlage von mustergiltigen Ackerbauwirtschaften und Palmenwäldern. Sie unterstützen nach Kräften den Handel, von dem sie selbst möglichsten Nutzen ziehen. Ein Teil der Einkünfte der Zauijas wird für den Unterhalt derselben verwandt, der Rest wird an die Centralstelle abgeführt. Besonders in letzter Zeit hat sich der Orden der Senussi mehr und mehr im Interesse seiner zahlreichen im Nordosten Afrikas vom Karawanenhandel lebenden Anhänger um die Aufrechterhaltung friedlicher Zustände im Innern des schwarzen Erdteils bemüht. Der Oberschech der Senussi ist über alle Vorgänge in Afrika genau orientiert. Stets stehen in seiner Centrale Sendboten bereit, um seine Befehle und Ratschläge nach den entferntesten Gegenden zu tragen. Der europäischen Expansionspolitik in Afrika haben sich die Senussi stets feindlich gezeigt. Auch ausserhalb Afrikas zählt der Orden zahlreiche Anhänger.

[15] Irrtümlich wird vielfach angenommen, dass Rabeh, nachdem er seinen früheren Herrn, Soliman ibn Zuber, verlassen hatte und bevor er nach Westen zog und seine grossen Eroberungen in Baghirmi antrat, zunächst sich nördlich nach Borku gewandt habe, woselbst er unter Respektierung der geistigen Autorität des Schech der Senussi längere Zeit sich aufgehalten habe. Dieser Irrtum beruht meines Erachtens neben der besprochenen Namensverwechslung des Oberhauptes des Senussiordens mit dem Herrn von Kuti darauf, dass von vielen Afrikanern der Sultan von Wadai auch Sultan von Borku genannt wird. Die im Norden von Wadai gelegenen Berggebiete von Borku sind dem Sultanate Wadai tributär.

[16] Vergl. Harry Alis, La Conquête du Tchad, S. 161, 178. Gerächt wurde dieser Mord durch die nach Kuti vorgedrungenen Leute Dybowskys am 22. November 1892 (a. a. O. S. 162). Allerdings konnte Dybowsky des Urhebers des Mordes, des Schech Muhammed es Senussi selbst, nicht habhaft werden. In der Folge, im Jahre 1898, wurden französischerseits sogar durch Prins freundschaftliche Beziehungen mit diesem angeknüpft. Vergl. unten S. 87 f. Der Schech von Kuti scheint Rabeh jedoch bis zum letzten Augenblicke, also bis zur Zeit seiner Niederlage durch die Franzosen gehorsam und tributär geblieben zu sein, wenn er auch den Franzosen gegenüber, die ihn besuchten, den Anschein zu erwecken trachtete, als ob er sich mit ihnen gegen Rabeh verbünden wollte. Erst neuerdings, im Mai 1901, hat der Herr von Kuti sich den Franzosen endgiltig unterworfen und dem Oberst Destenave, welcher zur Vertretung Gentils den Schari abwärts nach Fort Lamy marschierte, in Gribingi einen Ergebenheitsbesuch abgestattet. In dem französischen Lager erschien der Schech an der Spitze von 1500 Leuten, darunter 600 gut einexerzierte Gewehrträger.