V. Die Gründung des Rabeh’schen Tschadsee-Reiches.

Nach dem vergeblichen Versuche, durch das Wadi Salamat in Wadai einzudringen, kehrte Rabeh nicht mehr nach Dar Runga und Kuti zurück. Er wandte sich südwestwärts und vergriff sich nunmehr zum ersten Male an dem dem Sultan von Baghirmi gehörigen Gebiete. Rabeh muss damals seine Raubzüge weit nach Westen und Süden hin ausgeführt und am Gribingi bei Akungas (Dakongu) und im Gebiete der Sarra wie überhaupt in der ganzen Gegend westlich von Kuti festen Fuss gefasst haben. Als Länder, die von ihm um diese Zeit erobert wurden, werden ferner angegeben: Banga, Waido und Bandei, kleine Negerstaaten, die sich zum Teil in nächster Nähe vom Ubangi befinden. Der Sultan von Baghirmi hatte Rabeh Tribut geschickt und dadurch einstweilen die Gefahr eines direkten Angriffes seiner Soldateska von sich abgewendet.

Im Winter 1888/89 spielten sich Ereignisse in dem den Derwischen verfallenen egyptischen Sudan ab, welche für die Entwickelungsgeschichte der Macht Rabehs von grosser Bedeutung werden sollten. In Darfur war die sogenannte Gumeza-Revolution[22] ausgebrochen. Nachdem die Bewegung erstickt war, zog es ein grosser Teil der Leute, die sich gegen den Chalifa Abdullahi erhoben hatten, nach verlorener Sache vor, statt sich zu unterwerfen, mit ihren Waffen und Weibern nach Westen zu ziehen und sich mit Rabeh zu vereinigen. Es dürften wenigstens 1–2000 Mann gewesen sein, die aus diesem Anlass vom egyptischen Sudan her zu ihm gestossen sind. Unter ihnen befanden sich zahlreiche ehemalige egyptische Soldaten, die früher zu den Garnisonen von Fascher und anderen Plätzen von Darfur gehört und unter Slatin Pascha gedient hatten.

Rabeh näherte sich zunächst wieder dem Schauplatz seiner ersten Thaten, den er betreten hatte, nachdem er sich von Soliman ibn Zuber getrennt. Er eroberte Dar Fertit, wo sich die Derwische seitdem festgesetzt hatten, wieder zurück. Doch wagte er sich nicht weiter an das Reich des Chalifa heran.

Dann aber trat der entscheidende Wendepunkt in der Laufbahn Rabehs ein; er beschloss, in kühnem Zuge nach dem Schari zu marschieren, den Schwerpunkt seiner Thätigkeit und seines Reiches aus den Gegenden im Süden von Darfur und Wadai nach dem Westen zu verlegen und am Tschadsee die grossen seit Jahrhunderten dort bestehenden reichen Sultanate zu überrennen, um aus ihren Trümmern sich ein eigenes grosses Reich zu schaffen. Infolge der Verstärkung seines Heeres durch die Flüchtlinge der Gumeza-Revolution und infolge seiner neuesten Erfolge im Südosten von Baghirmi glaubte er sich stark genug, diesen Plan zur Ausführung bringen zu können. Hierzu kam, dass er sich in seinem bisherigen Aktionsgebiet nur noch schwer mit Munition und gutem Pulver — deren er in erster Linie immer bedürftig war — versorgen konnte. Durch den Angriff auf Wadai hatte er sich friedliche Handelsbeziehungen mit dem Norden unmöglich gemacht. Das Gebiet von Kanem, welches sich zwischen Wadai und dem Tschadsee befindet, war Wadai tributär oder stand unter dem Einfluss des Ordens der Senussi. Von Norden her konnte er sich also keine neuen Waffen und Munition verschaffen und ebenso wenig nach Norden Elfenbein und den Überschuss an erbeuteten Sklaven absetzen. Das Gebiet von Kuti aber muss nach allen Berichten infolge Rabehs langjähriger Anwesenheit arg mitgenommen und zu dauernder Rückkehr für ihn nicht mehr verlockend gewesen sein.

Im Jahre 1892 scheint Rabeh seinen Angriff gegen das Königreich von Baghirmi begonnen zu haben. Der Herrscher dieses grossen Ländergebiets war Muhammed Abd er Rachman Gauranga, der Sohn des Sultans Abd el Kader abu Sekkin. Gauranga, der dem Sultan von Wadai Tribut zahlte, stand ausserdem in gewisser historischer Abhängigkeit von dem König von Bornu. Der letzte Grund der Feindseligkeiten soll die Weigerung des Sultans von Baghirmi gewesen sein, Waffenhändler von Westen her mit Rabeh verkehren zu lassen. Längere Zeit schlug sich Rabeh im östlichen Baghirmi herum, zunächst in kleineren Gefechten den Sultan Gauranga besiegend. Dieser sah sein Schicksal voraus. Seiner doppelten Vasallenpflicht sich erinnernd, sandte er an beide Höfe Boten mit der Bitte um Hilfe gegen die sich heranwälzende Macht Rabehs, der, wie er richtig vorstellte, nach der Niederwerfung Baghirmis sich zum Herrn des gesamten Tschadseegebietes machen würde. In Bornu predigte er tauben Ohren. Der französische Forschungsreisende Monteil war im Sommer 1892, als er bei dem Bornu-Sultan Haschem in Kuka sich aufhielt, Zeuge der vergeblichen Sendung des Sohnes des Gauranga. Der Sultan Jussuf von Wadai aber war weitsichtig genug, die Situation zu erfassen, und versprach Hilfe.

Den älteren Wadai-Kriegern war der Weg nach Baghirmi bekannt. Schon zweimal war die Hauptstadt Massenja von den Wadai-Truppen erobert worden: das erstemal im Anfange dieses Jahrhunderts durch Abd el Kerim Sabun, welcher den blutschänderischen König Gauranga I. züchtigen wollte; das zweitemal durch Sultan Ali, der Ende 1870 mit seinem Djerma Abu Djebrin und dem Akid der Bulala nach Massenja zog, um an seinem zur Unbotmässigkeit neigenden Vasallen Abu Sekkin, dem Vater des gegenwärtigen Sultan Gauranga, ein Strafgericht zu üben.

Als Rabeh sich Massenja, der Hauptstadt von Baghirmi, näherte, verbrannte Gauranga die Stadt und floh nach Mandjafa (auch Mainheffa oder Mainfa gesprochen), wo er sich verschanzte. Die Stadt Mandjafa muss einen riesenhaften Umfang gehabt haben. Sie hatte eine aus Backsteinen hergestellte breite Mauer, in ihrem Innern befanden sich Felder; genügendes Wasser bot der Schari und ein Zufluss desselben, und so gewährte die Stadt alle Gewähr, einem nicht mit modernen Belagerungsgeschützen ausgestatteten Gegner, selbst wenn er, wie Rabeh, über eine grosse Anzahl von Feuerwaffen verfügte, geraume Zeit Stand halten zu können.

Fünf, nach anderen sieben, Monate lang belagerte Rabeh Mandjafa. Aber ehe er die Stadt einnehmen konnte, langten die von Gauranga erbetenen Hilfstruppen des Sultans Jussuf an. Das Wadai-Heer muss ein bedeutendes gewesen sein. Die natürlich stark übertreibende afrikanische Fama spricht von 40000 Mann. Die sämtlichen südwestlichen Provinzen und Tributärstaaten von Wadai haben am Kampfe teilgenommen, was sich schon aus den Namen der hervorragendsten vor Mandjafa kämpfenden Heerführer ergiebt. Von ihnen werden ausdrücklich genannt: der Djerma Osman Abu Djebrin und zwar als Generalissimus aller Wadai-Truppen, ferner ein Akid aus dem Salamat, Scharaf ed Din, sodann Gudjdja, der Akid der Raschid, Kadai, der Sultan der Bulala, Abd er Rachman, der Sultan der Madru (eines Stammes eine Tagereise östlich vom Fitri-See), Gado, der Akid der Debaba (eines arabischen Stammes in der Umgegend des Fitri-Sees), ferner der Kamkalak Daher, der Adari (Bezeichnung eines anderen hohen Offiziers) Musa.

Diesmal trug Rabeh einen entscheidenden Sieg über die Truppen von Wadai davon; das grosse Entsatzheer wurde vor den Thoren von Mandjafa gründlich geschlagen, viele der edlen Heerführer und eine grosse Zahl ihrer Truppen kamen um. Der Djerma gab seine Sache verloren und führte den Rest seiner Leute nach Wadai zurück, Gauranga konnte sich aus der Stadt flüchten, indem er den Ring der Belagerer durchbrach, und Rabeh zog als Sieger in Mandjafa ein. Die Stadt wurde geplündert und zerstört. Der Fall Mandjafas muss etwa im Juli des Jahres 1893 erfolgt sein. Gauranga floh zunächst nach Massenja und dann nach dem Süden, musste sich jedoch schliesslich unterwerfen und wurde Rabeh tributär, ohne aber seine Tributzahlungen an Wadai einzustellen.

Rabeh verfolgte seinen Sieg über die Wadai-Leute nicht, sondern wandte sich nunmehr westwärts gegen Bornu. Zunächst ging er, durch die Schätze der Baghirmi-Städte bereichert und durch zahlreiche neue Sklaven verstärkt, nach dem Norden der Landschaft von Logon. Er überlistete den dortigen über Kusseri, Gulfei und andere Schari-Städte herrschenden Duodezfürsten, den Sultan Musa, den er zum Herrn von Bornu zu machen versprach. Nachdem ihm eine Furt über den Schari gezeigt und der Übergang über den mächtigen breiten Strom erleichtert worden war, nahm er die Stadt Karnak-Logon und tötete Musa. Damit war Rabeh auf deutsches Gebiet übergetreten, gleichzeitig aber in das Königreich Bornu eingefallen, denn Logon war damals noch dem Sultan von Bornu thatsächlich tributär. Jetzt war der Krieg mit Bornu unvermeidlich geworden, einem der ältesten und grössten innerafrikanischen Reiche, dessen greiser Herrscher aber verweichlicht war, und dessen Bevölkerung längst das Kriegshandwerk verlernt hatte.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Entschliessung Rabehs, den Kampf mit Baghirmi zu betreiben, um dann weiter westwärts nach Bornu vorzudringen, hat ein Mann gehabt, welcher um jene Zeit im Süden des Tschadsees eine Rolle zu spielen begonnen hatte. Dieser Mann war Haiatu, ein Spross der seit dem Anfange dieses Jahrhunderts in Sokoto herrschenden Fulbe-Dynastie,[23] welche im Westen von Bornu vom Streifgebiete der Tuareg in der Sahara an bis über den Niger Benue hinaus die zahlreichen kleineren und grösseren Haussa- und Neger-Staaten sich tributär machen und zu dem Riesenreich von Sokoto zusammenschweissen konnte. Dadurch, dass das in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie gelegene, aus verschiedenen kleineren Staatengebilden bestehende Gebiet von Adamaua, dessen Emir in Yola residierte, dem Kaiser von Sokoto tributär wurde, umspannte dieses Reich das Sultanat Bornu auch im Süden. Haiatu, ein Urenkel des Stifters der Dynastie von Sokoto, glaubte sich zum Thronerben berufen. Schon als der neunte Sultan der Dynastie, Ma‘azu, ein Sohn des grossen Bello, welcher 1817–1832 regierte und die eigentliche Macht des neuen Reiches begründete, starb, hätte ihm nach dem muhammedanischen Rechte der damalige Senior der Familie, Haiatus Vater, Sa‘id, ein Bruder des Ma‘azu, folgen sollen. An dessen Stelle gelangte jedoch 1875 Omar, der Sohn des Aliu,[24] eines älteren Bruders des Ma‘azu, zur Regierung, und im Jahre 1891 wurde nach Omars Tode abermals der alte Sa‘id übergangen und an seiner Stelle Omar Abdu, der Sohn des Atiko, eines Bruders des Bello, auf den Thron erhoben. Haiatu hatte schon bald nach dem Tode des Ma‘azu, wenn nicht gerade die Fahne der Empörung entrollt, so doch in Gando, dem alten Stammsitze der Familie, unweit östlich der Hauptstadt Sokoto, ein eigenartiges Leben zu führen begonnen. Von Jugend an ein grosser Schriftgelehrter, predigte er gegen die Vernachlässigung der Gesetze des Islam und umgab sich gleichzeitig aus den zahlreichen Getreuen mit einem grossen Hofstaate, ganz in der Art wie die regierenden Könige von Sokoto. Sein Vetter wagte zwar nicht, sich an dem frommen Gegensultan zu vergreifen, aber im Jahre 1878 musste Haiatu doch das Feld räumen und nicht nur Gando, sondern überhaupt das Land seiner Väter verlassen. Er gab vor, die Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten. Zunächst wandte er sich nach Kuka, der Hauptstadt des grossen Tschadseereiches Bornu, doch wurde ihm nach einigen Monaten aus Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn in Sokoto bedeutet, dass seines Bleibens hier nicht länger sei. Darauf ging er südwärts nach Mandara und von hier aus nach Yola. Aber auch der Emir von Yola sah sich, nachdem er Haiatu etwa ein Jahr lang Gastfreundschaft gewährt hatte, genötigt, ihn zum Weitermarsch aufzufordern. Haiatu zog jetzt durch Adamaua nach der Gegend von Balda, wo noch Heiden (Musgu) hausen.

Nachdem Haiatu Yola verlassen, suchte er unterwegs in Adamaua unter den versprengten Fulbe, sowie überhaupt möglichst zahlreiche Gefolgsleute zu gewinnen, mit denen er immer weiter, angeblich zum Zwecke der Erfüllung der Pilgerpflicht, seines Weges zog. Im Gebiete von Balda erschien der Sokotoprinz zu einer Zeit, als die dortigen Musgu im Kampfe mit benachbarten Stämmen sich befanden, und sein Eingreifen in das Gefecht wirkte wie ein Wunder. Stadtkönig und Volk huldigten dem rettenden Engel. Nach diesem Erfolg verzichtete Haiatu auf die Fortsetzung seiner Pilgerreise. Er setzte sich in Balda fest, gewann zahlreiche Umwohner dem Islam und vergrösserte seine Herrschaft. Die Aussicht auf Beute unter seinen Fahnen liess immer weitere Dorfbezirke der Nachbarschaft ihn als König anerkennen. Kriegerische Fulbe und selbst Araber der weiteren Umgegend verstärkten sein Heer. Der Emir von Yola hatte vergeblich im Jahre 1891 Truppen gegen ihn gesandt. Im Jahre 1892 war er selbst zu Felde gezogen, aber von Haiatu geschlagen worden. Es heisst, dass sogar der Kaiser von Sokoto sich in die Sache gemischt und zunächst eine Gesandtschaft an Haiatu geschickt habe. Dieser begegneten die Leiter der deutschen Kamerun-Expedition, die Herren von Üchtritz und Passarge, Ende 1893 bei Marrua.[25]

Aber seine Absichten auf den Thron von Sokoto hatte Haiatu nicht vergessen, und als die Nachrichten von der Anwesenheit Rabehs auf dem rechten Ufer des Schari nach den Bornu-Landen drangen, setzte sich Haiatu mit dem kühnen Eroberer in Verbindung. Er hatte ihn über die Schwäche des Bornu-Reiches unterrichtet und aufgefordert, den morschen Thron des Sultans von Kuka über den Haufen zu werfen. Mit Rabehs Hilfe hoffte Haiatu alsdann, den Thron seiner Väter in Sokoto besteigen zu können.

Nach der Einnahme von Logon liess Haiatu seinen Sohn Mundjeli in Balda als seinen Stellvertreter zurück und stiess mit einer grossen Anzahl seiner Gefolgsleute zu Rabeh. Um seinen religiösen Nimbus zu erhöhen, gab sich der fromme Betrüger als einen Vorläufer des von Osten heranziehenden Eroberers aus, den er als einen Abgesandten des Mahdi bezeichnete. Von den nach der Gumeza-Revolution geflüchteten Mahdisten waren vereinzelte auch bis zu Haiatu gedrungen, und durch sie war er mit den Einzelheiten des Auftretens des egyptischen Mahdi bekannt geworden. Der geriebene Heilige soll sogar mit einigen seiner Getreuesten die Kleidung der Derwische, die mit bunten Lappen benähte Djibbe, angelegt haben.

Wenn Rabeh, als er an die Unterwerfung der grossen muhammedanischen Tschadseeländer herantrat, es für angezeigt hielt, sich den madhistischen Gedanken zu Nutze zu machen, so hat vielleicht Haiatu dabei seine Hand im Spiel gehabt; doch mag auch der ebenso schlaue wie rücksichtslose Usurpator aus eigener Initiative dazu gekommen sein, die Erfolge des Mahdi in den Dienst seiner Eroberungspolitik zu stellen. Vordem, als er noch weiter im Osten seinen Beutezügen in heidnischen Landen oblag, hatte er kein Interesse daran, sich als einen Gefolgsmann der Derwische zu bezeichnen: wir sahen, dass er die Aufforderung des egyptischen Mahdi Muhammed Achmed im Jahre 1884 und diejenige seines Chalifa im Jahre 1887, ihrer Sache zu folgen, unberücksichtigt gelassen hatte. Anders jetzt, wo er gegen Muhammedaner zu kämpfen hatte. Den muhammedanischen Unterthanen der Fürsten, deren Nachfolge er zu übernehmen gedachte, kündete er an, dass er zu ihnen komme, um im Namen des Mahdi sie vom Joche ihrer Herren zu befreien und eine neue gebenedeite Zeit für sie anbrechen zu lassen. Bei seinen Proklamationen soll Rabeh von nun an sogar die Phraseologie des Chalifa angewandt haben. Gentil zeigte mir in Paris zwei erbeutete, von Rabeh selbst geführte Banner, auf welchen der Name des egyptischen Mahdi aufgenäht war. Es hiess damals, dass Rabeh in Baghirmi einen Schatz von 500000 Rial (= Thaler) für den Mahdi gesammelt habe, den er jedoch angeblich nicht absenden konnte, weil er keine zuverlässigen Boten für diesen Auftrag gefunden habe. Deshalb habe er den Schatz immer mit sich in einer Truhe geführt, welche den Namen des Mahdi trug.[26] Sein Siegel führte nach der Eroberung von Bornu sogar die Aufschrift „Rabeh, im Namen des Mahdi Emir von Bornu“.[27]

Jedenfalls kam Haiatu dem Rabeh sehr gelegen, und wurde von ihm in kluger Weise für seine Zwecke benutzt. Rabeh gab ihm seine einzige Tochter Haua und nahm selbst eine seiner Töchter zur Frau. Auch erhob er ihn zum obersten geistlichen Berater und Gerichtsherrn.

Von Logon aus zog Rabeh den Schari aufwärts nach Süden und zerstörte die grossen an seinen Ufern gelegenen Städte, wobei er seitens der terrorisierten Bevölkerung und der kleinen Garnisonen des Sultans von Bornu nur wenig Widerstand fand. Mit rücksichtsloser Grausamkeit ging er vor, und die furchtbaren Blutbäder, die seine Truppen selbst unter Muhammedanern anrichteten, legten den Grund zu dem tiefwurzelnden Hasse, der ihm in der Folge nicht nur von den Kanuri, dem herrschenden Stamme in Bornu, sondern auch von den andern Völkerschaften dieses Tschadsee-Reiches entgegengebracht wurde, und der ihm später verhängnisvoll ward.

Jetzt erst kam der verweichlichte Sultan Haschem von Bornu zur Besinnung. Zu einem sofortigen Zusammenbringen seiner ganzen Macht konnte er sich aber noch immer nicht aufraffen. Er begnügte sich damit, vorerst einen seiner Generäle, den Mala Kerim, gegen Rabeh zu entsenden. Dieser schrieb Rabeh einen hochtrabenden Brief, in dem er ihn zum Rückzuge aufforderte und als Sklaven bezeichnete. Mit leichter Mühe wurde Mala Kerim bei Gilba im Süden des Tschadsees geschlagen und sein Heer vernichtet. Der besiegte Feldherr soll sich auf dem Schlachtfelde auf einen Teppich niedergesetzt haben, um den Tod zu erwarten. In eine frisch abgezogene Kuhhaut genäht, wurde er der Sonne ausgesetzt und fand so gedörrt einen qualvollen Tod. Noch ein Führer der Bornu-Leute, ein gewisser Taher, fiel lebend in die Hände Rabehs, wurde zunächst geschont, aber als er aus der Gefangenschaft Briefe an den Sultan Haschem sandte, getötet.

Darauf wälzte sich Rabeh mit seinem Heere den Tschadsee entlang nach dem Westrande der grossen Wasserfläche und dann nordwärts direkt auf die Hauptstadt Kuka zu. Es heisst, dass ein Kadi des Sultan Haschem, ein Schech Muhammed, von Rabeh bestochen worden sei. Auch herrschte Uneinigkeit zwischen Haschem und seinem Neffen Abu Kiari, der seit langem schon im Streit mit seinem Oheim lag und den Thron von Bornu für sich zu gewinnen trachtete. Haschem wollte das Feld dennoch nicht ohne Kampf räumen, und die Kanuri, so kriegsungewohnt sie waren, wollten nicht ohne Weiteres einem Fremden sich beugen. Mit einem gewaltigen Aufgebot von Menschen zog Haschem dem Feind entgegen. Bei Taghba, südlich der Hauptstadt Kuka, kam es zur Schlacht. Das grosse, aber in den Waffen nicht geübte und schlecht geführte Bornuheer wurde auf das Haupt geschlagen und vollständig zersprengt. Die Bornuleute flüchteten in wilder Hast, Haschem selbst wagte es nicht einmal, sich in die Stadt Kuka zu werfen, sondern floh nach Westen in der Hoffnung, bei dem thatkräftigen Sultan von Zinder, einem seiner Tributärfürsten, eine Zuflucht zu finden, wenngleich das Abhängigkeitsverhältnis Zinders zu Bornu in jüngster Zeit ins Wanken geraten war.

Rabeh kam die Eifersucht zwischen Abu Kiari und Haschem abermals zu Statten. Abu Kiari verfolgte Haschem, den er zwei Tagereisen westlich von Kuka einholte und tötete. Rabeh hatte inzwischen bei Mbane, einem Orte in der Nachbarschaft von Ngornu, etwa eine Tagereise südlich von Kuka, am Tschadsee, sich gesammelt, um die Belagerung Kukas vorzubereiten. Hier wurde er von Abu Kiari überrascht und geschlagen. Es war dieses die einzige Niederlage, die sich Rabeh seit Jahren zugezogen hatte und mit dem nicht glücklichen Kampfe gegen die Truppen von Wadai im Wadi Salamat der zweite Misserfolg seiner Waffen, seitdem er den egyptischen Sudan im Jahre 1879 verlassen hatte. Aber während die siegreichen Leute Abu Kiaris das Lager Rabehs plünderten, kehrte dieser zurück und schlug nun die Bornu-Truppen so gründlich, dass seit dieser Zeit an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken war. Abu Kiari selbst wurde gefangen und getötet. Es heisst, dass Rabeh seine Unterfeldherren nach der erlittenen Schlappe gründlich habe durchprügeln lassen, bevor dann zum Angriff gegen Abu Kiari geschritten wurde.

Jetzt rückte Rabeh gegen Kuka vor, das mit leichter Mühe eingenommen wurde. Die Stadt, eine der grössten und volkreichsten Innerafrikas, wurde geplündert und vollständig zerstört. Zahllose Kanuri wurden getötet, unter ihnen die sämtlichen obersten Chargen des grossen Hofstaates des verstorbenen Königs, sowie eine ganze Anzahl Prinzen des königlichen Hauses. Von den zahlreichen Söhnen Haschems konnten sich einzelne nach Zinder retten, einigen anderen scheint Rabeh das Leben geschenkt zu haben; offenbar ging er dabei von der Anschauung aus, dass ihr Vater nicht im Kampfe gegen ihn gefallen, sondern das Opfer des rebellischen Abu Kiari geworden wäre. Diese lebten in der Folge in der Nähe des neuen Herrn des Landes, allerdings unter strenger Aufsicht, mit Pensionen, welche ihnen von dem Sieger ausgezahlt wurden. Der einflussreichste und im Sinne des Seniorats dem erledigten Throne am nächsten stehende Prinz Omar Sanda, der älteste Sohn Haschems,[28] floh zunächst zu dem mächtigen Sultan von Mandara und später nach Zinder.

Auch das grosse Reich Bornu war somit dem kühnen Eroberer anheimgefallen.

[22] Vergl. Wingate, Mahdism and the Egyptian Sudan, London 1801, S. 375 ff. und 456.

[23] Der Singular von Fulbe ist Pullo. (G. A. Krause in seinem Beitrag zur Kenntnis der Fulischen Sprache in Afrika verdeutscht sie „Fulen“.) Die Franzosen nannten sie auch Peul, die Araber Fulla, ferner Fellata.

[24] Aliu fand Barth im Jahre 1853 an der Regierung.

[25] Vergl. Passarge, Adamaua, Berlin 1895, S. 190.

[26] Allem Anscheine nach hatte Rabeh das Geld als Eigentum des Mahdi erklärt, um so seinen Kriegsschatz besser hüten zu können.

[27] Der Mahdi und der Chalifa Abdullahi et Taischi haben mehrfach Emirate über Gegenden, die noch nicht mahdistisch geworden waren, verliehen; so lebt in Kairo ein reicher Kaufmann, der mit den Sudanländern seit langer Zeit Handel treibt und dem der Mahdi das Emirat über Damaskus übertragen hatte.

[28] Nach anderen wäre dieser Omar (auf Kanuri: Sanda) ein Bruder Abu Kiaris, also ein Neffe Haschems gewesen.