Aufenthalt in Hongkong.
Am 22. März Früh liefen wir in den riesengrossen Hafen von Hongkong ein, in welchem nebst sehr vielen mächtigen Handelsdampfschiffen auch kolossale Kriegsschiffe von England, Deutschland und Italien verankert sind, und in welchem sich ebenfalls unser Kriegsschiff Kaiserin Elisabeth befindet. Dazwischen liegen und segeln unzählig viele grosse und kleine Segelschiffe, und so geniessen wir hier den Anblick eines der bewegtesten Hafenbilder der Welt.
Die Marie Valerie landete nicht vor Hongkong selbst, sondern an dem gegenüber liegenden Strand von Kaulung, von wo aus alle zehn Minuten kleine Dampfer die Verbindung mit Hongkong vermitteln.
Ringsum ragen auf den neben einander liegenden Inseln grosse Berge empor, auf deren höchsten Spitzen die Engländer ein ganzes System von starken und sehr gut armirten Forts errichtet haben. Hongkong liegt auf dem Nordrande einer Insel und wurde von den Engländern »Victoria« benannt, doch wurde diese Benennung niemals landläufig.
Vor dem Breakfast machte ich einen Spaziergang durch Kaulung. Dort sind weiter landeinwärts, auf der Spitze der Hügeln, eine grosse Zahl von sehr schönen Kasernen und von dazu gehörigen, wirklich luxuriösen Gebäuden, die mit Gärten umgeben sind, erbaut, in welchen mehrere Regimenter, darunter auch solche aus Indien, untergebracht sind. Die Truppen, theils in rothen, theils in kaffeebraunen Uniformen, exercirten eben auf den nahe gelegenen Exercierplätzen. Die Strammheit ist jener, wie wir dieselben bei unserem und dem deutschen Militär zu sehen gewohnt sind, nicht gleich, doch betreiben die englischen Soldaten, meist Leute von hohem, kräftigem Wuchse, die Uebungen mit vollem Ernste. Im hohen Grade interessirte es mich, die indischen Regimenter mit ihren schönen, kräftigen, braunen Soldatengestalten bei der Ausbildung zu sehen. Die Engländer verlegten nämlich nach Hongkong mehrere Regimenter, welche sich im nordwestlichen Indien recrutiren, wo das beste indische Soldatenmaterial vorkommt. Aus Chinesen bilden die Engländer keine Regimenter, denn der Chinese ist ein schlechter Soldat. Wohl hat er Gehorsam und Abrichtungsfähigkeit, allein es fehlt ihm jedwede Initiative und es mangelt ihm der Muth.
Wie ausgezeichnet die Engländer für ihre Soldaten sorgen, das zeigt sich in den guten und gesunden Unterkünften, die sie ihnen schaffen, in dem reichlichen Lebensunterhalte, den sie ihnen gewähren; das beweisen die schönen Wohnungen der verheirateten Unterofficiere und die hübschen Villen, welche sie ihren Officieren zur Verfügung stellen, dafür sprechen endlich auch die Schulen für die Soldatenkinder, die Spitäler für die Mannschaft und deren Frauen und Kinder, und die Erbauung von sehr reich decorirten Heidentempeln für die Hindu-Regimenter.
Nach dem Frühstück begab ich mich mit dem Schiffscapitän auf das Kriegsschiff Kaiserin Elisabeth zum Besuch des Commandanten, Linienschiffscapitän B.. Sr. M.-Schiff Kaiserin Elisabeth erhebt nicht den Anspruch, gross zu sein, ja es sieht sogar recht mignon aus neben den nahe liegenden Riesenkriegsschiffen, besonders den zweien der Engländer, aber es ist wunderschön gehalten und gibt doch wenigstens hier, unter den anderen Vertretern der europäischen Länder, ein Zeichen davon, dass auch Oesterreich-Ungarn als Grossmacht existirt und seine Stellung im Völkerconcerte zu wahren weiss. Unser Kriegsschiff soll ein ganzes Jahr hindurch in den asiatischen Gewässern bleiben und wird unter der hervorragenden und zielbewussten Führung seines Commandanten die Vertretung unserer Monarchie gewiss vorzüglich gut besorgen. Bald nach meiner Rückkunft auf der Marie Valerie machte der Linienschiffscapitän B. seinen Gegenbesuch und lud mich für 7 Uhr Abends zum Diner auf das Kriegsschiff ein.
Nun fuhr ich hinüber nach Hongkong und suchte unseren dortigen Consul, Linienschiffslieutenant K., auf. Nach eingenommenem Tiffin in den herrlichen Sälen des Hongkong-Hôtels kaufte ich 50 Stück Ansichtskarten sammt Marken um 7 Dollars, behob in der Chartered Bank for India, China and Japan den Betrag von 400 Dollars und liess mich hierauf in der hier üblichen Weise von Menschen bis zur Drahtseilbahn auf den Peak von Hongkong führen. Bezüglich dieser Fahrt mit Menschen muss ich noch beifügen, dass in Hongkong Leute von Distinction nebst dem ziehenden Kuli noch zwei, den Wagen beiderseits anschiebende und in Dress gekleidete Kulis einherlaufen lassen. Da unser Consul so freundlich war, mir seine Leute zur Disposition zu stellen, so fuhr ich auf diese Weise ebenfalls mit drei Kulis, von denen jeder ein breites schwarzgelbes Bandoulière trug.
Die Drahtseilbahn ist ein bewunderungswerther Bau auf den 1800 Fuss hohen Peak von Hongkong, und ideal schön ist die Aussicht während der Fahrt auf den von Schiffen wimmelnden Hafen und auf die weit ausgedehnte Stadt mit ihren grossen Regierungsgebäuden, Palästen und Villen, die sich an der Lehne des Berges erheben. Vom Endpunkte der Bahn aus führt eine prächtig cementirte Strasse in sanft aufsteigenden Serpentinen noch weiter bis zur Spitze. Auf Anrathen des Consuls liess ich mich diese Strecke von Kulis in Tragsesseln hinauftragen. Von oben aus bietet sich ein seltener Rundblick auf die ganze englische Niederlassung dar, und man hat hier wieder Gelegenheit, die grossartigen und erfolgreichen Leistungen der Engländer zu bewundern. Wie auf allen Höhen, so befinden sich auch hier auf dem Peak Befestigungen und in deren Nähe Unterkunftsräume für englische Regimenter. Ja, die englische Regierung hat in der Vorsorge für ihre Truppen hier oben ein weitausgedehntes Hôtel vor Kurzem angekauft und dasselbe zur Umwandlung in eine Kaserne bestimmt.
Die ganze grosse Stadt mit ihren hervorragenden öffentlichen Baulichkeiten, Banken, Hôtels und Verkaufsläden hat vor 50 Jahren noch nicht bestanden. Erst seitdem die Engländer den magnifiquen Freihafen errichteten, erwuchs nach und nach dieser Welthandelsplatz, welcher heute seiner Bedeutung nach der drittgrösste auf unserem Erdballe ist und einen fabelhaften Reichthum repräsentirt.
Je länger ich mich hier in Asien aufhalte und je mehr ich Einblick in das ganze innere Getriebe nehme, um eine desto grössere Anerkennung muss ich einer so fruchtbringenden und zielbewussten Regierung zollen, desto mehr auch würdige ich die englische Verwaltung aller ihrer enormen Gebiete und der verschiedenartigen Völkerschaften, welche sich unter Englands Führung im Allgemeinen zufrieden fühlen. Die Engländer treten gleich mit grossen Werken auf und verwenden hierzu häufig sehr grosse Summen, wohl wissend, dass diese sich in späterer Zeit vielfältig verzinsen werden; sie sorgen in umfassender Weise für die Sanirung der Städte und ganzer Landstriche durch die Anlagen von Wasserleitungen, Canalisirungen, Aufforstungen u. s. w., sie heben auf jede Art den Aufschwung von Industrie und Handel, hauptsächlich durch Anlage von Eisenbahnen und Strassen, sie errichten Gotteshäuser, Schulen und Hospitäler, sie greifen nie in die persönliche Freiheit ihrer Unterthanen ein, insoweit dies nicht das öffentliche Wohl stricte erfordert, sie organisiren die Polizei aus Einheimischen und treffen stets überall die richtigen Vorkehrungen, wie die localen Verhältnisse dieselben nöthig machen. So kam es in früherer Zeit nicht selten vor, dass chinesische Schiffer einzelne Fremde, welche in der Nacht zu ihren Schiffen zurückfahren wollten, umbrachten, ausraubten und in's Wasser warfen, ohne dass man über den Verbleib dieser Leute eine Ahnung hatte. Da ordnete die englische Regierung an, dass die Polizei von jedem Reisenden, welcher in der Nacht auf einem Kahne nach seinem Schiffe zurückfahren will, den Namen und die Nummer des Kahnes in Vormerkung nehmen müsse. Seit dieser Zeit sind dergleichen Ermordungen nicht mehr vorgekommen.
Wenn nun auch die Engländer im Allgemeinen volle Freiheit des Handels und Wandels zulassen, so haben sie doch gewisse Angelegenheiten, welche eine weitgehende Bedeutung haben, ganz in ihre eigene Hand genommen. So ist in Hongkong nur die englische Regierung die ausschliessliche Besitzerin von Kohle, welche sie in ungeheuerer Menge aufspeichert. Auf diese Weise ist die englische Regierung hier Herrin der gesammten Schiffsbewegung und kann im Falle einer kriegerischen Verwicklung sofort die Ausgabe der Kohle ganz oder theilweise einstellen und somit die Function der Dampfschiffe vollkommen beherrschen.
Nach einem kurzen Spaziergange in der Stadt machte ich Toilette und begab mich an Bord unseres Kriegsschiffes Kaiserin Elisabeth, um der an mich ergangenen Einladung nachzukommen. Das Diner war brillant und während desselben spielte die Schiffsmusik heimatliche Weisen. Es machte auf mich eine grosse Impression, mich eben auf jenem Kriegsschiffe zu befinden, auf welchem Se. k. u. k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand vor sieben Jahren seine weltberühmte Reise um die Erde gemacht hat, und in denselben Räumen zu weilen, welche Se. k. u. k. Hoheit bewohnte und wo er sein epochales Tagebuch niederschrieb.
Bei dieser Gelegenheit wurde dem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, dass die Oesterreicher und Ungarn im Allgemeinen gar so unbeweglich sind, und dass weder das Vergnügen am Reisen, noch die Lust zur Erforschung fremder Länder, noch das Trachten zur Erweiterung des Handels oder zur Erreichung einer einträglichen Position in anderen Welttheilen ihnen den Antrieb geben, aussereuropäische Reisen zu unternehmen. Eben bei uns, wo das Wissen und Können einen hohen Grad erreicht hat und wo das Heimatland oft gar nicht dazu kommen kann, die Intelligenz Angesichts ihrer Ueberproduction fruchtbringend zur Geltung zu bringen, wäre es überaus vortheilhaft, sich in jene Länder zu begeben und sich dort einen Wirkungskreis zu schaffen, wo intellectuelle Kraft sich gut bezahlt macht. Auch abgesehen davon, wäre es sehr nützlich, wenn gar manche unserer Landsleute durch weite Reisen einen weiteren Ausblick gewinnen würden, damit sie in die Lage kommen, die heimatlichen Verhältnisse von einem grösseren und richtigeren Standpunkte aus zu beurtheilen.
Am 23. März besichtigte ich nochmals das bunte Treiben in den Strassen und am Hafen dieses grossen Handels-Emporiums, und kehrte dann auf unseren Dampfer zurück, welcher um 3 Uhr Nachmittags die Anker lichtete, um seine Fahrt nach Shanghai fortzusetzen.
Schliesslich möchte ich hier noch davon Erwähnung thun, dass ich bei meiner Ankunft in Hongkong, auf dem Festlande stehend, das Gefühl hatte, als ob der Boden unter mir schaukeln würde, und dass ich unbewusst meinen Körper hin- und herbewegte.