Der Aufenthalt in Penang.

Am 11. März, als ich des Morgens auf das Deck kam, sah ich Penang vor mir liegen. Ein sehr anmuthiger Anblick. Grosse, schöne Baulichkeiten am Hafen, daran anschliessend Palmenhaine, aus deren Mitte hübsche Villen hervorguckten, im Hintergrunde eine mit dichten Waldungen bedeckte Berglehne. Wieder zeigten sich mir neue Arten, neues Wesen und neues Leben, und kaum konnte ich all' die mannigfaltigen Bilder voll aufnehmen, die im Laufe des Tages auf mich einstürmten. Vorerst waren es die Leute und Kähne, welche unseren Dampfer umschwärmten, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Da waren andere Gestalten und Gesichter zu sehen als in Indien, theils waren sie braun, wie mit Patina überzogen, aber leider nicht so geruchlos als Patina, theils dunkel-, theils lichtgelb; die Einen hatten die Köpfe ganz, die Anderen halb rasirt, und den Dritten hing rückwärts ein langer Zopf herab. Die braunen Singhalesen (Ureinwohner von Ceylon) und die Malayen (Bewohner vom malayischen Archipel) waren in weisse Leibchen und in weisse, um die Lenden geschlungene, bis unter die Kniee reichende Linnen gehüllt; die gelben Leute waren entweder Siamesen oder Chinesen und trugen dunkle Gewänder, speciell die Chinesen mit Vorliebe schwarzglänzende, von der Hüfte abfallende Röcke. Sehr viele Bursche hatten den Oberleib ganz bloss und auf dem Kopfe ein weisses Tuch wie einen Kranz herumgewunden. Die Chinesen trugen Hüte, meistentheils aus grauem Filz. Der Hauptunterschied zwischen den Stämmen, die ich in Bombay, und jenen, die ich hier sah, besteht darin, dass alle hiesigen Leute in einem viel besseren Nähr- und Kraftzustande sind als dort. Die Kähne waren vorne kantig, rückwärts breit and nach diesen beiden Seiten hin stark nach aufwärts gebogen. Sie schaukelten daher lustig auf den Wellen herum.

Ich überschiffte mich mit den beiden Doctoren, von welchen der eine nach Singapore reiste und der andere Schiffsarzt war, an's Land, und nahm mir dort einen Wagen, um mit den beiden Herren nach dem ¾ Stunden entfernten, als schön gerühmten Park zu fahren. Nun bot sich uns ein ganz sonderbarer Anblick dar; 20-30 Personen drängten sich heran, um sich als Kutscher und Pferd in einer Gestalt anzutragen. Es ist unglaublich und menschenunwürdig und dennoch ist es wahr, dass die Menschen hier Pferdedienste leisten, und dies zu einem so geringen Preise, dass man bei uns nicht den schlechtesten Wagen dafür miethen könnte. Die Leute erhalten für einen halben Tag 50 kr. und für einen ganzen Tag 70 kr. und sind froh, wenn sie dies verdienen können.

Dieses Fuhrwerk (Jinriksha) besteht aus einer zweiräderigen Dachkalesche mit einer Gabelstange, die vorne geschlossen ist, und der Zieher derselben (Riksha genannt) läuft innerhalb dieser Stange und bringt sein Gefährt, fortwährend laufend, stundenlang weiter. Derselbe trägt nur einen kurzen Linnenrock von der Hüfte herab und hat ein Leinentuch um den Hals hängen, mit dem er sich nach Bedürfniss abwischt. Es gibt aber auch Pferdewagen, bei welchen der Wagen für vier Personen sehr luftig eingerichtet ist, und der von einem 10 bis 12 Faust hohen Pony, aus Sumatra stammend, gezogen wird. Diese kleinen Pferdchen sehen nicht hübsch aus, sind aber kräftig und sehr ausdauernd.

Ich wählte einen solchen Pferdewagen zur Fahrt nach dem Parke, die uns viele und interessante Momente verschaffte. Vorerst sahen wir in der sich sehr weit landeinwärts erstreckenden Stadt die Auslagen der Verkaufs- und Arbeitsläden an der Front der Häuser mit den für den gewöhnlichen Haushalt jener Leute nöthigen Artikeln, alle in sehr einfacher Form. Die Strasse ist sehr rein gehalten, auch die Läden sehen ziemlich rein aus, aber die ausgebotenen Artikel sind nicht zum Kaufe einladend.

Auf unserem weiteren Wege gelangten wir an einen Platz, auf welchem sich ein heidnischer Tempel erhebt, und wo sehr viele oben beschriebene Wagen und eine grosse Menge von Menschen sich zu einer Leichenfeier vereinigt hatten. Viele der von Menschen gezogenen Wagen hatten die Form von Frachtkarren, auf welchen Schüsseln theils mit abgestochenen, unzubereiteten, oder mit schön gebratenen kleinen Schweinen, theils mit Gänse- und Entenbraten oder mit schön aufgeputztem Zuckerwerke aufgestellt waren. Diese Esswaaren wurden dem Todten gewidmet, damit er nach seinem Tode nicht an Hunger leide. Die Frachtwagen waren zum Theil sehr hoch und schön hergerichtet, und über denselben wurden schmale Baldachine getragen. Der Todtenwagen selbst hatte die Form eines kleinen, kunstvoll auf Rädern gebauten Hauses, welcher von zwei kleinen, reich beschirrten Pferden gezogen wurde. Die Leidtragenden waren ganz in Weiss gekleidet, in diesem Lande die Farbe der Trauer, verriethen indess in ihrem Wesen, ebenso wie in Bombay, gar keine Trauer über den Verlust des Verstorbenen.

Nach dem Austritte aus der Stadt führt die sehr gut gehaltene Strasse mehrere Kilometer weiter durch mehr oder weniger dichte Anpflanzungen von Cocosnusspalmen und Bananensträuchern. Der Blick auf diese herrlich grünen Haine ist überraschend schön. Hoch hinauf ragen die Palmen, deren Stämme horizontale Wachsthumsringe zeigen, und welche erst an der obersten Spitze mit dichten, grossen Palmenblättern bedeckt sind. Im Schatten dieser Blätter setzen sich nächst dem Stamme gruppenweise die Cocosnüsse an. Zwischen den grossen Palmenbäumen stehen kleine, in die Höhe strebende Palmenbäumchen oder mit riesengrossen Blättern ausgestattete Bananenpflanzen. Saftiges grünes Gras bedeckt den Boden, und buntfärbige Blütensträuche umgeben den Strassenrand. Elegante Villen und die auf meterhohen Piloten stehenden Holzhäuser der Eingeborenen sind in diese Haine eingestreut und befinden sich, des Staubes halber, weiter von der Strasse entfernt. Näher gegen den Park zu bemerkte ich ein Haus, in welchem allerlei ausgestopfte Thiere, als Schildkröten, fliegende Hunde, Ottern, Füchse und sehr viele grössere und kleinere buntgefiederte Vögel zum Verkaufe ausgestellt waren.

Nach ¾ Stunden langten wir bei dem Parke an, dessen sorgsame Pflege sofort ersichtlich ist. Der Park steigt sanft an der Lehne eines Berges hinan und besitzt in seinem oberen Theile einen recht hübschen Wasserfall. Inmitten des Gartens befindet sich ein sehr grosses Bassin, welches die Stadt Penang mit Trinkwasser versorgt. Die Bäume und Pflanzen, sowie die in einem offenen Gartenhause gehaltenen Blumen sind von grosser Vielfältigkeit und Schönheit, und geben Zeugniss von der riesigen Ueppigkeit des Bodens in den Tropengegenden. Wahrlich reizend gestaltete sich der Spaziergang in diesem Parke. Vögel, deren Gefieder eine seltene Farbenpracht zeigten, zwitscherten und durchflogen die vom Blumendufte aromatisch gewürzte Luft, mächtig grosse Schmetterlinge flatterten von Strauch zu Strauch, und kleine Aeffchen sprangen an den Aesten der Bäume herum. Ungestraft ergeht es sich aber nicht unter den Palmen! Dies mussten auch wir erfahren, denn die Hitze war erdrückend, und nur im Schweisse unseres Angesichtes konnten wir dieses prachtvolle Bild geniessen. Auf der Rückfahrt kehrten wir denn auch, um die ausgetrockneten Kehlen wieder anzufeuchten, in das Hôtel »Oriental«, das beste von Penang, ein, und liessen uns das in den Tropen übliche Getränk: Whisky mit Sodawasser, reichen.

In diesem Hôtel sah ich auch den Engländer wieder, welcher von Colombo bis Penang mit uns gefahren war, und der, obgleich ich während der Fahrt sehr wenig mit ihm gesprochen hatte, schliesslich die Anfangs zur Schau getragene Steifheit derart abstreifte, dass er — der überaus wortkarge Engländer — mir beim Abschied seine Visitkarte mit der Bitte übergab, ihn während meines bevorstehenden Aufenthaltes in Ceylon jedenfalls auf seinem Landgute zu besuchen und auch den Tag meiner Ankunft in Colombo seinerzeit von Penang aus telegraphisch bekanntzugeben, weil er mir nach Colombo entgegenkommen wolle.