Fahrt von Shanghai nach Kobe.

In Shanghai waren wieder neue Passagiere zugewachsen, und zwar ein spanisches Ehepaar, ein Handelsmann aus Wien mit seiner Frau und zwei Engländer; trotzdem konnte ich meine beiden Cabinen bis zu dem ohnehin in drei Tagen bevorstehenden Ende meiner Reise beibehalten.

Das Wetter war während meines Aufenthaltes in Shanghai vortrefflich; die Sonne schien die ganze Zeit und es war recht warm. Allein am Tage der Abfahrt am 30. März gab es wieder einen tüchtigen Wetterumschlag, es stürmte und regnete, und das Thermometer fiel im geschlossenen Raume bis auf 6° R. herab.

Meiner Abhandlung über Shanghai will ich nun noch Einiges über die dortigen militärischen Verhältnisse beifügen. Im geraden Gegensatze zu Hongkong, wo man auf Schritt und Tritt Soldaten und militärische Einrichtungen sieht, sind in Shanghai gar keine militärischen Vorkehrungen getroffen und existirt überhaupt hier kein actives Militär. Bei dem Umstande indess, dass diese völlige Entblössung von jedweder militärischen Macht den europäischen Einwohnern denn doch etwas unheimlich und gefährlich schien, bildete sich eine militärische Freiwilligen-Abtheilung, welche aus Commis oder sonst dort in Kondition stehenden Europäern gebildet ist. Diese Leute sind mit Gewehren ausgerüstet und scheinen auch eine Art von Uniform zu besitzen. Ich habe diese Abtheilung an zwei Abenden auf einem freien Platz inmitten des englischen Settlements exercieren gesehen. Der Wille scheint gut zu sein, die Ausführung ist aber recht mangelhaft. Hoffentlich genügt diese Freiwilligenschaar, um Ruhe und Ordnung im Innern der Stadt aufrecht zu erhalten und das europäische Shanghai auch vor einem etwaigen chinesischen Ueberfalle zu sichern, eine Annahme, welche im Hinblick auf die elenden militärischen Verhältnisse bei den Chinesen doch einige Berechtigung in sich schliesst.

Am 31. März (Charfreitag) fuhren wir direct auf die Meerenge zwischen Nippon und der Insel Kiuschin zu, welche in einen Binnensee führt, an dessen Ufer Kobe liegt. Auf unserer Fahrt befinden wir uns etwa 500 km südlich von Kiautschau, welches von den Deutschen besetzt ist. Kiautschau befindet sich am südlichen Ufer der Provinz und Halbinsel Schantung, zwischen der Mündung des alten und des neuen Laufes des aus dem Centrum von China kommenden Flusses Hwangho und etwa 300 km östlich von dem 1300 km langen Kaisercanale, welcher von Peking nach Süden bis zur Hangtschau-Bai geführt ist.

Die Lage von Kiautschau ist demnach für den Handel sehr günstig, nur erscheint es geboten zu sein, behufs einer Verbindung mit den genannten Wasserstrassen noch gute Communicationen zu erbauen. Aber auch in politischer und militärischer Hinsicht kann die Wahl von Kiautschau als deutscher Ansiedlungsort als eine sehr glückliche bezeichnet werden, weil dieses Gebiet nur etwa 400 km südlich der Wasserstrasse von Tsill liegt, die ungefähr in einer Breite von 40 km den Wasserweg zum Golfe von Tsill, das ist zur Zufahrt nach Peking, eröffnet. Ausserdem dürfte der bergige Charakter der Gegend vortheilhafte Verhältnisse zur Verteidigung bieten und den sanitären Bedingungen zu Gute kommen.

Am 1. April, bei der Annäherung an Japan, wurde das Wetter endlich wieder besser. Gestern hatte ich den kältesten Tag der ganzen Reise erlebt, das Thermometer hatte sich nicht über 5° R. erhoben und die Witterung war die denkbar schlechteste. Der Wechsel der Temperatur, den ich auf der Reise durchgemacht habe, ist in der That sehr empfindlich gewesen. Auf der Fahrt zwischen Candia und Cypern gegen Port Said und bis 18. Februar in Bombay, dann weiter bis nach Hongkong war es fortwährend sehr heiss oder mindestens recht warm gewesen, aber vom 24. März an wurde es empfindlich kalt, so dass selbst die wärmsten Kleider nicht vor dem Frieren schützen konnten.

Zu Mittag passirten wir die Meerenge zum erwähnten Binnensee, und sahen die sehr starken Vertheidigungsmassregeln, welche Japan gegen eine feindliche Flotte, welche hier einfahren wollte, getroffen hat. Diese Vorkehrungen sind speciell gegen China gerichtet. An den Ufern und auf den Höhen von Shimonoseki und Moji sind viele Schanzen aufgeworfen und reichlich mit sehr guten Geschützen ausgerüstet. Der Name der Stadt Shimonoseki ist in der Welt durch den Friedensschluss bekannt geworden, welcher den letzten Krieg zwischen China und Japan beendete. Eine unzählige Menge von Fischerbooten werden nun sichtbar, und die vielen Dampf- und Segelschiffe, welche im Hafen von Moji vor Anker liegen, geben Zeugniss von dem lebhaften Handel, der hier betrieben wird. Dabei liefern aber zwei, nur mit den Schloten über den Wasserspiegel vorragende japanische Dampfschiffe gleichzeitig den Nachweis, dass in Japan nicht überall volle Solidität herrscht.

Die Fahrt in den Binnensee gewährt manche schöne Ausblicke auf die angrenzenden Ufer von Japan, ist aber nicht ganz ungefährlich, und das Dampfschiff muss daher von einem Lotsen geleitet werden. Der zur Marie Valerie herangekommene Lotse ist ein Norddeutscher, welcher schon seit 25 Jahren diesen Dienst versieht, und der sich hierbei ein hübsches Vermögen erspart hat, wie ich mich des anderen Tages durch Besichtigung seiner ihm gehörigen Villa überzeugen konnte.