E. Die Stellung der Frauen. Die Ehe. Die Tugend. Die Geburt. Die Kinder.
Die Stellung der Frau in Grönland muß im allgemeinen eine gute genannt werden, jedenfalls ist sie nicht unterdrückt, obwohl sie als weit unter dem Manne stehend angesehen wird. So will ein Grönländer sehr gern Söhne, dagegen aber sehr ungern Töchter haben, und sowohl Vater als Mutter sind in der Regel unzufrieden oder doch betrübt, wenn eine Tochter geboren wird.
Es herrscht eine bestimmte Arbeitseintheilung. Der Mann hat sein schweres Leben als Fänger und Familienversorger, wenn er aber ans Land oder in sein Haus kommt, so ist seine Arbeit beendet, und der Fang wird den Frauen überlassen. Sie empfangen den Fänger am Strande, wenn er, seine Beute bugsirend, naht, helfen ihn ans Land ziehen, und während er seinen Kajak und seine Waffen in Sicherheit bringt und sie an ihren bestimmten Platz trägt, liegt es den Frauen allein ob, die Beute ins Haus zu bringen. In früheren Zeiten war es unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu helfen, und so ist das Verhältniß auch noch heute im großen und ganzen geblieben. Die Frauen ziehen den Seehunden die Haut ab und zerschneiden den Fang nach bestimmten Regeln, während die Hausfrau der Vertheilung vorsteht. Außerdem ist es die Aufgabe der Frau, Essen zu kochen, die Häute zuzubereiten, die Kajaks und Frauenböte mit Fell zu beziehen, die Kleider der Männer zu nähen und alle häuslichen Arbeiten zu verrichten. Sie müssen auch die Häuser bauen, Zelte aufschlagen und die Frauenböte rudern (daher der Name), wenn sich die Familie auf der Reise befindet. Früher wenigstens war es unter der Würde eines Fängers, ein Frauenboot zu rudern, dagegen war es das Amt des Hausvaters, es zu steuern. Jetzt kommt es allerdings häufig vor, daß ein Eskimo im Boote sitzt und rudert, besonders, wenn dieses von Europäern zu ihren Reisen gemiethet ist. Es macht keinen guten Eindruck, sie so zu sehen, statt in ihren stolzen Kajaks, welche ihre eigentliche Lebensbedingung sind und bleiben, weshalb sie keine Gelegenheit unbenutzt lassen sollten, sich in ihrer Handhabung zu üben. Ein Großfänger hält sich auch noch heute für zu gut, um in einem Frauenboot zu sitzen, es sei denn als Steuermann.
Daheim in den Häusern wird man die Frauen in der Regel fleißig mit irgend einer Arbeit beschäftigt sehen, während die Männer nichts thun als essen, faulenzen, einander Geschichten erzählen und schlafen. Nehmen sie etwas anderes vor, so beschäftigen sie sich höchstens mit ihren Waffen, verzieren sie mit Knochenschnitzereien oder bessern sie aus, wenn es nöthig ist.
Wenn die Familien auf die Rennthierjagd ziehen, so schießen natürlich die Männer die Rennthiere, während es den Frauen obliegt, das erlegte Thier bis an das Zelt zu schleppen, was oft eine anstrengende Arbeit ist, bei der sie eine große Ausdauer nöthig haben.
Die Frauen bedienen sich nur sehr selten der Kajaks, der einzige Fang, den sie betreiben, ist der Angmasaetfang (Mallobus villosus). Dieser findet im Frühsommer statt, wenn der Angmasaet in so dichten Schwärmen an die Küste kommt, daß man ihn förmlich in das Frauenboot hineinschöpfen kann. Man fährt dann so lange mit dem Fang fort, bis man genug für den Wintervorrath zu haben meint, und wenn auch noch Unmengen von Fischen da sind, hält man es nur selten der Mühe werth, mehr zu fangen. Die gefangenen Fische werden von den Frauen zum Trocknen über den Steinen und Felsen ausgebreitet und dann zusammengestaut.
Mit dem Ueberziehen von Kajaks beschäftigte Frauen. Diese Arbeit wird stets mit Kaffee bezahlt.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)
Kapitän Holm erzählt, daß in Imarsivik an der Ostküste zwei Frauen in Kajaks fuhren. Es herrschte ein ungleiches Verhältniß zwischen Männern und Frauen, indem von 21 Bewohnern nur 5 dem männlichen Geschlecht angehörten. Ob diese Frauen eine ebensolche Fertigkeit im Fangen erreicht hatten, erwähnt er leider nicht.
Diese beiden Frauen waren gänzlich zu der Lebensweise der Männer übergegangen; sie kleideten sich wie Männer, trugen ihr Haar wie diese und traten überhaupt ganz auf, als gehörten sie dem männlichen Geschlecht an. Als sie die Erlaubniß erhielten, zwischen Holms Tauschgegenständen zu wählen, fiel ihre Wahl nicht auf Nähnadeln und ähnliche weibliche Geräthschaften, sondern auf Pfeilspitzen und dergleichen zu ihren Waffen. Es muß sehr schwer gewesen sein, sie von Männern zu unterscheiden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir sie am 5. August bei Singiartuarfik gesehen haben, ohne zu wissen, welchem Geschlechte sie angehörten.[72]
Holm erzählte, daß noch zwei andere Mädchen am selben Ort zu Fängern ausgebildet werden sollen, daß sie damals aber noch zu jung gewesen seien.
Die Ehen wurden in früheren Zeiten in Grönland ohne viele Umstände geschlossen. Hatte man Neigung zu einem Mädchen, so begab man sich nach ihrem Hause oder ihrem Zelte, zog sie an den Haaren, oder wo man sie sonst zu fassen bekam, ohne weitere Umstände mit sich in sein Haus,[73] wo ihr ein Platz auf der Pritsche angewiesen wurde; wenn es hoch kam, schenkte ihr der angehende Gatte einen neuen Wassereimer oder dergleichen, und damit war die Geschichte fertig. Jetzt dagegen gehört es in Grönland ebenso wie an anderen Orten zum guten Ton, daß die betreffende Dame es sich unter keiner Bedingung anmerken lassen darf, daß sie ihren Freier haben will, selbst wenn sie ihn noch so sehr liebt; sie muß sich deswegen widersetzen, muß jammern und klagen, so daß es weithin schallt; wenn sie recht wohlerzogen ist, so jammert und weint sie wohl gar mehrere Tage, ja entflieht ein oder mehrere Male aus dem Hause ihres Gatten. Wenn die Wohlerzogenheit zu weit geht, kann es wohl vorkommen, daß der Mann, falls er ihrer nicht bereits überdrüssig geworden ist, sie ein klein wenig unter die Fußsohlen ritzt, so daß sie nicht gehen kann, und bis die Wunden geheilt sind, pflegt sie dann eine glückliche Hausfrau geworden zu sein.
Diese Art und Weise, sich zu verheirathen, ist noch heute die einzige Art der Eheschließung in Grönland, und bei einer solchen Entführung kann es oft sehr gewaltsam zugehen, aber die Angehörigen der betreffenden Dame sehen doch mit der größten Gemüthsruhe zu, — die ganze Sache ist eben völlig privater Natur. Die Vorliebe der Grönländer, in gutem Einverständniß mit ihren Landsleuten zu leben, bewirkt, daß sie sich nur ungern in die Angelegenheiten Anderer mischen.
Es kommt natürlich auch vor, daß das junge Fräulein seinen Freier wirklich nicht haben will; in dem Falle setzt es seinen Widerstand so lange fort, bis es sich endlich in sein Schicksal gefunden hat, oder bis sein Freier es aufgiebt. Wie schwierig es für einen Zuschauer ist, zu entscheiden, was ihre wirklichen Wünsche sind, davon theilt uns Graah ein schlagendes Beispiel mit.[74]
Kellitiuk, eine tüchtige Ruderin seines Bootes, wurde eines Tages von einem Ostgrönländer namens Siorakitsok geraubt und in die Berge geschleppt, obwohl sie den heftigsten Widerstand leistete. Da Graah der Ansicht war, daß sie ihn durchaus nicht haben wollte, was auch von ihren nächsten Angehörigen bestätigt wurde, ging er ihr nach und befreite sie. Einige Tage später, als sie im Begriff waren, sich reisefertig zu machen, und das Boot grade flott gemacht war, sprang Kellitiuk in dasselbe, kroch unter eine Ruderbank und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es verlautete bald, daß sie dies gethan, weil Siorakitsok im nämlichen Augenblick auf der Insel gelandet war, seinen Vater als Sekundanten mitbringend. Graah wurde hiervon benachrichtigt, und überzeugt, daß sie wirklich Widerwillen gegen ihren brutalen Freier nähre, hielt er es für seine Pflicht, sie zu befreien. Als er herzukam, hatte der Freier sie schon halb aus dem Boot herausgezogen, und der Vater stand am Ufer, bereit, bei der Entführung behülflich zu sein. Als Graah sie ihm entriß und ihm eine Anweisung auf die „schwarze Dorthe“, eine andere Ruderin gab, die er gern los sein wollte, hörte ihm der Enttäuschte ruhig zu, murmelte einige unverständliche Worte in den Bart und entfernte sich mit böser Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich das Schicksal des Sohnes nicht weiter zu Herzen, „er half uns, das Fahrzeug zu beladen,“ berichtet Graah, „und sagte uns dann sein sicher aufrichtig gemeintes Lebewohl.“ Als sie abfahren wollten, war indessen Kellitiuk nirgends zu finden, obwohl man überall auf der kleinen Insel nach ihr suchte und sie rief; sie mußte sich irgendwo versteckt haben, und man fuhr schließlich ohne sie von dannen. Sie hatte doch eine Neigung zu Siorakitsok genährt.
Die ursprünglichen Grönländer trennen ihre Ehen ebenso schnell wie sie sie eingehen. Wird der Mann seiner Frau überdrüssig oder umgekehrt (was jedoch seltener der Fall ist), so sammelt sie ihr Pelzwerk zusammen und kehrt in das Haus ihrer Eltern zurück, als ginge sie die Sache nicht weiter an.
Hat ein Mann eine Neigung zu der Frau eines Anderen, so nimmt er sie ohne weiteres, falls er der Stärkere ist. Als Papik, ein angesehener Fänger an der Ostküste bei Angmagsalik, ein Auge auf Patuaks junge Frau geworfen hatte, begab er sich nach Patuaks Zelt und nahm einen leeren Kajak mit. Er ging hinauf, führte die Frau an den Strand hinab, wo er sie den leeren Kajak besteigen hieß und ruderte mit ihr fort. Patuak, der jünger ist als Papik und sich in Tüchtigkeit und in Kräften nicht mit diesem messen kann, mußte sich ruhig in den Verlust seiner Frau finden.[75]
Es giebt an der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit einem Dutzend Männer verheirathet gewesen sind. Utukuluk aus Angmagsalik hatte 8 verschiedene Männer ausprobirt, zum 9. Mal verheirathete sie sich wieder mit ihrem 6. Mann.[76]
Die Scheidung läßt sich, so lange keine Kinder da sind, sehr leicht ausführen; hat die Frau ein Kind bekommen und besonders wenn dies ein Knabe ist, so tritt gewöhnlich ein festeres Verhältniß ein. Der ursprüngliche Grönländer pflegt sich zu verheirathen, sobald er eine Frau versorgen kann. Der Grund hierzu ist häufig der Umstand, daß er einer Frau bedarf, die ihm bei Zubereitung seiner Felle und dergl. mehr behülflich ist. Er verheirathet sich oft, ehe er im stande ist, Kinder zu zeugen, ja an der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er vor der Zeit bereits 3 bis 4 mal verheirathet war. Ist jedoch erst ein Kind geboren, so wird, wie gesagt, die Scheidung seltener.[77]
Kann ein Fänger an der Ostküste mehr als eine Frau unterhalten, so nimmt er gern noch eine dazu, die meisten guten Fänger haben deshalb zwei Frauen, aber niemals mehr.[78] In der Regel scheint die erste Frau es nicht gern zu sehen, wenn sie eine Rivalin bekommt; zuweilen geschieht dies jedoch auf ihren ausdrücklichen Wunsch, wenn sie der Hülfe bei ihren häuslichen Arbeiten bedarf. Der Grund hierzu kann auch ein anderer sein. „Einmal fragte ich eine Frau,“ erzählt Dalager, „weshalb ihr Mann eine Nebenfrau genommen habe. Ich bat ihn selber darum, antwortete sie, da ich des Kindergebärens überdrüssig bin.“ (Grönländische Relationen Seite 8.)
Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich diese ursprüngliche bequeme Art und Weise der Eheschließung an der Westküste Grönlands abgeschafft, und dort wird man jetzt unter ähnlichen religiösen Ceremonien verehelicht wie in Europa. Auch braucht die Braut sich jetzt nicht mehr so sehr zu widersetzen wie früher.
Wenn es aber früher leicht war, eine Frau zu bekommen, so ist das jetzt um so mehr erschwert worden. Die Trauung muß nämlich von einem Pfarrer vollzogen werden, die eingeborenen Katecheten, welche die Stellvertreter der Pfarrer an den verschiedenen Wohnorten sind, dürfen es nämlich nicht thun. Wenn man nun an einem Ort wohnt, wohin der Pfarrer nur vielleicht einmal im Jahre kommt, muß man sich also danach einrichten, gerade um die Zeit einig mit seiner Braut zu sein. Hat aber ein junger, kräftiger Bursche Lust sich kurz nach der Abreise des Pfarrers zu verheirathen, so muß er also ein ganzes Jahr warten, bis der Pfarrer wiederkommt und seiner Ehe den obligaten Segen verleiht.
Daß eine solche Ordnung dazu führt, daß man losere Verbindungen eingeht oder als Ehepaar ohne kirchlichen Segen miteinander lebt, scheint unvermeidlich zu sein, selbst wenn die Grönländer nicht schon von Natur dazu neigten. Diese Ordnung kann daher nur schädlich und herabwürdigend für die Handlung wirken, der man wohl im Grunde dadurch mehr Ansehen hat verleihen wollen, daß nur der Pfarrer sie vollziehen kann.
Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich auch die Vielweiberei abgeschafft. Im Jahre 1745 hatte ein Heide bei Frederikshaab Lust, Christ zu werden, als er aber dazu kam, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen sollte, wurde er schwankend, weil er zwei Söhne von ihr hatte, von denen er sich bei der Gelegenheit also ebenfalls trennen mußte, deswegen sattelte er um und ging seiner Wege![79] Verdenken kann man dem Mann das eigentlich nicht.
Aehnliche Fälle, wo verlangt wird, daß ein Mann sich von der einen seiner Frauen trennen soll, mit der er möglicherweise lange Jahre glücklich gelebt hat, kommen noch heute vor, wenn sich die Grönländer von der Ostküste an der Westküste (in der Nähe von Kap Farvel) niederlassen und getauft werden. Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, zu welchem Unrecht der Mann hier gegen seine einmal angenommene Frau gezwungen wird. Schon Dalager hält dies für eine Ungerechtigkeit und „es scheint ihm ein Problema zu sein,“ inwiefern es gegen Gottes Ordnung streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau hat.
Vielweiberei kommt noch zuweilen an der Westküste vor, und eine Nebenfrau scheint das Erste zu sein, was ein tüchtiger Grönländer sich anschafft, wenn er sich überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. In Godthaab wurde mir ein Beispiel hiervon erzählt.
Renatus, der tüchtigste Fänger am Grädefjord, hatte sich in ein junges Weib verliebt und nahm sie zur Nebenfrau. Das Verhältniß zwischen ihm und seiner ersten Frau schien indessen ein gutes zu sein, und alles verlief ruhig, bis der Missionar[80] davon Kunde erhielt. Dieser hielt dem Manne die große Sünde vor, die er beging, und versuchte es, ihn zu bewegen, daß er seine Nebenfrau aufgeben sollte, was ihm jedoch nicht gelang. Inzwischen wurde von dem Vorstand[81] in Godthaab eine Klage eingereicht. Renatus erschien und allmählich brachte man ihn dahin, sich gutwillig zu fügen. Er sandte seine Frau nach Kangek (außerhalb Godthaab), wo sie im Hause des Katecheten Simons aufgenommen wurde. Gleichzeitig zog er jedoch weiter nördlich in die Nähe von Narsak, und da er dadurch einen gemeinsamen Fangplatz mit den Kangekern erhielt, geschah es häufiger, daß er mit ihnen zusammentraf und sie nach Hause begleitete, wodurch er Gelegenheit hatte, mit seiner zweiten Frau zusammen zu sein. Da indessen später von seinem früheren Wohnplatz aus große Klage geführt wurde, weil man dort Noth litt, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen war, so kehrte er wieder dorthin zurück und hat seither ein sittsames Leben geführt. Dies geschah vor einigen Jahren, die Nebenfrau lebt noch immer in Kangek, wo ich sie gesehen habe. Sie trägt ein grünes Haarband zum Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder als unehelich betrachtet werden.
Ein anderer tüchtiger Fänger in der Nähe von Lichtenfels hatte ebenfalls eine Nebenfrau genommen. Als der Missionar dies hörte, ließ er ihn zu sich kommen und versuchte auf ihn einzuwirken, was ihm aber nichts half, denn es trat keine Veränderung ein. Da schrieb der Missionar, erhielt aber keine Antwort, er schrieb strenger und strenger und ließ schließlich ernsthafte Drohungen einfließen; hierauf erhält er eine Antwort, die nur das eine Wort „Susa“ enthielt, was ungefähr so viel bedeutet als: „Ich scher mich den Teufel darum!“ Später scheint der Mann jedoch seiner Nebenfrau überdrüssig geworden zu sein, denn er ließ sich von ihr scheiden.
Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland wie in anderen Ländern der Welt sehr verschieden und hängt im wesentlichen von den Individuen ab. In der Regel führt der Mann das Regiment, aber ich habe auch Beispiele gesehen, daß er unter dem Pantoffel der Frau war; im ganzen gehört dies jedoch zu den Ausnahmen. Bei den ursprünglichen Eskimos scheint die Frau im Grunde als Eigenthum des Mannes betrachtet zu werden.
An der Ostküste geschieht es nicht selten, daß bei der Verehelichung ein förmlicher Handel geschlossen wird, indem „ein Jüngling dem Vater eine Harpune oder dergl. bezahlen muß, um seine schöne Tochter zur Ehe zu erhalten“, wie umgekehrt gute Fänger von den Eltern bezahlt werden, wenn sie die Töchter nehmen, und die Letzteren sind gezwungen, sich zu verheirathen, wenn die Väter es wünschen.[82] An der Ostküste geschieht es auch nicht selten, daß zwei Fänger sich darüber einigen, auf kürzere oder längere Zeit mit den Frauen zu tauschen, zuweilen behalten sie die eingetauschte Frau auch ganz. Das Austauschen der Frauen findet auch noch jetzt an der Westküste statt, besonders wenn man im Sommer in Zelten landeinwärts wohnt und sich auf der Rennthierjagd befindet, zu welcher Zeit man sich allerlei Freiheiten erlaubt.
Das Verhältniß zwischen den Ehegatten scheint in der Regel ein sehr gutes zu sein. Ich habe es niemals gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein unfreundliches Wort gewechselt wurde. Dies ist auch die allgemeine Erfahrung. Die grönländischen Gatten sind überhaupt äußerst rücksichtsvoll gegeneinander, ja man kann häufig sehen, daß sie sich liebkosen. Sie küssen sich, indem sie die Nasen gegeneinander drücken oder sich anschnupfen.
Auch an der Ostküste scheint das Verhältniß zwischen Mann und Frau in der Regel sehr gut zu sein, doch kommen dort nach Kapitän Holms Angaben oft blutige Auftritte vor.
Als Sanimuinak eines Tages mit einer neuen Frau (der vorhin erwähnten Utukuluk mit den 9 Männern) zu seiner Gattin Puitek nach Hause kam, ward diese böse und schalt ihren Mann. Er wurde wüthend, ergriff sie beim Schopf und schlug sie mit der Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich ergriff er ein Messer und stach sie in das Knie, so daß das Blut herausspritzte.[83] Dergleichen Fälle scheinen jedoch bei diesem friedliebenden Volk zu den Ausnahmen zu gehören.
Eine tiefere Liebe zu einander scheinen die Ehegatten nur ausnahmsweise zu haben, und stirbt der eine Theil, so tröstet der Hinterbliebene sich in der Regel sehr schnell. „Verliert ein Mann seine Frau,“ sagt Dalager, „so kondoliren ihm in der Regel nicht sehr Viele seines eigenen Geschlechts. Die Frauen dagegen postiren sich bei ihm hinter der Pritsche und beweinen die Verstorbene, wozu er schluchzt und sich die Nase trocknet.“ Nur wenige Tage später fängt er jedoch bereits wieder an, sich zu schmücken, und gleich wie in den Tagen seiner Junggesellenzeit werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, denn hiermit macht der Grönländer am meisten Staat. Wenn er dann in so glänzender Ausrüstung zu den andern Eskimos auf die See kommt, so sagen sie: „Gebt acht, da kommt ein neuer Schwager.“ Hört er das, so schweigt er und lächelt still vor sich hin. Nimmt der Mann eine neue Frau, so läßt sie es sich angelegen sein, über ihre eigenen Unvollkommenheiten zu klagen und die Tugenden der früheren Frau zu loben, „woraus man ersieht, daß die Grönländerinnen ebensosehr danach angethan sind, interessirte Rollen zu spielen wie die Evastöchter anderer Länder und Zonen.“
Aus dem Obenangeführten wird man ersehen können, daß die Tugend in keinem besonders hohen Ansehen in Grönland steht. Die ursprünglichen Grönländer scheinen in der Beziehung sehr vage Begriffe zu haben, und ein Vergehen gegen das sechste Gebot wird kaum als ein Unrecht betrachtet.
Dies geht ganz deutlich aus alledem hervor, was wir jetzt von den Ostgrönländern kennen, ebenso wie aus den Berichten Egedes und der ersten Missionare über die Heiden an der Westküste. Es gilt weder bei den Heiden an der Ostküste noch bei den Christen an der Westküste als Schande für ein unverheirathetes Frauenzimmer, Kinder zu bekommen. Hiervon habe ich sehr häufig Beispiele erlebt. Zwei Mädchen in der Nähe von Godthaab, die guter Hoffnung waren, bemühten sich keineswegs, dies zu verbergen, ja sie legten schon lange, ehe es nöthig war, ein grünes Haarband[84] an, sie schienen beinahe auf ihre grüne Farbe stolz zu sein. Ich habe Grönländerinnen gesehen, welche die grüne Farbe nicht nur zum Haarband benutzten, sondern die auch ihren Anorak damit verzierten, was weder vorgeschrieben noch gebräuchlich ist.
Obwohl die Pfarrer gegen diese schlaffe Moral geeifert haben und bemüht gewesen sind, von der Schulbank aus eine strengere Zucht einzuführen, so ist dadurch ihre Auffassung nur wenig verändert worden, und die jungen Grönländerinnen versuchen es gar nicht, ein Hehl daraus zu machen, wenn sie in einem Verhältniß zu einem Manne stehen; ist dies ein Europäer, so prahlen sie geradezu damit. Hieran sind freilich die Europäer zum großen Theil Schuld, denn die jungen unverheiratheten Männer, die nach Grönland gekommen sind, haben sich in der Beziehung den Grönländerinnen gegenüber schlecht benommen, und infolge des Respekts, in den man sich zu setzen gewußt hat, ist es so weit gekommen, daß der gewöhnlichste europäische Matrose dem besten grönländischen Fänger vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare Folgen getragen, indem die Rasse in den 150 Jahren, seit die Europäer sich im Lande niedergelassen haben, derartig mit europäischem Blut vermischt ist, daß es jetzt an der ganzen Westküste äußerst schwer ist, einen unvermischten Eskimo zu finden, wenn es deren überhaupt noch giebt.[85] Und dies ist der Fall, obwohl die Zahl der Europäer im Lande nur einen geringen Bruchtheil der Eingeborenen beträgt, es kommen etwa einige wenige hundert Europäer auf 10000 Eskimos.
Es ist ganz selbstverständlich, daß die Vergehen der Europäer gegen das sechste Gebot nicht dazu beigetragen haben, den Pfarrern die Arbeit mit der Einführung der neuen Moral zu erleichtern. Meine eigene, wie wohl auch die allgemeine Erfahrung geht darauf hinaus, daß die Grönländerinnen in der Nähe der Kolonien, wo sich viele Europäer befinden, leichtfertiger sind als bei den ausschließlich eskimoischen Wohnplätzen. Als Beispiel will ich anführen, daß die Frauen bei Sardlok und theils auch bei Kornok einen weit besseren und tugendhafteren Eindruck machten als die Frauen bei Godthaab, Neu-Herrnhut und Sukkertoppen.
Uebrigens nehmen es nicht allein die unverheiratheten Grönländerinnen in dieser Beziehung so leicht. Die Verheiratheten sind, besonders bei den Heiden, wenn möglich noch weniger eigen damit. Es ist bereits erwähnt worden, daß man an der Ostküste häufig die Frauen austauscht, dies geschieht jedoch stets zwischen bestimmten Männern, und ein Gatte sieht es in der Regel nicht gern, daß Andere als Derjenige, dem er seine Frau überlassen hat, in einem Verhältniß zu ihr stehen, er selber behält sich volle Freiheit vor. Im Winter, während sie in ihren Hütten wohnen, spielen sie jedoch häufig das sogenannte „Lampenauslösch- oder Frauenaustauschspiel“, bei dem die Lampen gelöscht werden und allen Anwesenden völlige Freiheit gestattet ist.
Ein ganz ähnliches Spiel gab es auch bei den Westgrönländern, ehe sie getauft wurden, ob es nicht noch jetzt im Geheimen an den Orten gespielt wird, wo der Pfarrer und die Autoritätspersonen es schwerlich entdecken können, dafür will ich nicht einstehen.
Die Grönländer scheinen indessen nicht von Natur allen Sittlichkeitsgefühls bar zu sein. Sie führen sich im täglichen Leben sehr anständig auf, darüber sind alle Reisenden sich einig, und selbst die Heiden geben im täglichen Leben keine Veranlassung zu irgend welchem Aergerniß.
Wenn ein Heide (und wohl auch mancher christliche Grönländer) die Frau eines anderen Mannes nicht anrührt, obwohl er Lust dazu hat, so scheint in der Regel der Grund hierzu mehr die Furcht zu sein, daß er sich deswegen mit dem anderen Manne entzweien könnte, als der Gedanke ein Unrecht zu begehen. Daß die Grönländer aber nur einen sehr schwachen Begriff in dieser Beziehung haben, davon zeugt unter anderem folgende Redensart, die bei Angmagsalik gebräuchlich ist: „Die Walfische, Moschusochsen und Rennthiere haben sich verlaufen, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute gepflegt haben.“ Viele Männer behaupten freilich, der Grund hierzu sei der Umstand, „daß die Frauen eifersüchtig waren, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute pflegten“.
Dies letztere soll auch bewirkt haben, daß der Sund, der das Land früher vom Sermilikfjord bis zur Westküste durchschnitt, sich mit Eis gefüllt hat.[86] Egede erzählt, daß das Gebot von der Monogamie besonders den Frauen sehr zugesagt habe und daß sie ihn häufig aufforderten, es den Männern beim Religionsunterricht recht nachdrücklich vorzuhalten.
In anderer Beziehung scheint dagegen das moralische Bewußtsein der Grönländer weit mehr entwickelt zu sein als dies bei uns der Fall ist. So wird es z. B. als unstatthaft betrachtet, sich mit einem Geschwisterkind oder mit irgend einem nahen Verwandten zu verheirathen, am liebsten soll man eine Ehe mit Jemand schließen, der auswärts ansässig ist. Dies ist eine Regel, die eine kräftige Nachkommenschaft sichert.
Die ungemischten Grönländer sind in der Regel sehr wenig fruchtbar. Zwei bis vier Kinder sind das Gewöhnliche in einer Ehe, doch giebt es auch Ehen mit sechs bis acht, ja mit noch mehr Kindern. Die Grönländerinnen gebären ungeheuer leicht. Graah erzählt ein Beispiel davon, wie wenig Umstände sie sich damit machen. Als er auf seiner Reise an der Ostküste entlang den Bernstorff-Fjord passirte, sollte eine der Frauen gebären. Sie ruderten schleunigst ans Ufer und landeten an einem kahlen Berg auf der Nordseite des Fjords. Während die Entbindung vor sich ging, streckte sich der Ehemann der Länge nach auf dem Berge aus und schlief, bald aber weckte man ihn mit der erfreulichen Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren sei. Dies wird, wie bereits erwähnt, als ein Glück angesehen, während die Töchter etwas Unbedeutendes sind. „Auch gab Emenek, so hieß der Mann, seiner Gattin seine Zufriedenheit zu erkennen, indem er ihr ein „Ajungilatit“ (Du bist nicht übel) zulächelte. Mit unserm neuen Passagier setzten wir dann unsere Reise fort.[87]“
Die heidnischen Grönländer tödten verwachsene wie kränkliche Kinder, von denen man annimmt, daß sie nicht leben können, auch solche Kinder, deren Mutter bei der Geburt stirbt und die Niemand säugen kann, werden umgebracht. Dies pflegt zu geschehen, indem man sie im Freien an die Erde oder auch ins Meer wirft.[88]
So grausam dies auch manchen europäischen Müttern vorkommen mag, so kann man doch im Grunde nicht leugnen, daß es eine vernünftige Einrichtung ist, denn bei den harten Lebensbedingungen, unter welchen der Grönländer sein Dasein fristet, wird es begreiflich erscheinen, daß man ungern eine schwächliche Nachkommenschaft aufzieht, die niemals im stande sein wird, Nutzen zu schaffen, sondern darauf angewiesen ist, sich von der Gemeinde ernähren zu lassen. Aus demselben Grunde stehen auch Leute, welche so alt geworden sind, daß sie keinen Nutzen mehr schaffen können, nur in geringem Ansehen, weshalb sie sich oft sehnen, aus der Welt zu kommen.
An der Ostküste soll es vorkommen, daß man alte Leute, von denen man glaubt, daß sie sterben werden, ertränkt oder daß sie sich selber ertränken.
Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier Jahre ist nichts Ungewöhnliches, und ich habe sogar erzählen hören, daß Knaben von zehn bis zwölf Jahren noch die Brust erhielten.
So theilte mir ein Europäer in Godthaab mit, daß er gesehen habe, wie ein junger 12jähriger Held mit einem eben gefangenen Seehund in seinem Kajak heimgekehrt und sofort zu der Mutter ins Haus gestürzt sei, wo er zwischen ihren Knien stehend, einen Skondrok verzehrte und sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.
Die Grönländer sind ungewöhnlich stolz auf ihre Kinder und thun alles, um sie zufriedenzustellen, besonders wenn es Knaben sind, die stets als angehende Fänger und Stützen der Familie betrachtet werden.
Eskimo-Knabe aus Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Eskimo-Knabe aus Godthaab. (Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Diese kleinen Tyrannen pflegen in der Regel das ganze Haus zu regieren, und das Wort des Weisen Salomo: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es beizeiten,“ wird nicht anerkannt; die Grönländer züchtigen ihre Kinder nie oder nur selten, und ich habe nicht einmal einen Eskimo ein hartes Wort zu einem seiner Kinder sagen hören. Man sollte erwarten, daß die Eskimokinder bei dieser Erziehung unartig und ungezogen würden. Dies ist jedoch keineswegs der Fall; obwohl ich mich ziemlich viel unter den Eskimos an der Westküste bewegt habe, so sind mir nur ein einziges Mal unartige Eskimokinder begegnet, und zwar in einem mehr europäischen als grönländischen Hause. Wenn die Kleinen einigermaßen zur Vernunft gekommen sind, so reicht ein vernünftiges Wort von seiten des Vaters oder der Mutter aus, um sie zu regieren. Niemals habe ich weder im Freien noch in den Häusern gesehen, daß Eskimokinder uneinig waren, sich zankten oder gar sich prügelten. Ich habe sie stundenlang bei ihren Spielen beobachtet, habe sogar an ihrem „Fußball“ theilgenommen (ein eigenartiges Spiel, das viel Aehnlichkeit mit dem englischen Football hat), und dabei kann bekanntlich gar leicht eine Uneinigkeit entstehen, nie aber sah ich unfreundliche Mienen oder Heftigkeit. Wo in Europa würde das wohl möglich sein? Was der Grund zu diesem auffallenden Unterschied zwischen europäischen und Eskimokindern ist, kann ich nicht mit Gewißheit sagen, im wesentlichen beruht es wohl in der äußerst friedlichen und gutmüthigen Natur der Grönländer. Zum Theil mag es auch darin liegen, daß sich die Eskimofrau stets mit ihren Kindern in einem Raum aufhält und sie, wenn sie sich im Freien bewegt, in der Amaute auf ihrem Rücken trägt, ja sie sogar mit auf ihre Arbeit nimmt; sie giebt sich folglich weit mehr mit ihren Kindern ab (sie säugt sie ja auch viel länger), als die europäischen Mütter selbst in den niederen Schichten thun, geschweige denn in den höheren, wo ja die Kinder den Mädchen oder Bonnen fast gänzlich überlassen sind. Infolgedessen herrscht natürlich in Grönland ein weit innigeres Familienleben zwischen Kindern und Eltern als in Europa. Daß die Eskimojungen sich hin und wieder einmal damit belustigen, nach den Enten und Hühnern des Koloniedirektors oder des Pfarrers zu werfen, muß man ihnen nicht zur Last legen, ebensowenig, wenn sie einmal in den Garten des Koloniedirektors eindringen und dort Unheil anstiften.
Eskimo-Knabe und -Mädchen aus Sukkertoppen. Das Mädchen mit einer kleinen Schwester in der Amaute ihrer Mutter.
(Nach einer Photographie.)
Man darf nicht vergessen, daß die Achtung vor dem Grundeigenthum völlig außerhalb ihres Fassungsvermögens liegt, wie sie auch nicht begreifen können, daß man nicht alles fangen und nehmen darf, was auf dem Felde wächst und sich dort bewegt; man mag ihnen das noch so viel einprägen, sie werden es doch niemals fassen.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß die Knaben schon zeitig zu ihrem Beruf erzogen werden; auf gleiche Weise erlernen auch die Mädchen den ihren; sie müssen schon in jungen Jahren nähen und der Mutter in ihren häuslichen Verrichtungen zur Hand gehen.