Luftdruck.
Ehe ich diese kurze Zusammenfassung von den wissenschaftlichen Beobachtungen der Expedition abschließe, will ich noch die Luftdrucks- und Windverhältnisse im Innern erwähnen.
Es scheint, als wenn über dem ganzen Innern durchgehends ein verhältnißmäßig hoher Luftdruck liegt, und als ob die Winde in der Nähe der Küste eine auffallende Neigung haben, vom Innern aus nach allen Richtungen dem Meere zuzustreben. Die Hochebene scheint die Bildung der barometrischen Maxima zu begünstigen und in der Regel wenig danach angethan zu sein, Luftdrucksminima oder Sturmcentren quer über das Land gehen zu lassen, doch geben unsere Beobachtungen mehrere Beispiele davon, daß das Innere von den Luftdrucksminima in der Baffinsbucht, der Davisstraße und der Dänemarksstraße beeinflußt werden kann. Wir hatten außerdem Gelegenheit zu beobachten, daß ein Luftdrucksminimum quer über dem Hochrücken gehen kann, indem ein Sturmcentrum am 8. September über uns hinweggeht (vergl. Kapitel XIX). Dies muß, wie Prof. Mohn mir mitgetheilt hat, ein sogenanntes sekundäres Luftdrucksminimum gewesen sein, das sich von einem Hauptminimum abgelöst hat, welches sich einige Tage vorher über der Baffinsbucht befand.
In den Tagen, als wir das Inlandseis verließen und auf das eisfreie Land an der Westküste hinabkamen, beobachteten wir einen vollständig föhnartigen, trocknen und warmen östlichen oder südöstlichen Wind. Dieser kam natürlich vom Inlandseise oder aus der über demselben liegenden oberen Luftschicht herab; daß er aber ganz von der Ostküste her über das Eis gekommen sein sollte, ist nach dem bereits Angeführten eine Unmöglichkeit. Es muß folglich ein feuchter Seewind gewesen sein, der als südwestlicher Wind weiter südwärts über das Inlandseis gekommen ist und der sich dann auf gewöhnliche Weise in einem Bogen über dasselbe hinbewegt hat und wieder als Wind von innen her aus den höheren Luftschichten zu uns gelangt oder über den Rand des Inlandseises herabgesunken ist. Hierin liegt möglicherweise auch die Erklärung für viele der bekannten warmen östlichen Winde an der Westküste Grönlands. Der dänische Meteorolog Adam Paulsen hat schon nachgewiesen, wie unwahrscheinlich es ist, daß diese Winde quer über das Inlandseis kommen sollten, so wie man das früher angenommen hat, aber er schiebt die Ursache ihrer Entstehung auf die lokalen Küstengebirge; darin hat er sicher auch größtentheils Recht, und die Küstengebirge spielen in diesem Falle dieselbe Rolle wie in andern Fällen das Inlandseis.
Dies ist alles, was ich für den Augenblick über die wissenschaftliche Ausbeute unserer Expedition berichten zu können glaube. Wie man begreifen wird, ist noch viel in Grönlands schneebedecktem Innern zu erforschen. Diese Expedition war die erste, die dies Innere durchquerte, und sie hat sozusagen nur Eines ausgerichtet, — sie hat gezeigt, von einer wie großen wissenschaftlichen Bedeutung es ist, das Innere gründlich zu erforschen. Auf unserer Wanderung mußten wir das Hauptgewicht darauf legen, vorwärts zu kommen und unser Leben zu fristen; an wissenschaftlichen Untersuchungen konnten wir nur das ausführen, was sich mit einem eiligen Marsche vereinigen ließ. Kommende Expeditionen aber werden sich an der Hand der von uns gemachten Erfahrungen bequemer einrichten und richtiger zu Werk gehen können; sie werden folglich eine wissenschaftliche Ausbeute mit heimbringen können, gegen welche die unsere nur verschwindend ist.
Möchten sie nicht lange auf sich warten lassen!
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GRÖSSERES BILD
[97] Während diese Abhandlung im Druck war, hat der norwegische Geologe H. Reusch in einem Vortrag in Kristiania die von ihm gemachte Entdeckung mitgetheilt, daß sich in Finnmarken glaciale Scheuerstreifen von paläozoischen Schichten befinden; ob es Perm oder Silur ist, weiß man nicht genau.
[98] Ein anderes Verhältniß, das eine solche Annahme scheinbar stützen könnte, ist der Umstand, daß Neu-Seeland durch eine Verschiebung der Achse in einen höheren Himmelsstrich kommen und ein kälteres Klima erhalten würde. Dies fällt merkwürdigerweise mit dem Resultat zusammen, zu dem man gekommen ist, daß nämlich Neu-Seeland zwei Eisperioden gehabt hat, und zwar gleichzeitig mit Nordamerika und Europa, während dagegen die patagonische Eisperiode früher stattgefunden hat, ja sogar in der allerletzten Tertiärzeit (spät-pliocene Zeit), als der Nordpol möglicherweise näher an die asiatische Seite herangelegen hat, als dies jetzt der Fall ist (siehe darüber unten).
[99] Die Observationen weisen ein schwaches Wachsen der Polhöhe für das erste Quartal des Jahres 1889 nach und eine beginnende Abnahme in dem zweiten, die sich dann bis zum Januar d. J. fortsetzt und 0,5″–0,6″ beträgt. (Astron. Nachr. 1889, Bd. 124.)
[100] Der Italiener Fergola hat die zuverlässigen Breitenbestimmungen zusammengestellt, welche eine Veränderung der Polhöhe konstatiren, und kommt zu dem Resultat, daß die Veränderungen, berechnet auf 100 Jahre, sich belaufen auf: in Greenwich −2,4″, Washington −2,8″, Mailand −2,5″, Neapel −2,4″. (Atti de Societa di Napoli. Accad. d. science, Vol. 5, 1873.)
[101] In wie weit die Pflanzenversteinerungen miocen sind, müssen wir freilich dahingestellt sein lassen.
[102] Diese Untersuchungen werden in den nächsten Heften des Archivs für Mathematik und Naturwissenschaften (Bd. 14 u. 15) veröffentlicht werden.
[103] Die Moränenablagerung, die wir am 28. September (Bd. II., S. 165) sahen, hat hiermit nichts zu thun; es war eine gewöhnliche, zwischen zwei Eisströmen gebildete Mittelmoräne.
[104] Daß der Schnee hier durch sein Schmelzen nicht viel dazu beitragen kann, die Sommer verhältnißmäßig kalt zu machen und so bis zu einem gewissen Grad den Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter auszugleichen, so wie dies gewöhnlich der Fall ist, geht daraus hervor, daß das Schmelzen selbst im Hochsommer nur sehr gering ist.
[105] Wie bereits erwähnt, geht kein Schmelzprozeß vor sich, der die Schneemassen auf der Oberfläche verringern könnte. Dies Schmelzen kann folglich auch nicht zu einer Verringerung der Temperatur durch Bindung der Wärme beitragen, da die gebundene Wärme durch den Nachtfrost wieder abgegeben wird.
[106] Man könnte möglicherweise auf den Gedanken kommen, daß die Verdampfung der Schneefläche auch im wesentlichen Grade zu dem Herabsetzen der Temperatur beitragen müsse. Ich bin jedoch der Ansicht, daß das Verdampfen in der kalten Temperatur verschwindend sein muß, da die Luft über der Schneefläche, wie wir nachgewiesen haben, in der Regel sehr mit Feuchtigkeit gesättigt ist und da häufig Niederschläge stattfinden.
[107] Um die konstante Jahrestemperatur zu finden, braucht man gar nicht tief in die Schneeschicht einzudringen.
[108] Also auch aus diesem Grunde kann ein Inlandseis in der Nähe des Randes nicht so dick sein wie weiter nach Innen hinein, da die Temperatur der Oberfläche hier geringer ist. Dies Verhältniß wird jedoch durch die stärkeren Niederschläge am Rande ein wenig ausgeglichen.