Im Bereich Rondanes und der Sölenberge

Juli 1916.

Die Fahrt von den lachenden Mjöslandschaften das lange Gudbrandstal hinauf bis Otta bietet nicht viele Überraschungen. Gutgehaltene Gehöfte leuchten zu beiden Seiten des glitzernden Lågen. Das Leben geht im Talgrund seinen gleichmäßigen, altgewohnten Gang. Der ziemlich gelichtete Wald erstreckt sich auf beiden Seiten die Abhänge hinan bis zum Rand des kahlen Gebirges.

Verläßt man aber diese Einförmigkeit und geht ein Seitental hinauf, wie es die Waldschlucht ist, durch die sich die Ula ihren Weg vom Hochland herab bricht, dann ist man bald in einer neuen Welt.

Durch ein einsames Waldtal kommt man am Fluß entlang aufwärts, der in lauter Wasserfällen zur Seifensteinmühle unten im Tal hinabstürzt.

Hat man eine enge Bergpforte hinter sich, dann erweitert sich das Tal etwas und wird oben flacher. Die großen weißen Terrassen zu beiden Seiten mit den horizontalen Schichten zeigen, daß hier einmal, wohl am Schluß der Eiszeit, ein großer Binnensee gewesen ist. Jetzt ist er ausgetrocknet, da sich der Fluß einen freien Lauf gebahnt hat durch diese Rinne im Berge, die wohl von einer Moräne aufgedämmt worden war, oder vielleicht auch vom Eise, als das Tal draußen von einem Gletscher angefüllt war.

Dann wird das Tal wieder enger, und es geht höher hinauf. Allmählich wird der Wald niedriger und lichter, bald steht man an seinem oberen Rand. Die Talschlucht erweitert sich. Nach oben wird es flacher, und vom obersten Rücken, meint man, müsse man schon einen Ausblick auf die Bergweite mit ihren Gipfeln haben.

Das Barometer war gestern gesunken, schwere Wolken zogen jetzt von Osten her. Es mochte wohl Regen geben, aber es war gutes Wetter zum Gehen.

Jenseits der Schlucht liegt eine Sennhütte in etwas lichtem Wald mit flachen Mooren. Von da kommt man zur Mysualm hinauf. Im Birkenwald steht Hütte an Hütte; rot angestrichen, mit grünem Torfdach, vorn Fahnenstangen; sie sind von Stadtleuten gebaut, die sich hier im Sommer aufhalten und die Gebirgsluft genießen, im Herbst auf die Jagd gehen und zu Ostern Schneeschuh laufen.

Dann kommen die Touristenhütte und die Sennhütten. Aber der Weg führt höher hinauf, ins kahle Gebirge. Bald ist man ganz oben, und die Bergweite liegt wie eine Almwiese vor einem und wogt in weichen, mit Heidekraut und Moos überwachsenen Wellen.

Über dem allen liegen die Berge. Dort ist Rondane! Wolkenhohe Steinmassen wölben sich Kuppe an Kuppe über den Bergheiden mit tiefen Spalten, mit Firnen und Talkesseln und Schutthalden — eine Märchenwelt für sich.

Dort ganz im Westen, sind das der Valsberg und die Bråkdalshöhe, wo Per Gynt hauste? Dann sind das in der Mitte wohl Smiuhammer und die Rondvaßhöhe mit den jäh abfallenden Hängen. Aber Diger-Ronden selbst und Hög-Ronden sieht man nicht, die liegen hinten. Hier vorn im Osten ist die Illmannhöhe.

Was für Berge! Sie tauchen fast zu plötzlich auf, nach dem kurzen Aufstieg vom Tale. Die Brust weitet sich, der Mut und die Schwingen wachsen.

Über welche Flächen schweift hier das Auge! Man fühlt sich so leicht, als könne man fliegen, und die Gedanken schwimmen in der blauen Luft bis weit nach Norden zu den festen Linien der Rondeberge.

Nach allen Seiten dehnt sich die Bergweite — die Täler wie schmale Risse in den Gebirgsflächen. Tief dort unten windet sich der Fluß des Menschenlebens, weit, weit weg von hier oben. Hier atmet man frei, hier bietet sich Ruhe für Auge und Herz.

Doch andere Bilder tauchen auf — aus weiterer Ferne.... Festungen, Schützengräben — Berge von verstümmeltem Menschenfleisch.

Nein, nein, dem Furchtbaren da draußen entkommt man nicht, auch hier nicht! Nirgends gibt es Frieden.

In all das, was man sieht, klingt der Jammer von Millionen von Frauen hinein, die alles verloren haben — den Geliebten, den Gatten.... Man sieht verzweifelte Mütter nach ihren Söhnen suchen, ergraute gebeugte Väter nach der Hoffnung ihres Stammes....

Ein Alpdrücken des Wahnsinns!.... und niemand kann es aufhalten — niemand.

Schon erbeben die Grundlagen der Gesellschaft.... Die Völker Europas — die „Träger der Kultur“ — fressen einander auf; sie zertrampeln die Kultur, sie legen Europa in Ruinen — wem zum Vorteil?

Es ist wie eine Lawine, die auf ihrem Weg zum Abgrund immer mehr mit sich fortreißt, Bäume, Wälder, Häuser, Gehöfte. Sie nimmt zu an Furchtbarkeit; alle wissen, daß sie das ganze Tal begraben wird, aber keine Macht kann sie aufhalten, sie muß ihren Lauf vollenden.

Und wofür wird gekämpft? Für Macht! Nur für Macht! Wenigstens die, die angefangen haben....

Konnte es denn anders kommen? Eine Kultur, die die Macht als das hohe Ziel der Völker setzt, kann die Menschheit nicht vorwärtsbringen; sie mußte sie schließlich hierher führen — dem Untergang entgegen.

Für die einzelnen wie für die Staaten galt als Forderung der freie, rücksichtslose Wettlauf nach dem materiellen Erfolg um jeden Preis, nach äußerer Macht, nach Glanz.

Um das Ziel zu erreichen, nahmen die Völker auf nichts anderes mehr Rücksicht als auf sich selbst. Ideale, Moral konnte jeder mit heiligem Recht mit Füßen treten, sobald nur sein Volk Vorteil davon hatte. Da konnten feierliche Versprechen gebrochen werden, da konnte gelogen, betrogen, da konnte gemordet werden mit Lug und Trug. Da wird der Mann zum Verräter, der nicht jedes Mittel anwenden will, um die Gegner seines Volkes zu vernichten. Ja, wenn es notwendig war, schadete es nichts, wenn einer die übrige Menschheit vernichtete, sobald sein eigenes Volk Platz brauchte....

Der Feldruf ist: Nieder mit allen andern, wenn nur wir in die Höhe kommen!

Mit Notwendigkeit mußte das zu dieser Selbstvernichtung führen, sie mußten einander auffressen, sobald die Erde zu klein wurde und jeder Platz besetzt war, als die letzten zur Krippe kamen und meinten, sie hätten dasselbe Recht auf die fetten Bissen wie die andern.

Aber alle behaupten, sie seien in den Kampf hinein gezwungen worden, sie kämpften für die hohen Ideale. Wie ist es so gekommen?

Es mußte so kommen! Europas Kultur hat versagt; sie war innerlich faul. Wie der kranke Baum im Walde stürzte sie zusammen, sobald der Sturm losbrach.

Kultur? Ja, was ist sie denn, wenn sie nicht das wilde Tier meistert, wenn sie es nicht fortführt aus der Barbarei? Das ist ja ihr innerstes Wesen, ohne das ist sie eine leere Schale.

Aber nun rast das wilde Tier zügellos, der Fenriswolf ist los, häßlich heult Garm am Eingang zur Unterwelt.

Der größte Sieg ist, sich selbst überwinden. Das gilt nicht nur für den einzelnen, das gilt auch für die Völker, für die Gemeinschaft der Menschen.

Wir führen einen steten Kampf, um die Naturkräfte zu meistern, um das Dasein zu sichern. Aber die ohne Frage größten Unglücksfälle, das schlimmste Elend verdanken wir immer noch den Menschen selbst, und noch sind wir nicht dahin gelangt, das hindern zu können. Welch eine furchtbare, demütigende Wahrheit!......

Die schwere Nebelkappe über dem Smiuhammer wird dunkler, unten in der Schlucht wird es blauschwarz. Es ist, als runzle der Berg die Brauen......

Kann es wahr sein? — Aber es sind ja Großmächte — und eine Großmacht darf alles, was sie selbst für recht erklärt. Die Mehrheit entscheidet über das Recht in der Welt. Eine Großmacht ist immer in der Mehrheit, also hat sie immer recht — und die kleinen Völker haben unrecht. — —

Nein, das führt im Kreise herum. Aber ich will ja vorwärts, ich will weiter über diese moosbewachsenen Flächen, wo nichts den Fuß aufhält.

Über die Flächen und an den Bergwänden hinauf schweift der Blick..... Hier gab es früher Renntiere genug, aber jetzt ist kein Tier zu sehen, kein lebendes Wesen. Die Menschen haben alles vernichtet.

Ein herrliches Geschöpf, dieser Mensch..... plündern, rauben, Krieg gegen die Tiere, Krieg gegen die Menschen..... Raubtier — überall.....

Und wie dieser Krieg alle Begriffe auf den Kopf stellt! Zu was für Ungeheuern macht er uns!

Bekommt einer eine Uniform an, Kleider von einer gewissen Form und Farbe, und dazu einen Befehl, dann hat er Recht zu allem möglichen. Er kann aus der Luft Bomben auf friedliche Städte werfen, auf arbeitsame Bürger, die nur ihrer Tagesarbeit nachgehen, er kann Wohnstätten, Eigentum, Beruf vernichten.

Verteidigt sich aber einer, der keine Uniform anhat, schießt er auf die Gewaltmenschen, dann ist das ein schändliches Verbrechen .... Fängt man ihn, dann wird er nach Gesetz und Recht erschossen oder gehängt...

Es kocht in einem.... Aber selbst sonst gutherzige Menschen finden so etwas in Ordnung, wenigstens schreien sie nicht.

Ist das die Kultur, in der die Welt weiterleben sollte? Dann lieber verbluten..... dann lieber untergehen!

Mußte Europas Kultur bis zu diesem Wahnsinn führen — und das mußte sie wohl, denn es waren ja erwachsene Männer und nicht gedankenlose Kinder, die die Drähte in der Hand hielten —, ja, dann war sie fertig und sie mußte in den Schmelztiegel ....

Und wir, unser Volk? Sollen auch wir in den Mahlstrom hineingezogen werden, bevor wir noch haben versuchen können, unsern Einsatz in der Entwicklung der Welt zu leisten? Noch haben wir Norweger keine eigene Kultur hervorgebracht, aber die Kräfte sind da, und groß genug liegen die Aufgaben vor uns in der Zukunft — wenn wir nur nicht an unserer Seele Schaden nehmen, indem wir als Zuschauer dasitzen und uns mit dem mästen, was vom Weltbrand abfällt.....

Bei uns herrschte dieselbe wilde Gier nach Gewinn, die den Krieg entzündete; aber wir leben ohne die großen Gefühle, die ihn tragen.....

Dort draußen werden trotz aller Vernichtung doch Willen gehärtet, dort werden Männer geschaffen. Die Völker kämpfen um ihr Leben, — da gibt es noch Ziele!..... Und sie erhalten ihre Taufe in dem großen Leiden, in der Entsagung, in dem geduldigen, unbegrenzten Opferwillen..... Aller Flitterstaat wird abgestreift, sie werden zur Natur zurückgezwungen, zu dem einfacheren, gesunderen Leben in Genügsamkeit.... Aber wir?...

Sollte aus dieser Berserkerwut des Wahnsinns doch etwas Gutes, eine neue Zeit hervorgehen?

Fertig, sagen sie? Sollte Europas Kultur fertig sein? Ist der Mittelpunkt der Welt im Begriff verlegt zu werden?

Oder haben trotzdem die Völker die Kraft zur Erneuerung?

Die Welt hat früher gesehen, daß Völker, die für ihr Dasein, für die Freiheit — aber nicht für die Macht — kämpfen, sich herrlich entfalten können, wie die Griechen, wie Athen nach dem Kampf gegen die Perser.

Aber die Welt hat auch gesehen, daß, wo ein Militärstaat, ein Sparta oder ein Rom, den Sieg davontrug, der große Niedergang der Kultur begann.

Ja, wer weiß, was kommt — und was nützt es, darüber zu grübeln?

* *
*

Es geht schnell und leicht nach Osten. Ich komme über die Glitra, die nach dem Gudbrandstal fließt, und wandere weiter aufwärts. Das einzige lebende Wesen ist hier und da ein Morinell (Eudromias morinellus), der zwischen den mit Heidekraut bedeckten Rücken davonläuft.

Bald erreichte ich die Wasserscheide zwischen der Glitra und dem Musvollfluß, der nach Nordosten in den Atnesee fließt. Es öffnete sich auch eine breite Talsenke ostwärts mit Aussicht nach Sollien und dem Glommental. Im Norden aber thronten über allem die Berge von Rondane. Können vielleicht sie dort oben von ihrer Höhe in die Zukunft hineinschauen?

Ja, sag du mir, Diger-Ronden, was du siehst..... Die Zukunft, das Kommende, ist es denn nur Finsternis?

Oder vielleicht verbrennt das Alte und Verbrauchte, damit Neues an seine Stelle treten kann? Aber woher soll dieses kommen?

Bleibt Kraft genug zurück, um das neue Geschlecht fortzupflanzen? — —

Tausendmal die gleiche Frage, aber der unstete Gedanke erhält keine Antwort. Es ist, als ob alles versage und versinke. Wir fühlen uns todkrank.

Doch nein, welche Genesung in diesen Bergweiten! Man sieht sich wieder gesund und stark an diesen Bergen, wie sie daliegen in ihrer breiten sicheren Größe, fest, unverrückbar, wie sie die wechselnden Zeiten an sich vorübersausen lassen, während sie unverändert bleiben.

Wenn abgelebte Kulturen einiger Völker zugrunde gehen, so ist das wohl kein unersetzlicher Schaden. So etwas ist schon früher geschehen, und noch leben die Menschen.

Sieh diese gewaltigen Gebirgsformen! Hier liegt die Erde, wie sie eben vom Eise verlassen wurde, wie sie jahrtausendelang gelegen hat. Sie birgt Möglichkeiten für neue arbeitende Geschlechter. Sorge dich nur nicht! Wenn die, die waren, einander auffressen konnten, so ist es wohl gut, daß neue kommen.

Aber woher sollen diese kommen? Wo finden wir die frischen unverbrauchten Geschlechter?

Nein, wieder geht es im Kreise. Aber ich wollte ja zum Atnesee hinunter.....

Nach und nach tauchte etwas Birkengebüsch an den Talhängen auf. Der Hund zog mehrmals vor Hühnern an, und die ängstliche Schneehuhnmutter ging auf und lief mit hängenden Flügeln vor dem Hunde fort, um ihn zu sich heranzulocken, weg von den Jungen. Ja, ich habe die Schneehuhnmutter mit gesträubten Federn gerade auf den Hunderachen zulaufen sehen, um auf ihn einzuhacken, wenn der Hund das Junge nehmen wollte.

Das ist Mut und Opferwille bis zum Tode. Können wir Menschen ihn besser für unsere Nachkommen und für das Vaterland beweisen?

Weiter unten begegnete ich einer Herde Jungvieh, die am Flusse weidete. Ohne auf den Hund zu achten, stürmten sie auf mich ein und umringten mich, pusteten und schnauften und kamen mit dem Maul an meine Hand heran, um sich streicheln zu lassen und Salz zu bekommen, als ob sie lange Zeit keine Menschen gesehen hätten. Sie sind also menschenfreundlich genug..... und wir?...

Sie folgten mir ins Tal hinab, so sehr ich sie auch wieder ins Gebirge hinaufzuscheuchen versuchte.

* *
*

Auf der Björnhullhalde kam ich zu der ersten bewohnten Alm. Ich ging ins Haus, um ein Schnitzmesser abzugeben, das ich unterwegs gefunden hatte. In der Stube saß die Frau und nähte; der Mann verspeiste gerade einen Fisch, den er im Bergsee gefangen hatte.

Sie hatten sechs Kühe und einige Ziegen auf der Alm; das Gehöft lag zu oberst im Atnetal, und der Mann war, wie er sagte, der nächste Nachbar von Hög-Ronden.

Auf ihrem Berghofe ernteten sie nichts als Heu und vielleicht noch etwas Grünfutter. Der Anbau von Korn war nicht möglich, auch nicht der von Kartoffeln. Was sie davon brauchten, mußten sie aus dem Tale holen, und es waren jetzt teuere Zeiten. Aber man durfte trotzdem nicht klagen, sie bekamen genug.

Ja, in seiner Art war es ein mühseliges Leben, und der Winter war streng und lang — aber das Leben so hoch oben im Gebirge ist auch gesund. Die Luft ist rein, das Wasser gut, und wir sind frisch an Leib und Seele, und so können wir, wie gesagt, nicht klagen.

Ich erwiderte, es sei erfreulich, so etwas zu hören. Es gibt viele, die über die Lage des Bauern klagen, nicht zum wenigsten oben in den Gebirgstälern. Manche Täler sind ja in den letzten Zeiten ziemlich entvölkert worden; besonders die Jugend wandert nach Amerika aus oder zieht auch in die Städte. Sie finden es zu Hause zu mühselig; die Ansprüche ans Leben sind gestiegen. Was aber noch schlimmer ist, das Leben ist ihnen zu langweilig geworden. Sie wollen lieber in der Stadt hungern und frieren, denn dort gibt es so vieles, was anlockt.

Oh, er könne nicht sagen, daß es hier im Tal so schlimm gewesen sei. In der letzten Zeit hätten sich sogar mehrere neu angesiedelt. Es habe doch auch keinen Sinn, in diese häßlichen Städte zu ziehen, wenn man im Gebirge sein eigener Herr sein und sein freies Leben haben könne.

Das waren erfrischende Worte von einem, der selbst dieses Leben lebte. Daß der Hinweis auf die Gesundheit mehr als Gerede war, zeigt das hohe Alter, das die Leute hier im Tal erreichen. Die Mutter dieses Mannes wurde über 92 Jahre alt; mit 89 Jahren ging sie noch mit dem Vieh vom Tal zur Alm, und sie war gesund und rührig in ihrer Arbeit.

Frohen Mutes zog ich weiter. Gäbe es nur viele von dieser Art in unserm Volk, dann könnte Norwegen einer lichten Zukunft entgegensehen.

Ja, wenn wir die Lebensansicht dieses Nachbars von Hög-Ronden der Jugend unserer Zeit einpflanzen könnten, dieser Jugend, die sich am meisten damit beschäftigt, wie sie bei geringster Arbeit das meiste Geld verdienen kann, um ihrer Genußsucht zu frönen. Wenn wir nur in der Jugend auch die Liebe zu dem Lande erwecken könnten, zu dem Volk, das sie hervorgebracht hat, wenn wir sie dazu bringen könnten, an die Zukunft der Nation zu denken und daran, was aus der Rasse werden könnte, und welche Pflichten, welche erhebenden Aufgaben sie da finden könnte, anstatt nur an sich selbst und an ihre Gelüste zu denken.

Dieser kleinliche Egoismus, der sich Tag für Tag mehr in allen Schichten verbreitet und die Gesellschaft entkräftet, in dieser Natur müßte er sich abschälen.

Wenn einer Rondane dort im Westen sich vom Himmel abheben sieht, dann muß er erkennen, daß zwischen solchen Bergen der Gesichtskreis ein anderer wird, die Ziele größer, als in dem Hof einer Fabrikstadt, wo das Auge den ganzen Tag nicht weiter schaut als bis zur nächsten Wand, und wo der beständige Anblick von andern, die es besser haben, die Unzufriedenheit nährt.

Gebt ihnen etwas von dem Naturleben zurück, das ihnen allen fehlt, nach dem sich aber alle, bewußt und unbewußt, sehnen — und die Lebensauffassung wird gesunder, die Lebensfreude wird heller werden!...

* *
*

Nun ging es im Walde abwärts, und nach einer halben Stunde erreichte ich die Musvollalm. Sie war voller Städter. Trotz der liebenswürdigen Versicherung des Besitzers, daß er mir schon noch einen Platz und ein gutes Bett verschaffen werde und sich gern mit mir unterhalten wolle, war es doch für einen fahrenden Gesellen zu früh am Tage, um haltzumachen. Die Hügel hinab wanderte ich weiter durch den Wald, und bald war ich unten am Atnesee.

Hier stehen einige Fischerhütten, die Leuten aus Fron, aus dem Gudbrandstal, gehören. Von alters her haben sie in diesem See das Fischrecht. Es waren gerade einige Männer da, aber größere Fische hatten sie nicht gefangen; das Wetter war zu still gewesen, auch stand das Wasser zu hoch.

Ich hatte die Erlaubnis erhalten, das Boot des Besitzers der Musvollalm zu benutzen; in ihm fuhr ich auf die andere Seite des Sees hinüber, wo eine neue Ansiedlung sein sollte.

Eine gute Strecke aufwärts vom See fand ich endlich auch die Rodung mitten im Wald. Zwei Männer hatten sich zusammengetan und hatten hier vor zwei Jahren angefangen urbar zu machen. Sie hatten schon einen guten Gerstenacker und Kartoffeln, und die Bäume waren auf einer großen Fläche gefällt. Die Wurzeln staken noch im Boden, und noch genug Arbeit war zu tun. Aber der Boden war gut, vielleicht etwas trocken, mit Sand darunter. Eine gemütliche kleine Hütte war schon gebaut, und auch der Stall war beinahe fertig. Als ich kam, saß der eine Mann auf dem Dach und legte Planken.

Ja, er könne mich über den See nach Brenn rudern; er könne auch sofort aufbrechen, müsse aber nur noch einmal ins Haus und sich etwas herrichten. Er war verheiratet, sein Kamerad aber war noch ledig. Sie hatten sich 16000 Quadratmeter Land gekauft, konnten einige Kühe und ein Pferd halten und verrichteten im übrigen in der Hauptsache Waldarbeit.

Es stärkt den Glauben an die Zukunft, wenn man hoch oben im Gebirge eine solche neue Ansiedlung sieht. Der Anbau werde sich gut lohnen, meinte er; die Heuernte sei in den meisten Jahren gut, die Kartoffeln gediehen auch. Weniger gut stehe es mit dem Getreide, aber sie schnitten es als Grünfutter, was sich auch lohne. Dann hätten sie Fische im See und im übrigen, wie gesagt, Arbeit genug im Walde. Hier sei es wahrhaftig nicht schwer zu leben.

Die Ruderstrecke über den Atnesee beträgt etwa 8 Kilometer.

Welcher Friede! Dort an der Nordseite liegt das schöne Nesset, wo einer der wenigen großen Männer Norwegens, der Mathematiker Cato Guldberg, gewohnt hat. Das war ihm ähnlich, sich gerade hier niederzulassen. Diese einfache, aber großartige Natur entsprach seinem Wesen.

Breit und sicher liegen die Häuser oben auf dem grünen Wall, der sich bis an den See hinunter erstreckt; sie leuchten rot im Walde. Zu beiden Seiten ziehen die flachen Waldhänge bis zum kahlen Gebirge hinan.

Erst am Abend gelangte ich nach Brenn an der Atnebrücke und bekam für die Nacht Quartier. Das Zimmer ging auf den Fluß hinaus. Das Wasser des Falles donnerte unter der Brücke. Es stürzte in eine schöne Fischgumpe hinab, die verlockend aussah. Kreis um Kreis stießen die Forellen auf der blanken Wasserfläche oberhalb der Brücke. Die Nacht war still und warm. Das war viel für ein Fischerherz, aber — es hieß weiterziehen. Es war das beste, sich schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen vom Atnetal über den Bergrücken hinab ins Vulutal und weiter nach Sollien.

Nun geht es vom Gebirge, von dem weitgedehnten Hochland hinab ins Land der ernsten großen Wälder.

Von der Skyßstation in Sollien fuhr ich mit frischem Pferd weiter, die Hügel hinab ins Glommental. Wie bedauerlich wenig Zeit wir Menschen brauchen, um unsere Lebensbedürfnisse zu steigern! Früher schien es herrlich, mit Pferd und „Stuhlkarre“ zu reisen. Jetzt aber, nachdem wir seit wenigen Jahren die Automobile haben, bewundert man die Geduld der Menschen, die sich dareinfinden, ihre Zeit damit zu verlieren, sich in einer Karre schütteln zu lassen und ein müdes Postpferd vorwärts zu treiben.

Das Pferd, das ich hier bekommen hatte, war übrigens recht willig. Gern ließ ich den kleinen erst zehnjährigen Kutscher fahren, denn er kannte das Pferd wohl am besten.

Als es aber einen langen Hügel hinabtrottete, stolperte es, fiel in die Knie, versuchte wiederaufzukommen, schlug aber dann einen Purzelbaum und lag auf dem Rücken, die Beine in der Luft.

Ich sprang aus dem Wagen und hielt dem Pferd den Filzhut über die Augen, damit es nicht zappeln und die Gabeldeichsel zerbrechen sollte. Der kleine Kutscher war beherzt. Ein bißchen weinen mußte er ja, gleichzeitig aber gab er mir mit der Miene des erwachsenen Mannes Bescheid, wie ich das Pferd ausspannen müsse. Bald hatten wir das Geschirr herunter, das Pferd wieder auf den Beinen und vorgespannt. Wir stiegen ein und fuhren weiter.

Ein wunderliches Pferd, mitten auf ebenem Weg einen Purzelbaum zu schlagen. Ich ergriff die Zügel, merkte aber bald, daß es leicht stolperte und fest im Zügel gehalten werden mußte.

Sie hätten das Pferd eben erst aus der Stadt bekommen, sagte der Junge, und er kenne es nicht. Wahrscheinlich war es ein Kutschpferd, das von den Steinstraßen kranke Beine bekommen hatte; durch die Automobile vertrieben, sollte es nun seine letzten Jahre als Postpferd hier auf dem Lande abdienen, wohin das Automobil noch nicht gelangt war.

Aber nein, dieses Beförderungsmittel ist ein Überrest aus der Vergangenheit. Bald wird das Automobil auch in diesem Tal, wie in allen andern, siegreich seinen Einzug halten. Schließlich werden die Pferde nur noch zur Holzbeförderung im Walde gebraucht werden; denn dahin können die Autos noch nicht vordringen. Aber wer weiß, was kommen wird? Wir haben schon merkwürdigere Dinge erlebt als die Beförderung von Holzstämmen mit Automobilen.

Endlich kam ich an den Bahnhof Atna. Von dort ging es mit der Eisenbahn südwärts nach Koppang und von da mit dem Automobil nach Åsheim am Nordende des Storsjö im Äußeren Rental. Dort wollte ich einige Tage bleiben und fischen.

* *
*

Åsheim, 14. Juli.

Durch eine tiefe, bewaldete Schlucht an der Westseite der Sölenberge bricht sich die Mistra ihren Weg von den weiten flacheren Gebirgsstrecken im Norden. In einem großen Bogen geht es durch ein enges Waldtal wie durch einen Riß in dem Bergmassiv zu dem schönen Storsjö im Rental hinab.

Den Fluß ziehen große Forellen hinauf, und ich hatte Lust, es mit ihnen zu versuchen. Aber es war am Fluß entlang unwegsam, und man mußte gut bekannt sein, um die richtigen Gumpen zu finden, in denen die großen Fische stehen.

Olav Åsheim kam lächelnd vom Telephon herein und sagte:

„Nun habe ich einen guten Begleiter für dich gefunden, den Schneider hier im Ort. Einen bessern Fischer gibt es in dieser Gegend nicht. Er findet das Wetter heute gut und ist bereit, mitzugehen, aber er wird erst gegen ein Uhr frei, dann will er dich bei Misteregga treffen.“

Jawohl, das paßte mir gut. Ich hatte bis dahin auch noch einiges zu besorgen.

„Du kannst meinen Sohn Klein-Olav nehmen, der wird dir den nächsten Weg durch den Wald zeigen.“

„Er lahmt, der Schneider,“ fügte er hinzu, „er hat ein steifes Bein. Aber darum brauchst du dich nicht weiter zu kümmern. Er klettert die Bergwände hinauf und geht im Wald wie nur einer mit gesunden Beinen. Auch einen bessern Jäger gibt es in unserer Gegend nicht.“

Etwa gegen zwölf Uhr zogen wir los, Klein-Olav und ich. Erst mußten wir durch den Renafluß, da das Hochwasser im Frühjahr die Brücke fortgerissen hatte. Dann ging es durch den Wald aufwärts. Es war eine Brathitze, und man mußte die Kleider ablegen, soweit es ging. Je höher wir hinaufkamen, um so gespannter wurde ich, diesen merkwürdigen Schneider zu sehen.

Endlich erblickten wir die Häuser von Misteregga zwischen den Bäumen, und als wir auf die Landstraße hinauskamen, erhob sich vom Straßenrand ein junger Mann und wünschte „Guten Tag“.

Ein hübscher, stark gebauter Mensch von Mittelgröße, oder vielleicht eher klein, im braunen Jagdanzug mit Kniehosen, mit blondem Knebelbart, sonst glatt rasiert, mit lachenden, treuherzigen Augen.

Das war der Schneider Rikard Kvernnes, auch Rikard Odden genannt, nach dem Haus nördlich vom Lomnessee, in dem er wohnte. Von dort war er auf dem Rade gekommen. Er trug eine lange Angelrute aus Bambusrohr mit Roller.

Wir gingen ostwärts die Anhöhen hinauf. Trotz seines steifen Beines marschierte mein Begleiter leicht. Es schien ihn keine Anstrengung zu kosten, Schritt zu halten.

Wir stiegen etwa anderthalb Stunden, bis wir vom Weg abbogen; dann ging es die waldigen Berghänge nach dem engen Tal hinab, auf dessen Grund tief unten die Mistra schäumt.

Im allgemeinen fließt die Mistra in gleichmäßigen Stromschnellen schäumend über und zwischen runden Steinen, ohne tiefere Stellen. Hier halten sich in der Hauptsache nur kleine Fische auf. Dann aber verlangsamt der Fluß, oft in langen Abständen, seinen munteren Lauf in langen Vertiefungen, in denen die großen Fische stehen.

Nachdem wir einen steilen Abhang hinabgeklettert waren, standen wir endlich am Fluß. Der Schneider schlug vor, wir sollten erst aufwärts von einer Gumpe zur andern gehen, um dann am Abend wieder herunterzuwandern. Das taten wir, aber wir bekamen nicht einen großen Fisch.

Es war drückend schwül. Schwere schwarze Wolken zogen sich im Osten über der Schlucht zusammen. Man hatte das Gefühl, daß ein Gewitter im Anzug war. Aber es standen Wolken vor der Sonne, und daher mußte jetzt am Nachmittag gut fischen sein. Ich versuchte es erst mit der Fliege, und dann benutzten wir Wurfköder mit Rotauge als Lockspeise, eine Angelmethode, in der der Schneider Meister war. Aber wir hatten keinen Erfolg.

Der einzige Fang, den ich sah, war ein großer Auerhahn, der gegen meine Angelrute herangesaust kam, als ich auf einem Stein im Flusse stand. Er war vom Hund auf dem Land hinter mir aufgestoßen worden. Ich dachte daran, den Köder nach ihm zu werfen. Natürlich sollte er den Köder nicht etwa verschlingen, ich konnte aber leicht die Schnur um ihn werfen, so daß ihn die Angelhaken festhielten. Ich ließ es aber sein, und er sauste den Fluß hinab und im Kiefernwald auf der andern Seite hinauf.

Das wäre ein „Fischfang“ gewesen! Ich sehe ihn, wie er, die Schnur um den Hals, draußen im Flusse Widerstand leistet, mit den Flügeln schlägt, den Hals streckt, während ich ihn mit dem Roller heranziehe. Das wäre ein Kampf geworden!

Es gab hier unheimlich viele Mücken, und sie bissen und stachen in Gesicht und Hals, Hände und Waden, daß man kaum ruhig auf den Steinen stehen und angeln konnte.

Es fielen schwere Tropfen, und ein gewaltiger Regenguß platschte auf uns nieder, Schauer um Schauer. Auf einmal aber brach der Donner los, daß es zwischen den Bergwänden in dem engen Tal hallte, und es dröhnte Schlag auf Schlag; schließlich kamen Blitz und Donner fast gleichzeitig.

Der Schneider meinte, da brauche man sich nicht zu wundern, wenn die Fische nicht hätten anbeißen wollen. Nun sei es ganz hoffnungslos zu angeln.

Wir stiegen im Wald bis zu einer Holzhütte, um vor dem Regen Schutz zu finden und etwas zu essen. Wir mußten uns gedulden, bis das Gewitter vorüber war; vielleicht ging es dann mit dem Fischen besser.

Als der Regen nachgelassen hatte, kletterten wir wieder zum Fluß hinab, hatten aber auch weiterhin kein Glück. Wir mußten uns noch eine Weile gedulden und gingen etwas weiter hinauf, bis zu einer neuen großen Fischgumpe. Der Schneider warf seinen Köder im unteren Teil der Gumpe, ich versuchte mein Glück etwas weiter oben.

Da biß beim Schneider mitten in der stärksten Strömung ein großer Fisch an. Es ging die Stromschnelle hinab, die ganze Schnur sauste vom Roller herunter. Der Schneider mußte hinterdrein; er sprang von Stein zu Stein und watete im Wasser oft bis an den Leib, so daß der Schaum um ihn aufspritzte. Plötzlich stürzte er zwischen den Steinen, und nur die Arme, die Schultern, der Kopf und die Angelrute waren über dem Wasser zu sehen. Er sprang auf, und weiter ging es.

Dann wurde aber die Strömung zu stark; er mußte ans Land und die Bergwand hinaufklimmen. Ich ergriff den Kescher und sprang hinterdrein.

Der Schneider kam um den Berg herum; er hatte einen Teil der Schnur eingezogen, und der Fisch war in etwas stilleres Wasser gekommen. Aber immer noch gab es recht starke Stromschnellen.

Er zog den Fisch ans Land heran. Mehrmals versuchte ich, mit dem Kescher heranzukommen, aber dann ging es wieder fort, weiter und weiter hinab.

Endlich fing der Fisch an, sich zu ergeben. Der Schneider zog ihn wieder herein, ich bekam den Kescher unter den Fisch und zog ihn ans Land. Wahrhaftig, eine schöne Forelle, fett und breit, mit kleinem Kopf. Sie wog gut ihre drei Kilo.

Der Schneider hob den Fisch feierlich in die Höhe und überreichte ihn mir. Den sollte ich, sagte er, als Gabe erhalten.

Wir gingen wieder aufwärts. Der Schneider warf noch einige Male den Wurfköder in derselben Fischgumpe aus, ich weiter oben. Wieder stippte ein Fisch an. Diesmal hing er nicht, aber der Schneider sah den Schwanz, der groß war.

„Klein-Olav sah ihn auch, und hätte ich ihn herausbekommen, dann hättest du gesehen, daß wir hier auch große Fische im Fluß haben. Er war beträchtlich größer als der fünf Kilo schwere, den ich hier vor einigen Tagen fing. Aber so ein großer Fisch beißt nicht mehr als einmal an. Geht es dann fehl, dann beißt er nicht wieder. Wir müssen ihm Zeit lassen und den Versuch auf dem Rückweg wiederholen.“

Wir gingen weiter hinauf. Oft fiel der Berg an den Gumpen sehr steil ab. Von einem hohen Felsen aus warf ich den Köder in eine große schöne Gumpe. Ich zog den Köder über den Strom hin. Platsch, da biß etwas an; es gab mir einen Stoß durch den ganzen Körper. Die Rute stand wie ein gespannter Bogen, und die Schnur sauste vom Roller. Nun galt es festhalten, der Fisch wollte die Stromschnelle hinab.

Ich bekam ihn wieder in die Gumpe hinein. Er ging im Kreise. Während ich so stramm als möglich hielt, kletterte ich die Bergwand bis zum Ufer hinunter. Endlich wurde er müde; er kam gutwillig und wurde in den Kescher hineingeholt; es war ein Fisch von etwa anderthalb Kilo.

Nun war aber nichts mehr zu machen, so oft wir es auch weiter oben versuchten. Wir gingen wieder zurück, denn es war schon spät am Abend geworden. Aber auch der große Fisch des Schneiders wollte nicht wieder anbeißen, und so war nichts zu machen als heimzukehren.

Wir kletterten vom Fluß aus aufwärts, bis wir an eine Holzhütte kamen, wo wir einen Bissen Abendbrot aßen.

Klein-Olav hatte einige kleine Fische mit der Fliege gefangen; er triefte vor Nässe, war aber stolz auf den langen Ausflug. Dann kletterten wir weiter hinauf bis zur Straße und wanderten heimwärts.

Als wir die langen steilen Hänge hinabgingen, erzählte der Schneider, hier sei es gewesen, wo er das Bein gebrochen habe.

„Wie ist denn das zugegangen?“

„Ja, ich kam auf dem Rad daher, und da geriet hier oben auf der Höhe die Bremse in Unordnung, und dann verlor ich auch das Pedal, und da ging es in voller Geschwindigkeit alle diese steilen Hügel hinunter.“

„Aber warum versuchtest du nicht gleich seitwärts abzuspringen?“

„Ja, da sind auf beiden Seiten so häßliche Steine, und dann, weißt du, meinte ich auch, ich würde schon mit der Geschichte fertig werden.“

„Du mußt aber diese steilen Hänge mit fürchterlicher Geschwindigkeit hinabgesaust sein?“

„Ja, freilich ging es schnell.“

„Ich hörte von einem, der dich hatte hinabfahren sehen, es sei wie der Blitz gegangen.“

„Akkurat da war es, wo dieser Seitenweg abbiegt; dort standen sie und machten die Saumlast fertig, sie wollten zur Alm hinauf. Ich rief ihnen zu, als ich da unten gefallen war, aber sie hörten mich nicht.“

„Sahen sie dir denn nicht nach?“

„Ach nein, sie glaubten wohl, es sei meine Gewohnheit, so schnell zu fahren. Aber, weißt du, ich meinte, ich würde schon mit der Sache fertig werden. Diesen schroffen Abhang hinunter nahm ja die Geschwindigkeit furchtbar zu, und dann kam dort unten die Biegung, die damals noch viel schlimmer war als jetzt, weil der Weg noch nicht umgelegt war. Damals waren es zwei Biegungen, erst eine jäh nach links und dann wieder eine jäh nach rechts. Ich lag flach auf dem Weg, erst auf der einen Seite, dann auf der andern, und wahrhaftig — es ging! Aber dann sprang ein Felsen in den Weg vor; auf den fuhr ich los, wurde heruntergeworfen und brach das Bein an zwei Stellen, über dem Knie und darunter, Oberschenkel und Schienbein. Da blieb ich liegen; aber ich hatte Glück, nicht länger als eine Stunde lag ich, da kam ein Mann, der zur Alm hinauf wollte, und der hatte glücklicherweise einen Wagen mit Federn, auf dem ich hinuntergefahren wurde.“

„Tat es nicht weh?“

„Ach nein, ich kann nicht sagen, daß es besonders weh tat, bis ich nach Hause kam, aber dann fing das Blut zu strömen an. Es war gut, daß ich damals einen so guten Doktor hatte; das Bein wurde so gut hergerichtet, als nur möglich war. Aber mein Doktor sagte, mit Jagen und Radeln sei es nun Schluß. Damit behielt er freilich nicht recht. Ich lag aber lange, bis ich wieder gesund wurde.“

„Aber dein Bein war ja schon vorher verletzt?“

„Ja, ich hatte einmal mit dem Beil hineingehackt, und da entzündete sich die Wunde, und das Knie wurde steif. Weißt du, das kam daher, daß es schlecht behandelt wurde.“

Bei Misteregga trennten wir uns. Der Schneider fand hier sein Rad wieder und fuhr davon, die Abhänge hinab. Es war kaum zu glauben, daß er mit dem einen Bein fahren konnte; es war aber so kräftig entwickelt, daß es zwei andere Beine aufwog.

Klein-Olav und ich gingen durch den Wald hinunter nach dem Storsjö. Meine Gedanken waren bei dem Schneider, diesem merkwürdigen Mann. Welch zäher Wille muß in seinem Körper leben!

Åsheim, 18. Juli.

Einige Tage später (am Montag, 17. Juli) fuhr ich wieder zur Mistra hinauf. Diesmal hatte ich in Åsheim ein Rad geliehen und fuhr auf der Landstraße über die Kvernnesbrücke und Odden, wo der Schneider wohnt. Es war ein Umweg von einer Meile.

Der Schneider stand auf dem Hofe; ich kam früher, als er erwartet hatte. Er bat mich hereinzukommen und Platz zu nehmen, bis er sich fertig gemacht habe.

Draußen und drinnen war alles in guter Ordnung. Das Haus liegt schön auf einer kleinen Landzunge an der Südseite des Lomnessees. Draußen war ein kleiner schöner Garten mit Blumenbeeten und Küchengarten.

Eine helle luftige Stube mit Waffen an den Wänden: eine Winchester-Magazin-Hagelflinte, ein Büchsendrilling mit Zielfernrohr. Damit schießt er im Winter die Auerhähne, das soll er besonders gut verstehen. Mehrere andere Gewehre hingen auch da und Fischereigeräte.

Aber vom Schneiderhandwerk war nichts zu entdecken. Auf den Tischen lagen Kataloge von Jagd- und Fischereigeräten. Man merkte, daß er Junggeselle war.

An der Wand hing ein Diplom. Sollte es ein Schützendiplom sein? Aber nein; wahrhaftig, das erinnerte doch etwas an den Schneider, es war ein Diplom über einen vollendeten Zuschneidekursus in Kopenhagen. Also ganz ausgelernt, und gewiß tüchtig im Handwerk wie in allem andern.

Nun ist er fertig. Kaffee in der Thermosflasche und zwei Flaschen Bier im Rucksack, so zogen wir auf unsern Rädern in der Sonnenhitze aufwärts. Man merkte es wahrhaftig nicht, daß er nur mit einem Bein treten konnte. Ich hatte meine liebe Not, ihm die langen steilen Anhöhen hinauf zu folgen, trotzdem ich an meinem Rad die Übersetzung wechseln konnte. Die steilsten Hügel hinauf mußten wir freilich gehen.

Halbwegs oben hörten wir ein furchtbares Getrampel auf uns zukommen; schneller als wir denken konnten, sprengte eine Koppel Pferde heran. Wir mußten uns mit unsern Rädern schleunigst in den Graben werfen, um nicht niedergetrampelt zu werden.

„Den Teufel auch, was mag das bedeuten?“

Aber da kam noch etwas hinterdrein — ein Mann auf einem Motorrad. Wahrhaftig der junge Tierarzt! Hatte der nichts Vernünftigeres zu tun, als so die Pferde zu jagen?

„Wenn der lange so gefahren ist, dann sind sie versprengt,“ sagte der Schneider.

Weiter oben begegneten wir einem alten Mann, der den Hut lüftete. Wir grüßten.

„Guten Tag,“ sagte er, „willst du ins Gebirge?“

„Wir wollen an die Mistra angeln gehen,“ antwortete ich. „Kommst du weit von Osten her?“

„Ich habe eine Stute nach Trysil gebracht.“

„Mußt du denn die Stuten so weit bringen?“

„Ja, dort ist ein tüchtiger Hengst. Sonst hätte ich sie freilich zum Hengst im Rental, zum Romulus, geschafft, aber er ist vorige Woche verendet; König Knut hat ihn so geschlagen, daß er einging.“

„Ja, ich hörte davon. Aber wie konnte es zugehen, daß die beiden Hengste aneinander gerieten?“

„Man hatte schlecht aufgepaßt, weißt du, und da kamen sie zusammen.“

„Das war ein schwerer Verlust für den Besitzer?“

„Ach, er war für 2000 Kronen versichert; aber du weißt, das ist kein Preis für so ein gutes Pferd. Aber die Besitzer waren Halstein Sjölie, Simen Landet und andere Große, und für diese Reichen wollen einige tausend Kronen nicht viel sagen.“

Wir mußten weiter und verabschiedeten uns.

„Guten Tag,“ sagte er und zog weiter bergab.

Als wir hoch genug gekommen waren, ließen wir die Räder stehen und gingen zum Fluß hinunter. Es war gegen Nachmittag und Zeit, etwas zu genießen.

Wir schlugen den Weg zu einer Holzhütte ein, um dort, vor Mücken geschützt, unsern Proviant zu verzehren. Eine Flasche Bier legten wir zum Kühlen in den Bach, während wir in die Hütte gingen.

Der Schneider ging voraus. Als er aber in die Türöffnung trat, hörte ich ein fürchterliches Flattern. In der Hütte war ein Birkhahn. Vor Schreck flog er erst in die eine Ecke und dann in die andere; im Dach war ein Loch, durch das er hinaussauste. Dann fiel er draußen auf dem Boden ein. Dort blieb er eine Weile und bedachte sich, dann strich er durch den Wald ab.

Auer- und Birkhähne findet man oft in solchen Holzhütten. Neulich hatte ein Junge einen Auerhahn in einer Hütte erschlagen, was freilich ungesetzlich war.

Wir blieben nicht lange in der Hütte; es gab drin gar zu viele Mücken und Bremsen, da war es draußen doch besser. Freilich war es auch da schlimm, aber zuweilen kam doch ein Windstoß, der Erleichterung brachte.

Ein sicheres Mittel gegen Mücken hatte ich freilich auch mit, Zitronellaöl, das die Engländer in den Tropen gegen Insekten verwenden sollen. Ich hatte gerade eine Flasche von Christiansen von Elverum bekommen, der am Storsjö angelte; er kannte das Öl von Malakka her, wo er Gummiplantagen besitzt.

Gewiß, das Öl war gut. Ein oder zwei Stunden lang kam einem keine Mücke zu nahe, wenn man sich ordentlich eingeschmiert hatte. Aber wir mußten mit dem Vorrat sparen, bis wir zur Mistra kamen, wo das ernstere Geschäft, das Angeln, vor sich gehen sollte. Wir wußten ja auch, daß am Abend die Mückenplage noch schlimmer wird.

Das Essen schmeckte jetzt, aber noch mehr das Bier, das in dem Bach schön kalt wurde. Wir beschlossen, auch gleich die zweite Flasche zu leeren; es gab kein Widerstreben. Abends konnten wir dann den Kaffee trinken. Die Sonne brannte heiß, der Himmel war wolkenlos, es hatte also keine Eile, an den Fluß zu kommen und mit dem Angeln zu beginnen.

Wir wateten durch den Renfluß und kamen zu der Fischgumpe in der Mistra. Wir beide verwandten Wurfköder, aber ohne Erfolg. Es war zu klares Wetter, vielleicht wurde es gegen Abend besser.

Wir gingen flußabwärts.

Ich kam an eine große tiefe Gumpe unter einer jähen Bergwand, wo man im Schatten stand. Hier mochten wohl große Fische stehen. Ich warf den Köder nach der andern Seite hinüber und ließ ihn treiben, während ich ihn hereinzog; er kam gerade dahin, wo ich ihn haben wollte.

Aber dort am Rand der Strömung? Ein schwerer Platsch, ein gelbes Aufblinken, ein runder dunkler Rücken, ein breiter Schwanz schlug aus dem Wasser auf. Es zog an, die Schnur lief vom Roller, und die Angelrute stand rund wie ein Rad. Ich stemmte mich dagegen, soweit es irgend anging. Es kam darauf an, den Fisch in der Gumpe zu behalten. Kam er erst in die Stromschnelle hinab, dann war es ungewiß, ob ich mit ihm fertig werden könnte, denn die Bergwand fiel senkrecht ab, und der Fluß war tief und reißend, so daß es nicht leicht war zu folgen.

Am Rand der Stromschnelle kam es zum Kampf. Ich wußte, das einfache Vorfach, wenn es auch dünn war, war gut, und die Schnur hielt wohl, und eine geschlissene Bambusrute ist nicht leicht zu brechen. Das Ende vom Liede war, daß ich den Fisch wieder in die Gumpe hineinbekam; dort ging es blitzschnell im Kreise herum.

Während ich mit diesem Tanz beschäftigt war, sah ich den Schneider auf der Bergwand über mir. Er kletterte herunter, um mir zu helfen.

Bald wurde die Forelle schwächer, und endlich zeigte sie den Bauch. Ich zog sie direkt in den Kescher des Schneiders hinein. Sie kam ans Land; groß und blank lag sie im Sand zwischen den Steinen, wand sich und schlug. Sie war nahezu drei Kilo schwer.

„Das verdiente einen Trunk,“ meinte der Schneider, aber den Trunk hatten wir nicht.

Wir gingen weiter abwärts, hatten aber weiter keinen Erfolg, weder der Schneider noch ich. Wenn auch ihm nichts gelang, so war es gewiß nicht deswegen, weil wir schlechte Fischer waren.

Inzwischen war es Nacht geworden; da war nichts weiter zu tun, als zu Abend zu essen, und der warme Kaffee aus des Schneiders Thermosflasche schmeckte gut, besonders da wir uns tüchtig mit dem Zitronellaöl eingeschmiert hatten, so daß wir vor den Mücken Ruhe hatten.

Dann kletterten wir aus der Schlucht wieder hinauf, kamen auf die Straße und fuhren durch die Sommernacht auf unsern Rädern nach Hause. Wir konnten die Räder meistens einfach frei laufen lassen.

Wir machten noch einen Versuch in den Fischgumpen unterhalb der Brücke bei Misteregga. Aber auch dort hatten wir keinen Erfolg, und so radelten wir denn weiter abwärts.

Recht wehmütig nahm ich vom Schneider am Zaune seines gemütlichen kleinen Anwesens auf der Landzunge Abschied. Ich bin sicher, daß wir beide aus aufrichtigem Herzen „Auf Wiedersehen“ sagten.

Åsheim, 19. Juli.

Mit zwei Damen fuhr ich nach dem Lövfjord, um Hechte zu fischen. Beim Schuhmacher am Südende des Fjords sollten wir ein Boot bekommen. Als wir kamen, war er nicht zu Hause, aber Kinder waren genug da. Sie hatten gerade junge Rotaugen als Köder für uns gefangen, und einer der Söhne konnte uns rudern.

Der Schuhmacher hatte sechzehn Kinder, die alle am Leben waren. Bevor wir ruderten, kam er selber.

„Ja,“ sagte er, „es kann wohl sein, daß es heute Hechte zu fangen gibt. Im übrigen aber ist es wunderlich mit dem Hecht. Er beißt nur bei abnehmendem Mond an, und dann die ersten Tage des Neumond.“

Dann müßten wir ja Aussicht haben, meinte ich, es sei heute das letzte Mondviertel.

Ja, erwiderte er, das sei wohl möglich. „Aber das Angeln taugt nichts zwischen Neumond und abnehmendem Mond, denn da gehen dem Hecht die Zähne ins Zahnfleisch und verschwinden ganz. Nur bei abnehmendem Mond und bei Neumond kommen die Zähne wieder hervor, und dann beißt er an, wie man sich leicht vorstellen kann.“

Im übrigen, meinte der Schuhmacher, gebe es im See große Hechte; vielleicht könnten wir einen von den größten erwischen. Aber mit den Geräten, die wir hätten, sei er nicht leicht ans Land zu bringen. „Denn er ist schlau!“

Ich mußte diesem Mann, der so viele prächtige Kinder hatte, einige anerkennende Worte sagen. Die wir sahen, waren wirklich schön, und frisch sahen sie auch aus.

„Es tut not, daß die Leute hier im Tal viele Stiefeln zerreißen, wenn du so viele Kinder zu ernähren hast.“

„Ach,“ sagte er, „mit dem Auskommen würde es hapern, wenn man bloß von der Schuhmacherei leben sollte; da könnte man Hungers sterben. Man kann nur in den freien Stunden Schuhmacher sein, im übrigen müssen wir vom Walde leben.“

Dann stiegen wir ins Boot und fuhren zum See hinauf. Ein achtzehnjähriger Sohn des Schuhmachers ruderte. Wir hatten aber scharfen Gegenwind, deshalb ging es sehr langsam vorwärts, und wir fingen nichts. Erst als wir am oberen Ende des Fjords den Wind in den Rücken bekamen, ging es schneller, und sofort biß auch ein Fisch bei einer der Damen an. Nach einer Weile brachten wir ihn ans Boot heran und nahmen ihn mit dem Kescher herein. Es war ein Hecht von etwa zwei Kilo.

Da der Wind zu stark war, wollten wir nicht unter der Brücke in den Lomnessee hineinrudern. Wir hielten sonnige Mittagsrast auf einem grasigen Hügel und fuhren dann wieder in den Lövfjord hinaus, den Wind im Rücken; das Boot hatte genügende Geschwindigkeit.

Nicht lange dauerte es, da biß ein Fisch von etwa zwei Kilo an, den wir auch ins Boot bekamen. Einige kleinere Hechte fingen wir ebenfalls. Dann aber kam eine lange Strecke ohne Erfolg, und wir gelangten bis ans Südende. Da wollten wir denn wieder ein Stück aufwärts, um zu sehen, ob es dort nicht besser gehen würde, und fuhren querüber, um am andern Ufer entlang zu rudern.

Mitten im Fjord sagte Frau S.:

„Da schnappt etwas, aber ich bin gewiß auf Grund geraten.“

Ich nahm die Angelrute, es schien wahrhaftig so zu sein, aber im selben Augenblick sauste die Schnur vom Roller. Da war nicht der Grund gefaßt, nein, die kleine Bambusrute stand krumm wie eine Peitsche. Ich bremste aus Leibeskräften, mußte aber den Fisch gehen lassen und die Schnur immer länger und länger geben. Es war ihm nicht zu widerstehen. Ich zog ein, sobald es sich tun ließ, dann zog der Fisch aber wieder hinaus, so stark, daß der Roller pfiff. Wahrhaftig, es mußte ein großer Fisch sein.

Der Bursche fragte, ob er nicht ans Land rudern solle; da müßte der Fisch doch leichter hereinzubekommen sein; die Schnur werde jetzt so lang.

„Bist du verrückt? Halte dich in der Mitte des Fjords und über der tiefsten Stelle. Laß mich nur nicht auf den Grund kommen; denn dann können wir dem Fisch gleich Lebewohl sagen. Rudere aufwärts, soviel du kannst, damit wir nicht in den Strom hineintreiben.“

Wir waren in die Nähe des Ausflusses gekommen und spürten die Strömung.

Nach einer Weile wurde der Fisch schwächer, und ich konnte die Schnur etwas einziehen; aber bald zog er wieder weiter weg, er hatte also noch Kraft genug. Dann ging er in die Tiefe. Ich stemmte mich dagegen, soviel es anging; die Schnur und das einfache Vorfach wurden sehr angespannt. Hierauf zog ich wieder ein. Die Geschichte wiederholte sich in einem fort.

Endlich kam er näher, quer vors Boot. Wir sahen ihn in seiner ganzen Länge; er war wirklich groß. Dann schwamm er noch mehrmals weg und wurde wieder hereingeholt; er kam schließlich ganz unter das Boot, und wir mußten rasch wenden, um von ihm loszukommen.

Endlich ergab er sich einigermaßen und fing an, den Bauch zu zeigen; aber wir hatten keinen Landungshaken, und der Kescher war viel zu klein, um ihn hereinzuholen. Der Bursche versuchte es, er hielt den Kescher unter den Schwanz. Als er ihn aber hob, glitt der Fisch heraus und fuhr in die Tiefe. Ich bekam ihn wieder herauf, ein neuer Versuch wurde mit dem Kescher unternommen. Viermal passierte die gleiche Geschichte.

Dann bekam ich den Hecht wieder an die Bootseite. Noch einmal hält der Bursche den Kescher unter den Schwanz, während ich den Kopf mit der Schnur an dem Bootrand heraufziehe. Dann hopp, wir heben und wälzen ihn herein, und da liegt der Fisch auf dem Boden des Bootes. Die Freude war groß; wahrhaftig ein starker Fisch, er mochte etwa achteinhalb Kilo haben.

Ein unheimlicher Anblick war es, wie er da im Boote lag und den Rachen aufsperrte. Ja, dieser Hecht ist eine Großmacht, die personifizierte Machtgier. Sieh nur den großen Rachen mit den häßlichen Zähnen!

Er darf alles tun, wozu er Lust hat; er verschlingt alles, was er erreicht, und lebt gut auf Kosten anderer. Trotzdem aber wird er eines Tags in solch feinen schwachen Dingen gefangen, weil er sich verrechnete, als er auf ein armseliges kleines Rotauge losgehen wollte......

Wir fuhren wieder den Lövfjord hinauf und fingen noch einige kleinere Fische. Dann war es Schluß, und wir ruderten zum Schuhmacher und seinen vielen Kindern zurück.

„Ja,“ meinte er, „das war ein guter Fang, aber es ist ja auch bald abnehmender Mond, und drum ist es nicht weiter verwunderlich.“

21. Juli.

Die Reise ging weiter ostwärts vom Storsjö längs der Mistraschlucht hinauf über das Gebirge und hinunter zum Klarafluß.

Im Norden lagen hoch über der Bergweite die Sölenberge mit dem tiefen engen Sölenpaß. Durch ihn nahmen vor Jahrhunderten die Pilger ihren Weg auf ihrer langen Wanderung nordwärts zum Schrein des heiligen Olav in Drontheim, wo sie für Leib und Seele Genesung suchten und auch oft fanden.

Ach, wenn man ein solches Wunderheilmittel für das hoffnungslos kranke Menschengeschlecht finden könnte, das jetzt aus eigener Schuld leidet, ohne dem Halt gebieten zu können.

Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich, aber die Natur — die große einfache — bleibt unveränderlich......

Viksalm, 24. Juli.

Die Sonne stand schon über dem Waldrand im Osten und flutete gerade ins Zimmer herein, als ich die Tür öffnete, um im Klarafluß ein Morgenbad zu nehmen.

Welch wundervoll friedlicher Fleck auf dieser lärmenden Erde! Still und ruhig liegen die Sennhütten auf der Wiesenfläche mitten in dem großen Wald. Ein betauter Blumenteppich reicht die Wiese bis zum Flußrand hinab. Draußen glitzert der Klarafluß wie ein breites Silberband; auf der andern Seite steht der dunkle Wald in kühlem Schatten.

Man scheut sich, den Fuß auf diese morgenfrische Reinheit zu setzen und den Tau von diesen zarten Blumenknospen zu treten. Man bleibt stehen, weitet die Brust, saugt diesen Frieden ein und läßt sich die Sonne ins Herz scheinen.

Aber dieser unermüdliche Fluß eilt ohne Rast und ohne Ruh weiter über Rollsteine; seine Schaumkämme und Wirbel wechseln ununterbrochen und doch bleiben sie immer dieselben.

Weshalb solche Hast, gerade hier? Nimm dir doch lieber etwas Zeit, du starker Fluß!

„Laß uns sachte gehen und gut Umschau halten,

Sieh der Weg ist reich an lieblichen Gestalten.“

Aber wer kann das in seiner Manneskraft? Du hast es nur eilig, um rasch durch dieses Land zu kommen, nach Schweden hinein.

Ist das ein wunderlicher Fluß! Alle großen Flüsse sonst haben sich im Laufe der Zeiten tiefe Täler gegraben. Der Klarafluß aber hat seinen Lauf geändert. In alten Zeiten floß er vom Fämundsee über den Drevsee geradewegs nach Schweden hinein, dann aber hat er seinen Sinn geändert und seinen Lauf über das graue, mit Renntiermoos bewachsene flache weite Gebirgsland mit seinen runden Höhen und Senken genommen.

Aus dem Fämundsee fließt die Glöta durch unwegsame Moränen aus großen Steinen in den Istersee und dann in den Galten. Daraus geht der Klarafluß hervor. Durch flaches Waldland, endlose Kiefernwälder — mit hohen, moosbewachsenen Bergen dazwischen — fließt er zumeist in allmählich fallenden Stromschnellen und stilleren Strecken, seltener in größeren Wasserfällen mit anschließenden tiefen, schwarzen Gumpen für die großen Fische.

Weiter draußen hat er eine größere Talentwicklung gefunden, erst das Elvtal und dann Trysil. Aber auch dieses ist nicht tief und eng und es ist ohne hohe Berge. Der höchste ist der Trysilberg.

So gleitet der Klarafluß hinein nach Schweden. Nicht alles was von Norwegen kommt, ist wohl alle Zeit so willkommen gewesen wie diese strömenden Wassermassen und ihre Tausende und Abertausende von Holzstämmen. Es ist ja dieses norwegische Wasser, das den größten See Schwedens, den Wenersee, mit bilden hilft, Schwedens größten Wasserfall und die größte Kraftstation, den Trollhätta, und dieses Bauholz!....

Herrgott, wenn wir zwei kleinen Völker doch immer einsehen könnten, um wieviel weiter wir kommen, wenn wir jederzeit bereit sind, Kraft voneinander zu empfangen! —

Wie herrlich erfrischt es, in diesem Flusse auf dem hellen Grund zu sitzen und die kühlen Wellen die Brust umrauschen zu lassen, während die Sonne ins Wasser scheint und unten mit den Füßen spielt. Man vernimmt das Jubeln des Pans in den stillen Wäldern.

Ich wollte zur Mißjöhöhe nördlich von den Sölenbergen hinüber; aber es war zu heiß, um am Tage zu gehen. Ich wartete lieber bis zum Abend und genoß inzwischen auf dieser Almwiese die Sonne und den Frieden und träumte den Traum des Waldes.

Große Pläne hatte man gehabt. Ich sollte jetzt eigentlich weit weg sein, unter der Tropensonne im Urwald, im Unbekannten, und war dann vom Krieg verhindert worden.

Weshalb aber so weit weg? Hier ist Sonne genug und blauer Himmel, und ewig jung ist die Natur, ewig neu — wahrhaftig genug zu entdecken — und dazu des Waldes große Einsamkeit und Schwermut.....

Im übrigen aber ist gerade hier der Wald jetzt nicht so dicht. Die Menschen sind schlimm mit ihm umgegangen. Sie haben diese weiten Kiefernheiden gelichtet, und es stehen keine großen Stämme mehr. Aber so ist es ja fast überall. Wo sind Norwegens Wälder, die einst Schutz gewährten?

Und trotzdem ist es doch der Wald, aus dem wir gekommen sind. Ostwärts, immer weiter nach Osten erstreckt er sich. Unter seiner ununterbrochenen Decke kannst du Monat für Monat wandern, Jahr für Jahr, durch Schweden, Finnland, durch Rußland, über den Ural, durch Sibirien, durch das Amurland, über Berge und Täler und endlose Waldebenen bis an den Stillen Ozean.

Da sind wir, da bleiben wir wir selbst. Und will sich einer ein Zukunftsheim erträumen, das er nie fand, dann ist es im Wald, das Waldesrauschen von Jahrtausenden über dem Hüttendach, Tautropfen im Farnkraut vor der Tür am Morgen, einen murmelnden Waldbach und kühle kleine Gumpen über weißen rundgeschliffenen Steinen zwischen dem Moos, und dann ein blanker See in der Stille des Waldes, wo der Fisch abends plätschert und große Kreise stößt.

Wie dieses Leben die Menschen gesund und schön macht! Betrachte sie nur alle, denen wir hier begegnen. Diese Bergljot hier auf der Alm, hast du solch eine Königin je gesehen? So selten schön das Antlitz, diese Augen, dieses Lächeln, gütig und zart und doch vertrauensvoll und selbstsicher. Und dann dieser Körper, so wohlgebaut, so fest und kräftig, und diese Haltung, dieser freie leichte Gang.

Nein wahrhaftig, die Menschen waren nicht geschaffen, in Städten zu wohnen! Hier entfalten sie sich. Schicke sie in die Städte, und du findest wieder bleiche verwaschene Gesichter, hängende schlenkernde Körper, müden schleppenden Gang, falschen Staat und falsche Gefühle.

Daß sie hier oben so aussehen müssen, das verstehe ich; aber nicht verstehe ich, daß Bergljot noch nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Aber danach wagte ich sie nicht zu fragen.

Oberes Rental, 25. Juli.

Am Abend, als es kühler geworden war, zog ich weiter. Ich stieg den Waldhang nach Aursjövola hinauf, dann im kahlen Gebirge nach Nordwesten. Dort war es leichter zu gehen, und es war auch mehr Hoffnung auf einen Luftzug, der die Mücken und Bremsen etwas fernhalten konnte.

Aber oben unter dem Sölen war es auch auf den kahlen Bergflächen schwer vorwärts zu kommen. Eine Moräne nach der andern kam, mit großen Steinen auf allen Seiten. Kämme, Rücken und Löcher, mit engen, tiefen, von Gletscherflüssen geschnittenen Rinnen durch die Moränen, als ob das Eis sie gestern verlassen hätte. Nur daß das Renntiermoos jetzt alles überwachsen hatte, und es war schwer, durch das tiefe Moos zwischen all diesen großen Steinen vorwärts zu stampfen.

So weit weg von den Menschen!

Aber auch bis hierher verfolgt einen der Lärm des Unwetters von dort draußen. Europa verblutet sich.....

Eine Kraftprobe, sagen sie. Kraft worin? In Machtgier? In Vorbereitungen, die andern niederzuschlagen und die Macht im günstigsten Zeitpunkt an sich zu reißen?..... Ist das die Kraftprobe?

Sind das die Eigenschaften, die die Zukunft aufbauen sollen?

Inzwischen verströmt Europas edelstes Blut. Wer bleibt übrig? Wie soll die Rasse werden, wenn gerade die tüchtigsten, die mutigsten Männer ausgerottet werden?

Und das Leiden, das große heilige Leiden der Völker..... wird es von Kräften verschuldet, die wir nicht meistern können, gleich denen, die diese Moränen aufgebaut haben? Nein, die Menschen selbst verschulden es! Wehe uns!.....

Aber welche Nacht! Dort unten der Wald mit den Mooren auf den Flächen bis hinab zum großen Sölensee, der sich weit nach Nordwesten erstreckt, mit waldigen Vorsprüngen, mit baumbestandenen Inseln gleich spähenden Kriegsschiffen — das erinnert unheimlich an die, die draußen in der Nordsee auf der Lauer liegen, um einander zu vernichten.

Die Wälder erstrecken sich weit hinaus, Rücken hinter Rücken, glitzernde Seen dazwischen. Jenseits der inselüberstreuten Fläche des Sölensees kommt der Galtensee, weiter draußen der Istersee und am fernsten, zwischen blauen Bergrücken, die Lücke des Fämundsees, der selbst nicht zu sehen ist. Über dem Steinrücken, auf dem ich stehe, erhebt sich das Gebirge bis zu den Sölenbergen mit Schluchten, Talkesseln und Schneefeldern.

Aber jenseits des Sölensees und der Waldflächen fern im Norden verschwimmen hohe Berge: Gloföiken, Elgepiggen, Gråhögda, in blauem Dunst unter dem Traum des Nachthimmels.

Wie die Bergweiten wogen! Sie steigen und sinken und steigen wieder immer höher hinauf — das ist Musik. Unwillkürlich erklingt im Herzen das Preislied.....

Das Preislied? Ist es denn möglich? Kann eine Kultur, die eine Welt geschaffen hat, so erhaben, so schön wie die Musik, eine Kultur, die im Preislied immer höher steigt, bis sie in strahlenden Schönheitsjubel ausbricht — kann diese Kultur dieselbe sein, die diese brutale Machtgier entfaltet, dieses Jagen nach äußerem Glanz?

Nein, und abermals nein! Das ist nicht die Kultur, das sind die alten Instinkte des wilden Tiers, die die Massen irregeführt und die sie durch die Macht der Suggestion auf Abwege mitgerissen haben. Sie haben Telegraph, Telephon, Presse in ihrem Dienst, um ihr Gift mit der Geschwindigkeit der Elektrizität zu verbreiten. Und der Haufe, der bei der zunehmenden Hast der Gegenwart die eigene Meinung und Urteilskraft verliert, unterliegt ihnen sofort.

Eine Wiedergeburt muß kommen — eine neue Zeit mit neuen Idealen, in der die geistigen Werte wieder das Ziel bilden und die materiellen nur Mittel werden — in der der Mob und die Mittelmäßigkeit nicht länger die Welt regieren, sondern die großen Geister die Menschen auf größere Höhen mit weitem Ausblick führen — in der jede geistige Entdeckung, jeder Sieg in der Welt des Geistes mit derselben Begeisterung begrüßt wird wie jetzt die materiellen Siege — in der die Menschen für ein größeres, schöneres, einfacheres Leben leben!

Aber die Hetzjagd des Alltags dort unten in den Städten, unter dem Alpdruck des Geldes, verflacht die Menschen. Aus der Wüste, aus der Einsamkeit, aus der einfachen Tiefe der Natur sind zu allen Zeiten die neuen Männer gekommen.

Welch starker Ernst in einer solchen Nacht! Es ist, als höre man das erhabene Lied des Weltraums selbst — so hoch, so weit, so ätherisch rein — so wunderbar frei für Herz und Sinn.....

Aus dieser Welt müssen die Männer der neuen Zeit geboren werden, mit den großen einfachen Linien — aus einem Guß — ohne die Zweideutigkeit der doppelten Moral.....

Aus dieser nachtstillen Größe müssen die Gedanken sprießen, die dem kommenden Geschlecht Gesundung bringen können.


Werke von Fridtjof Nansen

im gleichen Verlag erschienen.

In Nacht und Eis.

Die Norwegische Polarexpedition 1893–96. Reich illustriert mit einfarb. u. bunt. Abbild. u. Karten. 2 Bde. Neue Aufl. in Vorbereitung.

Das einzige Werk, in welchem Nansen selbst über die kühnste aller Polarfahrten berichtet. Was in den beiden stattlichen Bänden enthalten ist, klingt an die alten Sagen an, die uns von der urwüchsigen Kraft und dem Wagemut germanischer Helden Kunde geben. Nansens Schilderungen bieten in ihrer schlichten, ungekünstelten Darstellung ein großartiges Bild des abenteuerlichen Lebens einer Handvoll mutiger Männer in den Eiswüsten des Nordpols. Ein reich illustrierter dritter Band, gebunden 25 M., verfaßt von zweien seiner Begleiter, schildert das Leben an Bord der „Fram“ nach Nansens Abschied und die tollkühne Schlittenreise des berühmten Forschers.

Nebelheim.

Entdeckung und Erforschung der nördlichen Länder und Meere. Reich illustr. mit einfarbigen u. bunten Abbild. 2 Bde. Geb. 50 M.

Auch auf dem neuen Gebiet ein Entdecker! Haben ihn Eisberge und Nebel seinerzeit gereizt, Gesundheit und Leben einzusetzen, so reizten ihn diesmal die geistigen Nebel, die von Anbeginn der Menschheit bis zum Zeitalter der Renaissance über Deutschland und Norwegen, über der Geschichte aller Länder Nordeuropas lagen. Eine südnördliche Durchfahrt durch alle Wirrnisse dreitausendjähriger Geschichtschreibung, von den Zeiten Homers bis zur völligen Aufklärung im 16. Jahrhundert, ist ihm gelungen! Nicht nur der historische Geograph, sondern jeder Gebildete, der für die altgermanische Welt des Nordens Interesse hat, wird das Buch gern und oft lesen, das Ganze ist durchweht von dem Geist jener alten Wikingerrecken, die auf ihren schlanken Booten hinaussteuerten ins dunkle, geheimnisvolle Nordmeer, um Neuland zu suchen...

Sibirien, ein Zukunftsland.

Reich illustriert mit einfarbigen Abbildungen u. Karten. Geb. 25 M.

Ein neuer Seeweg nach Sibirien — die wirtschaftliche Erschließung dieses ungeheuer reichen Landes und die gelbe Gefahr sind die Probleme, die in dem Werke mit besonderer Ausführlichkeit und Sachkenntnis behandelt werden. Auch dieses Werk besitzt alle Vorzüge der meisterhaften Schilderung, die den großen Forscher auszeichnet. Unterstützt durch die trefflichen Photographien entrollt sich ein lebendiges Bild des „Landes der Zukunft“.


Druck von F. A. Brockhaus, Leipzig.