Ein Stiergefecht auf der Mission Dolores.
Auf der Mission war ein Fest. Von San Francisco aus wateten Hunderte von Menschen durch den gelben Sand der „Missionsstraße“ dem etwa drei engl. Meilen entfernten Dolores entgegen, Hügel auf und ab keuchten sie die beschwerliche ermüdende Bahn, und rasteten gewöhnlich erst auf dem letzten mit Zwergeichen und Lorbeeren bewachsenen Hang, der einen freien Ueberblick über das kleine vor ihnen ausgebreitete Thal gewährte.
Es war ein lebendiges Bild, dem selbst die nackten, den Hintergrund formenden Berge einen eigenthümlichen Zauber nicht nehmen konnten. Links weit hinaus dehnte sich die hie und da von niederem Weidicht begrenzte Missionsbucht der Bai von San Francisco zu, deren schimmernder Wasserspiegel aus dem fahlen Grün der Hänge frisch hervorblitzte; rechts zog sich ein schmales, unbebautes Thal in die Hügel hinauf, an deren westlichen Fuß die Brandung des stillen Meeres schäumte, und in der Mitte lag die kleine Gruppe Häuser, die ihren Namen dem alten wettergrauen Gebäude verdankte, das die westlichste Flanke der Ansiedlung bildete.
Die Mission Dolores, in alten Zeiten durch die Jesuiten gegründet, zog zuerst die benachbarten Indianerstämme zu sich, die den Mönchen nicht allein ihr Gebäude aufrichten, sondern auch später ihr Feld bestellen und ihre Rinder hüten mußten — dafür wurden sie civilisirt. Nach und nach siedelten sich dann später Californier aus den südlicher gelegenen Städten oder aus Yerba buena[2], dem jetzigen San Francisco, dort an, und Straßen entstanden, über deren niedere Häuser hinweg das graue Dach des Missionsgebäudes noch immer hoch und düster hinüberschaute.
Da kam das Gold und mit ihm, wie mit einem Zauberschlage, verwandelte sich das ganze Land; das Missionsgebäude wurde, wenigstens theilweise, zu Schenken benutzt, die Indianer zogen, von einzelnen Californiern geführt, und Christenthum wie Mission hinter sich lassend, in die Berge, und eine regsamere Bevölkerung, aus Deutschen, Amerikanern und Franzosen gemischt, fing an, die alten, halb verfallenen und theilweise verlassenen Gebäude zu bewohnen. Der Priester blieb allerdings noch in seiner Pfarre, aber die Mission selber bestand nur dem Namen nach, und wenn die kleinen Glocken Morgens angeschlagen wurden, die fromme Schaar zum Gebet zu rufen, so waren es nur wenige, sehr wenige, die dem Rufe folgten. Selbst die Indianer kümmerten sich nicht mehr um den feierlichen Laut, der sie sonst in die Nähe des neuen Gottes gerufen — der eine Theil grub nach Gold in den fernen Bergen, und der kleine Theil der aus einem oder dem andern Grund Zurückgebliebenen, trieb sich um die Schenkstände der Europäer herum, dem Feuergeist des Alkohols zu dienen, und seine Adern dem betäubenden Gift zu öffnen.
Die vielen Schenkstände der Mission verlangten aber auch dann und wann eine Extra-Anregung, ihren Besitzern in der Geschwindigkeit so viel Gold einzubringen, als diese in den Minen glaubten erwaschen zu können — denn war das nicht der Fall, so sahen ihre Besitzer gar nicht ein, weshalb sie nicht lieber in die Berge gingen, gutes Gold zu graben, als hier im flachen Lande schlechten Branntwein auszuschenken. Zu diesem Zwecke genügten aber keineswegs die Indianer, die gar kein baar Geld hatten, und nur höchst unvollkommen die Bewohner der Mission selber, wie einzelne Besuche von San Francisco. Es bedurfte eines stärkeren Reizmittels als ihr Cognac, oder selbst die umliegende freundliche Gegend war, ihnen Kunden in Massen zuzuführen, und zu diesem Zweck wurden Pferderennen und Fandangos, Wettspiele und Kämpfe, und Gott weiß was sonst noch für Festlichkeiten arrangirt, den Schau- und Trinklustigen eine Veranlassung zu bieten, ihr Gold durch den Sandstaub herauszuschaffen und gegen ein wildes, oft widerliches Schauspiel wie eine wüst durchschwelgte Nacht einzutauschen.
Ein Stierkampf war diesmal die Veranlassung, und die Arena eine im Mittelpunkt des Ortes errichtete starke Umzäunung, um die her eine Art von erhöhten Sitzen angebracht war, den Entrée Zahlenden doch einigermaßen Entschädigung für das gewöhnlich nur höchst mittelmäßige Schauspiel zu bieten. Die Wirthe der Mission schienen übrigens bewiesen zu haben, wie richtig sie ihre Nachbarschaft kannten, die wirklich immer nur auf eine Gelegenheit wartete, ihr Geld, sei es für was es wolle, zum Fenster hinauszuwerfen. Schaaren von Menschen füllten die breiten Straßen des kleinen Orts, drängten um die Barriere und zankten um ihre Plätze, oder tummelten ihre Pferde vor dem Missionsgebäude, auf dessen Veranda die ganze schöne Welt versammelt schien und manches dunkeläugige holde Mädchengesicht auf die kühnen Reiter hinüberblitzte.
Das wilde Publikum, Amerikaner und Mexikaner, Wilde und Weiße, bunt durch einander, hatte indeß an Plätzen eingenommen, was eben zu erreichen war, und theils eine nahe kleine Erhöhung des Bodens, theils die aufgerichteten Gestelle benutzend, den Platz umlagert, auf dem ihr Pfeifen und Trommeln, Stampfen und Schreien noch immer nicht die ersehnten Stiere und Kämpfer hervorrufen konnte.
Mehre buntgekleidete, frech und ungeschickt genug aussehende Burschen, Mexikaner ihrem Aeußeren nach, und Einer, ein Halbindianer, dem tiefe Blatternarben das ganze Gesicht entstellten, trieben sich indeß in der Arena umher, und tanzten und sangen und suchten durch Späße die Geduld des Publikums etwas länger hinzuhalten. Wenn ihnen das aber auch vielleicht bei dem spanischen Theil desselben gelungen wäre, der oft in ein lautes und rohes Gelächter bei den roheren Witzen ausbrach, half das Nichts bei dem englischen oder amerikanischen, der das Spanische gar nicht verstand. Ja diese wurden eher noch ärgerlicher, daß sich Andere amüsiren sollten, während sie ihr gutes Geld ebenfalls gezahlt hatten und nun nicht einmal herausbekommen konnten, weshalb das „Gesindel“ lachte.
Der Lärm wurde immer toller, und einige Amerikaner, halbtrunkene Seeleute, denen der Spaß zu lange währte, sprangen schon in die Arena hinunter, thätigen Antheil an dem Singen und Springen der unten Befindlichen zu nehmen, das sie wenigstens ihrer eigenen Versicherung nach „all to smash“ überbieten konnten, als plötzlich das enge, in den Kreis führende Thor aufgerissen wurde, und ein brauner, zwar kleiner aber doch muthiger Stier so urplötzlich zwischen die natürlich nicht wenig überraschten Seeleute hineinschoß, daß diese im ersten Augenblick rath- und thatlos dastanden und dem Thier, hätte es wirklich Böses im Schild geführt, oder irgend einen Angriff beabsichtigt, leichte und nicht zu rettende Beute gewesen wären.
Der Jubel der Zuschauer bei diesem kleinen Intermezzo läßt sich gar nicht beschreiben. Von allen Seiten zugleich brach er los, war aber auch die einzige Rettung der bestürzten und unfreiwilligen Stierfechter, denn der eingelassene muthige Stier stand bei dem furchtbaren Lärm, der von allen Seiten auf ihn einbrach, im ersten Moment wie verdutzt da und warf nur unwillig die Hörner bald da, bald dort hin, und riß den Boden auf mit den scharfen Hufen.
Der erste Schreck war vorüber und die Matrosen flüchteten mit völlig abgekühltem Kampfesmuth und unter dem Lachen, Pfeifen und Zischen der Zuschauer so rasch sie konnten über die Fenz zurück. Daß sie das nach verschiedenen Seiten zu thaten, deckte zugleich ihren Rückzug, denn der Stier wurde sie gewahr und suchte sie noch zu erreichen, konnte aber nicht gleich eine Wahl zwischen den ihm von allen Enden verlockend genug zugedrehten Rücktheilen treffen, und bekam dadurch keins.
Jetzt aber sprangen auch die wirklichen Stierkämpfer aus einem eigens für sie gebauten Verschlag in den eingezäunten Raum und begannen das überdies schon gereizte Thier durch all die schon tausendmal beschriebenen Arten und Weisen, mit Schwärmern und kleinen Speeren und Fahnen zu necken und zu peinigen. Aber sie hielten dem zuletzt wüthend Gemachten nie Stand, bis das Publikum endlich in einem wahren Chaos der schauerlichsten Töne sein Mißfallen zu erkennen gab.
Der Stier wurde indessen durch Blutverlust und Hin- und Herhetzen so erschöpft, daß er den stets nutzlosen Anreizungen nicht mehr nachgeben wollte. Er wußte, die feige Schaar seiner Angreifer hielt ihm doch nicht Stand, und brüllend und den Boden scharrend blieb er in der Mitte der Arena stehen, und nahm geduldig einen ganzen Hagel kleiner Pfeile, Geschosse und Schwärmer hin, der von allen Seiten auf ihn einregnete.
Der Lärm und das Toben der unbefriedigten Zuschauer wuchs jetzt dermaßen, daß Einer der Leute dem Stier einen Lasso um die Hörner warf und ihn dem wieder geöffneten Eingang zuzog, durch den er mit ihm unter dem Pfeifen und Zischen der Versammelten verschwand.
Unter den Letzteren zeichnete sich besonders ein Indianer aus — ein schlanker, schöngewachsener Bursche, in der malerischen mexikanischen oder californischen Tracht, mit kurzer Jacke und an den Seiten offenen Hosen, einen breiträndigen, mit Wachstuch überzogenen Hut auf dem Kopf, der, eine volle Flasche in der linken Hand, eben auf eine der Bänke gesprungen war und die feigen „Matadoren“ auf jede mögliche Art und Weise verhöhnte.
„Caracho compañero“ schrie ihm endlich Einer der von San Francisco dazu herüber gekommenen Stierkämpfer trotzig zu — „mach’s besser wenn du kannst, aber steh’ und brülle da nicht, als ob du das Hirn verbrannt hättest an deinem agua ardiente[3]. Schreien kann Jeder,“ und in den Bart, als er sich wandte, murmelte er: „rothe, verdammte Bestie, ich wollte er spränge herunter zum nächsten Stier.“
„Zeig’ du’s ihnen einmal, Valentin, wie man’s machen muß,“ wandten sich jetzt aber auch einzelne von den Einwohnern der Mission, die den Indianer und seinen tollen Muth kannten, an den Eingebornen, der, als der beste Reiter und Lassowerfer sich selbst unter den Californiern einen Ruf erworben hatte.
„Zeig’ ich ihnen?“ erwiederte der halbcivilisirte Indianer mit einem verächtlichen Lachen in ziemlich reinem, nur wenig gebrochenem Spanisch — „zeig’ ich ihnen? und weshalb? — Mexikaner haben die Unzen — viel Unzen — Valentin hat Nichts — zerreißt seine Kleider, zerbricht seine Flasche — pah, wofür? — Für weiße Männer über Valentin zu lachen — laß’ die Matadoren kämpfen.“
„Aber sie können nicht!“ antworteten ihm Stimmen von fünf, sechs verschiedenen Seiten.
„Bah, es sind Stierkämpfer und nehmen Geld dafür,“ lachte der Indianer, „und die Weißen kommen in Schaaren und werfen es ihnen in den Hut — Stierkämpfer, ha, ha, ha, caracho, sie wagen es nicht einmal sich einem Kalb entgegenzustellen — Valentin ist zu gut für sie.“
Der Indianer warf den Kopf verächtlich zurück und seine edle Gestalt hob sich in dem Selbstgefühl der eigenen Kraft und Geschicklichkeit. Da fiel sein Blick auf die Flasche, die er, in dem Unwillen über die hölzernen Stierkämpfer fast vergessen, noch in der Hand trug, und mit einem heiseren, triumphirenden Lachen den Hals derselben an seine Lippen bringend, sog er in gierigem Zug den heißen, scharfen Trank durch die Kehle.
Das Jubelgeschrei der Menge unterbrach ihn, und wandte seine Aufmerksamkeit der Arena zu, in die jetzt, frei und ungehindert ein kohlschwarzer, wilder Stier getrieben und seinen Peinigern wieder übergeben wurde.
Der neue Stier war von ungemein starkem und kräftigem Wuchs und von trotzig finsterem Aussehen, was besonders durch die dichten und dunklen Haarbüschel verstärkt wurde, die über seinen Augen standen. Er strafte denn sein Aussehen auch keineswegs Lügen, und den Sand über sich werfend, daß er wie eine dichte Wolke auf ihm lag, wühlte und stampfte er den Boden mit Nase, Horn und Vorderhuf, und suchte brüllend den ersten Feind, seine Wuth an ihm auszulassen.
Auf einen Angriff sollte er auch nicht lange zu warten haben, denn zwei der mexikanischen Stierkämpfer in ihren kurzen bunten Jacken und Hosen, sprangen gegen ihn an, und suchten ihn irr zu machen und seine Wuth Einer vom Anderen abzulocken. Wenn er aber auch im Anfang vielleicht eine halbe Minute zu zögern schien, welchen er zuerst annehmen solle, dauerte diese Ungewißheit doch nicht lange, denn er warf sich gleich darauf in blinder Wuth auf den ihm nächsten, und trieb ihn wieder unter dem Hohngeschrei der Zuschauer, auf und über die Fenz, während sich der Andere, der jetzt wohl fürchten mochte, daß der ganze Zorn des Thieres gegen ihn allein gekehrt werden würde, langsam nach dem Eingang zurückzog, dort überzuklettern.
War dies langsame Zurückziehen eine Art von Ehrgefühl gewesen, die ihn verhinderte, dem zum Kampf aufgerufenen Gegner ohne weiteres wieder den Rücken zu drehen, so sollte das gar bald dem neuen Gefühl der Rettung Raum geben, denn das gereizte Thier sah, den Kopf wendend, kaum die langsam ihm ausweichende Gestalt, als er die Hörner niederbog, den Staub aufwühlte und mit kurzem Gebrüll und hoch und kampflustig gehobenem Schwanz in so tollem Anprall gegen den Flüchtigen losstürmte, daß dieser nicht einmal Zeit behielt die Fenz zu erklettern, sondern nur eben noch rasch zur Seite sprang, von den Hörnern des wüthenden Thieres nicht erfaßt und zerquetscht zu werden.
So gewaltig war aber die Kraft und Schwere gewesen, die der Stier in diesen Angriff gelegt, daß die starken Querhölzer der Fenz ihm nicht zu widerstehen vermochten. Wie morsche Breter brachen sie zusammen, und wenige Minuten später stürmte das entfesselte freie Thier mitten in eine Schaar müßiger entsetzter Zuschauer hinein, die, sich eines solchen unerwarteten Angriffs nicht versehend, wie Spreu im Sturm auseinanderstoben, und es wieder nur den verschiedenen Richtungen zu verdanken hatten, in denen sie abprallten, daß das wüthende Thier nicht Einen von ihnen überholte und auf die Hörner faßte.
Lautes Gelächter und ein Hohngeschrei der auf den erhöhten Plätzen sich sicher fühlenden Menge übertäubte im ersten Moment der Flucht jeden andern Laut. Nur Einer vielleicht von der ganzen Schaar stampfte in tollem Unmuth die Breter und schrie sein verächtliches caracho nieder auf die unten entsetzt stehenden Stierkämpfer, die jetzt, in ihrer bunten, wunderlich geschmückten Tracht, und ohne den Stier, allerdings eine gar traurige Rolle spielten. Es war der Indianer.
Sein erstes Gefühl schien auch, von der Terasse niederzuspringen und irgend, vielleicht sich noch nicht einmal recht bewußten Theil an der unten vorgehenden Handlung zu nehmen, und in diesem Drang wollte er schon die Flasche von sich werfen, als ihn ein gewisser Instinkt davon zurückhielt. Rasch und unentschlossen hob er sie gegen das Licht, und schaute sich wenige Secunden im Kreis um, als ob er Jemanden suche, dem er sie anvertrauen könne. Aber er fand Niemanden, denn die Gesichter waren ihm theils fremd, theils vielleicht nur zu gut bekannt. Da fiel sein Blick auf das flüchtige Thier, das eben an dem alten Missionsgebäude vorbeistürmte, den fernen Bergen zu, und im Nu hatte er die Flasche an den Lippen, goß sich den heißen Strom in die Kehle, bis ihm die Augen im Kopfe glühten, und sprang dann, die leere Flasche von sich werfend, mit einem Satz über das Gestell hinweg, das ihn vom Boden trennte. Zwei oder drei der dort Stehenden rannte er zu Boden, aber er sah es weder, noch hörte er die Flüche, die hinter ihm drein klangen, nur sein Pferd suchte das blitzende Auge. Dort an der Ecke stand es befestigt, und still wie ein Lamm in dem Lärm und Aufruhr der es umgab; aber seines Herrn Hand lag auf seiner Mähne und das kluge, schöne Thier spitzte die Ohren.
„Vamos chiquito,“ lachte der Indianer, als er mit der linken Hand den Zaum von dem Kopf des Thieres streifte, es war ihm zu viel Mühe den Zügel zu lösen, und zurückzunehmen — vamos mi bonito — und dahin flog das Roß, von dem Schenkeldruck des wilden Reiters gelenkt, wie der Pfeil von der Sehne. Schnaubend und wiehernd warf es den Staub empor hinter sich, und die einzelnen Gruppen Flüchtiger, die dem Stier eben ausgewichen, wußten kaum wie sie den herandonnernden Hufen entgehen sollten. Aber im Nu war’s vorbeigerast — des Indianers scharfer Blick entdeckte das flüchtige Thier, wie es eben den grünen Rasen berührte, der zwischen der Mission und den Küstenhügeln lag, und mit der Rechten den Lasso von seinem Sattel lösend, trieb er mit Zunge und Hacken das schäumende Roß zu immer wilderer Eile.
Fünf oder sechs Reiter, die dort gerade in der Nachbarschaft gewesen, hatten schon versucht dem Stier die Flucht abzuschneiden, der sumpfige Boden aber, über den er floh, hielt sie zurück, und sie kreuzten jetzt des Indianers Pfade, um die Mission herum zu galopiren und den Entsprungenen weiter oben einzuholen.
Der Indianer stieß einen wilden Jubelschrei aus und sprengte gerade auf die Kirchhofsmauer zu.
„Hierher, compañero!“ rief ihm einer der Amerikaner zu; „du kannst dort nicht hinüber!“
Ein heiseres Lachen war Valentins einzige Antwort, und mit einem Satz überflog der Rappe die Mauer und verschwand mit dem wilden Reiter im Innern des Kirchhofs.
„Damn my soul!“ fluchte der Amerikaner still in sich hinein und gab seinem Thier Sporn und Peitsche, rasch um die Mauer hinumzukommen. Aber Valentin war schon wieder draußen im Freien und das wackere Roß das er ritt, entdeckte kaum, jetzt dicht vor sich, den flüchtigen Stier, als es mit schnaubenden Nüstern ausgriff zum wohlbekannten Fang. Wenige Secunden später, und das Pferd war dicht hinter ihm, der Reiter aber, den Lasso in weiter Schwingung zwei oder dreimal um den Kopf wirbelnd, bog sich vor, und die Schlinge zuckte aus seiner Hand. In dem Moment aber auch, und nur von dem Schenkeldruck des Eingeborenen berührt, warf sich das Pferd herum und stemmte sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen den nur zu gut gekannten Wurf des Gefangenen. Der Stier that noch zwei Sprünge mit voller, zum Aeußersten getriebener Kraft, denn er fühlte die furchtbare Schlinge über sich, jetzt aber, in dem letzten Bereich des unzerreißbaren Taues zog dieses an, und das gefangene Thier stürzte mit fast gebrochenem und nach rückwärts gerissenem Nacken dumpf blökend zur Erde nieder.
Jetzt erst kamen die andern Reiter heran, und einer der Californier hob ebenfalls den Lasso, die Hörner des Gefangenen zu fassen, damit das Thier, desto sicherer zwischen beiden Reitern, gegen keinen den Angriff ausführen könne, ohne von dem Andern zurückgehalten zu werden; Valentin aber, durch den Cognac schon vorher und die glückliche Jagd jetzt erregt, warf seinen Arm empor und winkte dem zweiten Reiter, den Stier in Ruhe zu lassen. Nur den Hals seines schnaubenden, zitternden Thieres klopfend, erwartete er mit triumphirendem Lächeln die nächste Bewegung des gefangenen, aber keineswegs gebändigten Feindes.
Jetzt sprang der Stier, der sich von der ersten Betäubung seines Sturzes erholt, empor, und dicht vor sich den Gegner erblickend, der es gewagt ihm zu trotzen, legte er die Hörner ein und stürmte wild gegen ihn an. Das aber hatte der Indianer nur erwartet, und das Pferd mit der linken Hand, mit der er die Mähne desselben gefaßt hielt, leicht regierend, galopirte er, den Lasso in seiner vollen Länge und mit dem immer wüthender werdenden Thiere Schritt haltend, vor ihm hin, der Arena wieder zu. Zweimal versuchte der Stier zur Seite auszubrechen, als er fand daß er den flüchtigen Reiter nicht einholen konnte, immer aber riß ihn der Lasso wieder zurück in die halb freiwillige, halb gezwungene Bahn, und jeder Ruck reizte die Wuth des Gefangenen nur auf’s Neue, und machte ihn der stets sicher geglaubten und stets wieder entgehenden Beute folgen.
So näherte sich das wunderliche Paar, von einer Masse von Zuschauern, die dem kecken Indianer zujubelten, umdrängt, dem Eingang der Arena, der von den Mexikanern schon geöffnet worden. Ungeduldig winkte Valentins Arm dabei ihm Raum zu geben, und sein wilder Blick überflog halb forschend, halb unruhig das Innere des Kampfplatzes, in das er den furchtbaren, zur äußersten Wuth gereizten Gegner lockte. Aber die Einrichtung der Umzäunung, deren gegenüberliegende und den Ausgang bildende Balken jetzt noch befestigt waren, schien ihn zu befriedigen und dicht vor dem offenen Thor, hinter dem versteckt zwei Leute postirt waren, es zu verschließen, sobald sich der Stier wieder im Innern befand, hielt er an, und schien das mit gesenkten Hörnern auf ihn einprallende Thier ruhig zu erwarten, dessen nächster Sprung auch kaum anders als tödtlich für ihn sein konnte. Das eigene wackere Roß zitterte dabei unter ihm und warf den schönen Kopf scheu zurück, aber wich nicht, wenn auch zügellos, vom Platz, der fast unvermeidlichen Gefahr zu entgehen.
Ein wilder Schrei der Angst zuckte aus fast jeder Brust, als der wüthende Stier die Hörner senkte, sie im nächsten Moment in die Weichen des bebenden Rappen zu stoßen, als das Roß, von der Hand des Reiters gehoben, herum und in wenigen Sätzen die Arena durchflog. Der Stier war dicht hinter ihm und in demselben Augenblick, als es im steilen Ansprung, dem wilden Stier fast aus den Hörnern heraus, die Barriere überflog, preßte des Indianers Knie gegen den Sattel und schnellte die schlanke Gestalt des Wilden auf den Stier zurück, der mit voller Wucht gegen den untersten Querbalken anrennend, halb betäubt von dem furchtbaren Stoß zurücktaumelte.
Als der Indianer von ihm zurücksprang und das schwarze lange Haar seine Stirn wild umflatterte, unter der nur die dunklen Augen in wildem, triumphirendem Feuer vorblitzten, hielt er in der Rechten ein blankes, kurzes Messer und in der Linken den durchschnittenen Lasso, den er mit einem kurzen jubelnden Lachen gegen die ihren Sinnen kaum trauenden Zuschauer emporhob.
Der Lärm und Jubelruf aber, der sich jetzt erhob, ist kaum zu beschreiben. — Mit stockendem Athem hatten die entsetzten Zuschauer den vermeintlichen Sturz des tollkühnen Indianers gesehn und das für sein Verderben gehalten, was nur die keck ausgeführte That des unübertroffenen Reiters gewesen, und das Beifallsgeschrei wollte kein Ende nehmen.
In Californien klatscht das Publikum bei solchen Gelegenheiten aber nicht blos in die Hände, sondern gibt dem, der sich seine Herzen zu gewinnen wußte, auch praktischen Beweise seiner Zufriedenheit. Es ist nämlich Sitte und Gebrauch dort bei solchen Kämpfen, wie sogar beim Tanz, den Mädchen Geld zuzuwerfen, und harte Silber-Dollar wie sogar goldene Unzen regnen häufig in den Saal, wenn eine Schöne beim Fandango die Herzen der Umstehenden zu entzünden wußte, und die tanzende Señorita muß dann das silberne oder goldene Lob selbst auflesen nach ihrem Tanz, als Dank für die Geber.
In solcher Weise machte sich auch der Jubel der jauchzenden Zuschauer Luft, und von allen Seiten hagelten Silber-Dollar in die Mitte der Arena, und selbst nach dem Kopf des Stieres, der sich jetzt wieder erhoben hatte und die Stirn dem siegreichen Feinde zuwandte.
„Gracias, muchas gracias caballeros!“ lachte aber der Indianer als er den reichen Segen auf sich niederströmen sah, und den Hut aufnehmend, der ihm beim Sprung vom Kopf gefallen war, und jetzt neben ihm lag, begann er vollkommen kaltblütig die Dollars zusammenzulesen, als der Stier zum neuen Angriff wieder zornig auf ihn einstürmte.
„Wehr’ dich — wehr’ dich, Valentin!“ ertönte es von allen Seiten, und der kecke Bursche hielt es dabei kaum der Mühe werth, den Kopf etwas zu wenden, daß er die Bewegungen des Anstürmenden beobachten konnte. Dicht vor ihm glitt er ihm aber wie eine Schlange aus dem Weg, und hatte wohl zwanzig Dollar in seinen Hut geworfen, als der Stier zum zweitenmal, und wieder vergebens, gegen ihn anprallte.
Der Jubel des Publikums stieg mit jeder Bewegung des jetzt durch den getrunkenen Cognac wie durch Aufregung mehr und mehr belebten Indianers. Seine Augen blitzten und funkelten, seine ganze Gestalt hob sich und wurde größer, und die Gefahr, die Andere für ihn fürchteten, schien er mit seinem trotzigen Lachen nur immer auf’s Neue herauszufordern.
Der Stier selber stutzte aber jetzt über die Ruhe des Feindes, der ihm trotzig und lachend gegenüberstand, und wühlte den Staub auf mit Vorderhuf und Horn, in grimmer, machtloser Wuth.
„Mira aqui compañero,“ lachte da der Indianer und schritt auf den jetzt trotzig und erstaunt und nur zum neuen Angriff Zurückweichenden zu — mira aqui — „sieh’ die prächtigen Dollar!“ und eine Handvoll herausgreifend, begann er sie vor dem wüthenden Thier in den Sand zu zählen.
„Eins, — zwei, drei, vier — halt amigo, nicht so hitzig, oder ich verzähle mich — fünf, sechs, sieben, acht — was für großmüthige Gönner, — neun, zehn, elf — zwölf, dreizehn — oh, der Teufel!“ und mit dem lachenden Ausruf war er genöthigt den Hut fortzuwerfen, den der wüthende Stier unter die Hufe trat, und auf Flucht zu denken, denn die scharfen Hörner des Feindes drohten ihm in wohlgemeinten Stößen Verderben. Valentin wich ihnen aber in tollkühnem Muthe nur eben weit genug aus, nicht berührt zu werden, und den Hut aufgreifend, kehrte er schon wieder zu seiner alten Beschäftigung zurück, als der gereizte Stier noch schnaubend die Arena durchrannte, ihn zu finden.
Wieder begann er jetzt sein Zählen, dicht vor den Hörnern des Wüthenden, bald hier, bald dort hinüberspringend, wie ihn der Angriff zwang, aber stets die Gefahr durch eine anscheinend nur unbedeutende Bewegung des Körpers, der er noch dazu den Ausdruck des Tanzes gab, vermeidend, daß immer neuer Jubelruf die Luft erfüllte, und mancher Dollar noch zu ihm hinüberflog. So ermüdete er zuletzt den Gegner, daß dieser mit dumpfem Brüllen stehen blieb und es ruhig geschehen ließ, wie ihn das schwache Menschenkind vor seinen Augen verhöhnte. Und der Indianer sang und tanzte, und zählte die Dollar in den Sand und lachte und schrie dazu, und trieb die wunderlichsten Streiche, die der Stier nur manchmal mit einem neuen Angriff auf Secunden unterbrechen konnte.
Die mexikanischen Preiskämpfer waren indessen nur mit eifersüchtigem, wenn auch machtlosem Grimm Zeugen des Triumphs der Rothhaut gewesen, und Einer von ihnen sprang jetzt ebenfalls in die Arena, rief dem Indianer zu, sein Geld zusammenzulesen und stellte sich selber, den Kampf wieder zu beginnen.
Sein Empfang war gerade nicht ermuthigend, denn Zischen und Pfeifen begrüßte ihn, wie er nur den Sand berührte; der Stier aber, der hier einen neuen Gegenstand sah, an dem er seinen Grimm auslassen konnte, wandte sich von seinem alten Feinde ab und warf sich dem Neugekommenen wild entgegen.
Dieser, der beste seiner ganzen Gesellschaft vielleicht, empfing ihn ruhig und sprang ihm, seine Stirn selbst mit dem Fuß berührend, leicht über den Kopf. Dadurch gewann er sich wieder das Vertrauen der leicht bewegten Masse, und einzelne Beifallsbezeugungen, besonders von manchem seiner Landsleute, munterten ihn zu weiteren Versuchen auf.
„Bueno, compañero!“ rief Valentin, der indessen, die langen Haare aus seiner Stirn werfend, Zeuge der That gewesen war, aber keineswegs gesonnen schien, sich den Lorbeer des Tages so leicht entreißen lassen. „Bueno, aber das war Spaß, sieh’ hier!“ und mit den Worten stellte er sich dem wieder gegen ihn anstürmenden Thiere ruhig entgegen, und als es die Hörner niederbog, war er mit einem Satz, den Körper zugleich dabei herumschnellend, daß er mit dem Gesicht nach vorn saß, auf dem Rücken des wild dahinstürmenden Thieres, auf dem er sich über eine Minute lang, bei einem vollen Beifallssturm und trotz der wüthenden Anstrengungen desselben behauptete.
Der Mexikaner wurde todtenbleich vor Wuth.
„Das ist Nichts!“ schrie er mit wildem Lachen, und als sich der Stier, der sich des Reiters nicht entledigen konnte, bis dieser selber von ihm absprang, jetzt gegen ihn wandte, suchte er mit gleichem Sprung dem tollkühnen Wagen der Rothhaut gleichzukommen. Wuth und Aerger aber nahmen ihm vielleicht das kalte Blut, dessen er zu solchem Kampf bedurfte. Er überschätzte den Sprung, mit dem er sich zu weit nach hinten warf, und der Stier fühlte kaum den Feind an sich niedergleiten als er sich wandte und den Gestürzten, ehe dieser im Stande war sich emporzurichten, mit den Hörnern faßte, und, als ob es ein Kind gewesen wäre, in die Luft schleuderte.
„Carambo!“ schrie der Indianer lachend, als das jetzt zu rasender Wuth getriebene Thier den stürzenden Körper wieder auf die Hörner fing und dann zu Boden trat. „Das ist den Spaß zu weit getrieben!“ und während drei der übrigen Kämpfer über die Barriere sprangen, ihrem Kameraden beizustehen, aber ehe Einer von ihnen den Stier erreichen konnte, warf sich ihm Valentin auf’s Neue entgegen, und diesmal, wie den Tod suchend, mitten zwischen seine Hörner hinein.
Der wilde Sohn dieser Berge wußte jedoch was er that, und während ein Angstschrei der Zuschauer die Luft erschütterte, sprang er, mit dem kurzen Stahl in der Rechten, von dem zusammengebrochenen todten Stier zurück, dem er die Rückensehne des Bugs mit sicherem Stoß durchschnitten. Und um die beiden Leichen tanzte der Wilde, unter dem Beifallssturm und Geldwerfen der Menge, den Fandango.