10.
Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs Mutter über.
Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verändert. Die Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber angenommen worden. Dann hatte ein Pächter das Ganze übernommen, und die preußischen, dazu gehörigen Familien verdingten sich teils auf anderen Gütern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebäude waren noch die alten und der Name »das preußische Gut« ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr. Von den eigentlichen, dort hinübergezogenen Preußen lebte in der Tat nur noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit noch rüstigen Kräften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin, und zwar als Ochsenjunge, herübergekommen war und sich durch Fleiß und ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das eigentliche Inventar aus ältester Zeit blieb aber eine andere, höchst eigentümliche Persönlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er dort überall hieß. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preußischen Gute von der Pike auf gemacht, das heißt vom Holzdieb bis zum Forstwart, wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr das Gnadenbrot aß, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er an dem alten Platz, besonders an seinem Walde – denn um die Menschen bekümmerte er sich wenig oder gar nicht – mit einer Zuneigung, die man in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht gesucht haben würde.
Der Förster war allerdings sein Vorgesetzter, aber bekümmerte sich wenig um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belästigen. Jener war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu beiden Beschäftigungen ließ sich niemand besser verwenden als der alte, für seine Jahre aber noch außerordentlich rüstige Forstwart Barthold. Die Frevler fürchteten nämlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm weit sorgfältiger aus dem Wege, als wenn er der jüngste und kräftigste Forstgehilfe gewesen wäre, denn sie glaubten: er könne mehr als Brot essen, das heißt, er stände mit verschiedenen über- und unterirdischen Mächten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewöhnlichen Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man erzählte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten Geschichten – und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im Walde, den Füchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner lieben Waldsänger, der Vögel, bedrohten.
Etwa zehn Minuten Weges – oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern manchmal ihre Wege messen – von dem Rittergut Schildheim entfernt und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden. Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen feierten jetzt noch – gewissermaßen zur Erholung von den überstandenen Festlichkeiten – die Nachkirchweihe in einer Art von verlängertem blauen Montag. Die Köpfe wüst von vielem Tanzen und Trinken und den verschiedenen durchschwärmten Nächten, hatten sie noch keine rechte Lust, wieder zu ihrer regelmäßigen, steten Arbeit zurückzukehren und glaubten die Zeit denn natürlich nicht besser anwenden zu können, als wenn sie das früher begonnene Zechen ein klein wenig länger fortsetzten. Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, täglichen Beschäftigung herauszubringen; wenn aber einmal draußen, bekommt er sich selber auch nur äußerst schwer wieder hinein. – Er weiß das selber recht gut und läßt sich deshalb eben Zeit dazu.
Im Dorfe war ein ziemlich großes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee führte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten befahren, welche die Landesprodukte früher bis an die See nach Wismar, seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr, nach der nächsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die Nachwehen der überstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der alte Verwalter vom Schloß, eigentlich kein Wirtshausgänger, war heute unter ihnen und saß mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gäste in das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich nicht bloß um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem Dorfe zur Arbeit, und wußte, wie schwer es hielt, sie selbst von der Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden ließen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wußte, doch zuletzt anlaufen mußten. Neben ihm, ineinandergedrückt und schläfrig, saß ein anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten. Er sah fast wie ein Müller aus, mit seinem hellblauen, weiß bestaubten Rock, war auch früher ein Müller, und noch dazu ein ganz tüchtiger, gewesen, und wohnte in der unteren Mühle, aber nur zum Auszug. Er hatte vor längeren Jahren Mühle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft und sich nur, wie das häufig Sitte ist, seinen Auszug, das heißt Wohnung und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und lustig damit gelebt, und jetzt hieß es allgemein, daß er wohl bald mit der erhaltenen Summe fertig sein müsse. Das aber kümmerte ihn gar wenig. Ohne die geringste Beschäftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel an den Bach, aber er war selbst zu faul, Würmer zu suchen, besteckte seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen Tobias.
Daß der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch hätte arbeiten können, wußte der Verwalter recht gut, richtete deshalb auch kein Wort an ihn, und die beiden saßen eine Weile schweigend neben einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgeränderten und feuchten Augen nach ihm hinüberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas hob oder es von frischem füllen ließ.
»Na,« nahm da endlich Tobias das Gespräch auf, denn es verdroß ihn, daß ihn der Verwalter keines Wortes würdigte, »wird ja jetzt bald ein anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? – Kommt heute ein neuer Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.«
»Möglich,« sagte Schönle, der Verwalter, trocken. »Euch wird er aber doch wohl nicht ändern können.«
»Mich? – ne – wäre auch schade,« lachte Tobias stillvergnügt vor sich hin, denn er wußte jetzt, daß er den Verwalter geärgert hatte, »bin so hübsch genug und muß nun auch so bis an mein Ende – das Gott der Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jährchen hinausschieben wird, – aufgebraucht werden; hehehe!«
Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tür. Die Gesellschaft gefiel ihm nicht, und er wäre gern aufgestanden, hätte er nur irgendwo anders einen passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel zudringlicher fuhr er fort: »Es hieß ja einmal eine Weile im Ort, der Herr Verwalter würden den Pacht selber übernehmen, he? Der gnädige Herr da draußen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja – ist eine alte Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!«
Damit hatte er übrigens, wie er recht gut wußte, des Verwalters wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas aus und sagte: »Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer, Tobias, und ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist. Wenn Ihr einmal nüchtern seid, will ich weiter mit Euch reden.« Und damit wollte er sich von dem höhnisch zu ihm aufschauenden Alten abdrehen, als die Türe aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte atemlos hereingestürzt kam.
»Sie sind da – sie sind da!« schrie der Bursche, ohne nur zu grüßen, den Verwalter an, »eben fahren sie die Allee hinauf – zwei Wagen hintereinander.«
»Alle Wetter!« rief der Verwalter erschreckt, »und ich sitze hier und verschwatze die Zeit mit dem – Lump da!« Und ohne weiter einen Blick zurückzuwerfen, fuhr er aus der Türe, sprang auf sein draußen angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe löste, und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der nach dem Schlosse hinaufführte. Der alte Tobias sah ihm tückisch nach.
»Lump?« brummte er leise und grimmig vor sich hin, »na, warte, Alter, den Lump werde ich Dir gedenken, preußischer Dickkopf, der sich immer aus was besserem gemacht denkt! – Verwalterhacke, auf eine Ochsenjungenpeitsche gepfropft – wenn ich die Zeit nur noch erlebe, daß sie dich vom Hofe jagen. – Lump! – selber einer!« – und mit den giftig hervorgestoßenen Worten goß er den letzten Rest seines Kruges hinunter.
Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet. Die Leute sammelten sich rasch im Schloßhofe, und als die Wagen über die etwas morsche Brücke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu übergeben und sich selber dem Pachter anzuschließen, um die Herrschaft zu empfangen. Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlüssel suchte, den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schürze vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.
Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrüßt wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ältlicher Mann mit zwei Kindern saß. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann überlief es siedendheiß; ein eigenes Zittern überkam ihn, und die fremden Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, daß er kaum imstande war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berührend, niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschüttelt, ehe er imstande gewesen war, ihn zu begrüßen.
Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das kleine Mädchen hatte zum Entsetzen der Mägde ebenfalls von oben herunterspringen wollen, aber der ältliche Mann, der bei ihnen saß, verhinderte sie daran, ließ erst den Wagenschlag öffnen und stieg dann langsam mit den Kindern aus.
»Da sind wir denn an Ort und Stelle,« sagte jetzt Graf Geyerstein, sich freundlich zu seinem Begleiter wendend, »und ich hoffe, daß es Ihnen hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so daß es sich hier im Notfalle schon leben läßt. Unser alter Pachter hat sich hier, so viel ich weiß, ganz wohl befunden.«
»Und würde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf,« sagte der Mann, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände, wie Sie recht gut wissen, mich dazu genötigt hätten. Ich habe hier eine frohe und glückliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und müßte ein schmählich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur verheimlichen wollte.«
»Der Platz sieht nicht übel und das Gut reinlich und freundlich aus,« bemerkte jetzt die Dame, die ein dunkles Reisekleid trug, »nur die Nachbarn scheinen mir ein etwas weitläufiger Begriff.«
»Wir haben es vorderhand auch nicht mit den Nachbarn, sondern mit uns selber zu tun,« bemerkte rasch der Fremde, »und werden Fleiß darauf zu wenden haben, uns tüchtig einzuarbeiten.«
»Und darin wird Sie hoffentlich mein alter Verwalter hier nach Kräften unterstützen. Wie geht's, Schönle?« mit diesen Worten wandte sich der Graf plötzlich an den alten Mann und reichte ihm die Hand. »Noch immer frisch und kräftig bei der Arbeit? Ich bringe Euch hier den neuen Pachter vom Gute, und bitte Euch, nachher einmal auf mein Zimmer zu kommen. Ich habe manches mit Euch über die neue Einrichtung zu besprechen.«
»Gnädigster Herr Graf, Erlaucht –« stammelte der alte Mann, und die freundliche Anrede hatte ihm eine Zentnerlast von der Brust gewälzt, »Sie können gar nicht glauben – schon lange darauf gefreut – heidenglücklich.«
»Schon gut, Alter, schon gut,« nickte ihm der Rittmeister freundlich zu, und fuhr dann, zu seinem Begleiter gewandt, fort: »Das ist ein altes Inventar des Gutes, das wir in Ehren halten müssen. Der Mann kennt jeden Stein und Baum umher, versteht seine Sache und ist brav und ehrlich. Ich hoffe, ihr sollt gute Freunde mitsammen werden. Gott grüß' euch, ihr Leute, ich denke, wir gehen hinauf. Die gnädige Frau wird sich umziehen wollen, um zum Diner bereit zu sein. Schönle, führen Sie die Herrschaften in die für sie bestimmten Zimmer. Es ist doch alles in Ordnung gebracht?«
»Alles, Herr Graf,« versicherte der Pachter, »obgleich wir Sie eigentlich auf morgen erwarteten. – Vogt, sorgt Ihr dafür, daß die Sachen augenblicklich hinaufgebracht werden.«
Die Leute hatten sich bei dem an sie gerichteten freundlichen Gruße des Herrn herzugedrängt und warfen sich jetzt in einem wahren Feuereifer auf die verschiedenen Koffer und Hutschachteln, da jedes von ihnen wenigstens einen Teil des Gepäckes tragen und sich dabei diensteifrig beweisen wollte. War doch ihr junger Herr von allen recht von Herzen geliebt, und der Tag immer ein Freudenfest, wo er einmal – was freilich selten genug geschah – unter ihnen erschien. Wie die Fremden aber im Schlosse verschwanden, und das Gepäck an Ort und Stelle abgeliefert war, blieben sie auch den Blicken der Dienstleute für diesen Tag entzogen, und die Knechte und Mägde hatten nun Raum, abends in der Gesindestube ihre Ansichten über den neuen Pachter und seine Begleitung auszutauschen. Das geschah denn auch ohne Rückhalt, und der gemeine Mann hat da oft, was das erste Urteil über eine neue Erscheinung betrifft, einen weit schärferen Blick und gesünderen Takt, als man ihm gewöhnlich zutraut.
Selbst der Vogt, eine Art Unterverwalter auf dem Gute, eigentlich aber nur der erste Knecht mit dem Titel Vogt, schien heute das Bedürfnis gefühlt zu haben, dem übrigen Gesinde, von dem er sich sonst gern etwas abgesondert hielt, seine Meinung über die neue Pachterfamilie mitzuteilen. Er stand an dem Ofen, neben dem die Milchmagd eben einige ausgewaschene Gefäße zum Trocknen aufgestellt hatte, indem er an seiner Pfeife arbeitete, um sie wieder in Gang zu bringen. Er wartete augenscheinlich, von den übrigen als Autorität zuerst angeredet zu werden, und hatte sich darin denn auch nicht getäuscht.
»Na, Vogt,« sagte der erste Schafknecht oder Schäfer, der oben am Tische saß und, während die Mägde die abgegessenen Schüsseln wieder hinaustrugen, sein Rauchzeug ebenfalls hervorholte, »da haben wir ja den neuen Pachter warm aus der Stadt heraus. Wie gefällt er Euch?«
»Gut,« sagte der Vogt, einen langen Spanfidibus an die kurze Pfeife haltend, »er hat etwas Respektierliches im Aussehen; beinahe so, wie unser gnädiger Herr selber, wenn er auch mit dem großen Bart ein bischen wild drein schaut.«
»Uns auch,« meinte der andere Knecht, »und Donnerwetter, wie die Madame, die neue Pachterin, springen konnte! Die möcht' ich einmal auf dem Tanzboden sehen; die muß nicht schlecht fliegen können.«
»Wer war nur der Alte, der in dem zweiten Wagen bei den Kindern saß?« meinte der Schäfer, »das ist ein wunderlicher Kauz. Ueber das Gesicht zuckt es ihm immer, wie tausend Falten, als ob's ihn an der Nase juckte und er sich nicht kratzen dürfte.«
»Hm,« meinte der Vogt, »ich denke mir, das wird wohl der Lehrer von den beiden Kindern sein, den sie sich mitgebracht haben. Erst hielt ich ihn für einen neuen Verwalter, aber wie ein Oekonom sieht er mir doch nicht aus, und der Alte bleibt ja auch, das hat ihm der gnädige Herr gleich versichert.«
»Aber der gnädige Herr sieht recht bleich und abgemagert aus,« sagte die Großmagd, »er muß gewiß krank gewesen sein. Er war auch so ernst und still; gar nicht so fröhlich, wie das letzte Mal, wo er hier war.«
»Das macht die Stadtluft,« meinte der Vogt, »in dem vielen Steinkohlenqualm und Dampf können die Menschen natürlich nicht so gesund sein, wie hier draußen bei uns in der frischen Luft. Wo soll's denn herkommen?«
»Ach was!« sagte die Magd, »das ist kein Steinkohlendampf, was dem gnädigen Herrn auf dem Gesichte liegt, das ist was anderes, viel schwereres, und ich will ihm zu Gott wünschen, daß er kein geheimes Herzeleid zu tragen hat.«
»Herzeleid,« lachte der Pferdejunge, der sich hinter den Ofen auf die Bank gedrückt hatte, und erst vor ein paar Monaten hier angezogen war, überhaupt ein etwas naseweiser Gesell, »wo soll derlei Herzeleid herkriegen! Das hat Geld genug, und mit dem Geld kauf' ich dem Teufel sein Ohr ab in der Welt.«
»Du Gelbschnabel, weißt wohl auch schon, wie es in der Welt aussieht,« sagte die Großmagd, ihn verächtlich über die Achsel ansehend, »daß solche – Nasen, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind, auch schon mitreden wollen!«
»Nun, nu,« sagte der Pferdejunge, »beiß mich nur nicht, Kathrine!« Das Mädchen aber antwortete ihm gar nicht mehr, und der Vogt meinte: »Die kleine Deren ist ein fixes Ding, drall und nett, und hält sich wie ein Grenadier – der Junge scheint mir's aber hinter den Ohren zu haben. Wie er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah, stieß er heimlich den Alten an, und der, wenn er auch keine Miene verzog, sah doch aus, als ob er sich innerlich ausschüttete – der Junge aber lachte laut heraus.«
»Na, ich möchte wissen, was sie an mir zu lachen fänden,« brummte Jahn, der Schafknecht.
»Die Madame sieht aber nicht aus, als ob sie Butter und Käse machen könnte,« meinte die Mittelmagd, ein junges, dralles Ding, »sie trug auch so neumodische Handschuhe an den Händen, und mit der weißen Haut wird sie wohl noch keine Garben mit gebunden haben. Das scheinen vornehme Leut' zu sein, die neuen Pachters.«
»Ja,« meinte der Vogt, »jetzt wird alles in den Schulen und Instituten aus lauter Büchern gelehrt: das Melken und Käsemachen, und das Ackern und Eggen, mit dem Pferdeputzen in den Kauf, und das haben sie denn alles da drin mit Bildern hübsch aufgezeichnet und können es nur so am Schnürchen hersagen. Den Mist lassen sie ja sogar aus Amerika kommen. Wie's aber nachher um die Wirtschaft aussieht, das ist eine andere Sache, und da verexperimentieren sie denn gewöhnlich die ganze Blase, und unsereiner muß nachher mit den Fäusten wieder dreinspringen und gut machen, was die klugen Leute alles verdorben haben.«
»Wo war denn der Schafmeister heute, als die Herrschaft kam?« fragte jetzt der eine Knecht, »der fehlt doch sonst gewöhnlich nicht bei solcher Gelegenheit.«
»Ich weiß nicht,« meinte der Schafknecht, »drunten im Ort vielleicht...«
»Der wird wieder schön um die neue Herrschaft herumscherwenzeln,« meinte der Vogt, »aber ich passe ihm diesmal auf die Finger, darauf kann er sich verlassen.«
»Wenn Ihr nur immer was auf den Schafmeister zu hacken habt,« brummte Jahn, »der ist lange gut.«
»Aber wozu?« fragte der Vogt, und die anderen lachten. »Wo es was zu horchen und zu spionieren gibt, ja,« fuhr der Vogt fort, »irgend was der Herrschaft zu rapportieren, oder anderen Menschen...«
»Jahn,« sagte in dem Augenblick der Schafmeister, der seinen Kopf zur Türe hereinsteckte, »sieh nach den Schafen, ehe es dunkel wird – und Ihr, Vogt, habt wohl auch weiter nichts zu tun, als hier zu schwatzen?« Und damit schloß sich die Türe wieder, hinter welcher der Schafmeister wie eine Erscheinung verschwand.
Im ersten Moment herrschte in der Gesindestube Totenstille, nur der Pferdejunge hinter dem Ofen kicherte leise vor sich hin, dann aber fuhr der in seiner Würde gekränkte Vogt empor und rief, aber doch noch immer mit etwas gedämpfter Stimme: »So? – ich denke wohl, ich werde selber wissen, was ich zu tun habe, ohne daß ich einen Schafmeister brauche, der es mir erzählt. Gewisse Leute mögen überhaupt nur denken, daß ihre Herrschaft jetzt aus und vorbei ist, und die Kriecherei jetzt nichts mehr hilft, wie vormalen.« Damit aber, als ob er jetzt alles getan hätte, um die Achtung vor seiner Stellung aufrecht zu erhalten, schob er seine Pfeife in die Brusttasche, griff seinen Hut auf, und sich zum Gehen wendend, fuhr er noch einmal die Knechte an: »Und Ihr braucht auch nicht hier bei hellem, lichtem Tage schon dazusitzen und Maulaffen feilzuhalten. Der Verwalter wird gleich wieder unten sein, und wer dann die ewigen Nasen kriegt, das bin ich!« Und mit den Worten fuhr er zur Türe hinaus, um seinen Aerger womöglich draußen an den Dreschern und Tagelöhnern auszulassen.
11.
An diesem Abend ließ sich die Herrschaft nicht mehr blicken; das Diner wurde oben gemeinschaftlich genommen, und dann hatte Graf Geyerstein den ganzen Abend mit seinem Pachter zu rechnen und zu revidieren, um nur die nötigsten Vorarbeiten für die auf die nächsten Tage festgesetzte Uebergabe des Inventars usw. zu beseitigen. Es war zwölf Uhr vorbei, ehe die beiden Männer zu Bett kamen.
Am nächsten Morgen, früh um acht Uhr, standen schon zwei Pferde gesattelt vor dem Schlosse, und Graf Geyerstein ritt gleich darauf mit dem neuen Pachter über die Brücke hinüber und schlug den Weg nach dem Walde ein. Die Mägde, die draußen Runkelrüben ausmachten, richteten sich auf und schauten ihnen nach, so weit sie konnten; die beiden Männer saßen gar zu fest und herrlich im Sattel, und die Tiere schienen zu wissen, was für tüchtige Reiter sie trugen, denn sie wieherten fröhlich der frischen Morgenluft entgegen und flogen mit den kräftigen Gliedern nur so hin über den weichen Rasen. Die Reiter hatten in der Tat ihren Pferden im Anfang die Zügel gelassen, daß sie nach Gefallen eine Strecke ausholen konnten. Aber vom Gute weiter entfernt, und als sie jetzt vom See ab, dem etwa eine Viertelstunde entfernten Holze zu bogen, zügelte Graf Geyerstein zuerst sein Tier ein, ritt dann dicht bis an die Holzung, deren mächtige Eichen ihre Riesenarme über sie ausspannten, und wandte hier den Kopf seines Pferdes der Richtung zu, von der sie hergekommen waren. Einen besseren Fleck zu einem Ueberblick der ganzen Nachbarschaft hätte er auch nicht wählen können, und ein reizendes, landschaftliches Bild lag vor ihnen ausgebreitet. Rechts hob sich, von einer Masse Fruchtbäume dicht umdrängt, und von einer Reihe hoher, italienischer Pappeln überragt, das Gut empor, dessen rote Dächer gar freundlich aus dem dunkeln Grün der Bäume hervorschauten. Gerade voraus spannte sich die in der Morgensonne blitzende und funkelnde Fläche des Sees, und zur Linken, längs dem schilfigen Ufer desselben hingebaut, lag das kleine, freundliche Dörfchen Schildheim, von gelben Stoppelfeldern und braunen Sturzäckern dicht und reich umgeben. Berge konnte das Land freilich nicht aufweisen, einzelne wellenförmige Erhöhungen und Hügelketten ausgenommen, aber heute hatten die Wolken einen Hintergrund geliefert, und im Südosten hoben sich, wie kühne Alpenjoche, hohe, milchweiße Massen jach empor, die ganze Landschaft wie in einen Rahmen schließend.
»Siehst du, Georg,« sagte der Rittmeister, seine Hand hinüber auf des Bruders Arm legend, »es ist ein schönes, freundliches Land, in das ich dich geführt, und geht deine Erinnerung weit genug zurück, so mußt du sogar in dieser noch einen Anhalt finden. Als Kinder haben wir die alte Großtante hier einmal besucht, bald nachher, als der Onkel gestorben war, und sind auf dem See dort gefahren, wie wir durch den Wald hier mit demselben alten Forstwart gezogen, der selbst jetzt noch am Leben ist, und den wir wahrscheinlich heute morgen sehen werden.«
»Und wie soll ich dir je danken, Wolf, daß du mich eben hierher geführt?« rief Georg, während eine Träne in seinem männlichen Auge zitterte, »wie soll ich je...«
»Laß das, Georg,« unterbrach ihn freundlich der Bruder, »glaube mir, dieser Augenblick wiegt – alles andere auf, was mich je betroffen haben könnte, so glücklich, so selig macht er mich selber. Ich weiß dich aus einem Leben gerettet, das deiner unwürdig war, in dem du hättest untergehen müssen; ich sehe für unsere Mutter einen unverhofften und deshalb so viel reicheren Segen an Glück herniedertauen, ich weiß dich froh und für deine Zukunft gesichert, und wenn das wenige, was ich getan, wirklich einen Lohn verdient, so finde ich ihn tausendfach in diesem Gefühl.«
»Mein guter, braver Wolf!« sagte Georg, des Bruders Hand fassend und herzlich drückend.
»Komm jetzt,« rief Wolf fröhlich, »laß uns absteigen und zu Fuß in den Wald gehen. Dort drüben sehe ich einen der Holzmacher, dem wir unsere Tiere übergeben können. Ich selber gehe dann mit dir den Fußpfad durch das Holz.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprengte er auch, von dem Bruder gefolgt, am Holzrande hin, auf einen einzelnen, dort mit Anzeichnen von Bäumen beschäftigten Arbeiter zu. Diesem wurden die Pferde mit dem Befehl übergeben, sie zum Försterhause zu führen, und die beiden Brüder verschwanden gleich darauf in dem Schatten des wunderschönen Waldes.
Kaum aber im Dickicht drin, als Wolf auch den Arm des Bruders in den seinen zog und mit herzlicher Stimme sagte: »O, Georg, wie habe ich mich nach diesem Augenblicke gesehnt, wieder so einmal Arm in Arm mit dir durch den Wald zu ziehen, wieder einmal der alten Zeiten gedenken zu können, und Mensch – Kind zu sein! Ach, es war doch eine schöne, liebe Zeit, da wir noch als Knaben hier zusammen spielten, den alten Forstwart neckten und in die Bäume hinaufkletterten, um dem Sperber ins Nest zu schauen!«
»Und sehnst auch du dich nach der alten Zeit zurück, Wolf?« fragte der Bruder. »Du könntest doch jetzt glücklich sein; aber mir selber ist es schon so vorgekommen, als ob ein geheimer Schmerz an deiner Seele nage. Darf ich ihn wissen? – kann ich vielleicht mit meinem Rat dir helfen? denn wenn weiter nichts in der Welt, Erfahrung habe ich in reichem, vollem Maße gesammelt. – Oder drückt nur die Sorge um mich dich so schwer zu Boden? Dann sei guten Mutes, ich werde dir beweisen, was der feste Wille eines Mannes vermag.«
»Wirst du das in der Tat, Georg?« rief Wolf bewegt, »dann machst du mich wirklich glücklich – und dich zugleich mit. Wie es scheint, hast du aber harte Kämpfe mit deiner Frau gehabt. Wir waren noch nicht einmal imstande, darüber zu sprechen.«
»Allerdings,« seufzte Georg, »und eigentlich bewog ich sie nur dadurch, mir zu folgen, daß ich darauf bestand, wie du mir geraten, mein Recht auf das Kind geltend zu machen. Sie wollte sich nicht von Josefinen trennen. Ich fürchte auch, es wird sehr schwer halten, sie hier heimisch zu machen.«
»Glaube das nicht,« sagte Wolf, »die Hauptsache war, sie jenem aufregenden, wilden Reiterleben erst einmal zu entrücken, und aus dessen Bereich, wird sie es bald vergessen lernen.«
»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.«
»Georgine ist eine durchaus gescheite Frau,« sagte der Rittmeister, »und ich zweifle gar nicht, daß sie bald selber begreifen und einsehen wird, wie ihre Stellung im gesellschaftlichen Leben doch hier eine ganz andere ist, als früher, da sie sich für Geld im Zirkus zeigte. Schon der genauere Umgang mit der besseren Gesellschaft, von dem sie ja bis jetzt ausgeschlossen war, wird sie erst über ihre frühere Stellung im Leben aufklären, und einmal das gewonnen, kann sie nicht daran denken, je zu einem solchen Dasein zurückzukehren.«
»Aber das Kind, auf das sie ihre ganze Hoffnung, ihren ganzen Stolz setzt!«
»Gerade das Kind wird zuletzt das Band werden,« versicherte der Bruder, »das sie zuletzt nur fester und inniger an das neue Leben kettet. Sie wird einsehen lernen, daß sie für ihre Tochter ein glücklicheres Los erwarten darf, als sie bis dahin für möglich hielt, und gerade ihr jetzt in eine falsche Bahn geworfener Stolz wird und muß sie dem richtigen Wege entgegenlenken. Das aber, mein Georg, überlasse der Zeit, die wird dabei das meiste wirken, und arbeite du selber dich nur wacker in den neuen Stand hinein. Die Frau macht mir, da wir sie einmal so weit haben, keine Sorgen mehr. Eins nur, was mich eher beunruhigt, ist, wie sich der Vater deiner Frau und – der Knabe in dieses geregelte, ja steif bürgerliche Leben finden werden. Die beiden mußt du streng überwachen und darfst sie nicht aus den Augen lassen.«
»Für den Alten ist nichts zu besorgen,« sagte Georg, »er hat sogar der Tochter von Anfang an zugeredet, sich meinem Wunsche zu fügen, und, ziemlich bei Jahren schon, fühlt er sich sehr zufrieden und glücklich, seine Zukunft gesichert zu sehen. Das Beispiel, das er an vielen seines Standes im Alter vor Augen gehabt, mag ihn gewitzigt haben, und ich kann mich, wie ich glaube, fest auf ihn verlassen. Nicht so sicher ist mir der junge Bursche, der Sohn seines einst verunglückten Bruders, von dem er sich aber unter keiner Bedingung trennen wollte. Es ist das der einzige weiche Zug in seinem sonst ziemlich schroffen Charakter: die Anhänglichkeit an den Knaben, und wenn ich selber im Anfang auch dagegen war, daß er uns begleiten sollte, sah ich mich endlich doch genötigt, nachzugeben. Außerdem hat der Alte mir fest versprochen, ihn im Zaume zu halten, und einmal mit dem früheren Leben gebrochen, wollte ich die, welche doch nun einmal meine Verwandten sind, auch nicht länger dabei wissen. Ich selber hätte sonst nie Ruhe gehabt und immer fürchten müssen, daß sie mir – selbst in späterer Zeit – noch einmal Schimpf und Schande gebracht.«
»Du hast recht,« sagte Wolf, »es ist besser, viel besser so, und für den Knaben wird sich, wenn er etwas Ordentliches gelernt hat, auch wohl schon eine Stellung finden lassen. Wir müssen aber vorsichtig mit ihm zu Werke gehen, daß er das alte Leben erst vergißt und selber Freude am Lernen findet. In Schildheim ist übrigens ein tüchtiger Lehrer, und es wird deine Sorge sein, ihn nach und nach heranzubilden und zu ziehen, damit das wilde Leben nicht wieder zum Ausbruch kommt, das doch wohl noch in ihm steckt. – Aber dort liegt das Forsthaus, Georg; erinnerst du dich noch des alten, mit Hirschgeweihen reich geschmückten Hauses, mit seinem spitzen Giebel und den Sprüchen über der Tür?«
»Jetzt, da es vor mir liegt,« sagte Georg, »taucht es, wie aus alten Zeiten, vor meiner innern Seele auf, und mir ist, als ob mich ein Mann mit einem krausen Bart und einem grünen Rocke dort über den Plan trüge und mich auf seinem Rücken unter jene Linde reiten ließe.«
»Das war der Forstwart!« rief Wolf, »derselbe Bursche, der dort mit eisgrauem Haare jetzt, unter dem nämlichen Baume sitzt und den Schwanenhals scheuert, im Winter Füchse oder anderes Raubzeug damit zu fangen. Der Alte wird dich aber nicht mehr wiedererkennen, und das ist auch ganz gut so, denn unter deinem rechten Namen darfst und willst du ja noch nicht erscheinen. Betrachte ihn für jetzt deshalb nur als eine Reliquie aus der Jugendzeit, denn nur als solche ist er noch auf dem Posten, dem er, seines Alters und seiner wunderlichen Grillen wegen, kaum mehr vorstehen kann. Auch der alte Verwalter stammt noch aus unserer Zeit – alle anderen sind neu, der Förster ist sogar erst seit drei Jahren auf dem Gute, so viel ich aber von dem Pachter gehört habe, ein treuer und zuverlässiger Mann. Dich, Georg, verweise ich nun hauptsächlich an den alten Verwalter. Der Mann hat vielleicht manche kleine Eigenheiten und hängt ein wenig an seinem altpreußischen System, – ein Hauptgrund, weshalb er mit dem letzten Pachter nicht sympathisieren konnte – sonst aber ist er treu wie Gold und aufrichtig und ehrlich, ohne sich je vorzudrängen. Den halte dir warm; er ist dabei ein durchaus praktischer Oekonom, der den Boden und seine Behandlungsart hier aus dem Grunde kennt, und du kannst dich also in jeder Hinsicht auf ihn verlassen. Aber wir sind gemeldet, die Hunde schlagen an, ich werde dich dem Förster als den neuen Pachter, Herrn von Geyfeln, vorstellen.« Und seinen Arm aus dem des Bruders nehmend, schritt er mit ihm dem Försterhause zu.
Förster Alwart war eben vom Revier hereingekommen, und als die Hunde laut wurden, trat er, seine Büchse noch in der Hand, in die Tür, um zu sehen, was es gäbe. Als er die Herren erkannte, kam er ihnen, die Mütze abziehend, entgegen, und auch der alte Forstwart hatte seine Arbeit ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Sitze aufzustehen. Erst als sich die Männer der Stelle, wo er sich befand, näherten, erhob er sich langsam, um seinen jungen Herrn zu begrüßen.
»Nun, lieber Förster,« sagte indessen der Graf zu dem Weidmann, »hier bringe ich Ihnen den neuen Pachter, Baron von Geyfeln, der das Gut übernehmen wird, und ich hoffe, daß Sie gut mitsammen auskommen werden. Der Baron versteht übrigens noch nicht viel von der Forstwirtschaft, wie er mir selbst gesagt hat, und bittet Sie durch mich, ihm da mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, um das Nötige kennen zu lernen. Ich glaube, daß ich mich dabei auf Sie verlassen kann.«
»Herr Graf,« sagte der Jäger, »es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn Baron in allem Auskunft zu geben, was ich selber weiß, und daß ich mein Bestes tun werde...«
»Davon bin ich überzeugt – ah, unser alter Forstwart! – Nun, Barthold, wie geht's? Noch immer munter und rüstig, seit wir uns nicht gesehen?«
»Zu Befehl, Herr Graf,« erwiderte der Forstwart, der aufgestanden war und seine Mütze abgenommen hatte, jetzt aber, während er mit dem Grafen sprach, den Blick fest auf seinem Begleiter haften ließ und nur manchmal von ihm hinüber zu dem Grafen sah, »es geht noch immer, so wie's eben geht. Besser natürlich nicht, mit den Jahren, und man muß nur Gott danken, wenn's eben nicht schlechter wird. Nur der Wald bleibt jung – ich kenn' ihn seit meiner Jugendzeit, und er ist seitdem wohl fester und stämmiger geworden, aber älter – beileibe nicht.«
»Ja, ja, mein guter, alter Barthold,« sagte der Graf, »jünger werden wir alle nicht – wie alt seid Ihr?«
»Fünfundsiebzig, im letzten Wonnemond.«
»Ein schönes Alter.«
»Halten zu Gnaden, Herr Graf, ein hohes Alter ist's wohl, aber kein schönes. Fünfundzwanzig, denk' ich, war doch mein schönstes, vielleicht ist's noch länger her, aber ich habe die Zeit nun auch bald vergessen.«
»Und wie steht's mit den Wilderern und Holzfrevlern, Barthold?«
»I nun, Herr Graf,« lächelte der Alte schlau vor sich hin, »so viel ich weiß, befinden die sich wohl.«
»So?« lachte der Rittmeister, »also es geht ihnen gut hier?«
»Das wollte ich doch nicht damit sagen,« meinte der Alte, und aus seinen kleinen grauen Augen blitzte ein eigenes Feuer. »Wir haben auch lange nichts von ihnen gesehen, aber auf den Nachbargütern kehren sie manchmal ein, und ist mir nie zu Ohren gekommen, daß dort einem ein Schaden geschehen wäre. Den Holzlesern tun wir natürlich nichts. Die armen Leute brauchen im Winter auch das bißchen Holz, und draußen verfault's doch.«
»Das ist auch nicht mein Wille,« sagte freundlich der Graf. »Und wie ist's mit dem Wildstand, Förster, schreien die Hirsche noch?«
»Brav,« erwiderte der Weidmann, »da wir wußten, daß der Herr Graf selber herkäme, ist auch noch keiner das Jahr geschossen worden.«
»Vortrefflich; wenn wir Zeit haben, werden wir da nächstens einmal hinausgehen. Geyfeln, Sie sind doch Jäger?«
»Leidenschaftlich, aber ein besserer Jäger wohl als Schütze.«
»Das lernt sich alles, und das vielleicht am leichtesten; unsere Jagd ist hier nicht schlecht. Aber da seh' ich unsere Pferde. Adieu, Förster, adieu, Barthold; ich werde es euch sagen lassen, wenn wir herauskommen; aber noch besser, kommt morgen einmal hinauf auf's Schloß – ich habe so noch manches mit euch zu bereden.«
Und mit den Worten grüßte er die beiden Forstleute, und wieder zu Pferde, sprengten die Reiter auf das Gut zurück.
Der Forstwart war neben dem Förster stehen geblieben und sah ihnen nach, solange er sie zwischen den stattlichen Eichenstämmen mit den Augen verfolgen konnte. Erst als sie hinter den Büschen des Unterholzes verschwunden waren, wandte er sich kopfschüttelnd ab und wollte eben wieder an seine vorher verlassene Arbeit gehen.
»Nun, Forstwart, Ihr schüttelt mit dem Kopfe,« meinte da der Förster, »gefällt Euch der fremde Pachter nicht?«
»Doch, Förster,« erwiderte der Alte, »sehr gefällt er mir, aber es kommt mir fast so vor, als ob es kein ganz Fremder wäre.«
»Nicht? – Kennt Ihr ihn von früher her?«
»Nein, Förster – ich habe sein Gesicht wohl nie gesehen, und doch kommt es mir so wunderbar bekannt und freundlich vor. Wenn ich nicht wüßte, daß...«
»Was?«
»O, nichts – ist so eine alte Idee von mir. Man bekommt auch so viele Leute im Leben zu sehen, bis einem die verschiedenen Gesichter zuletzt im Gedächtnis durcheinander laufen. Nachher kann man sie nicht wieder auseinander herausfinden. Ich werde schon recht alt, Förster.«
»Na, Ihr könnt noch immer eine Weile mit herumlaufen,« lachte der Förster gutmütig. »Mein Vater ist neunzig alt und noch so frisch auf den Beinen, als ob er kaum sechzig zählte.«
»Wie Gott will,« seufzte der alte Mann, ging zu seinem Sitz unter der Linde und nahm den Schwanenhals wieder auf, an dem er fortscheuerte, um das Eisen blank und rostfrei zu bekommen. Leise vor sich hin summte er dazu ein altes Lied, und manchmal sprach er auch mit sich selber, aber immer nur halblaut, daß es kein anderer verstehen konnte, und dazu nickte er zuweilen mit dem Kopfe.
Endlich war er fertig, ging in ein kleines Seitengebäude, in dem sein Zimmer lag, hing dort sein Schwanenhals auf, nahm dafür seine alte einfache Flinte von der Wand, und schlenderte dann langsam, ohne sich um das für ihn bereitgehaltene Frühstück zu bekümmern, in den Wald hinein.