3.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Reges, bewegtes Leben herrschte in der Residenz, wo einesteils die gerade abgehaltene Messe eine Menge von Landleuten und Fremden in die Stadt gelockt hatte, während zugleich, zur Geburtstagsfeier des Fürsten, große Parade abgehalten wurde. Equipage um Equipage fuhr langsam durch das Gedränge der Straßen, dem Landesherrn zu diesem Tage die Glückwünsche des Hofes und der Beamten, ja des ganzen Volkes zu bringen. Der Rittmeister von Geyerstein sah sich den Morgen über durch seinen Dienst teils auf der Parade, teils bei Hofe gefesselt und kam erst gegen zwei Uhr nach Hause, während er um fünf schon wieder zur Tafel befohlen worden. Zum nicht geringen Erstaunen seines Burschen kleidete er sich aber, so wie er zurückkehrte, um und in Zivil, und während dieser, immer dabei mit dem Kopfe schüttelnd, die verschiedenen nötigen Gegenstände herbeibrachte, sagte sein Herr: »Hast du mir die Wohnung gefunden, wie ich dir aufgetragen, Karl?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister – die von dem Seiltänzer, meinen Sie doch?«

»Von Monsieur Bertrand.«

»Sehr wohl. Rosenstraße Nummer 47, zweiter Stock, erste Türe rechts.«

»Rosenstraße? – wo ist die Rosenstraße? die kenne ich gar nicht.«

»Gleich am Landgrafenplatz, zu Befehl, die kleine Gasse, die hinter der Bude hineinläuft. Nummer 47 ist das rechte Eckhaus, aber der Eingang in der Gasse drin. Das Haus selber heißt auch die Rose und war früher ein Hospital, ist aber jetzt ein Wirtshaus, und die Kunstreiter kehren gewöhnlich dort ein, weil ihnen die Ställe unten bequem liegen und der Mann, dem das Haus gehört, auch Futter und Streu zu verkaufen hat.«

»Es ist gut, du – kannst mir eine Droschke holen.«

»Herr Rittmeister halten zu Gnaden, um fünf Uhr Tafel.«

»Ich weiß es – bis dahin bin ich wieder zurück. Du gehst mir indessen nicht fort und hältst alles bereit.«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister!«

Wenige Minuten später rasselte die Droschke über das Pflaster und hielt vor der Türe.

»Wohin?« fragte der Kutscher.

»Landgrafenplatz!« und fort klapperte das Fuhrwerk, der bezeichneten Richtung zu.

Am Landgrafenplatz angekommen, schaute der Kutscher in das vordere Fenster hinein, zu erfahren, ob er sich rechts oder links halten müsse. Eine Handbewegung des Fahrenden wies ihn zurecht, und in der Nähe der kleinen Straße angekommen, stieg der Rittmeister aus. Er wollte nicht vor dem Hause mit dem Wagen halten. Den bezeichneten Platz fand er ohne alle Schwierigkeit. Die Beschreibung des Burschen war genau gewesen, und er betrat gleich darauf einen dunkeln, schmutzigen Hausflur, in dem sich nur ein paar Pferdeknechte herumtrieben und mit dem hindurchgehenden Hausmädchen schäkerten. Einige Schwierigkeit hatte es, die Treppe in den zahlreichen Einschnitten des alten Gebäudes zu finden, die zu ebenso vielen Keller- oder Stubentüren, bald mit Stufen abwärts, bald aufwärts, führten. Endlich fand er aber die schmale, hölzerne Stiege, der er, ohne weiter jemandem zu begegnen, bis in die zweite Etage folgte. Die ihm von seinem Burschen bezeichnete erste Türe rechts trug eine daran geheftete Visitenkarte, und als er näher trat, las er die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenen Worte: »George Bertrand.«

»Georg,« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und zögernd, unschlüssig hob sich seine Hand nach dem Drücker. Sollte er anklopfen? – aber die Zeit verging, und im nächsten Augenblicke tönte ihm schon ein lautes »Herein!« aus dem Zimmer entgegen.

Ohne sich länger zu besinnen, öffnete er die Türe und überraschte hier eine Dame, die sehr ungeniert und in tiefstem Negligé auf dem Sofa lag, auch nur langsam den Kopf nach dem Eintretenden umdrehte. Kaum aber erkannte sie, daß es ein Fremder sei, als sie auch blitzschnell aufsprang und wie ein Schatten durch die dicht daneben befindliche Türe huschte. Verlegen, hier so gestört zu haben, sah sich der Rittmeister im Zimmer um und entdeckte jetzt erst in der anderen Ecke, dicht am Fenster, noch eine andere Persönlichkeit, einen älteren Mann, der ihn mit eben nicht freundlichem Blick und etwas vorgebogenem Kopfe über eine Klemmbrille hinüber betrachtete.

»Suchen Sie jemanden?« fragte er dabei mit heiserer Stimme.

»Herrn Bertrand. Ist er zu Hause?«

»Nein.«

»Wann kann ich ihn treffen?«

»Weiß ich nicht. Was wollen Sie?«

»Ich möchte ihn sprechen.«

»Müssen Sie morgen wiederkommen – heute hat er keine Zeit,« brummte der Alte, der, wie der Rittmeister jetzt erst sah, mit einer kurzen Pfeife im Munde, eine Hanswurstjacke auf den Knieen liegen hatte und beschäftigt schien, sie mit Nadel und Zwirn auszubessern.

»Ich bitte den Herrn, ein klein wenig zu warten – ich komme den Augenblick,« rief da die Stimme der Dame aus dem Nebenzimmer, und der Alte, als ob damit die Sache für ihn erledigt sei, schob sich seine Brille zurecht und nahm seine Arbeit wieder auf. Der Fremde mochte sich indessen selber die Zeit vertreiben.

Dem Rittmeister war es nicht wohl in dieser Umgebung und er überlegte schon, ob er nicht lieber Monsieur Bertrand zu sich bestellen solle. Er hatte gehofft, ihn allein zu finden, denn bei dem, was er mit ihm zu sprechen wünschte, brauchte und wollte er keinen Zeugen. Aber er mochte nicht unartig gegen die Dame sein; jedenfalls erhielt er von ihr auch bessere Auskunft, als der mürrische Alte, in dem er jetzt den Hanswurst von gestern abend zu erkennen glaubte, geben mochte. – Ganz recht – er hatte sich nicht getäuscht. An der linken Seite des eben nicht zu sorgfältig gewaschenen Gesichts ließ sich noch ein schmaler Streifen der weißen Farbe erkennen, mit der er gestern bemalt gewesen. Aber wie anders sah der sauertöpfische Gesell heute aus gegen gestern, wie er da, zusammengekauert, ein Bein über das andere geschlagen, mit hohlen, tief liegenden Augen und runzeligen Wangen, das stark mit Grau gemischte Haar wirr und ungekämmt um den Kopf hängend, vor ihm saß und seine Narrenjacke flickte! Doch in der ganzen Stube sah es ebenso wild und ungeordnet aus. Auf dem Sofa lagen eine Menge getragener Kleidungsstücke, die jedenfalls der Dame gehörten – Unterkleider und Trikots, ohne den Glanz, den ihnen die abendliche Beleuchtung verliehen; über einen Stuhl daneben war ein prachtvoller Waffenrock von kirschfarbenem Samt geworfen. Darunter stand ungeputztes Schuhwerk, und Schmuck und Tand, mit Schminknäpfchen, Pinseln, Farben und allen möglichen anderen Utensilien, das Publikum zu täuschen, deckten den Tisch und die benachbarte Kommode. Das Zimmer war auch noch nicht ausgekehrt, eine Decke mit einem schon mehrfach gebrauchten Kopfkissen nahm einen der Stühle ein – es sah fast aus, als ob jemand die Nacht auf dem Sofa gelegen hätte, und der Tabaksqualm aus der Pfeife des Alten hatte den Schlafdunst noch nicht bewältigen können.

Dem Rittmeister benahm es bald den Atem, und draußen lag der helle Sonnenschein so warm auf den Fensterscheiben. Er hätte Gott weiß was darum gegeben, ein Fenster aufreißen zu dürfen. Da öffnete sich die Kammertüre wieder, durch welche die Dame vorhin geflüchtet war, und Madame Bertrand – nicht so bezaubernd wie sie gestern abend wohl dem Publikum erschienen, aber noch immer ein bildschönes Weib – trat auf die Schwelle.

»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten,« sagte sie, während ihr Blick im Zimmer umherschweifte und sie rasch die jedenfalls ihr gehörigen und zunächst liegenden Kleidungsstücke aufraffte und hinter sich in die Kammer warf – »Sie finden uns aber noch so in Unordnung...«

»Madame,« unterbrach sie der Rittmeister höflich, »wenn jemand hier um Entschuldigung zu bitten hat, so bin ich es, der ich unangemeldet bei Ihnen eintrat und Sie unberufen störte.«

Madame Bertrand hatte indessen zu ihm aufgesehen, und ein eigenes Lächeln belebte plötzlich ihre Züge.

»Ich glaube, ich habe schon gestern das Vergnügen gehabt, Sie bei unserer Vorstellung zu sehen,« sagte sie, »aber wollen Sie nicht Platz nehmen? Guter Gott, es sieht wahrhaftig gerade heute zu unordentlich bei uns aus! Was müssen Sie nur von uns denken!« Sie räumte dabei rasch und ziemlich rücksichtslos, wohin sie die Sachen aus dem Wege brachte, das Sofa ab, und sich dann in die eine Ecke lehnend, zeigte sie mit einer leichten Handbewegung lächelnd auf die andere, sodaß Graf Geyerstein nicht umhin konnte, neben ihr Platz zu nehmen. Halb verlegen gehorchte er auch der Einladung, und es entging ihm dabei nicht, daß die schöne Frau dem Alten einen bezeichnenden Blick zuwarf. Dieser griff, demselben gehorchend, und wie es schien ziemlich mürrisch, seine Arbeit auf, sah rechts und links neben sich auf die Erde, ob er nicht etwas vergessen habe, und verließ dann ohne weiteren Gruß das Zimmer.

»Ich bin Ihnen vor allen Dingen eine Erklärung schuldig, Madame,« nahm jetzt der Rittmeister das Wort, »daß ich gewagt habe...«

»Ich bitte Sie um Gotteswillen, keine Entschuldigung,« unterbrach ihn lächelnd die Frau, »Sie sind da, und das genügt mir – was wollen Sie mehr? Es soll mich nur freuen, wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann.«

Graf Geyerstein geriet dieser Antwort, ja Ermunterung gegenüber in Verlegenheit und Madame Bertrand schaute ihn so freundlich dabei an, und sah in dem leichten, seidenen Oberkleide, das ihren vollen Körper nur locker umschloß, wirklich so reizend aus – er konnte nur eine dankende Verbeugung machen.

»Sie sind Soldat, nicht wahr?« nahm da die Dame die Unterhaltung wieder auf, »Kavallerieoffizier?«

»Allerdings.«

»Ich dachte es mir – oder vielmehr, ich erinnere mich Ihrer Uniform,« setzte die Frau, leicht errötend, aber doch auch wieder halb schelmisch hinzu, »und Sie – interessieren sich für unsere schönen Pferde?«

»Ich muß gestehen, daß ich entzückt davon bin,« erwiderte der Graf, der um jeden Preis diese Unterredung abzubrechen wünschte, »aber das ist es eigentlich nicht, was mich hierher geführt.«

»Sie wollten auch die Reiter kennen lernen,« lächelte Madame Bertrand, »ein sehr natürlicher Wunsch, der aber leider nur gewöhnlich die Illusion zerstört, die bis dahin einen eigenen, fremdartigen Zauber um sich warf.«

»Ich wünschte Monsieur Bertrand zu sprechen.«

»Georg? – er ist leider nicht zu Hause. Heute, am Meßsonntage, geben wir zwei Vorstellungen und seine Anwesenheit im Zirkus ist deshalb unumgänglich nötig, um die erforderlichen Anordnungen dort zu treffen. Er wird vielleicht vor der Vorstellung nur noch auf einen Augenblick herüberkommen.« Graf Geyerstein schwieg und sah sinnend vor sich nieder. »Kann ich vielleicht irgend einen Auftrag ausrichten? Georg wird sich jedenfalls geehrt fühlen. – Aber, mein Gott! fehlt Ihnen etwas? – Sie sehen totenbleich aus.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah besorgt zu ihm auf.

»Nicht das mindeste,« sagte abwehrend der Graf, »ich danke Ihnen, Madame, aber ich befinde mich vollkommen wohl – nur die drückende Luft hier im Zimmer...«

»Sie haben recht!« rief Madame Bertrand, aufspringend und rasch ein Fenster öffnend, »es ist hier auch entsetzlich heiß, und Vater hat dabei wieder einmal so gequalmt.«

»Der Vater!« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und fast krampfhaft faßte die Linke den Tisch, an dem er sich emporrichtete.

»Sie wollen schon wieder fort?« rief da Georgine, mit einem halb erstaunten, halb bittenden Blick.

»Ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

»Aber Sie stören mich gar nicht, und wenn Sie Geschäfte mit Georg...«

»Geschäfte nicht, Madame, aber – ich wünschte ihn zu sprechen,« unterbrach sie der Graf, »und – ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich Ihnen die Ursache verschweigen sollte. Eine merkwürdige Aehnlichkeit, die er mit einem meiner früheren Freunde hat, läßt mich wünschen, ihn kennen zu lernen – möglich, daß es nur eben eine Aehnlichkeit ist, aber ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er mich vielleicht morgen früh zwischen acht und zehn Uhr besuchen wollte. Meine Karte hier haben Sie wohl die Güte ihm zu überreichen.«

»Graf Wolf von Geyerstein,« las Georgine, sich leise und lächelnd dabei gegen den jungen Offizier verneigend, »ich werde nicht ermangeln, Ihren Auftrag pünktlich auszurichten, Herr Graf. Aber – wissen Sie wohl, daß das ein recht eigenes Zusammentreffen ist?«

»Welches, Madame?«

»Daß Sie Georg einer Aehnlichkeit wegen aufsuchen wollen,« sagte die junge Frau, »während gerade Sie, Herr Graf, auch mir einer Aehnlichkeit wegen von Anfang an aufgefallen sind.«

»Und wem sah ich ähnlich?« flüsterte der Graf, und seine Blicke hafteten fest und stier auf den Augen des schönen Weibes.

»Keinem so entsetzlichen Wesen, als Sie zu glauben scheinen,« lächelte schalkhaft Georgine, »nur – einem früheren Geliebten von mir – meinem jetzigen Manne.«

»Georg Bertrand?«

»Demselben – wenigstens damals, als er noch nicht einen so furchtbaren Bart trug wie jetzt.«

»Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?«

»Leider!« seufzte Georgine mit komischem Bedauern.

»Leider?«

»Ich weiß nicht, ob Sie vermählt sind, Herr Graf, aber – es ist doch ein anderes Ding um einen Liebhaber, als um einen Ehemann, und Monsieur Bertrand ist, besonders in der letzten Zeit, so ernst – ja, ich möchte fast sagen, finster geworden, als ob er die ganze Lust an seiner Kunst verloren hätte.«

»Und wenn dem wirklich so wäre?«

»Wenn dem so wäre?« lachte Georgine. »Sie reden gerade, als ob er von seinen Renten leben könnte! Er hat weiter nichts gelernt, als die sogenannte »brotlose Kunst«, die uns aber doch ein ganz hübsches Brot abwirft, und die Dressur der Pferde, in der er Meister ist. Sollte er aber jetzt, wo er so viele in seinem Dienste gehabt, selber Dienste bei einem Herrn nehmen und Bereiter werden? Er hielte es nicht vierundzwanzig Stunden aus.«

»Und finden Sie selber Freude an diesem Beruf – an dieser Kunst, wenn Sie wollen?«

»Ich lebe und atme darin!« rief Georgine, und ihre Augen leuchteten, ihre ganze Gestalt hob sich. »Auf dem Rücken meines Tieres bin ich ein anderes Wesen, gehöre ich dieser Erde kaum mehr an, und was dem Fisch das Wasser, der Pflanze das Licht sein mag, ist mir der jauchzende Beifall der Menge, die buntgeschart mich umgibt. Ich schwimme dann in einem Meer von Glanz und Licht und Wonne, und – erwache erst, wenn diese Wände hier aufs neue mich umgeben – einschließen.«

»Und das ist doch ein unnatürlich Leben,« sagte der junge Graf, »das Haus ist eigentlich des Weibes schönster Wirkungskreis.«

»Nicht der meine!« rief Georgine, indem ein trotziges Lächeln ihre schönen Lippen umspielte. »Das Haus? – ja, für die Weiber, die nähen und stricken und Freude an ihrem Wäschschrank finden können. Mein Wirkungskreis liegt draußen in der Bahn; ich tanze, fliege durch das Leben, und so – so möcht' ich enden, wenn es denn einmal geschieden, gestorben sein muß. Aber Sie sind Soldat. Sie können sich am besten, am leichtesten in solche Sehnsucht denken. Und möchten Sie, wie Sie da vor mir stehen, als Mann, das Leben eines Stubenhockers, eines Aktenmenschen, wählen, der über seinen staubigen Papieren brütet und Licht und Luft und Sonnenschein da draußen ungesehen, unbeachtet wirken, schaffen, segnen läßt? Sie nicht, Sie wahrlich nicht, und gerade so denk' auch ich. Von klein auf zu diesem Beruf herangebildet, hab' ich mit der Muttermilch schon die Lust an solchem Leben eingesogen, und wem das nun einmal im Blute liegt, glauben Sie nicht, daß der sich einer geregelten – einer festgeschnürten Existenz möcht' ich es nennen, einem Gang in der Tretmühle des menschlichen Lebens je wieder fügen könne. Zugvögel, die wir sind, müssen wir auch die Freiheit des Zugvogels behalten, wenn wir nicht verkümmern, nicht untergehen sollen.«

»Und denkt Ihr Gatte ebenso?«

»Gewiß – er wäre sonst nicht der, der er ist: Bertrand, der kühnste aller Reiter und – mein Mann. Aber ich plaudere und plaudere und denke nicht daran, daß es Sie wenig kümmern wird, welche Gesinnungen über ihr Leben eine Kunstreiterin hegt. Von Ihren Sphären sind wir freilich ausgeschlossen, und doch, – wer weiß, ob nicht so wackere Herzen oft unter dem bunten Tand, mit dem wir uns behängen müssen, wie unter Stern und Ordensbändern schlagen! Doch mein Geschwätz ermüdet Sie; nehmen Sie wieder Platz, Herr Graf, und – wenn Sie es wünschen und etwas Besonderes mit Monsieur Bertrand zu bereden haben, will ich ihn rufen lassen. Der Zirkus ist nur wenige Schritte von hier entfernt.«

»Ich danke Ihnen, Madame,« unterbrach sie der Rittmeister. »Meine Zeit ist überdies heute beschränkt, wie die seine wahrscheinlich. Morgen früh wird ihm eher Raum bleiben, mir eine halbe Stunde zu gönnen. Meine Wohnung finden Sie auf der Karte angegeben. Ich darf Sie bitten, ihm meinen Wunsch mitzuteilen?«

»Ihr Auftrag soll pünktlich vollzogen werden,« sagte die Frau, und der Rittmeister, indem er sich dankend verbeugte, grüßte sie achtungsvoll und verließ das Zimmer.

Georgine blieb, die Unterlippe mit den kleinen, weißen Zähnen gefaßt, wohl mehrere Minuten in derselben Stellung am Fenster. Sie hielt die Karte, die er ihr gegeben, noch in der Hand, und ihre Augen hafteten darauf.

»Kalt wie Eis,« murmelte sie dann mit einem spöttischen und doch auch wieder verdrießlichen Lächeln vor sich hin, »aber – was er nur von Georg will, denn die Aehnlichkeit war leere Ausrede – Graf Wolf von Geyerstein, Rittmeister – hier – und Adjutant des Fürsten? – Sollte der Fürst – vielleicht wegen des Turmseiles? aber, bah! was hat der mit dem Kunstreiter zu schaffen, daß er einen seiner Adjutanten zu ihm schicken würde? Auch war der Herr Rittmeister nicht in Uniform, sondern in Zivil; er hat sich vielleicht geschämt, in Uniform bei uns gesehen zu werden. Aber er wollte Georg sprechen, nicht mich. – Doch, was zerbreche ich mir den Kopf?« rief sie plötzlich, die Karte neben sich auf den Tisch werfend. »Ob Herr Graf Wolf von Geyerstein Ursache hat den Kunstreiter Bertrand aufzusuchen oder nicht – was kümmert's mich! Georg mag das selber untersuchen. Die ganze Sache läuft doch nur zuletzt auf einen Pferdekauf hinaus.«

»Ist er fort?« sagte in diesem Augenblicke der Alte, der seinen Kopf wieder zur Türe hereinsteckte.

»Wie du siehst, ja,« erwiderte gleichgültig die Frau, »dort unten geht er eben über die Straße.«

»War gerade noch so ein Musjö da, der dich sprechen wollte.«

»So? – Wer?«

»Der geschniegelte und geleckte Bengel mit dem Schnurbart wie ein Malerpinsel. Silbermann oder Silberfranz – was weiß ich's, wie er heißt! Ich habe ihn gleich an der Treppe abgefertigt.«

»Das war recht – ich mag den faden Menschen überhaupt nicht leiden.«

»Und wer war der

»Ein Graf.«

»Und wollte?«

»Georg sprechen.«

»Nur Georg?«

»Nur Georg.«

»Pferdehändler!« brummte der Alte und schleppte seine Jacke wieder zum Fenster, an dem er den alten Platz einnahm, um mürrisch und finster wie vorher an dem scheckigen, schmutzigen Kleidungsstück weiter zu nähen. Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt, die jedes mit den eigenen Gedanken vollständig beschäftigt schienen. Da schallten Schritte vom Vorsaale herein.

»Georg,« sagte die Frau aufhorchend.

»Wird mich wieder zur Probe haben wollen,« knurrte der Alte, »aber verdammt will ich sein, wenn ich jetzt hinübergehe. Heute die Rackerei zweimal ist vollständig genug.«

Die Türe ging auf, und Monsieur Bertrand betrat in der Tat das Zimmer, ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten. Selbst ohne Gruß kam er herein, warf seinen Hut auf einen Stuhl und schritt dann eine Weile, die Arme fest ineinander geschlagen, in dem kleinen Raume auf und ab. Der Alte warf einen forschenden Blick nach ihm hin, nahm aber weiter keine Notiz von ihm, und nur Georgine sagte endlich: »Ist etwas vorgefallen, daß du so verdrießlich bist?«

»Vorgefallen? – nein,« erwiderte der Mann, ohne seinen Spaziergang zu unterbrechen.

»Ist die Erlaubnis zu deinem Turmseil noch nicht gekommen?«

»Nein.«

»Und wär' auch kein Schade, wenn sie ganz ausbliebe!« brummte der Alte. »Mit dem verwünschten Seiltanzen nimmt es noch einmal ein böses Ende. Und wenn Ihr's noch nötig hättet! Aber die Reiterei ist weit ehrenvoller und bringt hundertmal mehr Geld ein, als der halsbrechende Lauf.«

»Aber er macht Aufsehen!« rief Georgine rasch. »Wenn sich die Kunde verbreitet, daß Georg gewagt hat, was vor ihm noch keiner wagte, strömt das Volk von nah und fern herzu, um ihn zu sehen.«

»Sie denken gar nicht daran,« sagte der Alte finster, »und du solltest gerade die letzte sein, die dem Tollkopf auch noch zuredete, sein Leben an solch einen Quark zu wagen. Was wird aus dir, aus uns allen, wenn er den Hals bricht oder selbst nur zum Krüppel stürzt?«

»Und geht er nicht so sicher auf dem Seil, wie hier auf ebenem Boden?« rief die Frau.

»Papperlapapp! mir mußt du so etwas nicht sagen,« meinte aber kopfschüttelnd der Hanswurst. »Mein Bruder, der lange Franz, mit dem ich meine tollsten Jahre verlebt, war ein so tüchtiger Seiltänzer wie nur einer, und wie er zuletzt glaubte, er könnt's ganz allein, und höher und immer höher stieg, passierte ihm doch einmal etwas Menschliches. Ob er den Krampf bekam, ob er schwindelig wurde – er hat's keinem Menschen mehr erzählt, aber ich seh' ihn noch vor mir, wie er da oben haushoch über die staunende Menschenmenge hinlief, daß wir unten, gegen den grauen Himmel hin, nicht einmal mehr das Seil erkennen konnten – ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf einmal schwankte, wie ihm die Stange aus der Hand fiel, und ein Schrei von den Tausenden – ein furchtbarer Schrei zu ihm hinaufgellte – dann kam ein dumpfer Schlag – und als ich wieder scheu den Kopf hob, lag ein häßlicher, blutiger Klumpen vor mir – der lange Franz. – Seit dem Tage hab' ich kein Seil wieder betreten.«

Bertrand war vor dem Alten stehen geblieben, aber sein Blick schweifte über ihn hin nach seinem Weibe, das halb abgewandt von ihm, die rechte Hand auf das Fensterbrett gestützt, den Kopf unwillig langsam hin- und herwiegend, am Fenster lehnte.

»Du hättest etwas Gescheiteres tun können,« sagte sie jetzt, während der Vater, in der Erinnerung noch zusammenschaudernd, schwieg, »als ihm gerade heute die Geschichte zu erzählen. Daß etwas derartiges passieren kann, weiß ich auch, aber eben die Möglichkeit desselben übt den Reiz auf die Zuschauer, gründet den Ruf des kühnen Läufers. Wäre keine Gefahr dabei, wer würde sich die Mühe geben, auch nur zuzusehen?«

»Du hast gut reden,« sagte der Alte finster.

»Und glaubst du, ich fürchte die Gefahr?« rief rasch und heftig die Frau, »glaubst du, ich rede ihm zu, wenn ich sie nicht teilen wollte? – Ich werde ihn begleiten.«

»Du? – auf dem Turmseil?« lachte kopfschüttelnd ihr Vater. »Du bist nicht gescheit!«

»Das geht nicht, Georgine,« sagte Bertrand. »Wenn ich mich selber auch sicher genug da draußen weiß, um nicht das Schicksal des langen Franz zu befürchten, möchte ich doch nicht die Angst für dich mit hinausnehmen. Außerdem weißt du selber, daß es viel schwerer ist, zu zweien, als allein das Seil zu begehen.«

»Bah! wir sind so oft zu zweien darauf gewesen.«

»Allerdings, doch nicht in solcher Höhe.«

»Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhöhe? Ein Sturz wäre von der einen genau so verderblich wie von der andern.«

»Gewiß! aber du selber hast ein Seil in solcher Höhe noch nie betreten; du weißt nicht, wie es dich erregen würde – doch wir streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Fürsten gerichtetes Gesuch einen anderen Erfolg haben wird, weiß ich noch nicht.«

»Ein Adjutant des Fürsten war heute morgen hier,« sagte Georgine, »ich zweifle aber, ob in der Angelegenheit. Jedenfalls wollte er dich sprechen.«

»Ein Adjutant des Fürsten?« rief Bertrand rasch – »und weshalb hast du mich da nicht rufen lassen?«

»Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn morgen früh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.«

»Sonderbar!« sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah hinaus, und der Alte nähte den letzten abgerissenen großen weißen und ballähnlichen Knopf an seine Jacke.

»Nun?« sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem sie sich nach ihm umdrehte. »Kennst du den Herrn?« Bertrand antwortete nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinüber zu ihm und sah über seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak über die plötzliche Blässe seiner Züge.

»Was fehlt dir, Georg?« rief sie. »Du siehst kreideweiß aus. Was ist mit dem Fremden?«

»Kreideweiß?« lächelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mußte, wenn er auch sonst seine ganze Fassung und Ruhe behielt. – »Du träumst. Aber wer brachte diese Karte?«

»Der, dessen Namen sie trägt.«

»Wolf von Geyerstein,« flüsterte Bertrand halblaut vor sich hin, aber es war, als ob er die Worte mehr zu sich selber spräche, als sie für ein anderes Ohr bestimmte.

»Du kennst ihn?« fragte die Frau, und ihre Augen hingen erwartend an denen des Gatten.

»Ich kenne den Namen,« sagte dieser ruhig, »kannte wenigstens einen, der ihn trug – aber das ist lange Jahre her und war auch an einem andern Orte – weit von hier.«

»Und der hieß Wolf von Geyerstein?«

»Nein – sein Vorname ist mir jetzt entfallen; aber der lebt auch nicht mehr.«

»Ein Verwandter denn – ein Bruder vielleicht?«

»Möglich,« sagte Bertrand gleichgültig, »aber wir werden ja sehen. Also morgen?«

»Morgen früh zwischen acht und zehn. – Du glaubst also nicht, daß es auf deine Eingabe Bezug haben könnte?«

»Und warum nicht? – was sonst hätte ich mit einem Adjutanten des Fürsten zu tun und zu verkehren? – Aber mach' dich fertig; die Zeit vergeht, und es muß drei Uhr vorbei sein. Die Leute drängten sich schon zur dritten Galerie, als ich vorüberkam.«

»Heute gibt's eine gute Einnahme,« sagte der Alte, der seinen Plunder aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, »wo zum Teufel ist jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl gelegt.«

Georgine verließ das Zimmer, um noch einiges für ihre Garderobe zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau zurückkommen hörte, davon losriß und seinen Hut ergriff. Es war in der Tat Zeit für den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick vollkommen in Anspruch.

4.

Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber, als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen. Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein, um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.

Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden, schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief. Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der mit seiner Tochter Melanie im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden, lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er seinen Weg heimwärts suchte.

Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht, der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette machen konnte, war die Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort. Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß. Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln gewöhnlich verlaufen.

Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber stürzten, das zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten, welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flügeltüren postierten Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht an – aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem hier sein Platz bezeichnet – nicht nach geselliger Wahl, sondern nach strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. – Und Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt, lebendiger werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig widerstanden.

Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinüber sandte!

Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden nieder und zerbrach in tausend Scherben – der Haushofmeister wurde totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie vernichtet – aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf. Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen – sonst hatte niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.

Der Fürst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunächst liegenden Gemächern wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gäste zu verschiedenen Gruppen, während Seine Königliche Hoheit von einer zur anderen ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemüht, in die Nähe der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die Komtesse von der Fürstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er sie zwischen zwei alte, verwitwete Staatsdamen so hineingezwängt, daß ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu wünschen, denn sie unterhielt sich auf das lebhafteste mit den beiden von Bändern und Schmuck bedeckten Ueberresten eines vergangenen Jahrhunderts und hatte für weiter niemanden im Saale Augen.

An einem der Fenster fand er endlich den Kabinettssekretär des Fürsten in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren, und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine Aufmerksamkeit. Er trat näher und traf die kleine Gruppe in lebendiger Debatte, weniger über die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft, – als seine Familienverhältnisse. In der Stadt hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadeligen französischen Familie und sei von dem kühnen Reiter und Seiltänzer unter den abenteuerlichsten Verhältnissen aus einem Kloster entführt und zum Kunstritt erzogen worden. Ueber die Sache selber schien man auch vollständig einig, nur über den früheren Namen der Dame schwankten die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen Grafen, als dieser das ganze Gerücht bezweifeln wollte. War er doch im Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versündigen, indem er ihr den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie die Debatte gerade am lebendigsten war, näherte sich der Fürst mit einem jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe, die sich augenblicklich gegen ihn öffnete.

»Ah, lieber Geyerstein,« wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister, »was für einen Kampf führen Sie denn hier? Aber ich weiß nicht einmal, ob sich die Herren schon kennen? – Rittmeister Graf von Geyerstein – Graf Selikoff aus St. Petersburg. – Doch um was handelte Ihr Streit, wenn man fragen darf?«

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Fräulein von Zahbern, die eine der Damen, antwortete: »Um kein Geheimnis, Königliche Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nämlich um die Abstammung der Frau des Kunstreiters.«

»Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur Bertrand?« wandte sich der Fürst an seinen Geheimsekretär. »Haben Sie mir nicht gestern morgen etwas darüber vorgelegt?«

»Allerdings, Königliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des Magistrats, daß der etwas tollkühne Mensch zwischen den beiden Türmen der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Künste zu zeigen.«

»Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der Magistrat wird wohl seine Gründe gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen. Meinen Sie nicht, Geyerstein?«

»Ich meine, Königliche Hoheit, daß es ein wohltätiges Verbot war. Es heißt an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast gewissen Gefahr preiszugeben.«

»Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein,« sagte der Fürst, »denn wenn Sie so weit gehen wollten, dürfte ich das Seiltanzen überhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils täte das auch mit dem größten Vergnügen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefährlichen und weniger gefährlichen Künsten?«

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, daß er fast dieselben Einwendungen mit beinahe den nämlichen Worten vor ganz kurzer Zeit der Komtesse Melanie gemacht. Fräulein von Zahbern aber rief: »Der Herr Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns jede Unterhaltung rauben.«

»Und würden Sie, mein gnädiges Fräulein, wirklich eine Unterhaltung darin finden,« entgegnete der Rittmeister, »einen Menschen zwischen zwei Türmen auf einem dünnen Seile spazieren gehen zu sehen? Würden Sie sich an einem Schauspiel ergötzen können, bei dem Sie jeden Augenblick fürchten müßten, daß es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam vor die Füße zu senden?«

»Sie gebrauchen gräßliche Ausdrücke, Herr Graf!« rief das gnädige Fräulein, ihren Fächer in Schauder vor die Augen hebend, »aber Monsieur Bertrand fällt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltänzer.«

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: »Ich glaube, das gnädige Fräulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller dieser sogenannten Meßkünstler ist lebensgefährlich, seien das nun Kunstreiter, Seiltänzer, Tierbändiger, Feueresser oder was immer, und wollte man die Leute aus übertriebener Humanität daran verhindern, sich möglicherweise den Hals zu brechen, so gäbe man sie sicher dem Verhungern preis oder zwänge sie wenigstens, ihr Brot, das sie nun einmal haben müssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und Weise zu erwerben.«

»Das ist schön von Ihnen, Herr Graf,« rief das Fräulein von Zahbern, fröhlich in die Hände schlagend, »daß Sie uns das Wort reden, dem sehr gestrengen Herrn Rittmeister gegenüber.«

»Aber, mein gnädiges Fräulein...«

»Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten,« rief die junge Dame, »denn gerade Sie sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Künsten widersetzt.«

»Und warum ich?«

»Weil Sie fortwährend die wildesten, unbändigsten Pferde ganz unnötigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben wollen, trage ich bei Seiner Königlichen Hoheit wahrhaftig darauf an, daß er Ihnen auch verbietet, Ihr Leben so mutwillig dem Eigensinne des ersten besten Pferdes preiszugeben.«

»Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,« sagte jetzt auch der Fürst. »Es ist einmal Messe, und wenn ich dem Seiltänzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm beliebt, muß ich auch dem Menageriebesitzer – wie heißt er gleich? – untersagen, mit den Hyänen zu frühstücken und seinen Kopf in des Tigers Rachen zu stecken.«

»Also befehlen Königliche Hoheit?« fragte der Sekretär.

»Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg zu legen,« sagte der Fürst.

»Zu Befehl, Königliche Hoheit.«

»Und – was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«

»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen angeschlossen.«

»Ah – danke – kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schöne Komtesse schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die sich tief verbeugende Gruppe.

Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob Melanies Auge über die Schulter des Fremden ihn gesucht habe – aber er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.

»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblicke ein kleiner, schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der, den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich in den des Grafen schob.

Es war eine eigentümliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen, etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob er permanent über irgend einen Gegenstand sein äußerstes, aber auch untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann sprach auch eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart gar nicht mehr glaubte.

»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?« sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

»Entsetzlich!« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das wohlgelockte und geölte Haar.

»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gotteswillen nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige, unbedeutende Sachen.«

»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«

»Ich muß Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat noch nicht getan.«

»Dann versäumen Sie keinen Augenblick länger, cher comte. Die Herrschaften werden sich überdies bald wieder zurückziehen. Unser gnädigster Herr war so unendlich huldreich heute. – Sie hatten vorher eine längere Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit, nicht wahr? Wohl Dienstsachen?«

»Allerdings.«

»Königliche Hoheit haben nichts über die gestrige Vorstellung erwähnt?«

»Nicht, daß ich mich erinnere.«

»Herr Generalintendant,« flüsterte in diesem Augenblicke ein Kammerherr an seiner Seite, »Königliche Hoheit wünschen...«

»Zu Befehl!« rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen, überglücklichen Lächeln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich der Fürst befand, unterwegs indessen die ihm übersandten Befehle des Herrn entgegennehmend.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zühbig verlassen hatte, als ein Herr, ein großer, stattlicher Mann mit militärischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch durch seinen einfachen schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger Orden prangte, gegen die übrige gestickte, geschmückte und uniformierte Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte, Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

»Mein Herr Graf,« redete er den jungen Mann an, den er schon früher kennen gelernt und lieb gewonnen hatte, »ich muß Sie um eine Auskunft bitten.«

Der Graf verbeugte sich leicht.

»Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat?« fragte der Oberst. »Es soll ein französischer General bei Tafel gewesen sein. – War jener Herr vielleicht?...«

»Da tun Sie ihm Unrecht,« lächelte der Rittmeister. »Herr von Zühbig ist der harmloseste und am wenigsten blutdürstige Mann seines Jahrhunderts, obgleich allwöchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.«

»Und trägt einen wahren Panzer von Orden?« sagte der Amerikaner erstaunt.

»Mr. Pollard,« lachte der Graf, »Sie sind erst zu kurze Zeit in Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebräuche schon hinlängst gewöhnt zu haben. Aber – erinnern Sie sich wohl, daß Sie mir neulich einmal von Ihren Indianern erzählten, die gewisse Kerbhölzer haben sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie außergewöhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?«

»Allerdings.«

»Nun gut! – unsere Höflinge – das Wort jedoch in der freundlichsten Weise gebraucht – sind ebenso die Kerbhölzer der Fürsten, an denen sich dieselben für alle Geburtsanzeigen befreundeter Höfe, für Besuche auswärtiger Potentaten, überhaupt für festliche und außergewöhnliche Gelegenheiten – ein Zeichen machen. Für ein so zierliches Kerbholz gehört aber auch, wie sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck, und – voila.«

Oberst Pollard lächelte still vor sich hin, als plötzlich eine allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich zurück, und die Gruppen der Gäste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll vor dem Herrscherpaare. Und jetzt auf einmal kam reges, natürliches Leben in die bis dahin noch so steife, förmliche Menschenmenge. Alles brach auf, und wie der Fürst mit der Fürstin den Saal verlassen hatte, zogen sich die Gäste ebenfalls den Türen zu. Der Amerikaner war von dem jungen Grafen durch einige dazwischen tretende Herren vom Hofe getrennt worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm nicht eben angenehme Persönlichkeit, mit der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfüm duftender Herr, mit kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei große ausländische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater mit dem Hofe in fortwährender Verbindung stand.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, sich selbstgefällig dem Rittmeister vorstellend, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich selber bei Ihnen einzuführen. Ich bin Baron Hugo von Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergnügen und der Ehre getrachtet, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.«

»Herr Baron,« sagte der Graf, »es war mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,« und sich leicht und kalthöflich vor ihm neigend, schritt er an ihm vorüber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt über diesen Empfang, noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des Staatsrats von Zädnitz mit innigem und boshaftem Vergnügen auf sich haften sah. Er fühlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem vollständig gleichgültigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurück und schritt einem der Seitengemächer zu. Graf Geyerstein indessen, der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen, ein einziges Wort mit ihr zu wechseln – aber es gelang ihm nicht. Einmal glaubte er allerdings, daß ihr im Saale umherschweifendes Auge ihn wenigstens streife – doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn schon im nächsten Moment wandte sie sich ihrem jetzigen Begleiter, dem jungen Grafen Selikoff, zu, an dessen linker Seite Fräulein von Zahbern dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

»Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drückt, und wie bezaubernd sie zu ihm hinüberlächelt,« flüsterte nicht weit von ihm der Kabinettssekretär einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Fürsten zu.

»Das hilft ihr doch nichts,« erwiderte dieser, »er scheint nur Auge und Ohr für die kleine Ralphen zu haben.«

»Die arme Zahbern,« lächelte der Sekretär, »und sie gibt sich so viel Mühe!«

»Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht!« sagte der Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tür zu, ließen sich draußen von den Lakaien ihre Paletots überhängen und stiegen die Treppe hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hinein fuhr.

»Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht,« sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Fräulein von Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung – das Rasseln der Wagen – Sie befehlen?«

»Gar nichts, lieber Graf; ich meinte nur, daß der junge Graf Selikoff ein höchst liebenswürdiger Mensch ist – er war so artig; die alte Exzellenz weiß auch wohl, was sie tut.«

»Wer? – Herr von Ralphen?«

Fräulein von Zahbern nickte.

»Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzüglich von den Russen gebrauchen kann, denn sie wühlen in Diamanten, und bei Ralphens sollen die Vermögensverhältnisse – Sie wissen, man munkelt da Verschiedenes.«

»In Kaffeegesellschaften?«

»Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!«

»Aber mein gnädiges Fräulein...«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollten – auf uns arme Frauen wird von diesen sogenannten Herren der Schöpfung am liebsten gleich alles gewälzt. Das habe ich übrigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus einer Kaffeegesellschaft.«

»Daß die sogenannten Herren der Schöpfung...?«

»Da nicht sehen wollen, wo sie selber blind sind,« sagte die junge Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

»Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt?« lächelte der Graf.

»Der Kriegsminister wird alles daran wenden, um den Russen hier zu fesseln,« fuhr die junge Dame fort.

»Glauben Sie?«

»Was die Augen sehen, glaubt das Herz.«

»Und wenn wir den Satz umdrehen?«

»Sie sind unausstehlich heute, Graf!« rief die Dame, »für meine freundliche Warnung hätte ich andern Dank verdient.«

»Für Ihre Warnung, mein gnädiges Fräulein?« sagte Graf Geyerstein erstaunt.

»Tun Sie nur nicht so unschuldig,« rief die junge Dame, »und trauen Sie der Residenz nicht zu, daß sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen. Sie kennen doch die Fabel vom Strauß?«

»Mit dem Kieselstein-Verschlucken?«

Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie biß sich auf die Lippen. »Wem nicht zu raten ist, lieber Graf,« sagte sie endlich, indem sie sich gegen ihn verneigte, »dem ist auch nicht zu helfen – ich sehe, da ist mein Wagen – au revoir!«

»Mein gnädiges Fräulein...«

»Apropos – werden Sie heut abend den Zirkus besuchen?«

»Es ist Meßsonntag.«

»Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!«

Fräulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um sie in den Wagen zu heben, lächelnd mit dem Finger.

»Wieder eine Warnung, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Rittmeister.

»Ich will weiter nichts gesagt haben,« erwiderte die Dame, und die weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.