19.

Tobias hatte sich einen tollen Plan ausgedacht, der ihm aber ganz in seine verzweifelte Lage paßte, und mit einer Quantität Spirituosen im Kopfe war er auch gerade in der Stimmung, ihn auszuführen. Ob er sonst den Mut gehabt haben würde, dem seines ernsten Wesens wegen eher gefürchteten Gutsherrn auf die eigene Stube zu rücken, muß dahingestellt bleiben. Noch nicht mit sich im klaren, wie er das Wirtshaus verließ, verbiß er sich aber mehr und mehr in den einmal gefaßten Gedanken, und ohne daß er es selber merkte, verringerte er die Entfernung zwischen sich und dem Gute mit jedem Schritte.

Wäre er dem Verwalter oben begegnet, so würde ihn dieser, in dem Zustande, in dem er sich befand und der deutlich genug die in reichem Maße genossenen Getränke verriet, wohl kaum vorgelassen, sondern rundweg abgefertigt haben; denn Tobias war ein Mensch, mit dem man sowohl im Dorfe wie auf dem Gute wenig Umstände machte. So aber traf er nur einen der Knechte im Hofe, der ihn, da er nach dem Gutsherrn fragte und vorgab, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, zu der Treppe brachte, die zu Georgs Zimmer führte. Dort ließ er ihn allein, und Tobias balancierte sich die breite steinerne Stiege – jetzt aber gar nicht mehr so behaglich und zuversichtlich wie unten in frischer Luft – hinauf. Er war jedoch einmal da, wie er sich wieder und wieder vorerzählte – umkehren half nichts mehr, und deshalb die Zähne fest aufeinander beißend, kletterte er die wenigen Stufen vollends hinan, hielt einen Augenblick an der Tür, um Atem zu schöpfen, und klopfte dann an.

»Herein!« tönte Georgs tiefe und ruhige Stimme, und Tobias wäre vielleicht in diesem Augenblick doch noch wieder umgekehrt, aber es war zu spät; seine Hand lag auf dem Drücker, und im nächsten Augenblick sah er sich dem Herrn selber gegenüber.

»Was wollt Ihr?« fragte ihn mit eben nicht freundlicher Stimme Georg, denn er sah mit einem Blick, in welchem Zustande sich der alte Trunkenbold befand.

»Guten Abend,« erwiderte Tobias vor allen Dingen auf die Anrede, nahm seinen Hut ab und drehte ihn zwischen den Händen.

»Guten Abend – was soll's?«

»Ich wollte nur...«

»Nun?«

»Ich wollte Sie nur bitten, Herr Baron,« stotterte der Alte.

»Tobias,« fertigte ihn da Georg ab, der ihn vom Dorfe her kannte, »Ihr seid heut wieder in einem Zustande, bei dem Ihr Euch viel lieber hättet zu Bette legen sollen, als zu mir heraufzukommen. Ueberdies hasse ich jede Bettelei, noch dazu von einem Burschen wie Ihr, an den jeder Schilling rettungslos weggeworfen wäre. – Marsch! packt Euch, und macht, daß Ihr nach Hause kommt. – Ihr riecht bis hierher nach Spirituosen. – Wird's bald, oder soll ich Euch fortschaffen lassen?«

Wäre Georg freundlich oder auch nur ernsthöflich mit ihm gewesen, Tobias hätte nie den Mut gehabt, ein Wort über die Lippen zu bringen. Die doppelten Vorwürfe des Trinkens und Bettelns aber stachelten ihm die verworrenen Geisteskräfte zum Widerstande auf, und seinen alten Hut in den Händen zusammenrollend, sagte er mit einem höhnischen Blick auf den Gutsherrn: »Halten zu Gnaden, Herr von Geyfeln – oder wie Sie sonst heißen mögen, was – ich trinke, bezahle ich, und das geht niemanden etwas an – und zum Betteln – bin ich ebenfalls – nicht hierher gekommen, daß Sie es nur wissen! – Im Gegenteil wollte ich Ihnen einen Gefallen tun – daß Sie wüßten, woran Sie – woran Sie wären, und nicht etwa dächten, wir wären alle so dumm und glaubten die Geschichte mit dem – Baron...«

Georg horchte hoch auf, denn die Worte des Trunkenen, mit wie schwerer Zunge er sie auch herausbrachte, verrieten mehr, als sie jetzt noch eingestehen mochten. »Was ist das, was aus dir spricht, mein Bursche?« sagte er deshalb ruhig, aber mit wirklich mühsamer Fassung, indem er auf ihn zuging, »was willst du von mir?«

»Aha!« lachte der Alte still vor sich hin, »werden wir zahm? Ja, ich hab' es mir wohl gedacht, mein Täubchen. Der alte Tobias ist auch nicht auf den Kopf gefallen, wie manche Leute ihn wohl gern wollten glauben machen – der Sternwirt zum Beispiel – und dieses Mal an die richtige Schmiede gegangen.«

»Was willst du von mir, und weshalb bist du heute hierher gekommen?« wiederholte Georg noch einmal seine Frage; denn ein dunkler Verdacht stieg über die Absicht des Trunkenen in ihm auf.

»Na?« sagte Tobias, der noch immer nicht trunken genug war, die veränderte Anrede unbemerkt zu lassen, »geduzt haben wir einander freilich noch nicht, so viel ich weiß, aber das schadet nichts – was nicht ist, kann noch werden, und der Mühler, der Schwiegervater, war auch ein sauberer Mensch und wir nannten uns doch du miteinander. Also, lieber Bruder, hahaha – lieber Bruder, ich wollte dir nur sagen, daß wir – ne, nicht wir – im Dorfe drunten sind zu dumm – die wissen noch nichts – aber daß ich, der alte Tobias, herausgekriegt habe, wer du eigentlich bist – weißt du wohl?« – Er versuchte dabei eine Art von Pantomime zu machen, wie er sie vielleicht einmal von Kunstreitern gesehen haben mochte, indem er sich auf das eine Bein balancierte und das andere aushob, den Kopf etwas auf die Seite neigte und seine beiden Arme, mit dem zerknitterten Hut in der einen, ausstreckte. Dieser gewagten Position war er aber doch in solchem Augenblick nicht gewachsen. Er verlor die Balance und wäre auf den Boden geschlagen, wenn er nicht noch glücklich die Tischecke erwischt hätte, um sich daran zu halten.

In Georgs Armen zuckte es, den frechen, widerlichen Burschen aus der Tür zu werfen, aber er bezwang sich trotzdem. Er wollte jetzt erst wissen, was er eigentlich im Schilde führe, und die Arme fest ineinander schlagend, wie um sie zu sichern, daß sie ihm nicht unwillkürlich vorgriffen, haftete nur sein düsterer Blick fest und verächtlich auf der vor ihm schwankenden schmutzigen Gestalt – dem Spottbild eines Menschen.

»Ha – hallo,« sagte Tobias dabei, indem er sich gewaltsam im Gleichgewicht zu halten suchte, »hoppa – beinahe wären wir gefallen – Boden ist hier verdammt uneben. – Ja – was ich gleich sagen wollte – Sehen Sie, Herr – Herr Baron oder Herr Berthold oder wie Sie sonst heißen – ja so – das wollte ich dir nur sagen – ich weiß die Geschichte; ich bin dahintergekommen, hinter den blauen Dunst. – Mir macht keiner ein X für ein U – aber ich kann auch's Maul halten – wie Bruder Mühler, der Schwiegervater, ganz richtig gesagt hat – ich kann, wenn ich eben will und – wenn's gut bezahlt wird. Verstehst du, Bruderherz?«

Georg brauchte nicht mehr zu wissen. Der alte Trunkenbold hatte ihm in wenigen Worten klar und deutlich gezeigt, daß Mühler ihm sein Geheimnis verraten und er jetzt in den Händen dieses liederlichen Menschen sei, der aus seiner Entdeckung den größten Nutzen zu ziehen suchte. Daß er sich aber mit einer solchen Kreatur nicht weiter einlassen konnte, mochten sich nun die Folgen stellen, wie sie wollten, fühlte er in dem Augenblick mehr, als er zu einem klaren Bewußtsein desselben gekommen wäre. Ohne deshalb ein weiteres Wort an ihn zu richten, öffnete er das Fenster und rief im Hofe zwei gerade dort beschäftigte Knechte an: »He, Hans – Gottlieb! kommt einmal herauf – rasch!«

»Hans? – Gottlieb?« wiederholte Tobias etwas erstaunt. »Hans – Gottlieb? – Wozu brauchen wir Hans und Gottlieb – he? – Wie ist es, Herr Baron oder Herr Berthold – hahaha, über die Namen alle wird man ordentlich konfus! – Ich kann das Maul halten, und will das Maul halten, aber« – und hier machte er mit freundlichem Grinsen eine Gebärde des Geldzählens – »hier müssen wir zusammenkommen, wenn ich nicht...«

Georg hörte die Leute auf der Treppe, riß die Tür auf und sagte: »Den Burschen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus und das jedesmal, so oft er sich hier sollte sehen lassen. Schickt mir dann den Verwalter und den Vogt herauf.«

»Na komm, Tobias,« sagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere Umstände beim Kragen nehmend, »es hilft dir nichts, weder Strampeln noch Wehren. Der Herr Baron hat's einmal gesagt.«

»So?« schrie Tobias, aus allen seinen Himmeln geträumter Schätze etwas unsanft geweckt und über dieses keineswegs erwartete Resultat zugleich erstaunt, »so? ist das eine Behandlung – Herr Baron – wissen Sie – wenn ich will – so kann ich...« Alle seine weiteren Reden und Drohungen wurden durch die beiden handfesten Burschen unterbrochen, von denen der eine, als sie sahen, daß er nicht gutwillig gehen wollte, ihn unter den Armen packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und Tobias wurde, trotz seinem Grimm, der sich jetzt gegen die Knechte kehrte, ohne weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das Tor getragen, wo ihn die Leute ruhig absetzten und laufen ließen. Zwar sprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen, Kunstreitern und »Geheimnissen« heraus, die Knechte verstanden aber kein Wort davon, ließen ihn stehen und gingen an ihre Arbeit zurück.

Tobias wütete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof zurückzukehren, drohten ihm die beiden Burschen mit den Fäusten, und das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, sich einer weiteren Handgreiflichkeit auszusetzen, drehte er sich endlich um und taumelte, rücksichtslos um Weg und Steg, gerade über Wiese und Felder weg, ins Tal hinab.


Zu derselben Zeit, in welcher Tobias jenen verunglückten Versuch machte, von Herrn von Geyfeln entweder eine Summe Geldes oder noch lieber eine fortlaufende Unterstützung zu erpressen, saß Josefine mit ihrer Erzieherin, fleißig mit Lesen und Arbeiten beschäftigt, in ihrem Stübchen.

Josefine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da sich die Mutter fast gar nicht oder doch nur sehr selten oder oberflächlich um sie kümmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewiesen. In dieser aber hatte Georg einen glücklichen Fund getan, denn die junge Dame besaß nicht allein sehr wackere Kenntnisse, sondern auch ein gutes, für alles Schöne und Edle empfängliches Herz. Praktisch dabei in allem, was sie anfaßte, und bescheiden und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen, sicherte sie sich in ihrer schwierigen Stellung bald die Liebe des einen, sowie die Achtung des andern Teiles, und ging dazwischen ruhig ihre Bahn. Bald hatte Mademoiselle Adele auch den Charakter der Frau und Mutter durchschaut, mit der sie zusammen lebte, und Georgine besaß in der Tat keine Eigenschaften, die das stille, einfache Mädchen an sie hätten fesseln und zwischen beiden ein wirklich freundschaftliches Verhältnis entstehen lassen können. Vergnügungssüchtig und nur an sich selber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im Stillen wirkt und schafft, und selbst oft mit den bescheidensten Mitteln imstande ist, den Familienkreis zu einem Paradiese umzuschaffen. Wo aber hätte sie auch diese Eigenschaften sich erwerben, wo in ihrer ganzen früheren Lebensweise einen Sinn für Häuslichkeit gewinnen sollen? Ihre ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieses stille, zurückgezogene Leben nicht mehr in so dunklen Farben erschien und sie die Möglichkeit dachte, sich einst hineinzufinden, verdrängten die letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen. Noch zu keiner Zeit hatte sie sich dabei, so sehr sie Josefinen liebte, mit deren Erziehung beschäftigen können und mögen. Sie wußte gar nicht, wie sie es anfangen müsse, und konnte und wollte sich keine Mühe in dieser Hinsicht geben. Im Zirkus, ja, dort hätte Josefine keine bessere Lehrmeisterin haben können, als eben ihre Mutter, aber hier, zwischen den Büchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen sie wenig oder nichts verstand, fühlte sie sich fremd und überließ das bereitwillig und allein der Fremden.

Georg fand dieses Wesen seiner Gattin durch ihr früheres Leben, wenn auch nicht vollständig gerechtfertigt, doch wenigstens entschuldigt, und ertrug es eben um der Tochter willen; Mademoiselle Adele aber fühlte ihr Herz dadurch verletzt und wandte sich mit um so größerer Liebe dem jungen Mädchen zu, dem sie, wie sie recht gut einsah, die Mutter ersetzen mußte. Und das Kind selber kam ihr dabei mit vollem Herzen und inniger Liebe entgegen. Von früh an, ja, solange sie eigentlich denken konnte, an ein wildes, unstetes Leben gewöhnt, in dem sich das junge Herz nicht wohl fühlen, von rauhen Menschen umgeben, an die es sich nicht anschließen konnte, hatte es hier zum erstenmal eine Heimat und in seiner Erzieherin ein Wesen gefunden, das wirklich teil an ihm nahm und ihm mit mütterlicher Liebe ergeben war.

Wohl hatte es der kleinen Eitelkeit geschmeichelt, mit den mühsam erlernten Künsten im Zirkus draußen rauschenden Applaus einzuernten, aber mit heimlichem Neid sah Josefine dabei zugleich unter den geputzten Zuschauern die vielen anderen kleinen Mädchen, die von den Ihrigen gehegt und gepflegt und – nicht gezankt wurden, wenn sie eine Ungeschicklichkeit auf dem Pferde begangen. Das Kind auch fühlte, wenn es sich dessen selbst nicht klar bewußt wurde, ein Bedürfnis nach Pflege. Jene heilige Sympathie, die Mutter und Kind gegenseitig aneinander zieht, wenn sie auch in Georginens Herzen anderen, unheiligeren Empfindungen Raum geben mußte – war in Josefinens Brust ebensogut gepflanzt gewesen und nur die Zeit über verkümmert und niedergehalten worden. Jetzt aber, durch ihrer Erzieherin treue Pflege geweckt, entfaltete sie sich rasch und gewaltig, und bald hing das kleine Wesen mit unendlicher Liebe an der Pflegerin.

Georgine würde selber erschrocken sein, hätte sie einen Blick in dieses aufknospende Kinderherz tun können, in dem ihr Bild nicht mehr wie früher den vollen Raum erfüllte – aber sie hatte andere Dinge im Kopfe, als sich um die Einzelheiten, um die kleinlichen Anhängsel der Erziehung und Pflege ihrer Tochter zu kümmern. Daß sich diese täglich mehr heranbildete, sah sie wohl, und es erfüllte sie mit Freude; nur aber mit dem einen Ziel im Auge, Josefinen einst als einen Stern erster Größe an dem Himmel prangen zu sehen, der allein ihre eigene Welt bildete, dachte sie nicht daran, ob gerade die Nahrung, die das Kind jetzt für Herz und Geist empfing, ihm später dienlich werden könnte. Sie sah nur für sich und die Tochter die Lichtseite des Lebens, dem sie entgegenstrebte, und so blendete diese ihre Augen, daß sie für alles andere gleichgültig – blind wurde.

Mademoiselle Adele hatte indessen im steten Umgange mit Josefinen die Vergangenheit des Kindes kein Geheimnis bleiben können. Die unbewachte Aeußerung der Kleinen, als das Pferd durchging, entdeckte ihr auch nichts Neues, sondern bestätigte nur den schon früher gefaßten Verdacht. Aber nur noch inniger, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, fühlte sie sich dadurch zu dem Kinde hingezogen, dem sie solcher Art ein neues Leben verschaffen half; noch mehr aber wachte sie über all seine kleinen Unarten und Fehler, deren Quelle ihr kein Geheimnis mehr war, und die sie jetzt desto leichter beseitigen oder heben konnte, und dabei durften weder Josefine noch ihre Eltern ahnen, welchen tiefen Blick sie in ihre früheren Verhältnisse getan. Es war ihr genug, daß sie es wußte, dem Kinde zum Nutzen, und das Geheimnis ruhte sicher in ihrer Brust.

Josefine hatte zum Weihnachtsfeste unter anderen Sachen auch mehrere Jugendbücher bekommen, in denen kleine Erzählungen mit hübschen Bildern standen. Das junge Mädchen, das eigentlich hier erst ordentlich lesen gelernt – denn wo wäre ihm früher die Zeit dazu geworden? – verschlang gierig die frische Nahrung, die ihrem Geiste geboten wurde. Eine neue Welt erschloß sich ihr dadurch, und ihrer Erzieherin liebevolle Geduld gehörte dazu, ihr all die tausend und tausend an sie gerichteten Fragen zu beantworten. Eine kleine Erzählung stand aber in dem Buche, die Josefine wieder und wieder durchgelesen, und doch noch keine Frage deshalb an ihre Erzieherin gerichtet hatte. Dieselbe war überschrieben: »Das gestohlene Kind.« Josefine hatte das Buch vor sich auf den Knien und las darin, und zwar wieder und wieder die eine Seite, und Mademoiselle Adele, die lange schon, wenn auch von ihm unbemerkt, die Augen auf dem Kinde haften ließ, wußte, was es las und was seinem kleinen Kopfe nicht recht erklärlich werden sollte. Und dennoch fürchtete sich Josefine zu fragen, die Erzählung berührte für sie verbotenen Grund – ihr eigenes früheres Leben, und von dem gegen andere Leute zu sprechen, hatte ihr die Mutter verboten, und der Vater sie gebeten, es nicht zu tun, und des Vaters Bitte wog in ihrem kleinen Herz viel mehr noch selbst, als das Verbot. Ueber die Worte aber, die sie hier oft und immer wieder durchgelesen, schüttelte sie auch ebenso oft den Kopf. Es war ihr etwas darin nicht klar, aber Mademoiselle Adele – so lieb sie dieselbe hatte, konnte sie nicht darüber fragen – wenn sie einmal wieder mit dem Vater spazieren ginge, sollte der ihr Aufschluß darüber geben. Endlich riß sie sich von der sie fesselnden Seite los und schlug eine andere Erzählung auf.

»Nun, Josefine?« fragte die Erzieherin, die sich die Gelegenheit nicht wollte entgehen lassen. »Was hattest du da, worüber du nicht recht einig warst? Kann ich dir helfen? Hast du vielleicht irgend ein schweres Wort nicht ordentlich verstanden?«

»O nein,« sagte die Kleine, »ich verstehe alle die Worte, die hier im Buche stehen, aber da – da war eine Erzählung...«

»Was für eine Erzählung, mein Herz?«

»Eine Geschichte, wo von einem Kinde erzählt wird, das böse Menschen seinen Eltern gestohlen haben, und zuletzt – finden es die Eltern wieder und freuen sich so darüber.«

»Nun, das ist doch eine sehr erfreuliche Sache, daß die Eltern ihr Kind wiedergefunden haben.«

»Ja – gewiß – aber...«

»Wer waren denn die Leute, die es gestohlen hatten?«

»Kunstreiter,« zögerte das Kind, »und das sind doch keine bösen Menschen?«

»Nein, gewiß nicht,« erwiderte Mademoiselle Adele. »Es gibt wohl auch böse Leute unter ihnen, wie in allen Ständen, aber im ganzen ein solches Urteil über sie zu fällen, wäre höchst ungerecht und sogar schlecht. Das ist doch wohl auch nicht in dem Buche gesagt?«

»Nein – nein, sicherlich nicht – es war auch gewiß ein großes Glück, daß die armen Eltern ihr Kind wiedergefunden haben, aber...«

»Aber? mein Herz? – was ist dir noch darin aufgefallen?«

»Eigentlich wollte ich den Papa darum fragen.«

»Und kann ich es dir nicht auch sagen?«

»Doch nicht so gut wie Papa – der weiß es viel besser.«

»Aber vielleicht kann ich es dir auch erklären, und du magst dann den Papa noch immer darum fragen.«

»Ja,« sagte Josefine, der das einleuchtete.

»So lies mir einmal die Stelle vor, die dir so viel Kopfzerbrechens machte.«

Josefine blätterte einige Seiten zurück.

»Soll ich das Ganze lesen?«

»Nein, ich kenne die Erzählung schon, nur das, was du nicht genau verstehst.«

»Ja – hier steht: Wie dankbar waren die Eltern gegen Gott, daß sie nicht allein ihr Kind, ihre liebe Marie, wieder erhalten hatten, sondern daß die arme Kleine auch dem traurigen Leben unter solchen Leuten entrissen war! Und wie glücklich fühlte sich Marie, als sie sich endlich nicht mehr genötigt sah, unter den rohen Menschen zu leben, indem sie die Schule ordentlich und regelmäßig besuchen und fleißig lernen konnte, und jetzt doch hoffen durfte, zu einem für sie passenden Leben erzogen zu werden, zu einem Leben, das sie zu einem braven Mädchen und einer tüchtigen, wackern Frau heranbilden konnte.«

Das Kind schwieg, als es diese Zeilen gelesen hatte.

»Nun?« fragte Adele, »was ist dir dabei aufgefallen, mein Herz?«

»Das letzte, Mademoiselle,« antwortete die Kleine zaghaft: – »und jetzt doch hoffen durfte, zu einem für sie passenden Leben erzogen zu werden, das sie zu einem braven Mädchen und einer tüchtigen, wackern Frau heranbilden konnte. – Konnte sie denn das unter den – Kunstreitern nicht auch werden?«

»Mein liebes Herz,« sagte die Erzieherin mit weicher Stimme, und sie mußte sich Gewalt antun, die Rührung zu verbergen, die jene einfachen, schüchternen Worte hervorgerufen, »das Leben solcher Leute mag an sich manches Schöne und Angenehme haben, und besonders die Männer, die da ihre Geschicklichkeit und Kraft zeigen können, fühlen sich vielleicht oft wohl darin. Ein junges Mädchen gehört aber nicht in einen solchen Kreis – du bist noch nicht alt genug, um zu begreifen, weshalb nicht, aber du wirst es selber fühlen, wenn du nur einige Jahre älter sein wirst. Der Tanz und die Kunststücke auf einem Pferde mögen vielleicht – ich verstehe das nicht – für einen Mann passend und hübsch sein, aber die Frau, das junge Mädchen, die Gott geschaffen hat in stiller Häuslichkeit zu wirken, sind nicht dazu gemacht, sich in solcher Weise öffentlich zu zeigen. Das Publikum, das dabei sitzt, applaudiert allerdings und freut sich an den köstlichen Sprüngen, aber im Herzen denken alle ebenso, und von Tausenden, die in die Hände schlagen und Bravo rufen, möchte gewiß nicht ein einziger sein eigenes Kind zu solchem Leben hergeben.«

»Nicht?«

»Nein, meine Josefine, denn Kinder vor allem gehören in den Schutz des Hauses – Kinder müssen lernen, denn ihre Jugend ist die einzige Zeit, in der sie noch lernen können, und nicht bloß Lesen und Schreiben, was in jetziger Zeit jeder Tagelöhner kann, sondern alles, was sie später einmal im Leben brauchen können, und was sie, wenn sie selber einmal Kinder vom lieben Gott bekommen, diese wieder lehren sollen. Bei einem solchen Leben aber können sie das nicht; sie verfehlen also den Zweck, zu dem sie hier auf Erden bestimmt sind, und wenn sie dann einmal älter werden, fühlen sie es und sind unglücklich. Darum sollen alle Kinder, die nicht nötig haben, schon in so zartem Alter ihr Brot in solcher Weise zu verdienen, dem lieben Gott recht von Herzen danken, daß er sie in Verhältnisse gebracht hat, in denen sie mit anderen guten Menschen leben und sich heranbilden können, und sollen die Zeit, die ihnen also zu ihrer Pflege und Erziehung geboten wird, recht fleißig benutzen – das, mein Kind, meint der Satz, den du nicht verstanden hast.«

Josefine schwieg eine lange, lange Weile; endlich stand sie langsam auf, legte das Buch hin, ging zu ihrer Erzieherin, und das Köpfchen an deren Schulter schmiegend, sagte sie leise: »Und glauben Sie, daß auch ich dem lieben Gott dafür dankbar sein müsse?«

»Wenn du fühlst, mein liebes Kind,« erwiderte gerührt Adele, »daß du gute Menschen um dich hast, die dich lieben und bemüht sind, dein Bestes zu wollen und dein einstiges Glück zu gründen, gewiß.«

Josefine schmiegte sich fester an sie an, legte den Arm um ihre Schulter, und während sie das Antlitz daran barg, quollen ihr ungesehen die großen, hellen Tränen aus den Augen.

20.

In der Residenz *** hatte die so plötzliche Auflösung des Zirkus Bertrand – besonders nach so glänzenden Erfolgen – im Anfange nicht geringe Sensation erregt, und die Tagesblätter füllten ihre Spalten fast eine Woche lang mit den verschiedensten Vermutungen und Gerüchten. Dann kam anderes, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und der Zirkus mit all seinen Angehörigen war vergessen – und doch ließ er in einem Herzen eine tiefe und böse Narbe zurück.

Graf Geyerstein hatte in derselben Zeit, in welcher sich der Zirkus damals trennte, einen mehrwöchentlichen Urlaub erbeten und angetreten, über das Wohin seiner Reise aber strenges Stillschweigen beobachtet. Er war indessen stets in seinem ganzen Wesen ernst und zurückhaltend, und sein Schweigen fiel deshalb nicht besonders auf. Trotzdem gaben sich aber doch verschiedene Personen nicht unbedeutende, wenn auch vergebliche Mühe, den Zweck seines Urlaubs und besonders das Ziel seiner Reise heraus zu bekommen, unter diesen ganz besonders Fräulein von Zahbern – aus Gründen, die ihr selber am besten bekannt waren. Graf Geyerstein nahm aber nicht einmal seinen Burschen mit unterwegs, und ehe man eigentlich recht wußte, wann er reisen wolle, war er plötzlich spurlos verschwunden, und ebenso unerwartet, drei Tage noch vor abgelaufenem Urlaub zurückgekehrt.

In der Zwischenzeit hatte beim Kriegsminister von Ralphen ein großer Ball sein sollen, wenigstens sprach man schon in der Stadt davon und unterhielt sich über die wahrscheinlichen Einladungen. Die älteste Tochter Melanie war aber sehr leidend gewesen, und da die Feier eigentlich ihrem Geburtstag galt, konnte sie natürlich nicht stattfinden, wenigstens nicht zu der bestimmten Zeit. Es hieß, daß sie aufgeschoben wäre.

Die »höheren Schichten der Gesellschaft« beschäftigen sich in dieser Zeit überhaupt viel – vielleicht mehr als nötig – mit der Ralphenschen Familie, bei der jedenfalls eine auffallende Veränderung in einer Hinsicht stattgefunden hatte, wenn auch die Ralphensche Familie selber das nicht zu bemerken oder zu beachten schien.

Jenen Kreisen hatte es nämlich kein Geheimnis bleiben können, war auch nicht als solches betrieben worden, daß Graf Geyerstein sehr häufig das Ralphensche Haus besuche, von dem alten Kriegsminister sowohl, wie von seiner Tochter Melanie sehr gern gesehen sei, und infolge davon natürlich die letztere heiraten würde. Man hatte sich in der Tat schon daran gewöhnt, die beiden jungen Leute als ein Paar zu betrachten, so wenig sie sich selber vielleicht darüber klar geworden. Da plötzlich, nach dem Urlaub des jungen Grafen, änderte sich die ganze Sache, und zwar so auffallend, daß Geyerstein das Ralphensche Haus fast gar nicht mehr oder doch nur selten betrat. Ein desto häufigerer Gast dagegen wurde der junge Graf Selikoff, und wenn dieser selber auch recht gut fühlen mochte, daß er dem Herzen Melanies noch sehr fern stand – obgleich sich seine Bemühungen dahin nicht verkennen ließen, – übernahm die überhaupt zu allen Zeiten sehr rasch mit ihrem Urteil fertige »Gesellschaft« den Ausspruch und erklärte sich dahin: die Alliance mit Graf Geyerstein habe sich aus irgend welchen nicht bekannten Gründen zerschlagen, und Graf Selikoff sei an dessen Stelle gerückt.

Der alte Herr von Ralphen mochte etwas Aehnliches fühlen, ja, fürchten, denn er liebte den jungen Geyerstein wie einen Sohn und kannte den, der an seine Stelle rücken sollte, noch zu wenig, um schon mit einem Urteil über ihn fertig zu sein. Aber er hatte sich auch fest vorgenommen, seiner Tochter in einer Herzensangelegenheit keinen Zwang anzutun, noch ihr sein Urteil aufzudringen. Erst wenn sie selber ihn um Rat fragen würde, war die Zeit zu sprechen für ihn gekommen. Uebrigens durfte er seiner Melanie, wie er glaubte, schon vertrauen, daß sie keinen raschen, unüberlegten Schritt ohne seinen Rat tun würde, und er sah deshalb der nächsten Zukunft mit vieler Ruhe entgegen. Nicht ganz so gleichgültig nahm Exzellenz die Frau Kriegsminister die Sache, und zwar von einem, dem jungen Grafen Geyerstein weniger günstigen Gesichtspunkte aus. Sie hatte ihn ebenso gern wie ihr Gatte, aber – im Vergleich mit dem außerordentlich reichen russischen Grafen, dessen Hilfsquellen wirklich unerschöpflich schienen, war Geyerstein doch eine minder gute Partie für ihre Melanie, und den Rücksichten – der Sorge der Mutter für ihrer Tochter Wohl – mußten alle anderen nachstehen. Nicht so zartfühlend wie der alte Herr dabei, hatte sie allerdings versucht, von Melanie selber die Ursache in dem Wechsel ihres Betragens, wenn nicht ihrer Neigung, zu erfahren, doch ohne Erfolg. Melanie konnte und wollte nicht die wahre Ursache eingestehen, und mit den ausweichenden Antworten, die sie gab, mußte sich, wohl oder übel, die Exzellenz begnügen.

Wer aber seit einiger Zeit zu den fleißigsten Besuchern des Hauses gehörte, ohne jedesmal erst eine Einladung abzuwarten, war Fräulein von Zahbern, und selbst ein minder herzliches Entgegenkommen, als sie mitbrachte, konnte sie nicht davon zurückschrecken. War Offenheit dabei eine hervorragende Eigenschaft ihres Charakters, so empfand sie für Melanie eine tief innige Freundschaft. Sie gestand ihr, daß sie den Augenblick ordentlich herbeisehne, in dem sie wieder in ihre Arme fliegen könne, und Melanie müsse ihr es ordentlich angetan haben, denn sie wäre nicht imstande, vor ihr auch nur das geringste, was auf ihrem Herzen läge, geheim zu halten. Melanie selber, viel zu gutmütig und zartfühlend, jemanden, der ihr so herzlich entgegenkam, von sich abzustoßen, duldete diese Freundschaftsbezeigungen mehr, als daß sie dieselben erwiderte. Ihr Geheimnis behielt sie aber, und trotz der jungen Dame direkten und indirekten Anspielungen darauf, für sich, und Franziska von Zahbern fand es bei späteren Besuchen im Zühbigschen Hause eben noch so unerklärlich, weshalb Melanie total mit dem Grafen Geyerstein gebrochen habe, wie früher. Daß dem aber wirklich so sei, ließ sich nicht verkennen, und so oft Fräulein von Zahbern den Grafen Selikoff bei Ralphens traf, ebenso oft kehrte sie auch mit vermehrter Verachtung gegen das Menschengeschlecht im allgemeinen und einzelne Individuen insbesondere in ihre eigene stille und einsame Wohnung zurück.

In diese Zeit fiel es, daß Herr von Zühbig seinen Ausflug nach dem Norden machen mußte, wohin ihn seine Frau begleiten sollte. Frau von Zühbig hatte dazu allerdings nicht die geringste Lust, würde ihrem Manne aber doch dieses Opfer gebracht haben, wenn nicht gerade ein heftiges Nervenleiden einen Tag vor seiner Abreise sie an ihr Lager gefesselt hätte. Herr von Zühbig mußte deshalb allein fort; aber auch hierüber schien er sich zu trösten, da ihm noch dazu von anderer Seite die höchste Aufmunterung zuteil ward. Seine königliche Hoheit hatten nämlich geruht, ihm noch einige spezielle Aufträge – allerdings höchst unbedeutender Art, aber doch Aufträge – zu erteilen, und er verließ seine Heimat genau mit einem solchen Gesicht und solchen Gefühlen, mit denen ein anderer an seiner Stelle zurückgekehrt wäre. Herr von Zühbig war aber nicht allein Mensch, er war auch Kavalier, und es ist einmal nicht kavaliermäßig, irgend ein Gefühl des Schmerzes oder der Niedergeschlagenheit – ausgenommen bei Hoftrauer – dem Publikum zu verraten.

Frau von Zühbig erholte sich glücklicherweise gleich nach ihres Gatten Abreise so vollkommen wieder, um ihre gewöhnlichen Whistpartien mit Herrn von Silberglanz und Fräulein von Zahbern ohne Zögern aufnehmen zu können, und da kein Rückfall erfolgte, befand sie sich auch während ihres Gatten Abwesenheit vollkommen wohl, ja, wie sie erklärte, wohler als je. Die Heilung aber selber verdankte sie niemandem weiter als dem Baron von Silberglanz, der nicht unbedeutende magnetische Kraft besaß und dieselbe in einzelnen speziellen Fällen zum Besten seiner Mitmenschen anwandte. Er tat es aber, wie er versicherte, nur ausnahmsweise und selbst dann höchst ungern, da es ihn außerordentlich angriff und seine eigene Gesundheit darunter litt.

Jedenfalls war der Erfolg hier ein vortrefflicher gewesen, und unsere kleine Partie saß eines Abends auch wieder fröhlich beisammen, als draußen die Klingel etwas stark gezogen wurde und Frau von Zühbig, mit dem freudigen Ausruf: »Mein Mann!« die Karten fallen ließ und die neben ihr stehende Teetasse vom Tische warf.

Der herbeispringende Bediente hatte noch nicht die Hälfte der Scherben wieder aufgelesen, als Herr von Zühbig, in Pelz und Mütze, »gestiefelt und gespornt« in das Zimmer seiner Frau trat – und wie glücklich war diese, daß sie den Gatten endlich wieder hatte – flog sie an seinen Hals, unbekümmert um die fremden Menschen, um die Dienerschaft! wie half sie ihm selber, so viel er sich auch dagegen sträuben mochte, Pelz und Schal ablegen, und ruhte nicht eher, als bis er behaglich hinter einer Tasse heißen Tees in der Sofaecke saß! Der »Rubber« mußte natürlich erst ausgespielt werden, Herr von Zühbig drang, als Whistspieler von Fach, selber darauf. Dann aber wurde der Spieltisch beiseite gerückt, und der »Reisende« sollte erzählen – viel erzählen, und zwar alles, was er gesehen und erlebt, und – wenn irgend möglich – ein klein wenig mehr.

Herr von Zühbig befand sich, nach allen ausgestandenen »Beschwerden und Fährlichkeiten« ausnehmend wohl in der weichen Sofaecke, und ebenfalls gerade in der Stimmung, sich mitzuteilen. So offen und ausführlich er aber über alles sprach, was ihn betroffen und was er »durchgemacht«, so waren seine Zuhörer keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß er noch etwas – und gerade die Hauptsache – verhehle, und konnten den Moment kaum erwarten, wo er ihnen auch dieses enthüllen würde. Bis jetzt aber waren die Dienstboten noch ab und zu gegangen; die Gouvernante hatte die Kinder hereingebracht, dem Papa die Hand zu küssen und ihm »bonne nuit« zu sagen – es war noch keine ordentliche Ruhe gewesen. Jetzt schien das beseitigt; die Tür schloß sich hinter den letzten Friedensstörern, und Fräulein von Zahbern, die indessen wie auf Kohlen gesessen hatte, rief: »Und jetzt heraus, mein Intendant! wir wissen, Sie haben noch etwas auf dem Herzen, und es drückt Sie ausnehmend, es loszuwälzen. Befreien Sie sich davon – bitte, bitte, erzählen Sie!«

Die junge Dame schlug dabei die Hände zusammen, wie es die lieben Kindlein machen, wenn sie die Eltern um etwas ersuchen wollen – übrigens gehörte sie schon seit längerer Zeit nicht mehr zu den Kindern.

Der Generalintendant sah den kleinen Kreis ihn erwartend umgebender Menschen innig vergnügt an – der Moment war gekommen, auf den er sich schon die ganze Heimfahrt über gefreut, und er erntete jetzt in vollen Zügen die Belohnung dafür ein, daß er es sich versagt hatte, sein Geheimnis leichtsinnig – vielleicht gar durch einen Brief – zu verschleudern.

»Also ein Geheimnis glaubt ihr, daß ich habe?« fragte er schmunzelnd.

»Es ist grausam, wie er uns martert,« rief seine Frau.

»Er spannt uns absichtlich auf die Folter,« sagte Baron von Silberglanz, »und vielleicht ist es nicht einmal der Mühe wert, daß wir uns so darüber den Kopf zerbrechen.« Diese List, es herauszubekommen, war etwas plump, aber auf Herrn von Zühbig von vortrefflicher Wirkung.

»Meinen Sie wirklich?« rief der genannte Herr, sich im Sofa rasch emporrichtend, »aber Sie sollen mir Abbitte tun, Silberglanz – Sie vor allen anderen, denn gerade Sie wird es mehr als alle anderen interessieren.«

»Mich?« rief der Baron erstaunt.

»Tun Sie nicht so unschuldig – als ob wir nicht wüßten, wie Sie für die schöne Bertrand geschwärmt hätten.«

»Die Kunstreiterin?« riefen Fräulein von Zahbern und Frau von Zühbig wie aus einem Munde.

»Georgine Bertrand,« bestätigte der Generalintendant, sich an dem Genusse ihres Erstaunens weidend, »aber« – setzte er plötzlich mit gebrochener Hand hinzu – »Diskretion, meine Herrschaften! Was ich Ihnen jetzt mitteile, geschieht wie unter dem Siegel der Beichte. Ich selber habe versprochen, das Geheimnis zu bewahren, und werde es tun – hier natürlich, unter Freunden, darf man sich aussprechen.«

»Versteht sich, versteht sich,« rief Fräulein von Zahbern rasch und ungeduldig, »aber wo, bester Intendant, wo haben Sie Madame Bertrand gefunden?«

»Madame?« fragte von Zühbig lächelnd, »Madame nicht allein, Monsieur Bertrand, Fräulein Josefine, das ganze Nest, und darin wäre nichts besonders Außerordentliches, aber eben das wo? Das erraten Sie nicht, und wenn ich Ihnen ein Jahr Zeit dazu gäbe.«

»Nun? – o, quälen Sie uns nicht länger.«

»Du bist mehr als grausam, Guillaume.«

»Nun gut, so hören Sie denn – aber noch einmal, stumm wie das Grab!«

»Wie das Grab,« sagten alle drei feierlich.

»Auf dem Gute des Grafen von Geyerstein.«

»Es ist nicht möglich,« platzte Fräulein von Zahbern heraus, während Herr von Silberglanz ebenfalls einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken konnte.

»Nicht möglich, meine Gnädige?« lächelte von Zühbig. »Ich gebe Ihnen mein Wort, und es ist das Wort eines Mannes, der Erfahrung in der Welt gesammelt hat. Es existiert außerordentlich viel Unmögliches in eben dieser Welt.«

»Und ich sehe daran eben gar nichts Außerordentliches,« bemerkte seine Frau. »Geyerstein hat sich in die Bertrand vergafft – das wußten wir schon damals, nur daß er den Mann mit auf das Gut nimmt, ist etwas außergewöhnlich – und selbst das vielleicht nicht einmal,« setzte sie achselzuckend hinzu.

»Bertrands auf dem Gute des Grafen Geyerstein,« wiederholte noch einmal Fräulein von Zahbern, als ob sie die Worte in einer Verzückung spräche – was Frau von Zühbig gesagt, hatte sie gar nicht gehört – »und wissen Sie das ganz gewiß?«

»Ich weiß nicht, ob Sie das gewiß wissen nennen können, meine Gnädige,« erwiderte lächelnd Herr von Zühbig, »aber ich habe mit ihnen zu Abend gespeist, habe dort übernachtet und gefrühstückt, und bin von Monsieur Bertrand oder vielmehr Baron von Geyfeln noch ein Stück begleitet worden.«

»Baron von Geyfeln?« fragte Frau von Zühbig, »wer ist das nun wieder? Den Namen kenne ich ja gar nicht.«

»Nun, ma chere, die Sache ist sehr klar. Den Namen Bertrand braucht die Familie nicht mehr und nennt sich einfach jetzt: von Geyfeln.«

»Monsieur Bertrand?« rief die gnädige Frau entrüstet, »aber das darf er ja gar nicht. Wie kann sich der Mensch Baron nennen?«

»Liebes Herz,« beschwichtigte sie ihr Gatte, »wer fragt dort danach, wen kümmert oder geniert es? und es nennen sich so viele Menschen Baron, die – hm, noch eine Tasse Tee, mein Schatz. Ich bin wirklich ganz ausgetrocknet angekommen. – Nun, Silberglanz, Sie sitzen ja ganz versteinert da! An was denken Sie?«

»Ich? sonderbare Frage! an diese unerwartete Nachricht – dieser stille Duckmäuser, dieser Graf Geyerstein!«

»Ja, stille Wasser sind tief, lieber Freund,« bemerkte Frau von Zühbig, »mir haben Sie immer nicht glauben wollen.«

»Aber, gnädige Frau!« rief von Silberglanz, »kein Mensch hat doch eine Ahnung haben können, daß Geyerstein...«

»Kein Mensch?« unterbrach ihn die Dame lächelnd, »wir sind nicht alle so kurzsichtig wie Sie. Fragen Sie die Zahbern, was wir schon vor langen Wochen miteinander besprochen haben.«

»Ich kann noch gar nicht wieder zu mir selber kommen,« stöhnte die Genannte, »es ist zu unglaublich. Und deshalb der lange Urlaub!«

»Er übt noch Entsagung genug,« lächelte Frau von Zühbig, »und wird selber über die Dauer seines Urlaubs ganz das Gegenteil gedacht haben, liebe Franziska.«

»Aber wie geht es den – Leuten?« fragte von Silberglanz, »fühlt sich denn die Dame in solchem Doppelverhältnis wohl?«

»Was kann das uns interessieren!« bemerkte die gnädige Frau.

»Es ist doch immer interessant in psychischer Hinsicht,« sagte von Silberglanz.

»Da hat der Baron recht,« bestätigte von Zühbig, »und nur aus diesem Grunde war auch mir das Begegnen dieser Leute – ich wurde genötigt, dort zu übernachten, weil ich ein Rad zerbrochen hatte – höchst interessant.«

»Gott, wie romantisch!« rief Silberglanz.

»Wenn man mit so vielen Menschen zu tun hat, wie unsereiner,« fuhr der Intendant fort, »so gewinnt man einen raschen Ueberblick über Charaktere und Seelenzustände, und ich glaube, ohne mir zu schmeicheln, daß ich mich darin als Autorität betrachten darf. Ich weiß wenigstens seit langen Jahren kein Beispiel, daß ich mich nach solchem gefaßten Urteil geirrt hätte. Demzufolge schien sich Monsieur Bertrand, oder besser gesagt: Baron von Geyfeln, außerordentlich behaglich in seiner neuen Würde zu fühlen.«

»Und seine Frau?«

»Aber was für Interesse nehmen Sie an dem Seelenzustand der Frau?«

»Nur ein allgemeines, meine Gnädigste, auf Parole; nur ein allgemeines. Herr von Zühbig wird mir darin recht geben.«

»Vollkommen, lieber Silberglanz,« lächelte Herr von Zühbig, und der Blick, den er dabei heimlich dem Baron zuwarf, hatte etwas von einem Faun, »die Frau schien sich übrigens, wie ich fest überzeugt bin, nicht glücklich in diesen Verhältnissen zu fühlen. Sie sprach mit Entzücken von ihren früher gefeierten Triumphen, sobald der Herr Gemahl nur einmal den Rücken wandte – was, beiläufig gesagt, sehr selten geschah.«

»Gemahl,« sagte Frau von Zühbig verächtlich, »ich glaube gar nicht, daß die beiden miteinander getraut sind.«

»Ist auch gar nicht notwendig, mein Schatz,« lächelte ihr Gatte, »und, wie du ganz richtig bemerkst, unter den stattfindenden Verhältnissen in der Tat unwahrscheinlich. Desto mehr gerechtfertigt bleibt aber dann meine Behauptung, daß sie sich nicht behaglich unter solcher Aufsicht fühlen könnte – wenn nicht Bertrand doch immer ein sehr hübscher, stattlicher Mann wäre.«

»Ich begreife aber nicht, daß Graf Geyerstein sie zusammenläßt.«

»Wird es nicht hindern können; es gäbe auch sonst zu viel Aufsehen. So verläuft die Sache ganz ruhig und gleichmäßig, denn Herr von Geyfeln ist dem Namen nach der Pachter seines dortigen Gutes, und daß der Eigentümer seine Pachtersleute dann und wann besucht und nach der Wirtschaft sieht, ist nicht mehr wie in der Ordnung, kann wenigstens keiner Seele auffallen.«

»Eine schöne Wirtschaft, die sie dort mitsammen führen werden!«

»Allerdings,« lächelte Herr von Zühbig, »Madame Georgine bleibt immer eine schöne Frau.«

»Es war sehr rücksichtslos von ihrem Gatten, euch so wenig allein zu lassen,« bemerkte etwas boshaft Madame.

»Mein bester Engel, du glaubst doch nicht etwa, daß...«

»Daß Monsieur Bertrand eifersüchtig wäre? – nein. Die Leidenschaft scheint er wenigstens nicht zu kennen. Aber weshalb sollte sich die Donna da unbehaglich fühlen?«

»Aus Langerweile, ma chere, jedenfalls aus Langerweile; denke nur, wie lange Graf Geyerstein schon wieder in der Stadt ist, und für eine Frau, die an ein solches Leben, wie das frühere, gewöhnt war, mag es wahrhaftig kein Spaß sein, auf einem Fleck in einer quasi Wildnis zu hocken.«

»Warum ist sie nicht bei ihrer Kunst geblieben?«

»Das ist mir auch unerklärlich,« versicherte Silberglanz.

»Aber bildschön ist sie, das muß man ihr lassen,« versicherte von Zühbig, vielleicht nur, um seine Frau damit zu necken. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Baron, in dem kleinen Morgenhäubchen sah sie rein zum Anbeißen aus« – und er küßte dabei auf das zarteste die Spitzen des dritten Fingers und Daumens seiner linken Hand.

»Du bist immer sehr leicht entzündet, mon cher,« sagte seine Frau, »sie hat ein ganz alltägliches Gesicht, und nur hübsche Augen.«

»Was?« fuhr ihr Gatte erstaunt nach ihr herum, »Silberglanz, ich bitte Sie um Gottes willen, nehmen Sie meine Partei – Georgine nicht schön? Ich gebe dir mein Wort, Amelie, sie ist das verführerischste Weib, das ich in meinem Leben gesehen habe – present company, versteht sich, always excepted.«

»Sie hat auch Anbeter genug gehabt,« seufzte von Silberglanz, während Frau von Zühbig mit den Achseln zuckte.

»Und über die neuen die alten doch nicht vergessen,« lächelte mit einem bezeichnenden Blick Herr von Zühbig.

»Wieso?« fragte leicht errötend der Baron.

»Ein andermal,« beschwichtigte ihn der Intendant, und seine Frau sagte: »Du bist unausstehlich heute – aber, liebe Franziska, Sie sprechen ja kein einziges Wort mehr und sitzen da, stumm wie ein Fisch; doch natürlich, solches Interesse können wir nicht an der Dame nehmen, wie die beiden Herren da, die nur in der Erinnerung an sie in einer wahren Verzückung schwimmen.«

»Sie tun mir unrecht, gnädige Frau,« verteidigte sich von Silberglanz, »aber das Interesse, das wir an einer bekannten Persönlichkeit nehmen, noch dazu, wenn sie uns in solcher Art ins Gedächtnis zurückgerufen wird, ist wohl erklärlich. Fräulein von Zahbern wird ganz meiner Meinung sein.«

Fräulein von Zahbern war es in der Tat, ja, so überrascht durch die Nachricht geworden, daß sie im ersten Augenblick wirklich nur daran dachte, auf welche Weise sie dieselbe am besten verwerten könne. Durch Frau von Zühbigs Anrede kam sie auch erst wieder zu sich selbst und erwiderte darauf: »Nein, natürlich nicht – interessant bleibt es allerdings immer, aber was gehen uns eigentlich die Leute weiter an. Lieber Gott, man hat so viel mit sich selber zu tun, daß man sich wahrhaftig nicht auch noch um andere Menschen zu bekümmern braucht.«

»So laßt denn Monsieur Bertrand und seine Donna ruhen, wenn ich bitten darf,« sagte Frau von Zühbig, der das Gespräch unangenehm wurde. »Ich hätte dem Grafen Geyerstein einen besseren Geschmack zugetraut, aber über Geschmack läßt sich nicht streiten. Apropos, Geyerstein – die Alliance mit Melanie und Selikoff ist also so gewiß wie arrangiert.«

»Natürlich,« sagte von Zühbig, »das war vorauszusehen.«

»Ich bitte um Verzeihung!« rief Fräulein von Zahbern rasch, »so ganz bestimmt und ausgemacht ist die Sache doch noch nicht. Ich bin fast täglich im Ralphenschen Hause und müßte da auch etwas davon erfahren haben.«

»Liebe Franziska,« sagte Frau von Zühbig gutmütig, »ereifern Sie sich nicht; die Sache ist in der Tat so gut wie geschehen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, und ich habe sehr sichere Quellen. Die Verlobung wird in drei Wochen bei Gelegenheit des Hochzeitstages der Exzellenzen bekannt gemacht werden, und der große Ball ist auch bis auf jenen Tag verschoben worden. Sie sehen, daß ich ganz genau unterrichtet bin.«

»Und Sie glauben wirklich?«

»Von glauben ist da gar keine Rede mehr, liebe Franziska, die Sache ist geschehen, und ich denke, Melanie macht an dem Russen eine bessere Partie, als an dem armen Grafen Geyerstein.«

»Nun, mein Kind, Geyerstein ist doch nicht so arm?«

»Er braucht dann sehr viel, mein liebes Herz, denn hier in der Stadt wissen wir genau, daß er sich, in der letzten Zeit besonders, außerordentlich eingeschränkt und nur das Allernötigste ausgegeben hat. Lieber Gott, so etwas kann ja in den Verhältnissen, in denen wir nun einmal leben, kein Geheimnis bleiben und spricht sich aus. – Aber was ist das, Sie wollen schon fort?«

»Mama erwartet mich,« sagte Fräulein von Zahbern, die aufgestanden war und ihren Schal festigte, »es ist auch schon spät, und nach so langer Abwesenheit werden Sie mit Ihrem Herrn Gemahl noch manches zu besprechen haben.«

»Aber Sie können doch nicht allein gehen?«

»Wenn mir das gnädige Fräulein erlauben, werde ich Sie begleiten,« sagte Baron Silberglanz, ebenfalls aufstehend. »Fräulein von Zahbern hat recht, es ist Zeit, daß wir gehen.«

»Aber ich bitte Sie, Baron.«

»Auf ein andermal, mein lieber Zühbig. Wenn jemand von einer größeren Reise zurückkommt, tut ihm Ruhe wohl. Gnädige Frau, ich habe die Ehre.«

»Wenn Sie also nicht anders wollen, bon soir, Baron,« sagte Herr von Zühbig, »hoffentlich haben wir bald wieder das Vergnügen, Sie bei uns zu sehen. Mein gnädiges Fräulein, kommen Sie gut nach Hause, Sie haben ja nicht so weit. – Aber noch einmal bitte ich in der bewußten Angelegenheit um Ihre Diskretion. Herr von Geyfeln hat mich selber gebeten, hier in *** nichts von dem Zusammentreffen zu erwähnen, und ich werde auch darüber schweigen wie das Grab. – En famille ist es natürlich eine andere Sache.«

»Nicht eine Silbe!« rief Baron Silberglanz beteuernd.

»Gute Nacht, meine liebe Franziska,« sagte Frau von Zühbig, die aufgestanden war und Fräulein von Zahbern zärtlich umarmte und küßte, »gute Nacht, mein liebes Herz. Verwahren Sie sich nur ja recht gut, daß Sie sich nicht erkälten; es ist entsetzlich rauh draußen und Ihre Gesundheit überdies so zart.«

»Gute Nacht, meine liebe Amelie,« erwiderte die junge Dame, »haben Sie keine Angst um mich; ich bin vortrefflich eingepackt, und die paar Schritte lauf' ich schnell hinüber. – Gute Nacht, Herr Intendant. Morgen müssen Sie uns noch mehr von Ihren Reisen erzählen.«

Frau von Zühbig begleitete die Freundin bis zur Tür, und hier umarmten sich die beiden Damen nochmals auf das Herzlichste; der Baron empfahl sich ebenfalls, und die beiden Gatten blieben allein.

»Die arme Zahbern dauert mich,« sagte Frau von Zühbig, indem sie zu ihrem Platze auf dem Sofa zurückkehrte, »sie hatte sich so feste Rechnung auf den jungen Russen gemacht.«

»Auf den Selikoff?«

»Gewiß. Einmal glaubte sie ihn auch schon ganz sicher im Netz zu haben; er war ihr aber zu klug. Hast du nicht gesehen, wie sie ordentlich gelb vor heimlichem Aerger wurde, als ich ihr erzählte, daß die Verbindung fest beschlossen sei?«

»Das glaub' ich, daß ihr die Partie recht gewesen wäre,« lachte ihr Gatte, »ein solcher Goldfisch!«

»Irgend eine, bester Freund,« versicherte Frau von Zühbig nachlässig. »Lieber Gott, Franziska ist nun einmal in den Jahren, in denen sie einen Mann bekommen muß – wenn sie sich nicht ihr übriges Leben ohne einen solchen behelfen soll, und ich glaube kaum, daß sie sehr wählerisch darin sein würde. Natürlich ist ihr der beste der liebste. – Aber was war denn das, worüber du dich noch mit Silberglanz besprechen wolltest?«

»Ich? – mit Silberglanz?«

»Wegen der Donna.«

»Ach so,« lachte der Intendant, »weiter nichts als ein Scherz, liebes Kind. Der arme Silberglanz war bis über die Ohren in jene Kunstreiterin verliebt, und rein toll vor Eitelkeit, wie er einmal ist, glaubt er alles, was dem Nahrung gibt. Ich werde mir einen Scherz mit ihm machen und ihm erzählen, daß sich Georgine angelegentlich nach ihm erkundigt und mir unter der Hand zu verstehen gegeben habe, daß ich ihn wissen lassen möchte, wo sie schmachte.«

»Du irrst dich darin doch vielleicht in dem Baron.«

»Gott bewahre, liebes Herz – ich irre mich nie. Aber ich bin müde, mein Schatz, und werde heute früh zu Bett gehen. Bitte, laß mir noch die indessen eingegangenen Briefe und Zeitungen bringen.« Frau von Zühbig läutete, und ihr Gatte saß bald, behaglich im Sofa zurückgelehnt, hinter einem Haufen aufgerissener Papiere.