Die Gemeinde-Waise.

Erstes Kapitel.
Der Mutter Tod.

Im Herbst des Jahres 1848 war es, daß nach Osterhagen, einem ziemlich großen Dorf im —sischen, eine Frau mit zwei Kindern übersiedelte, deren Erscheinung im Anfang den guten Leuten, und besonders dem weiblichen Theil der Bevölkerung, außerordentlich reichhaltigen Stoff zur Unterhaltung bot und eine Menge von Combinationen und Vermuthungen hervorrief.

Paß oder Legitimation brauchte damals natürlich Niemand. Jeder ging und kam, wie es ihm gerade gefiel, aber die Frau betrug sich so still und anständig und verfolgte so harmlos ihre Bahn, daß man sie auch wohl hätte zu andern Zeiten gewähren lassen — und dennoch war manches Räthselhafte in ihrem Betragen.

Sie mochte etwa dreißig Jahre zählen, und ihr kleines Mädchen war etwa sieben, der Knabe etwa zwei Jahre alt; dabei ging sie so einfach, wie nur möglich, in einem schlichten Kattunkleid, und das kleine ärmliche Häuschen, das sie sich am äußersten Ende des Ortes miethete, bezeugte ebenfalls, daß ihr keine großen Mittel zu Gebote ständen. Trotzdem verrieth ihr ganzes Wesen, daß sie einst bessere, viel bessere Zeiten gesehen. Auch bildschön mußte sie früher einmal gewesen sein, ja sie war es eigentlich noch, hätte nicht der Gram oder vielleicht eine Krankheit so tiefe Furchen in ihr Antlitz gezogen. Und was für reizende Kinder hatte sie! Aber jedenfalls kam sie aus einem fremden Land, denn wenn sie selber auch vollkommen gut Deutsch sprach und ohne Zweifel aus Deutschland stammte, plapperte das kleine Mädchen ganz allerliebst französisch, und setzte dadurch nicht selten ganze Gruppen aufblühender Straßenjungen in unbegrenztes Erstaunen.

Ihr Name war, der eigenen Angabe nach, Frau Edmund, das kleine Mädchen hieß Valerie, der Knabe George, und wenn sie auch etwas Geld mitgebracht haben mußte, wovon sie im Anfang zehrten, so bemühte sie sich doch bald, Arbeit im Orte selber zu erlangen, um ihr Fortkommen in den schweren Zeiten zu erleichtern.

Sie nähte und stickte wunderbar schön, und wenn auch Osterhagen eigentlich nicht der Platz für solche Arbeit war, so wußte sie den Kreis ihrer Kundschaft doch auch bald auf die nicht ferne größere Stadt auszudehnen, wohin sie anfangs selbst Proben ihrer Arbeit brachte, und dann später durch die Botenfrau mit dem Ort verkehrte.

Sie selbst zog sich dabei von jedem Umgang mit den Einwohnern Osterhagens zurück, wenn ihr auch Niemand deshalb Stolz vorwerfen konnte; sie war in ihrem ganzen Wesen freundlich, ja weit eher scheu und fast demüthig mit den Leuten, schien sich aber nie wohler zu fühlen als zu Haus, wo sie nur ihren Kindern lebte, und nur Abends, bei schönem Wetter besuchte sie den Kirchhof zu Osterhagen, und zwar dort ein besonderes Grab, von dem aber merkwürdiger Weise Niemand im Ort wußte, wer darunter lag. Es trug auch weder Namen noch Jahreszahl, und einige von den älteren Bewohnern des Dorfes wollten behaupten, es stamme noch aus den Kriegszeiten her.

Allerdings wurde die Fremde oft darnach gefragt, aber sie gab immer nur ausweichende Antworten, und da Niemand ein besonderes Interesse an ihr nahm, ließ man sie eben gewähren.

Dabei versäumte sie aber nicht, sich dem Unterricht ihrer Kinder, besonders des Mädchens, auf das Fleißigste zu widmen, und nach kaum einem Jahre sprach auch die kleine Valerie schon vollkommen gut deutsch und konnte jetzt in die Schule gesandt werden — aber sie blieb nicht lange dort. Die Kinder verspotteten und neckten sie fortwährend ihrer etwas fremdartigen Aussprache, ihres ganzen, ihnen viel zu zierlichen Benehmens wegen; sie kam fast jeden Mittag weinend nach Haus, und die Mutter beschloß deshalb, den Selbstunterricht im Hause fortzusetzen.

Im zweiten Jahre traf die arme Frau ein harter Schlag: der Knabe, ihr kleiner Liebling, erkrankte an der Halsbräune und starb nach wenigen Tagen in ihren Armen. Sie war ganz außer sich und lag viele Wochen an einem heftigen Fieber auf ihrem Lager.

Die kaum neunjährige Valerie besorgte in der Zeit im Haus die ganze Wirthschaft und pflegte dabei die Mutter Tag und Nacht. Diese erholte sich auch allerdings wieder, aber der Schlag hatte sie doch zu furchtbar getroffen, und sie kränkelte von da an sichtlich an einem bösen trockenen Husten, der sie häufig am Arbeiten hinderte.

Mit dem Gelde wurde es dabei immer knapper; anfangs war sie ein paar Mal in der Stadt gewesen und hatte, wie es sich in Osterhagen wenigstens aussprach, dort goldenen Schmuck verkauft — davon lebte sie eine Zeit lang; endlich schien auch das erschöpft und einzelne ihrer wenigen Habseligkeiten mußten veräußert werden. Einmal erholte sie sich wieder, und ein volles Jahr lang schien es, als ob sie ihre Kräfte vollständig zurückerlangt hätte, aber es kam ein Rückfall, und jetzt ging es mit der armen Frau scharf bergab.

Es war drei Jahre nach dem Tode ihres kleinen George, daß Valerie in einer Nacht ängstlich an die Thür ihrer Nachbarin, einer armen Wittwe, pochte, und diese um Gottes Willen bat, zu ihrer Mutter zu kommen, damit sie selber nach dem Arzt laufen könne.

Die alte Frau ging hinüber und fand eine Sterbende. Der Arzt, ein gewöhnlicher Dorfchirurg, kam, aber menschliche Hülfe konnte hier nichts mehr nützen — er wollte ihr den Geistlichen senden, aber sie hob abwehrend die Hand. Es war nur ein protestantischer Pfarrer im Orte, und sie selber gehörte der katholischen Kirche an. Nur ihr armes Kind winkte sie noch zu sich heran, legte mit ihren letzten Kräften die Arme um dessen Nacken, küßte es, flüsterte ihm ein leises „Gott schütze dich, meine Valerie“ zu, und sank dann todt auf ihr Kissen zurück.

Valerie saß neben ihrem Bett, die Hände im Schoos gefaltet, die großen, thränengefüllten Augen auf die lieben bleichen Züge geheftet. Die alte Nachbarin hatte der Todten die Augen zugedrückt und war dann fortgegangen, um die Anzeige beim Schulzen zu machen; der Wundarzt wurde ebenfalls abgerufen — so saß sie Stunden lang.

Endlich quälte sie der Hunger; sie hatte gestern den ganzen Tag keinen Bissen über die Lippen gebracht, auch heute Morgen noch nicht daran gedacht, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, auch nichts dafür im Hause. Jetzt verlangte die Natur ihr Recht, und sie stand langsam auf, um sich beim nächsten Bäcker ein Brot zu holen.

Draußen zogen die Leute zu Markt — das lebte auf der Straße, Fuhrleute knallten wie gewöhnlich mit ihren Peitschen, Kinder lachten und jubelten, ein paar Frauen zankten sich, weil die Eine der Andern den Korb umgestoßen hatte — und da drinnen in dem kleinen Haus lag ihre Mutter auf dem Todtenbett! Kümmert sich denn gar Niemand darum? Hatte kein Mensch einen Trauerblick für sie? und ging die Welt, während alles Elend der Erde nur allein über das arme Kind hereingebrochen war, indessen ihren ruhigen fröhlichen Gang?

Wie in einem schweren Traum schritt sie die Straße hinab, dem Hause des Bäckers zu, legte ihre Kupfermünze auf den Tisch und bat um ein Brot.

„Ja — sollst du haben“, sagte der Bäcker, der mit aufgestreiften Aermeln und ganz mit Mehl bestaubt hinter dem Fenster stand, „aber von voriger Woche seid Ihr noch sechs Groschen schuldig — sag’ Deiner Mutter, daß sie’s bald herüber schickt.“

„Meine Mutter ist todt“, hauchte das arme Kind.

„Oh du lieber Gott“, sagte die Frau, die daneben stand, und schlug die Hände zusammen — „sorg’ Dich nicht um die paar Groschen, Schatz, die werden uns auch nicht arm machen.“

„Sie sollen das Geld haben“, flüsterte das arme Mädchen, drehte sich ab und schritt langsam wieder dem Hause zu.

„Heh, Franzosenmädchen, Franzosenmädchen!“ riefen ein paar Jungen spottend hinter ihr drein. Sie hörte es wohl gar nicht — nur an dem Wagen einer Hökerin, die Blumen mit zu Markt nehmen wollte, blieb sie noch einmal stehen und kaufte für das wenige Geld, das sie noch bei sich trug, Blumen für die todte Mutter. Dann ging sie still nach Haus. Da aber, wie sie wieder das Zimmer betrat, als ihr in den bleichen, eingesunkenen Zügen der Geliebten der ganze über sie hereingebrochene Jammer in furchtbarer Wahrheit vor die Seele trat, da vermochte sie sich nicht länger zu halten. Auf das Bett der Mutter flog sie zu, warf sich über die Leiche, die sie krampfhaft mit ihren Armen umschlang und schluchzte laut.

Dann traten, nach einer langen Weile, Fremde in das Zimmer, Frauen, die sich hinsetzten und über die Verstorbene in ihrem Beisein sprachen. Ein Mann kam, der gleichgültig die Länge des Körpers maß; auch die „Leichenfrau“ traf ein, und das Alles wurde so laut und geschäftsmäßig betrieben, daß es das arme Kind, das in den letzten Tagen kaum gewagt hatte hier zu flüstern, wie mit Messern durch das gequälte Herz stach.

Aber auch das ging vorüber; die fremden Menschen ließen sie wieder mit ihrer todten Mutter allein, und sie behielt jetzt wenigstens Zeit, sie mit den Blumen zu schmücken und ihr Lager herzurichten. Erst dann kauerte sie sich neben der Geliebten nieder, den Kopf an ihren kalten Arm gelehnt, und verzehrte, mit dem Salz ihrer eigenen Thränen, das trockene Stück Brot.

Zwei Tage hielt sie bei der Theueren getreue Wacht — am dritten kamen die schwarzen Männer und legten sie in den Sarg.

Es war draußen recht schlechtes Wetter; ein kalter Nordostwind fegte über das flache Land, und der Regen schlug in Strömen herunter — wer hätte da mit „zur Leiche“ gehen sollen. Schmucklos auf dem schwarzen Wagen stand der einfache Sarg, den zwei Pferde zu seiner letzten Ruhestätte führten, und hinter ihm, einen Blumenstrauß in den Händen, durch Sturm und Unwetter, in dem dünnen Kleid, folgte einsam und allein, wie es von jetzt ab durch das Leben gehen sollte, das arme Kind.

Trotz des schlechten Wetters hatte sich der protestantische Geistliche eingefunden und sprach ein paar freundliche Worte über das Grab der Armen; auch dem Kinde redete er zu und sagte ihm, daß es auf Gott bauen solle, so würde es noch gute Menschen finden, die sich seiner annähmen.

Und dazu der peitschende Regen auf den erweichten Lehm des Kirchhofs! Die Todtengräber hatten mit Ungeduld das Ende der Rede erwartet, und nur Valerie stand daneben und zitterte vor dem Augenblick, wo der Sarg in die Gruft gesenkt werden mußte.

Der Geistliche gab dazu das Zeichen — hastig gehorchten die Leute, die unter das schützende Dach zurück zu kehren wünschten — an den nassen Seilen rutschte er nieder, und Valerie warf ihm ihre Blumen als letzte Liebesgabe nach. Dann schaufelten die Männer das Grab wieder zu; der Geistliche stieg in den schon seiner harrenden Wagen — er konnte in dem Wetter nicht den Weg bis in den Ort zu Fuß zurücklegen — und nur Valerie, das Herz zum Brechen voll, ihre dünnen Kleider vollständig durchnäßt, suchte, wie sie gekommen, mit schweren Schritten ihre öde Heimath wieder auf.

Dann kam eine bittere, wehe Zeit für sie — der Verkauf der ärmlichen Hinterlassenschaft, um die bei Doctor wie Apotheker aufgelaufenen Schulden, das Begräbniß und noch manche andere Kleinigkeiten zu decken. Es mußte fast Alles verkauft werden, und zugleich drängte sich jetzt dem Ortsvorstand die Frage auf, was nun mit dem Kinde selber werden solle, da man dies doch nicht allein in der leeren Wohnung lassen konnte.

Jetzt wurde, freilich etwas spät, nachgeforscht, woher die Familie stamme und wo sie also ihr Heimathsrecht habe, aber die darum befragte Kleine wußte nichts, als daß sie bei ihrer damaligen Uebersiedelung weit bis zu dieser Stelle hergekommen wären. Papiere fanden sich gar nicht, und Valerie gestand ganz offen, daß sie, kurz vor der Mutter Tod, ein Kästchen voll Briefe habe im Ofen verbrennen müssen.

Jedenfalls hatte die Sterbende Alles vernichten lassen, was Licht über Valerie’s Herkommen geben mochte. Weshalb das geschehen war, wußte natürlich Niemand zu sagen, aber daß es in Osterhagen augenblicklich die schlimmste Auslegung erfuhr, läßt sich denken — der andere Fall wäre gegen Menschennatur gewesen. Es verstand sich fast von selbst, daß sie oder ihre nächsten Verwandten irgend ein todeswürdiges Verbrechen begangen haben mußten, wonach denn der Name „Edmund“ auch ein angenommener war — und das letztere fand allerdings darin eine Art von Bestätigung, daß der Gerichtsbeamte in dem letzten, noch gebliebenen Betttuch das mit einer Krone versehene Zeichen V. de F. fand, über welches das Kind natürlich keine Aufklärung geben konnte.

Der jetzige Ortsvorstand erklärte freilich, und zwar während dieser Untersuchung und in Gegenwart des Kindes, daß sein Vorgänger im Amt vollständig gewissenlos gehandelt habe, eine solche vagabundirende Familie in der Gemeinde zuzulassen und dieser dadurch eine Last aufzubürden; aber die Sache wäre einmal geschehen und nicht mehr zu ändern, und jetzt könnten sie sehen, wo sie das Kind unterbrächten.

Valerie saß, während das Alles verhandelt wurde und die fremden Menschen über das Eigenthum ihrer Mutter nach Gutdünken verfügten, still und lautlos in der Ecke des Zimmers und starrte mit ihren großen dunklen Augen die Männer an. Sie weinte auch nicht — kein Wort der Klage kam über ihre Lippen, keins des Vorwurfs oder der Bitte, ihr dies oder das zu erhalten, was ihr vielleicht als Andenken theuer gewesen wäre. Das Furchtbarste, was hatte geschehen können, war geschehen, und alles Andere schien sie nicht mehr zu kümmern — nicht einmal, daß man sie, als Alles ausgeräumt worden, im Abenddunkel allein in der leeren Wohnung zurückließ, und nur der alten Nachbarin verdankte sie’s, daß die Leute nicht auch noch den Strohsack und eine alte Decke mitnahmen — sie hätte sonst nicht einmal einen Platz gehabt, wohin sie ihr müdes Köpfchen legen konnte.

Allerdings beabsichtigte man nicht, sie ihrem Schicksal vollständig zu überlassen; das wäre nicht angegangen, da sie noch nicht einmal confirmirt war; aber heute Abend wenigstens konnte nichts mehr in der Sache geschehen; morgen früh in der „Gemeinde-Sitzung“ mußte das erst entschieden werden, und die Waise indessen in der alten Wohnung bleiben. Die Leute handelten dadurch auch nicht gerade herzlos mit der Verlassenen; der Geistliche selber hätte sie gern zu sich in’s Haus genommen, aber das beherbergte fünf eigene Kinder und eine arme alte Verwandte, und bei seinem geringen Gehalt wußte er selber oft nicht, wie er sich ehrlich und anständig durchbringen sollte, er durfte sich keine solche neue Verpflichtung aufladen — schon der eigenen Kinder wegen.

Auch die Frau des Bäckers hätte es vielleicht möglich gemacht, wenn sie nicht gerade eines verstorbenen Bruders Kind, auch ein Mädchen in Valerie’s Alter, zu sich genommen. Was sollte sie mit zweien anfangen, und ihr Mann wollte auch nichts davon wissen. Der Ortsvorstand beschloß allerdings, einige der wohlhabendsten Familien im Orte darum zu ersuchen, das Kind zu erziehen, d. h. in Arbeit zu nehmen; Niemand schien aber gewillt, eine solche „Verantwortlichkeit“ zu übernehmen, denn wer wußte denn, wie sich die Fremde anließ, und ob nicht durch sie gerade Streit und Unfrieden in der Familie entstand.

So blieb dem Vorstand denn nichts übrig, als sie in das Gemeinde-Armenhaus — ein kleines steinernes Gebäude, das nicht weit vom Kirchhof stand — einzuquartieren. Von dort aus konnte sie noch bis zu ihrer Confirmation die Schule besuchen und nachher in Dienst genommen werden. Indessen war man dann auch im Stande, Nachforschungen über ihre Abkunft anzustellen, wenn dieselben auch nur wenig Erfolg versprachen. Wußte man doch nicht einmal, nach welcher Richtung, nach welchem Lande man sich deshalb wenden solle, und war sie gar wirklich aus Frankreich herüber gekommen, wie man allgemein glaubte, so ließen sich dafür nicht mehr die geringsten Beweise bringen — Frankreich hätte sie deshalb auch nie wieder angenommen und versorgt.

Zweites Kapitel.
Das Gemeinde-Haus.

Valerie hatte, so lange ihre Mutter lebte, nie das Bedürfniß gefühlt, sich an irgend Jemand Anderen anzuschließen, und deshalb auch mit Kindern ihres Alters wenig oder gar keinen Verkehr, nie aber Umgang gehabt. Diese spotteten ja auch nur über ihre Sprache und ihr ganzes fremdartiges Wesen, und herzlich gegen sie war keines von allen gewesen. Was brauchte sie auch Fremde — ihre Mutter galt ihr Alles auf der Welt, und sie sehnte sich nicht hinaus zu den Menschen.

Jetzt plötzlich war ihr Alles mit einem Schlag genommen, und sie selber nur auf Die angewiesen, von denen sie sich früher zurückgezogen, ja von denen sie zurückgestoßen worden, und wie unglücklich sie sich dabei fühlte, läßt sich denken. Aber sie klagte weder, noch weinte sie. Als ob sie im Unglück ergraut wäre, so packte sie das Wenige, was ihr noch geblieben, zusammen und verließ das Haus — das einzige, das sie als Heimath kannte, um in das Gemeinde-Haus überzusiedeln. Dort lebte eine arme alte Frau in der einen Stube, der sie zugetheilt wurde, und die zugleich die Aufsicht über sie führen sollte, worauf diese auch sehr gern eingegangen war, da sie das Kind als Aufwartung recht gut gebrauchen konnte.

Das Gemeinde-Haus stand, wie gesagt, nicht weit vom Kirchhof und war insofern eines der stattlichsten Gebäude im Dorfe, da es ganz neu und massiv aus Sandstein aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt worden; öde genug sah es freilich noch aus, denn kein Baum oder Strauch befand sich auf wohl vierzig Schritt im Umkreis; nur rother, lehmiger Boden, bei Regenwetter fast unnahbar. Dicht hinter dem Haus hatte der kleine Ort auch einen Brunnen graben lassen, aber das herausgeworfene Erdreich lag noch in hohen Haufen rings umher und machte den Platz dadurch nur noch wilder und trostloser.

Und das Innere? — Das ganze Haus bestand aus sechs Zimmern, einem Erker oder Mansardstübchen und einer Küche. Bewohnt war es nur zur Hälfte von drei Parteien: jener alten Frau, der Witwe eines emeritirten Schullehrers; einem alten wüsten Burschen, der seit etwa dreißig Jahren auf Märkten und Messen mit einer Drehorgel und Mordgeschichten herumgezogen war und jetzt, da er nicht mehr fort konnte, an seine Gemeinde zurückgeliefert wurde, und einem blinden Schuhmacher, der eigentlich in ein Irrenhaus gehört hätte, denn er hielt sich für den König David und sang fortwährend Psalmen. Das aber ärgerte den alten Bänkelsänger, und sowie der Schuhmacher drüben in seiner Stube einen Psalm begann, fiel er mit einer seiner alten Mord- und Räubergeschichten ein, so daß diese Zwei zusammen tagtäglich ein ohrzerreißendes Concert lieferten.

Drei von den Zimmern standen öde und leer, so daß es im Winter eigentlich nie warm wurde; aber auch selbst die bewohnten Zimmer besaßen nur das Allernothwendigste von Hausgeräth — ein Bett mit Strohsack und wollener Decke, einen rohen Stuhl und eine wie mit der Axt zugehauene Kommode. Die Oefen waren ziemlich gut, aber von außen zu heizen, und das Kochgeschirr in der Küche, mit ein paar blechernen Tellern und Löffeln, zum gemeinschaftlichen Gebrauch für alle Insassen.

Da hinein kam Valerie — dort sollte sie ihre Jugend verbringen, und als sie zuerst die Schwelle überschritt, war es ihr, als ob sie zum Tode geführt würde. Aber auch hier kam kein Laut über ihre Lippen, keine Thräne mehr in ihr Auge; still und geduldig ließ sie Alles mit sich geschehen, denn sie hatte ja keinen eigenen Willen, und wie ihr der Ortsvorstand bemerkte, mußte sie der Gemeinde noch dankbar dafür sein, daß diese sich einer solchen, eigentlich gar nicht hierher gehörenden Last angenommen hätte. Er schien auch wirklich eine Art Dank dafür zu erwarten, aber Valerie erwiderte keine Silbe. Schweigend folgte sie ihm in das öde Zimmer zu der alten Frau; schweigend, nur mit einem schüchternen Gruß, legte sie ihr kleines Bündel ab und kauerte sich dann, beide Elnbogen mit ihren zarten Händen fassend, in der Ecke auf den Boden nieder.

Die alte Frau ließ sie auch anfangs gewähren und betrachtete sie nur manchmal kopfschüttelnd; es mochte ihr selber wunderbar vorkommen, ein so zartes Wesen als Genossin im Armenhaus zu erhalten. Aber ihre eigene Bequemlichkeit ging ihr doch zuletzt über jede etwa zu nehmende Rücksicht, und sie sagte nach einer Weile:

„Wie heißt Du, Kind?“

„Valerie“, erwiederte das junge Mädchen scheu, und die Alte schüttelte ganz erstaunt wieder den Kopf.

„Wer hat nur je in aller Welt davon gehört, daß Aeltern ein Kind Falleri getauft hätten? Falleri fallera singen die Kerle draußen, wenn sie was im Kopfe haben, und das muß ein komischer Pfarrer gewesen sein, der den Namen in sein Kirchenbuch geschrieben hat. — Aber das schadet nichts, Kind“, setzte sie beruhigend hinzu, „er klingt wenigstens lustig, und was Lustiges können wir in dem Elend hier gebrauchen, Schatz, das weiß der allmächtige Gott.“

Valerie sah scheu zu ihr hinüber; die Alte nickte so heftig und unheimlich mit dem Kopf und sah dabei so stier vor sich hin, daß sie sich ordentlich vor ihr zu fürchten begann; aber die Frau Kunze — wie sie mit Namen hieß — war nur einmal wieder in ihre alten Erinnerungen hinein gerathen, in ihre Jugendjahre, wo sie auch bei fremden Leuten gedient, dann mit dem Schullehrer des Dorfes ein Verhältniß angesponnen, der sie zuletzt hatte heirathen müssen, dann die ganze Jammerzeit ihrer Ehe hindurch in Noth und Kummer hinlebend mit fünf Kindern, die sie alle, eines nach dem andern, begraben mußte, zuletzt mit dem Bescheid des Oberconsistoriums, der ihren Mann noch in seiner besten Lebenszeit emeritirte; dann das Elend nachher und zuletzt der Tod des Gatten, der sie, mit ihrer Pension von achtzehn Thalern jährlich, auf das Gemeinde-Armenhaus anwies, als letzte Zuflucht. Wenn sie das Alles aber bedachte, kam ihr immer der wunderliche Gedanke, wie es denn möglich sei, daß der liebe Gott Menschen auf die Erde setzen könne, denen er auch nicht ein einziges Jahr, ja keinen Tag, keine Stunde des Glückes gebe, und die ihr Dasein in Jammer und Leid bis zum Grabe fortschleppen müßten, und daß sie dabei nicht freundlich aussehen konnte, ließ sich denken.

Aber das Grübeln allein half ihr nichts; das hatte sie das ganze Jahr hindurch alle und alle Tage, und die halben Nächte dazu; es wurde Zeit, daß sie etwas zu essen bekamen, und sie sagte deshalb:

„Komm, Kind, das nützt Alles nichts — das Grübeln bringt uns nicht weiter und der Kopf wird Einem nur schwer und das Herz auch. — Sieh Dich ein bischen in der Küche um — ich zeige Dir, wo Alles steht, und mach’ Feuer an, daß wir wenigstens ein paar Kartoffeln bekommen — weiter gibt’s nichts, außer Sonntags, da kriegen wir Fleisch — oder manchmal auch keins, wenn es Hirsebrei setzt. Du wirst so jetzt für die Küche sorgen müssen, denn meine alten Knochen wollen nicht mehr recht fort, und es wird auch wohl Zeit, daß ich mich zur Ruhe setze, denn eine Hülfe im Haus hat’s mir noch nie abgeworfen. So alt ich bin, ich habe nur immer mir selber und anderen Menschen helfen müssen.“

Die Alte murmelte noch immer fort einzelne Worte vor sich hin, stand aber doch jetzt selber auf, um dem Kind seinen neuen Wirkungskreis zu zeigen und die bisher gethane Arbeit auf dessen Schultern zu legen.

Valerie folgte ihr willenlos in die Küche und begriff bald die Behandlung des sehr einfachen Kochherdes, versprach auch, das Geschirr immer hübsch rein und sauber zu halten, was die alte Frau, wie sie selber eingestand, in der letzten Zeit etwas vernachlässigt hatte. Du lieber Gott, „es ging eben nicht mehr recht, und man konnte es nicht verlangen“.

Der blinde Schuster war indessen auch schon ungeduldig geworden, machte seine Stubenthür auf und fluchte — obgleich er sonst nur immer Psalmen sang, — auf gotteslästerliche Weise heraus, was denn das wäre, ob nicht bald Feuer angemacht würde, und sie heute etwa gar nichts zu essen haben sollten.

Valerie erschrack — der Mann sah gar so böse und so entsetzlich schmutzig und widerlich häßlich aus; aber heute noch unter der Anleitung der Alten ging sie willig an die Arbeit, holte Wasser, zündete Feuer an, wusch das von der letzten Mahlzeit noch stehen gebliebene Geschirr auf und prüfte die aufgesetzten Kartoffeln mit der Gabel, bis sie weich und gar waren. Dann wurde in der Küche auf dem Küchentisch gegessen, und der blinde Schuhmacher wie der alte Bänkelsänger trafen dort, nach gemeinschaftlichem Uebereinkommen, Mittags zusammen — weniger freilich der Unterhaltung wegen, als um sich gegenseitig zu zanken, wonach dann Jeder, unter den gemeinsten Schimpfworten, sein eigenes Nest wieder aufsuchte.

Unter solcher Gesellschaft verlebte jetzt das arme Kind seine Zeit, und wie es im Anfang vor Ekel über den ihm überall entgegenstarrenden Schmuz kaum essen konnte, und sich mit seinem Teller Kartoffeln scheu und zitternd vor den rohen Worten der Streitenden in eine Ecke zurückzog, fühlte es sich nur dann glücklich, wenn es von Niemand beachtet wurde, und seine Arbeit, der es sich ja so gerne unterzog, ungestört verrichten konnte.

Glücklicher Weise schrieben die Gesetze vor, daß ihre „Erziehung“ nicht vernachlässigt werden durfte — sie mußte die Schule besuchen, und mit welchem Eifer würde sie gelernt haben, wenn ihre Mitschülerinnen nur ein klein wenig freundlicher gegen sie gewesen wären! Aber sie wurde geneckt und verspottet, wo das nur heimlich geschehen konnte, und wagte nicht einmal sich zu beklagen, aus Furcht, die schon so rohen Kinder nur noch mehr zu reizen.

Der alte Geistliche nahm sich freilich ihrer an und würde das auch nicht gelitten haben, wenn er es eben erfahren hätte; der Schulmeister aber, eines jener gedrückten Wesen, der mit einem Gehalt, bei dem er fast verhungern mußte, täglich sieben Stunden Unterricht geben sollte, sah es nicht, oder wollte es nicht sehen. Er hatte gerade Aerger genug mit der Bande auf eigene Faust, und dachte nicht sich noch in Privatsachen zu mischen. Ueberdies gehörten ja auch die ungezogensten Bälger gerade den reichsten Bauern im Orte an, und mit denen mochte er es ohnehin nicht verderben — der Dirne aus dem Armenhaus wegen.

Das war eine furchtbare Zeit für das arme Kind, ein stärkerer Charakter, als ihn Valerie besaß, hätte dazu gehört, sie unbeeinflußt von ihren bösen Wirkungen zu ertragen.

Wie hatte ihre selige Mutter für sie gesorgt, um ihren Geist und Körper auszubilden, wie auf Reinlichkeit gesehen, und selber Alles in ihrem kleinen, wenn auch noch so ärmlichen Haus so sauber gehalten, daß das Ganze wie ein Puppenstübchen aussah, und wie anders, wie furchtbar anders war das jetzt geworden!

Was vermochte der alte mürrische Schullehrer sie noch zu lehren, was selbst das jetzt zwölfjährige Kind nicht schon wußte! Was lag ihm auch daran, ob seine Schüler und Schülerinnen etwas lernten — er hielt eben seine Stunden, käute die alten, schon tausendmal gebrauchten Phrasen und Formen wieder und dankte Gott, wenn es Sonnabend Mittag war.

Geistig erhielt Valerie deshalb von diesem Lehrer gar keine Hülfe und Unterstützung, und körperlich ging sie in ihrer wüsten Umgebung täglich mehr zu Grunde.

Wohl sträubte sie sich lange dagegen; die Lehre, das gute Beispiel ihrer wackeren Mutter wurzelten noch zu fest in ihrem Herzen, und sie versuchte fast das Uebermenschliche, sich über dem Schlamm zu halten, der sie von allen Seiten umgab — aber lieber Gott, es war ja doch nur ein Kind, das geleitet sein wollte; es fehlte ihr ja noch der freie feste Wille der Erwachsenen, und wie eine alte Eiche starr und eisern gegen den Sturm die Wurzeln in den Boden krallt, so biegt sich der junge Schößling seiner Gewalt und behält die Neigung, die er ihm gezeigt.

So gab sich auch Valerie mehr und mehr dem bösen Einfluß hin, der auf sie einwirkte; was half ihr auch alles dagegen Ansträuben, sie konnte sich ihm ja doch nicht mehr entziehen. Anfangs ja, suchte sie sich noch die Sauberkeit zu erhalten, in der sie ihre verstorbene Mutter erzogen; sie wusch und besserte an ihrem Kleidchen, an ihrer Wäsche aus, wo ihr nur ein Augenblick Zeit blieb; als aber der Winter mit Eis, Schnee und bitterer Kälte hereinbrach, und ihr kein eigenes Plätzchen blieb, an dem sie sich aufhalten konnte, fing sie ebenfalls an gleichgültig gegen sich selber zu werden; trieb sie doch schon der bittere Frost hinter den Ofen, da ihr die dünnen Kleider keinen Schutz gegen die Kälte gewährten.

Auch Morgens scheute sie sich aufzustehen und Feuer anzuzünden, bis sie die Alte von ihrem ärmlichen Lager jagte; dann natürlich konnte sie sich ihr Haar nicht machen, band die vollen, aber wirren Locken nur flüchtig in einen Knoten zusammen und ging an ihre Arbeit. Auch ihr Kleid war so fadenscheinig geworden, daß Ausbessern gar nichts mehr half; es zeigte dabei überall Spuren von Fett und andern Flecken; kurz, sie begann zu verwildern, und Niemand war, der sie gewarnt und ermahnt hätte — nicht einmal der Schullehrer, dessen erste Pflicht es gewesen wäre.

Begegnete ihr der Geistliche dann einmal in einem solchen Aufzug, so blieb er wohl kopfschüttelnd vor ihr stehen und schalt sie ihres unordentlichen, schmutzigen Aussehens wegen, aber der alte Mann hatte auch andere Dinge im Kopfe, um der Sache auf den Grund zu gehen. Daheim lagen ihm zwei Kinder schwer krank am Nervenfieber fast den ganzen Winter hindurch, und das lastete ihm mit einem solchen Druck auf dem Herzen, daß er seiner nächsten Umgebung kaum mehr als einen flüchtigen Blick widmen konnte.

So verging der Winter, und der Sommer kam wieder, aber keine bessere Zeit für das arme Kind, dem die Gesellschaft in dem öden Gemeinde-Haus immer entsetzlicher wurde. Der alte Bänkelsänger trank. Wo er das Geld dazu her bekam, wußte Niemand; aber er hatte fortwährend wenigstens einige kleine Münzen, und wenn ihn Jemand darum frug, behauptete er immer lachend, er wisse einen verborgenen Schatz im nächsten Berge, aus dem er sich hole was er brauche. Manchmal war er allerdings zwei bis drei Tage fort, Niemand wußte wohin, und wenn ihn der Ortsvorstand dann zur Rede setzen wollte, und ihn frug, wo er sich ohne Legitimation im Lande umher getrieben, lachte er jedesmal und behauptete, er habe oben in den Hügeln Kräuter gegen seinen bösen Husten gesucht — brachte auch in der That jedesmal einen ganzen Arm voll Pflanzen mit, die er aber, allem Anschein nach, irgendwo aufs gerathewohl ausgerissen hatte, denn der Dorfbader, der die Sache verstehen mußte, erklärte sie sämmtlich für werthlos in der Medicin, und der alte Lidrian benutzte sie auch nie weiter, sondern warf sie nur in eine Ecke, wo sie ein paar Tage lagen und welkten, und dann von Valerie hinausgetragen wurden.

Der Zustand des blinden Schusters verschlimmerte sich dabei ebenfalls mit jedem Tage, ohne daß die geringste Veränderung mit ihm getroffen und er an einen sicheren Platz geschafft worden wäre. Sein bis dahin stiller Wahnsinn ging oft in laute Tobsucht über, daß sich das arme Kind oft in Angst und Schrecken aus dem Haus flüchtete und draußen im offenen Feld Schutz suchte.

Der Schulze hatte eine Eingabe gemacht, und es kam ein Arzt aus der Stadt heraus, um den Schuster zu untersuchen; da er sich aber gerade in der Zeit vollkommen ruhig verhielt, erklärte der Arzt, es hätte noch nichts zu sagen und man solle wieder zu ihm schicken, wenn er aufs Neue in einen Wuthanfall geriethe.

Die Zeit rückte jetzt auch heran, wo Valerie zur Confirmation vorbereitet werden sollte, und es verstand sich von selbst, daß das im protestantischen Glauben geschah; der ganze Religionsunterricht war ja auch in der Richtung gewesen, und Valerie selber hatte dabei keinen Willen, wagte auch in der That nicht den geringsten Widerspruch. Jetzt aber mußte sie viel lernen; ganze Seiten voll Bibelsprüche und Katechismusverse, und wenn ihr das auch ziemlich leicht wurde, so ließ ihr der Lärm im Hause doch selten dazu Ruhe. Der blinde Schuster sang seine Psalmen dazwischen, der alte Bänkelsänger brüllte seine frechen Lieder, und dazu hatten sie jetzt noch eine arme Frau mit zwei kleinen Kindern, Zwillingen, einbekommen, die Beide den ganzen Tag und die halbe Nacht schrieen.

Da brach der wilde Geist eines Abends wieder bei dem Tollen los — Valerie saß gerade in ihrem Eckchen, mit dem Buch auf dem Schoos, hinter dem Ofen, als er in das Zimmer stürmte und mit solcher Gewalt gegen den Ofen anrannte, daß dieser zusammenbrach und die niederstürzenden Stücke das Kind schwer am Kopf beschädigten.

Glücklicher Weise kamen gerade ein paar Knechte von der Arbeit aus dem Feld an dem Haus vorüber, die den jetzt vollständig Wüthenden fassen und mit ihren Geschirrleinen binden konnten.

Valerie hatte eine nicht unbedeutende Verletzung erhalten und lag Stunden lang ohne Bewußtsein; der Bader wurde auch gerufen, ließ ihr natürlich zur Ader und verband sie, und sie kam wieder zum Leben, mußte aber lange das Bett hüten und durfte in der ganzen Zeit nicht lernen. Pflege hatte sie auch weiter keine als die alte mürrische Frau, und sie verbrachte auf ihrem harten Strohsack eine lange, trostlose Zeit.

Aber auch das ging vorüber; ihre jugendliche Natur half ihr über die sonst vielleicht gefährlichen Folgen der Verwundung hinweg, und sie konnte sogar in einiger Zeit wieder die nöthigen Arbeiten für ihr Examen vornehmen.

Der Aufenthalt im Hause wurde indessen immer trostloser, denn der Bänkelsänger schien, durch das Fortschaffen seines bisherigen Cumpans, des blinden Schusters, fast außer sich gerathen. Allerdings hatte er mit diesem bisher in ewigem Zank und Streit gelebt, aber gerade dieser Zank war ihm zuletzt Bedürfniß geworden, und als er ihn entbehren mußte, wurde er vollständig unleidlich — und trotzdem schien er eine Art von wunderlicher Zuneigung zu dem Kind gefaßt zu haben, die er sich aber doch nicht wollte merken lassen, weil sie ihm vielleicht selber absurd vorkam. So lange sie aber krank lag, war seine erste Frage an jedem Morgen, wie es der „Falleri“ ginge, und Nachts saß er manchmal Stunden lang an ihrem Lager und half mit, ihr nasse Tücher um den Kopf zu legen, oder reichte ihr auch wohl den Becher mit Wasser, wenn sie danach verlangte. Der alten Schulmeisters-Witwe erzählte er auch dabei einmal, daß er früher ein Kind gehabt, ein kleines Mädchen, so zart und hübsch wie die „Falleri“, aber sie war ihm gestorben, die Mutter ebenfalls, und wie sie auf dem Todtenbett gelegen, hätte sie gerade so ausgesehen wie die „Falleri“.

Diese Zuneigung schien übrigens nur so lange zu dauern, wie das Kind wirklich krank und halb bewußtlos war. Kaum erholte sie sich wieder, als er sein altes Leben begann und sich gar nicht weiter um sie bekümmerte; ja, als sie nur eben erst ein klein wenig im Haus herumwirthschaften konnte, schimpfte und fluchte er wieder auf sie wie vordem, und sang alle seine alten schauerlichen Lieder, von denen bis dahin keines über seine Lippen gekommen.

Drittes Kapitel.
Zur Confirmation.

So nahte die Zeit, wo Valerie confirmirt werden und dann auch das Gemeinde-Armenhaus verlassen sollte, denn der Schulze hatte ihr schon einen Dienst bei einem Bauer ausgemacht, dessen Schwiegermutter an einer bösartigen Krankheit litt, und wo sie die Pflege derselben übernehmen konnte. Wozu brauchte auch die Gemeinde länger die Last zu tragen, wenn sich das Mädchen erst einmal selber mit ihrer Hände Arbeit ernähren konnte? Es war eigentlich eine Sache, die sich von selbst verstand.

Valerie war indessen vierzehn Jahr alt geworden — wenn sie sich auch kaum noch auf den Tag ihrer Geburt erinnerte, denn wer hatte sich, seit ihre Mutter gestorben, wohl noch um den gekümmert! Stark gewachsen mußte sie auch in der Zeit sein, denn ihre Kleider wollten ihr nirgends mehr passen und reichten ihr kaum mehr bis über die Knie, und neue hatte sie ja nicht dazu bekommen. Aber wie bleich und mager sie aussah, und wie verwahrlost, wie schmutzig und abgerissen! Auch der freundliche kindliche Zug von Anmuth war aus ihrem Antlitz gewichen, der es früher erhellte und die Grübchen in ihre runden Wangen rief. Finster und verdrossen sah sie aus, und wenn sie ja einmal draußen bei der Arbeit und ganz in Gedanken mit ihrer klaren Stimme sang, so waren es nur die wüsten, häßlichen Lieder, die sie von dem alten Bänkelsänger den ganzen Tag hören mußte, und die ihr deshalb in den Ohren klangen — und dazu die Vorbereitung zur Confirmation! Aber das störte sie nicht; welche Andacht konnte sie auch mit in die Kirche zu einem Gott bringen, von dem sie sich verlassen glauben mußte, während sie von den Menschen unter die Füße getreten wurde. Sie beobachtete — wie es Tausende ebenfalls thun — die anbefohlenen Formen und Formeln, und nahm das Ganze als eine eben nicht zu umgehende Ceremonie, die sie ja auch überstehen würde, so gut wie die Andern.

Eine Schwierigkeit hatte es dabei: ihre dürftige, abgerissene und schmutzige Kleidung. — So konnte sie nicht vor Gottes Altar treten, wie der Geistliche sagte, und der Schulze sollte Rath schaffen. Aber woher nehmen und nicht stehlen; denn neue Kleider aus dem Gemeindesäckel zu bezahlen, war noch nicht dagewesen und konnte auch von keiner Gemeinde verlangt werden.

Vielleicht gab es aber da eine Hülfe, denn der Schulze hatte bemerkt, daß Valerie an einer Schnur einen goldenen Schmuck um den Hals trug, und zwar ein kleines Kreuzchen und einen einfachen Ring. Das Kreuz hatte sie selbst einst von ihrer Mutter, die es bis dahin getragen, zu Weihnachten bekommen — der Ring war der Trauring der Verstorbenen, den sie ihr von der kalten Hand gezogen und als theueres, einziges Vermächtniß aufbewahrte. Diese beiden Stücke sollte das Mädchen hergeben, um mit dem Erlös derselben die für sie nöthigen Kleidungsstücke zu beschaffen, und der Ortsschulze hielt das für so in der Ordnung, daß er es nicht einmal nöthig glaubte, selber ein Wort deshalb zu verlieren, sondern eine Magd in das Gemeindehaus sandte, um die „Goldsachen“ nur einfach abzuholen. Valerie erfuhr aber kaum, was man von ihr verlange, als das sonst so scheue und schüchterne Mädchen auf das Bestimmteste erklärte, die Kleinodien nicht herzugeben, so lange sie selber lebe, und die Magd mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.

Jetzt aber wurde der Schulze böse. Das dumme, einfältige Ding widersetzte sich, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit helfen konnte, die bis dahin nur von der Gemeinde getragene Last zu erleichtern? Das war zu arg und verdiente strenge Ahndung, und seinen Hut aufsetzend und den Amtsstock nehmend, ging er selber mit großen Schritten nach dem Gemeindehaus hinüber.

Hatte er übrigens geglaubt, den fraglichen Gegenstand nur durch seine Erscheinung zu ordnen, so fand er sich da vollständig getäuscht, denn Valerie, wenn sie auch keinen Blutstropfen mehr im Gesicht hatte, erklärte ihm mit fester entschlossener Stimme, das Kreuz und den Ring gebe sie nicht her — das sei das letzte, was sie von ihrer seligen Mutter habe, und das wolle sie behalten, und Gott würde eben so gnädig auf sie herabblicken, ob sie nun in ihren Fetzen zum Altare trete, oder in einem neuen weißen Kleide, mit dem sie doch nachher nicht wisse, was sie damit anfangen solle, denn bei ihrer Arbeit könne sie es nicht tragen.

Der Schulze ärgerte sich vielleicht eben so viel über ihre Weigerung und Widersetzlichkeit als darüber, daß er ihr im Herzen Recht geben mußte — das Kleid wäre allerdings nur für den einen Tag gewesen, denn im Staate konnte die „Gemeinde-Waise“ natürlich nicht herumgehen; aber was ging das ihn und das Dorf an! Sollten sie sich etwa von der Nachbarschaft nacherzählen lassen, daß sie ihre Kinder in Lumpen und Fetzen zum Abendmahl gehen ließen, und hatte überhaupt so ein Ding, das hier gar nicht hergehörte und nur aus Gnade und Barmherzigkeit erhalten wurde, einen eigenen Willen?

Der Schulze war gerade kein böser Mensch, aber leider voll von jenem Beamtendünkel, der nur zu Vielen in den Köpfen spukt. Wie er sich dabei vor seinen Vorgesetzten oder der oberen Behörde in der Stadt bückte und nie gewagt hätte, eine Einrede laut werden zu lassen, ei, so verlangte er es auch von seinen Untergebenen, und wenn er einmal etwas angeordnet hatte, mußte es auch befolgt werden oder — er wäre ja nicht mehr Schulze im Dorf gewesen.

„Hör’ einmal, Falleri“, rief er deshalb und ging mit großen Schritten auf das scheu zu ihm aufblickende junge Mädchen ein, „ich will Dir etwas sagen — glaubst Du etwa, daß wir unsere Gemeinde-Armen mit goldenem Schmuck herumlaufen lassen, und dann trotzdem Alles aus unserm eigenen Beutel bezahlen? — Wenn Du ein klein wenig Ehrgefühl hättest, wärst Du schon lange von selber gekommen und hättest uns die Sachen für die Gemeindekasse eingeliefert, um wenigstens Alles zu thun, was in Deinen Kräften steht, die für Dich entstandenen Kosten nur einigermaßen wieder gut zu machen. Aber Gott bewahre, die Mamsell denkt gar nicht daran, und will sich jetzt auch noch weigern, wo sie vom Gericht dazu aufgefordert wird. Her damit, Du unnützes Ding, oder ich lasse Dich wahrhaftig auf die Straße setzen.“

Er streckte dabei die breite Faust nach dem Kinde aus, das aber, todtenbleich, doch mit funkelnden Augen krampfhaft den letzten Schmuck seiner verstorbenen Mutter in der kleinen Hand faßte und nur bittend rief:

„Ach, lassen Sie mir das Kreuz und den Ring, Herr Schulze — ich will ja gewiß arbeiten, daß mir das Blut unter die Nägel kommt, nur um Alles wieder abzuverdienen — aber nur das nicht — nur das nicht!“

„Hilft Dir nichts — her damit!“ rief aber das Dorf-Oberhaupt, das sich jetzt seiner Würde etwas zu vergeben glaubte, wenn es von dem ausgesprochenen Willen abstand; „ich habe es einmal gesagt, und es muß geschehen — willst Du es hergeben, Du kleine Hexe?“

„Oh Du lieber Gott!“ rief Valerie, indem sie die ihr heiligen Erinnerungszeichen mit ihren schwachen Kräften vertheidigte, — „ist denn gar kein Mensch auf der weiten Welt, der einem armen Kinde hilft!“

„Hallo!“ rief da eine laute trotzige Stimme von der Thür aus, „was geht da vor?“

Der Schulze ließ überrascht die Hand des Kindes los und drehte sich nach der Stimme um, erkannte aber nur den alten Bänkelsänger, der freilich mit einem, wahrscheinlich draußen aufgegriffenen Stück Buchen-Stangenholz auf ihn zuschritt und seiner ganzen Erscheinung nach fast so aussah, als ob er über den Schulzen herfallen möchte.

„Na?“ rief dieser, ihn halb erschreckt, aber auch erstaunt ansehend, „habt Ihr Euch etwa um das zu kümmern, was ich thue? Was wollt Ihr hier?“

„Ah, Sie sind’s, Herr Schulze“, sagte der Mann, ohne indessen den Knüppel, den er in der Hand trug, fortzulegen, „bitte tausend Mal um Entschuldigung, wenn ich gestört haben sollte, aber mir war’s, als ob ich die Falleri schreien hörte, und wer Der was thut, dem schlage ich den Schädel zu Brei zusammen.“

„So, und was geht Euch die Falleri an, wenn ich fragen darf?“

„Was sie mich angeht?“, lachte der Alte ingrimmig vor sich hin — „hat sie vielleicht Jemand Anderen, den sie was angeht, auf der Welt? Aber was gibt’s denn, Falleri — Teufel noch einmal, Kind, wie blaß Du aussiehst — bist Du unartig gewesen?“

„Den Ring und das Kreuz meiner seligen Mutter will mir der Schulze wegnehmen, um mir ein Kleid davon zu kaufen“, stöhnte das Kind.

„Ih, sieh mal an“, sagte der Bänkelsänger lachend, „was Du Dir für Sachen in den Kopf setz’st, Schatz; der Schulze Dir die Goldsachen von Deiner Mutter selig mit Gewalt wegnehmen wollen? Du bist wohl nicht recht klug im Kopfe. Das fällt ihm doch gar nicht ein.“

„Mit Gewalt hab’ ich’s ihr auch nicht wegnehmen wollen“, sagte der Schulze mürrisch, denn die Sache wurde ihm selbst unangenehm, „aber sie soll’s hergeben, damit sie anständig in der Kirche erscheinen kann.“

„Aha“, nickte der alte Bänkelsänger vergnügt vor sich hin, „der Andern wegen, damit sich die der armen Falleri nicht zu schämen brauchen. Ja wohl, Herr Schulze, verstehen das — auf die Falleri käm’s weniger an. — Aber, wie viel Geld hat sie denn wohl zu einer neuen Fahne nöthig? — natürlich mit Spitzen besetzt und Manschetten und wie die Dinger alle heißen, auch eine Schleppe hinten dran, damit sie das Dorf hübsch rein hält, wie die großen Damen in der Stadt.“

„Und was habt Ihr darnach zu fragen?“ erwiderte mürrisch der Schulze — „Ihr gebt’s ihr doch nicht.“

„Na, wer weiß“, lachte der Alte ingrimmig in sich hinein, „ich selber hab’s allerdings nicht, sonst säß’ ich wo anders als in der — gesegneten Bude hier; aber gute Menschen gibt’s überall — seelensgute Menschen, Herr Schulze, das kann ich Sie versichern, und ich treib’s für das Mädel auf — wenn ich nur erst weiß, wieviel es ist, denn die Gemeinde soll das nicht zu zahlen haben.“

Ihr wollt das Geld schaffen?“ sagte der Schulze und sah den Alten mistrauisch an. „Hört einmal, Brenner, Ihr habt überhaupt immer Geld, und ich möchte eigentlich wohl wissen, wo Ihr das her kriegt, denn betteln dürft Ihr nicht, und —“

„Stehlen ist vollends nicht gestattet“, lachte der alte Bänkelsänger laut auf, „aber beruhigen Sie sich, Herr Schulze, die paar Groschen, die ich dann und wann auftreibe, kann ich mir auch wohl noch einmal gelegentlich verdienen. Wissen Sie, ich habe einen Herrn in der Stadt, dem gebe ich Gesangunterricht, und wenn ich auch gerade keinen Louisdor für die Stunde kriege, etwas fällt doch immer ab, und vielleicht zahlt mir Der auch das Geld für die Falleri als Vorschuß.“

„Und wie heißt Der?“ frug der Schulze, der kein Wort von der ganzen Sache glaubte.

„Darf ich nicht sagen“, erwiderte verschmitzt lächelnd der Alte; „es ist ein vornehmer Herr, der heimlich zum Theater gehen will und es nicht vor der Zeit verrathen mag. Aber ich schaffe das Geld, und weiter wollen Sie ja doch nichts. — Muß nur vorher wissen, wie viel es ungefähr ist, damit ich nicht zu wenig bringe.“

„Hm“, sagte der Schulze, allerdings nicht von der Persönlichkeit erbaut, mit der er hier unterhandeln sollte, „Den möchte ich doch kennen, Brenner, der Euch Geld borgt, denn Der gehörte jedenfalls dahin, wohin wir neulich den Schuster geschafft haben. Aber wenn’s wirklich einen solchen Narren giebt, so holt vier Thaler von ihm, denn die brauchen wir. Die Falleri muß ganz neu gekleidet werden, bis auf Strümpfe und Schuhe hinunter, und wenn wir auch Alles alt kaufen können, läuft’s doch dahin jedenfalls auf.“

„So?“ lachte der Bänkelsänger, „also mit alten Sachen wollen Sie die Falleri neu kleiden. Na meinetwegen, wenn’s der Gemeinde recht ist, ich habe nichts dawider. Und bis wann muß das Geld da sein?“

„Spätestens bis morgen Abend, denn heute über acht Tage ist schon Grüner Donnerstag.“

„Alle Wetter“, lachte der Alte, „das ist kurzer Kredit; aber es kann nichts helfen; die Zeit ist wirklich nicht mehr lang, und die Tage fliegen nur so, wenn man alt wird.“

„Habt Ihr mich aber zum Besten gehabt, Brenner“, sagte der Schulze finster, „so nehmt Euch in Acht. Ihr steht so auf der Kreide, das kann ich Euch versichern. — Und was wolltet Ihr denn eigentlich mit dem Stocke da, he?“

„Mit dem Stück Holz?“ frug der alte Bänkelsänger mit der unschuldigsten Miene von der Welt. „Du lieber Gott, was kann man mit einem Stück Holz anders wollen als Feuer machen. Es wird Essenszeit, Herr Schulze, und die paar Kartoffeln kann man doch nicht roh essen.“

Der Schulze warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es war, als ob er das Mädchen noch einmal anreden wolle; aber er mußte sich anders besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich kurz auf seinem Absatze herum und verließ das Haus. Valerie aber, die noch immer gefürchtet, daß der finstere Mann seinen ersten Versuch, ihr die Kleinodien zu entreißen, wiederholen könne, stand regungslos in ihrer alten Stellung, das goldene Kreuzchen und den Ring fest mit ihren kleinen Händen haltend, in der Ecke und verwandte kein Auge von dem Schulzen, bis er die Thür hinter sich ins Schloß geworfen. Der alte Bänkelsänger aber, sich auf den Knüppel stützend, den er noch immer in der Hand hielt, rief mit seinem heiseren Lachen:

„Hab’ keine Bange mehr, Falleri, Der kommt nicht wieder, da kannst Du sicher sein, denn er traut nicht, und so alt diese Knochen auch sein mögen, so viel Kräfte hätten sie doch noch gehabt, um dem Schuft den Schädel breit zu klopfen.“

„Oh, wie dank ich Euch, daß Ihr mir das Andenken meiner armen Mutter bewahrt habt“, rief das Kind — „wäret Ihr nicht dazu gekommen, er hätte es mir sicher weggenommen, und ich wäre dann elend mein ganzes Leben lang gewesen.“

„Der Lump, der“, brummte der Alte zwischen den Zähnen durch; „im Stande wär’ er’s gewesen. Man kann’s ihm aber an den Augen ablesen; sieht der Kerl nicht aus, als ob er mit seinem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen hätte! Komm Du mir nur!“

„Aber er wird jetzt böse auf Euch sein“, sagte schüchtern Valerie.

„Bah, böse! — als ob der gut auf einen Menschen wäre, außer auf sich selber. Laß Dir das keine Sorgen machen, Kind, denn das kauf’ ich billig, wie Der auf mich zu sprechen ist. Was wir hier nicht kriegen müssen, kriegen wir doch nicht, und da kann er, Gott sei Dank, allein nichts d’ran thun, denn das ist Gemeindesache.“

„Aber wo wollt Ihr nur das viele Geld für mich hernehmen?“ frug jetzt das Mädchen schüchtern, „und wie soll ich’s Euch je wieder zahlen?“

„Papperlapapp, das ist meine Sorge“, lachte der Alte; „der Schulze hätt’s freilich gern gewußt, aber Dem werd’ ich’s bei Gott nicht auf die Nase binden. Wenn ich’s nur schaffe, Kind, wo’s nachher herkömmt, ist ganz gleichgültig; Du aber kriegst Deine Montirung und damit Basta!“ — und damit warf er den Buchenknüppel in die Ecke nach dem Ofen und schlenderte in seine eigene Stube hinüber.

Zwei Stunden nachher verließ er das Dorf und wanderte in der Richtung nach der Stadt zu, kam auch die Nacht nicht zurück und selbst bis zum nächsten Mittag nicht. Erst gegen Abend hörte Valerie seine heisere Stimme, wie er draußen, an dem Haus vorbei, eines seiner alten Lieder sang, und sprang in die Thür. Aber er kam nicht herein, nur triumphirend hob er einen kleinen schmuzigen Lederbeutel in die Höhe und schwenkte dabei seinen Knotenstock um den Kopf. Er hatte jedenfalls das Geld, ging auch damit stracks auf des Schulzen Wohnung zu. Dort aber blieb er nicht lange, sondern kam jetzt, in bester Laune von der Welt, zum Gemeindehaus zurück, wo er vor allen Dingen der „Falleri“ auftrug, einen Kessel mit Wasser auf’s Feuer zu setzen, denn sie wollten heute hoch leben. Dabei holte er eine Flasche mit Branntwein und ein Packet mit Zucker aus der Tasche, was er aber vorsichtig hinter dem Ofen versteckte und ein paar Stücken Holz davor stellte, und brachte dann sogar ein Stück Kuchen zum Vorschein, das er, wie er sagte, für die „Falleri“ eingekauft, damit sie auch einmal wieder erführe, wie Kuchen schmecke.

Der Mann war aber schon etwas angetrunken, wie er das Haus betrat, und als er den Grog erst fertig hatte, zu dem die Frauen und Valerie natürlich eingeladen wurden, verbesserte sich sein Zustand nicht. Er wurde immer lauter, fing an zu singen und fiel endlich von seinem Stuhl herunter, wo er regungslos auf der Erde liegen blieb und einschlief.

Valerie hätte ihn gern auf sein Bett geschafft, aber die beiden Frauen wollten nicht mit angreifen, weil er, wie sie meinten, zu schwer sei. Er könne überdies auch gleich da seinen Rausch ausschlafen, denn ob er auf den Steinen oder in einem Bett läge, sei ihm doch einerlei.

Das kleine Mädchen holte ihm endlich sein Kopfkissen herüber und seine wollene Decke, die sie ihm, so gut es eben gehen wollte, unterschob, und ihn mit dem andern Ende zudeckte. Weiter konnte sie für ihn nichts thun und mußte ihn da die Nacht verbringen lassen.

Es war ein alter, roher, widerlicher Mensch, aber der Einzige auf der weiten Gottes-Welt, der ihr, seit sie ihre liebe Mutter verloren, Gutes gethan hatte, und wie dankbar fühlte sie sich ihm dafür!

Wie der alte Bänkelsänger am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich erst etwas erstaunt um, denn er schien nicht gleich zu wissen, wo er sich befand. Valerie stand am Herd und kochte ihre Morgensuppe. Er sah sie an und seine Decke und sein Kopfkissen, und sagte endlich:

„Falleri — hast Du mir das hierher geschleppt?“

„Ihr lagt da so schlecht und hart gestern Abend“, sagte das Kind.

Der Alte erwiderte nichts; er stand auf, raffte sein Bettzeug zusammen und wandte sich, um die Küche zu verlassen. Ehe er aber ging, sagte er, viel freundlicher als er noch je gesprochen:

„Du bist ein gutes Kind, Falleri; ich dank Dir auch vielmals“, und damit schritt er in seine Stube hinüber. —

Die Tage vor der Confirmation Valeriens gingen jetzt rasch vorüber; sie bekam auch zur rechten Zeit ihren Anzug, den ihr des Schulzen Frau von dem Gelde des Bänkelsängers geschafft hatte, und sie bestand ihre Prüfung gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter als die übrigen Kinder. Sie wußte alle die aufgegebenen Sprüche auswendig und antwortete auf die an sie gerichteten Fragen in der richtigen, vorgeschriebenen Form, ohne sich — wie die meisten übrigen Kinder auch — etwas Besonderes dabei zu denken. Die schöne Lehre des Christenthums war ja in so viele unverständliche oder schwülstige Phrasen eingehüllt, daß ein klarerer Kopf dazu gehörte, als ihn ein vierzehnjähriges Kind besaß, um den edlen Kern aus der wulstigen Schale heraus zu finden. Sie gab sich dazu auch keine Mühe und war nur froh, als sie das Ganze überstanden hatte.

Daß sie dabei als Letzte der Confirmantinnen stand und, als es vorbei war, auch von Niemanden — wie doch alle die übrigen Kinder — eingeladen wurde, verstand sich von selbst und that ihr nicht besonders weh. Sie war ja die Gemeinde-Waise und daran gewöhnt, zurückgesetzt zu werden. Eines nur gab ihr einen Stich in ihr junges Herz, und auch weniger der Worte und Bedeutung als der Art wegen, mit der es zu ihr gesagt wurde. Gerade nämlich, als sie aus der Kirche trat, wo die übrigen Kinder von ihren auf sie stolzen Aeltern empfangen wurden, trat der Schulze auf sie zu und sagte, einen Glückwunsch weiter nicht für nöthig haltend:

„Na, Falleri, heute hast Du noch frei, morgen früh aber nimmst Du Deine Sachen und ziehst zu Baumstetter’s hinüber, die Dich vorläufig in Dienst nehmen wollen. Bist Du erst einmal ein Vierteljahr dort, dann kannst Du Deinen Miethcontract mit ihnen selber machen, denn Du wirst jetzt alt genug dazu“, und ehe die Confirmantin ihm etwas darauf erwidern konnte, drehte er sich ab, um seine eigene Tochter aufzusuchen und zu begrüßen.

Viertes Kapitel.
Im Dienst.

Am nächsten Morgen zog Valerie an, wie man es dort in der Gegend nannte, d. h. sie nahm ihr dürftiges Bündel unter den Arm und meldete sich bei ihrer neuen Dienstherrschaft.

Vorher verabschiedete sie sich von den Bewohnern des Gemeindehauses, mit denen sie so lange Leid und Armuth getheilt, und viel Freundlichkeit ließ sie da nicht zurück. Die neu hinzugekommene Frau mit den beiden Kindern, obgleich sie die Kleinen oft und oft gepflegt, hatte sich nie um sie bekümmert, und eigentlich nur mit ihr gesprochen, wenn sie etwas von ihr verlangte; sie reichte ihr auch jetzt nur die Hand und sagte gleichgültig „Adjes“. Die Alte aber kauerte in ihrer Ecke und schien viel mehr beleidigt als betrübt über den Abschied des jungen Mädchens, das sie halb und halb sogar der Undankbarkeit beschuldigte.

„Na ja“, knurrte sie, „jetzt hat man sich die Jahre über mit der Krabbe gequält und sie ein Bischen vorwärts gebracht, und nun sie Einem was nützen könnte und größer und stärker geworden ist, läuft sie Einem davon — aber wo findet man jetzt noch Dankbarkeit!“

„Aber Frau Kunzen“, sagte Valerie betrübt, „kann ich denn etwas dazu? ist es mein freier Wille? Der Schulze hat mich ja vermiethet, und ich darf gar nicht mehr in dem Haus bleiben — wenn ich selbst wollte.“

„So mach’, daß Du fortkommst“, brummte die alte Schullehrers-Wittwe, „wir können auch ohne Dich fertig werden.“

Das war der ganze Abschied, den sie von der Frau erhielt, für die sie Jahre lang gearbeitet hatte und ihr gefällig gewesen war, wo sie ihr etwas an den Augen absehen konnte.

Traurig schlich sich Valerie nach der Kammer des alten Bänkelsängers; sie fürchtete fast, daß er sie ebenfalls ohne ein freundliches Wort entlassen würde. Darin hatte sie sich aber gewaltig geirrt. Der alte Bursche war roh und wüst genug, aber doch nicht ohne Gemüth, und sonderbarer Weise hatte er einmal zu dem Kind eine besondere Vorliebe gefaßt, die vielleicht auch nur darin wurzelte, daß sie das einzige lebende Wesen war, das er protegiren konnte.

Der Alte war mit einer wunderlichen Arbeit beschäftigt. Er hatte sich ein Stück weißes Wachstuch mit aus der Stadt gebracht sowie ein paar Pinsel und ordinäre Farben, und saß jetzt vor dem aufgehangenen und in Felder abgetheilten Tuch und malte eine seiner alten Mordgeschichten aus. Die rothe Farbe spielte dabei auch eine große Rolle — die Männer trugen sämmtlich rothe Hosen und die Frauen rothe Tücher und blaue Kleider, und Blut floß schon auf der dritten Abtheilung, auf der eine ganze Familie abgeschlachtet wurde, in Strömen.

Valerie öffnete schüchtern die Thür, der alte Bänkelsänger sah sie aber kaum, als er auf die Füße sprang und, seinen Pinsel fortwerfend, ihr die Hand entgegenstreckte.

„Hallo, Falleri“, rief er dabei, „schon reisefertig! Na, Abschied brauchen wir nicht von einander zu nehmen, und Du gehst nicht aus der Welt — wir werden uns auch oft genug zu sehen kriegen — vielleicht öfter als Dir lieb ist.“

„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen leise; „Sie sind immer gut gegen mich gewesen, und ich bin gewiß nicht undankbar, wie die alte Frau Kunzen meint.“

„Der alte Drachen soll zum Teufel gehen!“ brummte Brenner. „Die hat von Undankbarkeit zu reden — daß Du ersticktest — wenn ich nur so was nicht hören müßte. Aber laß sie schwatzen — Du ziehst jetzt zu Baumstetter’s hinüber?“

„Ja, Herr Brenner.“

„Na, da brauchst Du auch nicht zu sagen: Gott straf’ mich, denn da bist Du gestraft genug.“

„Sind die Leute so bös?“

„Nein, bös nicht, Kind“, sagte der Alte, „sie könnten schlimmer sein und sollen ihre Leute nicht schlecht behandeln, aber die Alte ist so krank, daß es niemand lange bei ihr aushält. In den letzten sechs Monaten haben sie sieben verschiedene Wärterinnen gehabt — sie mochten Lohn über Lohn bieten, es half nichts. Apropos, wie viel kriegst Du denn?“

„Im ersten Vierteljahr noch nichts. Ich soll auf Probe dienen.“

„Daß der Teufel den verdammten Schulzen hole!“ rief der Bänkelsänger, seine rechte Faust in die linke Hand schlagend, „umsonst sind Die nicht verschwägert zusammen, und in solch einen Hundedienst ohne Lohn schicken sie das Kind!“

„Aber kann ich’s ändern?“ sagte Valerie traurig.

„Nein, Herz“, knurrte der Alte, „wir Beide nicht, oder, Gott straf mich, ich — na ja, das Fluchen hilft auch eben nichts, und die Menschen thun deshalb doch was sie wollen. Na, geh hin; ich würde Dir, wie sie es auf dem Theater machen, meinen Segen geben, aber ich fürchte beinah’, er möchte Dir nicht besonders viel helfen. Uebrigens werd’ ich von Zeit zu Zeit einmal hinüber kommen und nachsehen und vielleicht — holt ja der Teufel auch die Alte bald, daß Du von Deiner Plackerei frei kommst.“

„Aber Herr Brenner —“

„Du hast recht, Schatz“, sagte der Alte mürrisch, „sie hat mir noch nie was zu Leide gethan — na geh, Kind — ich möchte mein “Gemälde„ noch heute fertig bringen, und da muß ich mich dazu halten, sonst werden mir die Klexe trocken“, damit schüttelte er Valerie die Hand, drehte sich um und fiel plötzlich mit so lauter Stimme in eines seiner alten Lieder ein, daß das Kind ordentlich zusammenschrak. Sie wäre auch gleich gegangen, aber sie mußte dem Manne doch noch etwas über ihre Schuld gegen ihn sagen, damit er nicht etwa glaube, daß sie die, mit dem Weggange aus dem Gemeindehause, ebenfalls abschütteln wolle.

„Lieber Herr Brenner“, sagte sie schüchtern — aber der Mann hörte nicht; er sang ruhig weiter.

„Lieber Herr Brenner“, wiederholte sie noch einmal und berührte seinen Arm.

„Ja Kind? — so, Du bist noch da? Willst Du was?“

„Ich wollte Ihnen nur sagen“, flüsterte Valerie schüchtern, „daß ich, wenn ich auch das erste Vierteljahr keinen Lohn bekomme, doch ganz gewiß gleich nachher jeden Pfennig sparen werde, um Ihnen —“

„Und der Mörder mit der Leiche

Auf der Schulter ward gesehn,

Wie er über eine Bleiche

That beim Mondenscheine gehn.“

sang Brenner plötzlich und mit so lauter Stimme und ließ sich nun auch in seinem schauerlichen Lied nicht wieder unterbrechen, daß Valerie jeden Versuch dazu aufgeben mußte. Er drehte sich auch gar nicht mehr nach ihr um, und das Kind schlich jetzt, mit seinem Bündelchen in der Hand, in das Dorf hinein und zu dem Bauern Baumstetter hinüber, wo sie die Frau desselben, da er selber auf dem Feld draußen war, gleich in Empfang nahm.

Die erste Anrede war auch keine besonders freundliche.

„Mädel, wie siehst Du aus! — geh erst einmal an die Pumpe und wasche Dich und mach’ Dir Dein Haar — und das jeden Morgen, verstehst Du? Denn so mag ich Dich nicht im Haus herumlaufen haben.“

Die Frau hatte nicht Unrecht; Valerie war in der wüsten Umgebung des Gemeindehauses wirklich verwildert, dabei wohl in die Höhe geschossen, aber entsetzlich mager geblieben, so daß die großen dunkeln Augen fast unheimlich in ihren Höhlen lagen. Aber sie kam jetzt unter bessere, weil strenge Hände, und die Frau steppte ihr selber noch an dem nämlichen Tag aus ihren alten Röcken einen zurecht, daß sie wenigstens unzerlumpt und reinlich im Haus herumgehen konnte; den alten Kittel mußte sie augenblicklich ausziehen und wegwerfen; er war nicht einmal mehr zum Flicken zu gebrauchen. Dann erst überkam sie die Pflege der alten Bäuerin und fand bald die Wahrheit alles dessen bestätigt, was ihr Brenner über die aufgebürdete Last gesagt.

Die alte Frau lag schon über Jahr und Tag in der Auflösung begriffen, sie war am ganzen Körper wund, und Monate lang hatte der Bader schon ihren Tod als stündlich bevorstehend verkündet — aber sie starb nicht. Der zähe Körper hielt die Seele fest, und der Aufenthalt bei der Leidenden war so unerträglich geworden, daß die eigene Tochter nur auf Minuten zu ihr ins Zimmer kam.

Diese Pflege überließ man dem kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchen, und nur dem Leben im Gemeindehaus vielleicht verdankte es Valerie, daß sie im Stande war, da auszuharren, und nicht körperlich zu Grunde ging.

Zwei volle Monate pflegte sie die Kranke unermüdlich. Sie kam in der ganzen Zeit fast in kein Bett, und nur, wenn sie das gebrauchte Geschirr aufwaschen mußte, an die freie Luft. Endlich erlöste der Tod der alten Frau diese und Valerie, ja das ganze Haus von der entsetzlichen Qual, und Valerie wurde ihres Dienstes quitt. Die Frau Baumstetter würde sie aber doch vielleicht im Haus behalten haben, denn sie sah, daß sie fortwährend still und willig ihre Arbeit that, und nicht eine Klage war in der ganzen Zeit über ihre Lippen gekommen — aber das verschlossene, scheue Wesen des Mädchens gefiel ihr nicht. — „Die hat’s hinter den Ohren“, pflegte sie oft zu sagen, „aber sie gibt’s nicht aus, bis einmal ihre Zeit kommt.“ Uebrigens hatte sie auch keine weitere Beschäftigung für sie, denn im Stall war sie ihr nicht stark und kräftig genug, und sie verabredete deshalb mit des Schulzen Frau, die gerade ein Hausmädchen brauchte, daß diese sie von da an in Dienst nehmen sollte, denn untergebracht mußte sie nun einmal werden.

Valerie erschrak, als sie hörte, daß sie in des Schulzen Dienst kommen sollte, denn erstlich war des Schulzen Frau als bös und zänkisch im ganzen Ort verschrieen, und dann fürchtete sie den Schulzen selber seit jenem Morgen mit allen Fasern ihres jungen Herzens. Aber was half es? Einen freien Willen hatte sie ja doch nicht; sie mußte hingehen, wohin man sie schickte — und sie ging.

Die Frau Baumstetter hatte ihr noch, ehe sie das Haus verließ, aus „Erkenntlichkeit“ ein paar alte Kleider geschenkt, denn Lohn bekam sie ja noch nicht — die durfte sie sich jetzt selber zurecht machen, denn mit der Nadel wußte sie ziemlich geschickt umzugehen, und die Frau des Schulzen sah darauf, daß ihre Dienstboten anständig aussahen, war sie ja doch die „erste Frau im Dorf.“ Sie sollte auch hauptsächlich für Nähereien im Haus verwandt werden, denn dadurch sparte man die überdieß theuern Näherinnen, die so unverschämt waren, einen ganzen Tagelohn für ihr „Flickwerk“ zu verlangen.

Valerie hatte es jetzt, was ihre Arbeit betraf, besser als im vorigen Haus, denn wenn sie auch Morgens schon um vier Uhr heraus mußte, um überall mit zu helfen und dann Abends, bei einer trüben Oellampe bis um zehn Uhr regelmäßig beim Spinnrad, oder auch manchmal sogar bei einer Näherei saß, obgleich sie die Stiche in der Dunkelheit kaum erkennen konnte, brauchte sie doch nicht mehr die Sterbende in ihrer furchtbaren Krankheit zu pflegen, und konnte wenigstens von zehn bis vier Uhr ruhig schlafen. — Aber sonst bekam sie es viel schlechter im Haus, denn wenn ihr bei Baumstetter’s kaum je ein unfreundliches Wort gesagt wurde, hörte beim Schulzen und seiner Frau das Zanken gar nicht auf, und daß sie nie eine Sylbe darauf erwiderte, wurde ihr für Störrigkeit und Verstocktheit ausgelegt. Ja, die Frau war so heftig, daß sie das arme Mädchen oft bei Seite stieß oder auch schlug, wenn sie ihr einmal im Weg stand oder etwas nicht recht anfaßte; was brauchte man auch mit der „hergelaufenen Range“ viel Umstände zu machen!

Auch unter den übrigen Knechten und Mägden hatte sie keine Freunde, denn sie lachte nie oder ging auf irgend einen der rohen Scherze ein, sondern war immer nur still und verschlossen bei ihrer Arbeit, sodaß man kaum eine Antwort aus ihr heraus bekommen konnte. Sonntag Nachmittags, wenn sie die Erlaubniß einmal bekam, auszugehen, wanderte sie dann allein auf den Kirchhof hinaus und besuchte das Grab ihrer Mutter, und dort konnte sie Stunden lang mit gefalteten Händen sitzen und den kleinen Hügel anschauen. — Aber sie weinte nie, und nur manchmal sang sie, mit einer glockenhellen Stimme, kleine, schwermüthige Lieder, die man aber im Dorf nicht kannte und die sie noch von ihrer Mutter gelernt haben mußte. Sobald sie aber nur merkte oder selbst Verdacht schöpfte, daß sie belauscht wurde, schwieg sie augenblicklich still.

Die einzige Freundin, die sie im Dorfe hatte, war die alte Nachbarin ihrer Mutter, die sie jedesmal, sobald sie vom Kirchhof kam, besuchte; auch beim Gemeindehaus ging sie manchmal vorüber, um ihrem alten Beschützer guten Tag zu sagen. So viel sie dieser aber auch ausfrug, wie es ihr ginge und wie sie behandelt würde, so klagte sie ihm nie ihre Noth und behauptete immer: gut. Aber der Alte wußte es besser; erstlich kann so etwas nicht geheim gehalten werden, denn ein paar Mägde, die mit der Schulzin Streit gehabt und den Hof verließen, erzählten es im Dorfe weiter, wie hart sie mit dem armen Kinde umgehe, und dann zeigte es auch schon ihr ganzes abgehärmtes Aussehen deutlich genug.

„Und was Du für rothe Ränder um die Augen hast, Kind“, sagte der Alte kopfschüttelnd. „Gott straf’ mich, ich glaube, die hoffärtige Hexe läßt Dich sich noch blind bei ihrer magern Oelfunzel nähen.“

„Es ist nur eine Erkältung, Herr Brenner.“

„Von — ich hätte bald was gesagt“, knurrte der Alte, „mach’ Du mir was weiß, willst Du? Herr Gott, was ich für eine Wuth auf den Lump, den Schulzen, habe! — umbringen könnt’ ich den Schuft. Weißt Du denn, daß er neulich in der Gemeinde den Vorschlag gemacht hat, mich aus dem Gemeindehause zu stoßen, weil ich immer Geld hätte und mich selbst ernähren könnte? Die andern Bauern wollten nur nicht, aber der nichtsnutzige Hallunke hätte mich mit Vergnügen auf die Straße gesetzt.“

„Er ist Ihnen nur böse wegen mir, Herr Brenner“, sagte Valerie scheu; „o, wie mir das leid thut!“

„Wegen Dir, nein wahrhaftig nicht“, beruhigte sie der Bänkelsänger, „das ist eine ganz andere alte Geschichte, und unsere Freundschaft schreibt sich aus weit früherer Zeit, aber — er kennt mich, und spricht nicht gern davon — was auch das Beste ist, denn solche alte Dinge aufzurühren, thut selten gut.“

Valerie ging dann nach solcher Unterredung still nach Hause. Brenner aber ließ sein Ingrimm keine Ruhe, und er verfiel auf eine andere, ihm ganz eigenthümliche Art, den Schulzen zu ärgern.

Seine Mordgeschichte hatte er nämlich fertig, und die Leinwand war auf beiden Seiten, zwei verschiedene Schreckensfälle behandelnd, angemalt. Diese spannte er kunstgerecht auf, holte sich eine lange Stange aus dem nahen Walde und stellte sich nun damit vor des Schulzen Haus auf, um sie abzusingen.

Natürlich liefen die Knechte und Mägde in allem Jubel heraus und hörten zu, und als der Schulze nach Hause kam, war kein Mensch bei der Arbeit. In allem Grimm wollte er den „Künstler“ auch fortjagen, aber dieser behauptete, er bettele nicht oder singe nicht für Geld, er treibe die Sache nur zu seinem Vergnügen, aus alter Anhänglichkeit an sein Geschäft — er müsse auch eine Beschäftigung haben, wenn er hier in dem elenden Nest nicht wahnsinnig werden solle, und das könne ihm kein Mensch verwehren.

Die übrigen Bauern, von denen natürlich auch manche den Schulzen nicht leiden mochten, gaben ihm Recht oder sahen wenigstens keinen Grund, weshalb man dem Manne verwehren sollte, auf der Straße zu singen oder sein Bild zu zeigen — verlangte er doch nicht einmal etwas dafür, und der Schulze mußte sich, ob er wollte oder nicht, der Majorität fügen.

So verging ein volles Jahr, und Valerie hatte jetzt zum ersten Mal, wenn auch nur geringen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Was sie aber konnte — denn sie hielt jetzt etwas auf wenigstens reinliche und unzerrissene Kleidung — sparte sie zusammen, bis sie dem Bänkelsänger ihre Schuld abtragen konnte, und wenn es dieser auch nicht nehmen wollte, weil er behauptete, daß er es doch vertränke, ließ sie nicht nach, bis sie die Schuld von ihrem Herzen wußte.

Die Verhältnisse im Hause des Schulzen wurden aber mit jedem Tag schlimmer; der Mann war selber in Schulden gerathen und dadurch mürrisch und verdrießlich, die Frau natürlich nicht besserer Laune, und wer das Alles entgelten mußte, war Niemand Anderes als die unglückliche Waise.

Valerie zeigte aber, daß sie nicht mehr das arme unterdrückte und widerstandlos mishandelte Kind von früher sei. Eines Sonntags, als sie wieder auf den Nachmittag frei bekam, ging sie nicht auf den Kirchhof, sondern in die nächste Stadt, und suchte und fand dort einen andern Dienst bei einer Herrschaft, die sie jedenfalls von der Tyrannei der Schulzenfrau befreite. Diese aber war außer sich, als das junge Mädchen nach Hause kam und ihr für den ersten nächsten Monats die Stelle aufkündigte. Die „Frechheit“ und „Undankbarkeit“, wie sie es nannte, war zu bodenlos, und Valerie hatte, da sie nichts dagegen ausrichten konnte, von dem Tag an die Hölle auf Erden.

Sie ertrug Alles still — sie murrte, sie klagte nicht und nie kam eine Thräne in ihre Augen — das Kind hatte verlernt zu weinen. Nur bleicher und abgehärmter wurde sie mit jedem Tag, sodaß es selbst dem alten rauhen Brenner auffallen mußte, und dieser sich soweit vergaß, dem Schulzen in das eigene Haus zu rücken, um ihm Grobheiten zu machen. Das war freilich gefehlt. Dieser rief einfach seine Knechte und ließ ihn aus der Thür werfen, und der alte Bänkelsänger lief nach Haus und wurde vor Aerger krank.

Er legte sich wenigstens in sein Bett, ließ den Bader kommen und erklärte ihm, daß er ein Gallenfieber hätte und Medicin verlange.

Der Bader konnte allerdings nichts Derartiges an ihm entdecken, war aber doch seiner Sache nicht gewiß und gab ihm eine Medicin, die den Alten so krank machte, daß er behauptete, es wäre sein Letztes, und sie sollten ihm den Tischler schicken, daß der das Maß zu seinem Sarge nähme.

Zwei Tage darauf zog Valerie von dem Haus des Schulzen ab, und der letzte Abend war der schlimmste von allen, denn des Schulzen Frau behauptete, Valerie habe ihr eine silberne Schnalle gestohlen, die sie nirgends finden konnte und die das junge Mädchen absolut versteckt haben sollte. Diese leugnete allerdings, auch nur das Geringste davon zu wissen, aber das half nichts; alle ihre Sachen wurden untersucht und die Frau schlug sie so unbarmherzig, daß sie die blutigen Spuren an Gesicht und Nacken davon trug.

Das aber war zu viel für das arme Kind — nicht eine Stunde wollte sie länger in diesem Hause bleiben, und trotz des schon vorgerückten Nachmittags schnürte sie ihr kleines, auseinander gerissenes Bündel wieder zusammen und verließ, ohne Abschied von den Bewohnern zu nehmen, den Schulzenhof.

Vorher mußte sie freilich noch von der Mutter Grab und ihren Bekannten Abschied nehmen. Sie ging auch zu ihrer alten Freundin, der Nachbarin, vor und dann zu dem Bänkelsänger, der hart und fest auf seinem Bett lag; aber er hatte eine Lampe neben sich stehen und las in einem Buch, und als er das geronnene Blut in dem Gesicht des Mädchens bemerkte, und Valerie ihm diesmal die Ursache nicht verschweigen konnte, wollte er wie rasend in seinem Bett auffahren. Aber die alte Schulmeisters-Wittwe kam gerade herein, um ihm seine Suppe zu bringen, und wieder auf sein Kissen zurückfallend sagte er:

„Oh Du heiliges Kreuzdonnerwetter, daß ich jetzt auch gerade an allen Knochen lahm auf der Pritsche liegen muß! — Wenn ich nur einen Fuß regen könnte, Falleri, so lief ich noch heute Nacht selber in die Stadt und verklagte die Bande. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und daß sie Dir noch Schmerzensgeld für die Schläge bezahlen sollen, Falleri, darauf kannst Du Dich verlassen.“

„Lassen Sie es gut sein, Herr Brenner“, sagte das Kind, „es ist jetzt überstanden und die Leute haben ihr Schlimmstes gethan. — Ich gehe nun in die weite Welt, und Gott wird mich schützen.“

„Bah“, sagte der Alte verächtlich, „wer sich hier nicht selber schützt, kommt unter den Schlitten, soviel ist sicher. — Und Du willst jetzt fort, Falleri?“

„Ja, es wird schon spät“, nickte das junge Mädchen, „und ich weiß sonst nicht wohin, wenn mich die Leute nicht mehr aufnehmen. Leben Sie wohl, Herr Brenner; ich komme gewiß wieder einmal nach Osterhagen, um meine selige Mutter — und Sie zu besuchen.“

Damit reichte sie ihm die Hand und wanderte durch das Dorf wieder zurück den Weg nach der Stadt zu, in die stille Nacht hinein — aber sie kam doch zu spät. Als sie etwa um neun Uhr die ziemlich ferne Stadt erreichte und das Haus ihrer neuen Herrschaft betrat, weigerte sich diese, sie aufzunehmen, denn des Schulzen Frau hatte in derselben Viertelstunde, in der Valerie ihr Haus verlassen, einen Knecht mit einem Pferd nach der Stadt gesandt, der den Leuten erzählen mußte, weshalb sie ihr früheres Mädchen noch in dunkler Nacht „aus dem Dienst gejagt“, und sie erklärten, daß sie keine Diebin in ihrer Familie haben möchten.

Valerie erwiederte kein Wort — still und schweigend kehrte sie sich ab, ging wieder vor die Stadt, suchte sich einen Platz hinter einer Hecke, rückte sich ihr Bündel unter den Kopf, kauerte sich in der frischen Nacht so viel als möglich zusammen, und war bald auf ihrem harten Lager sanft eingeschlafen. —

Aber sie schlief nicht lange. Eine Stunde mochte etwa vergangen sein, da rasselten schwere Wagen auf der dicht vorüberführenden Chaussee vorbei, und erstaunt richtete sie sich auf, denn sie hörte eine Menge von Menschenstimmen. Wie sie sich aber umsah, erkannte sie auch am Himmel einen hellen Feuerschein, der etwa in der Richtung nach Osterhagen am Horizont lag. War dort Feuer ausgebrochen? Lieber Gott, die armen Menschen! aber sie konnte ihnen doch nicht helfen — sie war selber hülflos genug, und auf ihr Kopfkissen zurücksinkend, schlief sie bald wieder sanft und süß.

Fünftes Kapitel.
Feuer! Feuer!

Valerie hatte das Gemeinde-Haus etwa eine halbe Stunde verlassen, als die alte Frau Kunzen zu dem kranken Bänkelsänger hineintrat, um das Geschirr wieder abzuholen. Dieser lag auf seiner Matratze und stöhnte erbärmlich, und als ihn die Frau frug, wo’s ihm fehle, sagte er: „Ueberall, überall, Kunzen, in allen Gliedern reißt’s und zwickt’s mich, und ich bin so matt, daß ich kaum den Löffel zum Munde bringen konnte. Wenn ich nur erst einschlafe, nachher wird’s vielleicht besser — stört mich nur jetzt nicht wieder, daß ich zur Ruhe komme.“

„Nun, ich störe Euch gewiß nicht“, brummte die Alte, „ich will selber froh sein, wenn ich Frieden habe“, und die Thüre hinter sich zuwerfend und ohne es für nöthig zu halten, „gute Nacht“ zu sagen, verließ sie die Kammer, stellte das schmuzige Geschirr in die Küche und ging dann ohne Weiteres selbst zu Bett.

Im Dorfe lag die Nacht auf den stillen Straßen; das Wetter war noch ziemlich warm und vor einigen Thüren standen noch plaudernde Gruppen; als aber die Sichel hinter die nächsten Hügel sank, traten jene auch in die erleuchteten Stuben. Der alte taube Nachtwächter schlich nur mürrisch den Hauptweg von Osterhagen hinab, tutete und rief seine Stunde und drückte sich dann auf eine Holzbank, die unter der Linde vor dem Wirthshaus stand, um von da aus, wie er immer meinte, das Dorf im Auge zu behalten. Er hatte aber weit mehr Schlaf in den Augen als das Dorf, und wußte nicht einmal recht genau, wie lange er dort gesessen haben mochte, als ihm plötzlich eine Stimme in die Ohren schrie: „Feuer!“ daß er erschreckt von seiner Bank emporfuhr.

„Herr Jeses, wo denn?“ frug er unwillkürlich.

„Seht Ihr’s denn nicht, Ihr alte Schlafmütze!“ schrie der junge Bursche wieder, der es zuerst entdeckt und den Platz genau kannte, wo er den Nachtwächter antreffen würde; — „jetzt macht Lärm, ehe es zu spät wird“, und selber die Straße hinablaufend, stieß er den gellenden Schreckensruf in die stille Nacht hinein: „Feuer! Feuer!“

Da wurde es lebendig: aus allen Häusern stürzten Menschen vor — noch auf der Straße zogen sie sich mit den rasch aufgegriffenen Kleidern an, und nach der Schreckensstätte eilten sie, um den Brand womöglich noch im Entstehen zu ersticken — aber dazu war er schon zu weit vorgerückt. Es brannte in des Schulzen Scheune, das dort aufgeschichtete Stroh hatte die Gluth erfaßt, und ehe nicht Spritzen herbeikamen, war an Löschen nicht zu denken.

Die alte Dorfspritze wurde natürlich augenblicklich aus ihrem Schuppen herausgezogen und rasselte, von der Löschmannschaft gefolgt, der Brandstelle zu. Aber lieber Gott, es war seit undenklichen Zeiten kein Feuer in Osterhagen ausgebrochen, und die Bevölkerung des Orts dadurch so sicher geworden, daß sich Niemand um die Spritze und was dazu gehörte, gekümmert hatte. Jetzt fehlte es dafür an allen Ecken und Enden, und ehe sich die Bauern, die völlig den Kopf verloren, mit ihren Eimern zu einer Kette bis zum nächsten Wasser gestellt hatten, loderten die Flammen schon so hoch empor, um jedes Versuches zu spotten, von dieser Spritze bewältigt zu werden.

Und Niemand war außerdem da, der das Ganze geleitet hätte, denn der Schulze, als Oberhaupt, kümmerte sich gar nicht um die Löschanstalten und suchte nur von seinem Eigenthum zu retten, was zu retten war, während seine Frau, mit aufgelösten Haaren und ganz außer sich, im Haus herumstürzte und nur immer schrie:

„Das hat das nichtsnutzige Geschöpf, das hat die Falleri gethan, das hat die Falleri gethan!“ — und selbst bei der Arbeit draußen pflanzte sich der Schrei fort.

Nun waren allerdings Einige unter den Leuten, die, solange nur noch des Schulzen Haus brannte, meinten: „Ursach genug hätte sie dazu gehabt“ — wie aber die Flamme immer höher wuchs, die nächsten Häuser faßte und das ganze Dorf bedrohte, da brachen sich laute Verwünschungen über die junge Brandstifterin Bahn, und ein Glück für sie, daß man ihrer in dem Augenblick nicht an Ort und Stelle habhaft werden konnte: das vor Angst halb wahnsinnige Bauernvolk hätte sie zerrissen.

Jetzt endlich rasselte auch vom nächsten Dorf eine Hülfsspritze herbei — ein Haus hatten die Leute, weil es das Feuer am leichtesten fortpflanzen konnte, niedergerissen; der Wind erhob sich dabei etwas, und trieb die Gluth auf die erste Brandstätte zurück, und als nun auch zuletzt die Stadtspritzen mit ihrer gut organisirten Rettungsmannschaft auf dem Platz erschienen, gelang es, etwas nach Mitternacht, des Feuers so weit Herr zu werden, daß man wenigstens dessen weitere Verbreitung verhindern konnte.

Als der erste Feuerlärm laut wurde, war die Frau Kunze in Todesangst zu dem alten Brenner ins Zimmer gelaufen; Der aber fluchte, daß sie ihn geweckt hätte. Was könne er dabei thun? er wäre doch nicht im Stande, selbst nur aufzustehen, viel weniger an einer Spritze zu arbeiten; sie solle ihn zufrieden lassen und nur wieder kommen, wenn ihre eigene Bude anfinge zu brennen.

Als der Morgen graute, war des Schulzen Haus und Hof mit noch fünf Nachbarhäusern und sieben Scheunen eine wüste, rauchende Brandstätte, auch manches Stück Vieh dabei umgekommen, das störrisch den Stall nicht hatte verlassen wollen. Ja selbst zwei Menschen wurden vermißt, zwei junge Burschen aus dem Ort, die wahrscheinlich durch stürzendes Gebälk erschlagen worden, und deren schauerlich verbrannte Ueberreste man später unter den Trümmern fand.

Die Aufregung in Osterhagen war aber furchtbar, und kaum wußte man sich des Brandes Herr und die Gefahr beseitigt, als auch schon reitende Boten, was ihre Pferde laufen konnten, nach der Stadt mußten, um dort die Verhaftung der vermutheten Brandstifterin zu bewirken.

In dem von der Schulzin bezeichneten Hause fand man sie, wie nur die erste Anzeige bei der Polizei gemacht war, allerdings nicht, und die Leute dankten Gott, daß sie das Mädchen nicht bei sich aufgenommen hatten, hinter dem jetzt schon die Gensdarmerie hersuchte; aber bald darauf begegnete ihr einer der Osterhagener Burschen in der Straße, wie sie ahnungslos, daß auf sie gefahndet würde, eben nach einem neuen Dienst suchte. Ein Polizeibeamter, dem sie bezeichnet wurde, sprang hinzu und verhaftete sie, und Valerie fand sich wenige Minuten später, noch dazu von einem spottenden und lärmenden Volkshaufen begleitet, auf der Polizei, einem alten Herrn gegenüber, der ihr auf das Ernsteste zuredete, ihr Verbrechen zu gestehen, und ihre Strafe nicht noch durch hartnäckiges Leugnen zu verschärfen.

Valerie war fast sprachlos vor Schrecken, und der Untersuchungsrichter schien das für ein Zeichen ihrer Schuld zu halten. Kaum aber erfuhr sie, um was es sich hier handle, als sie, wohl mit todtesbleichen Wangen, aber doch vollkommen fester Stimme, auf das Bestimmteste bestritt, auch nur das Geringste von der Ursache des Brandes zu wissen. Sie habe Osterhagen gestern Abend, lange vor Ausbruch des Feuers, verlassen, und nie auch nur den Gedanken einer solchen That gehegt.

Sie sollte jetzt angeben, wo sie die Nacht zugebracht. Sie erzählte, wie sie von den Leuten, die sie in Dienst genommen, an der Thür wieder abgewiesen und dann hinaus vor die Stadt gegangen sei, um die ziemlich warme Nacht im Freien zuzubringen.

Der Untersuchungsrichter schüttelte dazu sehr bedenklich mit dem Kopf; vor der Hand ließ sich aber nichts weiter in der Sache thun. Die Angeklagte leugnete eben und mußte deshalb, bis sich weitere Beweise herausstellten, in ihre Zelle abgeführt werden.

Valerie zitterte am ganzen Körper, als sie das Schreckliche vor sich sah, was sie bis dahin nicht für möglich gehalten, daß man ihr nämlich nicht auf ihr Wort glauben und sie frei lassen, sondern in das Gefängniß führen wolle. Aber kein Wort der Bitte, was ihr doch auch nichts geholfen hätte, kam über ihre Lippen; ruhig wendete sie sich ab und folgte dem Schließer, der sie, bis die Untersuchung beendet war, in eine Zelle allein führte und die Thür dann hinter ihr verschloß und doppelt verriegelte.

Vor allen Dingen wurde jetzt an Ort und Stelle der Thatbestand aufgenommen, und da stellte sich denn allerdings heraus, daß das Feuer nicht gut konnte aus Fahrlässigkeit entstanden sein, sondern daß eine absichtliche Brandstiftung als alleinige Ursache angenommen werden mußte. Der Brand war nämlich nicht im Wohnhause oder der Küche, sondern in einer abgelegenen Scheune ausgekommen, die nur durch einen, an dem Tag gar nicht betretenen Holzschuppen mit dem übrigen Gehöft in Verbindung stand. Man hatte sogar, als es heller Tag wurde, noch ein Packet mit Schwefelhölzern, gar nicht weit von jener Stelle entfernt, im Gras gefunden, das der Brandstifter jedenfalls dort verloren haben mußte. Dieser Platz lag auch so abseits von dem eigentlichen Hauptweg des Dorfes, daß man recht gut und unbemerkt von irgend einer Seite dahin gelangen konnte, sodaß der Thäter kaum zu fürchten brauchte, gestört zu werden. Deshalb wurde das Feuer auch in der That nicht eher entdeckt, bis die Flamme schon das in der Scheune aufgeschichtete Stroh ergriffen hatte und hoch emporloderte; und dann fraß es so rasch und mit so wilder Gier um sich, daß an augenblickliche Hülfe nicht zu denken war.

Des Schulzen erster Verdacht — obgleich sich die Frau nicht davon abbringen ließ, daß es niemand Anders als ihr weggejagter Dienstbote, die Falleri, gewesen sein könne — fiel allerdings auf den alten Bänkelsänger, der Ursache genug hatte, ihn zu hassen, und dem er eine derartige Rache auch schon zutraute. Brenner aber lag, als nach ihm geschickt wurde, so von Gliederschmerzen geplagt im Bett, daß er sich nicht rühren konnte, und die Aussage der Frau Kunze, die ihm vorher seine Suppe gebracht, und ihn, gleich wie sie nur den ersten Feuerlärm gehört, geweckt hatte, bewies ein so vollständiges Alibi, um jeden Verdacht vollständig zu entkräften.

Es blieb also Niemand, der die That begangen haben konnte, als eben die Gemeinde-Waise; und einer von des Schulzen Knechten sagte jetzt sogar gegen sie aus: daß er das Mädchen, wohl anderthalb Stunden später, als sie ihr Haus verlassen habe, und schon bei vollständig angebrochener Dunkelheit noch im Dorf gesehen, aber weiter nicht auf sie geachtet habe. Sie sei nur an der andern Seite der Straße gegangen, und es ihm fast so vorgekommen, als ob sie nicht mit ihm zusammentreffen wolle. Weshalb brauchte sie das aber zu scheuen, wenn sie ein reines Gewissen hatte?

Des Schulzen Frau trat als andere Zeugin gegen sie auf, oder erbot sich wenigstens dazu, und erklärte dem herausgekommenen Polizeibeamten, daß diese Falleri das nichtsnutzigste, verstockteste Geschöpf sei, das sie in ihrem ganzen Leben gesehen. Wie viel Gutes hätte sie und ihr Mann der „Creatur“ gethan, und was sei ihr Dank dafür gewesen? — nie auch nur einmal ein freundlicher Blick oder ein vergnügtes Gesicht. Mürrisch und verdrossen sei sie fortwährend im Haus herumgegangen, nie wäre ein Wort aus ihr heraus zu bringen gewesen, und stundenlang habe sie vor sich hingebrütet und ihre bösen Streiche ausgeheckt. Die hätte es hinter den Ohren, das wäre die Rechte, und es sollte sie nun auch gar nicht wundern, wenn sie Stein und Bein leugnete und so unschuldig thäte wie ein neugebornes Lamm.

Der Polizeibeamte befragte jetzt auch noch die übrigen Dienstboten im Hause des Schulzen, konnte aber von diesen eben nichts besonders Gravirendes erfahren. Sie sagten allerdings Alle aus, daß die Falleri immer still und in sich gekehrt gewesen wäre, und Niemand erinnerte sich, daß sie je gelacht hätte, aber für bös hatten sie sie nie gehalten. Sie war gefällig, wo sie nur immer konnte, auch nie klatschig oder zänkisch gewesen, und eigentlich schien es den Leuten, bei etwas kälterem Blut, leid zu thun, daß sie sich, im Zorn vielleicht, der letzt erfahrenen Mishandlung wegen, so weit vergangen haben sollte.

Von da ging dann der Beamte zu Baumstetter’s hinüber, wo er freilich nur das Beste über das Mädchen hörte — damals freilich war sie ja aber auch noch fast ein Kind. Nur ihr verschlossenes Benehmen rügten sie ebenso wie des Schulzen Frau.

Dann, um nichts zu versäumen, zog er auch im Gemeinde-Haus Erkundigungen ein, und die „alte Kunzen“ meinte, als sie von dem Verdacht hörte, der auf dem Mädchen lastete: „Na ja, Der habe ich es schon lange prophezeit, daß sie es noch einmal zu so was bringen würde, denn das ist ein schlechtes, undankbares Geschöpf und verdient die Brotkruste nicht, die sie kriegt.“ Etwas Bestimmtes wußte sie aber auch nicht über Valerie anzugeben.

Weit anders aber nahm der alte Bänkelsänger die Nachricht auf, daß man die „Falleri“ im Verdacht der Brandstiftung und deshalb eingefangen habe. Im ersten Moment fuhr er wie der Blitz von seinem Lager in die Höhe, fiel dann aber auch gleich wieder mit einem Schmerzensschrei auf seine Matratze zurück und stöhnte:

„Oh mein Rücken! — wenn ich mich nur regen könnte!“

„Und wißt Ihr etwas über das Mädchen anzugeben“, frug der Beamte, „das zu ihren Gunsten spräche, oder den einmal gefaßten Verdacht bestätigte?“

„Ja“, sagte der Alte nach einer Weile, in der er sich erst mit augenscheinlichem Schmerz auf seinem Lager gewunden, denn jedenfalls hatte ihm die plötzliche Bewegung weh gethan, „allerdings habe ich das, Herr Polizeicommissar, und zwar weiter nichts, als daß die Falleri das bravste und beste Kind ist, was je von nichtsnutzigem, geizigem, schmierigem Volk schlecht behandelt und unter die Füße getreten wurde. Mein Geschäft war früher, Mordgeschichten abzusingen, um den Leuten für ein paar Sechser abschreckende Beispiele vor Augen zu führen, und ich habe in meiner Zeit viele schreckliche Blut- und Schauderscenen abgeleiert, aber nie im Leben — selbst nicht nach jenem Scheusal, das seine eigene Schwiegermutter umbrachte — eine Lebensbeschreibung, die so viel Jammer und Elend enthält, als die des Kindes, das Sie jetzt der Brandstiftung bezichtigen.“

„Also sie halten das Mädchen für schuldlos?“ sagte der Polizeicommissar.

Der Alte sah ihn groß an, drehte sich dann plötzlich mit vieler Leichtigkeit auf die andere Seite und erwiederte kein Wort mehr.

Der Beamte erfuhr auch allerdings nichts weiter im Dorf, als daß die Gefangene an dem Abend von ihrer bisherigen Miethsherrin, des Verdachtes eines allerdings unerwiesenen Diebstahls wegen, geschlagen sei, im Aerger und in der Aufregung das Haus verlassen habe und etwa noch eine Stunde später und nach angebrochener Nacht im Dorf gesehen wäre. Damit fuhr er in die Stadt zurück und beschied nur noch vorher auf morgen früh zum Zeugenverhör des Schulzen Frau und jenen Knecht, der die Angeklagte am gestrigen Abend im Dorf noch spät gesehen haben wollte.

Indessen hatte den alten Bänkelsänger im Gemeinde-Haus eine ganz eigene Unruhe erfaßt. Er warf sich fortwährend auf seinem Lager hin und her und ruhte nicht eher, bis die Frau Kunze noch einmal zum Bader hinüber ging, daß der käme und ihm etwas zum Einreiben gäbe. Er müßte gesund werden, wie er sagte, und wieder aufstehen und in die Stadt gehen, um selber zu sehen, was sie mit der Falleri anfingen, denn dem Kinde dürfe kein Unrecht geschehen, und wenn er selber darüber zu Grund gehen sollte.

Der Bader kam auch gegen Abend und brachte ihm eine Salbe mit, die er selbst erfunden haben wollte, und die außerordentlich heilkräftig sein sollte. Damit rieb er sich ein, wickelte sich in seine wollene Decke und schlief dann ein.

Die Salbe mußte aber doch nicht recht gewirkt haben, oder er war auch vielleicht in der Nacht ruhiger geworden, denn er verließ am nächsten Morgen sein Bett noch nicht, sondern erklärte nur, daß er sich bedeutend besser fühle und in den nächsten Tagen hoffe, aufstehen zu können.

Sechstes Kapitel.
Die Brandstifterin.

Am nächsten Morgen sollte das erste Verhör stattfinden, und der alte Untersuchungsrichter hatte, in der Ueberzeugung, daß die Verbrecherin auch heute leugnen würde, schon einen Wagen bestellt, auf dem sie — unter starker Bedeckung natürlich — an Ort und Stelle geführt werden konnte. Dort lagen auch die Leichen der bei dem Brand verunglückten Menschen, und wenn man ihr so die Folgen ihrer That vor Augen führte, hätte ein verstockteres Herz dazu gehört, als es das Kind besaß, das Vollbrachte selbst in deren Gegenwart noch abzuschwören.

Außerdem waren auf elf Uhr die Zeugen aus Osterhagen bestellt und warteten schon im Vorzimmer — der Knecht in seiner besten Jacke, des Schulzen Frau in riesiger, mit Bändern behangener und reich gestickter Mütze, den vollen Busen mit einer Unzahl silberner Ketten und andern Schmucksachen behangen, denn das Alles hatte sie aus dem Brande gerettet; war das doch ihre erste Sorge gewesen.

Der Untersuchungsrichter saß schon in seinem Bureau, der Protocollant mit einer Anzahl geschnittener Federn am Tisch vor einer ganzen Schicht neuer Papierbogen, unbeschriebener „Acten in Sachen der Valerie Edmund wegen Brandstiftung“. Einer der Polizeibeamten wurde jetzt beordert, die Gefangene herunter zu holen.

Der Gefängnißwärter hatte sie gestern Abend, als er ihr einen Krug mit Wasser und ein Stück Brot brachte, verlassen, wie sie mit gefalteten Händen auf ihrer Pritsche saß und still und regungslos vor sich nieder starrte — so saß sie noch, als er die Thür um elf Uhr Morgens wieder öffnete; so mußte sie die ganze Nacht gesessen haben, denn die wollene Decke, die er ihr, zusammengefaltet, auf die Matratze gelegt, war nicht von ihrer Stelle genommen und das Lager jedenfalls unberührt.

„Hallo, Mädel!“ rief der Mann erstaunt, „bist Du die ganze Nacht da so sitzen geblieben? Was? und keinen Bissen gegessen, keinen Schluck getrunken? Das thut’s nicht, Kind“, setzte er kopfschüttelnd hinzu, „dabei kommst Du von Kräften und gehst zu Grunde. Wenn das Verhör nun jetzt ein paar Stunden dauert, wie willst Du’s aushalten?“

„Es wird nicht so lange dauern“, sagte das junge Mädchen leise.

„Ja, wer kann’s wissen“, brummte der Alte; „aber Du sollst hinunter kommen. Die Herren sind Alle schon da — willst Du Dich nicht ein bischen zurecht machen? Du siehst ja ganz blutig im Gesicht aus.“

„Zum Verhör soll ich kommen?“ sagte Valerie und stand von ihrer Bank auf.

„Ja wohl, Kind — wasch Dir nur erst einmal das Blut von der Stirne.“

Valerie erwiderte kein Wort weiter; sie ging zu dem in der Ecke stehenden blechernen Waschkumpen und badete sich Gesicht und Hände in dem frischen Wasser, strich sich dann die Haare glatt und sagte leise:

„Lassen Sie uns gehen; je eher desto besser.“

Der Gefängnißwärter schüttelte mit dem Kopf. Er hatte in seinem langen Leben manche Erfahrung gesammelt und die Charaktere seiner zahllosen Gefangenen nicht ohne Erfolg studirt. Diese hier kam ihm aber nicht wie eine bösartige Verbrecherin vor, und trotzdem schien sie ganz in einander gebrochen und sah auch so merkwürdig bleich und elend aus. Aber was ging’s ihn an; er that nur seine Pflicht, und sein Schlüsselbund aufgreifend, öffnete er der Gefangenen die schmale Thür und führte sie die Treppe hinab durch den Corridor zu dem Zimmer des schon seiner harrenden Assessors.

In dem Corridor saß des Schulzen Frau in all ihrem Staat, und neben ihr stand der Knecht vom Hof, der ebenfalls mit als Zeuge einberufen war, und als Valerie an ihr vorüber ging, rief sie aus:

„Oh, das schlechte, miserabliche Ding! — sollte man es denn für möglich halten!“

„Wenn Sie das Maul nicht halten“, sagte aber der alte Gefängnißwärter, der sich nach ihr umdrehte, „so werden Sie ebenfalls eingesteckt und kommen auf Numero Sicher. Hier hat Niemand zu reden, der nicht gefragt wird“.

Die Frau schwieg verdutzt still, denn so hatte noch Niemand mit ihr, der Schulzin aus Osterhagen, gesprochen. Valerie aber hörte entweder die Worte gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf. Sie schritt still an ihrer früheren Herrin, ohne auch nur den Blick vom Boden zu nehmen, vorüber und verschwand gleich darauf in der nächsten breiten Thür, die sich gleich darauf wieder hinter ihr schloß. Der Gefangenenwärter hatte nur hinein gerufen: „Die Edmund, Herr Assessor.“

Das regelrechte Verhör begann jetzt mit all seinen gewöhnlichen Formeln, und die erste Frage des Untersuchungsrichters lautete:

„Wie heißt Du?“

„Valerie Edmund.“

„Wie alt?“

„Bald sechzehn Jahre.“

„Wo bist Du geboren?“

„Ich weiß es nicht“, sagte leise Valerie.

„Du weißt es nicht?“

„Nein.“

„Wer waren Deine Aeltern?“

„Ich weiß es nicht“, wiederholte das Kind noch leiser als vorher, und man sah es ihr an, welchen Kampf es ihr kostete, diese Fragen ruhig zu beantworten.

„Das weißt Du auch nicht?“ wiederholte der alte Assessor erstaunt. „Hm, Kind, das ist doch wunderbar. Hast Du denn Deinen Vater und Deine Mutter nicht gekannt?“

„Meine Mutter, ja; sie starb vor langen Jahren in Osterhagen — auch meinen Vater habe ich wohl gesehen, aber ich war damals noch ein kleines Kind, und später sagte meine Mutter, daß er todt und begraben wäre in einem weiten fernen Land — weit von Osterhagen.“

„Und als sie starb?“

„Dann kam ich in das Gemeinde-Armenhaus im Dorf, und nachher in Dienst.“

„Und Du leugnest, etwas von der Ursache des gestrigen Brandes zu wissen?“

„Nein“, sagte das junge Mädchen, mit kaum hörbarer Stimme aber doch deutlich und bestimmt — „ich leugne es nicht mehr; ich habe es gethan!“

„Du hast es gethan, Unglückliche!“ rief der alte Assessor ordentlich erschreckt — „und was brachte Dich zu der furchtbaren That?“

„Fragen Sie mich nichts weiter“, sagte das arme Mädchen — „ich habe das Feuer angelegt, und wie ich höre, sind zwei Menschen dabei umgekommen, deshalb muß ich auch das Leben verlieren.“

„Und woher weißt Du, daß zwei Menschen dabei umgekommen sind?“

„Heute Morgen sprachen sie auf dem Gang vor meiner Kammer davon. Irgend Jemand erzählte es einem Andern, und ich hörte es — ich muß jetzt auch sterben und dann komme ich wieder zu meiner Mutter.“

„Aber weshalb hast Du es gethan? Du mußt doch eine Ursache dafür gehabt, Du mußt doch auch gewußt haben, welche furchtbaren Folgen es haben konnte.“

„Der alte Mann im Gemeinde-Hause, der alte Brenner“, flüsterte das Mädchen, „hat mir einmal gesagt, daß man nicht alle Fragen zu beantworten brauche, die Einem das Gericht stellt. Der weiß das, denn sie haben ihn auch schon gefangen gehabt.“

„So? Ei sieh mal an, und wer ist das?“

„Nun der alte Brenner; er zog früher mit einem Leierkasten herum — jetzt ist er alt und schwach und kann nichts mehr verdienen.“

„Und Der hat Dir solche Rathschläge gegeben!“ nickte der Assessor; „da bist Du freilich in einer guten Schule gewesen.“

Valerie schwieg.

„Und Du weigerst dich, mir zu antworten, wenn ich Dich frage, was Dich dazu gebracht hat, das Feuer anzulegen?“

„Ja.“

Der Assessor sah eine Weile still vor sich nieder, dann klingelte er, und als der Gerichtsdiener eintrat, befahl er ihm, die Gefangene wieder in ihre Zelle abzuführen.

Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, rief sie der Assessor noch einmal und fragte:

„Woher hast Du denn die blutunterlaufenen Stellen im Gesicht? Bist Du gefallen?“

„Nein“, sagte Valerie, „die Schulzin hat mich geschlagen, weil sie behauptete, ich hätte ihr eine silberne Schnalle gestohlen.“

„Und hast Du das nicht gethan?“

„Nein“, sagte das Mädchen, drehte sich ab und schritt zur Thür hinaus.

Das Verhör mit der Schulzin und ihrem Knecht dauerte nicht lange. Die Frau brachte allerdings eine Masse von Anklagen vor, aber der Untersuchungsrichter hatte zu viel mit derartigen Leuten zu thun gehabt, um nicht das Wahre daran ziemlich richtig herauszufühlen. Die Hauptsache war ja auch erledigt; die Verbrecherin hatte ihre Schuld gestanden, und der alte Beamte glaubte, die Ursache leicht in der rauhen Behandlung der vor ihm stehenden, bösartig genug aussehenden Bauersfrau zu finden. Das Mädchen hatte in deren Haus gewiß keine guten Tage gehabt, und in der Rachsucht für erlittene Mishandlung ließ sich das Motiv der That — wenn diese darin auch keine Entschuldigung fand — wohl erklären.

Uebrigens schlug die Schulzin vergnügt in die Hände, als ihr der Criminalbeamte mittheilte, daß die Gefangene ihre Schuld eingestanden habe, und schrie:

„Ich wußt’ es, ich wußt’ es — kein Mensch weiter konnte es gewesen sein wie der Balg, und wenn ich jetzt nur noch erlebe, daß sie die Brandstifterin an den Galgen hängen, denn das hat sie hundert Mal verdient!“

Die Untersuchung war aber damit nicht etwa geschlossen, denn der alte Assessor citirte nach und nach das ganze Hauspersonal der Schulzin, wie auch das von Baumstetter’s Hof vor Gericht, und deren Aussagen bestätigten allerdings seine schon früher gefaßte Vermuthung, daß die Waise nämlich kein ursprünglich böses, wenn auch sehr vernachlässigtes Kind gewesen und wohl nur durch rauhe Behandlung zu der verbrecherischen That, die nicht einmal eine vorbedachte genannt werden konnte, getrieben worden. Auch ihre Jugend kam dazu, um Milderungsgründe zur Geltung zu bringen.

In der nämlichen Zeit gab sich der Assessor die größte Mühe, um etwas Näheres über die Mutter der Gefangenen zu erfahren, aber alle darauf gewandte Mühe blieb umsonst, denn die unruhige Zeit, in welcher sie damals das Dorf aufgesucht, verwischte jede Spur. Er fuhr selbst nach Osterhagen hinüber und zog bei dem Schulzen genaue Erkundigungen ein, und hörte wohl, daß damals ein Leintuch mit dem Zeichen einer adelichen Herrschaft gefunden sei, wo es aber geblieben, wußte Niemand zu sagen. Es war damals mit verauctionirt worden, und auch auf die Buchstaben konnte sich Keiner mehr erinnern. Selbst der Schmuck, den Valerie noch von ihrer Mutter trug, und den er später untersuchte, gab keinen Anhaltepunkt; es war ein einfaches goldenes Kreuz mit dem Buchstaben V. darin, und der Trauring trug nur ein Datum und eine Jahreszahl.

In Osterhagen hatte es der Assessor aber auch nicht versäumt, das Gemeinde-Haus zu besuchen, wo er Brenner noch auf seinem Lager traf und sich natürlich mit ihm in ein längeres Gespräch einließ. Der alte Bursche aber, der bald genug den Polizeimann und Criminalbeamten in ihm erkannte — denn er hatte mit derlei Herren wohl mehr Erfahrung gesammelt, als er gewöhnlich gern eingestand — war anfangs ungemein scheu und zurückhaltend und beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen außerordentlich vorsichtig. Erst als der Assessor — denn von Valerie’s Herkunft wußte er natürlich gar nichts — das Gespräch auf den Schulzen und die Behandlung der Gefangenen dort im Hause brachte, wurde er warm, und entwarf jetzt eine so düstere Schilderung von den Leuten, daß der Beamte wohl merken mußte, es lauere auch viel eigener Haß in dem Bericht. Brenner behauptete auch dabei mit der größten Bestimmtheit, daß die „Falleri“ unschuldig an dem Brande sei — sie wäre noch den Abend spät auf dem Gottesacker und dann bei ihm im Hause gewesen und nachher schnurstracks in die Stadt hinüber gegangen.

„Und woher wißt Ihr das, Mann?“ frug der Assessor.

„Woher ich das weiß?“ rief Brenner; „weil’s die Falleri gesagt hat, und die hat noch nie in ihrem Leben gelogen; eher bisse sie sich die Zunge ab.“

„So“, nickte der Beamte, „wenn Ihr das also selber bestätigt, so werdet Ihr auch wohl glauben müssen, daß die Edmund das Haus angezündet, denn sie hat es selber vor Gericht gestanden.“

„Den Teufel hat sie!“ schrie der alte Bänkelsänger und fuhr erschreckt in seinem Bett empor — „aber das ist nicht möglich!“

„Nicht möglich? — und weshalb nicht?“

„Hm“, knurrte der Alte, „möglich ist Alles auf der Welt, selbst, daß ich noch einmal hunderttausend Thaler in der Lotterie gewönne, aber — die Falleri hätte selber freiwillig gestanden, daß sie den Schulzenhof angezündet?“

„Das hat sie — frei und unaufgefordert im ersten ordentlichen Verhör; denn nur als sie zuerst eingebracht wurde, wollte sie nichts davon hören. Aber das ist die alte Geschichte, und soviel werdet Ihr auch selber wissen, daß man, wenn eben aufgegriffen, nicht gleich in’s Blinde hinein gesteht. Man muß doch erst erfahren, wie der Hase läuft.“

Der Alte warf dem Assessor einen halb pfiffigen, halb lauernden Blick zu, aber die wirkliche Sorge um das junge Mädchen verdrängte doch rasch alle anderen Gedanken.

„Es ist nicht denkbar“, sagte er dann, mehr zu sich selber als zu dem Fremden redend und immer dabei mit dem Kopf schüttelnd, „gar nicht denkbar. Ja, Ursache genug hätte sie dazu gehabt, um auch zuletzt einen Hasen auf den Mann zu treiben, Ursache die langen Jahre hindurch, die sie’s ertragen und keinen Mucks dabei gethan, — aber, — es wäre doch zu merkwürdig und — ich glaub’s nicht.“ —

„Was wäre merkwürdig?“ frug der Assessor.

„Was merkwürdig wäre?“ wiederholte der alte Bänkelsänger, „nun, daß das Kind die Courage dazu gefaßt hätte, und dann noch dazu gleich von ihrer Mutter Grab weg, an der sie mit allen Gedanken hängt. Ich glaub’s nicht, und wenn der liebe Herrgott vom Himmel herunter käme und sagt’ es.“

„Aber habt Ihr denn irgend einen Verdacht auf Jemand Anderen?“

Ich?“ frug der Alte erstaunt, „auf wen soll ich Verdacht haben? Ich liege hier seit acht Tagen krumm und kann keinen Fuß vor den andern setzen, was erfahre ich von der Welt? Aber Feinde hat die Schulzin genug, und er auch — hochnäsiges Bauernvolk, die vor Uebermuth nicht wissen, was sie treiben sollen. Alle Augenblicke wechseln sie auch das Gesinde; es hält’s Niemand lange bei ihnen aus, und warum kann’s nicht Einer von denen gethan haben? Warum muß es das Kind gewesen sein?“

„Aber sie würde es doch nicht selber eingestehen, wenn es nicht wahr wäre.“

„Merkwürdig, merkwürdig!“ wiederholte der alte Bursche wieder — aber er schien müde zu werden. Ob ihm die Glieder weh thaten, oder ob er blos die Unterhaltung abbrechen wollte: aber er warf sich auf sein Kissen zurück und schloß die Augen, und da der Assessor ebenfalls kein weiteres Interesse hatte, in dem öden unbehaglichen Raum zu verweilen, stand er auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Haus. Er wußte, daß er hier doch nichts weiter erfahren würde.

Drei Tage später war der alte Bänkelsänger wieder auf den Füßen und so weit hergestellt, daß er sogar den Gang in die Stadt zu Fuß antreten konnte, wenn er sich dazu auch noch eines Stockes bediente. Eigenthümlich blieb nur dabei, wie rüstig er ausschreiten konnte, wenn er sich streckenweise allein auf der Landstraße sah, und wie es ihm plötzlich wieder in den Gliedern zog, wenn ihm ein Wagen begegnete oder ihn überholte. Das hielt ihn auch sehr auf, denn er kam dann nur immer langsam von der Stelle, aber zuletzt erreichte er die Stadt doch und ließ sich dann ohne Weiteres bei dem Assessor melden, den er um eine Unterredung mit der „Falleri“ bat.

Der Assessor schien keine rechte Lust zu haben, ihm die zu gestatten, aber er war auch neugierig geworden, zu erfahren, welchen Einfluß der alte Bursche auf das Mädchen ausüben würde, und hatte ihn zugleich dabei im Verdacht, mehr von dem Brande selber zu wissen, als er für gut fand zu gestehen. Schaden konnte er überdies nicht mehr bringen; die That war von der jungen Verbrecherin ohne Zwang, ohne Zureden offen eingestanden und später wiederholt auf das Entschiedenste bestätigt worden — möglich, daß gerade durch ihn mehr Licht in die immer noch dunkle Sache kam.

Der Alte humpelte mit einem ihn begleitenden Polizeidiener die Treppe hinauf, und der Gang schien ihm sauer zu werden. Auf einem Absatz blieb er halten, um sich zu verschnaufen, und schmunzelte dann leise vor sich hin:

„Es sieht ordentlich natürlich aus, daß ich hier in so anständiger Begleitung abgeführt werde.“

„Ist Euch auch wohl schon manchmal passirt, wie?“ lachte der Gerichtsdiener.

„Lieber Gott“, sagte der Alte, „menschliche Schicksale wechseln; einmal sind wir oben, einmal unten. Ich war auch schon einmal unten.“

„Dachte mir’s doch“, nickte der Mann, „Ihr seht mir auch gerade danach aus.“

„Sie scheinen mir Menschenkenner“, meinte der Bänkelsänger trocken; „aber ich denke, wir können jetzt eine Station weiter fahren. Wie geht’s denn der Falleri?“

„Wem?“

„Nun der Nummer so und so; ich weiß ja noch nicht, unter welcher Firma sie hier logirt.“

„Oh, der Edmund, Nummer elf — gut geht’s ihr; es fehlt ihr nichts.“

„Freut mich zu hören“, nickte der Alte, „wäre aber das erste Mal in ihrem Leben, daß es ihr gut ginge — und ein curioser Platz dazu. Aber da sind wir wohl — Nummer elf. Wollen Sie mich dem Herrn Gefängnißwärter vorstellen?“

„Wird wohl nicht nöthig sein“, lachte der Mann über die Förmlichkeit des Alten; „hier, Brummer, der Mann da hat Erlaubniß, Nummer elf zu sprechen — eine Viertelstunde.“

„Brummer heißt der Herr? Merkwürdig!“ nickte Brenner; „paßt aber gar nicht. Er läßt ja gerade die Andern brummen und brummt nie mit.“

„Thut er nicht, du alter Schlaukopf?“ lächelte der Gefängnißwärter, der die Worte gehört hatte, „und brumme ich nicht etwa hier in dem verdammten Nest das ganze Jahr, Sonn- und Feiertage, während die Vögel ein- und wieder ausfliegen. Wer ist da eigentlich der Brummer, he?“

„Können Recht haben, verehrter Herr“, nickte der Alte, „habe eigentlich nie so tief darüber nachgedacht. Wenn Sie jetzt vielleicht so gefällig wären —“

„Mit Vergnügen“, nickte der Mann, „und auch wohl für längere Zeit, wenn’s sein müßte. Platz genug ist da.“

„Möchte Ihnen doch nicht gern beschwerlich fallen“, sagte der Bänkelsänger, während Herr Brummer die Riegel zurückschob und die Thür dann aufschloß.

„Hier Edmunden, da kommt Besuch“, sagte er dann, ließ Brenner eintreten und verriegelte die Thür wieder hinter ihm, ohne sie jetzt aber abzuschließen.

Valerie saß auf ihrer Pritsche, ein kleines Gebetbuch in der Hand, das man ihr auf ihre Bitten gegeben hatte — es waren Witschel’s Morgen- und Abendopfer — und ihre großen dunklen Augen hafteten auf den Zeilen, als sie das erste Klirren der Riegel hörte. Sie veränderte auch ihre Stellung nicht, als sich die Thür öffnete; der Schließer kam manchmal herein, um ihr Wasser oder Brot zu bringen, aber er sprach selten oder nie mit ihr. Sie erschrak jedoch, als sie das Wort Besuch vernahm. Wer konnte sie besuchen? Trotzdem färbten sich einen Augenblick ihre Wangen, als sie den alten Brenner erkannte, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

„Wie mich das freut, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben.“

„Hm“, brummte der Alte in augenscheinlicher Verlegenheit, indem er einen scheuen flüchtigen Blick in dem Gemach umherwarf — „vergessen, Falleri? Ich habe immer an Dich gedacht, Kind, Tag und Nacht, und hier — kommt’s mir auch beinahe wieder so vor, als ob wir zusammen im Gemeinde-Haus säßen; die “Stube„ hier sieht genau so aus, wie die leeren Wände da drüben. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Redensarten vergeuden, denn ich habe nur eine Viertelstunde Erlaubniß und — möchte eine Frage an Dich richten, Falleri.“

„Ja, Herr Brenner?“

„Du hast gestanden, daß Du das Feuer an jenem Abend angelegt?“

„Ja, Herr Brenner“, sagte Valerie leise.

„Aber Du hast’s nicht gethan, Mädel.“

„Doch, Herr Brenner“, lautete die bestimmte Antwort, „ich hab’s gethan und hab’s gestanden.“

„Es ist nicht wahr, Mädel“, fuhr der Alte aber jetzt mit unterdrückter Stimme fort, „Du kannst’s nicht gethan haben, denn erstens liegt es nicht in Deiner Natur und dann — bist Du’s auch nicht gewesen.“

„Doch, Herr Brenner, ich war’s“, wiederholte Valerie, jetzt wieder mit denselben bleichen Wangen wie vorher; „ich habe es gethan und werde dafür meine Strafe erhalten. Hoffentlich lassen sie mich nicht lange warten“, setzte sie noch leiser hinzu.

„Aber Du bist doch erst bei uns draußen gewesen“, fuhr der Mann fort, der jetzt Beweisgründe gegen sie zu sammeln suchte, „Du warst vorher auf dem Kirchhof bei Deiner Mutter selig.“

„Ja, Herr Brenner, und nachher bin ich durch’s Dorf gegangen und habe das Feuer in die Scheune geworfen.“

„Aber zwei Stunden nachher ist’s erst ausgekommen.“

„Das ist möglich, es hat vielleicht so lange geglimmt, bis der Wind zu wehen anfing. Sie haben’s auch wohl nicht gleich gesehen.“

„Das ist gerade, um Einen verrückt zu machen“, brummte der Alte und schüttelte dabei immer, wie erstaunt, mit dem Kopf; „aber wenn’s wirklich wahr wäre“, fuhr er nach einer Weile wieder fort, „und ich glaub’s nicht und würd’ es selbst nicht glauben, wenn Dich Jemand dabei erwischt hätte — weshalb hast Du’s da den Eseln auf die Nase gebunden? Wer hätt’ es Dir je beweisen wollen?“

„Und was sollt’ ich’s leugnen?“ sagte Valerie ruhig; „den Dienst bekam ich nicht mehr, nach Osterhagen konnt’ ich nicht zurück, fremd und allein steh’ ich in der Welt und habe ich immer gestanden, ich wäre doch zuletzt zu Grunde gegangen. Da ist’s besser, ich sprach gleich die Wahrheit und leide jetzt meine Strafe.“

Der alte Bänkelsänger hatte sich neben sie auf die Pritsche gesetzt und schüttelte in einem fort mit dem Kopfe.

„Ein merkwürdiges Zusammentreffen wär’s doch“, sagte er endlich, „ein heillos merkwürdiges.“

„Was, Herr Brenner?“

„Was? — hm — daß sie das Feuer nicht gleich entdeckt haben sollten, aber der Holzklotz von Nachtwächter schläft immer unter der Linde, und dahinten an die Scheune kommt auch eigentlich Niemand hin.“

„An welche Scheune.“

„Nun, hinter des Schulzen Haus, wo das Feuer auskam.“

„Ja“, nickte Valerie, deren Gedanken wo anders geweilt zu haben schienen, „ja, da kommt Niemand hin, es ist abgelegen.“

„Recht hätt’st Du gehabt, Mädel“, nickte der Alte noch einmal mit dem Kopf; „verdenken könnt’ es Dir Niemand, denn schlecht genug behandelt haben sie Dich, niederträchtig behandelt, und schlimmer als einen Hund, und der Wurm krümmt sich zuletzt, wenn er getreten wird — aber das Maul hätt’st Du halten sollen, denn wer hätt’s Dir zuletzt beweisen wollen, he? Kein Mensch. Die Gerichtsbeamten thun allerdings immer schrecklich klug, gerade so, als ob sie Alles schon wüßten und nur aus lauter Plaisir noch weiter frügen, und dabei muß man sie lassen, nachher fahren sie selber den Karren in den Dreck, denn sie wissen gar nichts. Läßt man sich aber verblüffen dann haben sie Einen, wo sie ihn hin haben wollen, und man sitzt fest.“

„Ich habe Alles freiwillig gestanden, Herr Brenner.“

„Desto dümmer“, nickte der alte Mann, „denn dazu war gar keine Veranlassung; aber“, setzte er leise hinzu, „es läßt sich vielleicht noch gut machen. Wenn Du in’s nächste Verhör kommst, Falleri — und am besten läßt Du Dich gleich morgen früh beim Assessor melden — so sagst Du ihm nur, die ganze Geschichte sei nicht wahr.“

„Was ich schon gestanden habe?“

„Versteht sich, das macht nichts, das geschieht oft genug und gilt. Sag’ ihm nur, Du hättest den ersten Tag eine solche Heidenangst, so einen Respect vor dem Gericht und den Eisengittern gehabt, daß Du selber nicht mehr wüßtest, was Du Alles geschwatzt; Du sei’st es aber gar nicht gewesen und wärest keine Brandstifterin.“

„Und da sollten sie mir glauben?“ frug Valerie kopfschüttelnd.

„Ob sie Dir’s glauben oder nicht, bleibt sich ganz gleich“, sagte der Alte, „aber in’s Protokoll müssen sie’s schreiben, und dann kommt’s oben auf’s andere Gericht und stößt die ganze Geschichte um, was Du früher gesagt hast. Willst Du’s thun, Falleri?“

„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen ruhig, „was ich gesagt habe, hab’ ich gesagt; es ist geschehen und aufgeschrieben, und Gott wird weiter helfen.“

„Wenn ich nur so was nicht hören müßte“, brummte der Alte ärgerlich. „Wer sich selber hilft, dem hilft Gott, muß es heißen; selber mit anfassen muß man und nachher — geht’s auch nicht immer, aber man versucht’s doch wenigstens. Versprich mir’s, Falleri; ich hätte sonst keine Ruhe und — machte am Ende noch einen dummen Streich.“

Das junge Mädchen schüttelte ernst mit dem Kopfe, aber es blieb ihr keine Zeit zu einer weiteren Erwiederung, denn der Riegel wurde in diesem Augenblick wieder zurückgeschoben, der Gefängnißwärter sah herein und sagte:

„Nun, alter Schwede, Deine Zeit ist um; mach’ Dich auf die Socken.“

Der Bänkelsänger warf einen unschlüssigen Blick auf Valerie, aber er wußte recht gut, daß gegen den Befehl keine Einrede half; der Mann that nur seine Pflicht, und wich auch von der nicht ab — außer, er hätte vielleicht die Mittel besessen, ihn zu veranlassen, seine Uhr um zehn Minuten zurück zu stellen. Brenner befand sich aber gerade nicht bei Kasse, und deshalb seinen alten Hut aufgreifend, sagte er trocken:

„Was sein muß, muß sein, aber Falleri, überleg’ Dir die Sache und thu’s mir zu Liebe.“

„Wer war’s denn, der bei dem Brand verunglückt ist?“ frug Valerie, während sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

„Oh, weiter Niemand,“ sagte Brenner, obgleich ihm die Frage nicht angenehm zu sein schien, „als der Hans von Baumstetter’s und der Peter von des Schulzen Hof.“

„Die beiden Einzigen, die manchmal freundlich mit mir waren,“ nickte das junge Mädchen; „arme Menschen!“

„Wer kann’s ändern,“ rief der Alte, „heute mir, morgen Dir; es hat so sein sollen, und Du brauchst Dir deshalb keine Gewissensbisse zu machen.“

„Na wird’s bald?“ rief Brummer, in der Thür stehend; „glaubt Ihr, daß ich weiter nichts zu thun habe, als auf Euch zu passen?“

„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Brummer,“ lachte Brenner, „wenn Sie auf mich passen müßten, hätten Sie gerade genug zu thun. Aber leb wohl, Falleri — vergiß nicht, was ich Dir — erzählt habe — Du verstehst mich — wenn ich die Erlaubniß kriege, komme ich noch einmal her zu Dir,“ und ihr kräftig die Hand schüttelnd, verließ er die Zelle wieder und humpelte die Treppe hinunter, an den verschiedenen Schildwachen vorüber, aus dem Haus.

Siebentes Kapitel.
Auf dem Kirchhofe.

Indessen schleppte sich, nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang, die Untersuchung noch einige Monate hin, und das Urtheil gegen die junge Verbrecherin lautete endlich, unter Annahme mildernder Umstände, auf zehn Jahre Zuchthaus und weitere zwei Jahre polizeiliche Aufsicht.

Das Urtheil wurde bald in der Nachbarschaft bekannt, und die Leute schienen es meistentheils zu billigen. Nur des Schulzen Frau in Osterhagen war wüthend darüber und erklärte: es sei keine Gerechtigkeit mehr im Lande, wenn eine solche Verbrecherin, die zwei Todtschläge begangen, mit ein Paar Jahren Zuchthausstrafe abkäme; die müßte doch wenigstens gehangen werden. Das Gericht zog aber des Schulzen Frau zu Osterhagen nicht zu Rath, und da die Verurtheilte gegen die über sie verhängte Strafe nicht appellirte, wurde sie einige Tage später in die dafür bestimmte Anstalt abgeführt und auch weiter nicht mehr von der Sache gesprochen.

Dem alten Brenner schien das Resultat freilich nicht recht, und er ging von der Zeit an noch viel mürrischer im Dorf umher als vorher. Auch daß der Schulze seinen Hof noch viel schöner aufbaute als früher, ärgerte ihn, und es zuckte ihm stets in Fingern und Armen, wenn er der hochnasigen Schulzin begegnete, die ihn noch dazu nicht einmal eines Blicks würdigte. Aber was half ihm sein Ingrimm? Er mußte ihn eben hinunterschlucken, und durfte sich noch nicht einmal etwas merken lassen.

Die „Falleri“ war verschollen und im Zuchthaus begraben.

So mochten fast zwei Jahre vergangen sein, als eines Tages eine stattliche Equipage in Osterhagen vor dem Wirthshaus hielt und ein junger Offizier aus dem Wagen sprang. Er hielt sich aber gar nicht im Wirthshaus auf, sondern befahl seinem Kutscher, nur auszuspannen, erkundigte sich dann bei einem der Knechte, in welcher Richtung etwa der Kirchhof liege, und schritt dann, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, der bezeichneten Gegend zu.

Allerdings interessirte sich die Dorfjugend außerordentlich für ihn, und eine Anzahl der Jungen folgte dem schmucken Husaren auch in achtvoller Entfernung bis zur Kirchhofsthür, da er aber dort gar kein Ende machte und immer nur hin und her wanderte, bekamen sie es zuletzt auch satt. Es war überhaupt Mittagszeit geworden, und sie mußten nach Hause. Sie bekamen den fremden Husaren auch schon wieder zu sehen, wenn er zu seinem Wagen zurückkehrte.

Der kam aber lange nicht; wohl zwei volle Stunden stieg er zwischen den arg verwilderten Gräbern herum, und es war augenscheinlich, daß er irgend ein bestimmtes Grab suchte, aber nicht finden konnte. Endlich gab er es auf und wandte sich dem nächsten Hause zu, um dort jedenfalls Erkundigungen einzuziehen.

Das war das Gemeinde-Haus, und Brenner saß gerade unter einem vor drei Jahren dort selber angepflanzten Hollunderbusch vor der Thür und rauchte aus einem entsetzlich schmutzigen und abgegriffenen Maserkopf seinen „Knaster“. Er sah auch den Offizier auf sich zukommen und wunderte sich, was den in aller Welt hierhergeführt haben könne, rührte sich aber nicht von seiner Stelle und qualmte nur in Gedanken stärker als vorher.

Der junge Mann kam heran, und als er den Bänkelsänger erblickte, redete er ihn an:

„Sagen Sie einmal, lieber Freund, sind Sie hier im Ort seit längerer Zeit bekannt?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, „ich bin hier geboren und jetzt schon eine hübsche Reihe von Jahren in dem Palast da einquartiert.“

„Wohnt der Todtengräber weit von hier?“ frug der Soldat hierauf.

„Weit? Lieber Gott, weit ist hier eigentlich gar nichts,“ lachte Brenner, „denn wenn Sie weit gehen, kommen Sie aus Sicht vom Dorf. Gleich dort neben der Kirche, wo Sie den stumpfen Thurm sehen — er ist auch zugleich Küster, Nachtwächter und Büttel. Aber was wollen Sie von ihm?“

„Es ist mir ein Grab bezeichnet worden,“ erwiderte der junge Offizier, „das ich gern auffinden möchte, aber ich habe mir vergebene Mühe gemacht, danach zu suchen. Wie alt ist Ihr Todtengräber?“

„Oh, nicht alt, noch ein junger Bursche von einigen dreißig Jahren,“ sagte Brenner, „auch erst seit ein paar Jahren hier im Dienste, und sein erstes Geschäft war, den alten einzuscharren.“

„Dann wird er mir auch keine Auskunft geben können,“ seufzte der Offizier, „denn das Grab, das ich suche, muß schon weit über vierzig Jahre gegraben sein.“

„Das ist freilich lange her — und welche Inschrift trägt es? Wenn Sie nur den Namen wissen, finden wir es doch vielleicht noch nach dem Kirchenbuch.“

„Es trägt gar keinen Namen,“ lautete die Antwort, „und das einzige Erkennungszeichen, das mir angegeben wurde, sollte sein, daß zu Häupten desselben ein kleiner spitzer Stein stände, mit einem bestimmten Zeichen eingemeißelt.“

„Hm,“ nickte der Alte, „da brauchen Sie am Ende den Todtengräber und das Kirchenbuch nicht, denn einen solchen Stein weiß ich und hab’ mich schon manchmal gewundert, wer den wohl zum Leichenstein gesetzt haben könnte.“

„Und wo steht der?“ rief der Fremde rasch; „ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich begleiten wollten.“

„Ja, wenn Sie nicht zu rasch laufen,“ sagte Brenner, sich mühsam von seinem Sitz erhebend, „so humple ich mit Ihnen hinüber, aber schnell geht’s freilich nicht mehr. Die Knochen werden alt.“

„Ich habe reichlich Zeit; wir können so langsam gehen, wie Sie wollen.“

„Na, denn man zu,“ nickte Brenner, „weit haben wir ja überdies nicht, denn wir sind hier im Gemeinde-Haus hübsch bequem neben dem Kirchhof einquartiert, damit wir später nicht zu viel Fuhrlohn kosten.“

„Dies ist das Gemeinde-Armenhaus?“

„Ja, und hier sehen Sie einen seiner glücklichen Bewohner.“

„Sie haben auch früher gedient?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, während er neben dem Offizier herhinkte, „auch anno 13 und 15 mitgemacht — aber jetzt geht’s zu Ende. Na Du lieber Gott, ich darf mich nicht beklagen; ich habe schon manchen Jüngeren hier vorbeifahren sehen, und bin doch noch immer die ganze Zeit über Wasser geblieben. Lange wird’s freilich nicht mehr dauern, daß ich da drüben mein Quartier beziehe.“

Die Beiden schritten von da an schweigend und Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt die kurze Strecke hinüber, die sie noch vom Kirchhof trennte, und als sie diesen jetzt erreichten, sah sich Brenner erst eine Weile um, als ob er selber nicht mehr ganz sicher sei, wo er das bezeichnete Grab suchen solle, und stieg dann vorsichtig und mit augenscheinlicher Beschwerde über die Gräber weg, quer durch den Gottesacker hin, bis fast zur anderen Ecke.

Dort war lange Niemand mehr beerdigt worden, und der Platz lag arg verwildert und von hohem Gras und Buschwerk überwachsen; es wurde auch selbst dem alten Manne schwer, sich hier zu orientiren, und er bedurfte einiger Zeit, bis er nur genau die Gegend angeben konnte. Dann aber unterstützte ihn der junge Fremde in seinem Suchen, und den Säbel aus der Scheide ziehend, schob er damit das lange Gras zurück, bis plötzlich der alte Bänkelsänger rief:

„Halt! da ist er — Sie stehen gerade davor. Wie das Unkraut hier in den letzten Jahren aufgeschossen ist! Früher führte ein ordentlicher Weg zu der Stelle.“

„Welcher Platz?“ fragte der junge Offizier, sich vergebens nach dem bezeichneten Stein umsehend.

„Da, dicht vor Ihnen, Sie treten ja fast auf den Stein.“

„Der? Ja mein Gott, den hätte ich im Leben nicht allein gefunden, denn ich hatte ihn mir nach der Beschreibung viel größer gedacht. Aber ist das auch der rechte?“

„Einen anderen spitzen Stein giebt’s auf dem ganzen Kirchhofe nicht mehr,“ erwiderte Brenner; „nicht einmal viel viereckige, denn die Bauern setzen immer nur ein hölzernes Kreuz mit einem Regendach darauf, daß der liebe Gott die Inschrift von oben gar nicht lesen kann.“

„Das muß wirklich der Stein sein,“ rief aber auch jetzt der junge Fremde, der indessen mit dem Säbel das darüber gewachsene Moos abgekratzt hatte, so daß er die eingegrabenen Zeichen erkennen konnte. „Er soll früher zu einer Sonnenuhr gedient haben, und wurde nur damals, nach der Schlacht, als man den Erschossenen hier eingegraben, als vorläufiges Zeichen auf das Grab gesetzt. Die Familie zog aber fort aus Deutschland, und ich habe erst jetzt den Auftrag bekommen, das Grab aufzusuchen und später die Ueberreste des Verstorbenen in unsere Familiengruft zu schaffen.“

„Hm, so?“ sagte der Alte nachdenkend, „und leben noch Anverwandte von dem Todten in dieser Gegend?“

„Nein, außer unserer Familie keine mehr; sie zogen damals weit weg, und wir haben nie wieder von ihnen gehört. — Weshalb?“

„Oh, ich meinte nur,“ nickte Brenner; „aber eine arme Frau, die jedoch einmal weit bessere Tage gesehen haben mußte, und jetzt dort drüben in der Ecke begraben liegt, hat, als sie noch lebte, oft Stunden lang bei diesem nämlichen Stein gesessen.“

„Eine Frau?“

„Ja, die mit zwei Kindern hierher zog, einem Knaben und einem Mädchen — der Knabe starb bald und die Frau nachher auch.“

„Und wie hieß sie?“

„Sie nannte sich hier die Edmunden.“

„Der Name ist mir völlig fremd. Seit wann ist sie todt?“

„Oh, schon eine Reihe von Jahren; wir können nachher einmal an ihrem Grab vorbeigehen.“

„Und die besuchte dieses Grab?“

„Es war ihr einziger Spaziergang viele Jahre lang.“

„Das ist sonderbar; vielleicht eine alte Dienerin des Hauses.“

„Na, so alt war sie gerade noch nicht, aber so was muß es jedenfalls gewesen sein, denn sie starb in großer Armuth, und das Mädchen kam nachher in’s Gemeinde-Haus.“

„Und steht ihr voller Name auf dem Grab?“

„Sicher; sie hat ein Kreuz bekommen so gut wie die Anderen. Was sie hinterließ, reichte gerade aus, um das zu bezahlen.“

„Es war jedenfalls eine der Dienerinnen, die mit seltener Treue an ihrer alten Herrschaft hing. Bitte, zeigt mir einmal das Grab, Freund, damit ich mir den Namen aufschreibe. Ich habe jetzt hier gefunden, was ich suchte, und werde nach einiger Zeit zurückkehren, um meinen Auftrag auszuführen. Kann man jetzt den Schulzen wohl im Ort treffen?“

„Wenn er gerade zu sprechen ist,“ meinte Brenner, „aber in letzter Zeit scheint er selten nüchtern zu werden; er säuft.“

„Das ist ja ein hübsches Orts-Oberhaupt,“ lachte der Offizier.

„Das weiß Gott,“ nickte Brenner, „und mir gefällt er ebenfalls, — aber das hier ist das Grab, schon ein bischen eingesunken und verwachsen, aber lieber Himmel, wer sieht hier danach!“

Der Fremde mußte wieder seine Waffe zu Hülfe nehmen, um ein wahres Strauchwerk von aufgeschossenen Brennesseln zu entfernen, damit er nur den Namen lesen konnte. Aber es stand auch weiter nichts darauf, als: „Valerie Edmund, gestorben den .... .... 185.“ und als Nachsatz: „Sie ruhe in Gott.“

Der junge Offizier schüttelte mit dem Kopf; der Name war ihm fremd, und da nicht einmal ein Geburtsjahr oder ein Ort der Abstammung angegeben war, konnte er ihm auch weiter nichts helfen. Er schob die schon herausgeholte Brieftafel in die Tasche zurück und fragte:

„Leben denn noch Verwandte der Frau hier?“

„Nein,“ erwiderte Brenner, mit dem Kopf schüttelnd, denn die Frage war ihm unangenehm, „nicht hier; die Tochter ist — fortgezogen.“

„Dann helfen mir auch meine Nachforschungen nichts — also herzlichen Dank, lieber Freund, für die gegebene Auskunft; Sie wissen nicht, welchen großen Dienst Sie mir damit geleistet haben. Diese Kleinigkeit bitte ich Sie auch, für Ihre Mühe von mir anzunehmen. Wenn ich in einiger Zeit hierher zurückkehre, hoffe ich Sie wiederzusehen.“

Damit drückte er dem darüber auf’s äußerste Erstaunten zwei harte Thaler in die Hand und schritt dann rasch dem Dorf wieder zu, um dort den Schulzen aufzusuchen. Aber Brenner hatte Recht gehabt; den Schulzen fand er wohl, aber in einem vollkommen unzurechnungsfähigen Zustand. Er taumelte, mit den Knechten, der eigenen Frau und selbst dem Kettenhund zankend, auf dem Hof herum und schwatzte lauter Unsinn, so daß ihn der Fremde mußte stehen lassen und weggehen. Allerdings wollte die Schulzin gerne aus ihm herausbekommen, was ihn hergeführt; er hielt es aber nicht für der Mühe werth, ihr das weitläufig auseinander zu setzen, sondern ließ sie, von der wüsten Wirthschaft angeekelt, stehen und verließ, kaum eine Viertelstunde später, wieder mit seinem Wagen das Dorf.

Achtes Kapitel.
Das Bekenntniß.

Wieder mochten vier Monate nach den im letzten Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen sein, und wenn die Welt auch indessen ihren ruhigen ungestörten Gang fortzurollen schien, so hatte sich doch in Osterhagen Manches in der Zeit verändert, namentlich in des Schulzen Haus.

Der Schulze selber war nämlich plötzlich gestorben — man sagte, an einem Herzschlag vom vielen Trinken, mit dem er die Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse betäuben wollte. Auch Anderes erzählte man sich im Dorfe; der Großknecht sollte es schon in letzter Zeit mit der Frau gehalten haben, und ein paar gute Freundinnen schüttelten immer sehr bedenklich mit dem Kopf, wenn die Rede auf den schnellen Tod des Mannes kam, und meinten auch wohl, man würde schon noch was erleben, und zwar die Heirath des früheren Knechtes mit der Wittwe — aber der Knecht war eines Morgens spurlos verschwunden und kam nicht wieder, und die Frau wüthete so im Haus herum, daß es kein Mensch bei ihr aushalten konnte und neue Mägde keine Woche in der Wirthschaft bleiben wollten.

Wer sich nun wohl am meisten über den Verfall des ihm verhaßten Hauses gefreut haben würde, wäre der alte Bänkelsänger gewesen; aber mit dem ging es ebenfalls auf die Neige. Seine Gliederschmerzen hatte er allerdings seit jener Zeit nicht wieder bekommen, aber dafür peinigte ihn ein anderes Leiden, das einen viel ernsteren Charakter zu haben schien und ihn jetzt unbarmherzig an sein Lager fesselte. Was es war, konnte der Bader allerdings nicht herausbekommen, aber Brenner behauptete, er sei ein Esel und wisse nicht einmal den Unterschied zwischen Leibschneiden und Wassersucht; er solle ihn nur ruhig sterben lassen, wenn seine Zeit gekommen wäre, weiter verlange er nichts. Verschriebene Blutegel und Schröpfköpfe wies er auch mit Entrüstung von sich und schwur, er bräche dem Bader den Hals, wenn er ihm mit einem seiner Blutmittel zu nahe käme.

Uebrigens hatte ihn sein früherer guter Humor ganz verlassen; dumpf vor sich hinbrütend lag er Tage lang auf seinem Bette, und es war sogar einmal, wo von der Kunzen der Name der „Falleri“ erwähnt worden, geschehen, daß er nach dem Geistlichen verlangte, weil er ihm etwas mitzutheilen hätte. Als dieser aber kam, mußte er seinen Entschluß geändert haben, denn er that, als ob er schliefe, und es war nichts aus ihm heraus zu bekommen.

Am andern Morgen war er noch unruhiger geworden. „Wenn ich die Falleri nur noch einmal sprechen könnte“, sagte er in einem fort, „nur noch einmal eine Viertelstunde, und der Herr Assessor würde es erlauben — aber es geht nicht mehr, es geht nicht. Ich fühl’s, die alten Knochen wollen keinen Dienst mehr thun, und nicht einmal eins von meinen Liedern fällt mir mehr bei. Blos das eine — das eine, und das bring’ ich nimmer aus dem Sinn.“

Er klagte über heftige Schmerzen im Magen und genoß auch nur sehr wenig, schien aber von einer merkwürdigen Unruhe geplagt zu sein, und machte oft den freilich immer vergeblichen Versuch, aufzustehen — er brachte es nicht fertig.

In dieser Zeit kehrte der junge Offizier zurück, aber diesmal nicht allein, sondern in Begleitung einer älteren, sehr vornehm aussehenden Dame, die er Tante nannte. Beide zogen aber bei Niemandem Erkundigungen ein, sondern, wie nur der junge Mann die ältere Dame aus dem Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher, auszuspannen, reichte ihr dann seinen Arm und führte sie durch das Dorf direct dem Kirchhof zu.

Dort blieben sie eine ziemliche Weile. Eine Partie Dorfjungen war ihnen nachgelaufen, um sich die bunte Uniform des Husaren in der Nähe zu besehen, getraute sich aber nicht auf den Kirchhof selber, sondern blieb draußen an dem hölzernen Gitter stehen. Dort sahen sie, wie die Beiden zuerst nach der rechten Seite des Kirchhofs zwischen die alten Gräber gingen und die Dame mitten in das Gras und Unkraut hineinkniete. Dann stand sie wieder auf, und sie stiegen nach der anderen Seite hinüber, wo sie erst eine kleine Weile umhersuchten, und dann neben einem Grab eine ganze Zeit lang verweilten. Jetzt schritten sie wieder dem Eingang zu, und die Jugend lief, was sie laufen konnte, in das Dorf zurück, damit sie der Offizier nicht an der Kirchhofsthür erwischte.

Die beiden Fremden folgten ihnen aber nicht dorthin, sondern bogen gleich vor dem Kirchhof nach dem Gemeinde-Hause zu ab, das aber der Offizier allein betrat und nach dem alten Manne frug, der ihn damals auf den Kirchhof geführt. Die Dame verfolgte indessen langsam und allein den Weg in’s Dorf.

Die alte Frau Kunze, die aber auch, seit wir sie zum letzten Mal gesehen, ordentlich eingeschrumpft und vertrocknet schien, stand gerade in der Thür, als der Fremde das Haus betrat.

„Ja du lieber Gott“, sagte sie, auf seine Frage nach dem alten Mann, „da ist er, soviel steht fest, und fort kann er nicht mehr, aber schlecht ist’s ihm auch — hundeschlecht, und reden thut er auch nicht mehr, schon die letzten zwei Tage. Er kann’s nicht mehr lange machen, und es wird wohl bald wieder eine Stube hier im Quartier frei werden.“

„Und kann ich ihn sehen?“

„Ja, warum nicht, aber es ist nicht mehr viel an ihm zu sehen; ein Häufchen Unglück, weiter nichts; wenn Sie herein kommen wollen, ich will’s ihm sagen, daß Jemand da ist, der ihn sprechen möchte?“

Brenner war nicht so eigen; er fühlte sich allerdings entsetzlich elend, aber er nahm trotzdem Besuche an, unterbrach es doch die furchtbare Monotonie seines Lebens und brachte ihn vielleicht für kurze Zeit auf andere Gedanken.

Der junge Offizier betrat übrigens kaum das Gemach, als er auch rasch den sehr verschlimmerten Zustand des Alten in seinen eingefallenen Wangen und hohlen Augen erkannte.

„Lieber Freund“, sagte er theilnehmend, „es thut mir wahrhaft leid, Sie so krank und matt zu finden, und ich will Sie nicht lange stören. Aber ich weiß auch Niemand weiter hier im Ort, um eine bestimmte Auskunft zu erlangen, und um die wollte ich Sie bitten.“

„Des Grabes wegen?“ sagte der Alte.

„Nein, der Tochter jener Frau wegen, die von hier fortgezogen sein soll“, lautete die Antwort. „Können Sie mir ihren genauen Namen und jetzigen Wohnort angeben?“

„Und weshalb?“ frug Brenner scheu und zurückhaltend.

„Es ist eine weitläufige Geschichte“, fuhr der Offizier fort, „die Sie wohl ermüden würde anzuhören; aber so viel kann ich Sie versichern, daß es dem jungen Mädchen keinenfalls zum Schaden gereichen soll; ja es ist möglich, daß wir durch sie auf die Spur eines lange verlorenen Theils unserer Familie kommen.“

„Durch die Falleri?“

Wie heißt sie?“

„Wie ihre Mutter — Valerie, aber hier im Haus und im Dorf nannten sie sie nur die Falleri.“

„Und wo hält sie sich jetzt auf? — wie geht es ihr?“

Der Alte war todtenbleich geworden, seine Lippen zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und er fiel auf sein Kissen zurück, wo er mehrere Minuten regungslos liegen blieb. Der junge Mann hatte ihn indeß besorgt betrachtet, wenn er sich auch die Aufregung des Kranken, bei der einfachen Frage, nicht erklären konnte. Dessen sonst so kräftige Natur siegte aber bald wieder, über die augenblickliche Schwäche des Körpers wenigstens; und sich mühsam aufrichtend sah er den jungen Fremden zuerst wie erstaunt an, als ob er sich nicht gleich besinnen könne, was ihn hierher geführt; doch kehrte die Erinnerung bald zurück und mit ihr das Gefühl seiner Schwäche, seines Leidens.

„Es geht mit mir zu Ende“, sagte er leise, „ich merk’ es wohl, es kann nicht mehr lange dauern, und vielleicht ist’s gut, daß Sie hierher gekommen sind. Ich habe den Geistlichen schon einmal rufen lassen, aber — ich mag die Pfaffen nicht leiden; sie stecken voller Redensarten und Sprüche und beweisen Einem aus der Bibel, daß schwarz roth und roth gelb ist.“

„Aber Sie haben wahrscheinlich meine Frage nicht verstanden“, unterbrach ihn der Offizier, der natürlich glauben mußte, das Gefühl seiner Krankheit habe ihn alles Andere vergessen lassen; „ich wollte gern wissen, wo jenes junge Mädchen —“

„Ich weiß, was Sie fragen wollen“, winkte ihm der Alte mit der Hand, „und Sie sollen Antwort haben. Sie sitzt im Zuchthaus.“

„Im Zuchthaus?“ rief der Fremde, erschreckt von dem Kasten emporspringend, auf dem er neben dem Bett des Kranken gesessen — „was um Gottes willen ist da vorgefallen?“

„Bleiben Sie auf Ihrem Platz“, winkte der alte Mann; „ich kann nicht laut reden — Sie sollen Alles erfahren — ich muß Jemanden haben, dem ich es erzählen, dem ich mein Herz ausschütten kann, ehe ich sterbe, und ich glaube, es — ist die höchste Zeit dazu.“

„Aber was, um Gottes willen, hat die Unglückliche verbrochen?“ rief der junge Offizier.

„Hören Sie zu — Sie erfahren Alles zusammen“, sagte der Alte, „vielleicht — läßt sich auch noch Alles wieder gut machen — Vieles wenigstens, denn Alles doch nicht mehr. — Also um mit dem Kind, der Falleri, zu beginnen: ihre Mutter, die eigentlich nicht recht hierher paßte und jedenfalls einmal früher vornehm und reich gewesen sein mußte, aber herunter gekommen und wahrscheinlich zu stolz war, das die vornehme Sippe merken zu lassen, zog hier ins Dorf und lebte von ihrer Hände Arbeit. Weshalb sie so oft auf den Kirchhof ging und das Grab mit dem spitzen Stein besuchte, weiß ich nicht; sie hat’s Niemandem erzählt, auch nichts über sich und ihre frühere Zeit. Da starb ihr Knabe, und von der Stunde an war sie ebenfalls reif. Sie starb und hinterließ nichts als ein paar Sachen, die verkauft werden mußten, um die Begräbnißkosten zu decken — ein Leinentuch war darunter mit ein paar Buchstaben und einer Krone darüber.“

„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.

„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte — „ich dächte, ich hätte einmal gehört, es wäre ein F. dabei gewesen, aber ich weiß es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die Falleri noch um den Hals — ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter selig.“

„Ist das gewiß?“

„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner — „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht — aber nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie die Hölle auf Erden —“

„Armes, armes Kind!“

„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen — und wie dankbar war sie mir dafür!“

Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort:

„Ich hab’ auch ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann — ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis zur heutigen Stunde — ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. — Und weshalb war sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? — weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! — Von da an wachte ich über sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie, wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that, als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte — denn der Nachtwächter schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde — kroch ich leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten. Natürlich konnte kein Mensch glauben, ich wär’s gewesen, denn ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu laufen.“

„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier erschreckt.

„Hören Sie weiter“, sagte der Mann. „Des Schulzen Hof brannte nieder und noch ein paar andere Buden — wenn der Teufel erst einmal die Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als des Brandes verdächtig, aufgegriffen. — Bah, dacht’ ich, die müssen sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts — wie ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s mich nicht länger im Bett. — Ich wurde wieder gesund und machte mich hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb dabei, sie hätt’s gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich jetzt thun? — Möglich war’s — gereizt hatten sie das arme Ding genug, um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis dahin nicht zugetraut, sie konnt’s gethan und fast an derselben Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht — sollt’ ich mich jetzt auch angeben, was hätt’s ihr genutzt? — dann hätten sie uns nur Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s, aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich die Sache eben gehen.“

„Und nun?“

„Damals war ich noch gesund“, fuhr der Alte fort, „und dachte auch, die Falleri hätt’s eigentlich im Zuchthaus noch besser als draußen, wo sie von aller Welt herumgestoßen und mißhandelt wurde. Jetzt aber, wo’s zu Ende geht, und ich die elende Zeit hatte, zu grübeln und immer nur zu grübeln, da sind mir andere Gedanken gekommen. Die Falleri hat’s nicht gethan — sie kann’s nicht gethan haben, und wegen meiner sitzt sie jetzt hinter den eisernen Gittern und spinnt Wolle.“

„Und wenn sie es nun doch mit gewesen wäre?“

„Nein, — es ist nicht möglich, sag’ ich“, rief der Alte, „gleich auf frischer That ja, aber nicht mehr, wo sie erst bei ihrer Mutter selig auf dem Kirchhof gewesen — und dann hätten zwei Stunden darüber vergehen müssen, ehe es angebrannt wäre, und das thut’s nicht draußen in der Luft — entweder es geht an oder aus. Sie kann’s versucht haben, aber ihres ist nicht angegangen, und der Brandstifter liegt hier und härmt sich die Seele aus dem Leibe. — So — jetzt ist’s heraus — jetzt machen Sie, daß Sie in die Stadt zum Assessor Buntenfeld kommen — Dem erzählen Sie die Geschichte — Der bringt’s wieder in Ordnung, damit ich ruhig sterben kann. Wenn sie mich dann auch noch vorher ins Zuchthaus transportiren, was thut’s — dort hab’ ich jedenfalls bessere Pflege als hier in dem öden Nest, und jetzt ist mir auch das Herz wieder leicht, da ich’s ausschütten konnte, was mir darauf gelegen die langen Jahre.“

„Und habt Ihr einen Arzt hier?“

„Ja — einen, wovor Einen Gott bewahren soll — einen Blutegel, der Alles mit Schröpfköpfen und Aderlassen curirt, und wenn sich Einer über Halsschmerzen beklagt, zieht er ihm einen Zahn aus und sagt: das hilft.“

„Und seid Ihr bereit, das, was Ihr mir gesagt, in Gegenwart des Assessors zu wiederholen?“ frug der junge Mann, von seinem Sitz aufspringend. Der Alte zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich aber sagte er:

„Wenn’s die Falleri frei macht, und wenn’s sein muß — ja in Gottes Namen — den Hals können sie mir nicht abschneiden, und ich muß mit der Geschichte ins Reine kommen; die andern will ich schon selber vor’m lieben Gott verantworten, denn ich bin eigentlich nie ein böser Mensch gewesen, wenn sie mich auch manchmal gern dazu gemacht hätten.“

Der Soldat hatte schon lange seine Mütze aufgegriffen, aber sich noch einmal in dem wirklich trostlos öden Gemach umschauend, sagte er:

„Wie ich sehe, fehlt es Euch hier an jeder Bequemlichkeit — es ist möglich, daß Ihr uns einen großen Dienst geleistet habt; daß wir dadurch auf die Spur einer bis dahin verloren Geglaubten kommen, und ich — möchte nicht, daß es Euch bis dahin an etwas fehle. Ich werde mit dem Assessor heraus kommen, aber auch einen ordentlichen Arzt bringen, und hier — ist indessen Geld, damit Ihr Euch anschaffen könnt, was ihr gerade nothwendig braucht.“

„Du lieber Gott“, sagte Brenner ordentlich erschreckt, als ihm der Fremde zwei Goldstücke auf das Bett warf — „das ist zu viel, das — das kann ich gar nicht mehr durchbringen.“ — Ehe er ihm aber nur ordentlich danken konnte, war der junge Mann schon zum Zimmer hinaus und auf seinem Weg zum Gasthof, wo er die indessen langsam vorangegangene alte Dame noch einholte und mit ihr im eifrigen Gespräch auf- und abschritt, bis der Kutscher wieder eingespannt hatte, und jetzt im scharfen Trab der Stadt zufuhr.

Neuntes Kapitel.
Der Besuch im Zuchthaus.

Der junge Offizier schien auch wirklich nicht viel Zeit versäumt zu haben, denn noch am nämlichen Abend, lange vor Dunkelwerden, rasselte eine Extrapost durch Osterhagen durch, hielt sich aber gar nicht am Gasthof auf, obgleich der Postillon einen sehnsüchtigen Blick hinüber warf, sondern passirte im scharfen Trabe das Dorf und hielt erst vor dem Gemeinde-Armenhaus, sehr zum Erstaunen der Dorfbewohner und Insassen des Hauses selber — nur nicht des alten Brenner, der recht gut wußte, was das zu bedeuten habe.

In dem Fond des Wagens saß der Medizinalrath aus der Stadt mit dem alten Assessor Buntenfeld, auf dem Rücksitz ein junger Beamter mit einem Stoß Papier und seinem Schreibzeug in der Tasche, und der Offizier.

Wie der Wagen hielt, wollte die alte Frau Kunze die Honneurs machen, wurde aber gleich bei Seite geschoben und beordert, die Herren nicht zu stören, die sich dann auch ohne Weiteres in das Zimmer des Kranken begaben.

Der Arzt, der ihn vor allen Dingen untersuchte, schüttelte allerdings mit dem Kopf und meinte: der Kranke sei falsch behandelt worden, denn Schröpfköpfe würden ihm allerdings wenig helfen, da er an einem schon sehr vorgeschrittenen Magenkrebs leide. Brenner aber lachte bitter vor sich hin und sagte:

„Falsch bin ich nicht behandelt worden, Herr Doctor, mein ganzes Leben lang, aber schlecht; das war der Fehler — Den Taschenkrebs habe ich schon von Jugend auf gehabt, und daß sich der endlich in den Magen gefressen hat, ist eben kein großes Wunder — das Quartier stand gewöhnlich leer. Aber desto besser, wenn’s zu Ende geht, so hört die Schinderei doch einmal auf, denn ich hab’s gerade lange genug ertragen.“

„Und Ihr habt mir etwas mitzutheilen, Brenner?“ frug der Assessor, der die Zeit nicht gern versäumen wollte. „Können wir damit beginnen?“

„Setzen Sie sich dahin, Herr Assessor“, sagte der Alte; „einen Tisch haben wir hier freilich nicht — in der Küche steht nur einer, doch den bringen wir nicht durch die Thür — der Herr Aktuar muß auf den Knien schreiben — ich werde auch nicht weitläufig sein, denn was mein früheres Leben betrifft, so geht das Niemanden mehr etwas an.“

„Und Ihr wollt die Wahrheit sprechen?“

„Mir ist jetzt nicht mehr wie Lügen zu Muthe, Herr Assessor — setzen Sie sich nur, Sie sollen die ganze Geschichte hören, und der Herr Doctor mag als Zeuge dabei bleiben, damit Sie’s genau wissen und die arme Falleri wieder frei kommt.“

Der Actuar hatte sich bald einen Platz zum Schreiben hergerichtet, und das eigentliche Verhör begann jetzt. Der Assessor brauchte aber kaum eine Frage zu thun, denn der Alte, der schon genau zu wissen schien, welche Punkte er hervorheben mußte, hielt sich nur eine Weile bei der Art und Weise auf, wie das Kind hier in Osterhagen behandelt sei — gewissermaßen um sich selber zu rechtfertigen, daß er es eine Zeit lang für möglich gehalten, sie könne es gethan haben, und ging dann auf die Umstände jenes Abends über, die er mit klaren einfachen Worten schilderte und nur zum Schluß hervorhob, daß, wenn die Falleri wirklich dieselbe Absicht gehabt habe — was er aber vor Gott nicht glaube — so könne ihr Feuer gar nicht angegangen, sondern müsse wieder verlöscht sein. Er aber sei seiner Sache gewiß — er wäre nicht eher fortgegangen, bis er im Stroh die helle Flamme gesehen habe, und die hätte denn auch nicht lange auf sich warten lassen, weiter zu fressen, denn er sei kaum wieder in sein Fenster geklettert und habe sich aufs Bett geworfen, als der Lärm schon losgegangen wäre.

Der alte Assessor sprach wenig hinein — unterwegs schon hatte ihm der Fremde die Vermuthungen mitgetheilt, die er über die früheren Schicksale von Valerie’s Mutter und deren Abstammung hege, und die erst zur Gewißheit werden konnten, wenn man das unglückliche, junge Mädchen selber sprach und den Schmuck sehen konnte, den sie noch von ihrer Mutter bewahrte. Noch hatte man allerdings keine Gewißheit, wenn auch starke Gründe zu der Vermuthung, denn Valerie war allerdings der Name der Verschollenen gewesen, und Edmund der Vorname ihres Gatten; der aber dort unter dem spitzen Stein begraben lag, wäre der Vater der Verstorbenen gewesen, an dessen Grabe diese so oft gesessen.

Der Kranke hatte durch die lange Erzählung aber seine Kräfte vollständig erschöpft, und der Arzt rieth ihm jetzt Ruhe an, versprach ihm auch, da der Fremde für alle Kosten einstand, sowie sie nach der Stadt zurückgekehrt wären, die nöthigen Arzneien und Stärkungen wie auch eine zuverlässige Person heraus zu senden, die ihn pflegen solle. Transportirt konnte er natürlich in dem Zustand nicht werden, und man mußte abwarten, wie sich die Krankheit entwickelte.

In Osterhagen steckten die Leute allerdings die Köpfe zusammen, was da vorgefallen sein könne, und weshalb eine Extrapost vor dem Gemeinde-Armenhause und nicht vor der Thür des neuen Schulzen oder wenigstens vor dem „Gasthof“ gehalten habe. Die Frau Kunzen wurde auch von verschiedenen Nachbarinnen auf das Schärfste inquirirt, wußte aber leider gar nichts anzugeben, als daß die fremden Herren bei dem Brenner drin gewesen und lange mit ihm gesprochen hätten. Allerdings gestand sie den Versuch ein, „etwas Bestimmteres“ zu erhorchen; so oft sie aber der Thüre nur nahe kam, öffnete der Offizier dieselbe und sah heraus, und sie mußte dann jedesmal wieder in die Küche fahren.

Uebrigens wurde die Aufmerksamkeit der Bewohner von Osterhagen an dem Tage sehr getheilt, denn noch spät gegen Abend traf ein anderer Fremder ein, der von der Frau des verstorbenen Schulzen eine ziemlich bedeutende Summe forderte und fällige Wechsel dafür in Händen hielt. Natürlich hatte sie nicht bezahlen können und der Fremde dann erklärt, daß er sie verklagen und das Gut verkaufen lassen würde. Wie ein Lauffeuer ging auch das Gerücht durch das Dorf: „der Schulzenhof,“ wie das Gut immer noch hieß, „käme unter den Hammer“ — aber bedauert wurde die Frau deshalb von Niemand. Sie hatte sich zu wenig Freunde dafür gemacht.

Indessen bereitete sich aber in der Stadt eine andere Scene vor, denn vor Aufregung zitternd, hatte die alte Dame, die in Begleitung des Offiziers den Kirchhof zu Osterhagen besucht, die Rückkehr der kleinen Expedition erwartet. Für diesen Abend war freilich nichts weiter zu thun, denn wenn auch das Zuchthaus selber unmittelbar an der Stadt lag, war der Tag doch schon zu weit vorgerückt, um heute noch Schritte zu einer weiteren Untersuchung thun zu können. Der nächste Morgen mußte abgewartet werden; dann aber versprach auch der alte Assessor, der jetzt selber anfing sich für die Sache zu interessiren, mit ihr hinauf zu fahren und die Erledigung der Angelegenheit so viel als irgend möglich zu beeilen — es verstand sich von selbst, daß sie dann noch immer langsam genug vorwärts ging.

Vor allen Dingen war es dort nöthig, als sie etwa um zehn Uhr das unheimliche Gebäude erreichten, das goldene Kreuz und den Ring zu sehen, den die Gefangene trug, oder wenigstens getragen hatte, denn des Assessors Vermuthung bestätigte sich: er war ihr, als sie eingekleidet wurde, abgenommen worden.

Hier aber ward die Vermuthung zur Gewißheit. Ein ganz ähnliches Kreuz trug die Dame selber an ihrem Hals, denn für drei Geschwister waren damals solche Kreuze angefertigt worden, und zwar eines mit dem Buchstaben V., eines mit M. und eines mit L. Die verlorene oder spurlos verschwundene Schwester hieß Valerie, und der Trauring trug außerdem das Datum und die Jahreszahl ihrer Verheirathung mit dem Gatten.

„Und was hat die Gefangene gesagt, als ihr die beiden Dinge abgenommen wurden?“ frug der alte Assessor, den diese Sache besonders zu interessiren schien.

„Lieber Gott, was wollte sie machen,“ erwiderte achselzuckend der Schließer, der die Gegenstände gerade vom Herrn Director heruntergeholt hatte, „widersetzen durfte sie sich doch nicht, und anfangs war es freilich, als ob sie sie nicht hergeben wollte; aber auf einmal stand sie ganz still, nahm das schwarze Band ab, das ihr um den Hals hing, küßte das Kreuzchen und den Ring, und legte beides dann, ohne ein Wort weiter zu sagen, oder eine Thräne darum zu vergießen, auf den Tisch. — Derlei Leute machen sich aus so was nicht viel.“

„Und wie hat sich die Gefangene bis jetzt betragen?“

„Gegen ihr Betragen läßt sich nichts einwenden,“ meinte der Mann, „sie ist die Beste von Allen, und die Stillste und Fleißigste — der Herr Director sind auch sehr mit ihr zufrieden.“

Der „Herr Director“ kam jetzt selber und schien es nicht besonders gerne zu sehen, daß man eine von „seinen“ Gefangenen sprechen wolle, konnte es aber auch nicht gut einem Criminalbeamten, der noch dazu im speciellen Auftrag der obersten Justizbehörde in —* kam, abschlagen, und gab den Befehl, die Gefangene von ihrer Arbeit abzurufen und hierher zu bringen.

In dem kleinen Empfangszimmer, das aber ebenfalls mit starken, eisernen Stäben versehen war, saß die alte Dame, neben ihr und sie unterstützend stand der Offizier, und vor ihnen, um die ganze Verhandlung zu leiten, der alte Assessor.

Als das junge Mädchen das Zimmer betrat, blieb sie, wahrscheinlich einen weiteren Befehl erwartend, mit niedergeschlagenen Augen an der Thür stehen. Sie sah nicht allein bleich aus, sondern hatte besonders jene ungesunde, fahle Gesichtsfarbe, die, von der dumpfen Kerkerluft herrührend, den Gefangenen eigen ist.

Der Director hatte sein Buch neben sich liegen, in dem er den Namen nachsah, den die Gefangene früher geführt hatte.

„Edmunden,“ sagte er, „komm näher; hier ist ein Herr, der ein paar Fragen an Dich richten will.“

Das Mädchen gehorchte dem Befehl, ohne aber noch aufzusehen; fast wie mechanisch bewegte sie sich einige Schritte vor und blieb dann wieder stehen, um das Weitere zu erwarten.

„Kennst Du mich noch, Valerie?“ sagte da der alte Assessor freundlich.

Das junge Mädchen, das den Beamten jedenfalls an der Stimme erkannt haben mußte, denn sie hob den Blick nicht, sagte leise:

„Ja.“

„Ich habe Dir einen Auftrag auszurichten,“ fuhr der Assessor fort, „einen Gruß von einem alten Bekannten, vom alten Brenner aus dem Gemeinde-Armenhaus zu Osterhagen.“

Eine leichte Röthe zuckte über Valerie’s Gesicht, das aber weiter keine Bewegung verrieth; auch diese etwas dunklere Färbung verschwand bald wieder und sie erwiderte nur leise:

„Ich danke Ihnen vielmals.“

„Hm,“ meinte der Assessor, der erwartet haben mochte, daß sie ihn nach dem Alten weiter fragen würde; „Du scheinst Dich für Osterhagen nicht mehr besonders zu interessiren. Der Alte ist aber recht krank — er liegt am Sterben und hat mich neulich rufen lassen und mir etwas vertraut.“

Die Gefangene hörte jedenfalls die Worte, schien aber nicht den geringsten Antheil daran zu nehmen. Sie nickte nur schweigend mit dem Kopf und erwartete, was ihr weiter gesagt werden würde. Was lag auch daran, wenn ein Mensch krank wurde und starb — Der hatte es überstanden und wurde in die stille Erde gelegt. Wie oft hatte sie sich selber schon danach gesehnt! Der Assessor kam aber dadurch, während die alte Dame das junge Mädchen mit steigender Spannung betrachtete, etwas außer Fassung und mußte wieder ganz von vorn anfangen.

„Ja, mein Kind, dem alten Brenner geht’s recht schlecht,“ sagte er, „und, wie er glaubt, auch wohl mit ihm zu Ende. Da hat er denn vor seinem Tode noch ein Bekenntniß abgelegt, das Dich auch mit betrifft und nahe angeht.“

„Mich?“ sagte Valerie und hob zum ersten Mal das große, schwarze Auge empor. Als aber ihr Blick zugleich dabei auf die Dame fiel, senkte sie ihn wieder zu Boden, und glühende Röthe flog für einen Moment über ihre Züge. War es doch das erste Mal wieder seit ihrer Verhaftung, daß sie sich in Gegenwart einer Frau befand, die sie an das Bild ihrer eigenen Mutter aus früherer Zeit erinnerte. Warum führte man sie nur hierher? weshalb ließ man sie nicht in ihrer Zelle? Sie vergaß ganz, daß der Assessor zu ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, der alte Brenner habe ein Geständniß gemacht, welches auch sie angehe und betreffe. Der Assessor aber, der wohl merkte, wie theilnahmlos die Gefangene seinen Bericht anhöre, fuhr fort:

„Er hat nämlich gestanden, daß nicht Du, sondern er das Feuer in Osterhagen angelegt habe, und ich frage Dich jetzt, weshalb Du Dich damals als Thäterin eines Verbrechens angeklagt, das Du gar nicht begangen zu haben scheinst?“

„Der alte Brenner?“ frug aber plötzlich Valerie, und in dem Moment war jedes andere Bild aus ihrem Herzen verschwunden, und nur die Erinnerung an jenen Abend tauchte hell und klar darin auf. — „Der alte Brenner hat den Schulzenhof angezündet? Der war ja krank und lag in seinem Bett.“

„Krank gestellt hat er sich, ja, aber er war vollkommen gesund und munter, und weil die Leute nicht wußten, daß er sich regen könnte, fiel auch kein Verdacht auf ihn. Man glaubte auch deshalb damals, daß Du die That begangen hättest, weil Du von des Schulzen Frau so schlecht behandelt worden.“

Der Assessor schwieg, weil er meinte, daß die Gefangene jetzt etwas darauf erwidern würde; aber er hatte sich abermals geirrt. Valerie entgegnete keine Silbe und nahm auch die Augen nicht mehr vom Boden empor.

„Beantworte mir die Frage, Kind,“ sagte da der Assessor endlich; „wie kommst Du dazu, daß Du Dich damals zu der That bekanntest? Ist es denn nicht besser, frei zu sein, als in einer solchen Anstalt eingesperrt zu bleiben?“

„Ich hab’ es gethan,“ flüsterte da Valerie leise — „lassen Sie mich wieder fort zu meiner Arbeit — der alte Brenner war es nicht.“

„Valerie!“ rief da plötzlich die Dame, die sich nicht mehr halten konnte, indem sie ihre Arme ausbreitete, auf das erschreckt zu ihr emporschauende Mädchen zuflog und sie mit wilder Heftigkeit umschlang — „unglückliches Kind meiner verlorenen, armen Schwester — o, sprich die Wahrheit — sprich die Wahrheit — hast Du es gethan?“

Valerie duldete schweigend die Umarmung; sie war womöglich noch bleicher geworden als vorher, und stand wie in einem halben Traum. Seit ihrer Mutter Tode, die langen langen Jahre hindurch, hatte sie Niemand an das Herz gedrückt und geküßt — Niemand sie liebend umfangen — wachte sie denn oder träumte sie — die fremde Frau hatte gesagt: Kind meiner verlorenen Schwester! War denn das — —?

Leise wand sie sich aus ihrem Arme, drückte sie langsam von sich, und sie mit den großen, dunklen Augen anschauend, flüsterte sie:

„Sind Sie denn — sind Sie denn die Schwester — meiner Mutter?“

„Ja, Valerie — ich bin es,“ rief die Fremde — „ich bin Marie, Deiner seligen Mutter Schwester, Deine Tante. Oh sprich zu mir, Kind — denke, daß mich die Angst um Dich verzehrt — bist Du es gewesen?“

Valerie hatte, während die Frau sprach, die Augen von ihr gewendet und lauschte dabei wie auf ein fernes Geräusch. Ihr Antlitz verrieth dabei keine Bewegung als das des Staunens, der Ueberraschung. Da plötzlich, als jene schwieg, rief sie, alles Andere um sich her vergessend, aus:

„Das waren die nämlichen Laute, das war die Stimme meiner Mutter — oh meine Mutter!“ und mit wilder Heftigkeit zu den Füßen ihrer Tante niederfallend, umschlang sie deren Knie, und Thränen — lindernde Thränen zum ersten Mal wieder seit langen, trostlosen Jahren entstürzten ihren Augen.

„Meine Valerie! Mein Kind,“ rief die Fremde bewegt, indem sie sich zu ihr niederbog. „Und so muß ich Dich wieder finden — oh sage mir nur, ob Du das Schreckliche gethan.“

„Nein, nein, nein, nein!“ schluchzte aber das Kind, noch immer ihr Antlitz in ihrem Kleid bergend; „nie, nie habe ich ein Unrecht gethan — es war die erste Lüge, die über meine Lippen kam — aber wo wollte ich hin? — Alles stieß mich fort von sich — Niemand, Niemand auf der weiten Erde hatte mich lieb, und ich — wollte sterben.“

„Oh, Gott sei ewig Lob und Dank!“ rief da unter Freudenthränen die fremde Dame, und neben Valerie zu Boden kniend, umschlang sie das zitternde Mädchen mit ihren Armen und küßte wieder und wieder ihr Haupt. Der alte Assessor aber nahm, ganz in Gedanken, eine Priese nach der anderen, und der Director sagte:

„Hm, das ist ja eine ganz wunderbare, höchst merkwürdige Geschichte und bedarf doch wohl noch einiger Aufklärung.“ Assessor Buntenfeld aber ging auf ihn zu, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn ans Fenster, wo er lange und angelegentlich mit ihm sprach, so daß der alte Herr fortwährend vor Verwunderung dazu mit dem Kopf schüttelte. Eigentlich hatte der Assessor aber nur den Beiden Zeit geben wollen, sich wieder zu sammeln, und als er sich auf’s Neue nach ihnen umdrehte, saß die alte Dame auf dem Stuhl, den ihr der Neffe hingerückt, und hielt die neben ihr knieende Valerie fest und innig an sich gepreßt.

Der alte Assessor war übrigens ein praktischer Mann und wußte außerdem, daß Gefühlsäußerungen nirgends mehr am unrechten Platze sein konnten als in diesen Räumen. Es mußte etwas geschehen, denn eine Wiedererkennungsscene und einfache Betheuerung der Unschuld einer schon Verurtheilten konnte diese nicht so ohne Weiteres befreien.

Außerdem hatte die Scene jetzt auch lange genug gedauert, und der Director, ein reiner Formenmensch, wäre ihm am Ende ungeduldig geworden. Er rückte sich deshalb einen Stuhl zum Tisch, nahm von dem dort liegenden Papier und forderte dann Valerie auf, ihm jetzt mit klaren Worten die Erlebnisse jenes Abends zu schildern und dabei auf das Bestimmteste auszusprechen, ob sie sich noch jetzt des früher eingestandenen Verbrechens für schuldig bekenne, oder, wenn nicht, weshalb sie früher eine falsche Aussage gemacht. Er litt auch nicht, daß Valeriens Tante ein Wort hineinsprach — er wollte nichts als die einfache Erzählung der Verurtheilten, und die gab ihm auch Valerie mit so schlichten, einfachen Worten, aber so herzerschütternd zugleich in der schmucklosen Schilderung ihr früheren Lebens, ihres trostlosen Verlassenseins, aus welchem sie nur durch den Tod befreit zu werden hoffte, daß die Dame vor Schluchzen kaum dem Gang derselben folgen konnte, und selbst der Assessor wieder ein paar Mal nach der Dose greifen mußte.

Vor der Hand ließ sich nun allerdings weiter nichts in der Sache thun, denn der Director konnte natürlich keinen der Sträflinge, was auch immer seine eigene Ueberzeugung gewesen wäre, entlassen — aber sie war trotzdem in guten Händen, denn der alte Assessor versprach ihnen schon am nächsten Morgen alle nöthigen Papiere, und wenn er die ganze Nacht arbeiten sollte, mit denen sie dann in der Residenz die Freilassung der jedenfalls schuldlos gefangen Gehaltenen erwirken konnten.

Der Director war allerdings für seine Person noch nicht ganz überzeugt, und er meinte gegen den Assessor, es seien ihm in seiner Praxis schon ganz wunderbare Dinge vorgekommen, die er selber nicht glauben würde, wenn er sie nicht selber erlebt hätte. Aber der Justizminister oder das Ober-Appellationsgericht möchte entscheiden, und er wolle bis dahin dem jungen Mädchen ein besonderes Zimmer und bessere Kost geben, als die übrigen Gefangenen bekämen. Auch sollte sie die Zeit über von der Arbeit frei bleiben. Einen weiteren Verkehr mit ihren Verwandten, bis er genaue Instructionen habe, weigerte er sich aber zu gestatten. Das erlaubte ihm sein Dienst und seine Pflicht nicht, und nur die erst erwähnte Vergünstigung glaubte er, unter den bestehenden Verhältnissen verantworten zu können.

Dabei mußte es natürlich vor der Hand bleiben, und wie schwer sich auch die Fremde jetzt gerade von dem kaum wiedergefundenen Kinde trennte, so geschah es doch in der frohen Hoffnung, die Unglückliche bald, recht bald wieder dem Leben, der Freiheit zurückgegeben zu sehen. Immerhin vergingen indeß noch volle drei Wochen, bis alle nöthigen Wege eingeschlagen, alle nöthigen Formen beobachtet waren. Aber die Aussagen des alten, bis dahin gestorbenen Bänkelsängers waren zu klar gewesen, der Assessor versäumte außerdem nichts, die bedauernswerthen Schicksale des armen Mädchens hervor zu heben, und nach Ablauf der Zeit hielt ein geschlossener Wagen vor der Anstalt und rollte bald darauf, ein paar glückliche Herzen bergend, der Residenz wieder zu.

Zehntes Kapitel.
Schluß.

Fünf Jahre waren verflossen, als eine offene, sehr elegante Reisekalesche eines Tages wieder langsam durch Osterhagen fuhr. Wie damals, saß auch ein Husarenoffizier und eine Dame im Fond des Wagens, aber die Dame sah jung und blühend aus, und auf dem Rücksitz befand sich noch ein junges kräftiges Bauermädchen, mit einem prächtigen kleinen Burschen von etwa anderthalb Jahren auf dem Schooß.

Der Wagen fuhr aber nicht nach dem Kirchhof, der keine lieben Todten mehr barg, denn schon im vorigen Jahr waren unter Oberaufsicht des alten Assessors Buntenfeld drei Särge von dort ausgehoben, in dazu hergeschaffte bleierne Uebersärge gelegt, diese dann verlöthet und fortgefahren worden. Die Kalesche rollte nur geraden Weges zu dem Gemeinde-Armenhaus hinaus und hielt dort.

Eine in zerrissene Lumpen gekleidete Frau, mit verwilderten Haaren, das Gesicht aber aufgedunsen und roth, als ob die widerliche Gestalt dem Trunk ergeben wäre, saß davor und starrte die fremden Besucher mit ihren gläsernen Augen an.

Die junge Dame schrak zurück und schauderte zusammen.

„Um Gott, Edmund“, flüsterte sie dem Gatten zu, „das ist des Schulzen Frau — oh wie entsetzlich sie aussieht!“

„Das also ist die Dame“, nickte der Offizier; „die scheint denn allerdings schon auf Erden die Strafe für Alles erhalten zu haben, was sie an Dir, Du armes Herz, verübt: aber mit dieser Person wollen wir uns nicht aufhalten. Wie hieß die Frau, nach der Du fragen wolltest.“

„Kunze“, flüsterte seine Begleiterin.

„Lebt hier im Hause noch eine alte Frau Kunze?“ wandte sich jetzt der Fremde an die auf der Schwelle kauernde Gestalt.

„Hier im Haus?“ knurrte diese, mit einem tückischen Blick nach dem Frager — „hier im Haus lebt Niemand als ich — Alles ist todt, Alles begraben aus dem öden Nest, und wenn Sie mich besuchen wollen, so müssen Sie Nachmittags zum Kaffee kommen.“

„Aber die Frau mit den beiden Kindern“, rief Valerie erschreckt, „die kann doch nicht gestorben sein.“

„Nein“, lachte die Alte — „die ist blos verrückt geworden, und die Kinder sind in die Ziehe gegeben.“

„Großer allmächtiger Gott!“

„Ja, was hat der liebe Gott damit zu thun,“ höhnte die Halbtrunkene. „Wer hier im Hause wohnt, muß verrückt werden, und ich werde mich auch nächstens anmelden — reif bin ich schon.“

„Und wer hat die Kinder aufgenommen?“

„Wer? — nun die alte Deckern war albern genug dazu. Die quält sich jetzt mit den Bälgern herum, und hat selber kaum das liebe Brod.“

„Oh, laß uns hinfahren, Edmund“, bat die junge Frau — „nur fort von hier, denn mir schnürt es bei dem Anblick die Seele zu.“

„Gern, mein Herz, aber weißt Du, wo jene Frau wohnt?“

„Gleich dort hinüber — sie war die nächste Nachbarin meiner armen Mutter und immer lieb und freundlich gegen mich.“

„Was war sie?“ schrie die Frau an der Thür, bei den Worten aufmerksam werdend — „die Nachbarin Deiner Mutter — wie ist mir denn? — das Gesicht! Jesus, die Falleri!“

„Fort — fort!“ drängte die junge Frau, und der Postillon berührte die Pferde mit der Peitsche, daß sie rasch anzogen und der Wagen die Straßen hinabrollte. Hinter ihnen her aber fluchte die Halbtrunkene, raufte sich die Haare und warf sich dann in Wuth und Haß und Ingrimm auf den Boden nieder.

Der Postillon sah sich manchmal um, die Richtung angegeben zu bekommen, die er zu nehmen hatte, aber der Weg war nicht zu fehlen; er führte um das Dorf herum, der Stelle zu, wo zwei kleine Häuser nahe beisammen lagen.

Die alte Nachbarin wohnte aber nicht mehr in ihrem früheren, jetzt baufälligen Quartier, sondern war zur Miethe in die nämliche Wohnung gezogen, die früher Valeriens Mutter inne gehabt. Wie staunte freilich die arme, alte Frau, als die elegant gekleidete, jugendfrische Dame aus dem Wagen stieg, auf die in der Thür Stehende zuging, ihr weinend um den Hals fiel und sie küßte.

„Die Falleri!“ rief sie da plötzlich aus und schlug die Hände zusammen, „oh Du grundgütiger Gott, die Falleri! — und wie hübsch und groß Du geworden bist, Kind! — ach, wenn Dich Deine Mutter selig jetzt so sehen könnte, die würde eine Freude haben — und hat so so wenig auf der Welt gehabt!“ Die großen hellen Thränen liefen dabei der Frau über das gute alte Gesicht.

Auch Valerie weinte, als sie das Haus betrat und jetzt die Stätte sah, auf der sie mit ihrer guten Mutter so trübe — und doch auch wieder so frohe Tage verlebt. Dort hat ihr Stuhl — dort das Bett gestanden, in dem sie gestorben, und ihr armes Kind allein gelassen in der Welt — aber der Schmerz hatte das Bittere verloren, denn er löste sich ja in Thränen auf, und bald konnte sie wieder lächeln, als sie, ihren Knaben auf dem Arm, mit ihm durch die alten lieben Räume schritt.

Es sah hier freilich noch so ärmlich aus als früher, wenn auch lebendiger, denn die beiden Waisenzwillinge, die sie oft selber hatte pflegen helfen, sprangen munter hinter ihr drein, und jubelten über die Kleinigkeiten, die sie ihnen mitgebracht.

Aber Valerie hatte auch gelernt, wie weh Armuth thut, und wollte wenigstens in etwas an der alten Frau, die immer gut mit ihr und ihrer Mutter gewesen, den Dank abtragen, den sie ihrem neuen Leben schuldete. Die Frau bekam allerdings von der Gemeinde die nothwendigsten Auslagen für die ihrer Pflege übergebenen Kinder, die man jetzt nicht im Gemeindehaus lassen konnte, bezahlt, aber sie war selber zu arm, um Weiteres für sie zu thun, und Valerie versprach deshalb, für sie zu sorgen. Auch das Häuschen sollte der alten Nachbarin eigenthümlich gehören, und Assessor Buntenfeld, den sie nicht vergessen, bekam noch an dem nämlichen Tage Auftrag, es für sie anzukaufen.

Blitzesschnell hatte sich indeß im Dorf das Gerücht verbreitet, die Falleri, die Gemeinde-Waise, sei wieder zurückgekommen und eine vornehme Dame geworden. Daß sie unschuldig eingesperrt gewesen und der alte Brenner eigentlich das Feuer angelegt, wußte man schon lange. Aber es getraute sich Niemand hinaus zu ihr, denn Niemand im ganzen Dorfe wußte sich von Schuld rein, das arme hülflose Wesen damals nicht mit unterdrückt — nicht mit verachtet zu haben. Ja, als der Wagen endlich wieder durch das Dorf fuhr, und vor dem Hause des Schulzen hielt, in dessen Hände Valeriens Gatte jetzt eine Summe Geld legen wollte, die das vergüten solle, was das Dorf damals an Auslage für die Waise gehabt, weigerte sich der neue Schulze auf das Bestimmteste, das Geld zu nehmen — er sagte, er könne es vor seinem Gewissen nicht verantworten. Auch aus den benachbarten Häusern kam kein Mensch heraus, und nur scheu hinter den Fenstern lugten sie vor, um die „Falleri“ noch einmal in ihrem Staat zu sehen.

Erst als der Offizier das Geld als Geschenk für das Armenhaus deponirte, durfte und konnte es der Schulze nicht zurückweisen. Er lud auch jetzt die beiden Gatten ein, doch auszusteigen und in seinem Hause einen Imbiß einzunehmen, aber Valerie fühlte sich von dem scheuen, schuldbewußten Benehmen der Dorfbewohner so beengt, daß es sie drängte, wieder hinaus ins Freie — fort von den nur zu gut gekannten Häusern zu kommen.

Die Pferde zogen an; der leichte Wagen rollte durch das Dorf, und nur noch wie ein Schleier lag die Erinnerung an Osterhagen auf der Seele der schwer geprüften jungen Frau.