Der verheirathete Doktor.

Erstes Kapitel.
Zum Lindenbaum.

Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staat Pennsylvanien, eine größere Stadt, die sich besonders durch ihre Fabriken, Eisenwerke, wie überhaupt eine außerordentliche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und in der That seitdem so an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daß sie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet werden darf.

Von allem Anfang an hatten sich eine Menge Deutsche dorthin gezogen, wie denn ja auch ganz Pennsylvanien vorzugsweise von unseren Landsleuten bevölkert ist. Haben sie sich doch sogar in ihrem Uebergang zur englischen Redeweise eine ganz eigene und merkwürdige Sprache gebildet: das sogenannte Pennsylvanisch-Deutsch, das sie freilich nur unter einander reden können, denn Amerikanern, wie der englischen Sprache nicht mächtigen Deutschen bleibt sie gleich unverständlich.

Ursprünglich ließ sich auch in diesem Staat eine große Zahl jener armen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutschen Fürsten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zu klug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für seine Unabhängkeit kämpfende Volk zu entwickeln. Sie desertirten oder ließen sich gefangen nehmen, wonach sie dann mit Vergnügen das Versprechen abgaben: in diesem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald im Walde drin ihre kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlinge von ihnen findet man noch überall, besonders in Pennsylvanien, und sie sind sogar stolz darauf zu erzählen, daß ihre Vorväter zu den Freiheitskämpfern übergingen.

So leicht nun auch die Deutschen in den vereinigten Staaten die englische Sprache erlernen und mit den Amerikanern selber auf freundschaftlichem Fuße leben, so finden sie es doch — mit wenigen Ausnahmen — stets gemüthlicher, für ihre Geselligkeit die eigene Landsmannschaft aufzusuchen, und besonders ihre Abende unter Deutschen zuzubringen.

Das amerikanische und deutsche Leben läßt sich in der That nicht gut vereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, und schon die entsprechenden Wirthshäuser kennzeichnen Beide auf das Entschiedenste.

Der Amerikaner ist rastlos in seinen Genüssen wie in seinem Geschäft, und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet rasch, aber ebenso ißt er auch, und verschlingt Mittags die Speisen weit eher, als daß er sie ordentlich verzehrt. Eben so wenig hält er sich beim Trinken auf, und so oft er auch über Tag einen Schenkstand besuchen mag, er setzt sich nie dazu, läßt sich sein Glas einschenken, stürzt es hinab und geht weiter.

Das verträgt der Deutsche nicht, weder daheim noch in Amerika, denn er will seinen Stuhl und seinen Tisch haben, um, was er genießt, auch in aller Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren, und sich dabei gehörig auszusprechen. Sehr natürlich fühlt er sich — mit diesen Neigungen — in amerikanischen Wirthshäusern, in denen er auch meistens sein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nur die ächt amerikanisirten Deutschen (beiläufig gesagt der widerlichste Menschenschlag von Renegaten, der sich auf der Welt nur denken läßt) affektiren die amerikanische Sitte und halten es für unter ihrer Würde, sich in ein deutsches Bierhaus zu setzen, in dem sie sich doch sonst wohl genug fühlten.

In Pittsburg gab es nun schon damals verschiedene derartige deutsche Lokale; den besten Ruf hatte aber jedenfalls der „Lindenbaum“, und verdiente ihn auch, obgleich er von keinem Wirth, sondern nur von einer Wirthin gehalten wurde.

Die „Wittwe Reuter“ war nämlich eine Frau noch in ihren besten Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaft vorzustehen. Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, eben verheirathet, ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren. Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenem Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht, sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zu erwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sie als Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, und verdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlich so viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf ausgeboten wurde, übernehmen zu können.

Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr gekocht würde, verbreitete sich bald in Pittsburg, und da sie außerdem die besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, so konnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Geld dabei verdiente.

Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten Landsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohne Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. Gemischt war die Gesellschaft übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. An Bildung, Sitte und Intelligenz paßten sie Alle zusammen, nur in ihren Beschäftigungen unterschieden sie sich allerdings bedeutender. So bestand denn auch die kleine Zahl von Stammgästen, die sich allabendlich dort zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geistlichen, auch ein Baron war dabei, der aber freilich das bescheidene Amt eines Zeitungsträgers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu — daheim waren sie Dr. philosophiae gewesen, dann ein Schmied — der frühere Stallmeister eines Herzogs von —, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute — und der Klub wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremde verstärkt.

So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleute eines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischen Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in ihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen — was wenigstens das Aeußere betraf — kaum recht in die Gesellschaft zu passen schienen. Aber es waren prächtige junge Leute — der Eine aus einer altadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat, und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zu plaidiren. — Und was that es dabei, daß sie in der schwersten und niedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdienten sich ihr Brod ehrlich, und waren hier willkommener, als es mancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.

Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keine Etikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch herrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, die zu verletzen — die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wieder geöffnet haben.

Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses wackeren deutschen Wirthshauses gehörte übrigens Dr. Peters, und die übrigen Gäste behaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar von dem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt in Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenen Humors wegen überall gern gesehen — nur als Arzt schien er nicht besonders zu reussiren — er war nie sehr glücklich in seinen Kuren und hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen, so daß ihm in der That sehr viele freie Zeit blieb, und seine Bekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thür nur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zu werden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.

Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mit ansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß er doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auch noch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenen benachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zu leben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zum Lindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zur Unmäßigkeit, oder zur Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich mäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weit hinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlich betrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.

Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennen lernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einen Scherz ein, selbst wenn er auf seine Kosten ausgeführt wurde, und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.

Uebrigens hatte er manche Eigenheiten — keine aber, die einem seiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlich abergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen, änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit dem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. So hätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einem Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaft jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was alte würdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen, Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben, beobachtete er auf das Peinlichste.

Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, die bald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner guten Getränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire, hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche Beschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“ mit der Frau Reuter übernehmen werde.

Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast im Hause — ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mit der jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotum im Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth sie mit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenen Provisionen habe — wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt — und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufenden Einträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrer Wirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft gute Quellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualität und zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogar in mehreren Häusern einen neuen und höchst vortheilhaften Kredit. Er schien überhaupt — wie die böse Welt wissen wollte — viel mehr Talent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben, und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin prophezeihten, war wohl natürlich — und trotzdem fand sie nicht statt.

Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal, und seinen ärztlichen Beruf aufgeben und eine Wirthschaft übernehmen? lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier in Amerika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind sehen, und der Doktor — als rechtschaffener Mann in der ganzen Stadt bekannt — eine Parthie, wie sie sich dieselbe nicht besser wünschen konnte und wahrscheinlich auch nicht besser haben wollte, und trotzdem machte ihr der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr verging.

Dr. Peters schien sich aber selber nicht behaglich in dieser Lage zu fühlen; er gab allerdings den Besuch des Lindenbaums nicht auf und besorgte nach wie vor die Geschäfte der Wittwe auf das Pünktlichste, so daß er jetzt schon als regelmäßiger Buchhalter und Korrespondent derselben angesehen werden konnte, aber in seiner sonstigen Stellung zu ihr hatte sich nichts verändert, und nur sein eigenes Aussehen war nicht mehr so gut wie früher.

Sonst der behäbigste Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen lassen, auffallend magerer, und das Schlimmste von Allem war, daß ihn auch seine frühere Jovialität — eine eigene Fertigkeit, sich über sich selber lustig zu machen — verließ. Er fing an melancholisch zu werden, und da er als Norddeutscher am allerliebsten plattdeutsch sprach, so paßte das gar nicht zu seinem ganzen übrigen Wesen.

Etwas lag ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäste, denen er anfing langweilig zu werden, begannen schon gemeinsam zu berathen, wie sie ihm seine alte fröhliche Laune zurückgeben könnten.

Zweites Kapitel.
Des Doktors Bekenntniß.

Die Seele der Gesellschaft war der Apotheker, ein noch ziemlich junger, aber gewandter Deutscher, der es in wenig Jahren möglich gemacht, hier ein ganz bedeutendes Geschäft zu etabliren. Er stak voller Witz und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen Verbündeten gehabt. Der aber schien ihm vollständig abhanden zu kommen, und den mußte er wiedergewinnen, koste es was es wolle.

Lange schon hatte er auch versucht, den Doktor zu einem Geständniß zu bringen. So sehr dieser aber das Herz sonst immer auf der Zunge trug, in dieser Angelegenheit hielt er es verschlossen, und Ohlers brachte trotz allen Anspielungen, ja selbst direkten Fragen nichts aus ihm heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er ausnahmsweise einmal ein Rezept verschreiben mußte, grüßte, trat an den Pult, rezeptirte, nahm dann seinen Hut und wollte die Apotheke wieder verlassen. — Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber ging.

„Hör einmal, Doktor,“ sagte der Ohlers, der ihn schweigend beobachtet hatte, und einen anderen, als den bisherigen Weg mit ihm einzuschlagen beschloß, „Du kannst mir einen Gefallen thun.“

„So? was ist es?“ sagte der Doktor ruhig.

„Du verstehst doch was vom Wein?“

„Nur ein Bischen — willst Du Wein kaufen?“

„Ich habe da eine Probe von Ungarwein geschickt bekommen,“ sagte Ohlers, „und möchte Deine Meinung darüber hören. Hast Du einen Augenblick Zeit?“

Der Doktor sah nach der Uhr.

„Eine Viertelstunde vielleicht — wo ist er?“

„Oh gleich bei der Hand — Du Carl, bring doch einmal eine Flasche von dem Rothwein herauf, den ich gestern bekommen habe — kannst auch gleich den Limburger Käse mitbringen, er steht vorn links im Keller — Du riechst ihn schon.“

„Donnerwetter, Ohlers, hast Du Limburger Käse?“

„Und was für welchen,“ sagte der Apotheker — „direkt von Deutschland importirt — ich sage Dir, er stinkt durch’s Blech durch.“

„Kannst Du nichts davon ablassen?“

„Für die Wittwe? — hm, ich denke wohl; für mich allein ist’s doch zu viel — nun wir wollen einmal sehen, komm’ jetzt herein, Dein Rezept wird indessen gemacht.“

Der Doktor folgte, und Ohlers führte ihn in sein kleines Privatzimmer, das er sich sehr bequem und nett hergerichtet hatte. Ein Sopha stand darin mit zwei Lehnstühlen, ein kleines Regal mit verschiedenen feinen Liqueuren befand sich in der Ecke, und auf einem Seitentisch fehlte auch nicht eine Kiste mit guten Cigarren, auf die Ohlers überhaupt etwas hielt. Der Doktor kannte das Plätzchen auch gut genug, und hatte in früheren Zeiten manche Stunde hier mit dem Apotheker verplaudert — aber jetzt schon lange nicht mehr, denn seine Morgenstunden waren ausschließlich dem Lindenbaum gewidmet gewesen.

Trotzdem heimelte es ihn an, als er hinein trat, und wie er nun gar behaglich in der Sophaecke lehnte, mit dem ächten Limburger und einem Glas delikaten funkelndem Ungarwein vor sich, überkam ihn ein Gefühl so wie Heimweh, und er wurde ganz wehmüthig gestimmt. — Aber der Wein brachte ihn wieder zu sich.

„Junge, Junge,“ rief er, als er ihn erst vorsichtig und dann schon dreister gekostet hatte, „das ist ja ein ganz delikater Wein — wo hast Du den her?“

„Direkt von Pesth verschrieben, kostet auch ein schönes Geld, bis er hierher kommt — aber nicht wahr, der schmeckt?“

Der Doktor antwortete nicht — er that einen langen Zug und schob das Glas dem Freunde nur mit dem einen Worte wieder zu: „famos!“

Und jetzt der Limburger Käse — der Doktor thaute auf, und war lange nicht so heiter gewesen. Den Augenblick mußte der Apotheker benützen. Wie sein Freund nur eben ein paar Gläser getrunken hatte und das Feuer in den Adern spürte, sagte er treuherzig:

„Nun höre einmal Peters — jetzt beträgst Du Dich wieder wie ein anderer vernünftiger Mensch auch, was aber hat Dir die ganze Zeit über in den Knochen gesteckt, daß Du herum gegangen bist, als ob Dir die Petersilie verhagelt wäre.“

„Ach mein Junge,“ stöhnte der Doktor, und machte seinem Herzen durch einen schweren Seufzer Luft.

„Nanu?“ sagte Ohlers, „Du schneidst ja ein Gesicht wie ein Laubfrosch, wenn’s blitzt.“

„Ach Ohlers,“ seufzte der Doktor wieder, „laß uns von was Anderem reden — ich möchte gern auch einmal vergnügt sein.“

„Ja, das ist ja gerade die Sache,“ rief Ohlers, „weil ich Dich gern wieder vergnügt haben möchte, muß ich mit Dir reden, und Dir die Geschichte wie einen Zahn herausholen. Dir liegt was auf dem Herzen! herunter damit! wir sind jetzt allein, und daß ich es gut mit Dir meine, weißt Du.“

Der Doktor antwortete nicht — er trank und seufzte nur, aber Ohlers ließ ihn still zufrieden. Er war „angebohrt“ und die Dosis mußte jetzt erst arbeiten, ehe sie wirken konnte. Peters schien indessen nicht in gesprächiger Laune, der Limburger Käse mit dem kräftigen Schwarzbrod nahm seine Kinnladen außerdem in Anspruch. Ohlers mußte einen neuen Anlauf nehmen und beschloß dieses Mal gleich mitten hinein zu springen.

„Warum heirathest Du nicht“, sagte er plötzlich, und der Doktor sah ihn starr an, ja brachte das schon gehobene Glas Wein nicht einmal zum Munde.

„Ja, Du heirathest ja auch nicht,“ sagte er endlich.

„Das ist was Anderes,“ rief Ohlers entschieden — „ich bin achtundzwanzig, Du bist achtunddreißig Jahre alt — ich habe eine bestimmte Beschäftigung — Du hast keine —“

„Danke Dir, bin ich nicht Arzt?“

„Bah, so viel für Deine ganze Praxis,“ sagte Ohlers mit dem Kopfe schüttelnd, „Du hast ja nicht einmal Freude daran.“

„Das weiß Gott,“ stöhnte der Doktor wieder.

„Na, dann sei auch vernünftig,“ nickte ihm Ohlers zu und schenkte ihm sein Glas wieder voll, „und mache der Geschichte einmal ein Ende. Du bist bis über die Ohren in die Wittwe Reuter verschossen; sie ist Dir ebenfalls gut und wartet schon seit ein paar Jahren darauf, daß Du um sie anhalten sollst, weßhalb also nicht zugreifen? Du gäbest einen famosen Wirth und Ihr würdet Geld Hand über Hand verdienen.“

Wieder seufzte der Doktor, aber er trank doch diesmal wenigstens dazu, und sah dann eine ganze Weile stier vor sich nieder, so daß Ohlers endlich unruhig wurde.

„Hör einmal,“ sagte er nach einer Weile, „die Sache kommt mir bald bedenklich vor, und ich fange an zu glauben, daß doch am Ende etwas an dem Gerücht ist, von dem man in der Stadt hier munkelt.“

„An dem Gerücht? an welchem Gerücht?“ frug Peters.

„Daß Du nur deßhalb nicht um die Wittwe anhieltest, weil Du — schon verheirathet wärst.“

„Unsinn,“ brummte der Doktor, mit dem Kopf schüttelnd, „wer sagt denn das?“

„Wer sagt es nicht,“ meinte Ohlers, „denn sonst könnte man sich keinen Grund denken, der Dich abhielte, der Quälerei ein Ende zu machen. Wenn Du aber in Deutschland drüben schon eine Frau sitzen hättest, wäre das freilich was Anderes.“

„Ihr seid Alle mit einander nicht recht bei Trost,“ rief der Doktor, sich ganz in Gedanken selber wieder einschenkend, während er dabei die dichten Rauchwolken von sich blies, „ich verheirathet — ich wollte ich wär’s, dann führte ich nicht mehr so ein Hundeleben wie jetzt — aber’s geht nicht — es geht wahrhaftig nicht.“

Was geht nicht? Mensch, so rück endlich einmal heraus,“ drängte aber jetzt Ohlers. „Dir liegt was auf dem Herzen, das ist gewiß, und je eher Du’s herunter schüttelst, desto besser. Ist Dir dann zu helfen, so —“

„Mir ist nicht zu helfen,“ sagte der Doktor finster, „aber — wenn ich’s Dir auch erzählen wollte — Du lachtest mich einfach aus.“

„Ich lache Dich aus? Ist es denn so was Komisches?“ frug Ohlers gespannt.

„Komisch? Nein,“ sagte der Doktor, „aber — es ist etwas, was ihr nicht Alle begreift, was auch ein Zweiter und Dritter eigentlich begreifen kann, denn es steht mit jenem unbekannten Etwas in Verbindung, das uns umgibt, und das wir trotzdem mit unseren groben Sinnen nicht im Stande sind zu erfassen.“

„Ich verstehe kein Wort davon,“ sagte der Apotheker kopfschüttelnd.

„Na gut, Ohlers, Du sollst es wissen,“ nickte Peters endlich, zum Aeußersten entschlossen, „aber thu’ mir die einzige Liebe und lach nicht, denn die Sache ist wirklich nicht komisch, da sie mich elend und unglücklich macht mein ganzes Leben lang — glaubst Du an Ahnungen?“

„Ne,“ sagte Ohlers, entschieden mit dem Kopf schüttelnd, „nur an Congestionen nach dem Kopf. Glaubst Du dran?“

„Ja, Ohlers,“ sagte der Doktor feierlich, „und — ich habe alle Ursache dazu. Mein Großvater war ein Sonntagskind und verkehrte mit jener Welt, die uns anderen armen Sterblichen meist immer verschlossen bleibt. Du weißt aber, daß in der Natur nur zu oft Eigenschaften vom Großvater auf den Enkel theilweise übererben, und einen kleinen Theil der ihm verliehenen Gaben scheine auch ich von ihm bekommen zu haben.“

Ohlers wollte etwas erwiedern. Es lag ihm schon auf der Zunge, aber der Doktor war einmal im Gang — er durfte ihn jetzt nicht böse machen oder auch nur stören, und trommelte nur, um doch irgend eine Beschäftigung zu haben, mit den Fingern auf den Tisch.

„Nun siehst Du, Ohlers,“ fuhr Peters zutraulich fort, „so hat er den schwächsten Theil seiner Kraft auch auf mich vererbt — das Ahnungsvermögen. — Ich sehe nichts wirklich, wie er es gethan hat; ich kann mit jenen überirdischen Wesen und Kräften nicht selber in Verbindung treten, aber ich ahne sie, und ohne daß ich selber weiß, woher es kommt, erhalte ich oft Verkündigungen kommender Dinge, die in mein eigenes Leben eingreifen, und mich entweder vor einem Unglück warnen, oder mir auch im anderen Fall ein Glück erschließen.“

„Aber guter Peters.“

„Unterbrich mich nicht, Ohlers,“ sagte der Doktor, und leerte langsam sein Glas — „ich habe die Beweise dafür. Ohne einen Cent Geld kam ich nach Amerika, ein armer Teufel, wie sie sich hier zu Tausenden herumtreiben; englisch verstand ich fast gar nicht und die Deutschen wollten nicht krank werden, oder wenn ich einmal einen Patienten bekam, starb er mir unter den Händen weg. Es ging mir damals hundeschlecht, und ich hatte oft das Salz nicht zum Brod und noch weniger das Brod selber. Da wurden hier in der Nähe Kohlenbergwerke entdeckt, und was verstand ich von solchen Dingen, wie ich mich überhaupt nie um die Geologie bekümmert habe. Da war es mir eines Tages, als ob mir Jemand den Rock anzog, den Hut aufsetzte und den Stock in die Hand drückte — ich mußte hinaus in die Berge, ich mochte wollen oder nicht, und dort — ging ich direkt zu dem Platz, dem ich Alles verdanke, was ich auf der Welt habe. Ohne, wie gesagt, die Spur davon zu verstehen, wußte ich, hier liegen Kohlen, ein reicher Grundbesitzer in der Nachbarschaft, der mir als deutschem Doktor Alles zutraute, ging darauf ein, das Land, das ich ihm zeigen würde, gemeinschaftlich mit mir anzugreifen und das Geld zum ersten Betrieb herzugeben und der Erfolg übertraf in der That unsere kühnsten Erwartungen.“

„Aber was hat das Alles mit der Wittwe Reuter zu thun?“ rief der ungeduldig werdende Apotheker.

„Es sollte Dir nur einen Beweis liefern,“ sagte Peters, „daß ich wußte, wo die Kohlen lagen, oder daß mich vielmehr mein Ahnungsvermögen dorthin trieb, und ebenso weiß ich, was mir bevorsteht, wenn ich — der Wittwe Reuter meine Hand reiche.“

Ohlers schüttelte mit dem Kopf.

„Ich bin noch so dumm wie zuvor,“ sagte er, „mir klingt Alles vor den Ohren herum — Du weißt, was Dir bevorsteht, wenn Du die Wittwe heirathest? Und ist denn das gar so was Entsetzliches?“

„In dem Augenblick,“ sagte Peters feierlich, „wo ich mit ihr vor dem Friedensrichter stehe, trifft mich der Schlag!“

„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Ohlers, mit der Hand auf den Tisch schlagend, „und das ist die einzige Ursache, weßhalb Du sie nicht heirathest?“

„Weil ich damit mein eigenes Todesurtheil unterschreiben würde,“ versicherte ruhig der Doktor.

Ohlers war aufgesprungen und lief eine Weile in dem engen Raum auf und ab. Er kannte ja auch den Doktor so genau, und wußte recht gut, wie entsetzlich schwer es war, ihn von einer seiner fixen Ideen abzubringen. Trotzdem versuchte er jetzt, den unglückseligen Gedanken durch alle nur erdenklichen Vernunftgründe zu bannen, aber ganz natürlich ohne den geringsten Erfolg. Der Doktor hörte ihn ruhig und lächelnd an, erwiederte aber auf Alles, was ihm Ohlers einwerfen konnte, mit der größten Unbeweglichkeit:

„Was hilft es, lieber Freund; es ist einmal Bestimmung, und wir können nicht dagegen ankämpfen.“

„Und daß Du die arme Frau selber damit unglücklich machst, genirt Dich auch nicht?“ rief Ohlers endlich, als letztes, verzweifeltes Mittel.

„Die arme Frau?“ frug der Doktor verwundert.

„Nun daß sie Dich liebt,“ fuhr aber Ohlers fort, „kann doch ein Blinder sehen; die ganze Stadt weiß es außerdem, und Du bringst sie, oder hast sie vielmehr schon in das Gerede der Leute gebracht, die natürlich nie an ein anständiges Verhältniß, sondern immer nur gleich am liebsten das Allerschlimmste glauben. Aber was kümmert das Dich; Du, mit Deiner fixen Idee im Kopf, daß Dich der Schlag rühren würde, — und der Kerl ist in den letzten Jahren hager geworden wie eine Latte, — besuchst sie Tag nach Tag, sitzest Stunden, ja ganze Morgen lang allein bei ihr, und machst die Sache nur noch immer schlimmer.“

„Du hast Recht,“ sagte der Doktor plötzlich, und jetzt ebenfalls von seinem Sitz aufstehend, „das muß ein Ende nehmen. Ich — sehe ein, ich bin es der Frau schuldig — sie kann es von mir verlangen.“

„Was denn?“ frug Ohlers neugierig, denn er glaubte jetzt wirklich, daß sein letztes Argument über Peters Bedenklichkeiten gesiegt hätte.

„Laß mich nur machen,“ sagte aber der Doktor, seinen Hut nehmend, „Du sollst mit mir zufrieden sein. Ich bin ein ehrlicher Mann, und will wie ein ehrlicher Mann handeln.“

„Und wohin gehst Du jetzt?“

„Zur Wittwe Reuter,“ sagte der Doktor, drückte sich den Hut in die Stirn und verließ die Apotheke.

Drittes Kapitel.
Ein Plan zur Rettung.

Ohlers hatte noch in seiner Apotheke zu thun, mußte dem Doktor auch Zeit lassen, um seinen Entschluß auszuführen, war aber doch ganz entsetzlich neugierig geworden zu hören, wie die Sache abgelaufen, und konnte es kaum erwarten, bis er sich selber an Ort und Stelle überzeugen durfte.

Gegen Mittag lief er dann auch nach dem Lindenbaum hinüber — angeblich um dort zu essen, in Wirklichkeit aber, um von der Wittwe zu hören, wie Alles abgelaufen.

Peters war nicht da — sein Serviettenring, mit der Serviette drin, lag auf dem leeren Teller, und die Wittwe Reuter ließ sich ebensowenig sehen. Er frug das aufwartende Mädchen: „Die Frau sei oben auf ihrem Zimmer,“ lautete die Antwort — „nicht recht wohl“, wie sie hinzusetzte.

Ohlers stutzte. Das war keinenfalls ein gutes Zeichen, er selber aber viel zu wenig blöde, um sich mit solch’ dürftiger Nachricht zu begnügen. Er verzehrte sein Mittagbrod und trank sein Quart Bier dazu, wie gewöhnlich, dann ließ er sich Kaffee geben und las die Zeitung, bis die Gäste das Zimmer verlassen hatten, und sagte dann ohne Weiteres dem Mädchen, sie möchte ihn bei „der Frau“ einmal melden: er habe ihr etwas Wichtiges mitzutheilen.

Das Mädchen wollte erst nicht; sie behauptete, die Frau liege auf dem Bett und könne jetzt Niemanden sprechen; Ohlers ließ sich aber nicht abweisen, und verlangte, daß sie ihr wenigstens seinen Auftrag ausrichte und hinzu setze: „es sei des Doktors wegen.“

Das half. Das Mädchen ging hinauf und kam nach kaum zehn Minuten mit der Antwort zurück, Frau Reuter würde es angenehm sein, ihn zu sprechen.

Angenehm — die arme Frau hatte, als Ohlers hinauf kam, dicke, rothgeweinte Augen. Ohlers trieb übrigens nie „Gefühlspolitik“. Er war — so jung er sein mochte — durchaus praktischer Natur, und ohne sich deßhalb auch bei irgend welcher unnöthigen Sentimentalität aufzuhalten, sagte er gleich, sowie er nun in’s Zimmer trat:

„Entschuldigen Sie, Frau Reuter, daß ich mit der brennenden Cigarre zu Ihnen komme, aber ich wußte nicht, ob Sie Schwefelhölzchen oben hatten, und möchte gern etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. War der Doktor da?“

„Ja, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, die ihm winkte, einen Stuhl zu nehmen.

„Dank Ihnen,“ bemerkte Ohlers, sich setzend; „und was hat er Ihnen gesagt?“

„Herr Ohlers,“ rief die Wittwe.

„Bitte, geniren Sie sich nicht,“ erwiederte aber der Apotheker — „ich weiß doch Alles, und kann Ihnen sogar wahrscheinlich über Manches, was Sie nicht wissen, Auskunft geben.“

Sie könnten mir des Doktors räthselhaftes Betragen erklären?“ rief die Wittwe wirklich erstaunt.

„Alles,“ versicherte Ohlers ruhig, „wenn Sie mir nur vorher erzählen, was er gesagt hat. Daß ich es gut mit Ihnen allen Beiden meine, davon sind Sie doch hoffentlich überzeugt.“

„Ich glaub es, Herr Ohlers — ich glaub es,“ seufzte die arme Frau, „aber trotzdem kann ich Ihnen nicht viel erzählen. Er kam vor etwa anderthalb Stunden in einer sehr erregten Stimmung zu mir. Es schien mir fast, als ob er Wein getrunken hätte, und —“

„Und? Frau Reuter.“

„Und hat mir eine Menge von Dingen vorgesprochen, die ich gar nicht verstanden.“

„Das sieht ihm ähnlich — aber das Ende vom Liede?“

„Das Ende vom Lied war, daß er mir sagte, wie er mir von Herzen gut wäre, und wüßte, daß er Zeitlebens unglücklich bleiben müsse, aber — er könne mich nicht heirathen — das Schicksal wolle es nicht, und um mir nicht zu schaden, werde er mein Haus nicht mehr betreten.“

„Puffbohnen,“ sagte Ohlers erstaunt — ein Ausdruck, den er nur bei der größten Ueberraschung gebrauchte, „er will den Lindenbaum nicht mehr betreten? Unsinn, da müßte er verrückter sein, als wofür ich ihn bis jetzt selber gehalten.“

„Das waren seine eigenen Worte, Herr Ohlers.“

„Er ist wirklich übergeschnappt.“

„Und können Sie mir in der That einen Grund seines wunderlichen Benehmens nennen?“ frug die Frau, die von Herzen betrübt schien — „ich weiß es mir nicht zu erklären, denn böse ist er nicht auf mich — er war so gerührt, daß ihm die Thränen in den Augen standen.“

„Böse — weßhalb sollte er böse sein,“ brummte Ohlers; „nein, setzen Sie sich einmal dahin, Frau Reuter, und dann will ich Ihnen die ganze Mordgeschichte erzählen. Nachher können wir berathen, was jetzt mit dem Doktor anzufangen ist.“

Die Frau setzte sich in ängstlicher Spannung ihm gegenüber, und Ohlers erzählte ihr jetzt Alles ausführlich, was er heute Morgen mit dem Doktor verhandelt, und welchen Grund ihm dieser selber gegen seine Verheirathung angegeben habe. Daß er einfach an einer fixen Idee leide, blieb natürlich außer aller Frage; aber wie die jetzt heben, denn wirkliche Irrthümer kann man durch Thatsachen widerlegen, eine bloße Phantasie aber bietet nirgends einen festen Halt, bei dem man sie fassen könnte, und weicht jedem Griff elastisch aus.

Ohlers zerbrach sich den Kopf herüber und hinüber, aber sie kamen zu keinem Resultat, bis der kleine Apotheker endlich in die Höhe sprang und ausrief:

„Das hilft uns jetzt nichts, Frau Reuter, so viel seh’ ich ein, wir Beide werden mit der Geschichte nicht allein fertig, aber eine Frage müssen Sie mir vorher beantworten, damit ich wenigstens weiß, woran ich bin, und nachher verlassen Sie sich auf mich.“

„Was für eine Frage, Herr Ohlers.“

„Wollen Sie den Doktor heirathen?“

„Aber Herr Ohlers.“

„Thun Sie mir den einzigen Gefallen und zieren Sie sich nicht; dazu ist jetzt gar keine Gelegenheit und Veranlassung.“

„Aber Herr Ohlers, man sagt doch so etwas nicht so gerade heraus.“

„Gut, dann sagen Sie’s drum herum,“ meinte der Apotheker, „aber wissen muß ich’s, wenn ich Ihnen beistehen soll.“

„Und nachher machen Sie sich unten über mich lustig,“ sagte die Frau, die über und über roth geworden war.

„Herr du meine Güte,“ rief Ohlers, und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, „ist so eine Wittwe langweilig. Hier steht Jemand, der Ihnen und dem Doktor helfen will, denn der muß vor der Hand unter Vormundschaft gestellt werden. Wollen Sie also Frau Doktorin werden oder nicht?“

„Und Sie haben mich nicht zum Besten?“

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“

„Gut denn,“ sagte Frau Reuter entschlossen, „ich will Ihnen glauben und bedaure selber, daß Herr Peters eine so traurige — wie soll ich denn gleich sagen —“

„Zurückhaltung?“ ergänzte Ohlers.

„Nein,“ erröthete die Wittwe — „eine so traurige Idee gefaßt hat, die ihm vielleicht sein ganzes Lebensglück vergiftet. Was ich dazu beitragen kann, ihn zu heilen, will ich von Herzen gern thun.“

„Davon ist ja aber gar nicht die Rede,“ sagte Ohlers, „wollen Sie ihn heirathen?“

„Sie sind ein schrecklicher Mensch, Herr Ohlers,“ seufzte die Wittwe — „von Zartgefühl haben Sie keine Spur.“

„Also nicht?“ sagte Ohlers, und nahm seinen Hut.

„Ja denn, in des Himmels Namen, wenn Sie mir das Messer so auf die Brust setzen. Aber wie wollen Sie ihn von der unglücklichen Idee heilen?“

„Das weiß ich selber noch nicht,“ erwiederte Ohlers, „die Hauptsache ist, daß wir auf Ihre Unterstützung rechnen können, aber das Geseufze und Gestöhne hab ich satt, und wir wollen jetzt sehen, ob wir nicht wieder einen fidelen Menschen aus diesem Peters machen können.“


Ohlers entwickelte von dieser Zeit an eine ungemeine Geschäftigkeit, und hatte verschiedene geheime Unterredungen, besonders mit dem Advokaten Dulzig und dem Pastor Umbreit. Auch der Feuermann des Ohio-Dampfers, der junge Degmar, war in diesen Tagen nach Pittsburg gekommen. Er hatte sein Boot, auf dem er sich mit eisernem Fleiß ein paar hundert Dollar gespart, verlassen, und rüstete sich jetzt zu einem Jagdzug nach Missouri, wohnte und aß aber indessen, da seine Vorbereitungen jedenfalls ein paar Wochen in Anspruch nahmen, und er sich von seinen gehabten Strapazen und der schweren Arbeit doch auch erst einmal ordentlich ausruhen wollte, in der Zeit im Lindenbaum, und war von Ohlers bald in die ganzen Verhältnisse eingeweiht.

Erleichtert wurde ihnen die Sache allerdings dadurch, daß Dr. Peters in der That sein Wort hielt, und das Haus der Wittwe Reuter nicht mehr betrat. Er war überhaupt ein ganz anderer Mensch geworden: trübe, in sich gebrochen, ging er umher, keine Spur mehr von der früheren Laune und dem oft sprudelnden Humor; er sah dabei bleich und elend aus, und es war augenscheinlich, daß ihm ein geheimer Kummer am Herzen nage.

Auch die Frau Reuter hatte jetzt oft verweinte Augen, wenn sie ihrem Geschäft auch wacker, wie bisher, vorstand, und alle Versuche des Pastor Umbreit, dem Doktor einmal zum Herzen zu reden, blieben erfolglos. Er sprach sogar davon, daß er Pittsburg ganz verlassen wolle, um sich in der Nähe seiner Kohlenminen anzusiedeln, da seine Gegenwart dorten von Zeit zu Zeit nöthig sei — aber es dachte Niemand daran, ihn dort zu gebrauchen, und es war das nur eine Ausrede, um von Pittsburg — vom Lindenbaum fortzukommen. — Ging er freilich, so war die ganze Sache verdorben, und das mußte deßhalb unter jeder Bedingung verhindert werden.

Die vier Verbündeten, die sich übrigens das Wort gegeben hatten, keine Silbe des ganzen Verhältnisses gegen irgend Jemanden zu äußern, um weder ihren Freund, den Doktor, noch die wackere Frau zu compromittiren, hielten jetzt Konferenzen bei verschlossener Thüre, und Degmar, ein junger tollköpfiger Bursche und zu Allem fähig, machte da einen Vorschlag, über den selbst Ohlers stutzig wurde, und den Pastor Umbreit — sonst auch nicht der Letzte, wo es einen Scherz auszuführen galt — im ersten Augenblick auf das Entschiedenste verwarf.

Der Plan war allerdings kühn genug und bestand darin, den Doktor, der sich ja nur vor dem Moment der Trauung fürchtete, weil er die feste Idee hatte, der Schlag würde ihn in dem Augenblick rühren, zu verheirathen, ohne daß er selber etwas davon erführe, während er gegen das fait accompli nachher nicht das Geringste würde einzuwenden haben.

Das ging auf keinen Fall; die Trauung war eine zu heilige Sache, um damit irgend einen Scherz zu treiben, und außerdem nicht giltig, wenn die Betheiligten nicht bei vollem Bewußtsein ihr Jawort deutlich sprachen. Der Gedanke schon sei wahnsinnig, und sie brauchten keine weitere Zeit damit zu verlieren.

Degmar gab aber nicht nach.

„Es ist ja gar nicht nöthig,“ rief er aus, „daß wir ihn wirklich trauen; wir machen ihm nur weiß, daß er von einem Friedensrichter zusammengegeben sei, und die Frau besteht dann darauf, daß der Geistliche auch noch seinen Segen darüber sprechen müsse.“

„Dann müssen wir ihn erst verrückt machen, ehe er etwas Derartiges glauben würde,“ sagte Ohlers.

„Verrückt nicht, nur betrunken,“ lachte Degmar; „ich wette meinen Hals darauf, daß es ausführbar ist.“

„Thorheit,“ sagte Umbreit, „selbst die Frau Reuter würde dazu nie ihre Zustimmung geben, wollten wir selbst auf einen solchen tollköpfigen Gedanken eingehen.“

Ohlers war nachdenkend geworden. Gerade das Tolle dieses Planes sagte ihm zu, und er überlegte sich im Geist die mögliche Ausführung. Dulzig, der Advokat, war übrigens auch vollständig dagegen, da er keine Möglichkeit eines günstigen Erfolges sah, wie auch ebenfalls an Frau Reuters Zustimmung zweifelte. Die Verhandlung wurde zuletzt abgebrochen, und Umbreit erklärte, noch einmal einen Versuch zu machen, durch Vernunftgründe auf den Doktor einzuwirken — er hätte seine Vernunftgründe ebensogut einem Tisch vorpredigen können.

Nach der Berathung nahm Ohlers, ohne ein Wort zu sagen, Degmars Arm und führte ihn in das nämliche Hinterstübchen hinüber, wo er damals mit dem Doktor gesessen hatte. Ungarwein und Limburger Käse wurden auch heute wieder wie an jenem Tag herauf beschworen, und die beiden jungen Leute waren dabei so in ihre Unterredung vertieft, daß sie sogar das Mittagessen darüber versäumten — aber sie kamen zu einem Entschluß, da ihnen Niemand opponirte, und alle ihnen noch entgegen stehenden Schwierigkeiten hofften sie mit leichter Mühe zu besiegen.

Allerdings wollte Degmar nicht den „Pastor“ dabei haben, der ihnen, wie er fürchtete, noch einen Querstrich durch das Ganze machen könne. Ohlers aber, der seine Leute besser kannte, behauptete, ohne den nicht fertig werden zu können, und da er es selber übernahm, die Wittwe sowohl als den Geistlichen für ihren Plan zu gewinnen, fügte sich Degmar endlich auch in dieser Hinsicht.

Viertes Kapitel.
Das Abschieds-Souper.

Ohlers hatte sich übrigens, mit ein paar Gläsern Ungarwein im Kopf, die Sache viel leichter gedacht, als sie sich wirklich herausstellte. Wie er, noch an dem nämlichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber ging, fühlte er doch, daß er zu einer solchen Aufgabe bei vollkommen klarem Verstande sein müsse, und verschob deßhalb den ersten Sturmlauf auf den nächsten Vormittag — aber selbst da wurde er abgeschlagen. Die Frau hörte kaum, um was es sich handelte, als sie sich auf das Entschiedenste weigerte, dazu ihre Hand zu bieten. Sie sei, wie sie jetzt offen und ohne Scheu gestand, dem Doktor recht von Herzen gut und würde sich glücklich fühlen, seine Frau zu werden, aber — sie könne, um das zu erreichen, nie zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, das sie später ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres Gatten herabsetzen, ja ihr seine Liebe ganz entziehen müsse.

Ohlers kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war so vernünftig und ehrlich dabei, daß all’ seine Spitzfindigkeiten scheel und nichtig dagegen erschienen, und nach einer Stunde vergeblichen Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperson selber ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Pastor, aber mit kaum besserem Erfolg. Umbreit gestand ihm allerdings zu, daß — wie er sich Alles ausgedacht — nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes an der Handlung sei, da es ja überhaupt nur galt, einen unglückseligen Wahn zu besiegen, und beide betreffende Theile, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch das Gelingen der List glücklich gemacht würden, aber er selber werde sich nie dazu verstehen, der Wittwe zuzureden. Früge sie ihn darum, gut, so werde er ihr das Nämliche sagen, was er jetzt Ohlers gesagt habe — aber weiter nichts — und dabei blieb es.

Degmar war außer sich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem tollen Streich abzuhalten, da er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, der Wittwe einen Mann zu verschaffen. Er wollte auch absolut zum Doktor gehen und diesem die Wahl lassen, augenblicklich um die Hand der Frau Reuter anzuhalten, oder sich mit ihm zu schießen, und konnte nur mit der größten Mühe überzeugt werden, daß er dadurch, wenn er den beabsichtigten Bräutigam todtschieße, unmöglich seinen Zweck erreichen würde.

Der Doktor selber nahm aber ihre Aufmerksamkeit bald auf sehr ernste Weise in Anspruch, denn er wurde schwer krank und verfiel in ein nervöses hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwartung, die kaum dazu gebracht werden konnte, sein Zimmer rein zu halten, und sich um den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte.

Degmar wich in der Zeit fast nicht von des Doktors Seite. Er ließ sich seine Matratze hinüber schaffen und saß ganze Nächte bei ihm auf, und nur Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäste aus dem Lindenbaum wechselten mit ihm ab, daß er sich manchmal die nöthigste und unentbehrlichste Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an seinem Wiederaufkommen; endlich aber siegte seine urkräftige Natur doch, und er erholte sich langsam.

Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an seinem Bett gewacht, und seinen tollen Phantasien gelauscht. Alles aber, was er in seinem besinnungslosen Zustand sprach, bezog sich nur immer auf den Lindenbaum und auf jenen bösen Feind, der seines Schicksals Fäden in der Hand hielt und mit seiner Keule bereit stand, um ihn — sowie er nur den Arm nach dem erhofften Glück ausstreckte — erbarmungslos damit zu Boden zu schlagen. Der arme Teufel fühlte sich, all’ seinen Reden nach, namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen Thränen an den Backen nieder.

Die Frau Reuter verbrachte indessen eine kaum minder schwere Zeit. Wie gern hätte sie ihn gepflegt, aber durfte sie es denn? hatte sie ein Recht dazu? Hundertmal stand sie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber eben so oft verwarf sie auch den Entschluß, und saß so eines Abends auch wieder, still weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in’s Zimmer trat und ruhig sagte:

„Bitte, Frau Reuter, setzen Sie einmal Ihr Bonnet auf und kommen Sie mit mir.“

„Mit Ihnen, Herr Ohlers? wohin?“

„Wohin, zum Doktor natürlich — wollen Sie ihn nicht noch einmal sehen?“

„Oh du großer Gott, ist er denn wirklich so krank,“ rief die Frau, die Hände faltend.

„Wenn er’s überlebt, ist’s ein Wunder,“ sagte Ohlers, „ich glaub’ aber nicht, daß er’s noch bis morgen früh macht.“

„Aber was kann ich thun?“ rief die arme Frau in Verzweiflung.

„Jetzt gar nichts mehr,“ sagte der Apotheker, „als ihm vielleicht noch einmal die Hand drücken. Wären Sie früher meinem Rath gefolgt, hätten Sie sich und ihm das erspart.“

„Ach mein guter Herr Ohlers —“

„Setzen Sie Ihr Bonnet auf und kommen Sie; es ist keine Schande, daß Sie einen alten Freund, der so treu bei Ihnen die langen Jahre ausgehalten, auf seinem Sterbebett besuchen.“

„Ich gehe mit Ihnen, Herr Ohlers — ich gehe mit Ihnen,“ rief die Wittwe, aufgelöst in Thränen, und ohne weiter eine Silbe zu äußern, setzte sie ihr Bonnet auf, warf ihren Mantel um und schritt der Wohnung des Doktors zu.

Sie fanden Peters wirklich noch sehr leidend, aber doch nicht mehr besinnungslos, und als er die Frau erkannte, flog ein mattes Lächeln über seine bleichen Züge. Reden konnte er nicht, aber er drückte ihr still die Hand, und schloß dann die Augen, als ob er schlafen wolle. — Sie mußten ihn auch in Ruhe lassen und durften ihn besonders nicht aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hause zurückbegleitete, erzählte er ihr, mit was sich des Kranken Phantasien die ganze Zeit beschäftigt, wie er sich elend und verlassen fühle, und doch nicht die alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis er sie endlich so weit hatte, daß sie weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse — dann empfahl er sich und ging wieder nach Hause.

Und der Doktor erholte sich wirklich. Degmar hatte — als das Schlimmste mit ihm überstanden war — Briefe aus New-York bekommen, die seine Anwesenheit dort nöthig machten. Er hielt sich aber nicht lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder auf und munter, und außer einer etwas bleichen Gesichtsfarbe wohl aussehend. Aber er hatte den „Lindenbaum“ noch nicht wieder betreten — die Wittwe seit jenem Abende, an dem sie ihn besuchte, nicht wieder gesehen, und traf jetzt alles Ernstes seine Vorbereitungen, nicht allein Pittsburg, sondern überhaupt Pennsylvanien zu verlassen. Der Antheil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in sicheren Händen, so daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er selber hatte, wie er sagte, die Absicht, nach Arkansas überzusiedeln, und sich dort eine kleine Farm zu kaufen.

Seine Abreise war auf Montag in acht Tagen festgestellt, und Degmar, der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt auch Pastor Umbreit gezogen wurde, schien seine Abreise nach Missouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben.

Zu dem Zwecke hatte er sich auch mit dem Doktor Peters verabredet, am Sonntag Abend vorher ihren gemeinschaftlichen Freunden einen Abschiedsschmauß zu geben, und der Doktor war damit vollkommen einverstanden. Es handelte sich nur noch darum: in welchem Lokal, denn anfangs weigerte er sich entschieden, diesen „Lebensabschnitt“ im Lindenbaum zu feiern. Ohlers aber und Alle, die er darüber sprach, erklärten ihm auf das Bestimmteste, daß er gar keinen andern Ort wählen könne, als den, wo sie schon so viele vergnügte Abende mitsammen verlebt, daß wenigstens Keiner von ihnen Allen einen andern besuchen würde, da sie nicht Willens wären, die Frau Reuter bis auf’s Blut zu kränken.

Degmar selber entschied sich ebenfalls für den Lindenbaum; er habe, wie er meinte, noch kein anderes Wirthshaus hier in Pittsburg betreten, und wolle damit nicht den letzten Abend anfangen; es sei auch schon alles dort bestellt, und wolle der Doktor absolut keinen Theil daran nehmen — und er begreife nicht, was er gegen den Lindenbaum habe — so möge er es auch selber dort absagen.

Der Doktor sah sich überstimmt — und ließ sich vielleicht gern überstimmen — zog es ihn doch selber noch einmal zum alten Platz, und Abschied von der Frau Reuter hätte er ja überdies nehmen müssen. Er konnte doch die Stadt nicht verlassen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben.

Dabei blieb es also. Sonntag Abend um sieben Uhr sollten sie dort zusammen kommen — Montag Mittag ging der Dayton, ein kleiner guter Dampfer, den Strom hinab bis Cairo, an der Mündung des Ohio in den Mississippi, und auf dem wollten dann Beide zusammen Passage nehmen. In Cairo fanden sie nachher jeden Tag Gelegenheit, mit einem der Mississippidampfer entweder nach St. Louis gen Norden oder nach Arkansas gen Süden weiter zu fahren.

Der Sonntag kam, und in dem Hause der Frau Reuter herrschte eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit, denn nicht allein wurde hergerichtet, was Speisekammer und Küche vermochten, sondern die Wirthin selber schien außerordentlich erregt und kam den ganzen Tag nicht von den Füßen.

Erst hatte sie dabei mit dem Herrn Ohlers eine lange Zusammenkunft, dann, nach der Kirche, mit dem Pastor Umbreit, der endlich auch einer günstigeren Auffassung der Sache gewonnen schien. Hatte er doch den Doktor selber ein paar Mal in seiner Krankheit besucht, auch einmal eine Nacht bei ihm gewacht und sich dabei wohl überzeugen können, wie schwer der unglückselige Wahn auf seinem Geist lag, und wie unmöglich es sein würde, ihn auf gewöhnlichem Wege zu bannen. Er selber weigerte sich allerdings auf das Entschiedenste, mit dem eigentlichen Plan irgend etwas zu thun zu haben — wenn auch nichts weniger als bigott, durfte er das schon seiner Stellung wegen nicht, der Gemeinde gegenüber, wie aber jetzt alles modificirt worden, hatte er wenigstens nichts mehr dagegen einzuwenden, und glaubte selber, daß es zum Guten ausschlagen könne, noch dazu, da ihm die Frau erklärte, sie sei dem Doktor wirklich von Herzen gut, und wolle selbst der Gefahr trotzen, ihren guten Ruf zu gefährden, nur um ihn wieder gesund und vielleicht glücklich zu machen.

So rückte der Abend heran, und eine der Hinterstuben des Hauses war für die heutige kleine Gesellschaft hergerichtet, damit sie nicht im gewöhnlichen Gastzimmer durch zufällig eintreffende Fremde gestört würden. Die Gesellschaft hatte es sich aber ausbedungen, daß Frau Reuter heute Abend selber an ihrem Tische präsidiren müsse, die beiden scheidenden Gäste saßen dann — der Doktor an ihrer Rechten und Degmar an ihrer Linken — Ohlers hatte seinen Platz neben dem des Doktors belegt, Pastor Umbreit saß der Wittwe gegenüber, am andern Ende der Tafel.

Ohlers hatte die Zettel geschrieben und die Plätze geordnet. Er war mit Degmar noch allein im Zimmer.

„Hören Sie einmal, Degmar,“ sagte er, als das Mädchen, das eben eine Anzahl Gläser herein gestellt hatte, wieder hinaus gegangen war, „wissen Sie wohl, daß ich jetzt verfluchtes Herzklopfen kriege? Es ist doch eigentlich eine verwünschte Geschichte, und wenn es schief geht, kann ich nur meine Apotheke verkaufen und auswandern, denn hier im Lindenbaum dürft’ ich mich nicht wieder blicken lassen.“

„Ach was schief gehen,“ lachte Degmar — „einen Hauptspaß giebt’s, und das Einzige, was mir leid thut, ist, daß ich morgen früh nicht die erste Scene mit erleben kann.“

„Ja,“ sagte Ohlers, „Sie haben gut lachen, Sie scheeren sich den Henker darum. Wenn hier was passirt, schultern Sie Ihr altes Schießeisen und verschwinden im Urwald, aber wir sitzen in der Falle drin, und nachher wär’ der Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.“

„Haben Sie Furcht?“ lachte Degmar.

„Furcht,“ sagte Ohlers verächtlich — „was heißt Furcht? Wenn ich mich fürchtete, käm’ ich heute dem Lindenbaum nicht zu nahe, und da liegt mein Couvert. Das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte, ist, daß ich mich blamire, und das wäre eine ganz nichtswürdige Pastete — ich würde hier in Pittsburg meines Lebens wahrhaftig nicht wieder froh. — Aber es kann jetzt nichts mehr helfen,“ setzte er mit einem Seufzer hinzu — „der Stein rollt, und wir müssen ihn eben laufen lassen.“

Der Stein rollte wirklich, denn in diesem Augenblick kam der Doktor selber, etwas verlegen zwar, da er sich hier so lange nicht hatte blicken lassen, aber doch vollkommen entschlossen, heute, am letzten Abend, noch ein fröhliches Gesicht zu zeigen, und Niemanden merken zu lassen, wie weh und unbehaglich ihm eigentlich zu Muthe sei. In Wirklichkeit war ihm aber ebenso zu Sinne, wie dem „Peter in der Fremde“ beim Auswandern, und er fürchtete sich selber vor einem Kreuzweg; aber es half jetzt einmal nichts: er hatte seinen Entschluß gegen alle seine Freunde ausgesprochen, die Vorkehrungen waren getroffen worden, und nach dem heutigen Abschiedsessen hätte er doch überdies nicht länger in Pittsburg bleiben können, ohne sich lächerlich zu machen. — Nur ein wenig rasch war es ihm selber vorgekommen — etwas zu rasch. Ein paar Tage würde er vielleicht noch zugegeben haben, aber der verwünschte Degmar trieb ja so und schien so entsetzliche Eile zu haben, daß er sich selber verleiten ließ, ihm die Zusage seines Mitgehens zu geben. Jetzt war es geschehen, an der Sache nichts mehr zu ändern — und es war auch vielleicht das Beste so, denn was hätte längeres Zögern überhaupt noch genützt.

Am Peinlichsten war ihm das erste Begegnen mit der Frau Reuter, denn er fürchtete, daß sie ihm Vorwürfe seines langen Ausbleibens wegen machen werde — aber nichts derartiges geschah. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn wie immer, und frug ihn nur nach seiner Gesundheit, und ob er sich jetzt wohl und kräftig genug fühle, eine so weite Reise anzutreten.

Bald kamen auch die übrigen Gäste hinzu, und Peters, der die ganzen letzten Wochen ein wahres Einsiedlerleben geführt, schien etwas aufzuthauen, als er sich in dem alten befreundeten Kreise befand, und von Allen so herzlich begrüßt wurde. Aber Niemand von Allen spielte auch nur auf die baldige und beabsichtigte Trennung an. Es war, als ob sie nur einfach einmal hier, wie vor alten Zeiten, wieder zusammen gekommen wären, und keinen weiteren Zweck hätten, als sich zu amüsiren — wer dachte da an Abschiednehmen oder sonst etwas Trauriges.

Und jetzt wurde die Mahlzeit aufgetragen, und die Köchin hatte sich heute wirklich selber übertroffen, denn Alles, was Wald, Feld oder Strom bot, und sonst käuflich in der Stadt gewesen war, prangte auf der unter ihrer Last fast brechenden Tafel. Trotzdem blieb die Unterhaltung im Anfang sehr einsilbig, denn alle die Hauptpersonen, die sonst Leben und Bewegung in das Ganze gebracht, saßen heute still und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und mußten ordentlich geweckt werden, um nur eine an sie gerichtete Frage zu beantworten.

Der junge Degmar schien noch der Einzige, dem man eine innere Aufregung nicht anmerken konnte, und er wußte auch Ohlers zuletzt so aufzurütteln, daß er sich wenigstens gewaltsam zusammen nahm. War es doch den anderen Tischgästen schon aufgefallen, denn daß der Abschied des Doktors ihn nicht so niedergedrückt haben konnte, lag auf der Hand.

Der Doktor war der Stillste von Allen und augenscheinlich gerührt. Seine Nachbarin hatte ihn nach dem Verlauf seiner letzten Krankheit, nach seinen nächsten Plänen und Hoffnungen gefragt, und die Augen wurden ihm feucht, wenn er daran dachte, wie er ja all’ seinen Hoffnungen und Plänen entsagen müsse, nur des einen entsetzlichen Schreckbildes wegen, das sich drohend zwischen ihn und sein Glück stellte.

Jetzt endlich wurde aber Ohlers wieder warm. Er hatte das erste, unbehagliche Gefühl abgeschüttelt, und nur einmal in Gang gebracht, und er fühlte sich wieder er selber. Selbst den Doktor brachte er zuletzt mit seinen Späßen und Erzählungen zum Lachen, und je mehr der Wein den Gästen in die Köpfe stieg, desto lauter und lustiger wurden sie, und fingen zuletzt an, sich vortrefflich zu amüsiren.

Der Doktor selber hatte anfangs keinen Wein trinken wollen. Dagegen wurde aber augenblicklich Protest eingelegt, ja sein anwesender Arzt, Doktor Becker, erklärte sogar, daß er jetzt tüchtig guten und starken Wein trinken müsse, um wieder zu Kräften zu kommen und die letzten Nachwehen seiner Krankheit los zu werden.

Und der Wein schmeckte ihm — Ohlers trank ihm wacker zu, und sorgte dafür, daß sein Glas nie leer wurde — ein Toast nach dem andern wurde ausgebracht, und das Unglaubliche geschah: der Doktor fühlte sich so angeregt, daß er sang.

Jetzt hielt es aber Frau Reuter an der Zeit, sich zurückzuziehen; sie stand geräuschlos auf und verließ das Zimmer; die Mädchen wurden ebenfalls abgerufen und einem der Kellner oder barkeeper die Bedienung der Herren überlassen, und nun begann das eigentliche Gelage, das etwa bis um Mitternacht dauerte, und eine eigene Wirkung auf Dr. Peters auszuüben schien.

Anfangs war er ganz ausgelassen und lachte und erzählte und sang, Alles durcheinander — zuletzt fing ihm die Zunge an schwer zu werden. Ohlers mischte ihm ein Glas Limonade, die er auf einen Zug leerte; aber er wurde bald sehr schläfrig. Er setzte sich von der Tafel ab auf das Sopha, und schlug noch eine Weile mit dem rechten Fuß den Takt zu dem Gesang der Uebrigen — dann lag er ganz still, und zuletzt war er tief und fest eingeschlafen. Niemand bekümmerte sich auch die erste halbe Stunde um ihn, sobald aber Ohlers sah, daß der Kellner beschäftigt war neuen Weinvorrath herbeizuschaffen — und er selber gab ihm dazu noch verschiedene Aufträge — winkte er Degmar und Dölzig, und die drei faßten den Schlafenden auf — allerdings kein leichtes Stück Arbeit, und trugen ihn hinaus.

„Hallo, wo wollt Ihr mit dem Doktor hin?“ lachte Einer der Zechenden.

„Ihn zu Bett bringen — er liegt hier schlecht,“ sagte Ohlers, „wir sind gleich wieder da,“ und durch die Thür verschwanden sie mit dem Bewußtlosen.

Fünftes Kapitel.
Der nächste Morgen.

Es konnte kaum sechs Uhr am nächsten Morgen sein, als Frau Reuter schon angekleidet unten im Gastzimmer war, und darauf sah, daß Alles wieder in Ordnung gebracht und gelüftet wurde. Auch Geschirr und Messer, Gabeln und Löffel revidirte sie ob nichts fehlte oder verkramt war, und ließ die Weinreste vom letzten Abend dann hinüber in ein besonderes Zimmer stellen.

Noch war sie damit beschäftigt, als Ohlers hereintrat, und eine Tasse Kaffee bestellte.

„Gehen Sie damit in’s Nebenstübchen, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, „hier ist’s noch zu ungemüthlich — er soll Ihnen gleich gebracht werden.“

Die Wittwe folgte ihm dorthin, und wie er das Zimmer betrat, frug der Apotheker rasch und leise:

„Schläft er noch?“

„Fest und gut,“ lautete die Antwort, „aber ich sage Ihnen, Herr Ohlers, mir ist zu Muthe, als ob ich sterben sollte.“

„Unsinn,“ sagte der Apotheker. „Sie sollen jetzt erst anfangen zu leben — aber weiß Ihr Mädchen darum?“

„Natürlich; sie mußte es wissen — aber ich kann mich auf sie verlassen.“

„Desto besser: die kann uns also gleich helfen.“

„Helfen? mit was?“

„Sollen es gleich erfahren. — Aber da kommt der Kaffee — gehen Sie nur langsam voran; ich folge gleich nach.“

Ohlers ließ nicht lange auf sich warten; sobald er die Dienstleute unten wieder beschäftigt sah, stieg er die Treppe hinauf und öffnete leise die Thür des Zimmers, in welchem der Doktor lag.

Es war ein netter, freundlicher Raum — der Wirthin eigenes Schlafgemach, aber der Doktor war noch nicht erwacht. Er schnarchte leise, und Ohlers winkte der Frau, ihn nicht zu stören. Dann ging er in eines der nächsten Zimmer — hatte er sich doch gestern schon vortrefflich orientirt — und bat das auf dem Gang schon wartende Mädchen, das dort stehende Bett mit anzufassen und in das Schlafzimmer des Doktors zu tragen.

„Aber ich bitte Sie um Gotteswillen,“ rief Frau Reuter.

„Bst,“ flüsterte Ohlers wieder mit seinem alten Uebermuth, „verderben Sie uns nicht die ganze Geschichte — es muß sein, um die Täuschung zu vollenden. Nur leise und vorsichtig, denn wenn er aufwacht, ist Alles verdorben.“

Die Beiden trugen jetzt schnell und geräuschlos das Bett in die andere Kammer — aber der Doktor schlief noch fest; er athmete schwer und schien zu träumen, denn er hob einmal den Arm empor, ließ ihn aber wieder sinken, und Ohlers drückte sich rasch der Thüre zu. Der Schläfer erwachte aber noch nicht, und einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend ging der Apotheker noch einmal zu dem eben herein geschafften Bett, preßte und schob Decken und Kopfkissen durch einander, als ob Jemand die Nacht darin geschlafen hätte, und der Frau Reuter dann zuwinkend verließ er auf den Zehen das Gemach.

„Und was jetzt?“ frug die Frau, die ihm dort hinaus gefolgt war.

„Jetzt setzen Sie sich ganz ruhig vor Ihre Toilette,“ sagte Ohlers, „und warten bis er aufwacht. Lange kann’s nicht mehr dauern, denn er wird schon unruhig — das Uebrige wissen Sie. Ist er vollkommen munter, so klingeln Sie nur, wir kommen dann herauf, um Sie zu unterstützen.“

„Oh, wenn das gut abläuft,“ seufzte die Frau.

„Verlassen Sie sich nur ganz auf uns,“ lachte der Apotheker. „Jetzt bin ich in meinem Element, denn das Einzige, wovor ich wirklich Angst hatte, war, daß ihm das gestrige — das viele Trinken schaden könne. Das ist nicht geschehen; er sieht wohl und munter und schläft sanft — alles Uebrige ist Nebensache.“

„Und Pastor Umbreit?“

„Kommt um zehn Uhr, machen Sie sich nur keine Sorge, beste Frau Reuter, wir Alle stehen Ihnen bei, und Sie haben nicht das Geringste für sich zu fürchten.“

„Wenn es nur erst vorüber wäre — oh hätte ich Ihnen doch nicht gefolgt, mich nicht überreden lassen.“

„Fort auf Ihren Posten,“ rief aber Ohlers, sie der Thür zuschiebend. „Sie verderben sonst Alles und haben sich dann die Folgen selber zuzuschreiben.“ — Damit glitt er die Treppe hinunter und die Frau ging mit schwerem Herzen in das Schlafzimmer zurück, setzte sich dort auf den Stuhl vor ihrem kleinen Toilettspiegel, und löste sich die Haare auf, die sie dann kämmte und wieder zu flechten anfing. Erst wie sie so weit war, warf sie eine kleine Porzellan-Pomadenbüchse auf den Boden nieder, rückte ihren Stuhl etwas laut zur Seite, hob sie auf und fuhr dann, ohne sich umzusehen, in ihrer Beschäftigung fort.

Und wie sanft schlief Peters indessen — er rührte sich nicht, und nur das tiefe, regelmäßige Athmen seiner Brust verrieth, daß er lebe.

Jetzt fiel die Pomadenbüchse auf die Erde, und er öffnete, wie erschreckt, die Augen, schloß sie aber gleich wieder, noch halb im Schlafe. — Jetzt wurde der Stuhl gerückt, und nach einer Weile hörte er, wie Jemand leise aber deutlich seufzte.

Doktor Peters war munter geworden, aber er hielt die Augen noch geschlossen, und überlegte sich nur im Stillen, wer denn in seinem Zimmer sein könne. Die Gedanken gingen ihm auch noch bunt und wirr durch den Kopf, denn mit der Erinnerung an seine letzte Krankheit und der damals genossenen Pflege verschwamm in diesem Moment der letztverflossene Abend, dessen Folgen er noch in seinen matten Gliedern fühlte. Er besann sich auch jetzt vergebens darauf, wie er nur möglicher Weise gestern Abend nach Hause gekommen sein könne, und mußte sich gestehen, daß er auch nicht die Spur mehr davon wußte. — Er war doch nicht etwa betrunken gewesen?

Wieder hörte er einen leisen Seufzer und öffnete jetzt entschlossen die Augen, denn er mußte doch wissen, wer hier in seinem Zimmer zu seufzen hatte. Wie er aber den Kopf drehte, sah er eine Frau vor einem ihm fremden Spiegel sitzen und sich die Haare machen — und das Zimmer — wo, um des Himmels willen, war er denn eigentlich?

Wieder schloß er die Augen und fing an sich ernstlich zu besinnen. Wohin konnte er denn nur gerathen sein? war er schon auf dem Dampfboote, das ihn nach Arkansas bringen sollte? — unmöglich, die Damenkajüte blieb dort vollkommen abgeschlossen, aber — er mußte jedenfalls geträumt haben. Wo wäre er in Wirklichkeit jemals aufgewacht und hätte eine Dame sich die Haare machen sehen.

Wieder der Seufzer. Ordentlich erschreckt fuhr er von seinem Lager empor und sah sich um — ein Bett mit Gardinen und diese halb zurückgeschlagen? Da drüben die Frau, die ihm den Rücken zudrehte, und ganz unbekümmert ihre Toilette machte — dazu vollkommen fremde, bunte Gardinen — an der Wand an verschiedenen Haken Frauenkleider — dem Doktor schwindelte es ordentlich, denn plötzlich kam ihm der furchtbare Gedanke, daß er wahnsinnig geworden wäre, und jetzt eine Menge von Dingen sähe, die gar nicht existirten, und möglicher Weise nicht einmal existiren konnten.

Zugleich aber erwachte der Gedanke in ihm, daß dies möglicher Weise eine Vision sein könne — ein Truggebild seiner Sinne, das schwinden würde, sobald er ordentlich erwache — oder wenn er wirklich schon jetzt wach wäre, das doch einem ruhigen Ueberlegen weichen müsse, und er beschloß deßhalb, die ihn umgebenden Bilder fest und genau seinem Geist einzuprägen, damit er später wenigstens, wenn Alles wieder verschwunden wäre, die Erinnerung daran bewahre.

Dort drüben waren zwei Fenster mit heruntergelassenen Gardinen, die wohl das Sonnenlicht hereinließen, aber das Zimmer von außen jedem neugierigen Blick abschlossen. Neben der Thüre stand ein Waschtisch mit einem Handtuch daneben, an der Wand hingen zwei Bilder, das eine ein Herr mit einem grünen Frack, der einen auffallend schmalen Kragen hatte, während das weiße Jabot weit vorstand — der Herr war auch sonderbar spitz frisirt, und in der hochgehobenen Hand hielt er einen Blumenstrauß. Die Dame, ein sehr hübsches jugendliches Gesicht, hatte eine Haube mit Spitzen auf, trug aber auch sehr altmodische Kleidung, wie man sie nur auf alten Familienbildern findet. Und das war noch nicht Alles — dort an der Wand stand noch ein anderes Bett, in dem augenscheinlich Jemand die Nacht geschlafen hatte. Die Decken waren noch Alle verschoben — wunderbar. Rechts an der Wand stand eine Kommode mit einer Anzahl vergoldeter Tassen und zwei großen hübschen Vasen — der Doktor rieb sich die Augen — das waren genau zwei solche Vasen, wie er sie einmal zum Geburtstag der Frau Reuter geschenkt hatte — und die Frau — war denn das nicht die Frau Reuter selber? — Er konnte ihr Gesicht von dort, wo er lag, nicht sehen, nicht einmal im Spiegel, vor dem sie saß, aber die ganze Gestalt paßte zu ihr — auch das volle, kastanienbraune Haar, das sie jetzt eben, zusammengeflochten auf ihrem Kopf, mit genau einer solchen Nadel befestigte, wie die Wirthin im Lindenbaum zu tragen pflegte.

„Merkwürdig,“ dachte der Doktor, fiel wieder zurück auf sein Kissen und starrte in die über dem Bett zusammengesteckten Gardinen hinauf. Wie der Blitz fuhr er aber auf’s Neue in die Höhe, denn noch einmal hörte er den Seufzer, und zwar so klar und deutlich, daß eine Täuschung seiner Sinne nicht mehr möglich schien.

„Oh du mein Gott,“ sagte er leise vor sich hin, aber die Töne waren zu dem Ohr der Frau gedrungen, und sich rasch umwendend — sie hatte ihre Frisur gerade beendet — sprang sie von ihrem Stuhl auf und rief:

„Dem Himmel sei Dank — Du bist wieder erwacht, Eduard?“

Eduard? Du? — Das war die Wittwe, wie er nur ihr Gesicht sah — aber die Anrede, der Ausruf? Er schloß wieder die Augen, denn er mußte träumen.

„Ach Eduard, welche Angst haben wir um Dich ausgestanden,“ sagte da die Stimme wieder, und der Doktor fuhr in die Höhe, als ob er einen Schuß bekommen hätte. Er richtete sich auf seinen Ellenbogen auf, und sah sich wild und verstört um.

„Ja, aber um Gottes willen,“ rief er — „Frau Reuter! Wie kommen Sie denn?“

„Oh Gott sei gepriesen! er kommt wieder zu Verstand,“ sagte die Frau mit gefalteten Händen — „er kennt mich,“ und rasch trat sie zu dem Glockenzug und läutete daran.

Der Doktor schüttelte mit dem Kopf. „Er kommt wieder zu Verstand!“ hatte sie gesagt, sollte er denn den schon einmal verloren gehabt haben? Unwahrscheinlich kam ihm das gar nicht vor, wenn er sich seine jetzige Situation überlegte, und er würde sogar weit eher geglaubt haben, daß er ihn noch gar nicht wiedergefunden. Aber jetzt wurden Schritte draußen laut: es klopfte an, und ehe er selber nur einen Entschluß fassen konnte, hatte die Frau schon die Thür geöffnet, und Ohlers, Degmar und Dölzig traten in’s Zimmer.

„Hurrah!“ rief Ohlers aus, wie er nun den Doktor sah — „wieder frisch und gesund: hab’ ich denn nicht recht gehabt? Ich wußte, daß es ihm nicht schaden würde, denn es war nur ein kalter Schlag.“

„Ein kalter Schlag?“ wiederholte der Doktor verdutzt, und sah nur noch, wie die Frau Reuter hinter den Herren das Zimmer verließ.

„Vor allen Dingen, Peters,“ sagte aber Ohlers feierlich, „haben wir Dir Abbitte zu thun, daß wir damals das, was Du eine Ahnung nanntest, bespöttelten und mißachteten.“

„Abbitte? Ahnung?“ rief der Doktor, „wollt Ihr mich wirklich verrückt machen, oder bin ich es schon?“

„Und solltest Du Dich wirklich nicht mehr auf die Vorgänge des gestrigen Abends besinnen?“ sagte Ohlers.

„Bester Ohlers,“ warf Degmar dazwischen, „das war genau so mit meinem Bruder, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählt habe, und den ein ganz ähnlicher Anfall traf. Er erlangte nach kurzer Zeit seine vollständige Besinnung wieder, aber was unmittelbar dem Anfall vorausgegangen, die letzten drei oder vier Stunden waren seinem Gedächtniß vollständig entschlüpft, und keine Spur davon mehr in seiner Erinnerung zurückgeblieben.“

„Einen Anfall?“ rief Peters.

„Nun gestern Abend,“ sagte Ohlers ruhig, „wie Du erklärt hattest, daß Du nicht reisen würdest, und der Wittwe Reuter die Hand reichtest — gerade wie Euch der Friedensrichter als Mann und Frau zusammengab —“

„Als Mann und Frau?“ schrie Peters, und fuhr mit beiden Beinen aus dem Bett, ebenso rasch aber auch wieder, einen scheuen Blick im Zimmer umher werfend, zurück und sah die Freunde erstaunt, ja ordentlich verstört an. Plötzlich aber glitt ein Lächeln über seine gutmüthigen Züge, und dem Apotheker verschmitzt mit dem Finger drohend, sagte er:

„Ohlers, Du Schwerenöther, Du willst Dir gewiß einen Jux mit mir machen.“

Degmar konnte sich nicht mehr halten, er platzte gerade heraus, rief aber dabei:

„Nein, das ist zu komisch, jetzt weiß der nicht einmal, daß er verheirathet ist.“

„Hören Sie, Degmar,“ sagte Ohlers ernst, „da ist gar nicht viel Komisches dabei, und wir wollen wahrhaftig keine Zeit versäumen. Bleib nur noch im Bett liegen, Peters, deck Dich warm zu und warte einen Augenblick, ich will gleich nach dem Doktor Becker schicken, denn der Anfall könnte doch sonst am Ende ernstere Folgen haben.“

„Thun Sie das, Ohlers,“ sagte Dölzig, der den Doktor indessen ernst und fast traurig betrachtet hatte, „Degmar und ich bleiben indessen bei ihm.“

„Zum Doktor schicken? und weßhalb?“ rief aber Peters, indem er sich nach seinen Kleidern umsah, „ich bin so wohl wie ich je gewesen, und will aufstehen. Wenn Jemand zum Doktor gehen muß, kann ich’s selber thun; übrigens, wenn Ihr mich nicht verrückt machen wollt, so erzählt mir jetzt ruhig, was vorgegangen ist, und überlaßt dann das Andere mir. — Sie Dölzig sind der Vernünftigste von den Beiden, was ist mit mir seit gestern Abend geschehen, und wo bin ich hier?“

„Ich könnte Ihnen die letzte Frage gleich zuerst beantworten,“ sagte Dölzig ruhig, „aber lassen Sie uns lieber von vorn beginnen, denn ich fange jetzt an, selber zu glauben, daß jener merkwürdige Zufall Ihre Erinnerung für den Augenblick gestört oder doch umflort hat.“

„Merkwürdiger Zufall? welcher?“ sagte Peters.

„Erinnern Sie sich nicht mehr, gestern Ihren Entschluß geändert zu haben, nach Arkansas zu gehen?“

„Keine Silbe,“ rief Peters rasch.

„Auch nicht, daß Sie der Wittwe Reuter einen Heirathsantrag gemacht, als wir, Ohlers, Degmar und ich, mit Ihnen im anderen Zimmer waren, wohinein Sie uns selber riefen?“

„Ich?“ rief Peters erschreckt.

„Und daß wir dann meinen Nachbar, den Friedensrichter Buttler, holen ließen, und der Sie zusammengab?“

„Mich und die Wittwe?“ schrie Peters wieder in äußerstem Erstaunen.

„Und daß, wie er die Worte gesprochen, und Sie der früheren Frau Reuter, jetzigen Frau Doktor Peters die Hand reichten, ein plötzlicher Blutandrang nach dem Kopfe, oder Gott weiß was sonst, Sie erfaßt haben muß, denn Sie brachen zusammen, als ob Sie vom Blitz erschlagen gewesen wären.“

Der Doktor sah den Redenden stier an.

„Bei Gott!“ rief er, „und — ich glaube Sie haben Recht — ich fange wirklich an, mich zu besinnen.“ — Im Geist hatte er sich nämlich diesen immer gefürchteten Augenblick so oft herauf beschworen, und in seine Träume hinein verwebt, daß ihn die Erzählung desselben als Wirklichkeit gar nicht mehr so sehr überraschte. — „Merkwürdig! merkwürdig! Oh meine Ahnung! Siehst Du, Ohlers, habe ich damals nicht Recht gehabt — und Du lachtest?“

Ohlers mußte jetzt mit aller Gewalt, deren er fähig war, zurückhalten, daß er nicht in diesem Moment wirklich herausbrach, aber Dölzig kam ihm zu Hülfe und fiel rasch ein:

„Sie können sich unseren Schrecken denken. Von den übrigen Gästen waren noch einzelne da, die wir doch nichts wollten merken lassen, wir trugen Sie deßhalb rasch in Frau Reuters Schlafzimmer“ — der Doktor warf still und hochaufathmend den Blick umher — „und die Angst der armen Frau kann ich Ihnen gar nicht beschreiben,“ fuhr Dölzig fort — „aber Gott sei Dank, daß jetzt Alles so gut vorübergegangen ist. Sie sind wirklich mit einem blauen Auge davon gekommen, Peters.“

„Merkwürdig, merkwürdig“ sagte immer noch, leise vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd, der Doktor, „und so wäre ich eigentlich verheirathet, ohne daß ich selber etwas davon wüßte.“

„Aber Sie sagten ja eben, daß Sie sich darauf besinnen.“

„Ja, aber nur dunkel, ganz dunkel, und wo ist die Frau Reu — wo ist meine Frau?“

„Draußen,“ sagte Ohlers, „und in Todesangst, daß der Anfall böse Folgen für Dich haben könnte.“

„Gute Frau,“ murmelte der Doktor leise vor sich hin, „aber Kinder — thut mir den Gefallen und geht auf einen Augenblick hinaus, daß ich aufstehe und mich ankleiden kann, mir schwindelt der Kopf noch; ich muß mich erst mit kaltem Wasser waschen, daß ich wieder ordentlich zur Besinnung komme. Sowie ich fertig bin, ruf ich Euch.“

Die Verbündeten waren froh, jetzt fortzukommen, denn Degmar besonders konnte sich kaum länger ernsthaft halten. Der Doktor aber stand auf, wusch sich und zog sich an, und wollte dann eben an der Klingel ziehen, als es wieder an die Thür klopfte.

„Herein.“

Es war Ohlers.

„Hör einmal, Peters,“ sagte der Apotheker, und legte dem Doktor seine Hand auf die Schulter, „ich habe eben mit Deiner Frau gesprochen.“

„Mit meiner Frau, Ohlers?“ flüsterte Peters, und ein leises Lächeln flog über seine Züge, „ich kann Dir gar nicht sagen, wie sonderbar das klingt.“

„Na natürlich ist Dir der Ehestand noch neu,“ meinte der Apotheker, „aber — Du kennst ja die Frauen. Mit der Civilehe ist es eine recht schöne Sache, aber wenn sie den Pfaffen nicht doch noch dabei haben, glauben sie, daß die Geschichte nicht ordentlich geleimt und verkittet wäre. Außerdem mit dem Zufall gestern Abend — wenn auch Alles in Ordnung ist — und so läßt sie Dich fragen, ob Du etwas dagegen hättest, wenn wir heute Morgen — nachdem Ihr doch nun vor dem Friedensrichter gestanden und die Sache eigentlich abgemacht ist — noch einmal die kirchliche Trauung vornähmen. Wir Alle wissen ja recht gut, daß es nicht nöthig ist, aber lieber Gott, die Frau beruhigt’s.“

„Ich habe auch nichts dagegen, Ohlers,“ sagte Peters freundlich, „ja ich will Dir aufrichtig gestehen, daß ich, während Ihr unten waret, schon selber daran gedacht habe, und Frau — und meine Frau darum bitten wollte. Das Verhängniß ist gesühnt — ich wußte, welcher Gefahr ich ausgesetzt war, und glaubte nie, daß sie so leicht an mir vorübergehen würde. Jetzt ist es geschehen, und es würde mir selber zur Beruhigung gereichen, nicht blos die dunklen, unbestimmten Umrisse meiner Trauung im Gedächtniß zu bewahren, sondern die feierliche Handlung auch bei vollem Bewußtsein noch einmal durchzumachen.“

„Bravo,“ sagte Ohlers, vergnügt in die Hände schlagend. „Umbreit ist schon unten, in einer halben Stunde kann Alles abgemacht sein, und weißt Du, was Ihr dann thut? Dann setzt ihr Euch auf den Dampfer Dayton und macht eine kleine Vergnügungstour nach Cincinnati oder St. Louis, oder wo Ihr sonst hin wollt, wir werden indessen schon hier zu Rechtens sehen, daß im Lindenbaum Alles seinen ruhigen Gang geht. Wie? hab’ ich Recht?“

„Guter Ohlers,“ sagte Peters, der tief gerührt schien, „mach und ordne Du Alles an, wie Du es willst, ich füge mich Dir ganz, denn ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst.“

„Noch einmal Bravo,“ sagte der Apotheker, dem Doktor die Hand reichend, „und darauf kannst Du Dich verlassen, mein alter Junge, denn gerade weil wir es gut mit Dir meinen, haben wir Dir ja auch so zugeredet. Jetzt überlaß nur Alles mir — bleibe noch einen Augenblick hier oben, aber komm mit in das andere Zimmer herüber, denn Deine Frau muß sich auch ein wenig anziehen, und bis zum Frühstück soll Alles abgemacht sein.“

Ohlers hatte nicht zu viel versprochen; er trieb nach allen Seiten, und während die Frau ihre Toilette machte, richtete er in einem der Gastzimmer einen kleinen Altar her, an dem die heilige Handlung ohne Schwierigkeit und mit Anstand vollzogen werden konnte. Degmar besorgte indessen Blumen und sonstige Ausschmückung, Dölzig ging nach Haus, um seine Frau und Schwägerin, die eine zur Zeugin, die andere zur Brautjungfer abzuholen, und um halb elf Uhr führte er den kleinen Zug in feierlicher Prozession in das wirklich festlich hergerichtete Gemach hinüber.

Pastor Umbreit war dabei ebenfalls ein durchaus praktischer Mann, der sich nie lange bei der Vorrede aushielt. Die Trauungsrede, die er hielt, dauerte nicht länger als jede Trauungsrede eigentlich dauern sollte, etwa zehn Minuten, denn was ihnen der Geistliche sagen könnte, wissen die Brautleute schon außerdem, und haben es sich selber oft genug gesagt, und jetzt zum ersten Mal, nachdem sie die von Umbreit selber mitgebrachten Ringe gewechselt und der Segen über sie gesprochen worden, umfaßte Peters seine erröthende Frau, drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn und flüsterte ihr zu, daß er sich recht — recht glücklich fühle, und sein ganzes Leben daran wenden wolle, sie ebenso glücklich zu machen, und ihr für ihre Liebe zu danken.

Nach der Trauung wurde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen, dann ging Peters nach Hause, packte einen kleinen Koffer und schickte ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geschah ein Gleiches, und um ein Uhr Mittags, während das Gerücht der Trauung Pittsburg in Erstaunen setzte, und ehe noch irgend ein neugieriger Bekannter oder Stammgast anfragen und die Neuverlobten stören konnte, fuhren sie, nur von Degmar begleitet, den „schönen Strom“ hinab der „Königin des Westens“, Cincinnati, zu.

Drei Wochen blieben sie auf Reisen, und als Peters endlich mit seiner jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Er sah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Gesundheit schien auch sein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt.

Von da an übernahm er die Wirthschaft, die sich bald zu einer der bedeutendsten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geschäft befand er sich wirklich in seinem Element. Auch seine abergläubischen Neigungen — wenn sie auch nicht schwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen seiner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie er damals von den Freunden überlistet worden — schon seiner wackeren Frau zu liebe beobachteten diese unverbrüchliches Stillschweigen. — Jetzt sind Beide todt. Die „Frau Doktorin,“ wie sie immer in der Stadt genannt wurde, starb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte sie nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft gesegnet. Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden, sie haben aber nie die gebrauchte List zu bereuen gehabt. Denn eine glücklichere Ehe als sie Peters mit seiner Frau die langen Jahre führte — hat es wohl kaum je gegeben.