Viertes Kapitel.
Wenn der Particulier Müller aber auch bis tief in die Nacht hinein geschwärmt hatte, so war er doch trotzdem am frühen Morgen wieder auf, denn heute galt es, den entscheidenden Streich zu führen — länger hätte er sich auch überdieß nicht in dem Hotel halten können, und je früher am Morgen er damit begann, desto rascher kam er damit zu Ende. Eine Nacht durfte er keinesfalls noch nachher im Hause bleiben.
Am vorigen Abend schon hatte er sich von seinem Freund, dem Oberkellner, ein Rasirmesser geborgt, und wie es nur eben hell geworden war, um die Operation vorzunehmen, klingelte er um seinen Kaffee und etwas heißes Wasser, verschloß dann seine Thür und stutzte und rasirte sich seinen Bart genau so, wie ihn das Portrait über der Kommode trug. Auch die Haare ordnete er sich in ähnlicher Art, und als er sich nachher im Spiegel mit dem Bild verglich, mußte er sich selber eingestehen, daß die Aehnlichkeit eine vollkommene sei. Er konnte gar nicht verfehlen, den Eindruck zu machen, den er beabsichtigte.
Die einzige Schwierigkeit war jetzt, in das Zimmer seiner Schwägerin zu kommen, ohne dem Oberkellner vorher zu begegnen, denn Müller zweifelte keinen Augenblick daran, daß diesem die Aehnlichkeit mit dem Bilde ebenfalls auffallen müsse. Schlug der aber vor der Zeit Lärm, so war die Sache kein Geheimniß mehr und dann vollkommen werthlos; seiner Schwägerin wäre es nicht mehr eingefallen ihn abzukaufen. Uebrigens hatte er sich schon am vorigen Tag den Gang gemerkt, durch welchen er in das Zimmer der Frau gelangen konnte, ohne vorher die Treppe hinunter und an der andern Seite wieder hinauf zu steigen. Aber vorher mußte er sich melden lassen und dazu blieb ihm keine andere Person erreichbar als der Hausknecht. Nur ob er ihn dazu bewegen konnte, war die Frage, denn bis jetzt hatte er aus dem Burschen noch keine drei Worte herausbekommen. Doch der Versuch mußte gemacht werden.
Die Thurmuhr — eine eigene Uhr besaß Herr Müller schon lange nicht mehr — schlug eben acht, als er diesem würdigen Individuum klingelte. Bald darauf erschien er mit drei oder vier Paar Stiefeln unter den Armen, machte die Thür auf, rief herein: „Komme gleich!“ und verschwand dann wieder, um die betreffenden Fußbekleidungen an ihre entsprechenden Nummern abzuliefern. Nach einiger Zeit aber kehrte er wirklich, mit der Kleiderbürste in der Hand, zurück — denn was Anderes konnte man von ihm verlangen? — blieb in der Thür stehen und sagte, sich überall nach einem auszubürstenden Kleidungsstücke umsehend:
„Na, wo is es?“
„Wo ist was?“ fragte Herr Müller, der sich indessen sein rothseidenes Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit der Bursche nicht sein verändertes Aussehen bemerken sollte.
„Nu, der Rock oder die Hose,“ erwiderte der Bursche, „oder soll ich Ihnen vielleicht einen Zahn ausreißen, denn Sie halten ja das Gesicht so fest zu.“
„Bitte, lieber Freund,“ sagte aber Herr Müller, „thun Sie mir doch den Gefallen und gehen Sie einmal hinüber zur Wirthin —“
„Geht mich nichts an,“ brummte aber der Hausknecht, indem er sich wandte, um das Zimmer wieder zu verlassen; „das ist dem Kellner, dem Mosche Luih seine Sache. Wenn ich ihn sehe, will ich ihn heraufschicken.“ Er stand schon wieder auf der Schwelle, aber der Fremde griff in die Westentasche, und das war eine Bewegung, die er nur zu gut kannte und der er noch nie im Leben hatte widerstehen können.
„Lieber Freund,“ wiederholte auch jetzt der Fremde, indem er ihm ein Fünfgroschenstück in die Hand drückte — es war das letzte, das er sein nannte — „hätten Sie wohl die Freundlichkeit, für mich hinüber zu gehen? Ich vertraue Ihnen die Bestellung lieber an.“
„Na, man ist ja kein Unmensch,“ sagte der Hausknecht, indem er das Geldstück besah und in seine eigene Tasche gleiten ließ, „und was soll ich drüben?“
Herr Müller trug schon seit gestern eine Karte bei sich, die er sich ebenfalls von dem Kellner erbeten. Auf dieser hatte er mit Fractur — um seine Handschrift nicht zu verrathen — den Namen „Caspar Müller“ geschrieben und die Karte dann in einem Couvert versiegelt.
„Hier, diese Karte,“ sagte er jetzt, das Papier dem Hausknecht gebend, „tragen Sie gleich zu Ihrer Madame hinüber und sagen Sie ihr, der Herr, dessen Namen da drinnen stände, wünsche sie augenblicklich zu sprechen, da er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Verstanden?“
„Hm,“ sagte der Hausknecht und besah sich den kleinen Brief von allen Seiten, „da steht ja gar nichts oben drauf.“
„Ist auch gar nicht nöthig. Sie wissen ja doch, wem Sie es übergeben sollen.“
„Na, schön,“ erwiderte der Bursche, indem er das Couvert in seine Westentasche zu dem Fünfgroschenstück schob, „werde es nachher besorgen, wenn ich hier mit meiner Seite fertig bin.“
„Wenn Sie nicht gleich hinüber gehen, kann es mir nichts helfen,“ sagte aber Herr Müller ruhig, „dann seien Sie so gut und geben Sie mir den Brief und die fünf Groschen wieder — die mag dann das Hausmädchen verdienen.“
„Ne, das kann ich auch,“ meinte aber der jetzt gefügige Geselle, denn schon eingestecktes Geld wieder herauszugeben, ging doch unmöglich an; „wenn die Geschichte so eilig ist, mag sie ihn gleich haben, und Nummer 28 bis 19 muß eben warten, bis ich wiederkomme,“ und dabei drehte er sich auf dem Absatz herum und ließ Herrn Müller jetzt zwar nicht mit Zahnschmerzen, aber doch in einem Grad von Aufregung zurück, der ihm das Herz wie ein Hammer in der Brust pochen machte und den Angstschweiß auf die Stirn trieb.
Die Würfel waren aber auch jetzt gefallen; der Stein rollte, die Kugel war aus dem Lauf, und keine Macht der Welt konnte sie wieder zurückbringen. Der Name Caspar Müller bereitete die Frau auf Alles vor, was sie zu erwarten hatte, und seine eigene Erscheinung nachher mußte jedem etwa auftauchenden Zweifel ein Ende machen. Keinesfalls wies sie auch das einzige Rettungsmittel von der Hand, das er ihr bot. Was konnte ihr an den paar Hundert Thalern liegen, wo es ja den häuslichen Frieden ihres ganzen Lebens galt. Und doch war ihm nicht recht behaglich dabei zu Muthe, denn er dachte an seine eigene Frau — was diese dazu sagen würde, wenn sie es wüßte, dachte an den Betrug den er spielte, und mochte er ihn auch beschönigen wie er wollte, es blieb doch immer nur ein Raub, den er verübte.
Aber konnte er etwa anders? Zwang ihn denn nicht die baare, blanke Noth zu diesem Schritt, und hätte er nicht etwa gar stehlen müssen, um sich nur am Leben zu erhalten, wenn ihm dieser Versuch fehl schlug? — Stehlen? — Und war das hier etwa besser wie stehlen? einer armen, alleinstehenden Frau, die sich nicht zu rathen und zu helfen wußte, ja seiner eigenen Schwägerin eine Summe Geldes durch eine Lüge abzupressen? Er mochte den Blick nicht zu dem Spiegel aufheben, an dem er vorüberschritt, so schämte er sich vor sich selber, und unruhig horchte er wieder und wieder an der Thür, ob denn die Antwort noch nicht bald käme, daß er endlich von seinen peinlichen Gedanken und Selbstvorwürfen erlöst würde. Und immer wieder horchte er vergebens, denn so vollkommen vorbereitet die Wirthin auch auf den Empfang des Ferdinand Müller gewesen war, so unerwartet traf sie die Meldung des Namens ihres eigenen verstorbenen Mannes, und so bestürzt war sie darüber, daß ihre Bewegung nicht einmal dem sonst fast stumpfsinnigen Hausknecht entgehen konnte.
„Und was für Antwort soll ich auf Nummer 36 bringen?“ fragte dieser endlich, als die Wirthin noch immer wie gebannt auf den verhängnißvollen Namen starrte, „er wartet d’rauf.“
„Ich — ich werde ihn nachher rufen lassen,“ sagte die Frau, sich gewaltsam sammelnd, „aber jetzt — schicken Sie mir einmal gleich die neue Wirthschafterin herauf — hören Sie? Ich ließe sie bitten, den Augenblick zu mir zu kommen, ich hätte ihr — doch schon gut — sagen Sie ihr nur, daß sie augenblicklich kommt.“
Der Hausknecht drehte sich um, diesen neuen Auftrag auszuführen und dann seine übrigen Stiefel fertig zu putzen. Die fünf Groschen hatte er verdient und Nr. 36 jetzt weiter nichts zu thun, als eben zu warten, bis er gerufen würde. Wie blaß aber die Frau geworden war, als sie den Brief gelesen! was da wohl d’rin gestanden haben mochte — gewiß war Jemand gestorben, doch was ging das ihn an; er sollte die Wirthschafterin rufen, und war das geschehen, so hatte er auch mit der ganzen Geschichte nichts weiter zu thun.
Nur wenige Minuten vergingen bis Frau Therese bei ihrer neu entdeckten Schwägerin erschien, und was für wirre, peinigende Gedanken waren dieser indessen durch Herz und Hirn gezuckt und hatten ihr Brust wie Seele eingeschnürt, daß sie kaum athmen konnte. — Wenn sich die Frau nun gestern Abend geirrt — wenn sie, durch die Aehnlichkeit getäuscht, ihren eigenen Mann, den Caspar Müller, den sie die langen, langen Jahre für todt und verloren geglaubt, für den ihrigen gehalten hätte — wenn er jetzt wiederkommen — plötzlich zu ihr in’s Zimmer treten sollte. — Sie konnte den Gedanken nicht gleich fassen, denn zu plötzlich, zu überraschend schnell war das Alles sich gefolgt, und rathlos, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, ging sie noch mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, als sich die Thür öffnete und ihre Schwägerin den Raum betrat.
„Sie haben mich zu sprechen gewünscht,“ sagte sie leise und sah sich scheu im Zimmer um, denn sie hoffte halb, halb fürchtete sie, ihren Gatten hier zu treffen, aber die Wirthin schob ihr nur die Karte hin und „Caspar Müller“ las sie verwundert. Sie wußte nicht, was sie daraus machen solle — wie das mit dem was sie erwartete zusammenhing — „Caspar Müller? Wer ist das? War das nicht Ihres Mannes Name?“
„Meines Mannes,“ bestätigte die Frau, „und diese Karte hat mir der Fremde eben herübergeschickt, den Sie gestern Abend in der Wirthsstube gesehen und für Ihren Mann gehalten haben.“
„Diese Karte? — aber sein Vorname ist Ferdinand.“
„Und wissen Sie bestimmt, daß Sie sich nicht getäuscht? Die beiden Brüder sollen sich immer ähnlich gesehen haben, und nie, nie konnte ich bestimmte Nachricht von dem Tod meines Gatten erhalten. Er war nur verschollen, und wie Andere, die mit ihm todtgesagt gewesen, wieder nach einiger Zeit in Europa und in dem Kreis der Ihrigen erschienen, so kann ja auch er zum Leben zurückgekehrt und mir erhalten sein.“
Therese seufzte tief auf, aber mit dem Kopf schüttelnd, sagte sie leise: „Und wenn es Zwillingsbrüder gewesen wären, ich hätte sie von einander gekannt, wenn ich sie so gesehen, wie gestern Abend meinen Mann. O, Gott wollte ich recht von Herzen und auf meinen Knien danken, wenn Ihnen der Gatte zurückgegeben würde, aber der, den ich gestern Abend gesehen habe, war es nicht.“
„Und sind Sie davon fest und sicher überzeugt?“ fragte die Wirthin.
„Ich wollte den heiligsten und schwersten Eid darauf ablegen, aber“ fuhr sie fort, „wir haben noch ein anderes Mittel, uns zu überzeugen. Dort liegt noch das Fremdenbuch von gestern Abend und meines Mannes Handschrift. Hier —“ und sie nahm ihr Notizbuch aus der Tasche — „ist der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe. Sie selber besitzen doch auch noch jedenfalls die Unterschrift ihres Mannes aus früherer Zeit — vergleichen Sie die drei Proben mit einander, und Sie werden bald selber keinen Zweifel mehr hegen.“
„Sie haben Recht,“ rief die Wittwe rasch, indem sie ein kleines Ebenholzkästchen aufschloß und ein Packet Briefe herausnahm. „Die Unterschrift muß jeden Zweifel lösen, und jetzt werden wir gleich sehen, woran wir sind.“ Sie hatte mit den Worten schon einen Brief herausgenommen und geöffnet, aber die Schrift ihres verstorbenen Mannes hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem in dem Fremdenbuch eingetragenen Namen, während das Wort Müller in jeder Einzelheit mit der Handschrift von Theresens Gatten correspondirte.
„Sie sehen selber, daß ich Recht habe,“ sagte Therese, „es bleibt kein Zweifel mehr, es ist mein Mann; aber dann begreife ich nicht, wie er dazu kam, Ihnen diese Karte zu schicken, die er selber geschrieben haben muß.“
„Ich begreife es aber desto besser,“ sagte die Wittwe, deren Brauen sich finster zusammenzogen, während sie, beide Hände aus den Tisch gestützt, noch immer die Handschriften mit einander verglich, oder wenigstens darauf niederstarrte, „doch davon werden wir uns selber überzeugen, wenn wir den Herrn erst gesprochen haben,“ sagte sie plötzlich, indem sie sich wieder aufrichtete und ihre Briefe verschloß. „Bitte, liebe Therese, nehmen Sie ihren Brief wieder an sich und das Fremdenbuch vor der Hand mit auf Ihr Zimmer, das Sie auch nicht verlassen dürfen, bis ich Sie selber von dorther rufe. Wir wollen so wenig wie möglich fremde Menschen bei der Sache haben.“
„Aber mein Mann —“
„Schicken Sie das Hausmädchen hinüber auf Nummer 36 und lassen Sie den Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Sagen Sie auch dem Mädchen, daß sie ihn gleich selber zu mir führt; er möchte den Weg nicht wissen, obgleich ich fast vermuthe, er hat sich schon danach umgesehen. Und dem Mädchen tragen Sie dann auf, augenblicklich wieder zu Ihnen zu kommen, damit sie mir hier nicht am Zimmer horcht. Es wäre vielleicht besser, Sie sähen sich selber nach ihr um, denn Sie können ja in Ihrem Zimmer hören, wenn sie dort vorbeigehen.“
„Und wollen Sie ihm sagen, daß ich hier, daß ich bei Ihnen bin?“
„Erst müssen wir vor allen Dingen erfahren, was ihn selber zu mir führt, danach werden wir unsere anderen Maßregeln zu ergreifen haben. Also vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, und nun fort, denn ich fürchte fast, Herr Müller da drüben, welchen Vornamen er nun auch trägt, wird indessen ungeduldig geworden sein.“
Therese verließ das Zimmer, um die erhaltenen Befehle auszuführen, wenn sie auch noch immer nicht begriff, auf was das Alles hinauslaufen sollte. Weit rascher hatte dagegen die Wirthin des Fremden Absicht aufgefaßt, denn von Jugend auf gewohnt, mit einer Menge der verschiedensten Menschen zu verkehren, und diese nicht immer von ihrer Lichtseite kennen zu lernen, war schon lange bei allen zweifelhaften Fällen stets ihr erster Gedanke, daß das Ganze auf eine Gelderpressung hinauslief, und Erfahrung hatte sie gelehrt, wie sie unter zehn Fällen sieben- oder achtmal Recht gehabt. Und doch blieb ihr hierbei räthselhaft und unbegreiflich, auf welche Weise ihr Schwager — und daß er es sei, bezweifelte sie jetzt selber nicht mehr, seitdem sie die Handschriften miteinander verglichen — beabsichtigt habe, seine Rolle durchzuführen. Wenn er sich für ihren verstorbenen Mann ausgab, mußte er doch auch darauf gefaßt sein, dafür zu gelten, und dann jeden Tag fast eine Entdeckung des begangenen Frevels fürchten. — Daß Herr Louis aus ihm selber am besten bekannten Gründen ihr einen zweiten Mann angedichtet hatte, wußte sie ja gar nicht.
Doch Alles mußte sich ja bald zeigen, denn Müller, der indessen drüben auf Nr. 36 wie auf Kohlen gestanden und gewartet hatte, folgte der Einladung augenblicklich — das Mädchen konnte kaum Schritt mit ihm halten, und schon hörte sie ihn draußen auf dem Gang.
„Herein!“ Die Thür öffnete sich und die Wittwe, die völlig darauf gefaßt gewesen war, den beabsichtigten Betrug mit einem Blick zu durchschauen, stieß unwillkürlich einen leisen Schreckensschrei aus, als ihr Gatte — ihr Caspar, wie sie ihn zuletzt gesehen, wie sie ihn immer noch im Gedächtniß trug, auf der Schwelle stand und ihr die Hand entgegen streckte. Aber vorsichtig zog er mit der andern dabei die Thür hinter sich zu, denn das Mädchen brauchte von der Erkennungsscene nichts zu sehen, und mit langsamen Schritten kam er jetzt auf die Frau zu, die sich vor Schreck und Ueberraschung am Tisch festhalten mußte um nicht in die Knie zu sinken.
Herr Müller beging dabei einen Fehler. Er warf einen, wenn auch nur flüchtigen Blick durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand Anderes zugegen wäre, aber er fiel damit aus der Rolle, denn den wirklichen Mann hätte in einem solchen Augenblick die Gegenwart von hundert Zeugen nicht gekümmert.
Zu jeder andern Zeit hätte auch die Frau wohl schwerlich diesen Mißgriff übersehen, aber dieser erste Moment der Ueberraschung war zu groß für sie gewesen und wirkte zu bewältigend. Als ob sie eine Erscheinung sähe, starrte sie ihn an, und Müller, dem der gemachte Eindruck nicht entgehen konnte, sah sein Spiel gewonnen. So auf die Frau zugehend und sie in seine Arme nehmend, sagte er leise und zärtlich:
„Josephine — kennst Du mich nicht mehr?“
Die Frau duldete die Umarmung; Wahrheit und Täuschung schien hier so eng verkettet, daß sie sich nicht im Stande fühlte, beide gleich von einander zu trennen. Wie stark auch die feste Ueberzeugung der letzteren gewesen sein mochte, das, was lebend und athmend vor ihr stand, rief mit der Erinnerung vergangener Zeiten Alles wieder wach, was die langen Jahre in ihrem Herzen todt und begraben gelegen, und ihren Kopf auf seine Brust legend, flüsterte sie:
„O, Caspar, Caspar, bist Du es denn wirklich? — ja, Du mußt es sein. Therese hat sich geirrt,“ fuhr sie fast leidenschaftlich fort. „Du heißt nicht Ferdinand, und die schwere, schwere Zeit, die ich durchlebt, ist jetzt vorbei. Jetzt bleibst Du bei mir und verläßt mich nie, nie wieder!“
„Therese — Ferdinand — nie wieder verlassen?“ Herrn Müller überkam bei den Worten ein ganz eigenes, unbehagliches Gefühl, denn während die ersten Namen den unbestimmten Verdacht einer Entdeckung in ihm wach riefen, war dieser leidenschaftliche Jubel, mit dem ihn die Frau umschlang, nicht die Empfindung gewesen, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt. Die Frau mußte in dem ersten Glück des Wiedersehens ganz vergessen haben, daß sie schon wieder verheirathet sei. Auf diese Wendung gar nicht vorbereitet, wußte er auch in der That nicht gleich, wie er sich dabei benehmen sollte, und erwiderte nur, in aller Verlegenheit, desto feuriger die Umarmung.
„Und wo, um Gotteswillen, bist Du so lange gewesen?“ fuhr die Frau endlich fort, indem sie sich fast gewaltsam von ihm losmachte, und ihn auf Armeslänge von sich haltend, aufmerksam betrachtete, „wo warst Du, daß nicht eine Zeile von Dir mich erreichen und aufrichten konnte?“
„Ach, mein Herz,“ sagte Herr Müller, für diese Frage völlig gerüstet, „in jener Schreckensnacht, als ich auf einem Stück Holz im Meere schwamm, fischte mich ein Wallfischfänger auf und nahm mich mit auf seiner Tour in die Südsee. Die erste Nacht war ich bewußtlos, und später konnte er mich des schlechten Wetters wegen nicht mehr aussetzen. Oben im Eismeer aber froren wir ein — o, ich habe schreckliche Zeiten mit durchgemacht, und als wir endlich loskamen und ich ein anderes Schiff fand, das mich heimführen sollte, scheiterten wir zum zweiten Mal an der russischen Küste — und wie schwer es ist, von dort wegzukommen — glaubt gar Niemand — der nicht selber dort gewesen.“
Die Frau hatte ihn, während er sprach, fest und aufmerksam betrachtet, und so sicher er sich in seinem eigenen Zimmer gefühlt, als er sich dieses Zusammentreffen ausmalte, so unsicher machte ihn jetzt das auf ihm haftende Auge. Er brachte die letzten Worte nur langsam heraus. — Weshalb sah ihn aber auch die Frau nur so stier an. Diese hörte aber kaum, was er sprach, denn jetzt, in ruhiger Beobachtung, begann der Zauber zu weichen, der sie zuerst befangen gehalten.
Wie sie den Mann hatte in ihre Stube treten sehen und in der ganzen Gestalt, in den Zügen, ja selbst in seinen Bewegungen das getreue Abbild ihres Gatten erkannte, da allerdings überwältigte sie ihr Gefühl, und der erste unwillkürliche Eindruck war, daß der Todte wirklich zum Leben erstanden sei. Jetzt aber, während vielleicht unbewußt der fremde Klang der Stimme das Seinige dazu beitrug und ihr Auge unmittelbar an den Zügen dessen haftete, der hier als ihr Gatte auftrat, kehrte zuerst der Gedanke an einen möglichen Betrug zurück, wurde das Mißtrauen geweckt, und eine Menge Kleinigkeiten mußten es bestätigen.
Das vor ihr waren die Züge des Gatten, aber sie waren es auch wieder nicht; die blauen Augen desselben hatte er, ja, aber dennoch lag etwas in deren Ausdruck, das sie früher nie gekannt und das ihr fremd blieb. Auch um die Nase lag ein fremder Zug, und die Narbe, — wo war die kleine aber tiefe Narbe geblieben, die er sich einst bei einem Sturz, gerade über dem rechten Auge geholt? Jetzt blieb kein Zweifel mehr, alles Andere konnte sich verändert haben, aber die Narbe nicht, und der vor ihr Stehende war ein Betrüger.
Mit dem Bewußtsein gewann aber auch die überdies resolute Frau ihre ganze Ruhe wieder, und so rasch ihr die Gedanken durch das Gehirn zuckten, hielt sie den einen doch fest, daß sie erst die Absicht des Betrügers erforschen wollte, ehe sie ihn entlarvte.
Herr Müller hörte indessen kaum selber was er sprach, denn die beiden Worte: Therese und Ferdinand schallten ihm noch in den Ohren und erfüllten ihn mit einem ganz eigenen Unbehagen. Therese — Ferdinand, wie um Gotteswillen kam die Frau gerade in diesem Augenblick auf die beiden Namen; aber was konnte sie auch von ihm wissen? Nichts auf der Welt! Darin fühlte er sich vollkommen sicher, und jetzt nur, um einer Scene ein Ende zu machen, die er, wie er fast fürchtete, nicht lange würde durchführen können, setzte er leise und wie vorwurfsvoll hinzu:
„Aber wär’ ich doch nur dort geblieben — wär’ ich dort nur umgekommen, — daß ich Dich so wiederfinden mußte.“
„So?“ wiederholte die Frau, die nicht gleich begriff, was er damit meinte; „so wiederfinden?“
„Ach, daß Du wieder heirathen mußtest!“ seufzte der Mann und barg sein Gesicht in der linken Hand.
„Und was soll jetzt werden?“ fragte die Frau, die in diesem Augenblick vollkommen gut begriff, auf was Alles hinauslief.
„Ich weiß es nicht,“ stöhnte Herr Müller wie verzweiflungsvoll, indem er den Arm wieder sinken ließ, und ein Bild tiefer Trauer vor der Wittwe stand, „soviel ist gewiß, ich muß fort — ich darf Deine Ruhe, Deinen Frieden nicht stören. Ich will wieder hinüber über den Ocean, und nie mehr dürfen sich unsere Wege kreuzen —“
„Du wolltest wieder fort?“
„Ich muß,“ lautete die resignirte Antwort, „wenn ich nur nicht meine letzten Mittel erschöpft hätte, um hierher zu kommen.“
Die Frau senkte den Kopf, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn ein leises Lächeln zuckte darüber hin. Jetzt war sie vollkommen sicher, auf was das Ganze hinauslief, und nur das Eine konnte sie sich noch nicht erklären, aus welchem Grunde sie ihr liederlicher Schwager wieder für verheirathet hielt, und wer ihm das gesagt haben konnte. Doch das blieb sich jetzt gleich, und wie sie sich erst wieder auf sicherem Grund und Boden und die erste Schwäche vollständig überwunden fühlte, war ihr weiterer Plan auch rasch gefaßt.
„Aber Caspar,“ sagte sie, den Kopf wieder zu ihm hebend, „Deine Mittel hast Du erschöpft, um nur hierher zu kommen, und jetzt wolltest Du wieder fort? — wolltest mich zum zweiten Mal verlassen? — weshalb? Die lange schwere Zeit der Trennung liegt hinter uns, und nichts, nichts im Leben soll uns wieder trennen.“
Herr Müller sah sie etwas überrascht an. „Aber Dein zweiter Mann!“ sagte er endlich zögernd.
„Mein zweiter Mann?“ rief die Wittwe. „Glaubst Du, daß ich Dich je so weit vergessen habe, wieder an eine zweite Heirath zu denken? O, wie wenig hast Du mich da gekannt.“
„Du — bist nicht wieder verheirathet?“ sagte Herr Müller, und in der Frage lag in der That weit weniger Entzücken, wie diese Entdeckung eigentlich hätte erregen sollen.
„Nein, Caspar, sicher nicht — o, wie konntest Du das glauben. Nein, wahrlich nicht auf’s Neue verheirathet, aber glücklich — ja selig, Dich nach so langer Zeit wieder zu haben. Ich wollte auch schon unsere Wirthschaft ganz aufgeben,“ fuhr sie, seinen Arm erfassend, fort, „ich hatte keine Lust, keine Liebe mehr zu dem Geschäft, und da ich mich in der That zu schwach fühlte, dem weiten Anwesen vorzustehen, so ließ ich mir Deines Bruders Frau, Therese, von Breslau herüberkommen, um mich darin zu unterstützen. Dein armer Bruder ist ja auch schon weit über ein Jahr verschollen, und die unglückliche Frau wandte sich in ihrem größten Elend an mich um Rath und Hülfe.“
„Und Therese ist hier?“ sagte Herr Müller, und es war ihm in dem Augenblick, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde.
„Sie ist nebenan in ihrem Zimmer,“ setzte die Frau rasch hinzu, und hätte sie noch den geringsten Zweifel gehabt, daß der vor ihr Stehende nicht ihr Mann, sondern ihr Schwager sei, so würde ihn der Schreck, der augenscheinlich in den Zügen des Ertappten lag, vollständig gehoben haben; „laß mich sie rufen, daß sie sich mit mir freut.“
„Nicht jetzt — nicht jetzt, beste — Josephine“, wehrte aber Herr Müller ab, indem er ihren Arm ergriff und festhielt, „diese erste Stunde unseres Wiedersehns müssen wir auch allein — unter uns feiern. Ich — ich — bin zu glücklich, zu selig —“
„Nein, nein,“ rief aber die Wittwe, sich von ihm losmachend, „die arme, unglückliche Frau hat gestern den ganzen Tag geweint, und ich will heute nur glückliche Menschen um mich sehen. Sie wird sich mit uns freuen und dadurch glücklich sein. Warte nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Dir,“ und trotzdem, daß Herr Müller noch einen Versuch machte, sie mit Bitten zurückzuhalten, sprang sie aus dem Zimmer und ließ den armen Teufel, ein wahres Bild des Jammers und der Verzweiflung, zurück.
Was nun? — er hatte noch nie in seinem Leben so schnell herüber und hinüber gedacht. Die Rückkunft der beiden Frauen erwarten und dann vor beiden wie ein ertappter Verbrecher stehen? — unmöglich! Aber fort? — wohin? und seine Frau hier? — Jetzt war Alles verloren — und dieser verfluchte Oberkellner, der ihn durch seine schändlichen Lügen allein zu diesem Schritt verleitet, war an Allem schuld. Aber kam er auch glücklich aus dem Hause, was dann? — überall starrte ihm Elend und Verzweiflung entgegen — aber immer noch lieber Elend und Verzweiflung getragen, ehe er in diesem Augenblick seiner Frau begegnete. Er war ein leichtsinniger Mensch, aber nicht schlecht, und so viel Ehrgefühl ihm immer noch geblieben, daß er die Schande brennend fühlte, die er sich selber angethan, wenn er jetzt vor seiner Frau und Schwägerin als ertappter Betrüger stand. Also fort — gleichviel wohin, und wenn er sich in irgend einer fremden Stadt als Tagelöhner verdingen, wenn er sein Brot vor den Thüren erbetteln sollte, wo ihn die Welt nicht kannte — nur jetzt, jetzt fort aus diesem Haus.
Mit raschen, geräuschlosen Schritten eilte er nach der Thür, die ein kleines ovales Fenster, innen mit einem leichten Vorhang bedeckt, trug. Durch dieses konnte er vorher einen Blick auf den Gang werfen, ob die Luft rein sei, erschreckt aber fuhr er zurück, denn draußen, nicht drei Schritt von der Thür entfernt, stand Herr Louis. Hatte den die Frau dort hingestellt, um ihn zu bewachen?
Das war allerdings nicht der Fall, und Herr Louis in Wirklichkeit ebenso erschreckt gewesen den Vorhang zurückgehen zu sehen, wie er selber, denn jenes würdige Individuum hatte einen freien Augenblick unten einmal benutzt, um zu versuchen, ob er nicht erhorchen könne, was hier oben vorginge, da ihm kein Mensch ein Wort davon sagte. Im ersten Moment glaubte er auch wirklich, es sei die Frau selber, die ihn beim Spioniren ertappt, und seine erste unwillkürliche Bewegung drängte ihn von der Thür hinweg. Als sich aber der Vorhang hob, hatte sein scharfes Auge doch den Particulier Müller erkannt, und wie dieser ebenso rasch verschwand, als er erschienen war, ging es ihm auf einmal wie ein Licht auf, daß sich der Fremde nur da drinnen versteckt habe, um ihm seine Vielliebchen abzugewinnen. Mit einem Satz war er wieder an der Thür, um womöglich durch den dünnen Vorhang oder das Schlüsselloch zu erkennen, was Jener da drinnen treibe, als er auf sehr unerwartete und plötzliche Weise gestört wurde. An der anderen Seite des Ganges öffnete sich nämlich eine Thür, und der entsetzte Oberkellner sah sich plötzlich der Frau gegenüber, die ihn rasch ärgerlich fragte:
„Nun? was haben Sie da an meiner Thür zu horchen, Mosje? Hab’ ich Sie endlich einmal dabei erwischt? Solche Leute kann ich nicht in meinem Dienst brauchen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, und am Ersten dürfen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen.“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame“, stotterte der verdutzte Bursche, indem er seine Serviette zu einem Strick zusammendrehte, „ich suchte Herrn — Herrn Particulier Müller, mit dem ich —“
„Schon gut, ich will nichts weiter hören. Bringen Sie jetzt rasch einmal eine Flasche Sodawasser herauf — aber beeilen Sie sich!“
Der Oberkellner fuhr die Treppe hinunter, als ob er elektrisirt worden wäre, und die Wittwe, sich jetzt zu der dicht hinter ihr folgenden Schwägerin wendend, sagte freundlich:
„Fassen Sie sich nur, liebe Therese — ein Glas Sodawasser wird Ihnen wohl thun, und mir zu Liebe stellen Sie sich nur im ersten Augenblick, als ob Sie Ihren Mann nicht kennen. Ich möchte doch gern noch sehen, wie er sich dabei benehmen wird. Nur Muth — er darf keine Schwäche an Ihnen merken,“ und dabei ergriff sie die Thür und öffnete dieselbe.
Herr Müller indessen hatte, ehe er einen festen Entschluß fassen konnte, die Stimme der Frau schon wieder draußen auf dem Gang gehört und dort hinaus konnte er nicht mehr entkommen. Einen verzweifelten Blick warf er durch das Fenster, aber ein Sprung von zwei Etagen Tiefe war unausführbar; er hätte rettungslos das Genick gebrochen, und nur als letzte Zuflucht zeigte sich ihm eine andere Thür — das Schlafzimmer der Wittwe. Aber es schien, als ob heute die Hölle alle ihre Diener gegen ihn ausgesandt, daß er rettungslos zu Grunde gehen solle, denn die Thür war verschlossen, und schon hörte er die Stimme der Frau vor dem Zimmer.
Dicht neben der Kammerthür war ein Gestell angebracht, an dem Kleider hingen, und um den Staub von ihnen abzuhalten, ein kattuner Vorhang darüber befestigt. Wenn er darunter fuhr? Sie hätten ihn gewiß nicht im Zimmer gesucht, sondern geglaubt, daß er es schon verlassen habe, und suchten sie ihn unten oder auf Nr. 36, so behielt er auch sicher Zeit, ungesehen zu entkommen. Diese Gedanken fuhren ihm aber nur so blitzesschnell durch’s Hirn, denn wie eine bedrohte Maus in das erste beste Loch hineinfährt, nur um vor der Hand einmal aus Sicht zu kommen, so schlüpfte er in dem einen Gefühl, nur um dem Blick seiner schwer gekränkten Frau zu entgehen, unter den Vorhang und rührte und regte sich dort nicht, damit ihn das Rauschen desselben nicht verrathen möge.
Im nächsten Moment öffnete sich die Thür und Madame blieb etwas überrascht auf der Schwelle stehen, als sie ihren angeblichen Mann nirgends mehr im Zimmer erblickte.
„Fort?“ sagte sie, indem sie staunend umher sah, „ohne Abschied, und das Fenster offen? Der Unglückliche wird doch um des Himmelswillen nicht den rasenden Sprung gewagt haben?“
Sie flog auf das Fenster zu und sah hinaus, während Therese in Todesangst und mit gefalteten Händen auf der Schwelle stehen blieb.
„O Du großer, allmächtiger Gott,“ stöhnte die arme Frau, „wenn ihn die Furcht vor mir in den Tod getrieben hätte, ich könnte ja mein ganzes Leben lang nicht wieder froh werden!“
„Hier ist er nicht hinunter,“ versicherte aber die Wittwe vollkommen beruhigt, als sie einen Blick hinab geworfen. „Er wird den Augenblick benutzt haben, als ich das Zimmer verließ, und hoffentlich ist er noch im Hause, denn das war meine Absicht nicht.“
„Und wenn er nun durch jene Thür geflüchtet wäre,“ sagte Therese, die einen Blick im Zimmer umhergeworfen.
„Durch jene? Die ist verschlossen,“ erwiderte die Frau und ging hinüber, um die Thür zu versuchen. Ihr Kleid streifte den Versteckten, während sie davorstand. „Nein, noch kann er aber das Haus nicht verlassen haben. — Lieschen! Louis!“ rief sie dann, rasch zur Thür tretend, so laut sie rufen konnte, und zog dabei aus Leibeskräften an der Klingel.
Herr Louis — in dem drückenden Gefühl, bei einer entwürdigenden Handlung erwischt zu sein, kam mit einer Flasche Sodawasser in der einen und zwei Gläsern in der anderen Hand wie ein Pfeil die Treppe heraufgeschossen, und die Hausmagd, die eben nebenan die Zimmer reinigte, erschien ebenfalls mit ganz verdutztem Gesicht in der Thür, während Lieschen von dem anderen Gang herbeistürzte.
„Hat Niemand von Euch den Fremden von Nr. 36 gesehen?“
„Er war hier im Zimmer, als Sie vor der Thür standen,“ rief der Oberkellner und nahm dabei eine Stellung an, als ob er eben im Begriff sei, einen körperlichen Eid darauf abzulegen.
„Aber er kann doch nicht durch die Luft davongeflogen sein. Lieschen spring einmal nach Nummer 36 hinüber — er darf nicht fort, ehe ich mit ihm gesprochen habe. Katharine, Du gehst an die Hausthür, und ruf den Hausknecht, wenn er mit Gewalt hinaus will.“
„Ob ich mir nicht gedacht habe, daß er durchbrennen würde,“ brummte Herr Louis vor sich hin, während er Flasche und Gläser auf den Tisch setzte; dabei aber fiel sein Blick zufällig auf den Vorhang, der eine, wenn auch nur ganz unbedeutende Bewegung machte, und unten daran erkannte er eine Fußbekleidung, die keinenfalls ein Eigenthum der Wirthin sein konnte.
„Wenn der Stiefel nicht auf Nr. 36 gehört,“ betheuerte sich Herr Louis im Stillen, „so will ich mein Leben lang Wasser trinken.“
„Nun, was stehen Sie da wieder in Gedanken,“ rief ihn die Frau ungeduldig an, „machen Sie, daß Sie mit hinunter kommen und den Fremden finden.“
„Hat ihn schon!“ rief er, indem er ein paar Schritte zur Seite trat und den Vorhang halb lüftete. „Guten Morgen, Vielliebchen!“ rief er aber schon im nächsten Augenblick, als er nun die gestreiften Hosen unter dem Kattun entdeckte. Die nächsten Frauenröcke dabei zurückschlagend, blickte er aber, auf’s Aeußerste erstaunt, in ein vollkommen fremdes, unbekanntes Gesicht, denn seitdem er sich rasirt, hatte er den Particulier Müller ja gar nicht wieder gesehen, während dieser den Burschen hätte erwürgen können. Der Frau aber, die das Ganze rasch übersah, lag gar nichts daran, daß Herr Louis Zeuge irgend einer Familienscene sein sollte; so, während Herr Müller verlegen aus seinem Versteck vortrat, denn was half seit seiner Entdeckung ein längeres Verbergen, sagte sie ruhig:
„Herr Louis —“
„Madame befehlen?“
„Ist das der Herr von Nummer 36?“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung —“ stotterte der Oberkellner, „jedenfalls hat er die Hosen von Nummer 36 an, aber — aber im Gesicht sieht er ganz anders aus.“
„Gut, dann gehen Sie hinunter in die Wirthsstube und verlassen Sie dieselbe nicht wieder, bis ich selber hinabkomme. Wir werden den Herrn hier selber examiniren. Den Hausknecht schicken Sie auf den Gang herauf; er soll dort warten, bis ich ihm weitere Befehle gebe, da es sein könnte, daß er gebraucht wird.“
„Zu Befehl, Madame,“ sagte der Oberkellner, aber immer noch, ohne sich von der Stelle zu regen, und mit einem halb zweifelhaften, halb unentschlossenen Blick auf Nr. 36.
„Nun, worauf warten Sie noch?“
Der Oberkellner machte eine halbe Schwenkung. Es blieb ihm hier gar zu viel noch räthselhaft, und besonders hätte er gern gewußt, ob er sein Vielliebchen gewonnen oder nicht, denn das abrasirte Gesicht des Gastes kannte er in der That nicht wieder. Dem so direct gegebenen Befehl mußte er aber auch gehorchen, und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Madame Müller hinter ihm den Riegel vorschob.
„Herr Ferdinand Müller,“ sagte sie dabei, indem sie sich ruhig, wenn auch ernst, an den Ertappten wandte, denn alles weitere Zurückhalten war jetzt unnöthig, „Sie sind mein Gefangener, und ich lasse Ihnen vor der Hand diese Ihnen bekannte Dame als Kerkermeisterin. So weit ich vermuthen darf, hat sie jedenfalls das erste Anrecht, Ihre Erklärungen entgegen zu nehmen. In einer halben Stunde werde ich dann zurück sein, um zu hören, was Sie mir selber zu sagen haben, denn Sie müssen es begreiflich finden, daß ich eine etwas nähere Auseinandersetzung der mir zugedachten Ueberraschung erwarten darf.“
„Verehrte Frau —“ stammelte Herr Müller, der sich in diesem Augenblick wohl klaftertief unter die Erde wünschte.
„Es ist schon gut — vorher wünschte ich, daß Sie sich genauer auf Ihren Vornamen besinnen, um jedes weitere Mißverständniß zu vermeiden, es ist das wesentlich nothwendig; nachher wird unsere Auseinandersetzung auch so viel leichter werden.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schloß sie ihr Schlafzimmer auf, trat hinein und drückte die Thür wieder hinter sich in’s Schloß.
Therese war indessen an der einen Seite der Stube auf einen Stuhl gesunken, während ihr Mann noch auf der anderen zerknirscht und in einander gebrochen stand. Keines sprach ein Wort, während aber Müller’s Blick nur dann und wann scheu und furchtsam zu der schwer gekränkten Frau aufzuckte, hing dieser Blick voll und traurig an der halbabgewandten Gestalt des Gatten, und die großen hellen Thränen tropften ihr dabei schwer und langsam in den Schooß. Da hielt sich Müller nicht länger. Kein Wort des Vorwurfs war über ihre Lippen gekommen, aber ihr bleiches, schmerzdurchfurchtes Antlitz sprach viel deutlicher, als je Worte es hätten ausdrücken können, das Leid, das sie ertragen, und auf sie zugehend, warf er sich vor ihr auf die Knie, schlang seine Arme um ihre Hüften und weinte wie ein Kind.
Herr Louis hätte draußen gern noch eine kleine Weile an der Thür gehorcht, denn ganz unerklärlich blieb ihm einestheils das Betragen der Frau, daß sie ihm, ihm den Dienst kündigen konnte, und dann kam ihm auch jetzt auf einmal das Gesicht des Fremden so merkwürdig bekannt vor. Wo in aller Welt war er dem schon einmal früher begegnet? Die Physiognomie desselben beschäftigte ihn auch in der That so ausschließlich, daß er hinab in die Wirthsstube ging und dort ganz in Gedanken eine halbe Flasche Wein hinunterstürzte und nachher, sich fortwährend mit dem linken Zeigefinger die Stirn reibend, wieder die Treppe und nach Nr. 36 hinaufstieg. Er wollte dort weiter nichts, als zusehen, ob der Fremde wieder auf seinem Zimmer sei oder — ob wenigstens sein Reisesack noch dort stände.
Diesen fand er allerdings, und zwar fertig gepackt, als aber sein Blick noch im Zimmer umherschweifte, um vielleicht etwas zu entdecken, was ihm vielleicht nur die leiseste Andeutung über den immer räthselhafter werdenden Menschen geben konnte, fiel sein Blick zufällig auf das Bild über der Kommode, und mit einem einzigen Satz war er mitten in der Stube und vor dem Portrait.
„Herr Du meine Güte!“ rief er aber hier, wie vor den Kopf geschlagen, aus, „wo ich denn nur meine Augen — wo ich denn nur meinen Verstand gehabt habe, daß mir das nicht gleich auf den ersten Blick eingefallen ist. Der Mann! der Mann! heilig und wahrhaftig wie er leibt und lebt! Aber weshalb er sich da versteckt hat? — sicher nur, um mir auszuweichen und das Vielliebchen nicht zu verlieren. Ja,“ setzte Herr Louis mit einem triumphirenden Lächeln hinzu, „daß ihm das nichts half, hätte ich ihm vorhersagen wollen, denn der müßte verwünscht früh aufstehen, der mich in einem —“
„Guten Morgen, Vielliebchen!“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme dicht hinter ihm, und eine leichte Hand berührte seine Schulter. „Das war gewonnen, und jetzt möchten Sie einmal hinunter kommen; da ist ein Herr unten, der eine Flasche Wein verlangt. — Herr Louis entschuldigen, daß ich so frei war.“
Herr Louis fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, herum, und sah in das spöttisch und lachend zu ihm aufgehobene Gesicht des Stubenmädchens, die ihm jetzt einen tiefen Knix machte. Das hatte ihm noch zu all’ dem Herzeleid dieses Morgens gefehlt.
„Fräulein Lieschen,“ sagte er, indem er sich entrüstet gegen sie wandte, „in einem solchen Moment ist es keine Kunst —“
„Was, Herr Louis?“
Herr Louis hielt es für gerathener, das Stubenmädchen nicht in sein Geheimniß einzuweihen, wandte sich deshalb ab und stieg, von dem hellen Lachen des Mädchens verfolgt, gravitätisch die Treppe hinab, um dem Gast dort die verlangte Flasche Wein zu besorgen.