1. John Mulligan.
In früheren Jahren war Australien nichts, als eine Verbrecher-Colonie, und immer neue Schiffsladungen voll Missethäter wurden von England aus hinübergeschickt. Zugleich aber gingen auch einzelne freie Ansiedler mit in das ferne Land, die sich, unbekümmert um das rohe Gesindel umher, bleibend da niederließen und Ackerbau oder meist Viehzucht trieben. Ihr Leben dort verlief aber nicht so glatt und einförmig, wie das jetzt wohl der Fall ist, wo sie sich um wenig mehr, als ihre Felder und Heerden, zu kümmern haben.
Auch die Polizei – obgleich sie in Australien selbst heute noch nicht ruhen darf – hatte mehr zu thun, als die unsrige – wenn ich auch nicht sagen will, daß sie sich mehr beschäftigte – und die kühnsten und unternehmendsten Leute wurden ihr eingereiht. Es galt aber auch damals nicht nur nächtlichen und scheuen Dieben aufzulauern, sondern oft den entsprungenen und zur Verzweiflung getriebenen Sträflingen draußen im Freien zu begegnen, und in dem weiten, wilden Lande gehörte dazu nicht allein eine zähe Ausdauer, sondern auch ein fester Muth, der vor keiner Gefahr zurückbebte.
Die Polizei war deshalb auch – und ist es dort bis auf den heutigen Tag – militairisch organisirt, und die Polizeiofficiere hatten vollkommen freie Hand, nach eigenem Gutdünken mit hinreichender Mannschaft oft gar nicht unbedeutende Streifzüge zu unternehmen. Man mußte sie eben von leeren Förmlichkeiten entbinden, um ihr freie Hand zu lassen, dem Augenblicke nach zu handeln; denn wie häufig kam es gerade vor, daß der Augenblick eben erfordert wurde, einen entscheidenden Streich gegen irgend eine der im Walde zerstreuten Banden entflohener Verbrecher zu unternehmen.
Unter diesen Polizeileuten zeichnete sich besonders ein gewisser Tolmer aus, der noch jetzt im Adelaide-District lebt und thätig ist. Nicht allein keck jeder Gefahr entgegengehend, die sich ihm in den Weg stellte, hatte er auch in dem Buschleben mit Schwarzen und Verbrechern eine Menge werthvolle Erfahrungen gesammelt, und wo ein schwieriges Unternehmen ausgeführt werden sollte, wo irgend ein verzweifelter Bursche verschwunden blieb und nun durch neue Verbrechen dafür sorgte, daß sein Andenken nicht ganz erlosch, da wurde gewöhnlich der damalige Polizeisergeant Tolmer abgeschickt, ihn aufzuspüren. Wenn es irgend möglich war, führte der seinen Auftrag aus.
In Adelaide, oder wenigstens in der Nachbarschaft, hatte ich das Vergnügen, mit Mr. Tolmer bekannt zu werden, und die nachfolgenden Skizzen eines abenteuerlichen Zuges, den er einmal nach einer unsern dem australischen Festlande liegenden Insel unternahm, und der ihn zum Lieutenant beförderte, habe ich aus seinem eigenen Munde. – Ich will versuchen, es so treu als möglich wiederzugeben.
Schon vor längerer Zeit waren ein paar lebenslänglich verurtheilte Deportirte aus dem Gefängnisse ausgebrochen und in den »Busch« geflohen. Anstatt aber allein darin umherzuwandern, wo sie sich gewöhnlich nicht lange halten konnten, ging das Gerücht, sie hätten sich einem Stamme der Schwarzen angeschlossen und hälfen diesem, die benachbarten und in ihrem Bereiche liegenden Stationen belästigen.
Berittene Polizei wurde augenblicklich dorthin beordert, und es gelang dieser auch, den bezeichneten Stamm Eingeborener aufzufinden und zu zerstreuen, aber von den weißen, sogenannten Buschrähndschern[1] fand sich keiner bei ihnen vor. Die Burschen hatten sich jedenfalls, als sie merkten, daß ihr Aufenthalt bei den Schwarzen nicht mehr gesichert war, irgend wo anders hingewandt, und ein volles Jahr lang blieb jeder Versuch, sie wieder aufzufinden, vergeblich.
Tolmer hielt sich nach dieser Zeit wieder in Adelaide auf und hatte eben wieder einen Transport von Flüchtlingen eingebracht, die sich eine Weile in den Dickichten der Hindmarsh-Sümpfe umhergetrieben. Die früher entsprungenen Verbrecher waren schon fast vergessen worden, da man nicht anders glaubte, als daß sie Mittel und Wege gefunden hätten, mit einem Boot in See zu gehen, um vielleicht nach Neuseeland hinüberzufahren oder auch ein unterwegs getroffenes Schiff anzurufen. Einzelne waren schon auf diese Art entkommen.
Tolmer glaubte übrigens nicht daran. Wenn er auch keinen bestimmten Platz wußte, wo er sie suchen sollte, konnte er den Gedanken nicht aufgeben, sie noch auf australischem Boden zu wissen, und unterließ in der ganzen Zeit nicht, die sorgfältigsten Nachforschungen anzustellen, wenn diese auch fortwährend erfolglos blieben.
So saß er eines Abends in dem am häufigsten besuchten Hotel in Adelaide bei einer Flasche Ale. Mehrere Stationshalter aus der Nachbarschaft, die in die Stadt gekommen waren, theils neue Weidegründe zu belegen, theils Vieh und Pferde zu verkaufen, saßen mit im Zimmer, und das Gespräch drehte sich um das Land im Inneren, die muthmaßliche Nutzbarkeit und Besiedelung desselben, die jetzige Bevölkerung und – wie das in Australien damals nicht ausbleiben konnte – um das Recht der Regierung, noch weitere Sträflinge herüberzuschicken. Schon damals nämlich strebten die australischen Colonieen danach – was sie auch später erreichten – daß das System, Verbrecher von England herüberzusenden, aufgegeben und Australien eine wirkliche Colonie von freien Einwanderern würde. Das pro und contra wurde dann, sowie das Gespräch einmal auszweigte, auf das Lebhafteste debattirt, denn es gab eine Menge von Ansiedlern, denen die Sträflingsarbeit sehr bequem und einträglich war und die sie nicht missen wollten. Diejenigen, die das Sträflingssystem bekämpften, führten dann nicht mit Unrecht zu ihrem Gunsten an, welche Massen schlechten, nichtsnutzigen Gesindels sich, in entlassenen oder halb begnadigten Verbrechern, über das ganze weite Land verbreiteten und nicht allein die Sicherheit der ehrlichen freien Bewohner gefährdeten, sondern auch dem unbemittelten Einwanderer eine schwere und kaum zu bekämpfende Concurrenz bereiteten. Nur von dem freien Einwanderer hatte deshalb Australien einmal zu hoffen, daß es ein mächtiges und reiches Land werden könne.
Unter den Gästen befand sich auch ein Stationshalter von der südlich vom Adelaide-District liegenden Känguruh-Insel, die damals erst seit sehr kurzer Zeit von den Engländern wirklich in Besitz genommen war. Auch nur Einzelne hatten sich dort drüben niedergelassen, und zwar nur in der Hoffnung, daß die ziemlich ausgedehnte Insel einmal später größere Bedeutung erlangen solle, wodurch ihre dort angelegten Besitzungen auch an Werth und Wichtigkeit gewinnen würden.
Dieser eiferte besonders gegen das Verbrecher-System, trotzdem daß es ihnen in der Schafschur, wie er gern eingestand, willkommene Arbeiter lieferte. Jetzt aber sei man, wie er behauptete, selbst auf diesem entlegenen und durch einen Seearm von den eigentlichen Verbrecherstationen getrennten Theile der Colonie doch nicht sicher, solchem Gesindel jeden Augenblick im Busche zu begegnen, und er gehe immer mit Sorge und Angst von Hause fort, daß einmal während seiner Abwesenheit irgend etwas vorfallen könne, was die Sicherheit der Seinen gefährde.
Tolmer, als Regierungsbeamter, hatte sich nicht in das Gespräch gemischt und nur schweigend den verschiedenen Bemerkungen und Ansichten gelauscht; als sich aber die übrigen Gäste nach und nach verloren und die Unterhaltung auch schon lange auf andere gleichgültige Gegenstände übergewechselt war, setzte er sich zu dem Ansiedler von der Känguruh-Insel und unterhielt sich auf das Lebhafteste mit ihm über die dortigen Aussichten späterer Cultur, über Weiden und Ackerbau und – die Möglichkeit, Arbeiter zu den verschiedenen und nöthigen Verrichtungen zu bekommen. Eine directe Frage über das, was ihm eigentlich am Herzen lag, that er aber nicht, und zwar aus Gründen, die wirklich nur ein Australier begreifen würde.
Der Mann sah vollkommen anständig aus und Tolmer bezweifelte keinen Augenblick, daß er ein Stationseigenthümer von jenem Eiland sei, aber – sie befanden sich in Australien und Tolmer hatte schon zu oft erfahren, daß man Niemandem, was seine frühere Existenz betraf, trauen dürfe, besonders nicht in der damaligen Zeit. Die dem äußeren Anscheine nach anständigsten Leute waren oft als »Deportirte« herübergekommen, und wenn sie auch später nicht mit den »Buschrähndschern« gemeinsame Sache machten, hüteten sie sich doch wohl, dieselben zu verrathen – theils vielleicht aus Mitgefühl, theils vielleicht auch wohl aus Furcht vor einer möglichen Rache derselben.
Der Mann hatte allerdings mit dem größten Eifer gegen das fortgesetzte System gesprochen, verbrecherische und gezwungene Ansiedler nach Australien zu bringen, das aber stellte noch gar nicht fest, daß er nicht in näherer Beziehung zu diesen stand, wie er jetzt vielleicht eingestehen mochte. War das aber wirklich der Fall, so konnte eine unbewacht hingeworfene Frage mehr verderben, wie sich leicht wieder gut machen ließ, und war es nicht so, nun, so hatte er eben nichts verdorben oder versäumt.
In der Unterhaltung und durch geschickte Fragen bekam er übrigens doch heraus, daß sich gerade in der Nachbarschaft von »Mr. Lindsay's« Station einige Individuen aufhielten, die von der Jagd und vom Fischfang lebten und keine feste Ansiedelung ihr eigen nannten, und über diese etwas Näheres zu erfahren, war er jetzt fest entschlossen. Das aber mußte auf andere Art geschehen, als durch einfache Fragen.
Tolmer hatte in Adelaide einen Polizeisoldaten Borris, auf den er sich in jeder Hinsicht verlassen konnte. Borris war noch ein junger Mann, aber in seinem Fach, dem er schon seit sechs Jahren vorstand, ausgezeichnet und außerdem erst seit ganz kurzer Zeit von Sidney hierher versetzt, also jenen Verbrechern noch vollständig unbekannt.
Sein Plan war bald gemacht. Borris sollte als gewöhnlicher »Bündelmann«[2] nach der Känguruh-Insel hinübergehen und dort als Schäfer oder Hüttenwächter oder was immer, Beschäftigung bei Mr. Lindsay, und wenn das nicht anginge, ganz in der Nachbarschaft suchen. Dort blieb es ihm dann selber überlassen, alle möglichen und nützlichen Erkundigungen über seine Nachbarschaft einzuziehen, und wußte er, was er wissen wollte, so konnte er wieder nach Adelaide herüberkommen und selber Bericht abstatten. Tolmer warnte ihn aber besonders davor, einen Brief zu schreiben, wenn sich nicht eine ganz günstige Gelegenheit fand ihn zu befördern. Das Schreiben an und für sich war überdies schon gefährlich, denn wurde er dabei von irgend Jemandem gesehen, so mußte Verdacht gegen ihn rege werden. Ein ordentlicher und richtiger »Bündelmann« kann nie mehr schreiben, als höchstens seinen Namen – und selbst den nicht immer.
Borris war übrigens klug und gewitzt genug, um in dieser Hinsicht vollständiges Vertrauen zu verdienen. Er wußte, was man von ihm verlangte, und das genügte; das Weitere besorgte er schon selber.
Mr. Lindsay blieb noch einige Tage in Adelaide; die Zeit benutzte Borris, seine nöthigen Einrichtungen zu treffen, und schiffte sich dann, mit einem ticket of leave, das ihm Tolmer ausfertigen ließ, versehen, nach seinem Bestimmungsorte ein. Mit einem solchen ticket wurde er von allen Ansiedlern geduldet und bei der Menschenclasse, unter der er sich besonders umsehen sollte, galt es als vollständiger Freipaß, ihm unbedingt zu vertrauen – war er doch Einer der Ihrigen.
Borris war somit spurlos von Adelaide verschwunden, denn drüben auf der Insel nannte er sich, der Verabredung gemäß, Jack, und Monat nach Monat verging, ohne daß Tolmer wieder etwas von ihm gehört hätte. War ihm am Ende gar ein Unglück zugestoßen? – Hatte er sich verrathen oder ihn Jemand doch erkannt? – Tolmer wurde schon unruhig und dachte daran, einen zweiten Boten hinüberzusenden, um Gewißheit über das Schicksal des ersten zu bekommen. Das war aber nicht nöthig.
Eines Morgens trat Borris, in seiner Buschtracht, wie er eben ankam, in des sehr erfreuten Tolmer Zimmer, und die Beiden blieben dort mehrere Stunden eingeschlossen in eifrigem Gespräch.
Das Resultat seiner Entdeckungsreise war auch insofern ein günstiges, daß er die Gewißheit brachte, daß auf der Insel eine Anzahl verdächtiger Individuen lebte. Ob es nun gerade jene Verbrecher waren, deren Spur Tolmer schon so lange vergebens verfolgt, war schwer zu bestimmen. Die Beschreibung des Einen von ihnen, der einen gewissen Einfluß auf die Uebrigen auszuüben schien, paßte aber ziemlich genau auf den Verwegensten der Flüchtlinge, einen gewissen John Mulligan, dem man damals besonders auf der Spur gewesen, und hielt sich dieser jetzt dort drüben versteckt, so hatte er auch seine Genossen sicher in der Nähe. Jedenfalls war es der Mühe werth, jene Gesellen aufzuheben und zur Rechenschaft zu ziehen, denn sie brandschatzten in neuerer Zeit wieder die Stationshalter, tödteten von den Heerden, was sie für ihren eigenen Bedarf brauchten, ohne sich viel um irgend ein Eigenthumsrecht zu kümmern, und hatten sogar neulich einen Einbruch auf einer Station versucht – allerdings ohne Wissen und, wie Borris behauptete, gegen den Willen ihres Führers, der kluger Weise Alles vermied, was die Aufmerksamkeit der Regierung auf sie lenken konnte.
Tolmer selber war damals noch nie auf Känguruh-Eiland gewesen und kannte das Terrain gar nicht; Borris beschrieb es ihm dabei als diesen, außer den Gesetzen lebenden Menschen außerordentlich günstig, so daß es große Schwierigkeiten haben möchte, sie wirklich einzufangen, wenn sie vorher gewarnt wären. Die größte Vorsicht blieb deshalb noch immer nöthig. Darnach handelte Tolmer.
Mit einem Regierungscutter durften sie nicht hinüberfahren und drüben anlegen; die Kunde davon würde sich blitzesschnell über die ganze Insel verbreitet haben. In Adelaide lag aber gerade ein kleiner Schooner, der neuseeländischen Flachs von Aukland geholt hatte und den man recht gut für eine solche Fahrt bekommen konnte. Der Gouverneur gab auch augenblicklich seine Erlaubniß dazu und bewilligte die nöthigen Mittel, und drei Tage später segelte der Schooner mit Mr. Tolmer und zehn Leuten, auf die er sich vollständig verlassen konnte, an Bord. Diese hatte er theils als Bündelleute, theils als Matrosen gekleidet und alle weiteren Pläne aufgeschoben, bis er an Ort und Stelle selber das Terrain kennen gelernt hätte.
Der Schooner ging in Ballast, angeblich Wolle von drüben abzuholen und nach irgend einem der australischen Haupt-Stapelplätze, Sidney, Adelaide oder Melbourne, hinüberzuschaffen.
Borris hatte übrigens seinen hiesigen Aufenthalt vortrefflich angewandt, sich mit allen Schlichwegen im benachbarten Busche genau bekannt zu machen. Von Lindsay dabei nur mit dessen Erlaubniß auf Urlaub fortgegangen, konnte es natürlich nicht auffallen, daß er diese Gelegenheit benutzt, mit diesem Schooner zu seiner Station zurückzukehren. Er trat auch, so wie das kleine Fahrzeug landete, augenblicklich wieder in seine Stelle ein und verabredete sich nur vorher mit Tolmer, diesen wieder an Bord zu sprechen, wobei er sorgen wolle, daß Mr. Lindsay ebenfalls hinüberkäme.
Borris hatte Lindsay, ohne sich selber dabei zu verrathen, als einen durchaus rechtlichen und thätigen Mann kennen gelernt, von dem sie nicht zu fürchten brauchten, daß er sie verrathen würde. Besser blieb es aber immer, daß er so spät wie irgend möglich in ihren Plan eingeweiht wurde, und die Zeit war jetzt gekommen.
Der Schooner ankerte gerade der Stelle gegenüber, an der Lindsay's Station lag, und Tolmer, ebenfalls in Matrosenkleidung und mit glatt rasirtem Gesicht, um sich so viel als möglich unkenntlich zu machen, fuhr an Land, ließ sich bei Mr. Lindsay melden und frug an, ob der Gentleman seine Wolle vielleicht auf dem Schooner nach Adelaide verladen möchte.
Lindsay, der ihn nicht mehr kannte, nahm ihn mit in das Haus, und hier entdeckte sich ihm Tolmer, erklärte ihm, daß er gedenke, die Insel von allem Gesindel zu befreien, und bat ihn um seine Hülfe.
Der Squatter schien erst keine rechte Lust zu haben, darauf einzugehen, denn mißlang der Versuch, und wurde es bekannt, daß er die Polizei unterstützt hatte, so durfte er sich darauf verlassen, daß die Buschrähndscher sich an ihm rächten. Tolmer aber überredete ihn leicht, diese unnöthige Besorgniß schwinden zu lassen, und Lindsay versprach wenigstens, ihn gegen Abend auf seinem Schooner zu besuchen, dort – vollkommen sicher vor jedem Horcher – alles Weitere zu besprechen. Borris wollte er dann mitbringen.
Das geschah. Lindsay hatte ein eigenes Boot und ließ sich von Borris hinüberrudern, angeblich, etwas Tabak und einige andere Kleinigkeiten zu kaufen, die im Busch gebraucht wurden. Von seinen Leuten gehörte allerdings keiner mit zu den Buschrähndschern, oder würde sich ihnen angeschlossen haben. Sie Alle wußten aber, wo jene lagerten, und hätten sie nur den geringsten Verdacht geschöpft, daß das kleine Handelsfahrzeug da draußen von Polizei bemannt sei, so wären die »mates« im Busch augenblicklich gewarnt worden.
Das Nähere, was jetzt Tolmer über die hier versteckten Verbrecher erfuhr, war, daß sie nicht mehr zusammen in einem Trupp wohnten, sondern sich vor etwa acht Tagen in Folge eines Zankes getrennt hätten. Mulligan – Lindsay kannte den Namen genau – hauste in einer kleinen Rindenhütte, etwa vier oder fünf englische Meilen von Lindsay's Station entfernt, und die Uebrigen, wie Lindsay meinte und auch Borris bestätigte, »buschten« es – d. h. sie hatten ihr Lager bei dem schönen Wetter mitten im Busch und unfern von einem kleinen Bach aufgeschlagen, da sie noch unentschieden sein mochten, welcher Richtung sie sich zuwenden sollten.
Borris wußte nur von fünfen, Lindsay behauptete aber, daß es im Ganzen sieben wären, John Mulligan mit zweien seiner Anhänger in der Rindenhütte und die vier Anderen, die draußen im Walde lagerten. Diese Trennung der Schaar mußte ihrem Plan nur förderlich sein, denn sieben entschlossene und zur Verzweiflung getriebene Menschen konnten einem so kleinen Trupp Polizei schon einen gefährlichen Widerstand entgegensetzen, noch dazu, da sie Alle gut bewaffnet waren. In zwei verschiedenen Trupps ließen sie sich aber weit leichter bewältigen, und die Männer beschlossen, am nächsten Morgen vor allen Dingen der Rindenhütte einen Besuch abzustatten, um gleich im Anfang den gefährlichsten von ihnen, John Mulligan, unschädlich zu machen.
Zu diesem Zweck mußte der Schooner aber wieder vor Tag unter Segel gehen, damit die Besatzung nicht in Sicht der Station zu landen brauchte. Lindsay bezeichnete ihnen weiter gen Osten ein kleines Vorgebirge, wo sie wieder beilegen konnten. Dort befanden sie sich nur höchstens anderthalb englische Meilen von John Mulligans Hütte, und Borris sollte sie an der Stelle erwarten, während Lindsay zu Pferde sie später im Busch selber traf. Je früher sie dabei aufbrachen, desto besser, denn um so viel sicherer durften sie erwarten, die Hüttenbewohner noch Alle zu Hause zu finden.
Nachdem dies verabredet war, fuhr Lindsay wieder mit Borris an's Land zurück.
Am nächsten Morgen war der Schooner von seinem Landungsplatz verschwunden, ohne daß irgend Jemand Notiz davon genommen hätte. Derartige Fahrzeuge kamen oft an die Küste und hielten sich nie länger an einem Orte auf, als sie hoffen durften, ein Geschäft zu machen.
Borris hatte noch am Abend von Lindsay zum Schein einen Auftrag bekommen, mit einem Brief nach einer benachbarten Station hinüber zu gehen, und Mr. Lindsay ließ sich, wie er das gewöhnlich that, Morgens in aller Frühe sein Pferd satteln und ritt in den Busch. Dem Koch[3] sagte er, daß er zum Frühstück zurück sein werde.
Genau nach der Verabredung hatte Tolmer auch gehandelt, traf mit Borris an der besprochenen Stelle zusammen und schlug sich dann rasch mit seiner kleinen, bis an die Zähne bewaffneten Schaar in den Busch, wo ihnen Mr. Lindsay begegnete.
Nach kurzem Marsch erreichten sie die Gegend, in welcher die Hütte stand. Zu weiterer Führung wollte sich aber der Squatter nicht verstehen.
»Ihr wißt nicht,« sagte er, »was für ein verzweifelter Mensch dieser Mulligan ist, und fangt Ihr ihn nicht, so fahrt Ihr nachher wieder ruhig nach Adelaide hinüber, und wir haben die Geschichte hier auszubaden. Ich kann auch mein Pferd hier nicht anbinden, und nähme ich es mit, hörten sie uns schon von Weitem. Dort gleich hinter jenem Dickicht liegt die Hütte – ich selber will nach Cooley's Station hinüberreiten – Ihr wißt, wo das ist, Borris. Habt Ihr den Mulligan, so kommt und laßt mich's wissen« – und damit wandte er sein Pferd und hielt langsam quer durch den Busch der Richtung zu, wo er die Straße wieder erreichen mußte.
Tolmer murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen durch. Fest entschlossen aber, das einmal Begonnene auch durchzuführen, ob mit oder ohne fremde Hülfe, gab er seiner kleinen Schaar die nöthigen Befehle, und rückte jetzt langsam und vorsichtig mit ihnen weiter, bis sie in Sicht der Hütte kamen.
Diese, wie tausend ähnliche im Busch, bestand nur aus einem leichten Gestell von Pfosten, mit Latten übernagelt, und mit breiten Stücken Rinde des Stringybark-Baumes gedeckt. Eben solche Rindentafeln bildeten die Wände, und rauh genug sah solch ein Wohnhaus aus. Im Busch werden aber keine Ansprüche an Bequemlichkeit gemacht; Schutz gegen Wind und Wetter gewährte sie, und was weiter konnte man hier von einer Wohnung verlangen?
Sie lag dabei mitten im Dickicht drin, und war von dem benachbarten Stationshalter erbaut worden, einem Schäfer Unterkommen zu bieten. Die Schafe vermehrten sich aber nicht so rasch, wie der Stationshalter geglaubt. Die Hütte wurde nicht benutzt, und John Mulligan, der sie auf seinen Streifzügen durch den Busch entdeckte, fand sie passend, ihm zum Aufenthalt zu dienen – wenigstens eine Zeit lang dort zu leben.
Tolmer war vorangekrochen, vor allen Dingen die Gelegenheit zu erspähen, und ein Blick auf die Hütte verrieth ihm, daß sie ihren Weg hierher nicht umsonst genommen hatten. Zwischen den Rindenstücken, die das Dach bildeten, wirbelte der blaue Rauch hervor, und die Insassen mußten also daheim sein.
Rasch war jetzt seine Disposition getroffen, und die kleine Schaar so vertheilt, daß aus der Hütte Niemand mehr entkommen konnte, ohne wenigstens ihrem Kreuzfeuer ausgesetzt zu sein. So vorsichtig aber schlichen sie an, daß sie von denen in der Hütte nicht einmal bemerkt wurden, und wie sie erst die Thür besetzt und die übrigen Wände umstellt hielten, wußten sie sich ihrer Beute sicher.
Tolmer selber spähte jetzt durch einen schmalen Ritz der einen Seitenwand, konnte aber nur eine Person im Innern erkennen. Es war das ein Mann der vor dem Kamin auf einer dort liegenden wollenen Decke saß und sich gerade jetzt eine kleine Thonpfeife stopfte. Außerdem schien er auch das Frühstück zu bewachen, denn eine Theekanne stand auf den Kohlen, und die zusammengescharrte Asche verrieth, daß ein »Damper«[4] darunter backe.
Sonst war die Hütte leer – das kleine enge Gemach ließ sich leicht genug überschauen, da in der einen Wand zwei große Rindenstücken fehlten, und der leere Raum als Fenster diente. War das nun Mulligan? Hatten ihn seine beiden andern Gefährten auch verlassen, und war er hier allein zurückgeblieben? Jedenfalls mußten sie sich seiner so rasch als möglich bemächtigen, und Tolmer sah sich jetzt nur noch nach Waffen um. Er konnte nichts erkennen als eine einzelne Muskete, die in der Ecke lehnte.
Der Mann am Feuer war dabei so in seine Pfeife vertieft, daß er keine Ahnung von der ihm drohenden Gefahr hatte. Der Thür drehte er gerade den Rücken zu, und da diese halb geöffnet stand, glitten Tolmer, Borris und einer ihrer Leute hinein und warfen sich – zu verhindern, daß der Ueberfallene nach der Muskete springen könne – plötzlich und geräuschlos auf den Buschrähndscher.
»Na, zum Donnerwetter,« rief dieser, der gar nicht Miene machte, emporzuspringen, »Ihr werdet mir die Pfeife zerbrechen. Prächtiges Stück Arbeit nachher, und keine andere wieder zu kriegen in dem verdammten Busch.«
»Hallo, der nimmt's kaltblütig,« lachte Borris.
»Bindet ihm nur die Arme auf den Rücken,« sagte Tolmer ruhig, »wenn er glaubt, daß er uns sicher machen will, irrt er sich.«
»Nur nicht ängstlich, old cove« lachte der Mann, in dem sich der Matrose nicht leicht verkennen ließ. »Halt da, mate,[5] schnürt mir die Arme nicht in Stücken.«
»Und was zum Henker machst Du hier, Camerad?« sagte Tolmer, der mit seinem Fang nicht besonders zufrieden schien, denn der Mann betrug sich nicht wie ein ertappter Verbrecher, und das Gesicht war ihm vollkommen fremd.
»Was ich mache?« sagte der Seemann vollkommen kaltblütig. »Ich passe auf, daß der blutige, steinharte Damper da in der Asche nicht zum Teufel geht, und hätte jetzt meine Pfeife geraucht, wenn Ihr nicht wie die Wilden über Einen hergefallen wäret. Steck sie mir einmal Einer von Euch in's Gesicht, und lege eine Kohle darauf.«
»Wie heißt Ihr?« fragte Tolmer, während ihm Borris lachend willfahrte, und der Gefangene indessen an der Pfeife zog.
»Bill – dank' Euch, Mate,« lautete die Antwort. »Weshalb zum Henker, habt Ihr mir die Finnen hinten festgeschnürt? Mit den Füßen kann ich den Damper nicht aus der Asche nehmen.«
»Was treibt Ihr hier im Busch?« frug aber Tolmer weiter, ohne seinen Einwand zu berücksichtigen.
»Verdammt wenig,« brummte der Bursche, »koche, wie Ihr seht – Hutkeeper, glaub' ich, nennen's die Burschen hier im Land.«
»Das ist keiner von den »Birds«,« flüsterte Borris seinem Vorgesetzten in's Ohr.
»Ich glaub' es auch nicht,« sagte dieser eben so leise zurück, und setzte dann laut hinzu: »Wer wohnt hier noch mit Euch?«
»Zwei Andere.«
»Und wo sind die jetzt?«
»Ausgegangen, ein Wallobi zu schießen – wenn sie das nicht bekommen können, bringen sie ein Schaf mit.«
»So? – Haben sie eine eigene Heerde?«
Der Matrose lachte und sah still vor sich nieder.
»Wie lange seid Ihr schon auf der Insel?« fuhr Tolmer fort.
»Drei Wochen,« lautete die Antwort.
»Und wo kommt Ihr her?«
»Hm,« brummte der Mann, der hier nicht recht mit der Sprache heraus mochte, »gehört Ihr zur Wasserpolizei?«
»Nein.«
»Gut, dann geht's Euch nichts an.«
»Von einem Schiff weggelaufen?« fragte Tolmer.
Der Matrose schwieg und zog an seiner Pfeife.
»Hört einmal, Camerad,« sagte Tolmer, der jetzt keinen Augenblick mehr zweifelte, daß er es blos mit einem weggelaufenen Matrosen zu thun hatte. »Seid Ihr nur einem Schiff ausgekniffen, so hab' ich damit allerdings nichts zu thun, und es wird Euch nichts geschehen, aber wir müssen die beiden andern Burschen fangen. Wollt Ihr uns dabei helfen? Denn ich kann mir nicht denken, daß Ihr mit den Verbrechern weiteren Verkehr gehabt habt.«
»Mit gebundenen Armen soll ich Euch helfen.«
Tolmer löste ohne weitere Antwort seine Bande, und Bill fühlte seine Arme kaum frei, als er vor allen Dingen seine Pfeife etwas fester stopfte.
»Daß es mit den Beiden nicht ganz richtig sei,« sagte er dabei, ohne seine Stellung zu verändern, »hab' ich mir etwa gedacht. – Hol' sie der Henker, ich bin froh, daß ich mit guter Manier von ihnen fortkomme.«
»Wie bald können sie zurück sein?«
»Jeden Augenblick. Das Beste ist dann, Ihr stellt Euch hier im Innern der Hütte auf, denn ich weiß nicht, von welcher Seite sie kommen.«
»Ist die Muskete Euer?«
»Nein – sie gehört dem Einen – John nennt er sich.«
»John Mulligan?«
»Was weiß ich, wie sein ganzer Name ist; John genügt, um ihn zum Essen zu rufen.«
»Da kommt Einer!« flüsterte in diesem Augenblicke Borris rasch, der indessen schon an die verschiedenen Theile der Hütte Wachen gestellt hatte. Die Rinde war an unzähligen Stellen gesprungen, und man konnte überall hindurch sehen.
»Ist das John?« frug Tolmer, der dem Matrosen winkte, den Ankommenden zu beobachten. Dieser schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »das ist der lahme Tom – hat richtig ein Schaf erwischt – wird sich unendlich freuen, wenn er hier so angenehme Gesellschaft findet.«
»Und wo ist der Andere?«
»Weiß nicht – sind Beide zusammen fortgegangen.«
»Bst – er kommt – ruhig jetzt!« warnte Tolmer, und schweigend sammelten sich die Polizeileute im Innern der Hütte an beiden Seiten des Eingangs, auf den der Buschrähndscher, ohne Ahnung dessen, was ihn erwartete, langsam zuschritt.
Er war in die gewöhnliche rauhe Buschtracht gekleidet, jetzt aber in seinen Bewegungen gehindert, da er das schon geschlachtete Schaf auf den Schultern trug und dabei mit der rechten Hand seine Muskete festhielt.
»Holla, Bill!« rief er, indem er, dicht vor der Thür, mit dem einen Fuß dagegen trat. »Zum Teufel auch, mach Einem den Deckel auf – oder schläft die Canaille schon wieder?«
Tolmer sagte kein Wort, aber wie er dem Matrosen winkte, die Thür zu öffnen, zeigte er ihm ein gespanntes Pistol als Warnung, was ihm selber drohe, wenn er sie verrathen wolle. Bill dachte aber an nichts Derartiges, denn, selber ein ehrlicher Kerl, hätte er schon lange die Gesellschaft dieser Burschen, die ihn gewissermaßen als Diener behandelten, gemieden, wenn er nur gewußt, wohin er sich wenden solle. Jetzt, da es sich herausstellte, daß seine bisherigen Gefährten das wirklich waren, wofür er sie seit den letzten Tagen heimlich gehalten, wäre er der Letzte gewesen, mit ihnen »in einen Topf zu springen«. Ruhig öffnete er deshalb die Thür für den »lahmen Tom«, wie der Buschrähndscher von seinen Cameraden genannt wurde, weil er ein klein wenig hinkte.
»Da hier,« sagte dieser, noch vor der Thür – »nimm mir einmal das Schaf ab – na, wird's bald? Soll ich's etwa noch eine Stunde auf dem Buckel haben?«
Tolmer winkte dem Matrosen, den Ankommenden in die Hütte zu rufen, denn war sein Camerad in der Nähe, so wurde er durch einen Lärm vor der Hütte gewarnt.
»So kommt doch herein damit,« sagte Bill, »oder habt Ihr Angst, daß Ihr den Fußboden schmutzig macht?«
»Damit man nachher die Decken im Blute herumschmiert, nicht wahr?« sagte der Buschrähndscher, der schon lange die Geduld verloren hatte. »Hölle und Verdammniß, da holt's Euch selber,« und mit einem Ruck warf er das Schaf vom Rücken ab auf den Boden nieder. Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und ehe er nur seine Muskete ordentlich fassen konnte, stand Tolmer draußen neben ihm, packte ihn um den Leib und schleuderte ihn zu Boden.
»Hülfe, John! Teu–,« er sagte nicht mehr, denn Borris hatte ihm mit großer Geschicklichkeit ein Tuch in den Mund geschoben, jeden weiteren Aufschrei zu ersticken – aber zu spät. Tolmer's rasch umherschweifender Blick erkannte eine dunkle Gestalt in den Büschen, die, wie sie erschienen, eben so auch wieder verschwand, und ärgerlich mit dem Fuße den Boden stampfend, rief er aus:
»Das haben wir schlau gemacht – da geht der Hauptfuchs zum Teufel, und jetzt können wir den ganzen Busch von einem Ende zum andern umdrehen, ehe wir ihn wiederfinden.«
»Habt Ihr ihn gesehen?« rief Borris rasch.
»Wie eine Erscheinung, gerade hinter jener Kasuarine,« sagte Tolmer. »Aber nehmt den Vogel wenigstens einmal in die Hütte herein, daß wir sehen, was wir aus ihm herausbringen können.«
Das geschah. Der »lahme Tom« machte aber, wenn sie auf seine Hülfe gerechnet hatten, ihre Hoffnung zu schanden, denn er beantwortete keine ihrer Fragen.
»Hol' Euch der Böse,« knirschte er in die Zähne, als man ihm das Tuch wieder aus dem Munde nahm. »Ihr seid Alle über Einen hergefallen, wie ein Rudel feiger Dingo's über ein einzelnes Schaf, das ich war – jetzt macht mit mir, was Ihr wollt, aber laßt mich ungeschoren, denn verdammt will ich sein, wenn ich Euch auf weitere Sprünge helfe.«
Aus dem Burschen war in der That nichts weiter herauszubringen und Tolmer schickte ihn, in Handschellen und von zweien seiner Leute bewacht, zu dem Schooner hinunter. Die ihn trausportirten, sollten dann so rasch als möglich wieder zurück zu der Rindenhütte kommen, hier die weiteren Anordnungen zu hören.
Tolmer fürchtete, daß durch die Flucht Mulligan's ihr ganzer Plan vereitelt sei, und dieser wahrscheinlich den anderen Trupp augenblicklich vor ihnen warnen würde. Dem aber widersprach Borris.
»Haben sich die beiden Parteien miteinander gezankt,« sagte dieser, »so wird Mulligan weit eher glauben, daß ihn jene verrathen hätten, um ihn los zu werden, und sich dann wohl hüten, selber an ihr Feuer zu laufen. War er das aber, den Ihr im Busche gesehen habt, und ich zweifle keinen Augenblick daran, so fürcht' ich, ist es ein hoffnungsloses Unternehmen, ihn mit so wenigen Leuten auf der großen Insel einzufangen. Von den Stationshaltern dürfen wir nicht die geringste Hülfe erwarten, das haben wir an Lindsay gesehen. Trotzdem daß er selber viel Geld geben würde, die Schufte aus dem Wege zu haben, will er doch sein eigenes Haus nicht der Gefahr aussetzen, von ihnen in Brand gesteckt zu werden. Und wo sollen wir den schlauen Gesellen jetzt suchen? Am Ende wär' es am besten, wir legten ihm hier in der Hütte eine Falle; jedenfalls hat er seine Munition und seine Decke hier und ohne Beides kann er nicht lange im Busche aushalten.«
»Da können wir lange warten,« lachte Tolmer, »ehe der alte Fuchs wieder daran denkt, hier zu Bau zu kriechen. Wo er sich die jetzige Munition verschafft hat, bekommt er auch mehr, und ebenso eine wollene Decke. Uebrigens haben wir noch eine Weile Zeit, den Ort hier zu untersuchen, und Bill kann uns vielleicht sagen, ob er weiß, wo die Munition versteckt ist.«
Es verstand sich von selber, daß der Verbrecher nicht ein so werthvolles Ding, wie Pulver ist, würde frei und offen liegen lassen. Bill wußte aber nichts davon. John Mulligan hatte sich wohl gehütet ihn zum Vertrauten zu machen, und eine Nachsuchung in der Hütte blieb ebenfalls erfolglos.
Indessen waren die Leute hungrig geworden und Einer von ihnen holte jetzt das Schaf in die Hütte, ihr Frühstück damit zu bereiten. Der Damper war unter der Zeit ebenfalls gebacken, und mit Thee und Zucker, was sie in der Hütte vorfanden, hielten sie ein vortreffliches Mahl. Auch die beiden mit dem Gefangenen zum Schooner geschickten Polizeileute kamen zurück und ein ordentlicher Kriegsrath wurde jetzt gehalten, ob sie sich, die ganze Sache als verfehlt betrachtend, wieder einschiffen oder erst noch einen Versuch machen sollten, den anderen Trupp von vier Mann aufzuheben.
Fast Alle entschieden sich für das Letztere, Tolmer aber wollte auch nichts versäumen, jenen Mulligan in ihre Gewalt zu bekommen, und da es doch möglich war, daß er sich noch in der Nähe aufhielt, um die Hütte wieder aufzusuchen, sollten zwei Mann von seinen Leuten hier versteckt bleiben, und den Flüchtigen todt oder lebendig in ihre Gewalt zu bekommen suchen. Bill, der Matrose, erbot sich allerdings, mit aufzupassen, Tolmer aber wollte das nicht riskiren, denn er war nicht gewöhnt, einem Fremden gleich nach der ersten Stunde Bekanntschaft zu trauen. Dagegen konnte ihnen der handfeste Seemann von trefflichem Nutzen bei dem Fang der Uebrigen sein, indem er seine kleine Schaar ja ohnedem noch durch die Wache in der Rindenhütte schwächen mußte.
Nach Lindsay's Beschreibung kannte Borris ganz genau die Stelle, wo jene Buschrähndscher lagerten, aber es blieb unmöglich, sie am Tage dort zu überraschen. Erstlich war es kaum glaublich, daß sie überhaupt bei hellem Tageslicht ihren Lagerplatz einhalten würden, und dann hätte der Trupp auch keinesfalls ungesehen an sie anschleichen können. Würden sie aber bemerkt, so kam es jedenfalls zu einem Kampf auf Leben und Tod, den Tolmer, so lange es anging, vermeiden wollte. Blieb ihm keine andere Wahl, gut, so mußte selbst das versucht werden.
Damit im Reinen, hielten sie sich in der Hütte, bis sich die Sonne gegen den Horizont neigte, denn sie waren sicher, daß die mit John Mulligan verfeindeten Buschrähndscher nicht hierher kommen würden, und draußen hätten sie ihnen leicht zu früh begegnen können. Nur ein Bote wurde hinüber nach Cooley's Station geschickt, Mr. Lindsay von dem bisherigen Resultat in Kenntniß zu setzen, denn Tolmer wußte nicht, ob er seine Hülfe vielleicht morgen in Anspruch nehmen müsse. Lindsay war aber schon wieder nach Hause geritten, und der zu ihm gesandte Polizist mochte ihm dahin nicht folgen, um keinen unnöthigen Verdacht zu erregen.
Borris, mit dem Busch vollkommen vertraut, führte zur bestimmten Zeit die kleine Schaar sicher der Gegend zu, in der er das Lager der Verbrecher wußte. In der Nachbarschaft desselben angelangt, blieb ihnen aber nichts weiter übrig, als erst den vollen Einbruch der Nacht abzuwarten; dann schlichen sie vorsichtig dem Lager der Sträflinge zu, bis sie in Sicht von deren Feuer kamen.
Es war aber immer noch nicht dunkel genug, und Tolmer ließ seinen kleinen Trupp in einem Dickicht versteckt, vorher selber den Platz einmal zu recognosciren.
Auf Händen und Füßen, jeden Strauch und Baumstamm benutzend, die ihn decken konnten, kroch er näher und näher zu dem Feuer, und da er auch die Vorsicht gebraucht hatte, den Wind zu beachten, im Fall sie Hunde bei sich haben sollten, kam er bald nahe genug, die sich um die Gluth her bewegenden Gestalten deutlich zu erkennen. – Es waren aber mehr als vier Männer, die sich dort gelagert hatten, denn von da aus, wo er sich befand, konnte er klar und deutlich fünf Personen unterscheiden, die bald ausgestreckt am Feuer lagen, bald aufstanden und um die Flammen herumgingen. War Mulligan doch zu ihnen gestoßen, sie zu warnen? – Aber dann wären sie keinesfalls an ihrem alten Lagerplatz geblieben, und wer konnte der Fünfte sein?
»Mit gefangen, mit gehangen,« murmelte aber Tolmer vor sich hin, und fest entschlossen, sich die schon halb im Netz sitzende Beute nicht wieder entgehen zu lassen, kroch er zu den Seinen zurück und theilte ihnen den Plan mit, den er sich in der Schnelle entworfen hatte.
Die Dämmerung ist in Australien außerordentlich kurz, und fast unmittelbar nach der sinkenden Sonne tritt auch die Nacht ein. Die Polizeileute brauchten deshalb nicht lange im Hinterhalt zu liegen, und Tolmer verließ jetzt seine genau instruirte Mannschaft, das beschlossene Wagniß auszuführen.
Er umschlich das Lager in einem weiten Bogen, bis er es zwischen sich und die Seinen brachte, ging dann noch eine Strecke in den Busch hinein, von den Buschrähndschern fort, und ließ dort den in Australien gebräuchlichen und von den Schwarzen angenommenen Waldruf: »Ku-ih! – Ku-ih!« erschallen.
Im Anfang war Alles ruhig, und Niemand antwortete ihm, endlich aber, nachdem die Buschrähndscher wahrscheinlich mit einander berathen hatten, daß Jemand, der so laut im Wald herumschrie, ihnen schwerlich gefährlich sein könne, antwortete Einer von ihnen mit dem gleichen Laut, und Tolmer brach jetzt, so viel Geräusch als irgend möglich machend, durch die Büsche dem Lagerplatz zu.
Diesen erreichte er bald und fand hier die kleine Schaar von Verbrechern, die Musketen im Anschlag, seiner harrend am Feuer.
»Holla,« redete ihn Einer von ihnen an, »was habt Ihr denn da bei Nacht und Nebel im Wald herumzuschreien?«
»Gott sei Dank,« sagte Tolmer, wie er nun den freien Platz erreichte, »da sind doch wenigstens Menschen mit einem vernünftigen Feuer. Ich glaubte schon, ich müßte die Nacht draußen allein unter einem Baume liegen bleiben. – Wie geht's mit einander?«
»Hm, gut,« antwortete der Eine von der Schaar – »aber wo kommt Ihr her?«
»Von dem Nordufer,« sagte Tolmer, auf alle Fragen vollkommen vorbereitet, »und wollte nach Cooley's Station, habe aber den Weg verfehlt und bin in den verdammten Känguruhdornen beinah umgekommen. Wie weit ist's noch bis dahin, und führt ein Weg hin?«
»Verwünscht wenig, was Ihr von einem Weg bis dahin finden werdet,« brummte ein Anderer. »Wenn Ihr nicht nach den Sternen marschirt, könnt Ihr Euch ein Jahr lang im Busch herumdrehen.«
»Wie weit habe ich wenigstens bis zum Strande?« frug Tolmer wieder, der mit raschem Blick die Schaar überflogen hatte und sich jetzt mit dem Rücken zum Feuer stellte, daß sein Gesicht nicht zu hell beleuchtet wurde. Er fühlte sich doch nicht so recht sicher, ob ihn nicht Einer oder der Andere von den Burschen kannte. Ebenso hatte er schon bemerkt, daß es nur vier Weiße und ein Schwarzer waren, den sie irgendwo aufgelesen hatten.
»Bis zum Ufer,« sagte der Erste wieder, »mag es etwa drei Miles sein, wenn Ihr in gerader Richtung ausschreiten könnt.«
»Am Strande führt ein Weg hin, nicht wahr?«
»Ja; aber Ihr seid doch nicht mitten durch die Insel gekommen?«
»Da wundert's mich, daß Ihr noch einen Fetzen Zeug auf dem Leibe habt,« sagte der Buschrähndscher, der von dem einzelnen Manne keine Gefahr fürchtete und sein Gewehr neben sich wieder an den Baum lehnte.
»Wenn Ihr nichts dagegen habt,« meinte Tolmer, indem er seinem Beispiele folgte und seine Doppelflinte ebenfalls abnahm und neben die des Burschen stellte, »so ruhe ich mich hier bei Euch erst ein wenig aus. Kann man für Geld und gute Worte einen Becher Thee und ein Stück Damper bekommen?«
»Für Geld nicht, für gute Worte ja,« sagte der Buschrähndscher, der den Gast aber noch immer aufmerksam betrachtete. »Ihr seid ein Seemann, wie?«
»Ein Stück von einem,« lachte Tolmer.
»Irgend wo ausgekniffen, he?«
»Mit französischem Urlaub, ja; von einem Handels-Schooner, der hier anlegte. Hol' der Teufel das Wergzupfen an Bord! Findet sich denn wohl einmal Gelegenheit, von hier nach dem festen Lande hinüberzukommen?«
»Möglich,« sagte der Buschrähndscher, »habe mich noch verwünscht wenig darum gekümmert.«
»Damper ist fertig,« brummte jetzt Einer der Anderen, der das Kochgeschäft besorgte. Der, mit dem Tolmer bis jetzt gesprochen, wandte sich wieder zu ihm und sagte:
»Setzt Euch zum Feuer nieder und eßt mit, was wir haben.«
»Dank' Euch,« meinte Tolmer, »werde mir das nicht zwei Mal sagen lassen. Wetter noch eins, ich habe den Rheumatismus in den Rücken gekriegt, und gräßliche Schmerzen; vielleicht daß es die Hitze wieder herauszieht. Mit Euerer Erlaubniß,« und mit den Worten kauerte er sich ohne Weiteres beim Feuer nieder, aber so, daß er demselben den Rücken zudrehte und die bei Seite gestellten Gewehre dabei im Auge behielt. Es war ihm aber auch nicht entgangen, daß der Schwarze, der etwas abseits vom Feuer saß, ein paar Mal schon aufmerksam auf irgend ein Geräusch wurde und den Kopf dann jedes Mal horchend emporhob. Glücklicher Weise nahm aber das gerade fertig gewordene Abendbrod die Aufmerksamkeit der Buschrähndscher für den Augenblick in Anspruch, und Alle setzten sich zum Feuer, den Wortführer ausgenommen, der zu dem Gewehre seines Gastes ging, es ohne viele Umstände in die Höhe nahm und genau betrachtete.
»Hm, ein hübsches Stück,« sagte er dabei, »wie seid Ihr dazu gekommen, Mate, wenn Euch die Frage nicht etwa genirt? Matrosen führen sonst nicht so leicht solche Flinten.«
»Ich habe es einmal billig von einem Franzosen gekauft,« sagte Tolmer gleichgültig, »weiß aber jetzt nicht recht, was ich damit anfangen soll, denn ich bin kein besonderer Schütze. Wenn ich das halbwegs dafür wiederbekomme, was es mich gekostet hat, schlag' ich's los.«
»Und wie viel war das?«
»Dreißig Schilling, ein Spottgeld für die Flinte, aber Geld kann man hier im Busche eher gebrauchen, wie ein Gewehr.«
»Für den Preis nehm' ich's Euch ab,« sagte der Buschrähndscher schnell, »das ist ein Handel.«
»Meinetwegen.«
»Und Ihr nehmt Noten dagegen von den Squattern in der Nachbarschaft?«
»Noten? – was ist das?«
»Nun, Anweisungen, so gut, wie baar Geld. Jeder nimmt sie Euch ab.« Er blinzte dabei seinen Cameraden hinter dem Rücken des Fremden zu, und diese lachten still und höhnisch vor sich hin. Tolmer that aber, als ob er es nicht bemerke, sondern sagte treuherzig:
»Wenn sie so gut wie baar Geld sind, wär' ich ein Narr, wenn ich was dawider hätte. Gott sei Dank, jetzt brauch' ich doch das alte Schießeisen nicht mehr mit herumzuschleppen. Heute im Busch hatt' ich zwei oder drei Mal gar nicht so übel Lust, es in das erste beste Wasserloch zu werfen.«
»Das wäre Schade drum gewesen,« meinte der Buschrähndscher, indem er die Flinte zu den übrigen lehnte und sich jetzt selber mit zum Feuer setzte. Er war vortrefflicher Laune. – »Wißt Ihr wohl, Mate,« fuhr er nach einer Weile fort, indem er sich ein großes Stück Damper und Schaffleisch auf die Kniee nahm, »daß mir Euer Gesicht verdammt bekannt vorkommt, und ich habe mir schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, wo ich Euch einmal gesehen haben könnte?«
»Hier noch nicht,« sagte Tolmer, ruhig von dem Damper zulangend und sich dem Feuer zukehrend. Dieses brannte jetzt ziemlich düster und der Hut, den er trug, beschattete sein Gesicht ebenfalls. »Drüben am Lande könnt's aber gewesen sein; freilich auch nicht in den letzten Jahren. Früher war ich oft drüben.«
»Das wäre möglich!« nickte Jener. »Habt Ihr Euere Passage nach Australien bezahlt?«
»Werde nicht so dumm sein,« lachte der vermeintliche Matrose. »Wo sich's die Regierung so viel kosten läßt, tüchtige Ansiedler herüber zu bekommen, soll man ihr nicht in's Handwerk pfuschen.«
»Gescheidter Gedanke, Mate, verdammt gescheidter Gedanke,« schmunzelte der Buschrähndscher; »aber was zum Henker hat denn die Schwarzhaut da zu horchen? – na, was gibt's, Schneeball?«
Tolmer's Herz schlug, daß es ihm die Brust zu zersprengen drohte. Er wußte, daß seine Leute jetzt dicht am Lager waren, und jedenfalls hatte der schwarze Bursche mit seinen viel schärferen Sinnen etwas von ihnen gehört oder gesehen.
»Me, make a light, flourbag,«[6] sagte der Eingeborene in seinem englisch sein sollenden Dialekte.
Tolmer stand langsam auf und trat zum Feuer, um es ein wenig zusammenzustoßen. Er stand jetzt nur zwei Schritte von den Gewehren.
»So? – Du hast was Weißes gesehen?« sagte der Buschrähndscher, mit den Augen der Richtung folgend, nach der der Arm des Schwarzen deutete.
»Ich werde einmal hinschießen,« sagte jetzt Tolmer, und mit den Worten drehte er sich um, griff sein Gewehr auf und spannte zugleich geräuschlos die Hähne.
»Bah, mach' keinen Unsinn, Mate,« sagte aber der Buschrähndscher, der keine Ahnung hatte, daß ihnen hier Gefahr drohen könne. »Wer weiß, was der Bursche gesehen hat.«
»Vielleicht war's ein Opossum,« meinte Tolmer.
»Möglich,« sagte der Andere, »setzt Euer Gewehr hin.«
»Habt Ihr schon gehört, wie man ein Opossum lockt?« frug Tolmer jetzt. – Er war todtenbleich geworden, denn er wußte, daß der nächste Augenblick der entscheidende sein mußte.
»Ein Opossum? – Was zum Donnerwetter hat denn nur der schwarze Bursche? Etwas muß im Winde sein,« und unwillkürlich machte er einen Schritt den Gewehren zu, während der Eingeborene seine Lanze aufgriff und scheu und vorsichtig vom Feuer zurückglitt.
»Ich will's Euch zeigen, Mate,« sagte Tolmer, und in dem Moment gellte ein schriller Pfiff durch den Wald.
»Verrath!« schrie der Buschrähndscher und sprang nach den Gewehren.
»Wer sich bewegt, ist eine Leiche!« rief Tolmer mit Donnerstimme, die eigene Waffe an den Backen reißend, und von allen Seiten sprangen die Seinen auch schon herbei, während die Buschrähndscher, förmlich überrumpelt, im ersten Schrecken nicht wußten, ob sie fliehen oder sich vertheidigen sollten.
Tolmer, so viel wie möglich unnöthiges Blutvergießen zu vermeiden, schoß nicht, und nur als der Anführer der Schaar an ihm vorbeifuhr, um seine Waffe aufzugreifen, hielt er ihm sein Bein vor und der Buschrähndscher stürzte wie im Fluge nach vorn, alle vier Gewehre mit sich zu Boden reißend. Im nächsten Augenblicke saß ihm aber schon Borris auf dem Nacken, und während diesen der Matrose unterstützte, den wüthend um sich Schlagenden zu binden und unschädlich zu machen, fanden sich die anderen drei von Bewaffneten umstellt und jede Flucht abgeschnitten. – Was auch hätten sie im Busche ohne Gewehre anfangen wollen?
Der Schwarze war gleich bei dem ersten Anprall der Polizei – vielleicht auch schon vorher – spurlos im Busche verschwunden.
Zehn Minuten später staken die Buschrähndscher in Handschellen. Es war aber zu gewagt, sie in dunkler Nacht durch den Busch zu transportiren, wo doch Einer oder der Andere Gelegenheit gefunden hätte, zu entkommen. Tolmer beschloß also, die Nacht dort mit ausgestellten Wachen im Lager zu bleiben und die Gefangenen erst am nächsten Morgen hinüber zum Schooner zu transportiren.
»Jetzt weiß ich auch, Mate, wo ich Euer blutiges Gesicht schon einmal gesehen habe,« zischte der alte Buschrähndscher durch die zusammengebissenen Zähne, als er eine Stunde später neben seinen Cameraden und unter einer Aufsicht, die jeder Flucht spottete, am Feuer lag.
»Denk's auch, Tomlins,« lachte Tolmer, »ich hatte aber gleich vom Anfange an ein besseres Gedächtniß. Weil ich jetzt keinen Bart trage, seid Ihr irr geworden.«
»Hol' Euch der Teufel,« brummte der Gefangene und warf sich auf die andere Seite.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch war die kleine Truppe marschfertig und erreichte etwa dritthalb Stunden später den Schooner, in dem die Gefangenen einquartiert wurden. Tolmer aber, jetzt fest entschlossen, sein Aeußerstes zu versuchen, auch den noch flüchtigen Mulligan wieder einzubringen, wollte sich doch nicht der Gefahr aussetzen, daß bei einem längeren Aufenthalte an der Insel die bisher gemachten Gefangenen vielleicht Gelegenheit fänden, ihre Freiheit wieder zu erlangen.
Derartige Menschen, mit Nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen, hatten sich schon aus schwierigeren Lagen befreit, und er befahl dem Schooner deshalb, mit zwei von seinen Leuten als Wache an Bord, ohne Weiteres wieder unter Segel zu gehen und diese kostbare Ladung erst einmal an das County-Gefängniß abzuliefern. Dann sollte er ohne Zögern wieder umkehren, sie selber abzuholen oder vor Anker zu bleiben, bis sie an Bord kämen.
Tolmer behielt, nachdem er zwei von seinen Leuten der Schoonermannschaft beigegeben, noch, mit Borris, sieben Mann und den Matrosen. Der Seemann hatte sich freilich mit auf dem Schooner einschiffen wollen, Tolmer war aber viel zu vorsichtig, das zuzugeben, denn er wußte nicht, ob er vielleicht mit ein oder dem anderen der Gefangenen schon früher Bekanntschaft gemacht hätte, und wollte sich nicht muthwillig selber einen Helfershelfer für die Schaar in das Fahrzeug setzen. Mit ihnen versprach er ihm aber freie Passage nach Adelaide, wenn er sie dahin begleiten wolle.
Nun galt es vor allen Dingen, den jetzigen Aufenthaltsort John Mulligan's herauszubekommen, und das schien viel schwerer, als es Tolmer im Anfange erwartet hatte.
Mulligan war mit allen Schlichwegen der Insel genau bekannt, und Lindsay, an den er sich wieder wandte, versicherte ihm von vornherein, daß es ein verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen sei, dem kecken und verwegenen Burschen auf diese Weise nachzustellen. Er schien es dabei nicht einmal gern zu sehen, daß ihn Tolmer auf seiner Station besuchte, denn wie leicht konnte Mulligan das durch irgend einen seiner eigenen Leute erfahren und dann, in dem Glauben, der Stationshalter stecke mit der Polizei unter einer Decke, Rache an ihm nehmen.
Tolmer sah bald, daß mit dem Manne nichts anzufangen war, und doch gewöhnt fast stets auf eigene Hand zu handeln, schrak er auch vor einer solchen Aufgabe nicht zurück.
So viel schien gewiß, daß Mulligan, nachdem sie die übrige Bande glücklich überlistet, keine weiteren Begleiter mehr hatte, auf deren Hülfe er sich verlassen konnte.
In seine alte Hütte war er übrigens nicht wieder zurückgekehrt, und Tolmer, um seine beiden Wachen nicht länger dort unnütz zu verwenden, ließ das Nest in Brand stecken. Hatte der Buschrähndscher dann noch irgend etwas darin versteckt oder vergraben, so sollte es ihm wenigstens schwer werden, es wiederzufinden.
Außerdem entwarf Tolmer einen anderen Plan. Er schickte nämlich seine Mannschaft als Bündelleute vereinzelt auf alle Stationen in der Nachbarschaft, sich dort zu zerstreuen und selber auf den verschiedenen Stellen die Nachricht zu verbreiten, daß die Polizei gelandet wäre und die Buschrähndscher aufgehoben hätte. Während sie sich natürlich unter die Arbeiter mischten, erfuhren sie dann vielleicht, ob der flüchtige Verbrecher wohl irgendwo gesehen worden.
Am zweiten Tage hatten sich aber Alle wieder in der Nähe der verbrannten Hütte einzufinden, um gemeinschaftlich zu operiren.
Der Plan mochte ganz gut sein, erwies sich aber als erfolglos. Allerdings brachten die Leute von drei, vier verschiedenen Seiten die Nachricht mit, Mulligan sei dort in der Nähe gesehen worden. Die wahrscheinlichsten dieser Stellen wurden auch untersucht, doch ohne den geringsten Erfolg. Nicht einmal die Spur des Flüchtigen fand man, und es blieb jetzt außerordentlich schwer, zu sagen, ob sich der Buschrähndscher nach dem Osten oder Westen der großen Insel gewandt habe.
Borris selber war dafür, nach dem festen Lande zurückzukehren und lieber wieder hierher zu kommen, wenn Mulligan auf's Neue irgendwo einen bestimmten Aufenthalt genommen. Tolmer aber, starr wie immer den einmal gefaßten Plan im Auge, wollte davon nichts hören und gedachte einen anderen Versuch zu machen.
Er theilte seine Leute in zwei Trupps – den einen von fünf Mann unter Borris' Führung schickte er nach Osten zu und die anderen, wie den Matrosen, der sich freiwillig erboten hatte ihnen beizustehen, behielt er bei sich, um damit nach Westen hin die Insel abzusuchen. In vier Tagen spätestens sollten Alle wieder am Schooner zusammentreffen, und hatten sie den Flüchtigen dann nicht eingefangen, so wollten sie die Jagd für dies Mal aufgeben.
Borris schüttelte den Kopf zu dem ganzen Unternehmen, denn er kannte besser wie sein Vorgesetzter, das Innere der Insel und die Schwierigkeit, darin von einer Stelle zur andern zu gelangen. Tolmer aber, Feuer und Flamme für den jetzt entworfenen Plan, ließ keine Einrede gelten, und die beiden Parteien trennten sich noch an demselben Morgen.
Einem schmalen Kuhpfade folgend, wanderte Tolmer mit seinen Leuten ab, gerieth aber bald in ein so furchtbares Dickicht von jenen nichtswürdigen Känguruhdornen, von denen das ganze Innere der Insel überwuchert war, daß sie sich nur mit Mühe und Noth einen Weg seitwärts hindurch und mehr der Küste zu brechen konnten. Was sollten sie auch in einem solchen Dickicht, in dem Mulligan selber nicht fortkonnte, sich also auch wohl hüten würde es zu betreten.
Ziemlich erschöpft und ohne den ganzen Tag ein lebendes Wesen angetroffen zu haben, erreichten sie Abends einen kleinen Bach und lagerten dort, und Tolmer sah jetzt die Unmöglichkeit ein, das eigentliche Innere des Busches, wie er beabsichtigt hatte, abzusuchen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich auf die besiedelten oder doch wenigstens zugänglichen Theile der Küste zu beschränken.
Gegen Morgen hörten sie einen Hund bellen; schon am letzten Abend hatten sie Schafspuren gefunden und es ließ sich erwarten, daß sie wenigstens nach der Richtung und in der Nähe des Trinkwassers eine Schäferhütte finden würden. Darin hatten sie sich auch nicht geirrt. Als sie nach rasch eingenommenem Frühstück dorthin aufbrachen, fanden sie mitten im Busch, aber an einer von Dornen vollkommen freien Stelle, eine kleine Rindenhütte liegen, und Tolmer ließ seine Leute noch zurück, erst selber allein den Platz zu recognosciren.
Der Schäfer war mit seiner Heerde schon vor einer Stunde ausgezogen, den Hutkeeper oder Hüttenwächter fand Tolmer aber gerade beschäftigt, die gewöhnlichen Damper zu backen, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein.
»Holla, Mate,« sagte er nach einer Weile, als er am Feuer saß und den für ihn rasch warmgestellten Becher Thee trank, »Ihr seid ja hier außerordentlich fleißig mit Brodbacken. Da stehen, wie ich sehe, zwei große fertige Damper, hier unter der Asche liegt auch noch einer und Ihr rührt schon wieder frische an. Macht Ihr sie zum Verkauf?«
»Ja, schön zum Verkauf,« sagte der eben nicht besonders appetitlich aussehende Bursche mit einem Kernfluche, »ein prächtiger Platz wär' das hier im Busche zum Verkauf, wo man das ganze gesegnete Jahr keinen blanken Schilling zu sehen bekommt. Die Käufer, die hierher kommen, soll überhaupt der Teufel holen, sobald er Lust hat, und wenn meine Zeit um ist, will ich verbrannt werden, wenn ich nur eine Stunde länger in den blutigen Dornen sitzen bleibe.«
»Es treibt sich hier viel Gesindel im Busche herum, wie?« warf Tolmer hin.
Der Hutkeeper sah ihn mißtrauisch von der Seite an und meinte dann:
»O, Gott bewahre; es sind lauter Gentlemen und noch dazu Menschen, wie die Kinder; was sie sehen, wollen sie haben.«
»Seid Ihr kürzlich belästigt worden?« frug Tolmer, der nicht mit Unrecht glaubte, daß er von dem Hutkeeper für nichts Besseres, als eben auch für einen Buschrähndscher gehalten würde.
»Ich will Euch was sagen, Fremder,« meinte da der Bursche, indem er sich von seiner Arbeit aufrichtete und die mehlbedeckten Fäuste zur Seite von sich hielt, »es ist ein altes Gesetz, im Busche sich – das Maul nicht zu verbrennen – an heißen Blechbechern mein' ich – Ihr versteht mich schon.«
»Nichts für ungut, Freund.«
»Bitte, bemüht Euch nicht,« meinte der Hutkeeper trocken. »Es könnte sein, daß morgen Jemand käme und nach Euch früge, und dann wär's Euch auch vielleicht angenehm, wenn ich ein kurzes Gedächtniß hätte.«
Tolmer lachte. Mit der Politik derartiger Buschleute aber vollkommen vertraut, kannte er recht gut die Triebfedern, die ihn zum Schweigen brachten, und er lenkte das Gespräch auf etwas Anderes, um erst einmal herauszubekommen, mit wem er es hier zu thun habe. War es ein früherer Sträfling, dann ließ sich freilich nicht viel von ihm erwarten, doch sah er ihm zu jung dafür aus und vorsichtige Fragen konnten das bald aufklären. Tolmer hatte sich auch nicht in seinem Manne geirrt. Jim Riddle war erst vor zwei Jahren mit einem Auswandererschiffe als freier Mann nach Australien gekommen, hier sein »Glück zu machen« – nicht »Damper für alles blutige Gesindel im Busche zu backen«, wie er hinzusetzte, und schien das ganze Land schon so satt zu haben, daß er je eher je lieber wieder nach Alt-England zurückgekehrt wäre, wenn er eben gewußt hätte, womit.
Einmal darüber im Reinen nahm Tolmer keinen Anstand länger, dem Hutkeeper zu sagen, wer er selber sei und weshalb er auf die Insel gekommen wäre – diese nämlich von der Plage herumstreifenden Gesindels zu befreien. Er rief dann seine Leute herbei, die der Hutkeeper aber immer noch mißtrauisch betrachtete, denn sie sahen ihm nicht aus wie Polizei, und erst als ihm Tolmer seine Vollmacht vorlegte, die das große Regierungssiegel trug, wurde er überzeugt.
»Dann ist's recht,« sagte er, mit einem kräftigen Hiebe die rechte geballte Faust in die linke schlagend, daß der Mehlbrei überall umherspritzte, »dann hab' ich nichts dagegen, und ich gönne Euch die Gesellschaft des unheimlichen Burschen, der hier seit zwei Tagen herumkriecht, von ganzem Herzen.«
Und nun erzählte er mit einfachen und kurzen Worten, daß vorgestern ein Mann, dessen Beschreibung Tolmer keinen Zweifel ließ, Mulligan sei damit gemeint, zu ihm in die Hütte gekommen wäre, und Essen und Tabak verlangt hätte. Der Fremde trug eine Muskete und sah wild und zerfetzt genug aus. Jim Riddle gab ihm beides, um ihn nur loszuwerden. Gestern aber war er wieder gekommen, sich neuen Vorrath zu holen, und hatte ihm mit allem Möglichen gedroht, wenn er an irgend Jemand durch eine Sylbe verrathe, daß er bei ihm gewesen. Ja, noch mehr, er verlangte von dem Hutkeeper, der selber keine Waffen hatte sich zu widersetzen, daß er ihm von jetzt an, die nächsten Tage wenigstens, einen besonderen Damper backe, und ihm denselben mit Fleisch und Thee nicht weit von dort in den Busch bringe. Er mußte selber mit ihm gehen, daß er ihm die Stelle zeigen konnte.
Wahrscheinlich wollte sich der Buschrähndscher nicht wieder der Gefahr aussetzen, an eine fremde Hütte anzulaufen, in der recht gut Feinde versteckt sein konnten; wußte er ja doch jetzt, daß ihm die Polizei auf der Fährte war.
Jim Riddle hatte natürlich den verzweifelten Menschen gefürchtet, dessen Haß und Rache er sich hier nicht allein und hülflos aussetzen mochte. Mit der Polizei zum Schutz war er aber froh, solch einen lästigen Brodverzehrer los zu werden und vielleicht unschädlich gemacht zu sehen, und zeigte sich jetzt augenblicklich bereit, Tolmer zu der Stelle hinzuführen, an der er die bestimmten Lebensmittel für den Buschrähndscher verbergen sollte.
Rasch hatte er alles Nöthige zusammengepackt und wanderte jetzt mit den Polizeileuten in den Busch hinein, etwa vier- oder fünfhundert Schritt von der Hütte, wo eine kleine Lichtung lag. Es standen dort nur wenige Bäume, dicht daran grenzte aber ein Dickicht, und der Platz war in sofern vortrefflich ausgesucht, als der Flüchtling, von den Büschen gedeckt, unbemerkt herankommen und leicht übersehen konnte, ob ihm in der Nähe irgend eine Gefahr drohe.
Tolmer beschloß ohne Weiteres auf ihn zu warten, denn es war augenscheinlich, daß der Buschrähndscher hier in der Nähe keine andere Stelle hatte, an der er Nahrungsmittel zu bekommen wußte. Er ließ deshalb die Speisen so hinstellen, daß sie der Anschleichende von Weitem sehen konnte, und verbarg dann seine Leute dem Dickicht gegenüber hinter Bäumen und eingesteckten Büschen, so gut das irgend gehen wollte. Außerdem gab er ihnen bestimmte Ordre, den Flüchtling erst vollständig herauszulassen und nur im äußersten Nothfall auf ihn zu schießen, da er ihn lebendig zu fangen wünschte.
Er selbst legte sich hinter die Wurzel eines umgestürzten Gumbaumes, der Stelle gerade gegenüber, die er für den wahrscheinlichsten Wechsel des Räubers hielt, und erwartete nun geduldig dessen Nahen.
Der Hutkeeper war wieder in die Hütte zurückgeschickt, und sehr zufrieden mit der Aussicht, von einer Nachbarschaft befreit zu werden, die ihm mit der Zeit nur verderblich werden mußte.
Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein; er hatte sein Brodbacken lange beendigt, die Laibe auf dem an der Wand stehenden Tisch aufgestellt, seine Hütte nothdürftig ein wenig ausgekehrt, und lag jetzt auf einer alten wollenen Decke behaglich ausgestreckt am Feuer, das langweilige Buschleben in Australien verwünschend, als er draußen vor der Hütte einen Schritt hörte.
»Haben sie ihn schon?« dachte er bei sich, als er rasch den Kopf der Thür zudrehte – draußen stand Jemand, aber er öffnete nicht. »Wer ist da?« rief der junge Bursche, von seiner Decke emporspringend, aber er sollte nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon im nächsten Augenblick ging die Thür auf und – der Buschrähndscher stand auf der Schwelle.
»Hallo, Jim, wie geht's?« sagte der Mann, indem er einen gierigen Blick nach dem Brod hinüber warf – »habt wieder einen hübschen Vorrath eingelegt. Das ist recht – wollte nur noch einmal nachfragen, ob Ihr meinen Wunsch nicht vergessen hättet, da die Luft noch rein ist – schaute nur erst einmal durch die Ritzen, ob Ihr allein wäret.«
»Wer soll einen hier in dem blutigen Busch besuchen?« sagte der junge Bursch, der fühlte, daß er erblaßt sein mußte, und sich rasch zum Feuer niederbog, seine Bewegung zu verbergen.
»Nun,« lachte der Buschrähndscher, »gelt ich nicht als Besuch? Aber das ist brav – rückt den Theetopf zum Feuer, und laßt mich 'was Warmes haben. Ich bin so ein wenig in Eile und möchte wieder fort.«
Er war wieder zur Thür gegangen, neben der er seine Muskete an die Wand lehnte, und sah durch die Spalten derselben in's Freie.
»Doppelte Portionen?« sagte Jim, der sich indessen wieder gesammelt hatte. »Erst laßt Ihr Euch Euer Essen in den Busch tragen, weil's Euch nicht gefällig ist, es hier zu verzehren, und dann kommt Ihr auch noch hierher um eine andere Mahlzeit. Zum Henker auch, Mate, Ihr wißt doch eben so gut wie ich, daß wir hier im Busch nicht aus dem großen Sack leben, sondern vom Master unsere bestimmten Rationen bekommen, mit denen wir haushalten müssen. Sind die verzehrt, wo hernehmen und nicht stehlen?«
»Nur nicht hitzig, Mate,« sagte der Buschrähndscher, während er sich ruhig an den Tisch setzte, ein Stück von dem frischen Damper abschnitt und sich den Teller herüberzog, auf dem noch einige Scheiben kaltes Hammelfleisch lagen. »Ihr habt doch nicht heute schon das Brod hinausgeschafft?«
»Gewiß hab' ich,« sagte der Hutkeeper. »Es liegt an der Stelle, die Ihr mir gestern angegeben, und Fleisch dazu und ein Becher Thee.«
»Hm,« meinte der Buschrähndscher, mit vollen Backen dabei kauend – »das mit dem Thee ist unbequem. Da, füllt mir einmal das kleine Säckchen mit trockenem Thee – einen Becher hab' ich selbst, und will ihn mir dann lieber draußen kochen. Hier ist auch ein Beutel für Zucker, bin gerade jetzt ein wenig knapp mit Provisionen.«
»Und die Provisionen draußen?« frug Jim Riddle, der unschlüssig die ihm überreichten kleinen Leinwandsäcke in der Hand behielt.
»Die nehme ich auf dem Rückweg mit,« sagte Mulligan vollkommen kaltblütig, »macht Euch keine Sorge deshalb, Mate, gegessen wird's und ich weiß, Ihr gebt's gern, wenn Ihr auch jetzt ein verdammt albernes Gesicht dazu schneidet. Aber eilt Euch ein wenig, ich habe weder Lust noch Zeit, mich hier eine Stunde zu Euch herzusetzen.«
Jim wußte wirklich nicht gleich, was er thun sollte. Draußen lagen die Polizeileute auf der Lauer und hier saß der Bursche bei ihm in der Hütte so behaglich und daheim, als ob er der Stations-Eigenthümer wäre und nur eben einmal, auf Besuch, seine Heerden revidiren wolle. Böse durfte er ihn aber auch nicht machen, und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab, was that's? ging er doch dann hinaus, sich die anderen Lebensmittel abzuholen, und mußte dann jedenfalls der Polizei in die Hände fallen – nachher bekam er Alles wieder. Zeit war's aber in der That, daß dem frechen Gesellen das Handwerk einmal gelegt würde.
Der Buschrähndscher blieb indessen nicht ruhig am Tische sitzen, sondern warf immer dann und wann einmal wieder einen Blick hinaus, ob die Luft noch rein sei, beendete aber nichtsdestoweniger in aller Ruhe seine Mahlzeit und erst, als Jim ihm das Verlangte in die Leinwandbeutel gegeben hatte, sagte er:
»So, dank' Euch Mate, und zum Beweis, daß ich es gut mit Euch meine, noch eine Warnung. Es sind nämlich von drüben eine Anzahl von Spionen herübergekommen, die sich hier um lauter Sachen bekümmern, die sie nichts angehen. Wenn sie hier zu Euch kommen sollten, versteht Ihr mich, so wißt Ihr nicht, daß ich auf der Welt bin. Soll ich Euch deutlicher sagen, was ich meine?«
»Dank' Euch, das thut's,« entgegnete mürrisch der junge Bursch.
»Es freut mich, daß Ihr so rasch begreift,« sagte Mulligan. »Ihr seid gefällig gegen mich gewesen, und es wäre mir unangenehm, wenn ich Euch ein Leides thun müßte. Fangen thun sie mich doch nicht, und wenn sie die Insel wieder verlassen haben, sind wir Beide immer noch zusammen.«
Er war wieder aufgestanden, steckte das Erhaltene ohne Weiteres vorn in sein Buschhemd, nahm seine Muskete auf und trat in die Thür.
»Merkwürdig schwüle Luft heute,« sagte er, indem er erst nach dem Himmel hinauf und dann auf den Hutkeeper sah. »Ihr seid auch verdammt still heute, Mate. Ich glaube beinahe, Ihr seid krank, denn Ihr seht käseweiß im Gesicht aus.«
»Ich? – mir fehlt nichts,« erwiderte der Hutkeeper, der um Alles in der Welt den Buschrähndscher nicht mochte merken lassen, was in ihm vorging.
»Ich will Euch was sagen, Mate,« bemerkte dieser nach einer kleinen Weile, in der er ihn scharf und mißtrauisch beobachtet hatte, »ein kurzer Spaziergang wird Euch gut thun. Wie wär's, wenn Ihr mich ein Stück begleitetet, nur bis dorthin, wo das Essen liegt?«
»Ich kann die Hütte nicht verlassen,« rief der junge Bursch, unwillkürlich drehte er sich aber nach dem Buschrähndscher um – hatte dieser Verdacht geschöpft?
John Mulligan fing den Blick auf und fühlte im Nu, daß hier nicht Alles in Ordnung sei. Gewohnt aber, jeder Gefahr kaltblütig zu begegnen, und neu gestärkt von der tüchtigen Mahlzeit, die er gehalten, ließ er sich nichts merken, sondern sagte nur gleichgültig:
»Ich weiß jetzt wahrhaftig gar nicht mehr, welchen Platz ich Euch für die Provisionen bestimmt hatte. Zeigt mir nur die Stelle; die Verantwortlichkeit, Euere Hütte verlassen zu haben, nehm' ich auf mich.«
»Ihr habt gut auf Euch nehmen,« brummte Jim.
»Weshalb ist es Euch denn auf einmal so fatal, mit mir zu gehen, he?« frug da der Buschrähndscher, ihn scharf fixirend.
»Fatal? – gar nicht,« sagte Jim, anscheinend gleichgültig, denn er durfte den Menschen nicht mißtrauisch machen. »Meinetwegen, wenn Euch ein Gefalle damit geschieht. Aber dann kommt auch, daß ich bald wieder zurück sein kann.«
»Erwartet Ihr Besuch?«
»Ja, den Schäfer und seinen Hund,« brummte Jim, »das ist der ganze blutige Besuch, den man hier in der Wildniß erwarten kann.« Und mit den Worten seinen alten Strohhut aufgreifend, schritt er der Thür zu, den Buschrähndscher, wie er es verlangte, zu begleiten.
Jim hatte dabei aber auch seinen eigenen Plan entworfen. Die Sache war zu einer Krisis gediehen, und in wenigen Minuten wußte der Räuber, daß er von ihm verrathen worden. Jetzt galt es deshalb, ihn unschädlich zu machen, und selber von derber Körperkraft, wenn auch John Mulligan im Einzelkampfe vielleicht nicht gewachsen, wollte er jedenfalls das Seinige dazu beitragen, ihn fest zu bekommen. Dicht neben dem Buschrähndscher schritt er deshalb hin, sobald sie den im Hinterhalte liegenden Polizeileuten nahe genug kämen, ihn zu fassen. So lange, bis er Hülfe bekam, wußte er recht gut, daß er ihn halten konnte. John Mulligan hatte aber einmal Verdacht geschöpft und war nicht so leicht überlistet. Wie sie deshalb ein Stück vom Hause fort sich dem Busche näherten, sagte er.
»Wißt Ihr was, Mate, geht Ihr voran. Ihr kennt den Weg besser.«
»Und Ihr mit dem geladenen Gewehre hinterdrein?« entgegnete der Hutkeeper, dem der Vorschlag nicht im Mindesten gefiel.
»Ich thu' Euch nichts, habt keine Angst,« lachte der Buschrähndscher, aber jetzt schon mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Ihr seid ja mein Freund, versteht Ihr, und bis ich nicht Beweise vom Gegentheil erhalte, habt Ihr nichts zu fürchten. – Nun? – wird's bald?«
Jim Riddle mochte sich nicht widersetzen, denn sie waren noch zu weit von Hülfe entfernt. Mürrisch steckte er deshalb die Hände in die Taschen und schlenderte voraus. Aufmerksam aber spähte er dabei überall umher, ob er noch keinen der ausgelegten Posten erkennen könne – sie mußten jetzt in deren Nähe sein.
John Mulligan gebrauchte indessen ebenfalls seine Augen, denn das ganze Benehmen seines Führers fiel ihm auf. Er konnte aber nirgends etwas Verdächtiges oder Außergewöhnliches erkennen – und doch lag einer der Polizisten jetzt kaum etwa funfzig Schritt von ihm entfernt auf dem Bauche, horchte den nahenden Schritten und wunderte sich, wer in aller Welt von der Richtung her zu ihnen kommen könne.
Jim Riddle sah jetzt den umgestürzten Gumbaum, an dessen Wurzel er den Anführer der Polizei versteckt wußte. Weiter durfte er nicht vor dem geladenen Gewehre des gefährlichen Burschen an die Fremden herangehen, denn wer wußte, ob er ihn nicht gerade aus Wuth und Rache am allerersten niedergeschossen hätte. Er blieb stehen und sich halb trotzig, halb mürrisch gegen den Buschrähndscher wendend, sagte er:
»Da, dort drüben ist der Platz; jetzt könnt Ihr ihn allein finden; überhaupt denk' ich, daß Ihr im Busche besser Bescheid wißt, wie ich.«
»Das könnte sein, mein Bursche,« flüsterte der Buschrähndscher, die Worte aber, die er sprach, selber nicht beachtend. Sein Blick hing an einem Gumbusche, der so nicht gewachsen war, wie er da halb umgefallen stand, und dicht daneben lag ein dunkler Fleck, aus dem er ebenfalls nicht klug werden konnte. So nur den Arm gegen den Hutkeeper ausstreckend, ohne sein Auge von dem verdächtigen Gegenstande abzuwenden, fuhr er fort: »Halt, bleibt einen Augenblick hier, Jimmy. Seht einmal, was ist das dort drüben, Camerad?«
Jim Riddle warf einen Blick dort hinüber. Der Buschrähndscher hatte Verdacht geschöpft, und das war vielleicht der letzte ihm gegebene Moment, den Verbrecher zu fassen und sich selbst vor seiner Rache zu schützen.
»Wo?« fragte er und trat dicht an den Räuber heran.
»Dort drü–«
Er beendete seine Worte nicht, denn Jim, im Triebe der Selbsterhaltung, warf sich auf ihn, ergriff mit der einen Hand die Muskete, mit dem anderen Arme umschlang er den von ihm Abprallenden und stieß dazu ein gellendes Hülfegeschrei aus.
Tolmer hatte indessen von da, wo er lag, die Beiden kommen sehen und ahnte leicht den Zusammenhang, war aber auch nicht im Stande, irgend etwas Anderes zu thun, als still und regungslos liegen zu bleiben. Er wußte recht gut, daß der Buschrähndscher augenblicklich einen Hinterhalt vermuthen würde, so wie er das Geringste sich bewegen sähe, und seine einzige Aussicht auf Erfolg war, ihn so nahe als irgend möglich herankommen zu lassen. Einmal erst nur an den Außenposten vorbei, und er konnte ihnen doch nicht mehr entgehen.
Der schlaue Buschrähndscher ließ sich aber nicht so leicht überlisten, und nur erst der drohende und verzweifelte Angriff des Hutkeeper's schien alle seine Vorsicht unnütz gemacht zu haben.
Bei dem Hülfeschreien desselben sprangen nämlich die versteckten Polizeisoldaten fast zugleich aus ihrem Hinterhalte in die Höhe. Tolmer selbst lief, was er laufen konnte, der Stelle zu, wo Jim Riddle sich an den Buschrähndscher angeklammert hatte und dieser ihn vergebens von seinen Füßen und auf die Erde zu bringen suchte. Dem Sträfling lag vor allen Dingen daran, sein Gewehr frei zu bekommen, und in der ersten Ueberraschung des Angriffs hatte er nicht einmal die von allen Seiten auftauchenden Feinde bemerkt. Ein einziger Blick auf die herbeispringenden Gestalten genügte aber, ihm die ganze Gefahr seiner Lage zu verrathen, und mit einem wilden Fluge den Hutkeeper mit der Faust gegen die Stirn schlagend, daß dieser halb betäubt in seinem Griffe nachließ, gelang es ihm wenigstens, sich von dem ihn umklammernden Arme für einen Augenblick frei zu machen – aber das Gewehr ließ Jim nicht los.
Wieder führte der Buschrähndscher einen wilden Hieb nach den Schläfen des jungen Burschen, der ihm hätte verderblich werden können. Jim aber verstand genug von der edeln Kunst der »Selbstvertheidigung«, den Schlag zu pariren, und rechts und links sprangen jetzt die Feinde herbei, ihm den Weg nach beiden Seiten abzuschneiden. Er mußte fliehen, und während er die Muskete losließ und Jim, der mit aller Kraft daran zog, hinten überstürzte, sprang der Buschrähndscher schräg ab den nächsten Bäumen zu, die er in wenigen Sätzen erreichte und nun zwischen sich und seinen Verfolgern behielt, um vor ihren Kugeln geschützt zu sein.
»Feuer!« schrie Tolmer, der für einen erfolgreichen Schrotschuß noch zu weit entfernt war, »Feuer!«
Die Polizeisoldaten hatten bis jetzt nicht schießen dürfen, da sie eben so leicht den Buschrähndscher, wie den Hutkeeper treffen konnten. Jetzt, da sie Beide getrennt sahen, sprangen sie zur Seite, freies Ziel auf den Flüchtigen zu bekommen, und zwei oder drei Kugeln knallten hinter ihm drein. Einmal war es, als ob er getroffen wäre. Er »zeichnete«, wie die Jäger sagen, aber es war nur ein Moment; im nächsten Augenblicke warf er sich in ein dickes Gebüsch, das ihn vollständig verbarg, und alles weitere Suchen dort nach ihm blieb erfolglos. Er war und blieb verschwunden.
Wohl hatte ihn Jim, da er ihm die Waffe entrissen, für den Augenblick unschädlich gemacht, aber wie leicht konnte sich der verwegene Mensch eine andere Flinte verschaffen, und daß er dann an dem armen Teufel von Hutkeeper Rache nehmen würde, war gewiß. Jim Riddle stand auch, wie er das Resultat erfuhr, rathlos und sich hinter dem Ohr kratzend neben dem erbeuteten Gewehr und meinte:
»Na ja, da haben wir die Geschichte, gerade wie ich's mir gedacht. Ich sollt' Euch die Kastanien aus dem Feuer holen und verbrenne mir die Pfoten dabei, und jetzt sitz' ich da und kann mich freuen. Gehangen will ich aber werden, wenn ich eine einzige blutige Stunde in dem Neste hier noch allein sitzen bleibe, daß mich der Hallunke eines Morgens an meinem eigenen Feuer über den Haufen schießt, wie ein Opossum, und entweder laßt Ihr mir Wache hier, bis Ihr ihn fest habt, oder ich bin mit von der Partie und fahre nach Adelaide hinüber.«
Jim Riddle beharrte auch auf seinem Vorsatz, und da Tolmer selbst einsah, daß es gut sein würde, die Hütte bewacht zu halten, da Mulligan, wenn sie ihn wirklich nicht fänden, recht gut hierher zurückkommen könne, sich zu rächen, so beschloß er, einen Mann hier zu lassen. Sehr erwünscht kam ihm dabei das Anerbieten des Matrosen, bei dem Hutkeeper auszuhalten, bis sie ihn wieder abholen würden. Der Seemann hatte das Herumkriechen im Busche schon lange satt bekommen und die Ruhe war ihm ganz erwünscht. Durch das Gewehr des Buschrähndschers waren sie auch bewaffnet; Tolmer ließ ihnen Pulver und Blei dazu da und ging dann mit seinem kleinen Trupp ernstlich daran, die Verfolgung des Flüchtlings mit allen Kräften aufzunehmen.
Eine Strecke konnten sie ihn dort, wo er in die Dornen hineingebrochen war, spüren und an den grünen Stachelblättern fanden sie sogar an zwei Stellen ein paar Tropfen Blut, aber nichts weiter. So wie er den mehr offenen Wald erreicht hatte, war auf dem harten Boden kein Eindruck mehr zu erkennen und vergebens suchten sie den Busch bis zur völligen Dunkelheit nach allen Richtungen hin ab.
Todesmüde lagerte die kleine Schaar endlich an einem Wasserloche, das sie mitten in einem Dickicht fanden, und zehrte von den mitgebrachten Provisionen, am nächsten Morgen die Jagd von Neuem aufzunehmen. Aber auch der nächste Tag brachte kein besseres Resultat und Tolmer behielt jetzt nur die Hoffnung, daß sie den Buschrähndscher vielleicht dem anderen Trupp unter Borris in die Hände trieben. Mulligan konnte natürlich nicht wissen, daß er zwei Parteien auf seinen Fersen habe.
Die Leute bekamen den entsetzlichen Busch an dem Tage herzlich satt und Einer oder der Andere versuchte schon die Andeutung, daß der Schooner wahrscheinlich jetzt von Adelaide zurück sein und auf sie warten würde. Tolmer blieb aber unerbittlich und wollte von dem Schooner und einem Aufgeben seines Planes nichts wissen.
Am dritten Tage Morgens passirten sie, einem kleinen Buschpfade folgend, der nach der Küste zuführte, wieder ein Wasserloch, und hier fanden sie die ersten Spuren des flüchtigen Sträflings wieder. Er hatte dort getrunken. Deutlich konnten sie am Rande der Pfütze die Eindrücke seiner Kniee und Hände erkennen, und dicht daneben lag ein kleiner blutbenetzter baumwollener Lappen. Er war also jedenfalls, wenn auch nur leicht, von einer der ihm nachgesandten Kugeln verwundet worden, und wenn sie ihn jetzt ohne Gewehr wieder antrafen, konnte er ihnen kaum mehr entgehen.
So sehr sie das ermuthigte, in ihren Nachforschungen nicht zu ermatten, so sehr fühlte sich Tolmer selber bald gehindert, die Verfolgung mit dem alten Eifer fortzusetzen. Er hatte nämlich am Morgen in einen scharfen Dorn getreten, und wenn er es auch im Anfange nicht besonders achtete, verschlimmerte sich die Wunde durch die Anstrengung und den Staub mit jeder Stunde dermaßen, daß er zuletzt kaum noch von der Stelle konnte.
In dem Pfade, den sie jetzt verfolgten, hatten sie noch mehrmals des Buschrähndschers Fußspur gefunden, und Tolmer hinkte, auf den Arm eines seiner Leute gestützt, mit, so gut er konnte, bis sie endlich in Sicht der Küste kamen und hier eine kleine, ordentlich von Stämmen hergerichtete Hütte, eine Art Blockhaus, fanden. Sie war allerdings nicht bewohnt; Tolmer konnte aber nicht mehr weiter, und wie er von seinen danach ausgeschickten Leuten hörte, daß Mulligan's Spur hier und da im Sande zu erkennen sei und der Sträfling sich jedenfalls, um den bösen Dornen des Inneren zu entgehen, hierher gewandt habe, seine Flucht desto rascher nach einem entfernteren Theile der Insel fortsetzen zu können, beschloß er, hier ein paar Stunden zu rasten und seine Leute allein nach ihm auszuschicken.
Hatten sie bis Nachmittag um drei Uhr nichts weiter von ihm gefunden, so sollte Einer von ihnen dem Strande folgen, um Borris und die Uebrigen anzutreffen und herbeizuholen, und die Anderen zu ihm zurückkehren.
Die Leute wollten Tolmer mit dem bösen Fuße nicht allein lassen, er schickte sie aber fort. Wasser floß in der Nähe und er konnte die Zeit dann benutzen, seinen Fuß ordentlich auszuwaschen und zu verbinden. – Er hatte sich aber zu viel zugemuthet. Als er in die Hütte trat und seine Decke dort auf ein leeres Bettgestell warf, überkam ihn eine ganz ungewohnte Schwäche; der Kopf schwindelte ihm und er behielt eben noch Zeit, seine Flinte an die Wand zu lehnen und sich auf der Decke auszustrecken – dann vergingen ihm die Sinne und er fiel in einen bewußtlosen Zustand, der mehrere Stunden gedauert haben mußte.
Wie er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und er ging jetzt ernstlich daran, nach seinem Fuß zu sehen und ihn zu verbinden. Dann wollte er sich einen Becher Thee kochen, aber er fühlte sich noch zu matt, legte sich deshalb wieder auf das Lager und sah träumend zu dem Dach der Hütte hinauf, bis ihm die Augenlider zusanken und er in einen leichten, stärkenden Schlaf fiel. Bei seinem Erwachen stand ihm eine Ueberraschung bevor.
Es war ihm, als ob er seinen Namen aussprechen höre, und wie er, die Augen halb geöffnet, unwillkürlich und ohne den Kopf zu wenden, einen Blick nach der Thür warf, erkannte er dort die Gestalt eines Mannes, die den Eingang verdunkelte.
Das Herz hörte ihm auf zu schlagen, aber der nächste Augenblick rief ihn auch schon wieder zu voller Thätigkeit.
»Mr. Tolmer,« sagte die Stimme, und während er sich jetzt ganz langsam, keinen Schreck zu verrathen, emporrichtete, sah er den Buschrähndscher John Mulligan in der Thür stehen, seine eigene scharf geladene Doppelflinte in der Hand, die Hähne gespannt und die Läufe auf ihn gerichtet. Er hatte leichtsinniger Weise, als er sich wieder auf's Bett warf, die Waffe neben der Thür stehen lassen, und sein Leben war in diesem Augenblick in den Händen des Verbrechers und hing an dem Druck seines Zeigefingers.
»So, Mulligan,« sagte Tolmer, mit voller Geistesgegenwart die Gefahr überschauend, in der er sich befand, indem er die Beine von dem Bettgestell herunterließ, ohne jedoch aufzustehen – »haben wir Euch endlich? Den langen Marsch im Busch hättet Ihr Euch und uns ersparen können, denn das Ihr nicht fortkämt, sobald wir nur erst einmal auf Eurer warmen Fährte waren, mußtet Ihr wissen.«
»Ihr habt mich?« sagte der Flüchtling, indem ein hämisches Lächeln über seine bleichen Züge flog, »wäre nicht übel. Ihr seid in meiner Gewalt, Tolmer, und was hindert mich, mit einem Fingerdruck Euch Alles abzuzahlen, was Ihr mir schon in diesem Leben angethan?«
»Die Furcht vor dem Galgen, Mulligan,« sagte Tolmer, ohne eine Miene zu verziehen, »obgleich Ihr dem doch schwerlich entlaufen werdet. Aber habt Ihr mich wirklich für so blödsinnig gehalten, Euch ein geladenes Gewehr dort an die Thür zu stellen, und mich in die andere Ecke auf's Bett zu legen? Die List war plump genug, aber sie ist doch geglückt.«
»Was meint Ihr damit?« rief der Buschrähndscher, das Gewehr fester packend und einen scheuen Blick zurück über die Schulter werfend.
»Was ich damit meine?« sagte Tolmer ruhig, indem er ein Bein über das andere legte, »daß Ihr umstellt seid, und ich hier nur auf dieser Pfeife einen einzigen Pfiff zu thun brauche, um meine neun Mann da zu haben. Fort könnt Ihr nicht mehr. Herein haben sie Euch gelassen, hinaus kommt Ihr nicht, und ich hatte mich doch nicht geirrt, als ich mir dachte, Ihr würdet der Lockung nicht widerstehen können, ein Gewehr auf einen schlafenden Menschen anzulegen.«
»Mr. Tolmer,« sagte Mulligan finster, »Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Euch geweckt habe. Es lag in meiner Macht, Euch eine Kugel durch's Hirn zu schießen.«
»Aus dem leeren Gewehr?« lachte Tolmer. »Es stecken nur Zündhütchen darauf, daß es besser aussieht. Aber hört mich, Mulligan,« fuhr er plötzlich, als der Buschrähndscher das Gewehr mißtrauisch betrachtete und nicht übel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen, ernster und mit einem mehr theilnehmenden Ton fort: »Noch sind wir unter uns. So viel ich weiß, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur Last gelegt worden, als die gelegentliche Erpressung von Provisionen, die mit der Noth entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein Blut vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschrähndscher, steht Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahr geschärfte Ueberwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und ich werde Euch durch meine Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, so lange Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.«
Mulligan sah ihn an und zögerte.
»Soll ich das Zeichen geben?« frug Tolmer, »daß meine Leute Euch mit der Waffe in der Hand ertappen?«
»Sie haben Recht, Mr. Tolmer,« sagte der Mann, dem die Ruhe des Polizeioffiziers imponirte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in seiner Gewalt geglaubt, mußte wirklich Hülfe in seiner unmittelbaren Nähe haben, er wäre sonst wenigstens vor seinem Erscheinen erschreckt, oder hätte sich in anderer Weise verrathen – und mit den Worten lehnte er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber brachte jetzt seine Hand langsam unter den Rock, der Brusttasche zu, wo er ein geladenes Pistol stecken hatte. Jetzt fühlte er sich sicher, denn er war im Stande, dieses zu ziehen und abzudrücken, ehe der Buschrähndscher das Gewehr wieder aufgreifen konnte.
»So – ich sehe, Ihr seid vernünftig,« sagte er ruhig, ohne jedoch die Waffe hervorzuziehen oder im Mindesten zu verrathen, daß er sich nicht vollkommen sicher fühle, »aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan. War denn das nun der Mühe werth, daß Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um ein solches Hundeleben im Busch zu führen?«
»Es ist ein Hundeleben,« knirschte der Mann leise vor sich hin, »und ein Hund möcht's nicht länger führen. Gehetzt wie ein Dingo,[7] von den Cameraden verrathen, fortwährend nur auf der Wacht, das elende Leben in Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht länger führen; nehmen Sie mich mit nach der Colonie hinüber; Mr. Tolmer. Ich habe das wilde Treiben satt und übersatt.«
»Jetzt sprecht Ihr wie ein vernünftiger Mensch,« sagte Tolmer, von seinem Bett aufstehend. Er vergaß fast, daß er einen wunden Fuß hatte, in solcher Aufregung befand er sich, sein Gewehr nur erst wieder einmal in Händen zu haben. Wer stand ihm dafür, daß den Buschrähndscher nicht in der nächsten Minute schon seine Unterwerfung gereute? »Ihr sollt auch unterwegs ordentlich behandelt werden – wenn Ihr mir nämlich versprecht, Euch auch ordentlich zu betragen.«
Er ging dicht zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie aber zu berühren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wußte er, daß der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, seinen Vortheil rasch genug benutzen würde. Außerdem konnte er nicht einmal hart auf seinen Fuß auftreten, und wäre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich unterlegen. Nicht ein Laut rührte sich draußen; seine Leute waren vielleicht noch meilenweit entfernt.
»Aber die – Anderen sind noch draußen im Busch,« sagte der Sträfling endlich nach einigem Zögern.
»Keiner mehr, Mulligan,« erwiderte Tolmer ruhig, »wir haben sie Alle.«
»Alle?« rief Mulligan erstaunt aus.
»Alle mit einander – d. h. fünf und den Matrosen, der noch bei Euch war – ich weiß nicht, ob noch mehr im Busch herum liegen.«
»Nicht mehr wie die,« sagte kopfschüttelnd der Sträfling, »es müßten denn ganz kürzlich frische herüber gekommen sein, die ich noch nicht gesehen hätte.«
»Also habt Ihr mir weiter nichts zu sagen,« frug jetzt Tolmer, indem er die Pfeife in die Hand nahm, als ob er das Zeichen geben wolle, »und kann ich meine Leute jetzt rufen?«
»Nichts weiter, Mr. Tolmer,« sagte Mulligan fast demüthig, »aber Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht das geringste Böse gegen Sie im Sinne gehabt.«
»Darauf gebe ich Euch mein Wort,« versprach ihm der Polizeimann, indem er jetzt langsam den Arm nach dem Gewehr ausstreckte und es an sich nahm. Ein Blick auf das Schloß versicherte ihn, daß die Zündhütchen noch darauf und zum Gebrauch bereit seien, und jetzt erst, als er ein paar Schritte von dem Flüchtling sich entfernte und das Gewehr gegen ihn hielt, war es, als ob eine Centnerlast von seinem Herzen gewälzt wäre. Er holte aus voller Brust Athem und sagte dann, während ihn Mulligan erstaunt betrachtete:
»Jetzt seid so gut, Mate, und geht einmal dort in die Ecke des Hauses – dort hinüber, meine ich, ein Stück von der Thür fort.«
Der Buschrähndscher zögerte – eine Ahnung, daß er sich habe überlisten lassen, schien in ihm aufzusteigen.
»Geht dort in die Ecke, John,« sagte Tolmer, aber mit fester Stimme, »ich möchte Euch nicht gern ein Leides thun, aber ich muß es, wenn Ihr die geringste Bewegung zur Flucht oder zum Widerstande macht.«
»Teufel,« zischte der Buschrähndscher leise vor sich hin, »so war das Alles nicht wahr, was Ihr mir da gesagt?«
»Kein Wort davon, John,« lachte Tolmer, das Gewehr fest dabei im Anschlag, »nur das Versprechen, das ich Euch gegeben, halt' ich. Was ich zu Eueren Gunsten aussagen kann, soll geschehen.«
»Und Ihre Leute?«
»Suchen Euch draußen am Strande oder in den Känguruhdornen, Gott weiß, wo – aber sie kommen hierher zurück, und bis dahin muß ich freilich Posten bei Euch stehen.«
Der Buschrähndscher drehte sich ab, ging in die Ecke, setzte sich auf den Boden nieder und drückte sein Gesicht in Scham und Ingrimm auf die Kniee.
Tolmer dauerte der arme Teufel, und er sagte freundlich:
»Seid guten Muthes, John, die Sache kann noch besser werden, wie Ihr jetzt glaubt. Wenn Ihr Euch vollkommen ruhig verhaltet, bis meine Leute kommen, und nicht den geringsten Widerstand leistet, will ich annehmen, daß Ihr Alles gewußt und Euch mir freiwillig gestellt habt. Ihr werdet verstehen, daß Euch das beim Gouverneur hoch angerechnet würde.«
»Und wollten Sie das wirklich thun, Mr. Tolmer?« sagte Mulligan, rasch den Kopf hebend.
»Ich habe es Euch freiwillig zugesagt.«
»Dank Ihnen, Sir,« sagte der Mann aus vollem Herzen, »Menschenkräfte hätten's auch nicht länger ausgehalten. Seit zwei Tagen habe ich keinen Bissen, einen Trunk Wasser ausgenommen, über die Lippen gebracht, und mit einem Streifschuß an der Schulter, gestern den ganzen Tag im Wundfieber durch die Dornen brechen müssen. Das Gefängniß selber ist eine Wohlthat gegen ein solches Dasein.«
»Aber warum habt Ihr Euch nicht lange wieder gestellt?«
»Die Freiheit,« stöhnte der Mann, »die Freiheit! Ihr, die Ihr da draußen noch nie hinter den Eisenstäben gesessen, noch nie gehört habt, wie es klingt, wenn die Riegel hinter Einem zugeschoben werden, wißt gar nicht, was es ist, ein freier Mensch zu sein.«
Er sank mit den Worten wieder in seine frühere Stellung zurück, und Tolmer, der sich jetzt ziemlich sicher fühlte, daß er für den Augenblick keinen weiteren Fluchtversuch von seinem Gefangenen zu fürchten habe, ging an das Bettgestell, nahm das Brod und Fleisch, das er noch dort liegen hatte, und brachte es Mulligan.
Im Anfang wollte er es nicht anrühren; aber nicht lange konnte er es neben sich liegen sehen. Sein kräftiger und jetzt bis zum Tod erschöpfter Körper forderte Nahrung, und wie er nur einmal den ersten Bissen gekostet, schlang er das Uebrige rasch und gierig hinunter.
Eine volle Stunde mußte Tolmer noch warten, ehe die Seinen von ihrem natürlich erfolglosen Streifzug zurückkehrten. Sie hatten aber dabei ihre übrigen Gefährten getroffen, die eben im Begriff gewesen waren, den Schooner, als den ihnen von Tolmer selber bezeichneten Sammelplatz, wieder aufzusuchen.
Borris war übrigens nicht wenig erstaunt, John Mulligan in Tolmer's Gesellschaft zu finden, und das Unwahrscheinlichste von Allem war ihm, daß sich der Buschrähndscher freiwillig gestellt haben sollte. Tolmer aber erklärte es in Mulligan's Gegenwart, und als er noch die Wunde des Gefangenen hatte sehen lassen und indessen von der nächsten Station ein Pferd für ihn selber herbeigeholt war, denn mit seinem wunden Fuß hätte er die Strecke nicht mehr marschiren können, setzte sich der kleine Zug in Bewegung.
Ein nach Jim Riddle's Hütte geschickter Bote holte indessen den Matrosen von dort ab, brachte aber auch Jim mit, der sich selber überzeugen wollte, ob sein »Freund«, der Buschrähndscher, wirklich in sicherem Gewahrsam sei und ihm keinen unverhofften Besuch mehr abstatten könne. Nur unter dieser Bedingung wollte er länger auf Känguruh-Eiland bleiben.
Gerade der Stelle gegenüber, wo der Schooner, der Polizeimannschaft harrend, vor Anker lag, stieg Tolmer vom Pferde. Sie hatten das Zeichen gegeben, daß das Boot herüber kommen solle, sie abzuholen, und Tolmer, der noch die alten Schüsse in seinem Gewehr stecken hatte, wollte diese herausschießen, es frisch zu laden. Er trat einem dickstämmigen Gumbaum gegenüber – John Mulligan, von vier Polizeileuten bewacht, stand neben ihm – zielte bedächtig und drückte ab. Klapp, versagte das rechte – klapp, das linke Rohr.
Tolmer drehte sich langsam nach John Mulligan um, und Beider Blicke begegneten sich, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort. Der Polizeisergeant setzte ruhig frische Zündhütchen auf, drehte sich wieder dem Baume zu und feuerte beide Rohre scharf hintereinander in den alten Gumstamm hinein, daß die Rehposten klappernd darauf schlugen.
Eine Stunde später hatte der Schooner seine sämmtlichen Passagiere an Bord; der Anker wurde gelichtet, und das kleine Fahrzeug segelte mit günstigem Winde nach dem nicht fernen australischen Continent hinüber.
2. Die Flucht.
In Lyndock Valley, nördlich von Adelaide, arbeitete ein Gang von Sträflingen in Ketten.
Rechts an der Straße, wenn man dem damals noch wenig begangenen Weg von Adelaide aus folgte, stand ein hoher Pallisadenzaun, fest eingerammt mit scharfen Spitzen und oben noch mit drohend umgeschlagenen Nägeln verwahrt, über den nur hie und da einzelne aus unbehauenen Steinen zusammengesetzte Schornsteine emporragten. Diese gehörten zu gewöhnlichen Rindenhütten, in denen die Deportirten, wenn sie ihr Tagwerk vollbracht und Abends ihr Mahl gekocht und verzehrt hatten, Nachts unter strenger Wacht gehalten wurden, bis sie die Sonne zu neuer Arbeit rief.
Es war das eine Abtheilung von Leuten, die unter verschärfter Strafe stand. Theils hatten sie sich Widersetzlichkeit, theils andere Vergehen zu Schulden kommen lassen, theils waren sie sogar entwichen und wieder eingefangen worden, und die Letzteren besonders büßten ihr Verlangen nach Freiheit durch massive Ketten, an denen sie schwere Kugeln bei jedem Schritt nachschleppen mußten.
Wüstes verwildertes Volk waren die Meisten; in Sünden und Verbrechen aufgewachsen und seit ihrer Strafzeit noch außerdem dem Abschaum der Menschheit beigesellt, in dem sie sich auch nur wohl und behaglich fühlen konnten. Jetzt freilich war der alte Trotz gebrochen und so zügelloser, gotteslästerlicher und obscöner Sprache sie sich auch untereinander bedienen mochten, sobald ihnen Einer der Wächter nahe kam, krochen sie scheu in sich zusammen, und ließen ihren Grimm höchstens an dem harten Erdboden aus, den sie mit Schaufel und Spitzhacke angreifen und ebnen mußten.
Und wahrlich sie wußten, daß sie ihren Wächtern keine Ursache zu Strafe geben durften, denn erbarmungslos wäre die Peitsche auf ihre Rücken herabgekommen, bis ihnen das blutige Fleisch in Streifen niederhing. Wenig genug Rücksicht wurde in jener Zeit schon auf die Deportirten überhaupt genommen, mit was sie sich auch im alten Vaterland vergangen haben mochten. Wehe aber den Unglücklichen, die unter verschärfter Strafe standen, denn diese waren der Willkür ihrer rohen Wächter vollständig preisgegeben und nur in höchst seltenen Fällen drang eine Klage zu höheren Beamten durch, irgend eine ungerecht vollzogene Strafe zu untersuchen.
Solche Strafgänger wurden dabei (und waren es auch eigentlich meist) als zum Tod verurtheilte und nur halb begnadigte Verbrecher betrachtet. Der Tod drohte ihnen noch aus jedem Gewehrlauf der Wachen, die sie umstellten, denn diese hatten ausgedehnte Vollmacht, bei der geringsten verdächtigen Bewegung Eines der Gefangenen, von ihren Feuerwaffen beliebigen Gebrauch zu machen.
Dabei trug fast jedes Vergehen, was sie sich jetzt wieder zu Schulden kommen ließen, verschärfte und doppelt verschärfte Strafen, und auf Widersetzlichkeit gegen die Wächter oder erneute Flucht stand der Tod.
Daß sie aber auch gar nicht an erneute Flucht denken durften, dafür sorgte schon die vortrefflich eingerichtete und bewaffnete Polizeimannschaft, die mit der blanken und scharfgeschliffenen Wehr an der Seite, die mit Ketten beladenen Verbrecher schon im Zaum halten konnten. Nachts blieb dazu der ganze, mit festen Pallisaden eingeschlossene Platz, während die einzelnen Trupps wieder ihre besonderen Wächter hatten, von Militair umstellt und Flucht war von dort mit einem Wort unmöglich.
Unter den Gefangenen befand sich Einer, der sich nicht allein durch seine reinlicher gehaltene Kleidung, sondern auch durch sein ganzes Benehmen vor den Uebrigen auszeichnete.
Es war ein muskulös gebauter kräftiger und breitschultriger Gesell, der sich aber nicht so hatte gehen lassen wie die Uebrigen, und wohl den Stempel der Sünde, doch nicht den der Gemeinheit auf seiner Stirn trug. In seinem ganzen Wesen hatte er überhaupt etwas, das für ihn interessirte, denn es schien fast, als ob er nicht in diese traurige Umgebung, in der er sich befand, gehöre. Möglich vielleicht, daß dazu gerade diese traurige Umgebung die Schuld trug, aus der er sich, so viel dies anging, zurückzog. Man sagt ja: im Lande der Blinden ist der Einäugige König, und es bedurfte hier allerdings nur einer sehr geringen Anstrengung, sich über diese Masse emporzuarbeiten.
Selbst aber durch solche geringe Anstrengung fühlte sich diese Masse beleidigt, die nun einmal Keinem von ihr gestatten wollte, daß er sich aus dem allgemeinen Schlamm erhob. John Mulligan, der durch Tolmers Fürsprache seine Strafe so hatte gemildert erhalten, daß er dieser Abtheilung nur auf ein Jahr eingereiht war, hieß deshalb auch sehr bald gar nicht anders wie »der Gentleman«, oder auch »Gentleman John«, der sich sogar den Haß einer großen Zahl der Gefangenen zuzog, weil er an einem trotz aller Gefahren verabredeten Fluchtversuch nicht Theil nehmen wollte.
Allerdings hatte er damals den Kameraden vorgestellt, daß sie auf solche Art gar nicht entkommen könnten und ihr Loos nur dadurch, ohne das Geringste zu erreichen, verschlimmern würden. Sie nannten ihn dafür einen feigen Patron, der keinen Muth mehr habe, etwas für seine Freiheit zu wagen und fanden noch in derselben Nacht, daß »Gentleman John« vollkommen Recht gehabt.
Ihr Plan wurde nämlich vereitelt ehe sie nur einmal die Ausführung ordentlich begonnen hatten. Drei fielen dabei durch die Schüsse der Wachen, zwei Andere wurden schwer verwundet und diese Beiden, mit einem sechsten, der sich betheiligte, vierzehn Tage später gehangen – als Beispiel den Uebrigen.
So verging wieder ein Monat, und John Mulligan, der nur selten mit irgend Einem seiner Kameraden Verkehr hielt, weil er keinen von ihnen kannte, arbeitete fleißiger wie je, betrug sich dabei bescheiden gegen die Wächter und war, mit einem Worte, das Muster eines Kettengefangenen, den man den Uebrigen fortwährend als Beispiel ausstellte. – Aber hätten sie nur sein Herz sehen, nur die Gedanken lesen können, die Tag und Nacht in seinem Hirne brannten, und ihn fast zur Verzweiflung trieben.
Freiheit! – Freiheit! das war das einzige Gefühl, das ihn noch am Leben hielt, das ihm Herz und Seele erfüllte, und wenn er nicht schon lange einen Versuch gemacht hatte, dies höchste Gut wieder zu erringen, trug die Schuld nur seine Vorsicht und Schlauheit, die nicht zugab, daß er sich in ein nur halbweg unsicheres Unternehmen einließ. Er wußte, welche Strafe seiner diesmal wartete, sobald es mißlang, und selbst der Gefahr durfte er sich nicht aussetzen.
Dadurch übrigens, daß er mit fast allen seinen Mitgefangenen verfeindet war, gewann er sich mehr und mehr das Vertrauen der Aufseher und es geschah jetzt schon gar nicht selten, daß John Mulligan da oder dort die Aufsicht über die Arbeit irgend einer kleinen Abtheilung der Kameraden übergeben wurde. Allerdings trug er deshalb nicht leichter an der Kette und Kugel, und war eben so wie alle Anderen von den scharfgeladenen Gewehren der Wache bedroht, aber es zeigte doch, daß die Wächter sein Bestreben sich gut zu betragen, anerkannten, während es die Mitgefangenen nur noch immer mehr von ihm entfernte.
Natürlich spotteten diese über ihn. »Gentleman John«, hieß es, »wird nächstens eine blaue Jacke mit blanken Knöpfen bekommen, und »lieb Kind« beim Lieutenant werden. Zum Teufel mit dem Schuft, und uns hat er vorgelogen, daß er auf Känguruh-Eiland der Anführer einer ganzen Bande Buschrähndscher gewesen wäre.«
John Mulligan hörte es, und achtete nicht darauf.
Nur ein Einziger von Allen schien sich mit John befreundet zu halten, und das war ein Irländer, dessen brennendrothe Haare ihm den Beinamen Rothkopf verschafft hatten. Ueberhaupt wurde fast keiner der Sträflinge von den Mitgefangenen bei seinem wirklichen Namen genannt, weil sich sonst Niemand aus den ewigen Jacks und Johns und Jims herausgefunden hätte.
Rothkopf aß mit Gentleman John aus einer Schüssel, und so häufig ihn sonst die Peitsche der Wächter, besonders seiner bösen Zunge wegen, getroffen, so war jetzt, seit er mit John Mulligan näher befreundet worden, eine auffallende Besserung bei ihm eingetreten.
Natürlich schrieben die Beamten das einzig und allein dem wohlthätigen Einfluß zu, den John auf ihn ausgeübt, und dieser stieg dadurch nur noch mehr in ihrer Achtung.
Das ging eine Weile so fort, bis der Oberwächter, unter dessen Aufsicht sie bis jetzt gestanden, abberufen wurde, irgend eine andere Stellung auszufüllen. An seiner Statt trat ein Schotte ein, der, von einem andern Gang hierher versetzt, die Ueberzeugung mitbrachte, an Kettengefangenen sei jedes Wort verschwendet, und man thue am Besten, sich, wie bei eingeschirrten Stieren, nur durch die Peitsche mit ihnen zu unterhalten.
John Mulligan oder Gentleman John, wie er jetzt allgemein hieß, arbeitete heute mit Rothkopf zusammen an einem mächtigen Stringybarkbaum, der mitten in dem ausgesteckten Weg stand, und deshalb ausgerodet werden sollte. Sechs oder acht ihrer Kameraden mühten sich ein kleines Stück weiter unten mit Brecheisen ab, einen riesigen Felsblock von der Stelle zu rücken, den sie in der halben Zeit mit Pulver hätten sprengen und aufräumen können.
Um sie her, mit geladenen Gewehren, standen die dazu bestimmten Polizeisoldaten, und der neue Oberwächter, statt des Spazierstocks eine tüchtige Knute von ungegerbtem Leder in der Hand, ging von Gruppe zu Gruppe, um die Lässigen nur durch seine Gegenwart schon zu äußerster Anstrengung anzutreiben.
In diesem Augenblick stand er bei denen, die an dem Stein wühlten, nichts destoweniger den Blick nach allen Seiten werfend.
»Du, John, ich halte es jetzt nicht länger aus. Deinem Zureden nach hab' ich mich gestellt, als ob ich unterduckte, und von Tag zu Tag hast Du mir versprochen, daß wir ausbrechen sollten. Ich habe immer noch auf Dich gewartet, nun ist's aber vorbei, denn mit dem neuen cove als Wächter und Einpeitscher will ich verdammt sein, wenn ich mich länger halten lasse. Sie sollen mich meinetwegen todtschießen oder hängen, wenn die Sache schief geht, aber für jeden gesegneten Tag todtgeschossen und gehangen zu werden, das ist mehr, als Menschennatur ertragen kann.«
»Hast Du Dich unter Deinem Fußring etwas wund gerieben, wie ich Dir's gestern Abend sagte?« frug John vorsichtig.
»Das hab ich, aber was soll das nützen?« lautete die mürrische Gegenfrage. »Zum Henker auch, wenn Du glaubst, daß sie dadurch Mitleid für Einen fühlen, so bist Du verdammt auf dem Holzweg.«
»So wie wir den Baum hier umgeworfen haben,« fuhr aber John ruhig fort, denn der Wächter wandte sich jetzt und kam auf sie zu, »so werden wir oben auf den Hügelkamm geschickt. Dort fang an zu hinken und zu winseln, und thu', als ob Du große Schmerzen hättest; das Weitere überlaß mir. Ich will schon dafür sorgen, daß Dir der Ring abgenommen wird.«
»Aber Deine Kette?« sagte Rothkopf erstaunt – »willst Du nicht mit?«
»Es ist ein Hundeleben im Busch,« knirrschte John vor sich hin, »und ich kenne es leider schon zu gut, aber – den Teufel auch – es ist doch Freiheit, und diesmal sollen sie mich nicht überlisten wie das letze Mal, wo ich ein Esel war und meine Strafe verdiente.«
»Und Du gehst also mit?«
»Mein Ring ist durchgefeilt,« sagte John rasch, »der geringste Schlag mit einem Stein darauf, und ich bin frei.«
»Aber die verfluchten Musketen.«
»Vor denen müssen wir uns schon sichern – aber jetzt still – da kommt unser Aufseher!« und mit wuchtigen Schlägen hieb er die Axt in die ziemlich weichen Wurzeln des schon fast unterminirten und vom Boden losgetrennten Gumbaums ein, daß dieser bis zum Gipfel hinauf erzitterte.
»Ihr trödelt hier auch eine Ewigkeit mit der Stange,« sagte der Aufseher, der eben zu ihnen trat. »Zwei baumstarke Kerle und einen ganzen Vormittag an einem solchen »Schößling« herum zu spielen. Ich glaube, ich habe mit meiner Lederhacke gefehlt, Euch ein wenig dabei zu helfen. Nun – wird's bald?«
»Ay, Ay, Sir,« sagte John demüthig, indem er aus Leibeskräften auf die Wurzeln einschlug. Rothkopf unterstützte ihn dabei nach Kräften, und es dauerte nicht lange, so neigte sich der Wipfel des riesigen Baumes – erst langsam, dann immer schneller, bis er zuletzt mit einem gewaltigen Schlage, seine ganzen Aeste fast dabei in Stücken schmetternd, zu Boden krachte.
»So – nun rasch das Holz aus dem Wege,« befahl der Aufseher, »dann die Zacken noch weggeschlagen; ich werde gleich zwei Andere von unten heraufschicken, die ihn ein paar Mal durchsägen. Kommt Ihr nachher Alle zusammen, so rollt ihn gleich aus der Bahn. Bis Mittag darf keine Spur mehr davon im Wege sein.«
»Ay, ay, Sir,« klang wieder die einzige Antwort der beiden Leute zurück, als Zeichen, daß der Befehl gehört sei und erfüllt werden solle, und der Wächter stand mit einem finsteren Blick, und seine Peitsche wie im Spiel auf- und abschwingend, daneben, als ob es ihm leid sei, daß er bei den beiden Gesellen auch nicht die geringste Ursache zur Strafe hatte; – aber er fand nun einmal Nichts zu strafen, und mußte sich endlich einem andern Trupp zuwenden, der vielleicht lässiger in seiner Arbeit gewesen war.
Rothkopf sah ihm, als er sie verließ, mit einem tückischen Blick nach, und zischte vor sich hin:
»Daß solch eine Spinne von einem Menschen solche Kerle, wie wir sind, prügeln darf! John, den kleinen Finger von meiner linken Hand gäb' ich noch drum, wenn ich dem Burschen vorher, eh' wir abgehen, den Schädel einschlagen dürfte.«
»Du würdest den Hals auch dazu geben müssen,« sagte John trocken.
»Bah, der ist doch verfallen, sobald wir den ersten Versuch machen und erwischt werden,« rief Rothkopf trotzig, »aber was thuts – einmal werden wir doch gehangen, früher oder später, und bis dahin wollen wir das Leben noch genießen.«
»Im Busch?« fragte John kopfschüttelnd.
»Bah, Kamerad,« lachte dieser, »Du denkst immer noch an Deine verbrannte Känguruh-Insel, wo Du Hunger und Kummer leiden mußtest, weil Ihr die Sache eben ungeschickt anfingt. Paß einmal auf, ob ich Dich nicht an eine Stelle bringe, wo wir ein fideles Leben führen können.«
»Im Busch?« wiederholte John noch einmal ungläubig.
»Ja, im Busch,« betätigte der Ire, »aber freilich dürfen wir nicht wie die Einsiedler in einer Rindenhütte hocken, und nur eben ausbrechen, wenn wir am Verhungern sind. Finden wir aber den Stamm der Schwarzen, mit dem ich befreundet bin, dann sollst Du einmal sehen, ob ich Dir etwas vorgelogen habe.«
»Und halten die sich hier in der Nähe auf?«
»Wir sind nicht zehn Miles von ihrem Jagdrevier, und nur erst einmal dort, auch außer aller Gefahr. Mach' also jetzt Anstalt, daß wir die verdammten Eisen von den Beinen bekommen, oder ich begehe einen tollen Streich allein.«
»Still, dort kommen die Säger,« flüsterte John, »nachher beim Essen verabreden wir unsern Plan.«
»Vielleicht gingen die mit?«
»Sie mögen nachkommen, wenn sie Lust haben,« sagte der vorsichtigere John, »zu Viele in einem Geheimniß, haben es noch jedes Mal verdorben, und ich darf mich diesmal nicht der Gefahr aussetzen, entdeckt oder verrathen zu werden.«
»Weil Du so lang den Frommen gespielt?« lachte Rothkopf.
»Allerdings, und die Uebrigen mich deshalb hassen. Holzköpfe, die sie sind, daß sie glauben konnten, John Mulligan wäre im Ernst ein solcher Tropf, vor einem schurkischen Wächter im Staub zu kriechen.«
»Nachher – die da dürfen nichts merken.«
Das Mittagsessen war vorüber – eine einfache aber doch reichliche und auch nahrhafte Mahlzeit für die Leute, die aus in der Asche gebackenem Waizenbrod und Hammelfleisch bestand.
Von solchem Brod oder Damper hatte sich John auch in den letzten Wochen aus abgesparten kleinen Stücken einen Vorrath gebildet, an dem er immer ein paar Tage zehren mochte. Bei seiner Mahlzeit gelang es ihm heute, diese Hülfsration mit Rothkopf zu theilen, daß sie es Beide leichter in ihrer Jacke verbergen konnten.
Während dem Essen, das innerhalb der Pallisaden verzehrt wurde, nahmen die Soldaten allerdings auch ihr Mittagsmahl ein, aber eine Flucht war in der Zeit doch unmöglich, da der einzige Ausgang mit doppelten Wachen besetzt stand. Irgend Einer, der außerdem am hellen Tage hätte versuchen wollen, die Pallisaden zu überklettern, wäre augenblicklich herunter geschossen, oder doch dabei ertappt, und wenigstens halb todt gepeitscht worden. John's Plan lag auch nicht darin, ein solches Wagstück in einer Weise zu unternehmen, wie sie von den Beamten schon vorbedacht und durch Maßregeln verhindert war. Er wußte recht gut, daß ihre Flucht nur durch Ueberraschung gelingen konnte.
Nach dem Essen bildete sich wieder die Colonne, in der sie zu ihrer Arbeit, von Soldaten umgeben, hinaus marschirten. Rothkopf hinkte dabei bedeutend, und stützte sich auf Johns Arm, der ihn führte.
Auch John schien nicht ganz fest auf den Füßen, und hatte sich in das linke Eisen ein paar baumwollene Lappen hineingesteckt, von denen der eine Blut zeigte. Rothkopf hatte sein Bein fest umwunden, und arbeitete sich nur mit großer Schwierigkeit vorwärts, um in der Reihe Schritt zu halten.
Sie wurden, wie es John vorher gewußt, heute Nachmittag auf den Kamm des Hügelrückens geschickt, um hier passende Steine für die Straße loszubrechen. Der Hügelkamm dachte an der Seite, an der die Straße lag, ziemlich steil ab, und die oben gelösten Steine rollten von selber zu Thal. An der andern Seite zog sich ein weniger schräger Abhang in den Busch hinein, der oben mit einzelnen Bäumen, tiefer unten aber mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Auf dem Kamm selber aber, mitten zwischen den Arbeitern, standen die Wachen mit ihren geladenen Gewehren, und wenn die Sträflinge, mit ihren Ketten überhaupt, hätten an Flucht denken können, würden sie die Kugeln der Soldaten bald eingeholt und unschädlich gemacht haben.
»Was zum Teufel hast Du nun wieder?« sagte der Oberaufseher, als er dort oben die verschiedenen Arbeitsplätze angewiesen hatte und zu Rothkopf trat – »was ist mit Deinem Bein?«
»Ich kann nicht mehr, Sir,« stöhnte der Mann – »bis hier herauf hab' ich mich geschleppt, aber jetzt bin ich's nicht mehr im Stande. Das Bein ist entzündet und geschwollen; wie mit Messern sticht's mich bis hier herauf. Wenn Sie mir die Kette nur wollten an das andere legen lassen, vielleicht könnt' ich dann doch noch weiter arbeiten, sonst bin ich nicht einmal im Stande, wieder allein hinunter zu gehen.«
»Das weiß der Henker, was mit Euch Schuften immer los ist,« brummte der Oberaufseher verdrüßlich vor sich hin – »konntest wohl nicht das Maul aufthun, wie wir unten waren, daß Dir der Wundarzt den Schaden nachsah, heh?«
»S'ist weiter nichts, Euer Gnaden, als die Kette drückt ihn auf eine wunde Stelle,« sagte John ehrerbietig – »wenn Sie's erlaubten, wollt' ich ihn bald wieder auf den Füßen haben.«
»Machen ihm blos die Kette, wie er's verlangt, an's andere Bein, das hilft jedesmal – wenigstens bis das wieder heil ist. Es sind ja Soldaten genug hier, die es ihm umschließen könnten.«
»Zum Henker auch,« rief der Oberaufseher – »ich glaube, der Bursche drückt sich nur von der Arbeit und spielt den Lahmen. Auf mein Herz, das hilft Dir bei mir Nichts,« und mit den Worten zog er ihm ein paar tüchtige Peitschenhiebe über. Rothkopf krümmte sich unter den Schlägen, und suchte dem Befehl nachzukommen, indem er sich aufrichten wollte, aber es ging nicht. Er vermochte nicht auf den Beinen zu stehen, brach wieder zusammen, und fiel gegen einen Baum, an dem er sich die Stirn blutig riß.
»Wenn Euer Gnaden befehlen,« sagte John demüthig, »so trag ich ihn lieber den Hang hinunter. Mein Bein ist auch wund, aber Einer der Herren Soldaten hilft mir vielleicht. Der arme Teufel hält's so nicht aus.«
»Ich will selber sehen, was an der Wunde ist,« sagte der Oberaufseher trotzig, obgleich ihn der letzte Fall des Gefangenen stutzig gemacht hatte. »Man darf Euch Schuften ja gar nicht mehr glauben, denn Ihr betrügt und hintergeht uns auf jede Weise. Da leg' Dich hin, Rother! – hast Du's gehört, oder soll ich Dich beweglich machen? –«
Rothkopf kroch zu der ihm bezeichneten Stelle, und der Oberaufseher nahm seinen Schlüssel heraus, winkte zweien der Soldaten, die näher heran kamen und neben ihnen stehen blieben, und bog sich dann nieder, den angeblichen Schaden des Gefangenen selber zu untersuchen.
John war ungemein geschäftig, ihn darin zu unterstützen; er schob selber einen Steinblock zurecht, auf dem sich der Herr Oberaufseher bequem niederlassen konnte. Nachdem er Rothkopf dann etwas weiter vor und sein rechtes Bein dabei in die Höhe gehoben hatte, daß der Beamte es bequem erreichen konnte, stemmte er das eigene darunter und stützte sich selber mit dem rechten Arm auf den Boden.
Der Beamte öffnete vorsichtig das Schloß der Kette, und der Gefangene stöhnte und winselte dazu; während aber die Kette oben klirrte, preßte unten John Mulligan in wahrer Todesangst das breite Eisen, das seinen eigenen Knöchel fest und umspannt hielt. Heimlich in der Nacht, seit langen, langen Monden, hatte er mit einem Stückchen Feile, das er sich zu verschaffen gewußt, an diesem Ring gefeilt – oft nur ein oder zwei Striche die ganze Nacht, weil er nicht wagen durfte, die Wächter durch das Geräusch aufmerksam zu machen. Die ausgefeilte Rinne brachte er zuletzt so dünn, als er glaubte, daß sie dem geringsten Druck nachgeben müsse; ja er fürchtete mehr daran zu arbeiten, weil ihm die Kette sonst am Ende einmal vor dem richtigen Moment vom Fuß abfallen konnte. Jetzt nun, im entscheidenden Augenblick, während er den Kameraden mit dem einen Arm angeblich unterstützte, preßte seine andere Hand unten gegen das fast vollkommen durchgefeilte Eisen, daß ihm das Blut unter den Nägeln vorzuspritzen drohte – aber vergebens.
»Na – jetzt pass' auf und halt' ihn fest,« sagte der Beamte, während er das Schloß aufbog und das Eisen von dem Bein des Gefangenen herunter fallen ließ – »wo ist denn nun die schreckliche Wunde? – Aber halt, Kamerad, erst wollen wir Dir den hübschen Ring doch lieber um den andern Knöchel legen, nachher können wir uns den hier mit Muße besehen.«
»Hat Nichts zu sagen, Sir,« stöhnte John – »der läuft nicht davon.«
»Wenn Du um Deine Meinung befragt wirst, magst Du antworten. – Laß das Bein einmal los und heb das andere herauf. Was zum Teufel? – wie siehst Du denn aus? Du hast ja einen Kopf wie ein Krebs so roth – herauf mit dem Bein.«
»Ay, ay, Sir!« rief John, und die Verzweiflung gab ihm Riesenkräfte. – Noch ein Moment, und ihr ganzer Plan war, vielleicht auf immer, vereitelt – doch wie er noch einmal seine Finger über den eisernen Ring preßte, fühlte er, daß sich dieser seinem Griffe bog.
»Nun, wird's bald?« rief der Aufseher.
»Einen Moment, Sir – ich bin mit meinen Ketten hier unten hängen geblieben – mach' es gleich wieder los.«
Er ließ das angeblich wunde Bein Rothkopfs herunter, und während er jetzt auch mit der andern Hand nach seiner Kette faßte, brach der breite Ring unter seinem Griff wie Glas entzwei. Im Nu hatte er ihn gepallt und ausgebogen, wenn auch die scharfe Kante ihm die Finger blutig riß, und der Aufseher, dem diese plötzliche Bewegung nicht entgehen konnte, rief erstaunt aus:
»Alle Wetter, was machst denn Du da, mein Junge.«
»Ich kurire mein Bein, Sir!« lachte in diesem Augenblick John, während Rothkopf mit Blitzesschnelle in die Höhe fuhr.
»Ist es Zeit?« rief dieser.
»Fass' ihn,« lautete die einzige Antwort, und »Verrath,« schrie auch schon in dem Moment der erschreckte Aufseher, »Hülfe! Hülfe!« Und wohl hatte er Grund dazu, denn vier stärkere Arme gab es nicht in den Colonien, wie die waren, die ihn jetzt gefaßt und im Nu auf ihren Rücken geworfen hatten. Rothkopf packte ihn um den Leib, John um die Knie, und während sie, nach früherer Unterredung, den leichten Burschen als Schutz gegen sonst etwa ihnen nachgeschickte Kugeln auf ihren Nacken hoben, sprangen sie dabei in wilden Sätzen den Hang hinab und direkt auf das nächste Dickicht zu.
»Hülfe! Hülfe!« schrie des Aufsehers Stimme, aber die Soldaten durften ihren Posten nicht verlassen, weil sie ja nie wissen konnten, ob das nicht vielleicht dem gemeinschaftlichen Plan der Gefangenen galt, eine allseitige Flucht zu versuchen. Nur ihre Gewehre spannten sie und hoben sie in alter Gewohnheit an den Backen – aber schießen durften sie eben so wenig, wenigstens nach diesen Flüchtigen. Die Kugeln mußten ja fast, wo sie auch einschlugen, den Körper ihres eigenen Befehlshabers treffen.
»Hülfe – Hülfe!« tönte dessen Ruf schon tief von unten herauf, und seine Rechte hatte sich indeß vergebens bemüht, in eine seiner Brusttaschen zu gelangen und die dort steckenden Pistolen herauszubringen. Rothkopf aber litt das nicht; wie in einem Schraubstock schnürte er ihm die Arme zusammen, und als ihm die Büsche jetzt noch ohnedies in's Gesicht schlugen, war er nicht mehr im Stande, sich zur Wehr zu setzen.
Im nächsten Moment hatte ihn aber schon der niederhängende Ast eines alten Gumbaums gefaßt und riß ihn gewaltsam aus den Armen der beiden Entflohenen, während ihm der Sturz einen lauten Schrei auspreßte.
»Hier mag er bleiben,« lachte Rothkopf, »denn durch das Dickicht können wir ihn doch nicht weiter schleppen, aber seine Pistolen wollen wir uns noch ausbitten.«
»Und das Pulverhorn mit den Kugeln nicht zu vergessen,« rief John.
»Nur rasch, denn die Teufel sind uns schon auf den Fersen.«
»In dem Dickicht vergebens,« lachte John, »her mit den Waffen, Canaille.«
»Gnade, Gnade!« flehte der Beamte auf den Knieen und in Todesangst.
»Das ist die Gnade, die Du verdienst,« rief Rothkopf, und in voller Kraft und Wuth, mit der geballten Faust zum Stoß ausholend, warf er den Unglücklichen leblos in das dürre Laub zurück. Im Nu hatten sie ihm dabei den Rock ausgezogen, die Uhr aus der Tasche gerissen, und flohen nun, als sie die Verfolger schon von oben herunter durch die Sträucher brechen hörten, gerade nach unten in den dicksten Busch hinein.
Wohl suchte eine rasch herbeigezogene Hülfstruppe noch an diesem Abend und die nächsten Tage den Wald nach allen Richtungen hin ab. Große Belohnungen wurden dabei von der Regierung ausgesetzt, und Polizeisoldaten wie Militair war Monate lang beschäftigt, diese frechen Flüchtlinge wieder einzubringen – galt es ja doch auch, an ihnen ein Beispiel zu statuiren – doch vergebens. Gentleman John wie Rothkopf waren und blieben verschwunden, und riefen sich nur dann erst wieder in die Erinnerung des Publikums zurück, als ein paar hinter einander verübte freche und kühne Raubanfälle ihre Namen von Neuem auf die Lippen der Buschbewohner und Reisenden brachten.
3. Gentleman John.
Die Poststraße zwischen der Hauptstadt der jetzigen Colonie Victoria, Melbourne, und der von Süd-Australien, Adelaide, war damals noch gar nicht so lange eröffnet, und einmal wöchentlich fuhr in jener ersten Zeit ein zweirädriger Karren (der eine Anzahl von Passagieren tragen konnte) mit den Postbeuteln betraut, die lange, öde, durch den dichten Busch nur nothdürftig ausgeschlagene Bahn. Die Fahrt selber war eine Marter für den Reisenden, und auf Bequemlichkeiten unterwegs durfte er eben so wenig rechnen. Nichts destoweniger wurde diese »Royal mail« doch stark benutzt, da sie die einzige zu einer bestimmten Zeit abgehende und eintreffende Verbindung zwischen den schon ziemlich bedeutenden Städten des australischen Continents bildete. Dampfschifffahrt war nämlich noch nicht eingerichtet, und die Passage auf einem gelegentlich abgehenden Segelschiffe viel zu ungewiß und langweilig, um sich ihrer zur Personenbeförderung gern zu bedienen.
Wie aber die Straße rauh und die »Postkutsche« selber nur ein höchst primitives Fuhrwerk war, so diente noch die Unsicherheit der Gegend damals bedeutend dazu, das »Romantische« einer solchen Fahrt zu erhöhen. Gar nicht etwa so selten kam es vor, daß die Reisenden von in den Busch entflohenen Sträflingen angefallen und geplündert wurden. Doch galt es dabei als Thatsache, daß sie für ihr Leben Nichts zu fürchten hatten, sobald sie sich gutwillig dem Unvermeidlichen fügten und – keine Waffen bei sich führten. Die sogenannten »Bushrangers« nahmen ihnen dann eben ab, was sie selber brauchen konnten, untersuchten die Postfelleisen nach Geld oder Geldeswerth und ließen die Passagiere meist ungehindert ziehen.
Nur wenn sie dieselben gegen sich gerüstet oder gar Widerstand fanden, war es vorgekommen, daß der so verübte Raub auch in einen Raubmord ausartete, und es blieb bald kein Geheimniß mehr, daß der berüchtigte Führer dieser Schaar niemand Anderes sei als Gentleman John selber.
So keck und verwegen diese Bande nun aber auch sein mochte, so lehrten sie doch endlich zahlreiche, gegen sie ausgesandte Streifpatrouillen, daß sie einer disciplinirten und bewaffneten Macht nicht gewachsen waren, und wenn alle diese Expeditionen auch nicht von besonderem Erfolg gekrönt wurden, trieben sie die Strauchdiebe doch weiter in das Innere zurück und deckten einigermaßen die stark bedrohte Straße.
Es war im April, daß an einem ziemlich rauhen und unfreundlichen Herbsttage, diese Royal Mail ungewöhnlich stark mit Passagieren besetzt, die vom Regen aufgeweichte Straße entlang rasselte, während die wettermürrischen Reisenden, in ihre Mäntel gehüllt und von dem unbehülflichen Fuhrwerk schlammbespritzt und zerstoßen, erst wieder anfingen aufzuthauen, als sie eine der seltsamen Stationen erreichten, auf denen ihnen eine halbe Stunde Rast für ein flüchtiges Mittagsmahl gegönnt wurde.
Das Gebäude selber bestand aus kaum mehr als einer Rindenhütte, mit einer Art von Anbau, der zugleich als Küche und Vorrathskammer diente, und lag an einer der ödesten Stellen der Straße. Trotzdem enthielt es aber weit mehr Bequemlichkeiten und Genüsse, als sein etwas rauhes, ungelecktes Aeußere versprach, und die Passagiere befanden sich bald, zu ihrer höchst angenehmen Ueberraschung, an einem reinlich gedeckten Tisch, von dem ihnen ein sorgfältig hergerichtetes Mahl entgegen duftete. Auch die Getränke waren vortrefflich und in größter Auswahl vorhanden, und die Wirthin, eine echt englische Matrone, einfach aber sauber und nett gekleidet, präsidirte an der Tafel.
Der Wirth selber hatte sich noch nicht sehen lassen und draußen auch mit der Besorgung frischer Pferde und dem Kutscher zu thun.
Die Reisegesellschaft bestand aus lauter Männern, da sich Damen diesem rauhen Beförderungsmittel nur im höchsten Nothfall, und dann auch nur auf kurze Strecken und von einer Station zur andern anvertrauten. Allerdings mußten sie in dem Fall, wenn sie für solche Fahrt die Post benutzen wollten, warten, bis sich ein Platz für sie fand, da die Postverwaltung nicht daran dachte, einen Beiwagen zu geben, selbst wenn sich genug Passagiere dafür gefunden hätten. Was dem einmal vorhandenen Karren von Reisenden möglicher Weise aufgepackt werden konnte, wurde geladen, die Uebrigen mußten abwarten, ob sie vielleicht »in der nächsten Woche« mitgenommen werden könnten.
Wie aber nun in ganz Australien die Bevölkerung eine höchst wunderlich gemischte ist, so schien auch auf dieser Post fast jede Schicht der Colonial-Gesellschaft vertreten. Eine höchst anständig aussehende Persönlichkeit in schwarzen Tuchkleidern mit schwerer, goldener Kette, weißer Wäsche und Glacéhandschuhen, die eigentlich nicht recht in ihre ganze Umgebung zu passen schien, repräsentirte den Kaufmannsstand der Colonien. Es war ein Mr. Warrel aus Melbourne, der mittelst Post nach Adelaide ging, um eine kurz vorher von Melbourne per Segelschiff expedirte Ladung von Waaren selber an Ort und Stelle zu verkaufen.
Die zweite ansehnliche Persönlichkeit war ein Squatter aus dem Adelaide-District, mit vollem Bart, einen Kohlpalmenhut auf, mit Rock, Hose und Weste aus sogenanntem englischen Lederzeug, mit derben Buschschuhen und einem rothseidenen Halstuch, das, um den schneeweißen Hemdkragen geschlagen, den sonnverbrannten kräftigen Hals entblößt ließ.
Ganz gegen den Gebrauch der übrigen Passagiere schien es dieser aber zu verschmähen, sich waffenlos der Gnade und Ungnade des etwa dort umherstreifenden räuberischen Gesindels zu übergeben. In dem breiten, um den Leib geschnallten Gürtel, der ein kurzes schweres Buschmesser trug, staken ein paar kurze feingearbeitete Pistolen, und außerdem führte er auch noch eine, wie er sagte, mit Rehpfosten geladene englische Doppelflinte bei sich, die er unterwegs zwischen den Knien und ziemlich trotzig zum Gebrauch stets in Bereitschaft hielt.
Seinen Platz hatte er mit vorn auf dem Bock, und der dritte Passagier, der zwischen ihm und dem Kutscher eingeklemmt saß, war ein dürres, bleiches, kleines Männchen, ebenfalls ein Engländer, aber jedenfalls Israelit, der in ziemlich schäbigen Kleidern, mit einem alten abgetragenen Hut, bis dahin, trotz seiner anscheinenden Armuth, die entsetzlichste Angst vor einem möglichen Ueberfall gezeigt, und besonders seinen schwer bewaffneten Nachbar fortwährend mit mißtrauischen Blicken betrachtet hatte.
Die Post führte nur zwei Sitzbänke – die eine war die, auf welcher der Kutscher saß, und die neben ihm befindlichen Passagiere hatten die Aussicht nach vorn über die Pferde hin. Auf der zweiten, dicht hinter diesen angebrachten, nothdürftig gepolsterten und mit Leder überzogenen Bank saßen die übrigen Reisenden, jedoch mit dem Rücken nach vorn, und die niedere darum gezogene eiserne Lehne diente weit weniger zu ihrer Bequemlichkeit als zu ihrem Schutz, sich daran festzuklammern, wenn der Wagen einen steilen Hang hinaufgerissen wurde. Versäumten sie es, so wären sie rettungslos nach hinten zu übergestürzt.
Auf dieser hinteren Bank saß der schon vorher erwähnte Kaufmann aus Melbourne dicht hinter dem Kutscher. Den Mittelsitz hatte ein etwas ruppig aussehendes Individuum, schon von Melbourne her in Besitz. Es war dies dem Anschein nach einer der gewöhnlichen Arbeiter, in ordinären aber trotzdem ziemlich reinlich gehaltenen Kleidern und mit hoffentlich besseren Empfehlungen und Zeugnissen in der Tasche, als ihm das eigene Gesicht gewähren konnte. Der Bursche, der die ganze Fahrt hindurch verdrossen und störrisch auf seinem unbequemen Sitz kauerte und ununterbrochen Tabak kauete, hatte mit seinen Mitpassagieren auch noch keine drei Worte gewechselt, und alle an ihn gerichteten Fragen – wenn überhaupt – mit »Ja«, »Nein«, oder »weiß nicht«, beantwortet.
Den dritten Platz neben ihm und Rücken an Rücken mit dem Squatter nahm ein Mittelding zwischen Squatter und Arbeiter ein. Es war ein vierschrötiger, kräftiger Gesell, mit sonnverbrannten, nicht häßlichen Zügen und etwas Keckem, Drolligem in seinem ganzen Wesen. Er war erst in Manebat, bis wohin ein anderer Passagier mitgefahren, aufgestiegen, und bis jetzt eigentlich der Einzige gewesen, der durch seinen Humor, trotz Wetter und schlechtem Fuhrwerk einiges Leben in die träge Unterhaltung gebracht. Dem letzten Regenguß hatte freilich auch er schweigend und mürrisch die Wetterseite geboten. Jetzt aber im Trockenen, mit einer Flasche Sherry an der einen und einem Becher Porter an der anderen Seite, thaute er rasch wieder auf und es gelang ihm auch wirklich seine, sonst ziemlich schweigsamen Reisegefährten zu einer lebendigen Unterhaltung zu bringen.
Stoff hierzu gab vor Allem der kleine ängstliche Passagier, der unterwegs zwischen dem Kutscher und Squatter saß, und sich an jedem Anhaltspunkt jedesmal vor allen Dingen neue und meist immer entsetzliche Nachrichten über kürzlich erst verübte Gräuelthaten der Buschrähndscher sammelte. Auch hier hatte er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich mit seinen Erkundigungen an eine Art von Hausknecht zu wenden, der die angekommenen Pferde eben abschirrte, sie, zu beideseitiger Bequemlichkeit, frei im Busch ihrer Weide nachgehen zu lassen.
Dieser aber, ein verschmitzter Ire, und jedenfalls auch nur ein mit ticket of leave oder Urlaubschein freigegebener Sträfling, sah bald, mit welcher Classe von Menschen er es hier zu thun habe, und erzählte dem ihm ängstlich und bestürzt Zuhörenden in aller Geschwindigkeit ein paar so entsetzliche und schaudererregende Mordgeschichten, daß Mr. Moses, wie der kleine Mann hieß, mit bleichem Antlitz in das Passagierzimmer stürzte, seine furchtbaren Neuigkeiten so rasch als möglich den Uebrigen mitzutheilen.
»Lügen, Mr. Moses, Nichts als Lügen,« parirte übrigens Mr. Warrel, der sich eben mit den Anderen zu der gut besetzten Tafel niedergesetzt, ziemlich kaltblütig die schrecklichen Nachrichten. »Von wem haben Sie sich diese Geschichten aufbinden lassen?«
»Von wem?« rief der kleine Mann entrüstet, »von dem Burschen, der die Pferde versorgt.«
»Von Tom, dem Iren,« lachte aber jetzt selbst die Matrone, die gerade im Begriff war, ein saftiges Roastbeef zu zerlegen, »ja mein lieber Herr, den dürfen Sie über so etwas nicht fragen, denn wenn er merkt, daß sich Jemand vor Buschrähndschern fürchtet, erzählt er ihm die gräßlichsten Geschichten, die ihm nur einfallen.«
»Wie heißt, fürchten?« sagte kopfschüttelnd Mr. Moses, »wer hat ihm gesagt, daß sich Moses fürcht? wovor fürchten? sind meine Kleidchen doch alt und schlecht genug und können sie meine Haut nicht gebrauchen. Weiter hab' ich Nichts bei mer auf der Gotteswelt, wie verzehn Schilling bar Geld vor die Reisespesen.«
»Nun so gleichgültig wäre mir's gerade nicht,« brummte der Squatter, eben mit einem saftigen Stück Fleisch beschäftigt, finster in den Bart, »und den blutigen Canaillen möchte ich diesmal gerade nicht in die Hände fallen. Aber – hol' sie der Teufel, ehe sie mein Geld bekommen, sollen sie erst mit meinem Pulver und Blei Bekanntschaft machen, und ich denke, ich habe genug von dem bei mir, ihnen zu dem anderen den Appetit zu versalzen.«
»Sie sind allerdings kein Mann für die Buschrähndscher, bester Herr,« lachte da der Passagier von Wanebat, der sich Mr. Bush nannte, »denn von oben bis unten mit Stahl und Eisen gespickt dürften sich die armen Teufel bei Ihnen wohl mehr Schläge wie Geld holen; unser Freund in Schwarz dagegen, den ich zugleich herzlich ersuchen möchte, mir einmal die Sherryflasche herüberzuschieben, scheint ihnen freundlicher gesinnt zu sein, denn er trägt kein solches Mordgewehr und Gold genug zur Schau, ihnen den Mund darnach wässern zu machen.«
»Soll mer Gott helfen, wenn's nicht wahr ist,« stimmte diesem Mr. Moses in etwas verkehrter Betheuerung bei – »wüßt' ich 'nen besseren Platz goldne Kettcher und Uhren zur Firma zu tragen, als die Buschstraße zwischen Melbourne und Adelaide.«
Der Kaufmann lachte und aß eine Weile ruhig weiter; endlich aber sagte er, noch immer schmunzelnd:
»Freut mich, daß Ihr mich für so grün haltet, mit solchem Firlefanz hier paradiren zu wollen. Werden wir aber wirklich von Buschrähndschern überfallen, so gönne ich ihnen die ganze Bescheerung vom Herzen. An Geld hab' ich nur ein paar Pfund Sterling bei mir und wenn sie mir die, und den Plunder abgenommen, sind sie seelenglücklich und bedanken sich am Ende noch gar bei mir.«
»Thät da e silbernes Kettche dieselben Dienste,« meinte aber der Israelit, »wozu den Hallunken das gute Gold in die Zähne werfen.«
»Gold,« lachte der Kaufmann mit einem verschmitzten Blick nach Mr. Bush hinüber, »die Uhr mit Kette kostet mich in Melbourne gerade 12 Shilling – das Zeug hier ist Tomback und das Werk selber keiner Sixpence werth.«
»Ha, ha, ha, ha,« lachte Mr. Bush, »das ist vortrefflich, und der Plan ganz ausgezeichnet. Wenn die Strauchdiebe Uhr und Börse von einem Gentleman haben, visitiren sie ihn nachher nicht einmal weiter.«
»Und wenn sie mich visitiren,« lachte Warrel – »ich trage Nichts auf der Gotteswelt weiter bei mir. Komm' ich dann auch ausgeplündert nach Adelaide, so ist die Handschrift des alten Warrel bekannt genug an der Bank, mir Credit zu verschaffen.«
»Mr. Warrel, in der That?« sagte Bush, ihn rasch und ehrfurchtsvoll grüßend – »ah das glaub' ich, daß Sie weder in Adelaide noch Melbourne vier und zwanzig Stunden ohne Geld zu sein brauchen. Da muß unser Freund Moses hier seine Barschaft allerdings sorgfältiger verstecken!«
»Ich?« rief der kleine Mann erschreckt, und ließ die eben aufgenommenen Messer und Gabel klirrend auf den Teller zurückfallen. »Gott der Gerechte, wo soll ich Barschaft versteckt haben? – etwa in die Täschchens hier, oder in die zerrissenen Stiefelcher? Soll mer Gott helfen, wenn ich weiß, wie ich die erste Woche meine Kost in Adelaide zahlen soll, die so schrecklich theuer ist in die Gasthöfe.« »
Nun, nun,« lachte Bush, »mir ist's ja recht und ich brauche nicht dafür zu sorgen. Uebrigens haben wir keinesfalls etwas zu fürchten, denn mein wohlbewaffneter Nachbar hier wird uns das Gesindel schon vom Leibe halten. Ihre Pistolen sind doch hoffentlich geladen, und nicht auch nur ein falsches Aushängeschild wie Uhr und Kette, Mr. Warrels?«
»Ob sie geladen sind,« erwiderte der Squatter, emsig mit dem vor ihm liegenden Braten beschäftigt, »und ich will verdammt sein, wenn ich nicht guten Gebrauch davon zu machen gedenke. – Haben Sie gar keine Waffen bei sich?« –
»Ich? ei gewiß,« rief Bush. – »Ich theile keineswegs die Ansicht der Herren, die sich den Strauchdieben gutwillig überlassen mögen. Manchmal ja, mag man es mit einem gutmüthigen Exemplar zu thun bekommen. Es bleibt aber stets ein fatales Gefühl, sich der Gnade und Ungnade solcher Burschen zu überlassen. So lange ich mich noch meiner Haut wehren kann, seh' ich nicht ein, weßhalb ich den Versuch nicht wenigstens machen sollte.«
»Dann sind Sie mein Mann!« rief der Squatter, ihn augenscheinlich beruhigt auf die Schulter klopfend. – »Und Ihr da drüben, Freund,« wandte er sich an den schweigsamen Passagier, der an dem untern Ende der Tafel keinen Blick von seinem Teller verwandt, und keine Silbe gesprochen hatte – »wie steht es mit Euch?«
Der Angeredete sah, ohne den Kopf zu heben, einen Moment nur durch seine buschigen Augenbrauen nach dem Sprecher hinüber, und schien erst keine Antwort auf die an ihn gerichtete Frage geben zu wollen.
»Wer – ich?« sagte er endlich, als der Squatter noch immer schwieg und seinen Blick nicht von ihm nahm.
»Ja, Ihr, Mate, seid Ihr bewaffnet?«
»Nein,« brummte der Mann, sich neuen Fleischvorrath auf seinen Teller häufend – »wozu?«
»Wozu? wollt Ihr Euch von den Buschläufern wehrlos mißhandeln lassen?«
Der Angeredete ließ seinen Blick von dem Sprecher langsam und fast wie höhnisch auf dessen Nachbar, Mr. Bush gleiten und sagte dann plötzlich, indem er gleichgültig wieder seine Mahlzeit fortsetzte:
»Wollen's abwarten, Mate!«
»Auf unsern schweigsamen Freund da unten,« lachte Bush, »scheint es, als ob wir nicht besonders rechnen dürften. Dann haben wir nur noch den Kutscher, als dritte Hülfe!«
»Hol die Kutscher der Böse,« brummte der Squatter, mit dem Erfolg seiner Anrede nichts weniger als zufrieden. »Wenn die es nicht geradezu mit den Buschkleppern offen halten, passiren sie doch die Straße viel zu oft, sie sich zu Feinden zu machen. Die Kerle bleiben gewöhnlich ruhig auf ihrem Bock sitzen und sind froh, wenn ihnen nur die Pferde gelassen werden, weiter zu fahren. Alles Uebrige kümmert sie wenig genug.«
»Bah,« sagte Mr. Warrel, »die ganze Geschichte ist ja doch nur ein müßiges Geschwätz von Reisenden, die – an dem Ort ihrer Bestimmung glücklich und ungehindert angelangt – nicht umhin können, mit irgend einer überstandenen schrecklichen Gefahr zu prahlen. Hier im Land haben wir keine Tiger oder andere reißende Bestien, und da müssen dann jahraus und jahrein die Buschrähndscher den alleinigen wieder und wiedergekäuten Stoff liefern. Ich wette 100 £. Sterl., daß wir auf der ganzen Fahrt keinen zu sehen bekommen.«
»Topp!« rief ihm Mr. Bush plötzlich entgegen, »ich nehme Ihre Wette an, Sir, und kann dabei jedenfalls nur ein gutes Geschäft machen.«
»Auch wenn Sie verlieren?« rief Mr. Warrel.
»Dann erst gewiß,« lachte der junge Mann. »Ich habe eine Herde von 15.000 Schafen verkauft, für die ich das Geld in Wechseln und Banknoten bei mir trage, und will gern 100 Pfund davon bezahlen, wenn ich das Uebrige sicher nach Adelaide bringe. Wird es mir aber abgenommen, so sind Ihre 100 Pfund wieder ein ganz hübscher Anfang für einen neuen Beginn.«
»Hol's der Henker,« rief der Squatter, »wenn Sie die Sache von der Seite betrachten, möcht' ich auch wetten, denn wenn mich die Schufte plünderten, machten sie ebenfalls kein schlechtes Geschäft. Wie wär's, Herr Warrel, wenn wir eine gleiche Versicherung abschlössen.«
»Danke Sir,« wehrte aber dieser lachend ab, »ich bekomme dafür kein Aequivalent, denn das Vergnügen, einen wirklichen lebendigen Buschrähndscher zu sehen, ist doch kaum mehr als hundert Pfund werth, und wenn es wirklich der berüchtigte Gentleman John selber wäre.«
»Dann nehmen Sie wenigstens eine von meinen Pistolen,« sagte der Squatter. »Drei entschlossene und bewaffnete Männer können sich einen ganzen Schwarm der feigen, räuberischen Schufte vom Leibe halten.«
»Auch dafür muß ich danken,« sagte der vorsichtige Kaufmann. »Ich habe Frau und Kind, wie ein recht hübsches Besitzthum zu Hause, und keineswegs Lust, mein Leben oder meine gesunden Gliedmaßen unnöthiger Weise auf's Spiel zu setzen. Was ich bei mir trage, bin ich jeden Augenblick bereit, mit Vergnügen herzugeben – sollten die Herren uns wirklich ganz gegen Erwarten einen Besuch abstatten. Mehr können sie nicht verlangen und verlangen sie nicht. Wer mehr zu verlieren hat, mag zu anderen Mitteln seine Zuflucht nehmen.«
Der mit dieser Politik nicht besonders einverstandene Squatter murmelte einen leisen Fluch in den Bart, erwiderte aber weiter Nichts, und der Kutscher, der indessen draußen in der Küche sein Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien auch in diesem Augenblick in der Thür, den Passagieren anzuzeigen, daß ihre Ruhezeit verflossen und die »Royal Mail« gerade wieder im Begriff sei abzufahren.
Draußen an der Thür stand der Wirth, den Hut auf dem Kopfe, die Hände in den Taschen, und nickte den Passagieren zu, als sie an ihm vorübergingen.
»Glückliche Reise, Gentlemen; kommen Sie gesund nach Adelaide. Und du, Bill, wirf die Herrschaften nicht etwa hier gleich unten im Sumpf in das Wasserloch, wie es James neulich gemacht hat. Es könnte nicht wieder so gut abgehen, daß sie mit ein paar Arm- und Beinbrüchen davon kämen. Einen Doctor haben wir jetzt überdies nicht mehr im Haus.«
»Habt keine Angst, Jones,« lachte der Angeredete. »Wenn wir nur glücklich durch den Billibong drüben kommen, im Sumpf selber hat's keine Gefahr, und wenn wir umkippen, will ich uns schon eine weiche Stelle aussuchen.«
»Das sind vortreffliche Aussichten, Mr. Bush,« sagte der Melbourner Kaufmann, als er neben diesem hin dem Wagen wieder zuschritt. »Dagegen wird Ihnen wohl keine Assecuranz helfen, wie?«
»Die Kerle fahren wie der Teufel,« beruhigte ihn aber dieser, »und haben ihre Thiere sicher in der Hand. So lange der Karren selber hält, haben wir schwerlich etwas zu fürchten.«
»Desto besser dann,« sagte der Kaufmann, sich, so gut es gehen wollte, wieder auf seinem schmalen Sitz zurecht rückend, »und nun Kutscher, fahrt zu; Wetter noch einmal, ist das eine unbequeme Bank. Man hat wirklich alle Hände voll zu thun, sich nur fest zu halten. Sucht Ihr denn Euere Passagiere wieder zusammen, wenn Ihr einige davon einmal verliert?«
»Manchmal,« erwiderte der Mann trocken. – »He da – Alle an Bord?«
»Alle – so gut es eben geht.«
»Well then – laß geh'n davorn, Tom – Halt' fest da hinten – komm Jerry, komm Bock – hu – pih!« und mit kräftigem Peitschenschlag auf die bäumenden Thiere einhauend, trieb er diese zu raschem Ansprung, daß sie den unbehülflichen Karren mit einem Ruck nach vorn rissen.
»Um Gottes Willen, mein Hut!« rief Mr. Warrel, der sich beinahe den Arm in der eisernen Lehne ausgerenkt hatte, während ihm der Hut vom Kopfe flog.
»Never mind, Bill!« rief aber Tom, der Hausknecht, an derartige kleine Folgen wahrscheinlich schon gewöhnt, indem er den Hut in der Luft fing und seinem Besitzer mit außerordentlicher Geschicklichkeit wieder zuschleuderte. »Alles in Ordnung – go on!«
Der Kutscher, der von dem Zuruf auch nicht die mindeste Notiz genommen, bedurfte dieser Beruhigung gar nicht, denn, ohne sich nach dem Passagier oder dessen Hut auch nur umzusehen, gab er seinen Thieren nur wiederholt die Peitsche, und der fest auf seinen Achsen ruhende Karren rasselte rücksichtslos und wild über die rauhe holprige Straße hin, seiner Bahn entlang.
An eine Unterhaltung zwischen den Passagieren war unter solchen Umständen gar nicht zu denken. Jeder hatte vollauf zu thun, sich auf seinem Sitz, und wie ein australisches Sprüchwort ganz passend sagt, »die Zunge im Munde festzuhalten,« bis der Weg wieder ebener und weicher wurde, und der Karren, von den Flüchen der mißhandelten Passagiere begleitet, wenigstens verhältnißmäßig ruhiger auf seiner Bahn dahinrasselte.
Der Weg zog sich hier, wo er schon das Murraythal berührte, durch einen Wald der mächtigsten Gumbäume hin, und die Bahn hindurch war dabei keineswegs in einer geraden Linie gehauen worden, sondern immer nur den stärksten Stämmen ausweichend und die lichtesten Stellen wählend. Hie und da stand auch wohl noch ein tüchtiger Stumpf mitten im Weg, und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Kutschers, das allerdings mit seinen zwei Rädern leicht zu wendende Fuhrwerk zwischen all' den vorliegenden Hindernissen mit solcher Schnelligkeit hinzuführen.
Dem Squatter, der vorn mit auf dem Bock saß und dabei Zeuge war, wie die Achsen oft nur in Haaresbreite an einem der alten Waldriesen vorübergerissen wurden, war gar nicht wohl bei der Fahrt, und er hatte seine ganze Kaltblütigkeit nöthig, dem tollen Rennen so ruhig zuzusehen. Einmal aber, als der Wagen wieder an einem alten Gumbaum so dicht vorbei schnellte, daß er noch ein Stück von der dicken weichen Rinde mit abriß, und dann gleich darauf mit dem einen Rad über einen umgestürzten Klotz fuhr, wonach der Karren sich wohl fünfzehn Schritt weit auf dem andern eben noch balancirte, konnte er es doch nicht mehr so ruhig mit ansehen, und sagte, sich zu dem Kutscher wendend.
»Heda, Freund – von unseren Hälsen gar nicht zu reden, scheint Ihr auch mit Eurem eigenen verwünscht rücksichtslos umzugehen. Wenn wir hier umgeschlagen wären, hätten wir die Härte unserer Schädel an jenen Gumbäumen leicht versuchen können.«
»Könnt Recht haben, Mate,« erwiderte ziemlich ungenirt Bill, der Rosselenker, »aber immer noch besser, als daß wir den gesegneten Buschkleppern in den Rachen laufen.«
»Und hätten wir hier wirklich etwas von ihnen zu fürchten?« frug der Squatter rasch.
»Hier? – habt Ihr den Kerl nicht gesehen, der etwa fünfhundert Schritt zurück links vom Wege ab in den Busch hineinsprang?«
»Den Kerl? – habt Ihr Jemanden gesehen?«
»Glaubt Ihr, ich treibe meine Thiere hier umsonst zu Schanden?« brummte der Mann mürrisch in den Bart. »Hol' die Pest auch ein solches Leben, und das soll die letzte Fahrt sein, die meiner Mutter Sohn auf dieser vermaledeiten Straße hin und wieder fährt.«
Der Squatter erwiderte kein Wort weiter, griff aber nach seinen Pistolen, ob sie ihm, der Hand bequem, im Gürtel stäken, und sah nach den Hütchen auf seiner Doppelflinte.
Der Kutscher warf seitwärts einen halb neugierigen, halb unzufriedenen Blick auf die Waffen und sagte:
»Schießen die Dinger sicher?«
»Das wollt' ich meinen,« erwiderte der Squatter.
»Und geh'n sie auch los?«
»Ich möchte ihnen nicht auf fünfzig Schritte im Wege stehn,« lautete die beruhigende Antwort.
»Hm,« brummte aber der Mann, noch keineswegs damit zufrieden gestellt, »ich weiß doch nicht, ob Ihr nicht besser thätet, die Dinger in den Kasten zu packen.«
»Damit uns die Schufte ungehindert plündern könnten, wie?«
»Ist eben nur noch die Frage, ob Ihr sie damit hindern könnt,« lautete die mißtrauische Antwort. »Die Schufte wählen sich eben Ort und Zeit nach eigenem Gefallen, und wenig Gutes hab' ich bis jetzt von solchen Schießdingern gesehen, die nie los gehen, wenn sie eigentlich sollen. Alle, die ich bis jetzt auf dem Karren gehabt, haben sich die Buschrähndscher selber mitgenommen, und noch nicht einmal so viel als »Danke« dafür gesagt.«
»Und sind Sie hier schon einmal von den Räubern überfallen worden?« mischte sich der kleine Zwischenpassagier in das Gespräch, der demselben bis dahin in fieberhafter Angst gelauscht.
»Einmal?« sagte der Kutscher, indem er einen halb erstaunten, halb verächtlichen Blick nach dem an seiner Seite geklemmten Passagier hinunter warf, »viermal haben mich schon die »Herren von der Straße«, wie sie sich nach echt englischer Art zu nennen belieben, unter den Fäusten gehabt, und ich will seelensfroh sein, wenn ich die Bekanntschaft dieser verdammten Canaillen nicht heute zum fünftenmal zu machen habe.«
»Halloh, Camerad,« rief da Mr. Bush, der sich auf seinem Sitz nach dem Kutscher umdrehte, »haben sie Dich so schlecht behandelt, daß Du ihnen solche Ehrentitel giebst?«
»Hol' sie der Böse!« zischte Bill zwischen den Zähnen durch, »wenn sie mir auch noch Nichts zu Leid gethan, ist es doch nur eine blutige Bande von Sträflingen und dem Galgen abgestohlenes Gelichter, und je weniger man mit den Schuften zusammen kommt, desto besser.«
»Das ist ein gefährliches Urtheil für eine gemischte australische Gesellschaft,« lachte der junge Mann, »aber Ihr selber seid wohl noch nicht lange im Land, und wohl gar einer der sogenannten freien Einwanderer?«
Bill warf einen zornigen Blick nach dem Sprecher zurück und sagte finster:
»Bin ich auch, Mate, wenn's Euch etwa kümmert, und für mein eigen Geld in die Colonie gekommen, und das ist mehr, als mancher Gentleman von sich sagen kann.«
Mr. Bush lachte gutmüthig vor sich hin und warf nur einen Seitenblick auf seinen Nachbar. Dieser schien aber weder den »Gentleman,« noch die andere Anspielung auf sich zu beziehen, und kaute nur ruhig an einem riesigen Primchen weiter, das er fortwährend aus der linken in die rechte Backe und wieder zurück wechselte.
Das Gespräch wurde hier durch einen gotteslästerlichen Fluch des Kutschers unterbrochen, der vor sich in dem hier ziemlich schmalen Weg ein paar von einem Gumbaum niedergebrochene, sehr starke Aeste liegen sah, die sich auf keine Weise umgehen ließen und erst fortgeräumt werden mußten. Unfern davon, unter einem andern Baum, saß ein Fußreisender, ein sogenannter Bündelmann, der sein Bündel und seinen Stock neben sich gelegt, sein Frühstück vor sich auf den Knien, ganz ruhig und unbekümmert da in freier Luft tafelte und den dicht neben ihm haltenden Postkarren kaum eines Blickes würdigte.
»Halloh, Mate!« rief ihm da der Kutscher, wie er nun seiner ansichtig wurde, zu, »macht's Euch was aus, wenn Ihr einmal einen Augenblick aufständet und das verdammte Holz da aus dem Wege räumtet? Ich kann die Zügel hier nicht los lassen!«
»Hm,« sagte der Bursche, ohne sich besonders außer Fassung bringen zu lassen, »Euere ganze Gesellschaft da oben hält wohl die Zügel mit, oder hat sich festgebunden, daß sie nicht abgeschüttelt wird? – Na meinetwegen; das nächste Mal, wenn ich fahre, könnt Ihr mir vielleicht das Holz aus dem Wege räumen –« und sein Frühstück neben sich niederlegend, stand er langsam auf und stieg zu dem nächsten Ast hinüber, dicht vor dem die schäumenden Pferde hielten.
»Donnerwetter, Mate, das Holz ist schwer,« rief er hier, als er vergebens den einen Ast zu lüften versuchte; »na, Eure Pferde beißen doch nicht?«
»Bewahre – laßt sie nur los – he da, Kamerad, Ihr drückt sie mir ja ganz in den Busch hinein. Die Pest über Euch, Ihr werdet mir den Karren umwerfen.«
»O, bewahre!« sagte der Bündelmann, der das Handpferd dabei beim Zügel genommen und seitwärts in den einen Baumwipfel hineingedrückt hatte, »kommt gleich Alles in Ordnung, Mate. Da sind auch noch ein paar Kameraden, die mir helfen können!«
»Halloh, Bush!« rief da plötzlich der Squatter, der von rechts und links unter den Bäumen ein paar zerlumpte und drohende Gestalten auftauchen sah, indem er sein Gewehr in die Höhe riß, »jetzt giebt's Arbeit – nehmt Ihr die rechts, ich will mit denen da links –«
»Vorsichtig, Kamerad,« sagte da plötzlich Mr. Bush, der schon, wie der Bündelmann zu den Pferden ging, ein Doppelpistol aus der Tasche gezogen und die Hähne gespannt hatte, indem er mit der linken Hand die Schulter des Squatters ergriff und drückte; »ich möchte Euch etwas sagen.«
»Da kommen sie, bei George – Wetter, Mate, Ihr drückt mir die Schulter ein – was ist – he – was –«
»Pst – nicht ein Laut!« rief aber Mr. Bush ruhig aus, und der Squatter sah zu seinem Entsetzen das gespannte Pistol seines Reisegefährten mit der Mündung dicht an seinem eigenen Ohr. »Der geringste Griff nach Eueren Waffen – eine weitere Bewegung nur, und ich schicke Euch, größerer Bequemlichkeit wegen, ein Loth Blei durch's Hirn. – Ihr Anderen haltet Euch ruhig, und es soll Euch nichts zu Leid geschehen. – Nur wenn sich Jemand widersetzt, mag er sich die Folgen dann auch selber zuschreiben.«
Von allen Seiten sprangen indessen wild genug aussehende Kerle, die meisten von ihnen Gewehre in der Hand haltend, aus den Büschen und hinter Bäumen, hinter denen sie bis jetzt versteckt gelegen, vor, während der Bündelmann, ohne sich weiter um die Passagiere zu kümmern, die Stränge der Pferde durchschnitt und die Flucht unmöglich machte.
Der Squatter knirschte mit den Zähnen, aber er wußte sich auch so vollständig in der Gewalt seines jetzt hinter ihm stehenden bewaffneten Feindes, daß ein Widerstand vollkommen nutzlos gewesen wäre und im nächsten Augenblick sein Leben gekostet haben würde.
Die übrigen sämmtlich unbewaffneten Passagiere hielten sich vollkommen ruhig, das Unvermeidliche eben über sich ergehen zu lassen. Nur Bill, der Kutscher, konnte das Zerschneiden seiner Stränge nicht so geduldig mit ansehen.
»Höll' und Teufel, Mate!« schrie er, die Pferde an den Zügeln zurückreißend, vom Bock nieder, »was ruinirt Ihr mir denn das Geschirr? Seht Ihr denn nicht, daß ich doch in dem vermaledeiten Holz bis an die Ohren sitze und weder vor noch rückwärts kann?«
»Ruhig, mein Herz!« rief ihm aber der vermeinliche Bündelmann entgegen, der indessen eine ebenfalls dort versteckt gelegene Muskete aufgegriffen hatte, »bleib Du nur ganz still und geduldig auf Deinem alten Klapperkasten sitzen, bis man Dich ruft. Mit Deinen Pferden wirst Du wohl keine Sorge weiter haben.«
»Meine Herrschaften!« sagte in diesem Augenblick der sogenannte Mr. Bush, ohne jedoch seine drohende Stellung auch nur im Mindesten zu verändern. »Ich muß sie ersuchen, einzeln und langsam vom Wagen abzusteigen. Sie haben für Ihr Leben nichts zu fürchten – nur wer sich widersetzt, ist ein Kind des Todes. Mr. Warrel, Sie haben wohl die Güte, den Anfang zu machen.«
»Mit Vergnügen,« sagte der würdige Herr, der nur an das selbstverrathene Geheimniß seiner unechten Uhr und Kette mit einiger Verlegenheit dachte, indem er dem Befehl jedoch Folge leistete. Zugleich sah er sich unter der Aufsicht Eines der Buschrähndscher, der mit gespannter Muskete neben ihm stehen blieb.
»Nun Ihr da, Freund, ich weiß Euren Namen nicht, wenn's gefällig wäre.«
»Dank' Euch, John,« sagte der Mann, der bei dem ganzen Ueberfall auch nicht eine Miene verzogen oder sich anders benommen hätte, als ob ihnen auch nur das Allergewöhnlichste begegnete.
»Ihr kennt mich?« rief Mr. Bush überrascht aus.
»Sollt' es denken,« meinte der Andere, ohne auch nur die Hände aus seinen Taschen zu nehmen, indem er von seinem Sitz hinunterstieg und langsam zu dem Kaufmann hinüberging, »habe schon früher einmal das Vergnügen gehabt.«
»So?« lachte Gentleman John, der Anführer der Schaar, »nun davon nachher. – Jetzt Ihr da, Kamerad, mit dem traurigen Aussehen und dem geflickten Kittel. Hinunter mit Euch, habt Ihr mich verstanden?
« »Ach, gnädigster Herr Buschrähndscher.« winselte der arme Teufel, indem er wie eine Schlange zwischen dem Kutscher und Squatter hindurch über den Rücksitz des Bocks hinweg und hinten hinunterglitt: »ich habe ja Nichts als mein elendes erbärmliches Leben, und wenn Sie nur so äußerst gnädig sein wollten und mir –«
»Stopf dem Burschen einmal das Maul, Bob, wenn er nicht von selber ruhig ist,« rief Gentleman John ruhig vom Bock nieder, und Mr. Moses sah kaum die furchtbare Muskete auf sich gerichtet, als er auch winselnd und erschreckt in die Knie sank und keinen Laut weiter über die Lippen brachte.
»Jetzt hierher, zwei von Euch!« rief da der Befehl des Anführers wieder Einige der Schaar zu dem Wagen, auf dem Gentleman John noch immer neben dem Kutscher den bewaffneten Squatter mit der gespannten Pistole bedrohte. »Nehmt dem Herrn hier doch einmal die schweren Waffen ab und bringt sie in Sicherheit. – Laßt geschehen, Freund, was Ihr nicht hindern könnt, denn der geringste Widerstand – halt – bemüht Euch nicht selber – so, Rothkopf, wenn Du genöthigt sein solltest, auf den Herrn zu schießen, so tritt ein wenig bei Seite, daß ich nicht auch einen Theil der Ladung bekomme. Nehmt das Gewehr hinunter, und nun die Pistolen. Auch den Gürtel schnallt ab, an dem das Messer sitzt, eine vortreffliche Waffe, wie es scheint, die ich für mich selber zum Andenken behalten werde. So, meine werthgeschätzten Herren, und nun, Mates, bindet ihm doch einmal die Hände auf den Rücken, daß wir vorläufig keine weiteren Umstände mit ihm haben.«
»Was wollt Ihr noch mehr von mir?« rief der Squatter bei diesen Worten entrüstet, »ich habe alle meine Waffen abgegeben.«
»Nur ruhig, Kamerad, nur ruhig. Das Andere wird sich weiter finden,« sagte Gentleman John mit freundlichem Kopfnicken. »Euch vor allen Dingen müssen wir sicher haben. Die andern Herren sind klug genug, sich auch ohne das unseren Wünschen geduldig zu fügen.«
Der Squatter, von mehreren Seiten dabei durch auf ihn gerichtete Gewehre bedroht, mußte vom Wagen hinunter, wo ihn einige von der Bande in Empfang nahmen, und ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammenschnürten, und Bill, dem Kutscher, wurde dann ebenfalls bedeutet, seinen Bock zu verlassen.
Gentleman John übernahm jetzt, als er sämmtliche Passagiere unter sicherer Aufsicht sah, die Visitation oder vielmehr die Plünderung der Ueberfallenen, und begann dabei mit dem Squatter, dem er eine stark gefüllte Brieftasche und eine wohlgespickte Börse, ohne den Inhalt für jetzt weiter eines Blickes zu würdigen, abnahm.
Nach ihm kam Mr. Moses an die Reihe, der sich unter winselnden Betheuerungen hoch und heilig verschwur, der ärmste Mensch unter der Sonne zu sein, und bereitwillig dabei selber seine Taschen umdrehte, aus denen nur einige Schillinge und etwas Kupfergeld zur Erde fielen.
»Das ist freilich wenig,« sagte mit bedauerlichem Achselzucken sein früherer Reisegefährte, »wer aber so bereitwillig Alles hergiebt, was er hat, verdient auch dafür Belohnung. Hier, Rothkopf, zieht doch einmal dem Kutscher seine Strümpfe und Schuhe und Hosen und Kleider aus. Er mag mit Mr. Moses tauschen.«
»Gott der Gerechte soll mich bewahren, daß ich dem Manne seine warmen Kleider nähme,« rief aber Moses, indem er bleich vor Schreck wurde, »bin ich doch zufrieden mit dem, was ich habe.«
»Nein, nein,« lachte Gentleman John, »wir wissen besser, was sich schickt – heda, helft ihm doch bei seiner Toilette. Zum Teufel auch, Jungen, seid doch ein wenig galant und unterstützt unsere Gäste.«
Moses wollte sich noch länger sträuben, aber es half ihm nichts. Ein paar der Buschrähndscher sprangen zu, und während ihn Einer hielt, zog ihm ein Anderer die Schuhe und Strümpfe aus, aus welchen Letzteren bald verschiedene kleine Päckchen von Banknoten zum Vorschein kamen.
Der arme Teufel schrie und tobte, und verlangte Hülfe von den andern Passagieren, aber es half ihm Niemand. Jede Naht, jede Falte, jedes Stückchen Unterfutter der zerlumpten Kleider wurde unter dem Jubeln der Räuber auf das Sorgfältigste untersucht, und die Beute zeigte sich weit reichlicher, als selbst Gentleman John erwartetet hatte. Moses bekam dann die guten warmen Sachen des Kutschers, während dieser, trotz all seinem Fluchen und Schwören in die Lumpen des Israeliten hinein mußte.
»Nun, mein bester Herr Warrel,« wandte sich jetzt der kecke Buschrähndscher an den seine Zeit in voller Gemüthsruhe erwartenden Kaufmann, »haben wir Beide ein kleines Geschäft mit einander, das wir hoffentlich zu beiderseitiger Zufriedenheit rasch beenden werden.«
»Sie wünschen?« sagte dieser verbindlich, indem er mit einem kaum bemerkbaren Lächeln um die Lippen Miene machte, die Uhr aus der Tasche zu ziehen.
»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« lachte aber Gentleman John, indem er abwehrend die Hand gegen ihn ausstreckte. »Ich kenne den Werth Ihrer Kleinodien zu genau, um Sie derselben zu berauben. Auch das wenige Geld, was Sie bei sich haben, werden Sie zur Fortsetzung Ihrer Reise nothwendig brauchen. Dafür erlauben Sie mir aber, Ihnen einen Wechsel auf fünfhundert Pfund Sterling vorzulegen, den ich Sie bitten werde zu unterzeichnen. Daß er seinen Bestimmungsort erreicht, ehe Sie selber im Stande sind, dorthin Gegenbefehl zu schicken, mag dann meine Sorge sein.«
Mr. Warrel biß sich auf die Lippen, aber er wußte auch recht gut, daß er gezwungen war, zu gehorchen, und erwiderte trocken:
»Es bleibt mir nichts übrig, als Ihnen zu danken, daß Sie nicht eben so viele Tausende verlangen, und ich freue mich, so wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. Wahrscheinlich haben Sie doch den Wechsel bei der Hand.«
»Jedenfalls finden wir einen unausgefüllten in Ihrem Taschenbuch,« sagte Gentleman John, in derlei Geschäften viel zu erfahren, irgend einen Mißgriff zu machen, »und an derselben Stelle auch vielleicht Ihre Unterschrift zum Vergleich. Dürfte ich Sie darum ersuchen?«
»Mein Taschenbuch?«
»Fürchten Sie nicht, daß ich Sie Ihrer Papiere berauben werde,« sagte der Mann, »sie hätten für mich nicht den geringsten Werth. Wenn nicht doch vielleicht geheim gehaltene Banknoten –«
»Ueberzeugen Sie sich selber,« sagte der Kaufmann, indem er dem Räuber seine Brieftasche überreichte. Dieser blätterte das Buch flüchtig durch, und nahm, als er wirklich kein Geld darin fand, nur einen unausgefüllten Wechsel heraus. Aus der eigenen Tasche brachte er dann ein Tintenfaß und eine Feder zum Vorschein, benutzte ohne weitere Umstände den Hut des Kutschers zum Tisch, und füllte mit fester und geübter Hand den Wechsel aus.
»So,« sagte er dann, Mr. Warrel die Feder überreichend, und ihm den Hut etwas näher schiebend, »wenn ich Sie jetzt um Ihre Unterschrift ersuchen dürfte.«
Der Kaufmann nahm die Feder; als er aber vorher noch einen flüchtigen Blick über das Geschriebene warf, sah er rasch zu dem Buschrähndscher auf und sagte:
»Sie verlangten nur fünfhundert Pfund, hier stehen aber sechs!«
»Ich glaubte,« erwiderte Gentleman John ruhig, »daß es Ihnen in dieser Weise am bequemsten wäre, zugleich die verlorene Wette zu bezahlen.«
»Ach so,« lachte Mr. Warrel, »Sie haben Recht; an die Wette dachte ich gar nicht mehr. Genügt Ihnen das?«
John nahm den ihm dargereichten Wechsel, dessen Unterschrift er genau prüfte und mit einer in dem Taschenbuch gefundenen verglich, faltete das Papier dann zusammen, schob es in die Tasche und sagte:
»Ich danke Ihnen, Mr. Warrel, und hoffe, daß wir später noch bessere Geschäfte mit einander machen mögen.«
»Nun, ich weiß doch nicht, ob ich der Hoffnung gerade beistimmen soll,« meinte der Kaufmann; »aber dürfen wir jetzt unsern Weg fortsetzen? Ich glaube nicht, daß sonst noch etwas –«
»Nur noch einen Augenblick,« unterbrach ihn Gentleman John, »bis ich die Briefbeutel revidirt habe. Gebt mir einmal den Schlüssel zum Kasten, Bill – ja so, der steckt wohl in den Kleidern, die jetzt Mr. Moses gehören. Dürfte ich Sie wohl einmal darum bitten, verehrter Herr?«
Der Schlüssel fand sich übrigens nicht, wenigstens nicht so rasch, als es der Buschrähndscher wünschte, und der Kasten wurde deshalb ohne Weiteres erbrochen, der lederne Briefbeutel aufgeschnitten, und Gentleman John war wohl eine Stunde damit emsig beschäftigt, die verschiedenen Briefe und Packete zu erbrechen und nach Geld zu durchsuchen.
Diese Ernte fiel über Erwarten günstig aus. So, als Gentleman John Alles hatte, was er wünschte, stopfte er die mißhandelten Briefe wieder ziemlich rücksichtslos in den zerschnittenen Beutel zurück, hing sich die Doppelflinte des Squattes mit dessen Pulverhorn und Kugeltasche um und sagte:
»Nun, Bill, habe ich Nichts dagegen, wenn Du versuchst, die nächste Station so rasch als möglich zu erreichen. Es wird sich freilich nicht sehr bequem in den nassen Wegen gehen.«
»Aber die Pferde, Sir!«
»Thut mir leid, Mate, die brauche ich selber viel zu nothwendig,« lautete die Antwort des Buschrähndschers, »als daß ich ein so treffliches Paar verschenken könnte. Ihr müßt Euch bis auf die nächste Station schon so behelfen.«
»Wir sollen gehen?« rief Mr. Warrel erschreckt.
»Thut mir wirklich leid, Ihnen die Unbequemlichkeit für die kurze Strecke zu machen,« sagte John, »aber es läßt sich nicht ändern. Sie werden auch wahrscheinlich auf der nächsten Station etwas länger als gewöhnlich auf die Pferde warten müssen, da ich sie ebenfalls für meine Leute nothwendig brauche. – So leben Sie denn wohl, meine Herrschaften, mein Freund hier, unser Squatter, wird die Güte haben, uns noch eine Strecke zu begleiten und unser Gepäck zu tragen – kein Wort der Widerrede, Sir, es wird für Sie das nächste Mal eine Warnung sein, sich mit höchst unnöthigen und gefährlichen Schießwaffen zu versehen. Und Ihr, Bill, ich hoffe, Ihr denkt billig genug, Mr. Moses nicht zu einem abermaligen Tausch zu zwingen.«
»Ich will verdammt sein –«
»Schon gut – daran zweifle ich nicht im Mindesten. Aber bald hätte ich noch etwas vergessen. Mr. Warrel, ich habe noch eine Bitte an Sie!«
»An mich, Sir?«
»Mein Hut ist vom letzten Regen so sehr mitgenommen, während sich der Ihrige, von gutem Filz, vortrefflich conservirt hat. Dürfte ich Sie bitten, mit mir zu tauschen?«
»Mit Vergnügen, Sir, und er soll mir stets ein theures Andenken bleiben.«
»Sie sind gar zu gütig,« lächelte Gentleman John, seinen Hut dem Kaufmann überreichend, während er selber dessen weit bessern entgegen nahm.
Einer von John's Leuten machte diesen jetzt auf die schwere goldene Kette aufmerksam, die Mr. Warrel noch immer trug. Ein paar Worte des Führers beruhigten den Burschen aber vollkommen. Die Pferde wurden dann in den Busch geführt, und dem Squatter, der mit störrischem Gleichmuth Alles über sich ergehen ließ, sein eigener wie der Reisesack des Mr. Warrel aufgeladen, mit dem er den Räubern in den Busch folgen mußte. Der schweigsame Passagier wurde gar nicht belästigt.
Wenige Minuten später waren Alle hinter den grauen Gumbüschen verschwunden und Bill blieb mit dem Reste seiner Passagiere neben dem unbespannten und ausgeplünderten Postkarren mitten auf der Straße zurück.
Allerdings ließ er einen Theil seines Grimmes an dem unglücklichen Mr. Moses aus, den er, trotz dem Abmahnen des Gentleman John, ohne weiteres zwang, ihm seine eigenen Kleider herauszugeben. Ihre Lage wurde aber dadurch um Nichts gebessert, und sie sahen sich endlich Alle gezwungen, Bill, der den zerschnittenen Briefsack auf den Rücken nahm, zu Fuß nach der nächsten, etwa noch zehn englische Meilen entfernten Station zu folgen.
Hier mußten sie einen ganzen Tag verbleiben, um erst von weiter her andere Pferde zu bekommen, denn Gentleman John hatte die Wahrheit gesprochen, als er Mr. Warrel versicherte, daß die dorthin gehörigen Pferde von seinen eigenen Leuten weggetrieben seien, und erst am vierten Tag erreichten sie in einem höchst traurigen Zustande die Hauptstadt Süd-Australiens – Adelaide.
Diese so kecke Beraubung der Post, wie die Wegführung eines der Passagiere, der sich später freilich von Dornen zerfetzt und von den gehabten Anstrengungen zum Tode ermattet, wieder einfand, machte in Adelaide nicht geringes Aufsehen.
Die Frechheit der Räuber war doch zu groß gewesen, sie diesmal ungestraft hingehen zu lassen. Die ganze südaustralische Polizei, über die im Augenblick verfügt werden konnte, wurde deshalb aufgeboten, die Buschrähndschers auszuspüren, und auf eine oder die andere Art unschädlich zu machen. Auf den Kopf des Anführers, des berüchtigten Gentleman John, war überdies eine Prämie von hundert Pfund Sterling gesetzt, und dem, der ihn lebendig einbringen würde, sogar eine Belohnung von zweihundert Pfund zugesichert worden.
Gentleman John, wie er von den Sträflingen seines ihnen imponirenden Wesens wegen genannt worden, hatte indessen seine Zeit vortrefflich benutzt, nicht allein seine Wechsel und Papiere in Adelaide, ehe der Raub bekannt wurde, zu verwerthen, sondern auch die andere reiche Beute in Sicherheit zu bringen. Ueberall dort genau bekannt, wie auch mit den einzelnen in jener Gegend heimischen schwarzen Stämmen befreundet, benutzte er diese letzteren besonders zu Spionen, und was er ihnen dafür an wollenen Decken und Lebensmitteln gab, machte sie zu seinen willfährigen und in dem öden, wasserarmen Busch oft höchst nützlichen und brauchbaren Dienern.
Sogar eine der schwarzen Frauen hatte er sich genommen, und alle dabei gebräuchlichen Ceremonien im Stamme durchgemacht, wie auch seinen Schwiegereltern ein reiches und übliches Kaufgeld für die Frau gegeben. Dadurch besonders fühlte sich der Stamm geehrt, und Gentleman John, der ein ebenso wildes, gesetzloses Leben führte, wie sie selber, war ihnen schon deshalb lieb geworden, weil die übrigen Weißen, die ihnen nur Schaden zufügten und sie von einem Platz zum andern trieben, ihn ebenfalls verfolgten. Sahen sie doch in ihm einen Leidensgefährten, dessen wohlbewaffnete Schaar sie gegen weitere Uebergriffe ihrer Feinde schützen und bewahren konnte.
Und Gentleman John selber? – Ei, der benutzte, in wildem und unbegrenztem Uebermuth, jede Hülfe, die sich ihm bot, komme sie von welcher Seite auch immer, jeden günstigen Augenblick, den er erhaschen konnte. Jedenfalls in seiner Jugend zu Besserem erzogen, lag, Verführter oder Verführer, ein dunkles Leben hinter ihm, und mit der neugewonnenen Freiheit schien er entschlossen, diese zu genießen, allen menschlichen Gesetzen zu Trotz und Hohn.
Rücksichtslos dabei Alles unter die Füße tretend, was nicht seinem Zweck gerade diente, wußte er sich bei der Bande, die sich ihm angeschlossen, leicht in Respekt, bei der ganzen Umgegend aber in Furcht zu setzen, und so, mit Kundschaftern an allen Seiten, hatte er schon manchen gegen ihn unternommenen Angriff vor der Ausführung vereitelt, oder mit seiner wohlbewaffneten und sogar nicht einmal schlecht disciplinirten Schaar zurückgeschlagen, und wenig kümmerte er sich jetzt um die Folgen seines kecken Streichs.
Nach allen Seiten hin aber von vortrefflichen Spionen bedient, konnte es ihm auch nicht lange verborgen bleiben, daß sich diesmal doch ein schwereres Unwetter als gewöhnlich über seinem Haupte zusammenzog. Von allen Richtungen kamen die Boten, die ihm Kunde brachten, daß in den verschiedensten Distrikten bewaffnete Mannschaft aufgeboten und ein Schlag vorbereitet würde, der ihn und seine zu gefährlich gewordene Bande mit einem Wurf vernichten sollte. Auch der auf sein Einbringen gesetzte Preis von zweihundert Pfund Sterling, der dem Verräther, wenn es selber ein entflohener Sträfling sei, noch außerdem vollen Pardon sicherte, machte seine Stellung mehr und mehr gefährlich, denn daß er nicht auf die Treue von allen seinen Leuten zählen durfte, wußte er recht gut. Wenige waren in der That unter ihnen, die ihn nicht gerne verrathen hätten, wenn sie nur ihr eigenes Leben nicht zu sehr dabei gefährdet wußten.
Solchem Zustande mußte er ein Ende machen. Außerdem hatte er dies trostlose Leben, die stete Gefahr, das rastlose Umherstreifen in dem öden Wald recht von Herzen satt, und schon den Plan entworfen, Australien so bald als möglich zu verlassen.
An einer Biegung des Murray, und hoch genug an dessen Ufer hinauf, wo das Wasser desselben nicht durch die Ebbe und Fluth des Victoria-Sees ungenießbar gemacht war, hatten sie für den Augenblick ihr Lager aufgeschlagen, und die rings umher aufgeschichteten und mit Stücken Rinde gegen das Wetter geschützten Vorräthe schienen dabei auf die Absicht eines längeren Aufenthalts zu deuten. Unfern davon aber und im Schilf versteckt, lag ein tüchtiges Fischerboot, von denen einige den Victoria-See befuhren, und unter der Hand hatte der Buschrähndscher bis jetzt von seinen Leuten mehrere kleine Fässer mit Wasser füllen und einigen Proviant an Bord schaffen lassen.
Allerdings drohte ihnen bei einem Fluchtversuch in offener See noch eine keineswegs unbedeutende Gefahr, denn an der Mündung des Victoria-Sees in die Encounter-Bay wälzt sich eine so furchtbare Brandung dem kühnen Schiffer entgegen, daß die Durchfahrt durch diesen schmalen Meeresarm schon von vielen Seeleuten als ganz unmöglich geschildert wurde. Gefahr aber, ob sie ihm von Menschen oder den Elementen drohte, konnte den verwegenen Räuber nicht schrecken. Durch diese Brandung lag die Bahn zur Freiheit, und durch sie hin war er entschlossen, seinen Weg zu suchen.
Die Einschiffung selber sollte auch schon am nächsten Morgen stattfinden, und nur den Schwarzen hatte er bis jetzt noch den eigentlichen Zweck dieser Flucht verheimlicht, da sich diese wahrscheinlich derselben widersetzt, oder ihn gar im entscheidenden Augenblick verrathen hätten. Ließ er sie doch schutzlos der Rache der Weißen allein zurück.
Der Morgen dämmerte eben. Auf die höchsten Wipfel der hier in der Niederung zu riesiger Höhe wachsenden Gumbäume lagerte sich der erste Schimmer des anbrechenden Tages, und färbte das mattgraue Laub der holzigen Blätter mit einem eigenen fast zauberhaften Duft. Zugleich stand noch der Mond in voller Scheibe am Himmel, und warf sein fahles Licht durch die nur spärlich belaubten Wipfel auf die niederen Rindendächer und halb verglommenen Feuer, um die wunderliche Gruppen fest in ihre Decken eingehüllter menschlicher Gestalten und ganze Schaaren halbverhungerter Hunde gelagert waren.
Die Insassen dieses wilden Bivouaks schienen sich übrigens vollkommen sicher zu fühlen, oder der Wachsamkeit der ausgestellten Posten genugsam zu vertrauen, die nöthige Zeit der Ruhe nicht durch nutzlose Sorge zu unterbrechen oder zu stören. Nur hie und da hob Einer der Schläfer manchmal den Kopf, aus müden Augenlidern nach dem dämmernden Tag emporzuschauen und hüllte sich dann fester in seine Decke, die kalten Morgennebel von sich fern zu halten.
Da glitt eine dunkle, nackte Gestalt, mehr einem Schatten, als menschlichem Wesen gleich, am Ufer des Stromes herauf und durch die dichten Büsche hin dem Lager zu. Die Hunde hoben knurrend den Kopf, und drückten ihn winselnd wieder gegen ihre Weichen, als sie, mit einen Augenblick hochgehaltenen Nasen, den Bekannten gewittert. Dieser aber sprang mitten zwischen ihnen hin, zum nächsten Feuer, schürte die Brände zusammen, bis sie zu heller Glut emporloderten, und wärmte daran die halberstarrten nackten Glieder. Doch nur kurze Rast gönnte er sich an der wohlthuenden Glut. Sein rasch umhergeworfener Blick hatte bald das Rindendach des weißen Häuptlings unter den übrigen heraus gefunden, und zu diesem hinanschleichend, erfaßte er die dort ausgestreckte kräftige Gestalt Gentleman John's, und legte seine Hand auf dessen Schulter.
Im Nu fuhr der Buschrähndscher von seinem Lager empor, und die, in demselben Augenblick auch aufgegriffene und gespannte Pistole bewies deutlich genug, daß er die ganze Nacht doch nur »die Hand am Kolben« geschlafen.
»Bst!« flüsterte aber der Schwarze, den Finger warnend gegen ihn gehoben – »sie kommen!«
»Sie kommen? – wer?« rief John, sich wild die Haare aus der Stirn streifend.
»Die Weißen,« lautete die vorsichtige Antwort des Eingebornen. »Müssen die ganze Nacht bei Mondschein marschirt sein – sind oben am Fluß und eben dabei herüber zu kommen.«
»Und wie viele, Bukkul?« rief John, der erst jetzt in dem Alten seinen zum Kundschaften ausgesandten Schwiegervater erkannte.
»Tausend,« erwiderte dieser, mit dem Zahlwort, das in der Sprache der australischen Wilden eine unbestimmte, aber sehr große Anzahl bedeutet – »Tausend. Haben Pferde und Gewehre und viele rothe Jacken und blaue Jacken und lange Messer.«
»Alle Teufel!« brummte John leise vor sich hin, »das ist um vierundzwanzig Stunden zu früh, läßt sich aber jetzt nicht ändern. Die Burschen sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden. Wecke die Deinen, Bukkul!«
Ein scharfer Pfiff, den er zugleich ausstieß, schallte gellend durch den stillen Wald und brachte im Nu die schlafenden Buschrähndscher auf die Füße. War es doch das Alarmzeichen ihrer Schaar, und die Bande sich der Gefahr, in der sie fortwährend schwebte, viel zu gut bewußt, die Warnung auch nur für einen Moment unbeachtet zu lassen.
Im Nu fuhren sie von ihren harten Lagern empor, und, ihre Taschen umgehängt, die Gewehre in ihren Händen, sammelten sie sich um ihren Führer, der indessen schon einige der jungen Leute von den Eingebornen ausgeschickt hatte, das Vorrücken der Feinde zu beobachten.
Gentleman John übrigens, so viel persönlichen Muth er auch selber besaß, fühlte doch viel zu gut das Mißliche seiner Lage, und war keineswegs blind genug, sich über das Gefährliche derselben auch nur einen Augenblick zu täuschen. Andere Kundschafter waren noch angekommen, deren Berichten nach sich die wider ihn ausgesandte Macht auf nahe an hundert Mann belief, und wenn er denen gegenüber leicht eine gleiche Zahl in's Feld stellen konnte, wußte er doch recht gut, daß er sich nicht einmal ganz fest auf seine weißen Cameraden verlassen durfte, während die Schwarzen bei der ersten Salve davon liefen, oder doch den sichern Busch zur Deckung suchten.
Außerdem konnte, von dem Versprechen freien Pardons und der goldenen Belohnung verblendet, selbst während des Kampfes leicht Einer der Seinigen sein Verräther werden, und ihrer aller Untergang wäre dann gewiß gewesen. Das ja ist das Unglück des Verbrechers, daß er Niemandem, selbst seinen Helfershelfern nicht mehr trauen darf, und in der ganzen Menschheit seinen Feind nur sieht. Auf einen gleichen Kampf mit der Polizei hätte er es deßhalb auch gern und rasch gewagt; die Verzweiflung stählt den Arm des Kämpfenden, und Verzweifelte waren es hier, denen selbst der Sieg nur eine Galgenfrist bieten konnte. Jetzt aber, wo er die Uebermacht auf Seiten seiner Feinde wußte, und der Arm eines einzigen Verräthers ihn leicht in ihre Hände, in die Hände des Henkers liefern konnte, mußte er sich den Rücken decken.
Rasch gab er deßhalb seine Befehle, einen kleinen Theil der Vorräthe in das versteckte Boot zu schaffen, während er die Schaar, auf die er sich am sichersten glaubte verlassen zu können, in die Nähe desselben, hinter eine rasch von herunter gebrochenen Zweigen und herzugewälzten Stämmen aufgeworfene Barricade postirte. Seine ganze Mannschaft theilte er dann in drei Trupps, die das Terrain nach besten Kräften benutzen und einander mit ihren Gewehren decken sollten. Solcher Art hoffte er den Ueberfall, der jeden Augenblick stattfinden konnte, wenigstens so lange aufzuhalten, bis er sein Boot flott und segelfertig hatte, und der breite, hier ziemlich rasch strömende Fluß mochte ihn dann der Freiheit entgegen führen.
Rasch und willig führten die Buschrähndscher selber die ihnen gegebenen Befehle aus, denn auch ihnen lag weit mehr daran, ihre Haut in Sicherheit zu bringen, als einen langen und ernsthaften Kampf mit den disciplinirten Gegnern zu bestehen. Mit mißtrauischen Blicken betrachteten dagegen die Schwarzen das eilige Instandsetzen des Bootes; denn rasch genug begriffen sie, daß ihre weißen Bundesgenossen dasselbe zur Flucht benutzen wollten. Das kleine Fahrzeug konnte aber, schwerbeladen wie es war, kaum diese alle aufnehmen, und was sollte da aus ihnen werden. Der weiße Häuptling, ihrem Stamm durch eine ihrer Töchter verwandt, durfte sie nicht verlassen, und doch traf er dazu jetzt alle Vorbereitungen.
Bukkul, Einer der Burkas oder Stammältesten, der Vater von Lloko, Gentleman John's Frau, wurde denn auch von seinem Stamm abgesandt, des Weißen Plan zu erfahren, und die erste Frage nur, die er an den schlauen Räuber richtete, warnte diesen vor der neuen auftauchenden Gefahr.
»Das Boot, Bukkul?« sagte John, »sollen wir das etwa den Rothjacken überlassen? und eben so all' das Brod und Fleisch, und den Brandy, der hier aufgehäuft liegt? – Wenn wir zurück müssen in den Busch, können wir doch nicht Alles auf unseren Schultern tragen, und wenn wir wieder hierher kommen, wollen wir wieder essen und trinken.«
»Und wohin will Johnny mit dem Boote gehen?« fragte der Alte.
»Wohin? – nirgendshin – nur den Fluß ein Stück hinab, bis dahin, wo uns die Rothjacken nicht im Sumpf und Schilf folgen können.«
»Und Du selbst gehst mit hinein?«
»Kann ich in's Boot?« rief der Buschrähndscher, »wo ich uns Alle hier vertheidigen muß?«
»Gut,« sagte Bukkul, »dann laß die Frauen und Kinder darin den Strom hinabschwimmen, wo sie die Kugeln der weißen Teufel[8] nicht erreichen können. Lloko mag mit ihnen gehen und Bukkul wird dafür sorgen, daß das große Canoe gesichert bleibt.«
»Wenn ich Dich entbehren könnte, Bukkul,« erwiderte ausweichend John, »aber Du allein hast Ansehen bei deinem Stamm, und wenn Du fort bist, laufen Deine jungen Männer auch in den Busch, und lassen Johnny allein hier zurück, das Lager zu vertheidigen.«
»Und sollen die Frauen und Kinder in das große Canoe?« frug der Wilde.
»Nein,« sagte John nach einigem Zögern. »Sie sind sicherer im Busch. Wenn sie darin springen und schaukeln, drehen sie das Canoe um, und Alles was wir darin haben, wäre verloren.«
»Es ist gut,« sagte Bukkul finster, und schritt langsam zu den Feuern der Seinen zurück.
John sah ihm mit fest auf einander gebissenen Lippen nach, aber auf anderer Seite war seine Gegenwart zu nöthig, ihm lange Zeit zum Ueberlegen zu lassen.
Unter den Buschrähndschern selbst hatte sich nämlich ein Streit entsponnen, da ein Theil die ihm zugewiesenen Plätze nicht behaupten, und lieber mit den Uebrigen in der Nähe des Bootes bleiben wollte. Wer bürgte ihnen dafür, daß die Andern sie nicht im Stiche ließen; wußten sie doch recht gut, daß sie an deren Stelle das Nämliche gethan.
John war aber kaum unter sie getreten, den Streit zu schlichten, als gar nicht weit von dem Lager entfernt ein Schuß fiel, und gleich darauf Einer der Eingebornen seinen Speer schwingend zum Lager stürzte.
»Wahnsinnige!« schrie da John, den Augenblick benutzend. »Jetzt, wo der Feind im Begriff ist, uns von allen Seiten anzugreifen, streitet Ihr Euch wie Kinder um Eueren Platz im Kampf. An Euere Posten, oder beim Teufel, der Erste, der noch ein Wort der Gegenrede über seine Lippen bringt, stirbt von meiner Hand. Fort, Ihr da – hinüber hinter das Verhau – seht Ihr dort hinten die Rothjacken durch die Bäume schimmern? – Die sind ein treffliches Ziel und an denen laßt Eueren Grimm aus, so viel Ihr wollt.«
John hatte Recht. Schon konnten sie zwischen den schlanken und hohen Stämmen der Niederung hin die rothe Uniform ihrer Feinde hie und da vorschimmern sehen, und da die Buschrähndscher recht gut wußten, daß sie wenigstens den ersten Anprall der Gegner zurückweisen mußten, um freie Hand zu ihrer Flucht zu bekommen, folgten sie jetzt dem Befehl des Obern, der ihnen mit seinem Beispiel voranging. An den Kampf im Busch gewöhnt, und besonders hier mit jedem Vortheil, den ihnen der Boden gewährte, bekannt, hatten sie auch bald die erste mehr zum Recognosciren als zum wirklichen Angriff ausgesandte Abtheilung des Militärs in der Flanke gefaßt, und ihre Kugeln trafen und überraschten den Feind von allen Seiten.
Durch den Uebermuth der Buschrähndscher dazu getrieben, dem Unwesen endlich ein Ende zu machen, und die Sicherheit des Eigenthums in der Colonie doch einigermaßen wieder herzustellen, waren in der That, wie schon erwähnt, die äußersten Anstrengungen gemacht worden. Hielten doch diese Nachrichten, wenn sie nach Europa drangen, sonst zum Auswandern vielleicht Gewillte davon ab, ihr Leben und Vermögen einer Colonie anzuvertrauen, wo Beides in solchem Grade gefährdet war, und wie es schien, von den Behörden selber nicht einmal mehr geschützt werden konnte.
Der Oberbefehl war dabei wieder unserem alten Bekannten, Tolmer, übertragen worden, der nicht allein den Busch, sondern auch diesen kecken und gefährlichen Räuber sehr genau kannte. Hatte er ihn doch früher schon einmal als John Mulligan eingeliefert, und jetzt den nachlässigen Behörden zu danken, daß er auf's Neue sein Leben in die Schanze schlagen durfte, den zum Aeußersten getriebenen Verbrecher endlich unschädlich zu machen.
Es bedurfte aber auch eines solchen Führers, das mit dem Busch nur wenig vertraute Militär alle die ihnen entgegen stehenden Schwierigkeiten überwinden zu lassen, denn von den dort angestellten Squattern und Schäfern durften sie auf wenig oder gar keine offene Hülfe und Unterstützung rechnen. Diese fürchteten die Buschrähndscher und deren Rache, wenn das Unternehmen mißglücken sollte, mehr, als sie von dem gegen sie unternommenen Zug erhofften.
Nur zu oft war es nämlich schon vorgekommen, daß sich die Squatter hatten verleiten lassen, den gegen die Strauchdiebe ausgesandten Polizeibeamten thätliche und offene Hülfe zu leisten, ohne daß die Letzteren etwas Wesentliches ausgerichtet hätten. Die Polizei zog sich dann wieder zurück, aber die Squatter blieben auf ihren einzelnen Stationen der Rache der gereizten Verbrecher preisgegeben, die dann auch selten säumten, furchtbare Wiedervergeltungsrache zu üben. Mit solchen Erfahrungen hielten es die auf viele Meilen von einander zerstreut wohnenden Ansiedler viel gerathener, sich bei späteren Expeditionen, wo das nicht ganz im Geheimen geschehen konnte, gar nicht mehr zu betheiligen, ja unterstützten die in ihrer Nachbarschaft ihr Wesen treibenden Buschrähndscher wohl noch gar mit Lebensmitteln und Kleidern, wenn sie deren dringend bedurften, sich ihren guten Willen zu erkaufen und sie abzuhalten, ihre Heerden fort zu treiben oder ihre Stationshäuser in Brand zu stecken.
Tolmer bedurfte ihrer nicht; mit ein paar treuen Schwarzen, die dem am Murray lagernden Stamm ihrer Landsleute feindlich gesinnt waren, hatte er am Abend vorher, ehe der Angriff stattfinden sollte, die Gegend selber ausgekundschaftet, und sich von der Situation des Lagers, wie der ungefähren Stärke des Feindes überzeugt. Wäre diese aber auch doppelt so stark gewesen, Tolmer wußte, daß seine Leute siegen würden, denn wenn auch die Verzweiflung einer solchen Schaar ihre wackere Hülfe im Kampf ist, wog das Bewußtsein ihrer guten Sache das auch doppelt wieder auf. Uebrigens hatte er von dem im Schilf versteckten Boot keine Ahnung, und an die andere Seite des Stromes nur einige Scharfschützen postirt, auf solche der Feinde zu feuern, die etwa in einem der erbärmlichen indianischen Rindenschalen oder durch Schwimmen versuchen sollten, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen.
Zwei Freiwillige hatten sich übrigens seinem Zuge angeschlossen, und zwar zwei alte Bekannte von uns, Bill, der Kutscher der Royal Mail, der dem würdigen Fuhrwerk Valet gesagt, sein Brod auf andere Weise zu verdienen, und jener Squatter, Passagier der geplünderten Postkutsche.
Bill, der auf den Fahrten mit dem lebensgefährlichen Karren seinen Hals wochenlang der Wahrscheinlichkeit ausgesetzt hatte, über kurz oder lang gebrochen zu werden, sah auch in dieser Expedition eben nichts Gefährlicheres, und wollte, weil für den Augenblick ohne bestimmte Beschäftigung, die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, den verwünschten Buschrähndscher einmal wieder zu finden und zur Rechenschaft zu fordern für die erlittene Mißhandlung.
Der Squatter kam in einer andern Hoffnung. Gentleman John hatte ihm nämlich nicht allein seine erst theuer erkauften Waffen, sondern in der Brieftasche auch sein ganzes Besitzthum abgenommen, das er erst wenige Tage vorher zu Geld gemacht. Seine Absicht war gewesen, sich in der Nähe von Adelaide niederzulassen, weßhalb er seine Station mit all' seinen Heerden am Nooratberg verkauft. Jetzt, von allen Mitteln entblößt, blieb ihm fast nichts Anderes übrig, als hier einen letzten verzweifelten Versuch zu machen, sein Geld vielleicht wieder zu bekommen, oder doch wenigstens an dem frechen Räuber Rache zu nehmen.
Tolmer hatte indessen seine ihm untergebene Schaar in zwei Haufen getheilt, von denen er den einen in die Flanke gesandt, während er mit dem andern gerade vorrückte. Recht gut wußte er dabei, daß die Buschrändscher an dem dort hohen Ufer des Stromes eine ziemlich gute Stellung eingenommen hatten, und sie, oder wenigstens einen Theil von ihnen, aus derselben herauszulocken, schickte er ein kleines Detachement Militär voraus, das den gemessenen Befehl hatte, einige Schüsse abzufeuern und sich, so wie der Feind gegen sie anrücke, langsam hinter den Schutz der Bäume zurück zu ziehen.
Gentleman John war aber zu schlau, in diese viel zu offen liegende Falle zu gehen, und wie die Soldaten dem scharfen Feuern der Seinen wichen, rief sein Signal die siegesmuthigen Räuber wieder hinter ihre Verschanzungen zurück.
Rothkopf, einer der wenigen Buschrähndscher, auf die er sich am besten glaubte verlassen zu dürfen, hatte indessen die Einschiffung der zu einer langen Fahrt nothwendigsten Gegenstände besorgt, und besonders von den Schwarzen mehrere dazu verwandt, nicht allein die Provisionen in das Boot zu packen, sondern auch noch verschiedene kleine Wasserfässer anzufüllen, da sie das Wasser den Strom weiter hinab seines Salzgehaltes wegen nicht mehr gebrauchen konnten. Dadurch aber war der Verdacht der Eingebornen zur Gewißheit geworden; denn wenn den Weißen nur daran lag, ihr Boot weiter unten am Strom in ein sicheres Versteck zu bringen, so hätten sie dazu nicht des vielen frischen Wassers bedurft. Gingen sie aber wirklich in See, so war ihr Stamm hier der größten Gefahr ausgesetzt, von den Feinden aufgerieben zu werden.
Tolmer wußte allerdings Nichts von dieser Uneinigkeit im Lager der Feinde, er hatte sie aber diesmal zu fest und sicher umstellt, um nicht von einem entschiedenen Angriff seiner ganzen Macht Alles zu hoffen. Ueber den Fluß konnten sie nicht, ohne von seinen Schützen drüben empfangen zu werden, der Weg in den Busch war ihnen durch seine Constabler und berittenen Polizeisoldaten abgeschnitten, und ein Theil der Letzteren mit der kleinen ihm mitgegebenen Abtheilung regulären Militärs mußte sie jetzt entweder aufreiben oder in das Uferschilf des Murray jagen, wo ihnen zuletzt keine andere Wahl blieb, als sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.
Kaum hatte sich deshalb der zum Recognosciren abgeschickte erste Trupp vor dem heftigen Feuer der sich von allen Seiten auf sie werfenden Buschrähndscher zurückgezogen – wobei sie drei Todte auf dem Kampfplatz lassen mußten – als Tolmer das Zeichen zum allgemeinen Angriff gab, und jetzt besonders die reguläre Truppe mit weit mehr Erbitterung über den heißen Empfang als Vorsicht auf die Räuber eindrang. Sie erreichte auch zuerst den Kampfplatz, und die Buschrähndscher, die im Anfang glaubten, daß sie die ganze Macht des Feindes hier vor sich hätten, richteten auf die rothen, leicht zu erkennenden und besonders im Buschkampf höchst unzweckmäßigen Uniformen ihr ganzes tödtliches Feuer. Selbst die an der rechten Flanke postirten Männer schossen ihre Musketen nach jener Richtung ab, und erhoben ein Siegesgeschrei, als sie sahen, welch schlimme Wirkung ihre Kugeln in dem dicht gedrängten kleinen Trupp der Soldaten anrichtete.
Diesen Augenblick, ehe die Räuber im Stande waren, ihre Gewehre wieder zu laden, benutzten die Constabler, denen sich der Squatter und Bill angeschlossen hatten, mit einem lauten Hurrah und bei dem Rasseln einer von den Soldaten geborgten Trommel aus ihrem Hinterhalt zu brechen. Ohne einen Schuß zu feuern, drangen sie bis auf etwa zwanzig Schritte gegen die bestürzten Buschrähndscher vor und hatten, erst jetzt in tödtlicher Nähe, ihre Musketen und Doppelflinten auf sie entladend, im Nu den Verhau gestürmt, der den Räubern bis dahin Schutz gewährt.
Zu diesem Beistand war zwar von Gentleman John der ganze schwarze Stamm bestimmt worden, der mit seinen Speeren einen dort angreifenden Feind in der Flanke fassen sollte. Bukkul aber, nicht gesonnen, das Boot außer Acht zu lassen, hatte seinen Leuten insgeheim Gegenbefehle gegeben, und während die überraschten Buschrähndscher jetzt flüchtig und in panischem Schreck auf den Haupttrupp der Ihren zurückfielen, glitten die Schwarzen, von den Frauen und Kindern gefolgt, der Stelle zu, wo das Boot, nur von einigen überhängenden Bäumen verdeckt, flott im Strome lag.
Gentleman John übersah mit einem Blick die über ihn hereinbrechende Gefahr. Rothkopf, den er zum ersten Lieutenant seiner Schaar gemacht, hatte freilich selbst für diesen von dem schlauen Buschrähndscher vorhergesehenen Fall seine Instruktionen, durfte er aber selbst diesem trauen? – Da antwortete eine Musketensalve vom Boote her seinem ängstlichen Zweifel. Die dort gestörte Schaar hatte, dem Befehl des Führers treu, und auch im eigenen Trieb der Selbsterhaltung, ohne Weiteres auf die befreundeten Schwarzen Feuer gegeben, und laut aufheulend in Schmerz und Wuth wich die dunkle Horde den wohlgezielten Kugeln der Verräther.
Dies plötzliche Feuern im Rücken erfüllte aber den vorderen Trupp der Buschrähndscher, die von solchem Befehl keine Ahnung hatten und sich von allen Seiten umzingelt glaubten, mit Entsetzen. Während daher John, die augenblickliche Verwirrung benutzend, zurück, dem Boote zu, sprang, warfen sich einige von seinen Leuten voller Verzweiflung und Alles verloren glaubend, in den Strom, das gegenüberliegende Ufer durch Schwimmen zu gewinnen, während Andere neben den Feinden hin in das Dickicht zu entkommen suchten.
Der Squatter sowohl wie Bill, die bei dem siegreichen Flankenangriff betheiligt waren, hatten indessen unter den Räubern beide ihren gemeinsamen Feind erkannt, und ohne sich um die Andern zu kümmern, deren zersprengter Schwarm meist niedergeschossen wurde oder den Constablern in die Hände fiel, sprangen die beiden Männer hinter der flüchtigen Gestalt des Räubers her, mitten in das Lager hinein.
John selber wußte recht gut, daß er keinen Augenblick zu versäumen hatte, sich und einige Wenige der Seinen in dem Boot in Sicherheit zu bringen. Was kümmerten den herzlosen Räuber die Uebrigen, hätten sie doch an seiner Stelle das Nämliche gethan. Jetzt gerade war da auch der günstige Moment, da die Feinde durch das Ausbrechen des überrraschten Vordertrupps vollkommen beschäftigt und aufgehalten wurden. Ohne sich deshalb auch nur nach denen, die er befehligt, umzusehen, und vollkommen gleichgültig dagegen, was aus ihnen würde, umsprang er die nächste, erst kürzlich aufgeworfene Verschanzung, hinter der noch der letzte Rest ihrer Vorräthe aufgeschichtet lag.
Von dort aus konnte er das Boot erkennen. Rothkopf stand im Spiegel desselben, das Steuer in der Hand, sechs oder sieben seiner Schaar hatten theils Ruder, theils Stangen aufgegriffen, das Fahrzeug, so wie der Befehl gegeben wurde, rasch vom Ufer zu stoßen, und zwei Andere waren gerade beschäftigt, eine dünne Ankerkette, die noch am Ufer um einen Baum geschlagen lag, loszuwerfen. Es schien die höchste Zeit, daß er sich seinen Leuten zeigte, fühlte er sich doch nicht ganz sicher, daß selbst Rothkopf auf ihn warten würde, wenn er, Gefahr für sich sehend, das Boot, von allen Hindernissen frei, im Strom erst hatte.
Kaum noch hundert Schritte war er von diesem entfernt, und wollte eben einen im Weg liegenden Gumbaum überspringen, als sich ihm dort die drohende Gestalt seines alten Bekannten, des Squatters, in den Weg warf, der ihm mit auf ihn angelegtem Rohr ein donnerndes »Halt, verdammte Bestie!« entgegen rief. Zu gleicher Zeit hörte er flüchtige Schritte hinter sich, und den Kopf scheu zurückschlagend, erkannte er Bill, den früheren Conducteur und Postillon der Royal Mail, der sein abgeschossenes Gewehr verkehrt in der Hand mit gehobenem Kolben hinter ihm drein sprang.
»Ergib Dich, Canaille,« donnerte ihm dabei der Squatter zu, »oder, beim ewigen Gott, ich schicke Dir eine Ladung Blei durch's Hirn!«
»Schieß und sei verdammt!« knirschte aber der Buschrähndscher durch die Zähne, denn hier lag nur die Wahl für ihn zwischen Tod auf dem Schlachtfelde oder am Galgen, und mit raschem Ansprung wollte er sich auf den Gegner werfen. Da berührte dessen Finger den Drücker, und um John's Leben wäre es geschehen gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick ein Freund, der einzige vielleicht, den er auf dem weiten Erdenrund so nennen durfte, zu seiner Hülfe an dem Kampf betheiligt.
Es war Lloko, sein schwarzes Weib, das er, mit Allen ihres Stammes, gerade im Begriff gewesen, dem Feind zu überlassen. Wußte er auch, wie sie ihn liebte, wie sie mit all' der hingebenden Treue an ihm hing, deren nur eben ein Frauenherz fähig ist, auch wenn es unter einer dunkleren Hautfarbe schlägt, was kümmerte das ihn, den Gefehmten der Gesetze. Er kannte, liebte nur sich selbst.
Lloko dagegen, mit keinem Gedanken von Mißtrauen im Herzen gegen den Mann, dem sie sich einmal zu eigen gegeben, sah trotz den Kugeln, die aus den Büchsen der verrätherischen Weißen die Reihen ihres Stammes lichteten, und Freunde und Brüder an ihrer Seite nieder warfen, nur die Gefahr des Gatten, sah ihn, der ihre Seele war, bedroht vom Feinde, und mit der kurzen Kriegskeule in der Hand, die sie zu ihrer eigenen Vertheidigung aufgegriffen, schmetterte sie in demselben Augenblick das drohend auf ihn gerichtete Rohr zur Seite, als es seine tödtliche Ladung gegen ihn entsandte. Der zweite blitzschnell dem ersten folgende Schlag war gegen das Haupt des Weißen selber gerichtet, und der ehrliche Squatter brach, von dem harten Holz getroffen, bewußtlos wo er stand zusammen.
John, der sich jetzt nur noch von einem und zwar dem wenigst gefährlichen Gegner bedroht sah, schöpfte wieder neue Hoffnung.
»Brav, Lloko!« rief er, indem er geschickt dem von Bill nach ihm mit bestem Willen geführten Kolbenschlag auswich; »Du verstehst es viel besser, als der Tölpel hier.« In gleichem Moment unterlief er den im Buschkampf weniger geübten Roßlenker, und Bill fühlte nur noch ein paar unbestimmte dumpfe Schläge, die ihm der geübte Boxer auf Stirn und Schläfe gab, als er, wie von einem Schmiedehammer getroffen, zusammenknickte.
Drei, vier Schüsse wurden jetzt von Einzelnen der Constabler, die den Kampf aus der Ferne gesehen, herübergefeuert, und die Kugeln schlugen links und rechts in die Bäume ein. Unversehrt aber sprang John jetzt, von Lloko dicht gefolgt, dem Boote zu, das in diesem Augenblick seine Kette freibekommen hatte.
»Höchste Zeit, daß Ihr kommt, Johnny!« rief diesen Rothkopf entgegen, »Teufel noch einmal, es wird Zeit, daß wir abschieben – an Bord, sag' ich – an Bord, oder wir haben die Rothjacken am Hals, ehe wir's denken. – Soll denn die Schwarze mit?«
John blickte, noch selber zweifelhaft, nach seiner Frau hinüber, Lloko aber, ohne auf die Frage zu achten, warf sich in den Strom, schwamm zu dem Boot hinüber und kletterte an Bord. Zeit zum Ueberlegen blieb überhaupt nicht, und Gentleman John mußte ihrem Beispiel folgen, wollte er nicht selber zurückgelassen werden. Seine Brieftasche zwischen den Zähnen, stieg er in den Strom, und hatte kaum eine ihm zugereichte Stange ergriffen, sich leichter hinüber ziehen zu lassen, als die Ersten der Feinde schon auf der Uferbank erschienen, und daran hinnrannten, das Boot am Abfahren zu verhindern. In wenigen Sekunden war der Führer der Buschrähndscher aber an Bord, und mit Stangen und Rudern arbeitete die kleine Schaar, die Mitte des hier ziemlich breiten und tiefen Stromes zu gewinnen.
Durch das Geschrei der Constabler angelockt, eilte jetzt auch ein kleiner Trupp der bis zum verlassenen Hauptlager vorgedrungenen Soldaten herbei, und diese feuerten, als sie das Boot im Wasser sahen, ihre Gewehre darauf. Zwei der Buschrähndscher wurden getödtet, und selbst John erhielt eine Streifwunde an der Schulter. Das schilfige Ufer verhinderte hier aber, daß ihnen die Feinde so rasch folgen konnten, und ehe diese wieder geladen hatten, waren sie aus dem Bereiche ihrer Kugeln.
Schweren Stand würden die flüchtigen Räuber freilich trotzdem gehabt haben; denn Tolmer führte einen Theil seiner Leute auf einem ihm bekannten Pfad den Strom eine Strecke hinab, wo sie, wenn sie vor dem Fahrzeug eintrafen, den gerade an dieser Stelle wohl sehr tiefen aber nicht breiten Strom sehr leicht überschießen konnten. Ein scharf einsetzender Nordwestwind begünstigte aber die Verbrecher. Nachdem sie die beiden Leichen der getödteten Kameraden ohne weitere Ceremonie über Bord geworfen und ihr kleines Boot dadurch wesentlich erweitert hatten, setzten sie das schon bereit liegende Segel, und glitten jetzt, weit rascher als ihnen das mit Rudern möglich gewesen wäre, den leicht gekräuselten Strom hinab.
Als die Verfolger den vorerwähnten Platz erreichten, konnten sie eben noch in der Ferne, gerade dort, wo der Murray breit und sumpfig in den Victoria-See einmündet, das lichte Segel der Räuber erkennen, und an ein weiteres Nachsetzen ohne Boote war nicht zu denken.
Zwar wurden solche so rasch als möglich vom Ufer des Sees her requirirt, und der Anführer der Polizei hatte immer noch die Hoffnung, die flüchtigen Feinde wieder aufzuspüren, die, wie er glaubte, es nicht wagen würden, die gefährliche Einfahrt in die Encounterbay und offene See zu forciren.
Was aber blieb den zur Verzweiflung getriebenen Männern anders übrig, als jetzt, mit den Mitteln ausgestattet, das Land ihrer Knechtschaft, das für sie entsetzliche Australien, zu verlassen, auch das Aeußerste dafür zu wagen. Sie Alle wußten, daß sie, einmal in die Hände des Gerichts gefallen, der Strick des Henkers rettungslos erwarte, und was war dagegen die tosende Brandung, die ihnen am nächsten Abend ihren weißen Kamm entgegenwälzte.
Rothkopf, ein alter Matrose, der früher wegen versuchter und wahrscheinlich auch schon ehedem ausgeführter Seeräuberei deportirt worden, übernahm hier die Führung des kleinen Fahrzeugs, von dem aus er erst eine Zeit lang den Gang der Brandung beobachtete. Dabei fand er bald, daß sie sich in ziemlich hohen und gefährlichen Sturzwellen gegen die einzige Ausfahrt heran wälzte. Zwischen den verschiedenen Sturzwellen aber, und regelmäßig nach der dritten, trat eine kurze Ruhe mit stillem Wasser ein, die ihnen die Möglichkeit ließ, hindurch zu kommen. Der Wind war ihnen günstig, und benutzten sie ihre Zeit kaltblütig und geschickt, so war, das sah er bald die Ausfahrt möglich.
Ohne Zögern wurden deshalb die nöthigen Vorbereitungen getroffen. Mit dem scharfen Bug glitt das kleine schwanke Fahrzeug zitternd der Fluth entgegen, als ob es selber erbebe vor der nahenden Gefahr. Rothkopf aber handhabte das schmucke Boot mit sicherem Blick. Das Segel war, als sie die Brandung fast erreicht, eingenommen, und nur die ausgehende Ebbe führte sie jetzt mit starker Strömung der furchtbaren Stelle zu. – Ein Rückgehen war schon nicht mehr möglich – vor ihnen bäumten sich die gläsernen Mauern und schüttelten ihnen die weißen, sonneblitzenden Mähnen drohend entgegen – es war die dritte Brandungswelle, die fast über ihren Häuptern hing. Jetzt schmolz sie wie ein Hauch in sich zusammen, und rechts und links vom Boot zischte und tanzte der silberblinkende, wirbelnde, kochende Schaum.
»Euer Segel auf!«
Im Nu faßte es der Wind und riß das Boot durch den gährenden Strudel hin. – Schon hob sich die neue Woge wieder bäumend auf, und hinter dem Spiegel des kleinen Fahrzeugs selber quoll es empor in riesenhafter Majestät – noch wenige Sekunden, und es hätte dem Schiff den Wind entzogen und es hineingezogen in den Wasserberg – aber die Ebbe half den Räubern über die Gefahr. Zischend schoß das schlank und trefflich gebaute Boot der offenen Fluth, der freien See, entgegen, und jauchzend, jubelnd begrüßten die Geretteten das Meer!