John Newman.

1.
Welchen Entschluß John Newman faßte.

»Frühstück fertig, Jack!« rief der Schreinermeister Newman, indem er die Thür der Werkstätte halb öffnete und den dicken gemüthlichen Krauskopf hereinsteckte – »Donnerwetter, Junge, wie vielmal soll man Dich denn heute rufen? laß doch die verdammten Zeitungen liegen und komm. – Ich weiß so nicht, wie wir heute fertig werden wollen.«

John, oder Jack wie er in den gewöhnlichen freundlichen Abkürzungen von den Seinen genannt wurde, warf die Zeitung rasch nieder, band sich das Schurzfell ab, wusch in einem schon für ihn bereitstehenden Becken die Hände und trat dann in die Nebenstube, wo das reinliche Theegeschirr auf dem Tisch stand, und die Familie des Schreinermeisters ihr Frühstück schon begonnen hatte – Jack schien gar so lange auf sich haben warten zu lassen.

»Aber, Jack, wo bleibst Du denn heute nur?« sagte die Mutter, indem sie sich nach seinem Platz hinüberbog und ihm die ausgehaltene Tasse aus der blankgescheuerten Kanne füllte.

»Dreimal hab' ich ihm gerufen, Mutter,« lachte die Schwester, ein freundliches sechzehnjähriges Mädchen, mit dunkelbraunen Haaren und klaren lichtblauen Augen – »und er hat mir nicht einmal geantwortet – ich glaube wirklich, daß ihm die Minen im Kopfe stecken.«

»Die stecken mir auch im Kopf!« erwiderte der Alte, mit einem tüchtigen Stück Beefsteak zwischen den Zähnen, daß seine Worte kaum verständlich wurden – »und gute Ursache dazu; solcher Verdienst ist lange nicht da gewesen, wir können jetzt kaum Waschmaschinen genug machen – wenn's nur lange anhält – ich traue der Sache nicht recht.«

»Habt Ihr schon von dem 300 Pfund schweren Klumpen gehört, Vater, den sie auf Mr. Karrs Station gefunden haben?« frug Jack, und legte Messer und Gabel nieder – »in der Zeitung steht heute die genaue Beschreibung davon.«

»Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ihm das Gold im Kopf steckt,« lachte Marie, »paß auf, Vater, er packt nächstens auf, zieht ein blaues Buschhemd an, setzt einen californischen Hut auf und wandert in die Berge.«

»Er wird kein Narr sein,« sagte der Vater mürrisch, dem das Gespräch nicht zu gefallen schien.

»Heidewells Gesellschaft haben die acht Tage, die sie oben sind, jeder sieben Unzen rein verdient,« fuhr Jack, ohne der Schwester zu antworten, gegen den Vater gewendet, fort: »und Browns schreiben, es ginge ihnen ganz ausgezeichnet und wollen, daß ihre andern beiden Brüder ebenfalls hinaufkommen.«

»Die haben auch hier nichts zu verlieren,« brummte der Alte, und stieß mit der Gabel heftig in das »Pickles« Glas, um aus dem engen Hals eine schon sechsmal vergebens angestochene dicke Gurke herauszufischen – »ein Handwerk verstehn sie nicht, und Architekten gibts hier genug – die können oben recht gut einmal ihr Glück versuchen; wir aber haben hier die Hände voll zu thun und verdienen schönes Geld. Stehen wir uns nicht jetzt, wenn wir ordentlich arbeiten, jeder die Woche auf unsere 5–6 Pfund Sterling, und läßt sich das von allen in den Minen sagen? und dazu leben wir hier doch wenigstens wie Menschen – die Gurke hier ist ein wahrer Satan, und ich glaube wahrhaftig, die ist erst in der Flasche so gewachsen – und schlafen Nachts trocken unter Dach und Fach, während sich die da oben in Regen, Schnee und Thau herumquälen.«

»Aber Vater,« fiel im Jack in die Rede, »es sind auch viele oben, die nicht nur ein Pfund Sterling den Tag, die –«

»Oh, paperlapapp,« unterbrach ihn der Alte – »wenn Einer Glück hat, laufen auch wieder zehn nebenher und saugen Hungerpfoten – jedes Handwerk hat einen goldenen Boden, den man sicher findet, wenn man nur fleißig darnach arbeitet, mit der anderen Geschichte ist's aber noch verdammt ungewiß, und ich meines Theils will gewiß lieber die Waschmaschinen machen, als selber damit schaukeln.«

»Aber, wenn nun einmal ein junger Mensch sein Glück versuchen will?« warf die Mutter, auf welche die zahllosen Erzählungen der neu entdeckten Schätze keineswegs verfehlt hatten, einigen Eindruck zu machen, zuredend ein – »er kann ja doch zufällig –«

»Auf den Zufall hin handelt aber kein vernünftiger Mann,« brach der alte Schreinermeister ärgerlich heraus, indem er die endlich erbeutete Gurke auf seinen Teller stieß, in zwei Theile schnitt und rasch verschwinden ließ – »alle Wetter mit dem dummen Zeug; Ihr setzt dem Jungen sonst noch am Ende verrückte Sachen in den Kopf. Hier, Jack, wenn Du gegessen hast, schaff' mir die Fenster hinauf in die Darling Nursery, das Schiff, das die Blumen mitnehmen will, geht morgen früh unter Segel, und wir dürfen keinen Augenblick Zeit mehr damit verlieren.«

Das Gespräch war hiemit abgebrochen, bei John aber hatte es nichtsdestoweniger Wurzel, tiefe Wurzel geschlagen. Als er nun gar die Fenster Georgestreet hinauf an den Ort ihrer Bestimmung geschafft hatte und wieder zurück durch die Stadt schlenderte, als er überall Gruppen traf, die von weiter nichts als dem eben entdeckten Mammuth Klumpen Gold sprachen – denn ganz Sidney war in einer wirklich fieberhaften Aufregung, und die wahnsinnigsten Gerüchte von Gold und Edelsteinen wurden mit größter Bereitwilligkeit geglaubt und wieder erzählt – reifte sein Entschluß mehr und mehr, jenen Ort selber zu sehen, jene fabelhaften Schätze selber mitfinden zu helfen.

Vor des Juweliers Hale Fenster drängte ein ganzer Kreis von Neugierigen, welche die dort heut morgen neu ausgestellten Stücke Gold mit staunenden Blicken betrachteten, und in dem Fenster eines Brokers wurde die Einbildungskraft der Menge gar nicht mehr erfordert, sich Haufen Goldes zu denken, denn dort stand eine hohe Blechbüchse, die etwa vier Quart oder Schoppen halten mochte, fast bis zum Rand mit blitzendem Gold gefüllt.

»Wo das herkommt ist mehr!« rief ein Karrenführer, der sein beladenes Fuhrwerk ruhig in der Mitte der Straße hatte stehen lassen, zu sehen was es hier an den Fenstern wieder Neues gäbe – »hol' mich dieser und jener, wenn das nicht die letzte Ladung ist, die ich Georgestreet hinauf fahre« – und damit schob er sich, die Peitsche hoch über seinem Kopf haltend, aus dem mehr und mehr hinzuströmenden Menschenschwarm zurück, knallte den beiden müden, schon halb eingeschlafenen Pferden eines um die Ohren, und trieb, fröhlich dabei pfeifend, die breite, menschengefüllte Hauptstraße Sidney's hinauf.

John ging nachdenkend nach Hause, überall begegneten ihm beladene Karren, die den Minen zuzogen – nicht selten von Bekannten begleitet, die ihn lachend aufforderten, sich ihnen anzuschließen – es schien heute Morgen Alles zusammengekommen zu sein, ihm den Kopf zu verdrehen, und wenn er auch wußte, daß sein Vater gerade jetzt unendlich viel, und zwar schon versprochene Arbeit zu liefern hatte, und ihn kaum entbehren konnte; wenn er auch vorhersah, daß es zu Hause, sobald er nur seine Absicht zu erkennen gäbe, einen schweren Tag für ihn setzen würde, so hatte der Goldschwindel zu viel und zu tief schon bei ihm Wurzel geschlagen. Mit dem Bewußtsein, daß er alt genug sei, für sich selber handeln zu können, wenn er einmal eine Sache für die beste erkannt hatte, hielt er sich, zu Hause angekommen, deshalb nicht lange mit der Vorrede auf, und stellte seinem Vater rasch und bestimmt die Sache wie seine Absicht vor.

Der Alte hatte, als der Sohn begann, schweigend seinen Hobel niedergelegt und ihm, ohne ein einziges Wort einzuwerfen, zugehört, während er ihn ruhig, über die Brille weg, mit etwas vorn übergebogenem Kopf betrachtete. Ganz gegen Jacks Erwartung fuhr er auch keineswegs heftig auf, oder machte die geringste Einwendung, sondern sagte nur als dieser geendet hatte und nun, über das Schweigen des Alten etwas verlegen, vor sich niederschaute, ruhig:

»Hör' einmal, Jack, ich sehe Du hast das »gelbe Fieber« so schlimm wie jeder andere – mit dem ordentlich und vernünftig Arbeiten ist's nun doch mit Dir vorbei, also glaub' ich, wird's das beste sein, Du packst sobald wie möglich auf und bringst selbst Dein Lehrgeld oben an – nachher bist Du mir dann desto nützlicher und auch fleißiger – wenn Du erst einmal ausgetobt hast.«

»Aber Vater, ich kann ja doch auch so gut wie mancher Andere Glück –«

»Ich weiß schon – ich weiß schon,« unterbrach ihn der Alte mit der Hand winkend seinen Hobel wieder aufnehmend – »das ist's ja gerade, was Dich hinauftreibt. Diese Woche mußt Du mir aber noch helfen, unser Wort müssen wir halten, und bis Sonnabend finde ich schon einen Gesellen, der, so lange Du fort bist, bei mir bleibt – bis dahin kannst Du Dir auch Alles was Du nöthig hast, zurecht gemacht haben.«

Es blieb dabei, Jack ließ sich auf der Post einschreiben, und zum nächsten Montag war er ebenfalls ein Candidat des Goldes, das in so ungeheuren Quantitäten, 3-4000 Unzen jede Woche, nach Sidney hineingeschafft wurde, und dessen Gerücht jetzt schon in alle Welt hinausging, und die Auswanderer von allen Welttheilen hinüberlocken sollte.

2.
Wen Jack unterwegs traf.

Jack hatte auf der königl. australischen Post, ohne den Hals oder irgend ein anderes Glied des Körpers zu brechen, Bathurst glücklich erreicht – etwas was gewiß nicht alle Passagiere dieses königl. Fuhrwerks von sich sagen können. Sein Werkzeug und Gepäck war schon vor fünf Tagen von Sidney mit einem Karren abgegangen, und er gedachte die dreißig Meilen bis zum Innern leicht zu Fuß zu machen. Er hätte auch Reisegefährten genug finden können, die Gesellschaft derselben behagte ihm aber nicht besonders, und er marschirte lieber allein nach seiner Bequemlichkeit ruhig fort. Da er aber in der letzten Zeit nicht mehr so viel gegangen war, wurde es schon spät am Nachmittag, ehe er den, etwa 19 Meilen von Bathurst entfernten hohen Berg erreichte, diesen erstieg und sich oben, ziemlich am Gipfel, auf einen Stein setzte, um ein wenig auszuruhen.

Er hatte kurz vorher einen beladenen mit vier Ochsen bespannten Karren überholt, der sich den Berg gerade an dieser steilsten Stelle mühsam hinaufquälte. Der Mann trieb die Ochsen, eine alte Frau ging mit einem kleinen Jungen von etwa acht Jahren voraus, und ein junges Mädchen, dessen Gesicht er des großen Sonnenbonnets wegen nicht sehen konnte, ging mit einem großen Stein neben dem Rad her und legte, jedesmal wenn die Ochsen rasteten, den Stein hinter das Rad, damit der Karren nicht zurückrutschen konnte. Der Berg bildete hier eine ordentliche Kuppe, und rechts und links ging es schauerlich steil an beiden Seiten hinunter. Es war ein höchst fataler Platz für heraufkommendes, wie hinuntergehendes Fuhrwerk.

Der Karren war jetzt gerade zu der Stelle gekommen, wo Jack saß; der Ochsentreiber, ein alter kräftiger Bursch mit greisen Haaren und gutmüthigem Gesicht, hatte sich schon ganz heiser geschrieen, die Ochsen den Berg hinauf zu überreden, und unser junger Freund würde ihn wenig beachtet haben, als er an ihm vorbeischritt, denn sein Blick war gerade auf das liebe, freundliche Gesichtchen des dahinter herkommenden Mädchens gerichtet, hätte ihn der Alte nicht eben im Vorbeigehen ein gemüthliches »wie geht's Jack?« zugenickt. Der junge Mann war ganz erstaunt, daß der Fremde seinen Namen wußte, und drehte sich rasch nach ihm um.

Ein anderer Vorfall nahm aber in demselben Moment seine ganze Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß er alles Andere total darüber vergaß.

Das junge Mädchen war jetzt nur wenige Schritte von ihm entfernt; gerade in diesem Augenblick scheuten die Ochsen, oder der Treiber hatte vielmehr – wie es sich später herausstellte, einen der vordersten mit seiner Peitsche ins Auge getroffen; das Thier, von dem unerträglichen Schmerz gepeinigt, drängte zurück, ein paar kräftig geführte Schläge, welche die Leitochsen wieder in Ordnung bringen sollten, machten auch die andern irre, und als die beiden vordersten jetzt, trotz allem Schreien und Schlagen des Treibers, scharf abbogen, nach dem links hinunterschießenden und nur schwach mit Bäumen besetzten Abhang zu, folgten auch die anderen; der Wagen drehte sich auf seine Achse, stand einen Augenblick auf dem linken Rad und stürzte dann, als das hochaufgehäufte Gepäck das Uebergewicht bekam, langsam und unaufhaltsam zur Seite über.

Nicht allein das ganze Geschirr aber, sondern vor allen Dingen das junge Mädchen, befanden sich in dem Augenblick des Umschlagens in der dringendsten Gefahr, denn gerade über ihr hing die drohende, stürzende Last des ganzen Wagens, und wäre Jack nicht mit einem Satze zugesprungen und hätte sie fort und aus dem Bereich der niederschlagenden Ladung gerissen, sie wäre sicherlich arg beschädigt, vielleicht getödtet worden. So kam sie mit fünf blauen Flecken weg, die des jungen Mannes Finger auf ihr Handgelenk gedrückt, und außerdem noch mit dem Schreck, sich auf einmal, während Kisten und Kasten um sie her rasselten und stürzten, in den Armen eines wildfremden Menschen zu finden.

Der Alte hatte indessen die größte Noth und Mühe, die Thiere, die nun einmal absolut den Abhang hinunterdrängen wollten, zurückzuhalten, und es wäre ihm das auch allein im Leben nicht gelungen. Der umgestürzte Wagen hakte aber hinter einem jungen Gumbaum und die Kette, die durch den plötzlichen Ruck wie ein dünnes Thau abbrach, schnellte sich glücklicher Weise um die nächsten Bäume und hielt da fest. Die Thiere wurden dadurch, wohl oder übel, wieder zum Stehen gebracht, und der Alte bekam Zeit, sie zurück und auf die Straße zu treiben.

Wäre das Mädchen aber auch nicht so hübsch gewesen, so war Jack doch viel zu gutmüthig, den Mann hier mit Frau und Kind und dem umgeworfenen Geschirr allein und im Stich zu lassen. Ueberdies ging es schon auf den Abend zu, viel weiter hätte er doch nicht mehr marschiren, den Turon wenigstens an dem Abend keineswegs mehr erreichen können, und so machte er sich denn auch nun, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit an die Arbeit, half das Geschirr und Gepäck abladen, den Karren wieder aufrichten, die Ochsen frei machen, daß sie füttern, wenigstens die hie und da spärlich genug wachsenden Grashalme aufsuchen konnten, und setzte sich dann mit zu dem unter der Zeit von den Frauen entzündeten und unterhaltenen Feuer, als ob er nicht allein mit zur Familie gehöre, sondern auch von klein auf dazu gehört habe, und das nun einmal gar nicht anders sein könne.

Der Alte hatte gar nicht gesehen, in welcher Gefahr seine Tochter geschwebt, wohl aber die Mutter, die oben am Berge vor lauter Angst und Schrecken in die Knie gesunken war, und jetzt dem jungen Mann gar nicht genug zu danken wußte. Dieser wies das aber lachend von sich, und entschuldigte sich nur, daß er in aller Angst und Eile Jane, wie die Tochter hieß, beinahe den Arm abgequetscht, ihr das Fleisch daran wenigstens blitzblau gedrückt habe. – Er ließ sich aber den Arm doch noch einmal herüberreichen – zufälligerweise saß er nämlich gar nicht weit von Jane – nur um zu sehen wie groß denn eigentlich der Schade sei, den er angerichtet habe, und streichelte zuletzt die Stelle und meinte, es würde schon wieder gut werden ehe sie – ehe sie – ehe sie vier Wochen älter wäre.

Jane schien sich vor dem jungen Fremden gar nicht mehr zu fürchten.

Der Alte hatte im Sinn gehabt auf dem Gipfel des Berges, den er mit seinen Thieren noch an dem Abend zu erreichen gehofft, zu lagern, und deshalb ein kleines Fäßchen mit Wasser auf seinen Wagen genommen, um Abends und am nächsten Morgen Thee davon zu kochen. Der nur lose aufgelegte Spunt war aber abgegangen und das Wasser, beim Umstürzen des Wagens, total ausgelaufen. Jack hatte die besten Beine, nahm einen Eimer und Blechbecher und stieg den Berg hinunter, unten im Thal irgendwo ein Wasserloch aufzufinden. Nach einer Stunde etwa und gerade mit Dunkelwerden kehrte er wieder zurück; Thee wurde gekocht, das große Zelt, das der Alte bei sich führte, und das inwendig zwei Abtheilungen hatte, gerade mitten auf der Straße, als dem einzigen nur halbweg ebenen Platze aufgespannt, und die kleine Gesellschaft nahm vergnügt ihr Abendbrod ein.

»Aber woher wußtet Ihr denn eigentlich, daß ich Jack hieß,« sagte der junge Mann plötzlich, als ihm die fast schon vergessene Anrede des Alten wieder einfiel – »ich weiß doch nicht, daß wir uns schon früher einmal gesehen hätten?«

Die ganze kleine Gesellschaft lachte, selbst das Kind, und der Alte sagte schmunzelnd:

»Hat Euch noch Niemand sonst unterwegs mit Jack angeredet?« –

»Ja,« erwiderte der junge Mann etwas verblüfft – »auf der Post schon ein paarmal, aber ich glaubte, die Leute kennten mich vielleicht von Sidney her – das eine Gesicht kam mir wenigstens bekannt vor.«

»Es ist die allgemeine Anrede hier draußen in den Bergen,« fuhr aber der Alte schmunzelnd fort – »wer, zum Henker, könnte auch all die Namen der Leute wissen, denen er begegnet, und wenn er sie wüßte, wer könnte sie behalten? da nennen wir denn alle einander Jack, und da jeder Jack heißt, kann auch nicht leicht ein Irrthum oder eine Namensverwechselung vorfallen, denn wenn man von irgend einem Jack spricht, so muß der rechte mit gemeint sein.«

Hiergegen ließ sich nichts weiter einwenden, und das Gespräch drehte sich bald auf das Gold über, das alle in die Minen Strömenden sicher dort zu finden erwarteten.

»Man muß aber auch schon etwas finden,« meinte der Alte dabei kopfschüttelnd, »wenn man nur das Geld wieder herausbekommen will, was man selber allein beim Heraufziehen zusetzt. Und wie hätte mir all das Gold in Australien« – fuhr er plötzlich mit viel weicherer Stimme als man dem alten Mann hätte zutrauen mögen, fort – »wohl den Verlust des Mädels da ersetzen können, wenn das mir heute zu Schaden gekommen wäre?«

Jack sah, wie Jane blutroth bei der neuen Erwähnung der Sache wurde und sprang rasch auf den letztgefundenen großen Klumpen Gold über. – Der Alte war hierbei gleich Feuer und Flamme, und es ergab sich jetzt, daß dieser wirkliche Klumpen ihm ebenfalls den letzten Gnadenstoß, mit seinem Entschluß nach den Minen zu gehen, gegeben hatte. Von nun an wurde den ganzen Abend von weiter nichts gesprochen wie von Unzen und Pfunden, Löcher graben und »claims« aufnehmen, von Licenz zahlen und Provisionspreisen, von neuentdeckten reichen Plätzen und erwarteten oder gemunkelten Diamantengruben; kurz, es blitzte und funkelte den guten Leuten den ganzen Abend wie lauter Gold und Edelstein vor den Augen herum, und als sie endlich in ein und demselben Zelte für die Nacht ihr Lager suchten, schien die Sache noch nicht besser geworden zu sein, denn der Alte versicherte Jack am nächsten Morgen, der Rücken thäte ihm noch von dem Gewichte weh, das er die Nacht aus seinem im Traum gegrabenen Loche an Gold herausgewälzt habe. Jack hatte auch geträumt, und wie er meinte, viel angenehmer und lange nicht so beschwerlich; wahrscheinlich auch von dem Golde, doch sagte er es nicht.

Der Alte schien übrigens Vertrauen zu dem jungen Mann gefaßt zu haben, und da einer allein in den Minen, bei der allzubeschwerlichen Arbeit, doch nicht so gut fortkommen kann, so beschlossen sie zusammenzubleiben und mitsammen zu schaffen; die Frauen konnten ihnen dann unter der Zeit die Wirthschaft halten, und Jack meinte, daß sie dann auch natürlich einen Antheil dafür von dem was die Männer zusammen fänden, haben müßten. Der Alte versicherte ihm, das ließe sich schon einrichten, denn der Knabe könnte ihnen ja auch von großem Nutzen sein, und ihr Plan für die künftigen Arbeiten war jetzt mit einem Mal gemacht und beschlossen. Für den Augenblick fehlte nun weiter nichts mehr als eben nur das Gold.

Jack ging, während die beiden Frauen das Frühstück bereiteten, mit dem Alten und dem Knaben aus, die Ochsen, von denen einer eine Glocke umhängen hatte, aufzusuchen und einzutreiben. Sie fanden sie auch glücklicherweise im Thal unten, und das Geschirr stand nach anderthalb Stunden etwa zum Wiederaufbruch fertig. Jack war aber dabei sehr mit seiner bisherigen Tagesarbeit zufrieden – er hatte einem hübschen Mädchen einen sehr großen Dienst erzeigt, ihr vielleicht das Leben gerettet, dabei eine höchst liebenswürdige Familie kennen gelernt, und – auch zugleich das Praktische bei der Sache nicht zu vergessen, einen tüchtigen Mitarbeiter für die Minen gefunden, und sich dort, gewiß eine Hauptsache, einen sehr angenehmen und damit auch zugleich in materieller Hinsicht vortheilhaften Aufenthalt gegründet.

Jack war, wie gesagt, mit dem Resultat des vorigen Tages ungemein zufrieden.

3.
Wie Jack die Minen fand, und wie es dort zuging.

Berge hatten sie in diesen Tag nicht mehr viel aufzuklimmen, wohl aber einzelne, ziemlich steile Höhen hinabzufahren, und es wurde wieder Abend, ehe sie die letzte Höhe, die sie vom Turon schied, erreichen konnten. Hier übernachteten sie wieder und brachen am andern Morgen, so früh sie nur das Vieh zusammentreiben konnten, auf, diesen Tag auch nicht ganz zu verlieren und sich wenigstens noch einzurichten, damit sie am nächsten gleich anfangen könnten, irgend einen für gut erkannten Ort zu bearbeiten.

Am Freitag Morgen fuhren sie denn auch den letzten Berg unmittelbar an den kleinen Fluß hinunter, und befanden sich hier gleich recht mitten im bunten und ächten Minenleben.

Auf der untersten flachen Abdachung des Hügels, der nach dem Turon hinunterlief, standen eine Anzahl schmutziger überwachsener Store oder Kaufzelte mit Waschmaschinen, Spitzhacken und Schaufeln davor, und aufgehäufte Mehl- und Zuckerkisten, und Thee und Rosinen, Seife und andere Waaren darin – darüber hin wehten verblichene englische Flaggen, und bepackte Karren, von Schaaren von Arbeitern begleitet, kamen, und leere Karren, mit magerem, hungrig aussehendem Vieh bespannt, kehrten zurück, und das Ganze bot allerdings ein bewegtes, lebendiges Bild, dem die mit Goldträumen gefüllten Köpfe der Einwanderer gewiß auch den höchstmöglichen Reiz abzugewinnen wußten.

Den Wagen ließen sie nun erst einmal vor allen Dingen am Hügelhang halten, da sie ja noch gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, und die beiden Männer beschlossen erst einmal vor allen Dingen zu recognosciren und sich die Sache anzuschauen. Fanden sie dann einen Platz, der ihnen gut schien, so konnten sie den noch geladenen Karren leicht dorthin schaffen und sich in ein oder zwei Stunden gleich häuslich einrichten.

Jack wollte nun zwar, daß die Frauen gleich mitgingen, und daß sie den Wagen indessen allein dastehen ließen, denn allen Nachrichten zufolge herrschte hier oben die größte Ehrlichkeit, und Diebstähle sollten auch nicht in einem einzigen Falle vorkommen. Der Alte meinte aber, man dürfe Niemanden zu viel trauen – Gelegenheit mache Diebe – und es sei viel besser, sollten sich wirklich schlechte Charaktere hier oben in den Minen aufhalten, diese so wenig als möglich in Versuchung zu führen.

Der Alte hatte vielleicht recht und Jack schlenderte mit ihm allein fort. Vor allen Dingen gingen sie erst einmal nach dem Fluß hinunter, sich die Arbeit dort anzusehen und schon von weitem schallte ihnen das monotone Klappern der Waschmaschinen und das Plätschern des übergeschütteten Wassers entgegen. Es war aber das keineswegs ein unangenehmes Geräusch für sie – sie hatten sich lange darauf gefreut, das zu hören, und Jack wünschte sich nur, als sie so nebeneinander hinschritten, die Zeit herbei, daß er selber an einer Maschine sitzen und sie so recht aus Leibeskräften schütteln könne. – »Es muß doch prächtig aussehen,« meinte er dabei treuherzig, »wenn das Gold da so unten drin liegt und einem entgegenfunkelt.«

Als sie aber dicht zum Fluß hinunterkamen, sah der Ort doch wilder und – ich möchte fast sagen – bösartiger aus, als sie – wenigstens Jack – erwartet hatten ihn zu finden. Ueberall waren tiefe Löcher gegraben und theils verlassen, theils auch ausgearbeitet – oder auch vielleicht nicht ausgearbeitet: denn rechts und links und oben und unten war die Erde manchmal noch gar nicht berührt, oder es lagen schrecklich hohe Steinhaufen obendrauf, die eine entsetzliche Mühe gekostet haben mußten von unten herauszuschaffen. Dicht am Fluß aber – das heißt einem kleinen schmutzigen, an manchen Stellen vielleicht tiefen Bergbach, an dem man aber hie und da trocken hinübergehen konnte – saßen die Wäscher mit ihren Maschinen oder Wiegen, und andere, die vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt davon ihr Loch gegraben hatten, trugen ihnen in Eimern die goldhaltige Erde zum Auswaschen zu, klappten hie und da einmal das Sieb in die Höhe, um zu sehen, ob sich inwendig etwas erkennen ließe, oder blieben auch wohl ein paar Minuten stehen, wenn der Wäscher vielleicht gerade die Maschine ausräumte oder eine Probepfanne voll auswusch.

Am meisten interessirte Jack aber eine Abtheilung von Leuten, die an der andern Seite des Turon arbeiteten und ihre Löcher wohl zehn und zwölf Fuß über dem Fluß, an dem dort gerade ziemlich steilen Hang des Berges eingegraben hatten. Die Erde hatten sie hier etwa vier Fuß abgedeckt – d. h. ein Loch, um zu der Golderde zu kommen, vier Fuß tief gegraben, und wuschen jetzt frisch drauf los. Um aber die Erde zum Waschen bequem hinunter zu der schräg unter ihnen stehenden Maschine zu bekommen, hatten sie lange Rinnen von Baumrinde gemacht und schaufelten jetzt nur oben ein, während der an der Wiege Stehende die Erde unten wegnahm und durchwusch. Die Leute sollten sich ziemlich gut stehen, und – wie es dortherum hieß – ein »schönes Tagelohn« machen.

Dicht daran war das sogenannte »golden point,« eine Biegung im Turon, wo sich die reichsten deposits gesammelt zu haben schienen. Dieser Platz und die einzelnen großen Stücke, die am Ophir gefunden waren, hatten den australischen Minen eigentlich ihren Namen gegeben. Jack betrachtete die dort Arbeitenden mit einer Art Andacht – es waren das in seinen Augen alles »gemachte Leute,« und er dachte auch gar nicht daran zu versuchen, ob er hier in der Nähe noch einen Platz zum Arbeiten hätte bekommen können, sondern wanderte ein Stück weiter den Strom hinauf. Es wäre übrigens hier auch vollkommen nutzlos gewesen, denn schon arbeitete fast Mann an Mann, und alles, was an claims vielleicht noch zu bekommen gewesen wäre, war wenigstens mit dem Commissär durchgesteckt und gehörte dessen »particular friends.«

Der »Commissär« schien hier überhaupt eine sehr bedeutende Rolle zu spielen, und so kurze Zeit Jack erst oben gewesen war, so oft hatte er diesen Namen schon nennen hören.

»Was für ein entsetzliches Thier ist denn das eigentlich?« frug er endlich seinen älteren Begleiter, »was thut es, was treibt es und wovon lebt es?«

Der Alte lachte. »Ja, wenn wir den Commissär nicht hätten und einen Löffel,« sagte er, »so müßten wir unsere Suppe trinken. Der vertritt hier alle königlichen Beamten, Polizei und Mauth, Kreis-, District- und Gott weiß was sonst noch für Gerichte. Er ist dabei der »schwarze Douglas«, der die Kinder, aber auch die Alten fürchten macht; er ist der Hauptcassirer der Minen, und leider Gottes auch, wie ich gehört habe, die Bank, wo Hunderte das einzig ersparte Geld niederlegen, um es nie wieder zu sehen, nämlich die, die mit allem Goldwaschen nur ebensoviel erübrigen, zu leben und ihre Licenz zu zahlen. Der Commissär gibt die Licenzen aus und streicht für jede 30 Shilling ein. Dabei ist es gleich, ob wir den Ersten oder den Zwanzigsten zu arbeiten anfangen, die volle Licenz nimmt er doch, und bis zum sechs- und siebenundzwanzigsten, sagen sie, geht er herum wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge. Nachher liegt er ein oder zwei Tage ruhig, und dann fängt er wieder auf den nächsten Monat an.«

»Nun, wir werden dies Wunderthier ja wohl auch zu sehen bekommen,« meinte Jack.

»Wenn wir so sicher Gold zu sehen kriegen wie den,« sagte der Alte, »so können wir uns gratuliren.«

Etwas weiter am Fluß oben waren mehrere Strecken noch gar nicht bearbeitet, und es sollte hier für den Augenblick zu viel Wasser sein, Löcher waren aber überall gegraben, vielleicht aber nicht vollständig untersucht. So wanderten sie bis zu einer Stelle, wo sich ein anderer Creek in den Turon ergießt, d. h. wo wenigstens seine Mündung liegt, denn der Creek selber, der Oakey – war vorkommen trocken. – Hier begann wieder neues Leben, denn an dieser Stelle hatten sich sehr viele der Zelte zusammengezogen und gewissermaßen ein kleines Dorf gebildet, in welchem mehrere Store oder Kaufzelte und die »Schlachterei« den gerade nicht anziehenden Mittelpunkt bildeten.

Die Schlachterei bestand einfach aus einem hochaufgebauten Gerüst, an dem einige dreißig ausgeschlachtete Hammel hingen, und einer, vielleicht einmal tief gewesenen Kuhle, die aber jetzt mit den Eingeweiden der Geschlachteten und Verzehrten so gefüllt war, daß sie im wahren Sinne des Wortes überzulaufen drohte, und einen pestilenzialischen Gestank um sich her verbreitete. Zelte standen wild und unordentlich dort umhergebaut, und häufig war auch nur von bloßen zusammengesteckten Büschen ein Obdach hergestellt, das die Inwohnenden wohl gegen die Strahlen der Sonne, aber gewiß nicht gegen einen recht guten gesunden Regenschauer schützen konnte.

Doch das waren häusliche Angelegenheiten, für die sich unsere beiden Wanderer jetzt noch nicht besonders interessirten – erst wollten sie sehen, wie es mit den Goldwäschereien stand; das andere fand sich später.

Auch nicht allein auf das unmittelbare Thal des Flusses, das heißt die nächsten Ufer dicht zum Wasser, beschränkte sich das Suchen der nach Gold Gekommenen: überall an den Bergen hingen sie herum, die einen mit Messern vorsichtig zwischen den Steinen und Felsspalten herumkratzend, hie und da ein sogenanntes »Nugget« (ein ächt australisches Minenwort, was auch selbst nicht von Californien herübergekommen war) herauszuklauben, die andern mit Hämmern jeden unschuldigen, ihnen aber höchst verdächtigen Quarzstein auseinanderschlagend, der ihnen in den Weg kam, um vielleicht einer heimlich darin versteckten Goldader auf die Spur zu kommen, und einen »Karr'schen Klumpen« darin zu finden.

Es gab aber auch eine Classe von Arbeitern, – und dazu gehörten keineswegs die eben Gekommenen, – die das schon alles versucht hatten, aber zu keinem besonderen Resultat dabei gekommen schienen, denn sie unterzogen sich jetzt einer viel härteren und keineswegs bedeutend lohnenden Arbeit. Sie hatten aber wenigstens den Vortheil, daß sie durch kein Wasser in ihrer Arbeit gehindert wurden, denn sie schafften oben von dem höchsten Rücken der vielleicht hundert Fuß hohen Hügel die Erde in Säcken nach dem Fluß hinunter, wo einer ihrer Compagnie an der Wiege stand und das ihm gebrachte auswusch. Der Aussage anderer nach sollten die Leute von acht bis sechzehn Shilling den Tag verdienen.

Hierzu fühlten aber unsere beiden Neuangekommenen natürlich nicht die mindeste Lust, da man schlimmer als um Tagelohn arbeiten mußte, und deshalb waren sie nicht in die Minen gekommen. Sie hielten sich also mehr nach dem Fluß hinunter, und beobachteten eine Zeitlang die hier Arbeitenden.

Dicht am Wasser stand ein Mann, ein rothwollenes Hemd über die englisch-ledernen Hosen gezogen, mit braunem breitrandigem Filzhut und groben, schwer mit Nägeln beschlagenen Schuhen. Er wusch eine Pfanne mit Erde aus, die er sich, Gott weiß woher, geholt hatte, denn in seiner Nähe war noch kein Loch gegraben. Vorsichtig schwenkte er die Pfanne hin und her und im Kreise herum, das etwa darin befindliche schwere Metall zu Boden zu bringen, füllte sie dann wieder mit Wasser, und ließ dies mit einem Theil des leichteren Kieses ablaufen. Er war dabei ungemein fröhlicher Laune, das ganze Verfahren geschah im Tact, und er sang sich dazu das alte californische Goldlied – ein klein wenig in den Worten verändert:

»Oh Susannah, don't you cry for me,

I've come here to Australia

With a washbowl on my knee,

And when I've washed the precious stuff,

Then come I back to thee,

Therefore my dearest Susan

Don't you cry for me.–« [12]

»God damn it« rief er aber plötzlich, die leere Pfanne mit dem kernigen Fluch weit von sich schleudernd, als er beim Schluß des Liedes den letzten schwarzen Sand aus der Pfanne gespült und wahrscheinlich sehr wenig oder gar nichts von dem, was er »the precious stuff« nannte, darin gefunden hatte, »hol' doch der Teufel das ganze Goldwaschen und Susannah dazu!« und damit griff er die neben ihm liegende Hacke und Schaufel auf, holte sich die Pfanne wieder, und wanderte, ohne sich weiter umzusehen, den Fluß hinunter.

»Oh Susannah, don't you cry for me,« lachte Jack still vor sich hin, »der Mensch hat keine Ausdauer, bei der ersten Pfanne voll darf man's nicht gleich aufgeben.«

»Nun, wir wissen freilich nicht wie viel Pfannen er schon umsonst ausgewaschen hat,« sagte der Alte, »aber die Pfanne selber brauchte er es deshalb nicht entgelten zu lassen. – Doch wir wollen einmal da hinuntergehen, wo die viere zusammen arbeiten, die scheinen besser mit ihrem Erfolg zufrieden zu sein.«

Die beiden Männer gingen noch eine kleine Strecke den Strom hinauf, als ihnen ein rothbackiger junger Kerl mit einer Waschmaschine auf dem Rücken entgegen kam.

»Hallo Jack!« rief er stehenbleibend, und sich an unsern jungen Freund wendend – »wollt Ihr keine Wiege kaufen? kriegt sie billig.«

Jack war indessen schon daran gewöhnt, seinen Namen mißbraucht zu sehen und schüttelte nur lächelnd mit dem Kopf.

»Habe schon eine,« sagte er, »aber warum wollt Ihr sie verkaufen – schon genug gefunden?«

»Gefunden? – ja – ein Haar in der Sache!« lachte der Bursch – »ich kann meinen Tagelohn bequem in Sidney verdienen, und wenn ich so arbeiten und so leben will wie hier, mach' ich auch wohl noch mehr.«

»Und wie lange seid Ihr schon oben?« frug der Alte.

»Etwa drei Wochen im Ganzen – aber ich will auch nicht etwa sagen, daß ich nichts gefunden hätte, Gott bewahre, da ist es Hunderten noch viel schlechter gegangen, und wenn ich bloßer Taglöhner wäre, sollt' mich kein Mensch hier oben fortbringen, so aber hab' ich ein Handwerk und gerade jetzt genug Zeit mit Goldsuchen versäumt. Ueberdies will ich mich je eher je lieber wieder nach Sidney zurückmachen, denn jetzt kann man noch dort ankommen, wird es aber erst einmal Sommer und trocknet die Geschichte hier aus, dann strömt nachher alles hinunter, und die dann unten im Nest und warm sitzen, haben den Vorrang. Ihr seid wohl eben erst heraufgekommen?«

»Ja – und das klingt gerade nicht tröstlich für neue Anfänger.«

»O laßt Euch um Gottes Willen nicht bange machen – wer weiß, ob Ihr nicht gerade besonders Glück habt – kein Mensch kann das sagen, und überdies seid Ihr nun einmal oben, und müßt's auch von Grund auf versuchen – Ihr könnt ja sonst nachher gar nicht mitreden.«

»Aber wo fängt man denn wohl am besten an?« frug Jack etwas kleinlaut.

»Ja Freund,« lachte der andere, »das müßt Ihr keinen Menschen fragen, sondern selber versuchen. Wenn ich einen Platz wüßte, wo Gold liegt, dann ging ich selber hin und arbeitete dort, und so geht's mit allen anderen auch – man kann wohl vermuthen und glauben, daß irgend eine Stelle eben darnach aussieht, aber lieber Gott, das ist eine sehr unsichere Geschichte, und die Probe, ob das Exempel richtig sei, wie sie bei uns in der Schule sagten, muß erst mit Spitzhacke und Schaufel darauf gemacht werden. Also good bye und viel Glück – das kann man hier oben brauchen.« Und damit wandte er sich und marschirte rüstig den Strom hinunter.

Bald darauf erreichten die beiden Männer auch die Stelle, wo vier Irländer ziemlich dicht am Wasser arbeiteten. Sie schienen gerade eine »Maschine voll« zu haben, denn das Sieb war heruntergelegt, der untere Kasten leer gemacht und der Zapfen noch herausgezogen, einer der Leute saß mit der noch halb vollen Pfanne und wusch den Ertrag von 20 oder 25 Eimern voll Erde aus, und die anderen standen dicht darum her, und bemerkten nicht einmal die Fremden, so war ihre ganze Aufmerksamkeit dem sich jetzt schon zeigenden schwarzen Sande zugewandt. Der Waschende schöpfte auch ruhig sein Wasser auf und schwenkte langsam und vorsichtig die leichteren Steine aus, bis sich die ersten Spuren von Gold in beiden Ecken zeigten. In diesem Augenblick sah er lächelnd zu seinen Gefährten auf, entdeckte aber auch zu gleicher Zeit die dahinterstehenden neugierigen Fremden und sagte plötzlich ganz ruhig, die Pfanne dabei, ohne sie weiter auszuwaschen, zur Seite stellend:

»Wie geht's, Jack? wie gefällt's Euch hier in unserer Nachbarschaft?«

Jack wurde feuerroth, und die anderen drehten sich rasch nach den beiden um, schienen aber, nach einem flüchtig gewechselten Gruß, sich weder um die Fremden noch ihre Pfannen weiter zu bekümmern, sondern gingen ruhig wieder an ihre Arbeit.

Der Alte war mit Jack ein klein Stück weiter gegangen, und hatte sich die Stelle indessen etwas genauer angesehen. Die vier Irländer behaupteten dort einen ziemlich breiten Platz, und es schien ihm, als wenn da noch Raum für einen Claim übrig bleiben müßte. Er sprach mit seinem jungen Gefährten darüber, und sie gingen dann beide wieder zu den Irländern zurück, sich bei diesen selber nach dem von ihnen beanspruchten Claim zu erkundigen.

»Wie weit läuft Euer Claim hier den Fluß hinauf, Jack?« frug er den an der Wiege.

Der Mann hörte auf zu arbeiten und sah ihn ruhig an, als ob er die Frage nicht verstanden habe. Der Alte wiederholte sie und der Irländer antwortete langsam.

»Der Mann hat acht Fuß breit und wir sind unserer sechse – könnt's selber ausmessen, Jack?«

»Sechs? – Ihr seid ja nur viere? – und dann bekommt ja auch jeder nur sechs Fuß!«

»Zwei sind krank,« lautete die jetzt schon mürrischere Antwort, »und das andere macht mit dem Commissär ab.«

»By Jasus,« mischte sich dabei einer der anderen in's Gespräch – »der Turon ist doch auch lang genug, daß Ihr nicht in fremden Claimen herumzuschaufeln habt? – damn'it wir müssen unsere Licenz für das lumpige Stück Grund theuer genug bezahlen.«

Die Beiden zogen ziemlich beschämt ab; sie kannten Grund und Boden auch zu wenig dort, um sich auf einen weiteren Streit einzulassen, der Alte meinte aber doch, er sei fest überzeugt, daß die Leute dort mehr Grund beanspruchten, als sie den einmal bestehenden Gesetzen nach beanspruchen könnten, und er wolle deshalb jedenfalls einmal mit dem Commissär reden.

»Hilft Euch nichts, Jack,« lachte da ein Goldwäscher, an dem sie, ohne ihn weiter zu beachten, dicht vorbeigegangen waren. »Ich bin schon vierzehn Tage hier oben und habe mir die größte Mühe gegeben, in den Claim hineinzukommen, denn die Kerle machen da gewiß schmähliches Gold – sie halten aber fest, und der Commissär steckt mit ihnen unter einer Decke. Er hat sich da einen breitmächtigen Claim selber vorbehalten, und will ihn von den Irländern für sich ausarbeiten lassen, wenn sie erst einmal mit ihrem eigenen Theil fertig sind.«

»Aber wie ist denn das mit acht Fuß Claim,« frug der Alte weiter, »mir ist gesagt, daß sechs die gesetzliche Breite wäre, und die Irländer behaupten acht per Mann.«

»Das setzen sie alles mit dem Commissär durch,« erwiderte ihm der Fremde – »in dessen Macht steht es, zu bestimmen, wie viel Fuß sie haben sollen; bei reichern Plätzen nimmt er gewöhnlich nur vier Fuß Breite an, bei ärmeren acht bis zehn und zwölf – sechs ist das Durchschnittliche.«

»Aber wie kann er denn vorher wissen, was ein ärmerer oder reicher Fleck ist,« sagte Jack.

»Das weiß er auch nicht!« lachte der Fremde, »und die vier oder acht Fuß hängen ganz davon ab, wie man sich mit ihm selber stellt.«

»Da schimpfen sie auf das amerikanische Lynchgesetz,« brummte der Alte vor sich hin, indem er mit Jack nach Oakeycreek hineinbog, »und hier mit ihren gepriesenen königlichen oder gouverneurlichen Gesetzen herrscht eben so viel, vielleicht noch schlimmere Willkür.«

In Oakeycreek sah's wild aus – überall waren Löcher gegraben und wieder verlassen worden, und das ziemlich breite Bett des kleinen Bergstromes lag total trocken, mit großen Kiesel- und Quarzsteinen überworfen, nur weiter oben am Creek arbeiteten noch einige Leute, schienen aber auch nicht besonders viel zu finden, und eine von den Parteien wollte ihr sämmtliches Werkzeug verkaufen und wieder zurück nach Sidney gehen.

Ueber den Hügelhang hinüber, der hier den Oakeycreek von dem Turon schied, kamen sie – durch die Arbeiter hin, die von hier oben weg die Erde nach dem nächsten Wasser hinunterschleppten – wieder zum Turon. Dort fanden sie, an einer Biegung, die der Fluß machte, ebenfalls eine Masse von Menschen emsig beschäftigt die Erde aufzuwühlen, sich mit riesigen Steinen abzuquälen, Wasser auszuschöpfen, und die mühsam gewonnene Erde nach dem Fluß zu tragen, wo sie denn manchmal ihre Arbeit bezahlt bekamen, manchmal aber auch um nichts arbeiten, und dann an einer andern Stelle wieder von vorn anfangen mußten.

Am Hügelhang hinein, und hier trocken, mit verhältnißmäßig weniger Mühe, hatten andere stollenähnliche Löcher gegraben; die harte Kieselerde hielt sich auch in der Wölbung vortrefflich, und mehrere Parteien, unter andern auch fünf Deutsche, standen sich ausgezeichnet gut.

»Hallo, Jack,« rief sie aus einer nicht weit davon entfernten Grube einer der Arbeiter an, indem er sich auf seine Pickaxt stützte und die Zeit sogleich benutzte sich auszuruhen. – »Wollt Ihr mir das Loch hier abkaufen – Gold ist drin, ich hab' aber einen Brief gekriegt und muß nach Bathurst.«

Die beiden Männer gingen hinunter zu ihm und setzten sich bei ihm nieder.

»So, also Ihr wollt verkaufen?« frug der Alte – »nun der Platz sieht gut aus, und ist brav vorgearbeitet – was wollt Ihr denn haben?«

»Fünf Pfund,« sagte der Mann, »die Arbeit allein die ich daran gethan habe, ist mehr als zehn werth, und ich bin fest überzeugt, wenn Ihr noch einen Fuß weiter hier hineingeht, findet Ihr auch die fünf Pfund vielleicht in einer Stunde wieder. Was graben die Deutschen da nebenan nicht für schönes Gold heraus!«

»Ja, nun seht, Jack,« sagte der Alte schmunzelnd, der recht gut wußte, daß der, welcher das Loch verkaufen wollte, verwünscht wenig Hoffnung haben mußte, Gold darin zu finden, oder er würde es sonst selber nicht hergegeben haben. »Das ist manchmal wunderlich auf der Welt, wie das Gold sitzt – was glaubt Ihr denn wohl durchschnittlich aus dem Platz hier herausnehmen zu können?«

»Ja, wer kann das wissen,« meinte der andere, »aber wenn's nur halbwege gut geht, drei bis vier Pfund Gewicht – und der Platz ist groß.«

»Ahem,« nickte der Alte, »es ist aber schade, ich habe es mir zum Grundsatz genommen, keinem Menschen sein Glück abzukaufen – man macht sich hernach Vorwürfe. Viel Glück, Jack – ich würde, in Eurer Stelle, jedenfalls das Loch ausarbeiten, ehe ich auf den Brief nach Bathurst ginge.«

Und damit standen die beiden Männer auf und gingen lachend weiter.

»Hallo, was ist da los?« rief Jack plötzlich, als mit einemmal ein großer Theil der Arbeiter aus ihren Gruben sprang, und mit Maschinen und Geräthschaften die steilen Hügel heraufsprangen. Viele blieben bei ihrer Arbeit und wollten sich todt lachen, den anderen schien die Sache aber gar nicht spaßig zu sein, denn sie gaben sich die größte Mühe irgend einer, sicherlich sehr bedrohlichen, aber jetzt noch nicht sichtbaren Gefahr so schnell als möglich aus dem Wege zu kommen.

»Was zum Henker haben die Leute?« frug der Alte einen der Arbeiter, der ruhig an seiner Wiege fortschaukelte, und sich wenig um die ihn umgebende und so plötzlich entstandene Verwirrung zu kümmern schien – »warum laufen sie alle als ob der Böse hinter ihnen wäre?«

»Nun der Böse ist's gerade nicht,« lachte der, »aber das böse Gewissen und der Commissär. – Der kleine Junge dort hat eben die Meldung gebracht, daß der Commissär den Fluß herunter kommt, und jetzt kratzt alles aus, was noch keine Licenz bezahlt hat, um sich diesen Monat wenigstens so durchzudrücken. Eine Lumperei ist's, das ist wahr, und noch für seine paar Tage volle Monatslicenz bezahlen zu müssen ungerecht; ehe ich aber so mit meiner Maschine in die Berge laufe, zahl' ich sie doch lieber. Sie verlieren mehr an Zeit, und haben sie wirklich etwas darin, so verstreuen sie auch mehr an Gold, als die ganze Bettelei werth ist.«

So schienen aber nicht alle zu denken, und die buntesten und oft wirklich komischen Gruppen zerstreuten sich über den Hügel; nach allen Seiten waren dabei, wie in einer vollkommen abgeredeten Sache, Wachtposten ausgestellt, und auf ein Zeichen derselben, nach welcher Richtung hin sich der Gefürchtete wandte, hielten die Flüchtigen ihren Cours.

Der Alte schüttelte mit dem Kopf und meinte, »das Ausreißen vor dem Commissär gefiele ihm gar nicht, und zwar nicht etwa der Sache selber, sondern des Goldes wegen, denn der Platz könne doch am Ende nicht so entsetzlich reich sein, wie es die Zeitungen ausgeschrieen hätten; die Arbeiter würden ja in dem Fall gar nicht daran gedacht haben, wegen noch nicht einmal einer halben Unze wer weiß wie oft ihre Arbeit aufzugeben und dabei ihre Werkzeuge in die Berge hineinzuschleppen – eine jedenfalls höchst unprofitable Sache.«

Während sie noch so mit einander sprachen, fand der Alte einen Bekannten von Bathurst, der hier in dieser Biegung des Flusses arbeitete und in der Zeit wenigstens, wie er sagte, sein Tagelohn gemacht hatte. Er konnte den beiden Männern allerdings keinen Platz angeben, wo sie Gold gewiß finden würden, aber er meinte, diese Biegung sei vielleicht so gut wie jede andere; und so beschlossen sie denn auch, da noch Platz genug war, mit ihren Sachen hier herüber zu kommen und morgen einmal einen Anfang in der Goldwäscherei zu machen.

4.
Wie Jack zu arbeiten anfing, und wie er sich amüsirte.

An demselben Abend wurde der Wagen nach der Mündung von Oakeycreek hinausgefahren, dort abgeladen, das Zelt aufgeschlagen, ein halber Hammel von dem Fleischer geholt, Holz herbeigeschafft und ein Platz für die Kessel hergerichtet, kurz, alles gethan, was nur nöthig war, das Lager und ihren künftigen Wohnort so behaglich als möglich zu machen. Beide Männer wollten sich auch nicht dem Fortlaufen vor dem Commissär preisgeben, und beschlossen schon am nächsten Morgen ihre Licenz auszunehmen.

Die Gegend, in der sie lagerten, war allerdings nicht viel besser als alle australischen Gegenden sind, deren monotoner Charakter den Wanderer mit der Zeit förmlich niederdrückt. Nichtsdestoweniger gab das rege Leben der rings umher Lagernden selbst den trostlosen Gumbäumen etwas Freundliches, und das Thal des Turon selber bot durch seinen schmalen Streifen dunkelschattiger Casuarinen doch wenigstens einige Abwechslung. Der Baumwuchs an den Bergen war übrigens spärlich; besonders schlecht zeigte es sich aber mit Gras für das Vieh bestellt, und der Alte von Bathurst, dessen Name Hall war, verkaufte auch schon zwei Tage später sein ganzes Geschirr, mit Ochsen und Wagen zu einem ziemlich mäßigen Preis, um nicht unaufhörliche Last und Mühe mit dem Vieh zu haben, und es am Ende doch noch zu verlieren.

Am nächsten Morgen zahlten sie ihre Licenz, suchten sich einen Platz aus und fingen an abzudecken; d. h. sie warfen die obere Erde ab, um zu dem mehr goldhaltigeren Grund dicht auf dem Felsen zu kommen. Indessen versuchten sie schon dann und wann einmal ein paar Pfannen voll, um zu sehen, ob sich schon Gold zeigte, und fanden auch fast in jeder ein paar Körnchen Gold, im Ganzen aber noch zu wenig, das Waschen zu lohnen. Hall, der früher einmal ein paar Monate in Californien gewesen war, meinte, das müsse ein sehr gutes Zeichen sein, daß sie Gold schon so hoch oben fänden, denn das hätten sie in Californien nur an den reichsten Stellen getroffen.

Der Sonnabend ging übrigens auch mit dieser Arbeit vorüber, ohne daß sie zum Waschen gekommen wären; sie hatten aber doch schon mit regem Fleiß ein sechs Fuß tiefes, stattliches Loch gegraben, und hofften am Montag auf die Golderde hinunter zu kommen.

Sie waren fast die letzten, die am Sonnabend ihre Arbeit verließen; denn die schon dort eingewohnten Miner hörten Sonnabend Nachmittags gewöhnlich früh auf, um ihre Provisionseinkäufe zu besorgen, und ihre Zelte ein wenig herzurichten. Die Sonne war eben im Begriff unterzugehen, als sie, ihr Werkzeug in ihrer Grube lassend, langsam heimschlenderten und sich über die verschiedenen Gruppen freuten, denen sie begegneten, oder die sie überall vor den Zelten sitzen sahen. Fast vor allen Zelten brannten und loderten tüchtige Feuer, und brodelnde Pfannen und überlaufende Theekessel und Quarttöpfe bezeugten den vortrefflichen Appetit der Goldwäscher. So weit sie sehen konnten, zählten sie fünfzehn Menschen zu gleicher Zeit, die, jeder mit einem halben Hammel auf dem Rücken, ihrer einstweiligen Heimat zuzogen. Unter einem halben Hammel schien hier gar niemand Fleisch zu kaufen, daß auch überdies billig genug war, und nur vier Pence das Pfund galt. Die Köpfe, und Herz und Leber wollte dabei noch nicht einmal Einer umsonst, und sie wurden meist alle, mit den Eingeweiden, in die Grube, oder vielmehr auf den Haufen neben der Schlachtbank geworfen.

In den Storen herrschte besonders reges Leben, von denen ein deutscher Jude, Austin, den bedeutendsten am Oakeycreek hatte, und sehr gute Geschäfte machte.

Jewell, sein Geschäftsführer – wahrscheinlich das etwas verdrehte Schmul – schien alle Hände voll zu thun zu haben und lief herüber und hinüber in seinem Zelt. Als Jack vorbeiging, versicherte er eben ein paar Käufern, was er schon alles für die Goldwäscher hier oben gethan habe, und wie er, für einen Freund, im Stande sei alles aufzuopfern. Er war dabei ausgezeichneter Laune und sang sogar den Tact zu den Hammerschlägen, mit denen er das Quarz aus den ihm zum Handel angebotenen Stückchen Gold herausschlug. Es war eine herrliche Schabbesfeier für ihn, denn er nahm ungemein viel Gold ein.

Halls Zelt stand gar nicht weit von Austins, nur etwas tiefer nach dem Fluß zu hinunter. Austins Zelt war das höchste nach den hier niedrigen und offenen Hügeln zu.

Es war unter der Zeit dunkel geworden und die Lagerfeuer leuchteten roth und glühend in die sonst stockfinstere Nacht hinaus. Ueberall von den Bergen funkelten sie herüber, hie und da einzeln, wie sich die Laune der Goldwäscher ihren Lagerplatz gesucht, hie und da in dichten leuchtenden Gruppen, wo irgend ein günstig gelegener Platz vielen Zelten zu gleicher Zeit Raum, Holz und Wasser gestattete. Muntere Lieder tönten dabei von manchen Orten her durch die stille Nacht, und Hundegebell und Viehgeblöck. Und die hellen Zelte standen weiß und schimmernd, hie und da von der flackernden Flamme grell beleuchtet, dazwischen, und dunkle Schatten glitten daran hin und wieder, und an manchen Stellen, wo das Abendbrod schon vorüber war, wurden trockene Stücke Holz aufgeworfen, daß die glühenden Funken blitzend zum dunklen klappernden Laub der Gumbäume emporstieben, und hoch in die Nacht hineinwirbelten.

Da wurde der stille Frieden dieses Abends plötzlich durch einen rauhen und wilden Lärm unterbrochen. Das Toben schallte aus Austins Zelt herüber, und Jewells Stimme, die noch vor kaum einer halben Stunde so fröhlich geklungen hatte, heulte und wehklagte:

»Weh mir, weh mir, ich bin ein geschlagener Mann – ich bin todt – ich bin todt!«

Jack war einer der ersten mit, die sich oben am Platz einfanden, zu sehen, was für ein Unglück vorgefallen wäre – die Sache wurde bald ruchbar. Irgend ein schlauer Dieb, wahrscheinlich mit anderen im Bunde, die Aufmerksamkeit der Verkäufer so lange im Innern zu fesseln, hatte hinten die Zeltwand aufgeschnitten und etwa 5 bis 600 Pfd. St. in Goldstaub, Silber und Banknoten entwendet; und dicht hinter dem Zelt lag der dunkle Hügel, über den hin der Dieb sich und seinen Raub wohl schon lange in Sicherheit gebracht.

Der arme Teufel von Jude raufte sich indessen die Haare, warf sich auf die Bündel wollener Decken nieder, die im Zelt lagen, und war in Verzweiflung – er hielt sich mit dem Verlust des Goldes, das er sich nichtsdestoweniger rasch genug verdient hatte, für rettungslos verloren.

An den Zelten wurden an diesem Abend, in der ganzen Nachbarschaft herum, nichts wie Diebesgeschichten erzählt, und Jack, der geglaubt hatte, daß dieser Platz hier oben ein Muster von Ehrlichkeit sei, erstaunte, von so vielen Einbrüchen und Diebstählen zu hören – er hatte das gar nicht für möglich gehalten. Er faßte auch den Entschluß, das nächstemal sein Werkzeug Abends mit nach Hause zu bringen, und lieber einen Stock mit einem Zettel in die Grube zu stellen.

Am nächsten Tag war Sonntag, und die Leute gingen alle gar sauber in rothen oder blauen Hemden und mit reingewaschenen Hosen und Filzhüten einher. Es herrschte ein ruhiger und stiller des Sabbaths würdiger Ton, und Hall meinte, es komme dies besonders daher, daß die Regierung keine einzige Licenz für den Branntweinverkauf in den Minen ausgegeben habe, und die Goldwäscher überhaupt einstimmig dagegen seien, daß spirituöse Getränke in die Berge hinaufgeschafft oder wenigstens verkauft würden. Oeffentliche Spieler wurden eben so wenig geduldet, jedenfalls ein Segen für die Minen, und ein paar, die den Versuch gemacht hatten, damit anzufangen, waren schnell eines besseren belehrt worden.

Es hatte sich aber auch sogar ein Geistlicher in diese unwirthbaren Berge hinaufgefunden, und schon früh am Morgen lief das Gerücht durch das Lager, daß um 11 Uhr offene Kirche gehalten werden sollte. Ein Zelt hatte man dazu freilich nicht, die Predigt mußte im Freien stattfinden. Eine sehr große Menschenzahl hatte sich gerade an der Stelle, wo gepredigt werden sollte, eingefunden, und der Prediger, eine lange dünne Gestalt, mit harten trockenen Gesichtszügen, überschaute mit einem zufriedenen Lächeln die gewiß nicht so zahlreich erwartete Schaar frommer Gläubiger, die herbeigeströmt waren, das Wort Gottes in der Wüste zu hören. Als er übrigens, nach etwa einer Viertelstunde, in der er allerdings vergebens gewartet hatte, daß die zu einer richtigen, eindrucksvollen Predigt nöthige Ruhe und Stille eintreten sollte, seine Predigt mit sehr lauter Stimme begann, die noch etwa Unruhigen darauf aufmerksam zu machen, daß von jetzt an der Prediger allein das Wort habe, trennte sich die ganze Schaar in zwei, sonst an Zahl aber sehr ungleiche Hauptmassen, von denen der Prediger leider das kleinste Häuflein um sich sah, und wenigstens drei Viertheile der übrigen nach Oakey-Point – ein paar hundert Schritte davon entfernt, zudrängten, wo gar rasch ein sicherlich sehr interessantes Schauspiel ihre Aufmerksamkeit so fesseln mußte, daß manchmal in der wogenden Menschenmasse Todtenstille herrschte, dann aber plötzlich wieder ein so tolles Jubelgeschrei ausbrach, daß der Prediger nicht einmal sein eigenes Wort, viel weniger die fromme Gemeinde die Predigt hören konnte.

An Oakey-Point fand nämlich ein Boxerkampf zwischen einem alten und jungen »Cove« statt, wie diese Leute in der australischen »Flash-« Sprache genannt werden; der Alte hatte längere Praxis und kaltes Blut, der Jüngere Stärke und Gewandtheit für sich, und der Kampf schien lange unentschieden zu bleiben – länger wenigstens als die Predigt dauerte, die zum Scandal der religiös Gesinnten ziemlich kurz abgeschnitten werden mußte.

Der Kampf bot indessen insofern weit mehr Interesse für die meisten, da ziemlich bedeutende Wetten eingegangen waren, und wer auch nicht selber mitgewettet hatte, sich doch sicher für den einen oder anderen der Wettenden so viel interessirte, daß er seine unmittelbare Gegenwart im innersten Ring für unumgänglich nöthig erachtete, und dadurch natürlich zur Vergrößerung des Lärmens und der Verwirrung sein möglichstes mit beitrug.

Der Sieg entschied sich endlich für den Jüngeren der beiden Kämpfer, der Alte wurde mit blau geschlagenen Augen und mit Blut bedeckt, fortgeschleppt, und die Polizeidiener, die während der ganzen Zeit mit zu den aufmerksamsten Zuschauern gehört hatten, machten jetzt, da die ganze Sache vorbei war, Miene, die beiden Kämpfer und einige der dabei am thätigsten gewesenen Personen zu arretiren. Die allgemeine Stimme war aber gegen sie, und sie hielten es wahrscheinlich für besser, am heiligen Sonntag, wo so schon Scandal genug gewesen war, nicht selber noch größeren anzufangen. Da doch nichts mehr zu sehen war, zogen sie ruhig ihrer Wege.

Der Scandal war aber mit dem Schluß des Hauptkampfes keineswegs beendet, sondern wucherte jetzt erst, da die Wetten eingefordert und bestritten wurden, nach allen Seiten hinaus, daß es ordentlich eine Lust und Freude war; dabei entwickelte sich eine Eigenschaft, die man hier oben gar nicht für möglich gehalten hätte, da scheinbar alle Mittel dazu fehlten sie hervorzurufen. Es zeigten sich nämlich, und je später es am Tage wurde desto häufiger, Betrunkene. Hie und da tauchten Flaschen auf, und wenn auch ein Uneingeweihter nirgends ein Local sehen oder finden konnte, wo derlei spirituöse Getränke öffentlich verkauft wurden, so mußten doch solche Plätze bestehen, und die »öffentliche« Meinung unterstützte sie »heimlich.«

Der Nachmittag brachte manche ärgerliche Scene, und Hall schwor, er hätte es in Californien, wo zwanzig Schenkzelte zu gleicher Zeit offen gewesen, nicht schlimmer und ärger gesehen.

Nachmittags hatte auch gepredigt werden sollen, daran war aber gar nicht zu denken.

Mitten in dem tollen Gewirr und Spectakel lief zu gleicher Zeit ein dumpfes Gerücht um, daß, gar nicht so weit entfernt, neue Minen entdeckt wären, die fabelhaft reichhaltig sein sollten. Niemand wußte noch irgend etwas Genaueres darüber anzugeben, nur das erzählte man sich, Hargreaves, der erste Entdecker der Bathurst-Minen, habe sie aufgefunden und das Gold liege dort in »Nuggets« an der Oberfläche.

Die Nacht goß es in Strömen von dem dicht und rabenschwarz überzogenen Himmel nieder. Wohl denen, die Zelte hatten, sie konnten sich in ihren trockenen warmen Decken nur etwas fester einrollen, und das Vorüberziehen des Unwetters abwarten. Wie mancher arme Wanderer mußte aber diese stürmische Nacht im Freien zubringen, und Kälte und Nässe nehmen, wie es ihn gerade überkam. Mancher verwünschte in der Nacht die Minen mit sammt dem Golde und, daß er beides im ganzen Leben nicht zu sehen bekommen hätte.

5.
Was für Geschäfte Jack und seine Nachbarn machten.

Am Montag fingen unsere beiden Freunde nun richtig an zu graben, und wurden hierzu besonders von einer anderen Partei, die dicht neben ihnen arbeitete und aus drei Mann bestand, aufgemuntert. Diese versicherten sie, daß sie viel Gold da fänden und sie sollten nur den Muth nicht verlieren, wenn es sich vielleicht im Anfang nicht gleich so gut anließe, wie man erwartet hatte. In dem ersten Loch, was sie gruben, fanden sie auch wirklich nicht viel, das zweite, dicht daneben, bezahlte sich aber schon besser und sie schafften unermüdet darauf los.

So wie sie das Loch zusammen hinunter gegraben hatten und auf die Erde gekommen waren, die sie als reich genug erprobt, gewaschen zu werden, dann ging der Alte an die Maschine und wusch, und Jack schlug inwendig die Erde los und trug sie ihm zu. Ihre Arbeit wäre, da die Erde etwa fünfzehn Schritt zu tragen war, mit drei Mann wohl leichter gewesen, dann hätten sie aber auch den Ertrag mit so vielen mehr theilen müssen und sie behalfen sich deshalb lieber so.

In diesen Tagen fanden zwei Mann, die weiter oben im Creek arbeiteten, ein großes Stück von einigen dreißig Unzen, und wer nur noch irgend dort in der Nähe ankommen konnte, der drängte hinzu, und die Nachbarschaft, wo der Klumpen gefunden war, wurde im wahren Sinne des Worts aufgewühlt. Die meisten derer aber, die nachher dort suchten, machten sehr schlechte Geschäfte und mußten wieder bessere Plätze aufsuchen, um nur etwas zu verdienen. Es schien fast, als ob gerade an der Stelle all das kleinere Gold in das große Stück zusammengeschmolzen, und nun gar nichts mehr weiter übrig geblieben wäre.

In diesen Tagen kamen auch einige Arbeiter von den Ophirdiggings zurück, die damals, gleich nach dem ersten Gerücht von den großen Karrschen Klumpen – der zufällig von einem Schwarzen unter der Wurzel eines Gumbaumes gefunden wurde – hinauf gestoben waren, dort hatten sie mit schweren Hämmern jedes ihnen in den Weg kommende Stück Quarz unbarmherzig zerschlagen und versicherten unsere beiden Freunde, die ganze Gegend sei mit Goldsuchern übersäet gewesen, so daß sie zuletzt ihr Brod nicht mehr verdienen konnten. Zwei große Stücke Gold sind noch nie dicht neben einander gefunden worden, und man sollte fast die Gegend, wo ein solcher gelegen, eher vermeiden als suchen.

Das große Stück ging nach Sidney hinunter, wo es zur Schau wieder in einen Juweliersladen kam und die Menschen aufs neue anregen sollte, nach den Minen hinaufzuströmen.

Am Mittwoch, hieß es, hatten drei Leute in einem benachbarten kleinen Creek wieder ein sehr großes Stück gefunden – es war ein Store dort in der Nähe, und einige dreißig Menschen eilten hinüber. Von dem Stück war nichts zu sehen, und wenn auch der Bericht davon augenblicklich nach Sidney gesandt wurde, fanden die, welche gleich an Ort und Stelle waren, doch keins oder nur sehr wenig Gold, und mußten unverrichteter Sache wieder abziehen.

Jack und Hall hatten sich durch alles dieses keineswegs verleiten lassen, und waren ruhig bei ihrer Arbeit geblieben, wo sie allerdings keine großen »Nuggets« fanden, aber doch auch genug Gold auswuschen, ihre Kost zu bezahlen und noch etwas übrig zu behalten. Jack schüttelte aber doch schon mit dem Kopf und meinte, wenn das nicht besser käme, so hätte er so viel Gold allenfalls auch in Sidney verdienen können. Indessen war er nun einmal oben, und da auch noch in derselben Woche seine schon früher abgeschickten Sachen ankamen, beschloß er, die Sache erst einmal zu Ende zu sehen.

Das Gerücht, was am Sonntag nur erst dunkel und unbestimmt gewesen war, daß nämlich durch Mr. Hargreaves neue ungeheuer reiche Minen entdeckt sein sollten, welche die Regierung, wie es jetzt schon hieß, gar nicht wollte erlauben öffentlich zu bearbeiten, fand mehr und mehr Bestätigung, und man nannte jetzt sogar den Platz, Louisens Creek, keiner aber wußte noch recht, wo der lag. Endlich schien sich auch das herausgestellt zu haben, denn eines Nachts packte eine Gesellschaft von Goldwäschern, der wahrscheinlich heimlich der Bericht zugekommen war, auf, und wanderte mit Sack und Pack den Fluß hinunter.

Solche Geheimnisse nehmen aber immer ein schnelles Ende. Die Leute dort können unmöglich ohne Provisionen arbeiten, ein Storezelt müssen sie haben, und die ersten Vorräthe werden wohl immer heimlich genug fort und an Ort und Stelle gebracht. Der Kaufmann hat aber keinen Nutzen dabei, daß der Platz geheim bleibt, im Gegentheil, je mehr dorthin kommen, desto besser ist es für ihn, und wenn auch nicht öffentlich, so läßt er doch bald genug unter der Hand einen oder den anderen wissen, wo er hingegangen ist, und das Resultat bleibt dann stets dasselbe Gewünschte. In acht Tagen kennt die ganze Umgegend den Ort und alles was irgend mit seiner Stelle unzufrieden ist, oder sich dort zu verbessern hofft, strömt dahin.

So war es auch hier, und eines Morgens sah Jack zu seinem Erstaunen, daß Hunderte von Menschen mit ihrem Gepäck, ja manche noch außerdem mit Waschmaschinen und Werkzeug auf dem Rücken, den Fluß hinunter wanderten, und frug er sie wohin, so lautete die stete Antwort: »Nach den neuen Diggings, Jack,« nach »der Welt Ende« – wie die Gegend dort schon früher, der traurigen Wildniß von Gumbäumen und Bergrücken wegen, von den Stationshaltern genannt wurde. Es war für sie »der Welt Ende« gewesen, weil sie dort mit ihren Schaafen nicht hinein konnten.

Auch die Compagnie neben ihnen, von der man geglaubt hatte, daß sie so viel Gold fände, wollte ihren Platz verkaufen. Es fanden sich auch bald zwei Leute dazu, »Gentlemen,« wie sie oben genannt wurden, weil sie Handschuh trugen, die eben von Sidney heraufgekommen waren. Durch die vorher kluger Weise ausgesprengten Gerüchte, einer sehr reichen Stelle, glaubten sie einen ordentlichen Fund gethan zu haben, als sie den »Claim« für fünf Pfd. St. kaufen konnten, und sie gingen noch denselben Nachmittag hinein, arbeiteten aber nur drei Tage darin und ließen ihn dann, ohne ihn zu einem weiteren Verkauf auszubieten, unbenützt liegen.

Jack und sein Compagnon glaubten, daß sie vielleicht nicht recht gewußt hatten, wie sie darnach graben müßten, und gingen selbst einmal einen Tag hinein, gaben es aber auch wieder auf. Mit der reichen Stelle war es doch nicht so arg gewesen.

Hall und Jack wurden von mehreren Seiten aufgefordert, mit nach »der Welt Ende«, oder dem sogenannten Louisens Creek zu gehen, wo das Gold »obenauf« liegen sollte, sie waren aber vorsichtig genug, sich nicht überreden zu lassen, und blieben ruhig bei ihrer einmal begonnenen Arbeit. Der achtjährige Knabe konnte ihnen dabei auch insofern behülflich sein, daß er Wasser auf die Maschine schöpfte, und die Frauen kochten im Zelt und wuschen ihre Sachen. Dafür hatte Hall mit seiner Familie zwei Theile von dem Gold, was sie fanden, und Jack einen.

Das war auch ungefähr gleich genug vertheilt, die Provisionen trugen sie aber in gleicher Hälfte und – dagegen hätte Jack schon lange protestirt, wenn er sich nicht eben mit dem Gedanken tröstete, ja darin sogar eine Art Wohlbehagen fand, daß er seinen und Jane's Theil der Provisionen bezahlte, während der Alte für sich und seine Frau beisteuerte. Da Jack nichts dagegen einwandte, war Hall natürlich vollkommen damit zufrieden, und die Sache blieb wie sie begonnen war.

Hall merkte dabei recht gut, daß Jack besonders Jane zu Liebe so treu bei ihm aushielt, so fleißig arbeitete und manches kleine Opfer brachte, was ihm sonst sicherlich nicht eingefallen wäre; er ließ sich aber nichts merken und schien, wenn er es merkte, auch gar nichts dagegen zu haben. Jane konnte es ebenfalls nicht verborgen bleiben, und Frauen haben ja außerdem ein weit schärferes Auge für solch kleine Züge von Aufmerksamkeit, die sie recht gut zu deuten wissen. Wenn sie ihn aber auch nicht gerade aufmunterte, war sie doch immer freundlich gegen ihn, und beim Essen sein Platz neben ihr gedeckt – und sie hatte das selber anzuordnen gehabt. Jack wußte gewiß, daß er ihr auch nicht ganz gleichgültig sei, und er dachte oft im Stillen, »wenn er hier oben in den Minen am Ende auch keine Schätze finde, habe er doch vielleicht einen Schatz gefunden.«

So arbeiteten sie etwa vierzehn Tage länger, und was sie über die Diggings von der »Welt Ende« gedacht, schien in Erfüllung zu gehen. Die Sache war größtentheils Humbug gewesen, denn wenn sich auch Gold dort fand, so bestand der kleine Creek, den sie Louisen-Creek nannten, nur, wie die meisten Gewässer Australiens, selbst jetzt, mitten in der Regenzeit, aus einer Reihe von Waserlöchern, die durch die Maschinen in kurzer Zeit in Schlamm verwandelt wurden. Außerdem waren die Stellen auch lange nicht so reich wie man gewähnt hatte, und von den sechs bis siebenhundert Personen, die den Turon allein nach den ersten Gerüchten verlassen hatten, kamen schon Massen wieder hierher zurück. Jack hörte sagen, von sehr vielen, die schon vollkommen genug von den Minen überhaupt hatten, und ganz und gar nach Sidney zurückgekehrt waren.

Das Wetter fing jetzt auch hier oben an höchst traurig einzusetzen; Schnee und Regen wechselten mit einander ab, der kleine Fluß stieg und vertrieb viele von ihren Arbeitsplätzen; es wurde ingrimmig kalt und Provisionen stiegen der fast unfahrbar gewordenen Straßen wegen zu einer hier noch nicht gekannten Höhe. Sehr viele verließen, durch stets neue Täuschungen endlich doch entmuthigt, die Minen, wo sie das keineswegs gefunden hatten, was ihnen, mit den Zeitungsberichten zusammen, ihre eigene Phantasie vorgespiegelt, Hunderte aber kamen an ihrer Stelle wieder dafür herauf und warfen sich mit Todesverachtung in die verlassenen Gruben.

Dabei tauchten unaufhörlich andere Gerüchte von neu entdeckten Minen bald hier, bald dort auf, und hielten die Unzufriedenen stets in einer gewissen wohlthätigen Aufregung, so daß diese nie wußten, nach welcher Seite sie sich zuerst hinwenden sollten, das flüchtige Glück bei den Haaren zu fassen und endlich einmal festzuhalten – und immer und immer wieder wollte es nicht gelingen.

Hall und Jack hatten indessen ruhig in ihrem Claim fortgearbeitet, und wenn auch noch gerade ihr Glück nicht gemacht, doch so viel gefunden, daß sie ihre Arbeit gut bezahlt bekamen und zufrieden sein konnten. Von allen Seiten drängten aber frische Goldwäscher heran, und sie bekamen ordentlich zu thun, ihren eigenen Claim zu behaupten, den ihnen der Commissär schon zweimal gesucht hatte zu schmälern, aber immer glücklich zurückgeschlagen war. Eine Menge von den erst heraufgekommenen Neulingen konnte gar keinen Platz finden, und versuchte erst allerlei unnützliche Stellen, wo sie entweder, sobald sie tief genug kamen, gleich wieder vom Wasser vertrieben wurden, oder so weit von jedem Wasser entfernt waren, daß nur ein gar nicht zu erwartend reicher Boden die Arbeit des Erdeschleppens bezahlt hätte.

Sämmtliche Goldwäscher waren übrigens fast nur Engländer, Irländer, Schotten oder hier geborne Australier. Außer diesen arbeiteten noch hie und da Deutsche, aber doch nur sehr zerstreut, und dann und wann fand man auch einmal einen Franzosen. Am seltensten sah man Amerikaner hier, und die wenigen, die sich ja hierher verloren hatten, sollten bald den Platz für sich zu warm finden.

Um diese Zeit kamen nämlich gerade die Gerüchte von San Francisco nach Australien über das Lynchen einiger »Sidney-Coves«, und die Leute hier hörten zu ihrer unbeschreiblichen Entrüstung, welchen Ruf sie dort genossen, und wie die Männer von Sidney in Californien alle über einen Kamm geschoren wurden. Des armen Capitän Harris Bericht, der seine Behandlung in australischen Zeitungen gar nicht kläglich genug schildern konnte, fiel auf fruchtbaren Boden, und wenn Flüche und Schimpfreden die Amerikaner hätten vernichten können, es wäre nicht ein einziger von ihnen leben geblieben.

Zwei Amerikanern, die dort am Turon arbeiteten, wurde es auch bald zu heiß da oben in den Bergen, trotz Regen und Schneegestöber, und sie waren auf einmal verschwunden. Es wurde eine Zeitlang von weiter nichts als den »amerikanischen Mordthaten«, wie man sie nannte, gesprochen, und wie viel Unschuldige schon in San Francisco hingerichtet wären, und noch täglich hingerichtet würden, wenn England nicht augenblicklich eine Flotte ausrüste, und das ganze Nest mit Stumpf und Stiel ausrotte. Den einzigen Trost, den sie dabei hatten, war der, daß es von selber zweimal abgebrannt war. Darüber war man aber ebenfalls vollkommen einig, daß die californischen Minen den australischen nicht das Wasser reichen konnten, und sie freuten sich jetzt nur auf die Zeit, wo die Amerikaner zu ihnen herüberkommen müßten.

Um diese Zeit war ein paarmal Besuch bei Halls gewesen, namentlich kam ein junger Schottländer, der einen Store in Bathurst hatte und sich hier oben einen Platz aussuchen wollte, um auch Provisionen und Waaren hier heraufzuschicken. Jack hatte ihn aber nicht zu sehen bekommen; er war jedesmal, wenn er zum Essen kam, schon wieder fort gewesen.

Ihr Claim war indessen ausgearbeitet und sie mußten sich nach einem neuen umsehen. Das hatte im Anfang einige Schwierigkeiten, und sie arbeiteten fast eine ganze Woche vergebens; endlich fanden sie aber doch wieder einen ziemlich guten Platz, wo sie wenigstens etwas verdienten, und wenn auch Jack gerade kein großes Rühmen dabei fand, schien Hall doch ungemein damit zufrieden.

Jack, der indessen doch nicht umhin konnte, dann und wann das behagliche Leben, das er in Sidney geführt, mit dem jetzigen voll Mühen und Strapazen zu vergleichen, fing auch schon an Berechnungen über das, was er nun eigentlich hier oben verdient hatte, zu machen, und er mußte sich gestehen, daß er bis jetzt, wenn er alles aufzählte, was ihn die Sache gekostet und was er sich an Kleidern und Schuhwerk abgerissen, die Zeit dabei ebenfalls gerechnet, die er nothwendig hatte versäumen müssen, doch noch nicht so viel verdient habe, wie er in Sidney, in derselben Zeit, aber mit weit weniger Mühe und Arbeit verdient haben konnte. – Und was war dann das Resultat? – Aber er hatte dafür eine Familie gefunden – d. h. er meinte nicht die ganze Familie, sondern nur ein einziges Glied derselben – das auf sein späteres Leben und Lebensglück vielleicht einen wesentlichen Einfluß ausüben mochte, und konnte er seinen Eltern einen größeren Gefallen thun, ihnen einen bessern Beweis seiner künftigen Ausdauer bringen, als durch das zugleiche Zuführen einer so liebenswürdigen Schwiegertochter?

Jack baute sich ein prachtvolles Kartenhaus zusammen, und arbeitete noch volle acht Tage ruhig daran fort, als ihm eines schönen Morgens einmal die ganze Geschichte, und zwar sehr unerwartet, über dem Kopf zusammenstürzte. Es fiel ihm nämlich unversehens ein Fremder hinein, und das war der Schottländer von Bathurst, der sich ihm, als er mit keiner Silbe an solch eine Möglichkeit dachte, an einem Sonnabend Nachmittag nicht mehr als Schwiegersohn in spe des alten Hall, sondern als wirklicher angetrauter Gatte der jungen Jane Hall, jetzigen Mrs. Mac Kelly – vorstellte. Die beiden jungen Leute waren an demselben Morgen von dem ehrwürdigen Mann mit den langen trocknen Gliedern eingesegnet.

An demselben Abend rechnete Jack mit dem alten Hall und wie sie zusammen standen, und fand dabei zu seiner Beruhigung, daß sein einst gehoffter Schwiegervater keineswegs zu kurz kam.

Die Minen wollte er aber deshalb noch nicht gleich verlassen, er packte deshalb, was er selber noch von Provisionen und Geschirr hatte, auf, und ging mit einer Dray, welche Vorräthe nach der Welt Ende brachte, den Fluß etwa vier Meilen hinunter, wo er drei Bekannte von Sidney traf, die eben mit einer Quecksilbermaschine und allem Zubehör heraufgekommen waren. Diesen schloß er sich an; mit der Quecksilbermaschine wollte es aber nicht recht gehen – die goldhaltige Erde war zu schwer zu gewinnen, die Löcher mußten zu tief dazu gegraben werden, und es wollte die Auslagen an Arbeit und Quecksilber nicht lohnen. Ueberhaupt sah er, von all den Quecksilbermaschinen die an den Turon, und manche mit schweren Kosten an Auslagen und Transport hinaufgeschafft waren, auch nicht eine einzige mehr mit Quecksilber in Thätigkeit – die meisten, die noch benutzt wurden, gebrauchte man wie gewöhnliche Maschinen.

Nachher versuchten sie es mit einem sogenannten »langen Tom«, der nur aufgestellt wird ohne gewiegt zu werden, und das feine Gold mehr zusammenhält als die übrigen Maschinen. Zu einem langen Tom gehört aber auch ein steter Wasserstrom und leicht zu gewinnende Erde, sonst müssen zu viele Menschen dazu genommen werden, die Erde heranzuschleppen und der Verdienst fällt dann auch auf zu viele Theile. Wasser hatten sie nun wohl genug da, aber die Erde war, wie auch bei der Quecksilbermaschine, zu schwer zu bekommen und sie wurden immer wieder auf die gewöhnlichen Wiegen reducirt. Dabei war ein anderer Uebelstand, der, wie Jack recht gut einsah, mit jeder Woche nur noch fühlbarer werden mußte; das Wasser fiel, und wie sollte es hier oben im Sommer werden?

Jack hatte sich überhaupt die ganze Sache anders gedacht. Für Taglöhner mochte das Goldgraben recht gut und auch einträglich sein; der aber, der eben ein klein wenig höher strebt, und sich unter der rohsten Menschenclasse, mit der er hier nothwendig auf ein und derselben Stufe stehen muß, nicht zufrieden fühlt, der soll die Minen nur ruhig Minen sein lassen und seinen eigenen Geschäften nachsehen – er wird sich viel besser dabei stehen.

Jack sah das jetzt ein – einen großen Klumpen fand er nicht, und er konnte sich dabei mit tausend andern trösten – aber nur um gewöhnliches Taglohn zu arbeiten und bei dem Versuchen mit dem Umherziehen nach neuen Claims noch nothwendig viele Zeit ganz nutzlos zu versäumen, konnte ihm in die Länge nicht behagen. Er wußte, daß er sich in Sidney besser stand, und beschloß, den Heimweg anzutreten.

Das einzige ärgerte ihn, daß ihn Hall's so bei der Nase herumgeführt hatten – und Jane – nein, die Frauen taugten alle nichts – er wollte nun auch im Leben nicht heirathen. – Auf Jane hätte er übrigens geschworen.

6.
Wie sich Jack auf den Rückweg machte, und was für angenehme Reisegesellschaft er fand.

Jack hatte all sein Werkzeug für einen Spottpreis verkauft. Es waren so viele oben, die gern ihre Waschmaschinen und Schaufeln und Spitzhacken wieder verkaufen wollten, daß er zuletzt froh war, nur etwas dafür zu bekommen und sich dann, allerdings fröhlich, aber doch auch wieder mit ein wenig Herzklopfen auf den Weg machte, denn er mußte sich selber gestehen, er war mit anderen Erwartungen hier heraufgekommen, und fürchtete, sie würden ihn, wenn er zurückkehrte, zu Hause auslachen. Jack kannte die Welt und die Menschen noch sehr wenig.

Jack ging nach Bathurst zu; allerdings hätte er, wenn er zu Fuß gehen wollte, einen viel näheren Weg nach Sidney gehabt; er hoffte aber, dort einen Platz auf der Post zu bekommen, und machte sich deshalb nichts daraus, ein paar Meilen umzugehen. Er bekam aber keinen Platz auf der Post – Mittwochs nimmt diese die Regierung freundlicher Weise ganz allein für sich in Anspruch, und wenn Passagiere nothgedrungen an diesem Tage nach Sidney müssen, so – mögen sie zu Fuß gehen, oder sonst sehen, wie sie hinunterkommen.

Viel zu tragen hatte er nicht; lange in Bathurst, wo die Sachen alle einen Minenpreis hatten, liegen bleiben wollte er auch nicht, also hielt er es für das Beste, sich gleich ruhig auf den Marsch zu begeben und das Geld, was er sonst für die Post bezahlt hätte, zu sparen.

In den letzten Tagen hatte es allerdings nicht mehr geregnet, und an den meisten Stellen waren die Wege wieder so ziemlich abgetrocknet, an anderen dagegen, und besonders auf den Gipfeln einiger Bergrücken, in der Nähe des »grünen Sumpfes«, war der Schlamm und zerfahrene Straßenkoth so entsetzlich, daß er als Fußgänger kaum durch konnte; für die Karren waren diese Stellen besonders schlimm. Ueberall staken schwerbeladene Drays bis an die Achsen im Weg, manche mit der Deichsel, manche mit einem Rad gebrochen, andere nur eben in den zähen Stoff fest gefahren und keine Hülfe war für sie zu finden. Wären sie auch mit acht oder zehn Spann Ochsen aus dem einen Schlammloch herausgerückt worden, so hätten sie die doch nur in ein anderes wieder hineinziehen können. Und wie sahen die armen Menschen aus, die sich hier im Wind und Wetter mit ihrem Geschirr herumquälten – sie bekamen jedenfalls einen Vorgeschmack der Minen, und Jack dachte so bei sich im Stillen, solche Müh und Arbeit ließe sich rechtfertigen, wenn die Leute wieder zu Hause gingen, aber blos um da hinauf zu kommen – er schüttelte dann sehr stark mit dem Kopf und wanderte nur um so rüstiger weiter.

Wo der Weg streckenweis gut war, fand er aber auch die Leute viel lustiger und alle voll guter fröhlicher Hoffnungen. Ganzen Karawanen begegnete er, und manchmal schämte er sich ordentlich, daß er dann allein aus den Minen zurückkam – die Leute konnten ja aber auch nicht wissen, ob er nicht die Taschen voll Gold hatte, und überdies war er gar nicht allein auf dem Rückweg: denn als ein rascher Fußgänger hatte er schon sehr viele, die mit ihm gleichem Ziele zustrebten, überholt, und auch schon von einigen Fuhrleuten gehört, daß sie sehr vielen begegnet seien, die auf dem Rückweg nach Sidney wären. Wo er aber so einen Zug traf, riefen ihn auch meistens die Leute an, und wollten wissen, wie es oben in den Bergen zuging.

»Hallo, Jack,« war dann das gewöhnliche – »hast Du Deine Maschine verkauft (have you sold your cradle?) wie steht's oben? – wie viel Pfund Gold? – noch genug Wasser? – keinen großen Klumpen wieder? – nein? – das ist gut, sie heben sie auf, bis wir hinaufkommen – hurrah für die Diggings – viel Gold ausgewaschen? – O laßt ihn gehen« – sagte dann ein anderer, »er hat's mit der Post vorausgeschickt« – good bye, Jack, good bye, riefen sie ihm dann noch zu, und zogen fröhlich vorüber.

Den dritten Tag, am Nachmittag, überholte ihn die Post – sie saß vollgedrängt von Menschen, und die Passagiere sangen und hurrahten – sie waren kreuzfidel, denn sie fuhren auf der königl. Post.

»Hallo, Jack« – schrieen sie unseren einsamen Wanderer an, als der Wagen im vollen Galop an ihm vorbei einen Berg heruntersauste – »have you sold your cradle?«

Ehe er nur antworten konnte, war der Wagen schon außer Rufs Weite, die Beine thaten ihm aber weh und er sah ihnen neidisch nach. –

»Morgen früh um sieben oder acht Uhr sind die nun in Sidney,« dachte er so bei sich, und du mußt nun noch drei Tage marschiren, ehe du dort einrücken kannst – ich wollte doch, ich hätte einen Platz auf der Post bekommen, wenn man auch ein Bischen unbequem sitzt, kommt man doch dafür auch so viel rascher von der Stelle.

Als er eine halbe Stunde weiter marschirt war und unten an den Fuß des Berges kam, lag die Post da, und von den Passagieren hatte sich kaum die Hälfte erst wieder auf ihre Beine gefunden; die andere schien mehr gelitten zu haben, als sie sich selber noch gestehen mochte, und in den betrübtesten Stellungen von der Welt lagen und kauerten sie umher. Nicht ein einziger von ihnen frug Jack mehr, ob er seine »Cradle« verkauft habe, und sie hätten sich doch jetzt ganz genau und ausführlich bei ihm darnach erkundigen können.

Jack half ihnen den Wagen wieder mit aufrichten – und dem Kutscher lief dabei fortwährend das Blut am Kopf herunter. Die Passagiere sollten dann wieder hineingepackt werden, damit hatte es aber seine Schwierigkeiten – ein alter Mann lag besonders halb bewußtlos da, und mußte sich fortwährend übergeben. Als sie ihn endlich auf den Wagen hoben, meinte er mit leiser, von Schmerzen oft unterbrochener Stimme, er hätte es sich schon den ganzen Tag zugelobt, das solle das letztemal sein, daß er auf einer australischen königl. Post fahre, und er fürchte jetzt, er habe wahr gesprochen – er würde wohl nicht viel mehr fahren.

Die Post kam endlich wieder in Gang, den alten Mann fand aber Jack in dem nämlichen Haus, wo er die Nacht blieb – er hatte das Fahren nicht länger ausgehalten und sie mußten ihn zurücklassen. Jack war froh, daß er nicht auf der königl. Post gefahren war, denn es ist nicht allein, daß man unbequem darauf sitzt, man kommt auch manchmal unbequem zu liegen.

Am nächsten Morgen wanderte Jack durch einen Gumwald – es ist das nämlich das Eigenthümliche in Australien, daß sich überall, wo nicht gerade eine Plain – d. h. eine Strecke Landes ohne Bäume und viele Monate im Jahr auch ohne Gras – liegt, oder das Land cultivirt ist, Gumwald befindet. Da ihm die Scenerie nicht das mindeste Neue bot, und der schwere sandige Weg ihn ermüdete, marschirte er still und ohne aufzusehen weiter. Er achtete nicht einmal mehr viel auf die Karawanen, die an ihm vorbei nach dem gelobten Lande hinaufzogen, holte auch nicht mehr viel ein, denn er ging sehr langsam, und diejenigen, die ihn überholten, schienen ebenfalls keine besondere Lust zu haben, sich in lange Conversationen einzulassen.

»Hallo, Ihr da, seid Ihr der Postbote, daß Ihr solche Eile habt und ohne Gruß oder Wort an einem anderen vorbeischiebt?« weckte ihn plötzlich eine Stimme aus seinen stillen Betrachtungen, und als er aufschaute sah er einen Mann, der dicht am Wege, mit einem sogenannten Swag – einem in seine wollene Decke eingehüllten Packet – auf einem gefällten Baumstamm saß und sich auszuruhen schien; »wollt Ihr nach Sidney?«

»Ja,« sagte Jack, »und Ihr« –

»Denselben Weg, Camerad,« fuhr der andere fort, »da können wir uns ja die Zeit ein wenig kürzen und zusammen gehen.« Er stand bei diesen Worten auf, nahm sein Bündel auf den Rücken, und schlenderte langsam neben Jack her.

Es war ein breitschultriger aber magerer Gesell, mit etwas aufgestülpter Nase, niederer Stirn und blauen Augen, das Haar braun und kurz abgeschnitten, die Augenbrauen ziemlich buschig, es lag aber etwas offenes in seinem Blick, und er hatte eine Art trockenen Humors, der Jack für ihn einnahm. Ein Gespräch konnte die Reise jedenfalls kürzen und ihm doch wenigstens in etwas die Langeweile des sonst so schauerlich monotonen Gumwaldes und des Sandbodens vertreiben.

Der Fremde ging in die gewöhnliche Minentracht gekleidet, hatte ein blaues Hemd und eine englisch lederne Hose an, beides ziemlich neu und gut aussehend, dabei aber einen alten Strohhut auf und ein baumwollenes Tuch um die Ohren gebunden – er hatte Zahnschmerzen, wie er sagte. Die Füße staken in groben Schuhen und das blaue Hemd trug er, der Sitte nach, als Rock und über der Hose draußen.

»Wie heißt Ihr?« frug der Fremde, nachdem sie eine kurze Strecke neben einander hingegangen waren und er ihm schon gesagt hatte, daß er selber John Smith heiße und ein geborner Londoner wäre. Mit dem ächten Cockney-Dialekt, der vor jeden Vocal, wo es nicht hingehört, ein h setzt, und dafür sorgfältig jedes wirkliche h am Anfang eines Wortes wegläßt, konnte er es auch gar nicht verleugnen, – »es ist nur der Bequemlichkeit wegen, daß man weiß, wie man Euch anzureden hat« –

»Ich heiße Jack,« sagte sein Begleiter –

»Ja so heißen wir alle,« meinte Smith trocken, »es giebt hier oben eine wahre Quantität von Jack's – aber den anderen Namen« –

»Newman – Tischler aus Sidney« – Smith kannte seinen Vater recht gut und wußte, wo er wohnte – er hatte früher dort dicht nebenan logirt.

Zwei Polizeigensd'armen ritten an ihnen vorüber, und sahen sich nach ihnen um, Smith beachtete sie aber nicht weiter, konnte es jedoch nicht genug loben, wie sicher die Straßen jetzt seien, da die Regierung so viel Polizei darauf halte. »Was ich an Gold habe, führe ich auch selber bei mir,« meinte er treuherzig, »was soll man für den Transport auch noch die schweren Procente bezahlen. – Habt Ihr Glück in den Minen gehabt?«

Jack schämte sich, ihm zu sagen, daß er nur mit ein paar Unzen wieder zu Hause zurückkehre, und eigentlich kaum die Kosten seiner ganzen Fahrt, wenigstens mit einem sehr geringen Verdienst gedeckt habe – er gab eine ausweichende Antwort, und meinte, es sei ihm besser in den Minen geglückt, als er selber im Anfang erwartet habe.

Smith sagte, das freue ihn, und erzählte nun, wie er selber in Californien ebenfalls in den Goldminen gewesen sei, und dort gearbeitet habe, und verschwor sich hoch und theuer, daß die californischen Minen den australischen das Wasser nicht reichen könnten. Natürlich kamen sie nun auch auf die californischen Verhältnisse und auf das Lynchgesetz in San Francisco zu sprechen, und Smith konnte das Ganze nicht schauerlich genug schildern.

Die Amerikaner waren, seiner Aussage nach, das nichtsnutzigste Gesindel, was es auf Gottes Erdboden gab, und ein ehrlicher Mann konnte unter ihnen sein Fortkommen gar nicht finden. Er schien überall in ganz Californien herum gewesen zu sein und versicherte Jack, er habe dort »recht gut ausgemacht« und mit harter Arbeit schweres Geld verdient, er sei aber fortgegangen, weil er es nicht mehr länger habe mit anhören können, wie man den englischen Namen dort beschimpfe, und ehrliche Unterthanen mißhandelte. Jack hatte den Mann indessen ordentlich lieb gewonnen, daß er so nationell gesinnt sei.

Sie waren während dieses Gesprächs zu einer Stelle gekommen, wo man etwa 200 Schritt von der Straße ab eine Menge niederer steinerner Schornsteine sah, von denen die meisten in Reihen standen, als ob sie früher einmal eine kleine Ansiedlung gebildet hatten. Jack wußte nicht was das bedeutete – er war mit den Seinen erst im vorigen Jahr nach Australien gekommen; Smith blieb aber stehen und eine eigene Art von Rührung schien den alten Mann zu überkommen. Er sah die wunderlichen Ruinen eine Zeitlang schweigend an, und sagte dann endlich, den Arm gegen sie ausstreckend, ohne sich aber sonst zu Jack zu wenden:

»Das waren schwere Zeiten, wo die hölzernen Hütten an den Kaminen dort noch standen, die das Feuer jetzt von der Erde vertilgt hat – das waren schwere Zeiten, und mancher arme Teufel liegt dort, wo die drei einzelnen Bäume stehen, begraben, den nicht Krankheit oder ein gewaltsamer Tod von der Erde wegraffte, nein, den die Peitsche langsam unter den grünen Boden hinunter prügelte – langsam und Zoll für Zoll, bis er es endlich nicht mehr ertragen konnte, und das Ende davon war dann gewöhnlich, daß sie ihn zuletzt dort unter den drei grünen Bäumen einscharrten. Es ist merkwürdig, daß sie an der Stelle gar nicht mehr wachsen wollen.«

»Die Peitsche?« frug Jack erschreckt, »das ist ja fürchterlich – aber – das muß doch eigentlich schon sehr lange her sein, denn Neu-Südwales ist ja schon lange keine Verbrecher-Colonie mehr, und seit der Zeit hat ja doch, wie ich glaube, alles derartige wohl aufgehört?«

»Seit der Zeit hat es aufgehört,« bestätigte der alte Smith und sah wieder still vor sich nieder, während ein ziemlich starker Zug von Karren und Menschen an ihnen vorüberging. Da diese nicht wußten, ob die beiden Männer herunterkamen, oder ebenfalls hinaufgingen, bekümmerte sich niemand um sie; als sie vorbei waren, fuhr Smith wieder fort. »Es sind nun auch beinahe dreißig Jahre, daß ich in dieser Colonie lebe, und damals freilich sah das Land anders aus als jetzt, und man kann sich jetzt kaum noch eine Idee davon machen. Die Menschen, die man hier herüberschickte, wurden auch eigentlich gar nicht wie Menschen behandelt, es waren Verbrecher, gleich viel um was sie gegen die Gesetze ihres Vaterlandes gesündigt hatten, ob sie vielleicht Brod gestohlen, um nicht zu verhungern, oder den armen Wanderer auf der Straße um seine paar Schillinge todtgeschlagen; ob sie vielleicht einen Hasen auf ihrem eigenen Land geschossen, oder in fremder Leute Eigenthum mit Gewalt eingebrochen waren. – Hier galt das gleich, hier wurden sie alle über einen Kamm geschoren und wehe dem armen Teufel, der sich den Zorn oder auch nur das Mißvergnügen des Oberaufsehers zugezogen hatte – nicht einen Sixpence hätt' ich für seine Haut mehr geben mögen.«

»Und gehörtet Ihr auch mit zu jenen Unglücklichen?« frug Jack theilnehmend. Wäre er länger in Australien gewesen, so hätte er sich die Frage eben ersparen können. – »Ihr scheint sehr genau mit all den damaligen Verhältnissen bekannt zu sein.«

»Ich war mit einem der ersten Emigrantenschiffe herübergekommen,« sagte Smith ruhig, »mein Vater aber war Gefängnißwärter in Port Macquarrie, und da bekam ich eine Aufseherstelle bei den Deportirten – es war ein trauriger Posten,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »und ich habe unendliches Elend dort gesehen, aber doch auch viel Schmerzen lindern können und manchem armen Teufel eine Tracht Schläge erspart, die ihm vielleicht das Leben gekostet hätte.«

»Das muß Euch doch jetzt noch ungemein viel Freude, selbst in der Erinnerung machen,« sagte Jack herzlich – Smith antwortete ihm aber nicht darauf; sich nach seinem jungen Begleiter umsehend, zeigte er auf die einzeln stehenden drei Bäume und sagte:

»Dort an dem mittelsten Stamm, rechts von dem hohen Kamin, das einzige was noch in seiner ganzen Länge stehen geblieben, ist eine Merkwürdigkeit, von der wenig Menschen jetzt hier noch etwas wissen« – Jack sah ihn neugierig an – »Dort verscharrten wir eines Morgens, denn begraben kann ich das nicht gut nennen,« fuhr Smith fort, »einen jungen Mann – es hieß er sollte wegen Wilddiebstahl deportirt worden sein, die rechte Ursache erfuhr man aber nie, und hie und da wurde von einer Liebesgeschichte gemunkelt. Der Oberaufseher hatte ihn wahrhaft tyrannisch behandelt, und da schnitt er sich einmal eines schönen Morgens die Adern auf – als er geweckt werden sollte, war er todt.«

»Und was ist das Merkwürdige, was dort an dem Baum zu sehen ist?« frug Jack.

»Ein kleines Kreuz von irgend einer bunten Art Steine, die eine junge Dame aus Sidney, etwa sechs Monate nach seinem Tod, hat dort einschneiden lassen – wir wollen einmal dort vorbeigehen und es uns ansehen, ehe es dunkel wird.«

»Wir kommen aber dann zu spät ins Nachtquartier,« meinte Jack, und sah sich nach der Sonne um »– die Straße ist auch schon leer, die Sonne wird gleich unter sein.«

»Die Fuhrwerke sind unten beim Wasser geblieben,« erwiderte Smith, seinen Bündel wieder aufnehmend, »wir schneiden uns aber sogar noch ein Stück vom Weg ab, wenn wir hier hinuntergehen, denn die Straße macht einen großen Bogen, den steilen Berg zu umgehen, und so wie wir, von den Schornsteinen ab, ins Thal hinunterkommen, sind wir am Wirthshaus, das da gleich am Wege steht.«

Er hatte bei diesen Worten schon die Straße verlassen und war in den Busch hineingegangen; es führte hier nicht einmal ein Steg hinüber; der Platz schien seit vielen Jahren gar nicht mehr besucht zu sein; Jack folgte aber seinem Führer, der hier jedenfalls gut Bescheid wissen mußte, und dann interessirte es ihn auch, das Kreuz zu sehen, was auf eine so rührende und geheimnißvolle Weise über den Tod eines Unglücklichen trauerte.

Der Busch war schauerlich dicht, nach einer Viertelstunde etwa erreichten sie aber den Platz, und Smith ging gerade durch nach den drei Bäumen zu, die ziemlich hervorragend auf einer kleinen, sonst von keinen hohen Bäumen besetzten Anhöhe standen. Sonst wucherte aber dort gerade ziemlich dichter niederer Gumbusch, und in dem tiefer gelegenen Grund fing es auch schon an, etwas düster zu werden. Die Sonne vergoldete nur noch die höchsten Gipfel.

»Wir werden das Kreuz kaum noch sehen können,« sagte Smith – »es ist Schade, daß es schon so spät ist –« er bog die Büsche auseinander und trat zu den Bäumen – »dort unten liegt übrigens das Wirthshaus,« sagte er, in das Thal hinunter zeigend, wo jedoch nichts mehr zu erkennen war – »und hier ist auch das Kreuz.«

Jack trat rasch vor und bog sich zu dem Baume nieder – Smith hatte seine rechte Hand unter seinem blauen Hemd am Gürtel.

»Ich kann nichts erkennen,« sagte er, und drehte sich nach seinem alten Begleiter halb um. – Eben noch sah er, daß dieser eine Bewegung gegen ihn machte, und im nächsten Moment lag er, von irgend einem schweren Instrument zu Boden gefällt, bewußtlos auf der Erde.

Als er wieder zu sich kam, war es stockdunkel – sein Gesicht und seine Haare waren mit Blut bedeckt, und er fühlte einen dumpfen Schmerz am Kopf. Er brauchte eine geraume Zeit, bis er sich nur erst wieder besann, wo er war. Sein erster Griff war nach seinem Kopf – und er blieb nicht lange in Zweifel, wie er sich damit stand – der zweite nach seinem Gold – John Smith hatte ihn der Mühe überhoben, weiter auf dasselbe Acht zu geben.

»Was für ein verdammt heuchlerischer Schurke das gewesen war« – dachte Jack, als er sich emporrichtete und mit beiden Händen seine Schläfe hielt.

Sein Bündel lag uneröffnet neben ihm am Boden und er tappte überall mit den Händen herum, ob ihm nicht auch vielleicht sein Goldbeutel aus der Tasche gefallen wäre, das war übrigens nicht der Fall, und dieser wahrscheinlich nur zu sicher aufgehoben.

Um der Sache übrigens noch die Krone aufzusetzen, folgte er der Anweisung, die ihm Smith gegeben hatte, zu dem nächsten Hause zu kommen, und stieg in das Thal hinunter. Dort sah er sich – oder sah er sich vielmehr nicht, sondern fühlte er sich in einem tiefen Kessel, aus dem er in der Dunkelheit gar keinen Ausweg fand. Die Nacht mußte er da unten verbringen, und erst mit Tagesanbruch suchte er seinen Weg zurück, wie er hineingekommen war.

Jetzt mußte er noch einmal an den drei Bäumen vorbei, und er konnte nicht umhin nach dem Kreuz zu sehen, was ihn in eine so fatale Lage gebracht hatte – natürlich war aber von einem Kreuz nicht die geringste Spur zu finden – der verwünschte Smith.

Ich kann hier meine Erzählung ziemlich kurz abbrechen, denn der Leser hat das Ende – Jack war seine paar Unzen los und Smith, oder wie der gute Mann sonst hieß, über alle Berge. Jack machte übrigens gleich bei dem ersten Gendarmen, den er traf, Anzeige über das Vorgefallene, und nannte seinen Namen und Wohnort in Sidney – der Polizeimann erkundigte sich besonders genau nach dem Tuch, was dieser Smith um die Ohren gebunden gehabt, und ob er es nicht einmal abgenommen, oder ob es sich vielleicht einmal verschoben habe, daß er hätte sehen können, was ihm eigentlich fehle. Jack konnte ihm aber hierüber keine Auskunft geben, und dabei blieb die Sache für jetzt – von dem Kreuz erzählte er nichts.

Den ganzen Weg bis Sidney hinunter durfte er aber jetzt zu Fuß laufen, und sogar noch den größten Theil seines Gepäcks verkaufen, um nur unterdessen leben zu können, und doch hatte er sich die ganze Zeit darauf gefreut, wenigstens von Penrith hinein mit der Post fahren zu können. Das hatte aber auch wieder das Gute, daß er es konnte Abend werden lassen und die Leute ihn nicht auf der Straße frugen: Hallo, Jack, have you sold your cradle? – wie das wohl jedem ohne Ausnahme in Sidney passirt, der jetzt mit einem blauen Hemd an und einer wollenen Decke auf dem Rücken bei Tag durch die Straße gehen wollte.

In seiner Eltern Haus war aber große Freude, als er einrückte; sein Vater hatte mehr Arbeit denn je, und der neu angenommene Geselle war ebenfalls in die Minen hinaufgegangen. Jack erzählte ihnen auch ziemlich aufrichtig, wie es ihm oben in den Bergen gegangen sei, er ließ aber doch vieles weg, was er schon hätte ausführlicher beschreiben können. So erzählte er kein Wort von Jane und hätte auch gewiß Mr. Smiths Andenken mit gründlicher Verachtung behandelt, wenn das nur eben gegangen wäre – Mr. Smith hatte sich aber zu deutlich in sein Stammbuch geschrieben.

Einige Wochen später erwischte diesen übrigens die Polizei in den Ophirdiggings, wo er wieder in ein Zelt eingebrochen, oder vielmehr eingeschnitten war. Mr. Smith hatte noch immer Zahnschmerzen, oder trug das Tuch wenigstens noch immer um die Ohren, d. h. um den Platz herum, wo seine Ohren einmal gesessen hatten. Von Californien war er mit dem Verlust derselben wieder zurückgekommen, und man vermuthete, daß er vollen Grund habe, auf das amerikanische Lynchgesetz ungehalten zu sein.

Von seinem Gold bekam Jack übrigens nie wieder etwas zu sehen, wollte aber auch nichts mehr von den Minen wissen.