Die Farm in Indiana.

Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo sie jetzt landeten, ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer sagte, der das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles (engl. Meilen) unter Grahamstown; es war für die Passagiere die dort auszusteigen gedachten, die höchste Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen.

Über das Wort town (Stadt) hatte der Professor indeß unterwegs seine überseeischen Ansichten in etwas geändert, denn den Fluß entlang, besonders am Ohio, waren ihm schon eine Menge kleiner Nester mit ein paar zerstreuten hölzernen Wohnungen, aber immer unter diesem Titel, vorgestellt worden, daß er eben auch nicht sehr erstaunte — wenigstens nicht so überrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wäre — als sie etwa eine halbe Stunde später in Grahamstown einen eben solchen kleinen Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim bloßen Vorbeifahren, gewiß nur für eine gut und bequem angelegte Farm gehalten haben würde. Lange Zeit zu Betrachtungen blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der Steuermann gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit den zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer — aber hier freie Leute, keine Sclaven — sprangen bereitwillig, die Köpfe vorsichtig geduckt daß sie nicht von dem schweren Tau getroffen wurden — herbei es aufzufangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen gezogen, ertönte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strömte mit einem scharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder standen und wenige Secunden später lag die Jane Wilmington fest an Land, ihre Passagiere abzusetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeschoben und während die Deckhands und Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und abwarfen, was ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter schon wieder unter den Füßen fortgerissen wurden. Go ahead! tönte der Ruf des Capitains vom Hurricane-Deck aus, und die große Schiffsglocke läutete zum Zeichen daß Alle, die noch an Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot verlassen sollten — aber es war das eine bloße Formalität, denn das Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige Secunden später an und — weiter brauste.

Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an Bord der Jane Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewählt; nur noch zwei Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, einen winzigen Lederkoffer, in der Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren mit ihnen ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und fast möchte man sagen gewaltsam von Statten, daß sie nicht einmal Zeit behielten sich zu erkundigen ob dieß auch wirklich Grahamstown sei. Die kleine Stadt lag übrigens auf einem hier zum Wasser niederlaufenden, etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang; eine sehr ausgefahrene Straße lief schräg an dem Hang hinauf zu den ersten Häusern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigentlichen sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem höchsten Rand. Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikanischen Passagiere in ihren schwarzen Fracks hinter den Häusern verschwunden waren, hie und da einen Mann erkennen der, die Hände in den Hosentaschen, an einer Fenzecke lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem großen, den ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken Wäsche aufhing, um die Fremden da unten mit ihrem Gepäck, einer ordentlichen Burg von lauter Kisten, Kasten, deutschen Ackergeräthschaften, Koffern und Hutschachteln, schien sich keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk war zu sehn, mit dem sie hätten hoffen können ihr Passagiergut hinauf zu befördern.

»Lieber Gott wie öde das hier aussieht« sagte Marie, die sich mit der Mutter und den übrigen Geschwistern auf ihre Koffer gesetzt hatte, während der Weber mit seiner Familie, und der Professor mit Eduard und Herrn von Hopfgarten noch eifrig beschäftigt waren, das dicht an den Wasserrand, und hie und da selbst in den nassen Sand und Schlamm geworfene Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf trockenen Boden zu schaffen. —

»Und kein Mensch zu hören und zu sehn« sagte Anna kopfschüttelnd, »große Freude scheinen die Einwohner eben nicht zu haben daß neue Ansiedler kommen.«

Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jüngstes Kind auf dem Schooß, und schaute sich dabei still und mit einem unbeschreiblich unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich öde unversprechende Umgebung an.

Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden Eindruck auf den Fremden, als das erste Betreten einer neuen »clearing«,[21] eines neu angefangenen Platzes in den weiten Wäldern Amerikas. Alles ist noch neu und unfertig, überall liegt Baumaterial und Holz; gefällte Bäume, abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt; Straßen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da hinaus ausweichend, natürlichen Hindernissen des Bodens zu entgehn; Nichts hat noch einen Platz, Niemand selbst von den schon Angesiedelten fühlt sich heimisch, und die zertretenen, zerstampften Plätze um die Wohnungen selbst herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten gäbe, oder Abwechslung in diese Wüste der Civilisation brächte. Wohl hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen der Weißen sehend behaupteten, der Indianer sei der einzige rechtmäßige und von dem großen Geist für sein Vaterland bestimmte Eigenthümer, »denn er entstelle den Platz nicht, auf dem er sich niederlasse«, und nur den Jahren ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber muß wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da wohnlich, bis es heimisch wird.

Die Männer hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten, sich mit dem seidenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend, zu den Damen trat.

»Das wird Appetit machen« sagte er lachend, »Wetter noch einmal, nach einem so müßigen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor; die Bootsleute hätten sich auch ein wenig mehr Zeit lassen dürfen — ich habe ordentlichen Hunger.«

»Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen können« meinte Marie neckend — »Sie und Papa werden jedenfalls erst einmal recognosciren gehn müssen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden genöthigt sein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben, den Mutter für die Kleinen mitgenommen hat.«

»So weit wird es hoffentlich nicht kommen« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, »aber — aber ich muß gestehn — etwas Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beschreibung doch auch gedacht und, was mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen hier auf fremde Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und — brauchen uns entweder nicht, oder — oder glauben vielleicht daß wir gar nicht zu ihnen wollen.«

»Das läßt sich bald erfahren« rief aber Hopfgarten — »wir Beide wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeschlagen hat, einmal hinaufgehn und den Herrn aufsuchen, an den Sie, lieber Professor, adressirt sind; jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir sind, und was wir hier in diesem Embryo Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil trete den Weg mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu fürchten selbst in denen getäuscht zu werden.«

»Gut« sagte der Professor »dann mag Eduard als Beschützer der Frauen zurückbleiben, und dem Weber indessen helfen das kleinere Gepäck etwas mehr zusammenstellen; hoffentlich hat die Stadt da oben auch ein besseres Aussehn, als wir von hier unten erkennen können. Spätestens sind wir in einer Stunde etwa zurück und bringen Bescheid.«

»Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, als sie allein hier in der Sonne sitzen lassen?« wandte Hopfgarten ein.

»Wir bleiben lieber hier« sagte die Frau Professorin rasch — »ich möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht weiß daß unsere Kinder und das Gepäck ein sicheres Unterkommen finden.«

Der Professor hielt das auch für das Beste, denn ihre Familie war durch die Weberleute natürlich sehr angewachsen, und die beiden Männer machten sich jetzt auf den Weg vor allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an den sie empfohlen waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt noch sehr passiv verhielt, etwas näher in Augenschein zu nehmen. Sie kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen Landungsplatz, den schmutzigen schräg anlaufenden Weg dabei vermeidend, hinan und erreichten bald die ersten, schon von unten auf bemerkten Häuser, wo sie das aber, was sie von der Landung aus für einen freien, noch nicht bebauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in regelmäßigen Zwischenräumen kleine niedere theils Block- theils frame[22] Häuser standen, in der aber auch nur erst die Bäume, die hier ursprünglich den Wald gebildet, gefällt und die Klötze zu den Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und Stümpfe aber noch keineswegs entfernt waren, und der Straße, die ein breites Schild als Mainstreet verkündete, etwas ungemein urthümliches gaben.

Die Straße — in der nur zwei Menschen sichtbar waren, der eine mit einer Axt beschäftigt einen knorrigen Eichenast zu Feuerholz zu spalten, der Andere auf einem umgeworfenen Stamm sitzend, auf dem er, mit einem Zeitungsblatt in der Hand, eingeschlafen schien — bot aber doch etwas, dessen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte — ein Wirthshaus, auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort natürlich an der Quelle alle nöthigen Erkundigungen einzuziehn.

Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, bestand in einem roh von Stangen aufgerichteten Gerüst, zwischen dem schwebend, an zwei eisernen knarrenden Haken ein Gemälde mit der Unterschrift »Inn« (Wirthshaus) hing. Das Bild allein wäre nun schon hinreichend gewesen die Aufmerksamkeit der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es sich auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben und diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu bewundern. Es stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer dar, die höchst sinnreich mit dem zur Kufe ausgebogenen sehr schuppigen Fischschwanz über die jedenfalls gefrorene Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig beschäftigt war mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, — das Ding sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune — die allerdings sehr struppigen rothen Haare zu kämmen. Sie war dabei gewissenhaft nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das Diabolische ihres Charakters am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur Phantasie von ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas verdrehte und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den Erfolg des Kammes hielt, mit einer so scheußlichen Galgenphysionomie versehen, daß sie als die Urmutter des ganzen Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum einem armen »Schiffer in seinem Kahne« der vielleicht den Ohio herunter kam, gefährlich geworden wäre.

»Nun, wie gleicht ihr das Bild?« sagte da plötzlich, in dem sogenannten Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch deutschen Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die nie Pensylvanien gesehen, eine vierschrötige Figur, die in einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug und eben solchen pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen, die Hände in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in der Thür stand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, wohlgefällig betrachtet zu haben schien.

»Oh vortrefflich« sagte Herr von Hopfgarten rasch, und etwas erstaunt über die deutsche Anrede — »aber Sie sprechen deutsch?« —

»Y-e-s« sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewußt.

»Aber Sie sind kein Deutscher?«

»No — denke nicht.«

»Und woher wußten Sie daß wir Deutsche sind?« frug der Professor, dem es ein eigenthümliches Gefühl war trotz seiner, keineswegs auffälligen oder außergewöhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land Gehöriger erkannt zu sein.

»Well, ich weiß nicht« sagte der Pensylvanier schmunzelnd, »aber Ihr Deutsche seht immer so artlich aus, daß man Euch gleich wie die schwarzen Schaafe unter den Weißen herausfinden kann. Aber wollt Ihr nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es ist heiß heute.«

Capitel 8.
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Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger des in Aussicht gehenden Äpfelweins als der gehofften Nachrichten wegen, und folgten dem Mann, der sie in den unteren, eben nicht sehr gemüthlichen Raum seines Schenk- und Gastzimmers führte, dort ohne weiteres hinter seinen Schenktisch trat, ein paar Gläser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine gelblich trübe Flüssigkeit eingoß die er ihnen als »first rate«[23] und honigsüß anprieß. Er lehnte sich dann mit den beiden Ellbogen auf seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie sie die Flüssigkeit, ein sauersüßes etwas fade schmeckendes Gebräu, mit der bestmöglichsten Miene verschluckten.

»Capitaler Cider das — hat mein Junge selber gemalt, alle beiden Seiten.«

»Was?« sagte Hopfgarten rasch, über sein halbgeleertes Glas hinwegsehend.

»Das Bild draußen mein ich« sagte der Pensylvanier — »die Mermaid — verfluchter Junge, hat es Alles von sich selber gelernt.«

»Oh das Schild draußen — ja, ist wirklich vortrefflich gemacht« stimmte ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Möglichkeit versetzt zu werden den Cider ebenfalls loben zu müssen — »verräth sehr viel Talent.«

»Yes« — sagte der Pensylvanier schmunzelnd — »und noch dazu ohne Pinsel, blos mit einer Zahnbürste.«

Das Gemälde gewann durch diese Nachricht allerdings an artistischem Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht sehr über das Gespräch amüsirt hätte, gingen aber doch in diesem Augenblick zu viel andere Dinge im Kopf herum, und er schnitt die Unterhaltung durch eine direkte Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und für den er freundschaftliche Briefe bei sich trug.

»Mister Goodly — so? — « sagte aber der Pensylvanier, dessen Name Ezra Ludkins war, seine beiden Gäste Einen nach dem Anderen rasch aufmerksamer als vorher von oben bis unten betrachtend — »und Ihr wünscht Mister Goodly zu sprechen und habt Briefe für ihn?«

»Ja mein Herr« sagte der Professor, der sich aber noch immer nicht recht an das Pensylvanische Du gewöhnen konnte, »und Sie würden uns einen großen Dienst erweisen, wenn Sie uns zu ihm führen wollten.«

»So? — hm?« sagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd — »Mr. Goodly? Und Ihr seid Freunde von Mr. Goodly? —«

»Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo können wir ihn wohl finden?«

»Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wüßte« sagte Ezra.

»Der Sheriff? — wie so — ist er nicht mehr hier?« frug der Professor rasch und erschreckt.

»Ich denke nicht« erwiederte der Pensylvanier, mit unzerstörbarer Ruhe — »könnten hier auch nicht care auf ihn tähken,[24] denn wir haben noch keine penitentiary

»Kein Zuchthaus?« rief Herr von Hopfgarten — »hat Herr Goodly irgend etwas verbrochen?«

»Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem Spiel ruinirt, und dann einer alten Frau, die hier allein in einem Hause wohnte und viel Cash (baar Geld) haben sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er sich scarce gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder ketschen[25] können.«

»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief der Professor, »das kann der Goodly nicht sein — Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown am blue creek, etwa eine halbe Meile von hier — ausgedehnte Rinder- und Schaafheerden, und zieht hauptsächlich Schweine für den Cincinnati-Markt.«

»Well« sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas für sich selber von dem Gesims herunter nehmend, das er sich mit brandy — er selber trank keinen Cider — anfüllte, und auf einen Schluck austrank — »das trifft. Seine kleine cabin stand am blue creek, wie der Platz heißt — er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die letzten drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist, kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.«

»Aber das sind keine Heerden — «

»Bah, wenn er's eine Heerde nennt — Grahamstown ist auch noch keine Stadt, wenn wir so wollen.«

»Und Mr. Goodly war wirklich — «

»Der nichtswürdigste Schurke, den je die Welt getragen,« unterbrach ihn der Pensylvanier ruhig, »und ich will Euch wünschen, Leute, daß Ihr noch bessere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.«

»Allerdings keine weiter,« sagte der Professor, mit einem aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag schmetterte diese Nachricht all seine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was machen, wohin gehn? — und seine Familie, rathlos ohne einen Freund in dem fremden Lande, mit seinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis gegeben.

»Apropos Fremder,« sagte da der Pensylvanier plötzlich von einem neuen Gedanken ergriffen, »Ihr sagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von Goodly — vielleicht wäre da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er jetzt steckt — setze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.«

»Der Gedanke ist vortrefflich«, rief Herr von Hopfgarten, »und ich wäre ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel an ihn schreibt.«

»Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen«, sagte der Professor — »überdieß konnte Henkel Nichts über seine Flucht wissen, sonst hätte er mir den Brief nicht mitgegeben.«

»Nun, vielleicht wünscht ihn der Sheriff zu sehn,« sagte der Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder zurückstellend, »wäre jedenfalls interessant auch den Freund kennen zu lernen.« Der Mann hatte die beiden Fremden, seit er sie mit jenem anerkannten Gauner in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauisch fortwährend betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen sein könne, wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen Abwesenheit besonders den Einen — wie ihm keineswegs entgangen — augenscheinlich in Verlegenheit setzte. Herr von Hopfgarten übrigens, der seine eigenen Beweggründe dabei hatte, drang jetzt selber in den Professor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel gesagt daß es nur eine Empfehlung sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen, daß Mr. Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und würde, wenn er es später erführe, gewiß sehr damit einverstanden sein, daß sein Brief geöffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt worden, in unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden zu haben. Der Professor sträubte sich aber noch lange dagegen, und nur erst als sie das Papier gegen das Licht gehalten und dadurch gesehen, daß es wirklich nur wenige Zeilen enthalte, und selbst in der Hoffnung für sich vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschloß er sich endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. Dieser schien außerdem nicht übel Lust zu haben ihm den Sheriff auf den Hals zu schicken, wodurch er am Ende noch in eine ganze Masse unangenehmer Geschichten verwickelt werden konnte, und er hatte von Deutschland her noch einen ganz besonderen Respekt vor jeder Berührung mit den Gerichten, dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika gleich mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann achselzuckend an Hopfgarten, während diesem der Pensylvanier neugierig über die Schulter schaute, gab. Der Brief lautete einfach.

»Lieber Goodly.«

»Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wünscht — womöglich gleich eine eingerichtete Farm — ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß Du ihm das besorgen wirst. Er hat Geld und ist ein Professor. Es wäre mir sehr angenehm, wenn er einen passenden Platz im Norden fände — ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.«

»Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika — habe sehr gute Geschäfte gemacht und hoffe Dich jedenfalls im Laufe des nächsten Monats in New-Orleans zu sehn. Du mußt kommen. Meine Adresse kennst Du. — O..... ist auch hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich bestens

Dein

Soldegg Henkel.«

»Soldegg Henkel?« sagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, dann langsamer durchlesen hatte — »Soldegg, was für ein sonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht anders?«

»Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,« sagte der Professor, »ich habe nie darauf geachtet, und soviel ich weiß seinen Vornamen auch nie gehört — vielleicht ist dieser hier in Amerika gebräuchlich.«

»Soldegg?« sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung halb als Frage gerichtet war, indem er hinter seinen Schenktisch ging und sich den Namen aufschrieb, »nicht daß ich wüßte; s' ist aber möglich, die Methodisten und Baptisten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche Namen, von denen man nie weiß wo sie her sind, aber — wie ich da eben aus dem Brief sehe, habt Ihr die intention Euch hier zu settlen, und eine Farm zu kaufen; ist das wahr?«

»Das war allerdings meine Absicht,« sagte der Professor kopfschüttelnd im Zimmer auf und abgehend, während sich Hopfgarten mit dem Brief in eine Ecke gesetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchstudirte, »damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden, sondern gleich Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre sonst wahrhaftig nicht nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, Dienstboten und Gepäck hier heraufgekommen.«

»Well, wenn Du bei Allem solch Glück hast, als daß Du den Schuft von Goodly nicht mehr hier findest und in dessen Klauen gefallen bist,« meinte der Pensylvanier trocken, »dann kannst Du es noch zu 'was bringen in den States. Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?«

»In Cincinnati? — hier — unten am Fluß, mit Kisten und Kasten.«

»The devil!« rief der Pensylvanier überrascht aus — fügte aber dann, indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf seinen Schenktisch setzte und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten Hände nahm, langsamer und wie überlegend hinzu, »hm — da befindest Du Dich anyhow in einem fix[26] — seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?«

»Ja wohl, mit der Jane Wilmington.«

»Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich kaufen?«

»Wenn ich etwas passendes fände.«

»Mit Vieh und Einrichtung?«

»Wäre mir allerdings das Liebste.«

»Und Gebäuden?«

»Versteht sich von selbst.«

»Und wie theuer äbaut?«

»Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umständen ab, und müßte sich doch entschieden nach der Farm selber richten.«

»Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht unten an der Landung sitzen lassen,« meinte der Pensylvanier, »und es wird das Beste sein sie hier heraufzumuven — Unterkommen haben wir schon für sie; wir müssen wenigstens sehn, daß wir 'was auffixen — aber so recht bequem wird's freilich nicht werden.«

»Ja ich weiß aber gar nicht,« sagte der Professor unschlüssig, indem er sich an den noch immer den Brief studirenden Herrn von Hopfgarten wandte, »ob ich unter solchen Umständen überhaupt hier bleibe, oder nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu lieber Hopfgarten — lassen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie lernen ihn wohl auswendig?«

»Auswendig nein,« sagte der kleine Mann aufstehend, »obgleich er's am Ende verdiente, denn ich fange an zwischen den Zeilen zu lesen und ich versichere Sie, lieber Professor, mir wird angst und bange dabei zu Muthe.«

»Aber wie so? — was haben Sie?«

»Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müssen wir doch wohl an das Ihnen näher Liegende denken.«

»Ja nach Cincinnati wieder fahren,« sagte der Pensylvanier achselzuckend, »das ist so eine Sache. Natürlich könnt Ihr das thun, denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage hier vorbei; heute sind aber schon drei aufwärts gegangen, es ist also sehr die Frage, ob über Tag noch eins kommt, und die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut unten am River bleiben. Außerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß Ihr doch am Ende besser thätet, Euch hier erst einmal ein paar Tage umzusehen; nachher könnt Ihr ja anyhow doch noch immer thun was Ihr wollt.«

In dem Rath lag sehr viel Vernünftiges; das ewige Gepäck herumschleifen bekam der Professor auch satt, und die Passage nach Cincinnati, so gering die Strecke sein mochte, hätte für seine wie des Webers Familie, »a smart sprinkle Geld« gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrückte, da sich die »Steamboote« das Anlegen schon besonders zahlen lassen. Zu dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein Gasthaus, der Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen — die Masse Personen — auch von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erst die Umgegend hier einmal in Augenschein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich nicht, so hatte er doch ein Stück vom Lande gesehen, die Preise und Verhältnisse etwas kennen gelernt und — Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie ein paar Tage, mit nicht größerem Kostenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen war, versäumt zu haben.

Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung hinunter, dort das Gepäck in Augenschein zu nehmen, um es nachher mit seinem Geschirr heraufzuholen, und die Damen in sein Haus einzuführen. Er war, nachdem er die Absicht der Fremden gehört, und nun doch auch wohl gesehen hatte, daß sie mit jenem übel berüchtigten Goodly in nicht dem geringsten Verhältniß standen, wieder sehr freundlich und zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene ungenirte Weise geworden. Gegen die Damen aber war er besonders artig, und bot sogar der Frau Professorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen hieß, den Arm an und führte sie den Berg hinauf, und die Männer nahmen Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. Des Pensylvaniers Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geschickt die übrigen Sachen, bei denen des Webers Frau mit den Kindern so lange als Wache bleiben mußte, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen — hatte aber dreimal zu fahren, ehe er sämmtliche Kisten und Collis an Ort und Stelle schaffen konnte.

Für diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am nächsten Morgen aber, sobald es den Herren gefiel, erbot sich der Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er ihnen sogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom Ohiostrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Diese, jetzt von einem seiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, »wenn er seine Auslagen bezahlt bekäme«, indem er selber keinen Gebrauch mehr dafür hätte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner Aussage nach, mehr zu als das Farmerleben, und Grahamstown würde und müßte sich in sehr kurzer Zeit so heben, daß sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel umgestalten könnte. Wenn besonders der Plan verwirklicht würde, an dem das County jetzt arbeitete — den Platz mit der nach St. Louis führenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, hoffe er das Fabelhafteste für Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu verstehn, daß ein paar hundert Thaler für Bauplätze in der Stadt selber ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden werden könnten, und wie er für die Zukunft sogar an dem Bestehen Cincinnatis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses Platzes, unterhalb den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, kaum werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er mochte es sich dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich um sie noch mehr zu überzeugen, auch in die Anlage des »beabsichtigten« Grahamstown hinauszuführen, und Mainstreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten der weiter oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen sie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem ausgesteckten und hier und da selbst schon »geklearten« Marktplatz, wo allerdings noch sämmtliches gefälltes Holz wie Kraut und Rüben durcheinander lag, nichts destoweniger aber doch schon der Platz für die Bank, für das Theater und für die Börse — das Court oder Gerichtshaus stand schon in Gestalt eines breiten überwachsenen Blockhauses an der nämlichen Stelle, an der es sich später von massivem Sandstein oder Granit erheben sollte — ausgemessen, und an den noch stehenden Bäumen durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet worden.

Der Professor hätte unter anderen Umständen gewiß über dieß großartige Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt berühmt sind, gelächelt, und sich damit amusirt, denn seinen eigenen Ansichten von Städtebauen nach, soviel er auch Amerikanischer Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte und mußte wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte dessen wahr geworden, über das der Pensylvanier sprach als ob es sich im nächsten Frühjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in den Wirbel schon halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit sich fortriß, schon ein halbes Glied des Ganzen, und doch noch eigentlich nicht dazu gehörig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon gewissermaßen als seine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit einem unbehaglich drückenden Gefühl, so daß er manchmal ordentlich tief aufathmen mußte, wie eine schwere Last von seiner Brust zu wälzen.

Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und die improvements des Bodens und der Stadt, der Wachsthum der Einwohnerzahl, die Erbauung von Kirchen, Schulen, Universitäten, Bibliotheken etc. etc. riß ihn mit einer Phantasie und Einbildungskraft fort, die so innerste Überzeugung schien, daß sich selbst der Professor, trotz seiner niedergedrückten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens einen kleinen Theil des in soliden Luftschlössern aufgebauten Bildes für möglich zu halten, und sich in der That, noch ehe sie das Gasthaus wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine Zuckerfabrik — den Runkelrübenbau in Amerika einzuführen war eine Lieblings-Idee von ihm — an der blue creek errichtete, mit derselben Wasserkraft eine Säge- und Mahlmühle trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte von den Überbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans schickte, den größtmöglichsten Nutzen zu ziehn.

Der Abend ging trotzdem sehr still vorüber — das drückende Gefühl der Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, sie mochten ankämpfen dagegen wie sie wollten, ließ sich nicht so rasch bewältigen, und wenn auch der Pensylvanier Alles that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie sich jetzt befänden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer so behaglich herrichtete wie es unter den Umständen nur möglich war, sie blieben still und einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst von Allen, hätte sich am allerliebsten in irgend eine versteckte Ecke gedrückt und recht herzlich ausgeweint — so weh, so eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe.

»Apropos,« rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als sie sich gerade für die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier hatte ihnen nur drei Zimmer zur Verfügung stellen können — eins für die Damen, eins für die Weberfamilie und eins für die Herren) »was ich Sie noch fragen wollte — kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unseres gemeinschaftlichen Freundes Henkel?«

»Ja wohl,« rief Marie rasch — »er heißt Joseph; warum?«

»Ganz recht — jetzt fällt es mir auch ein, Joseph!« sagte Hopfgarten schnell; »wie man doch so etwas vergessen kann, ich habe selber den Namen mehr wie hundert Mal gehört.«

»Joseph — ja wohl,« sagte auch jetzt der Professor, »da muß das wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.«

»Sein Amerikanischer Name?«

»Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit Soldegg Henkel unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine Frau wenigstens ihn mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt hätte.«

»Soldegg — Soldegg — ich habe den Namen nie, auch selbst nicht in Heilingen gehört,« sagte Anna — »lieber Gott was mag Clara jetzt machen; es ist mir immer ein recht trauriges, wehmüthiges Gefühl, daß wir sie krank zurücklassen mußten.«

Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit auf den Rücken gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und ab, aber er sagte kein Wort weiter, und da die Frau Professorin etwas über Kopfweh klagte, und die Kinder auch unruhig wurden, verabschiedeten sich die Männer bald, und suchten ebenfalls ihr Lager.


Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag für die neuen Ansiedler, der vielleicht entscheidend für sie sein sollte, für ihr ganzes Leben und Glück, denn eine neue Heimath sollte gesucht, ein Platz gefunden werden, auf dem sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen, sondern für den sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit herüber gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückschritt nachher ohne bedeutende Verluste nicht möglich gewesen wäre. Und entsprach etwa Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren Erwartungen? durfte der Professor hoffen in dieser Gegend gleich einen solchen Platz zu finden, an dem er es vor sich und seiner Familie verantworten konnte zu bleiben? Er wagte gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuschender gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen Land, und da, wo noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem, der sie weckte und in's Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte man nicht erwarten ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte; es war eben eine halbe Wildniß, in der erst gerade durch die geweckte Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer von Amerika versprachen. Das Alles hatte man sich daheim auch wohl wie oft selber gesagt, und war allem Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet gewesen; und doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es — innerlich gewiß mit manchem Vorbehalt — aber doch äußerlich nicht anders erwartet, mit den wild umher gestreuten Stämmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit mangelnden Holzhäusern, den fremden Menschen, da fühlte sich die Brust beklemmt und sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen Augenblick halb unbewußt und scheu nach dem verlassenen Ufer zurück. Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen Brücke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, und wenn auch keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab ihnen das Bewußtsein jetzt: »Du mußt!« Ein Rückweg war nicht mehr möglich, wenn sie das selbst gewollt hätten, und mit dem Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe, jedenfalls mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurück.

Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem er durch seine Anstellung bei dem Professor schon gewissermaßen festen und sicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur betreten. Er war neugierig allerdings, wie er es finden würde, und ob die Erzählungen, die er davon zu Hause gehört und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber vor der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, fürchtete er eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich entwickeln würde, ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprüche an das Leben waren auch geringer; Vieles, was der in anderen Kreisen erzogenen Familie des Professors Entbehrung schien, wenn sie sich auch nicht darüber aussprachen oder gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines bisher gewöhnten Zustandes, und die Gewißheit nicht allein seine Familie auf ein volles Jahr untergebracht und versorgt zu haben, sondern auch sogar an baarem Geld mehr zu verdienen, als er bis jetzt in seinem ganzen Leben im Stande gewesen war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit freudiger Zuversicht entgegengehn.

Seine Frau theilte das Gefühl, wenn sie sich auch noch in der fremden Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die alte Mutter, der ihre gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte sich darin niederzuhocken, der die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bäume nicht dahin den Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vögel nicht zwitscherten wie daheim und die Blumen — ihre Astern — nicht blühten, und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thür getreten war die Linde zu besuchen, unter der der Leberecht ruhte, dann immer nur um so viel niedergeschlagener, so viel mürrischer zurückzukehren zu dem selbst nicht gewohnten Sitz, stöhnte und klagte den ganzen Tag und saß, die Hände müßig im Schooß gefaltet, und still und langsam dazu mit dem zitternden Haupte nickend und schüttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fühlte daß sie dem heimischen Boden, den Gräbern ihrer Lieben, der alten Dorfkirche und dem stillen Plätzchen, das sie so lange, lange Jahre das ihre genannt, entrissen, für ewig, und auf Nimmerwiedersehn entrissen sei, und sie glaubte jetzt das Herz müsse ihr brechen.

Der Professor hatte sich übrigens, wogegen der Pensylvanier erst einige Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den Weber auf ihrer heutigen Excursion mitzunehmen, sein Urtheil über das Land dabei zugleich zu hören und seine Meinung über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben. Der Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt werden könnte; der Professor aber, der klug genug war in einer Sache mistrauisch gegen sich selbst zu sein, die doch jetzt über alles Theoretische hinausging und in das praktische Leben direkt eingriff, vielleicht auch in der unbestimmten Furcht vor einem doch möglichen Fehlschlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen hätte, ließ keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe er eben ohne den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verstand, die Farm in Augenschein nähme. Als der Pensylvanier endlich sah daß der Fremde von diesem Entschluß nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer Viertelstunde gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der sich der Professor selber am unbehaglichsten »an Bord« des etwas hohen Pferdes fühlte, setzte sich in einem scharfen Schritt in Marsch, dem freien Lande zu.

Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen sie bald hinter sich, und folgten der sogenannten county-Straße, die noch eine Strecke weit durch den breit ausgehauenen Wald hinführte, wobei ihnen der Pensylvanier mit dem größten Ernst immer noch die schon ausgelegten aber noch nicht einmal »urbar gemachten« Straßen von Grahamstown zeigte. Dort, in das dicke Gebüsch von Hickory und Eichen sollte einmal später das Waisenhaus kommen — da drüben an dem etwas feuchten Fleck wo die Sycomore und Erlen standen war der Platz für den Gasometer ausgelegt — die Telegraphenstation mit der Post mußte unten am Fluß selber sein, in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natürlich in den ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus nach allen Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe des Wassers halten müßte. Er selber hatte sich aber auch zwei Bauplätze hier an der Grenze des Weichbildes reservirt, einen an dem nächst zu erwartenden St. Louis, den anderen, an dem Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal später nach New-Orleans und Charlestown führte, auslaufen sollte, darüber hatten sich die Bürger noch nicht geeinigt, und es war einer späteren Versammlung vorbehalten worden darüber zu entscheiden.

Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, und schien selber von dem rasenden Wachsthum der Stadt so fest überzeugt zu sein, daß sich der Professor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut machte sich in der Nähe eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das Land noch billig zu haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon unbestimmte Wünsche in sich aufsteigen fühlte, selber ein paar Bauplätze in den bestgelegensten Theilen der Stadt — nur nicht zu nahe am Gasometer — zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei schon aufmerksam gemacht, daß gegenwärtig die passendste Zeit dazu sein würde, da mit dem Winter besonders ihre, nur für jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewiß am Stärksten in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots (Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen und steigen müßte.

Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde saß, war ganz Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes, und dankte im Stillen seinem Gott und dem Professor, daß er nicht in völliger Blindheit an diesem merkwürdigen Platz vorübergefahren, sondern mit Sack und Pack ausgestiegen sei, und nun natürlich auch im Stande sein würde mit zuzulangen, wenn es hier einmal Brei oder Goldstücken regnete, denn weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und Aussichten, wirklich nicht viel mehr übrig.

Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht in der Absicht sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei fand in wie fern die Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer Freund dafür hegte, entsprechen würde, und mehr darauf achtete das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende Land mit seinen Eigenthümlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte auch bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine Strecke lang im Wald, durch den sich die Straße um Sumpflöcher und Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste Lichtung, und mit dieser eine Farm — eine wirkliche Farm im Inneren von Amerika — erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame Verabredung ihre Pferde an, und schauten still und schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, den Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete. —

Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika gedacht, wie freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung im Walde, mit all dem Zauber geschmückt, den die Natur fähig ist einem solchen Bilde zu geben. Das rege Schaffen der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein freundlicher Garten, schattige fruchtschwere Obstbäume, unter denen die lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Thür, auf dem die Kinder spielten, und die niederen Nebengebäude mit Ställen und Scheunen, die sich dicht an das Wohnhaus schmiegten — Lieber Gott, wie anders sah das hier aus.

Eine sogenannte Wurmfenz — die langgespaltenen Hölzer ohne weitere Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer Enden über Enden gelegt — umschloß ein Stück von etwa zehn Acker »geklearten« Landes, wie sich der Pensylvanier ausdrückte, d. h. ein Theil der Stämme vor etwa drei Fuß vom Boden, je nach Bequemlichkeit des Fällers, theils umgeschlagen und das überflüssige Holz auf große Haufen geschafft, verbrannt zu werden, theils standen die übrigen Bäume noch eingeringelt oder »getödtet« dürr und trocken die nackten Arme gen Himmel streckend, einzeln zerstreut über den Plan. Der Wald begrenzte an der Rückseite diese Rodung, aber noch war ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst kürzlich seines Schmuckes beraubt worden, wieder frisch auszuschießen, und die grüne Wand die er bildete sah zerrissen, rauh und wüst aus, eben wie der Boden, der mit dem Pflug gelüftet ein wildes trostloses Gewirr und Chaos von Wurzeln, Schollen und zackigen Furchen bot, daß es dem Fremden gar nicht so schien, als ob er je im Leben im Stande sein würde eine ordentliche Erndte zu tragen.

Die Straße die hindurchlief und an beiden Seiten von Fenzen eingefaßt war hatte man, kein besonderes Zeichen für den Werth des Landes — fast vierzig Schritt breit gelassen, und der Fuhrweg zog sich, sumpfigen Stellen, Klötzen und Stümpfen aus dem Weg gehend, herüber und hinüber in ausgefahrenen Gleisen, während einzelne niedere Blockhäuser, mehr Ställen als Wohnungen gleichend, zerstreut über den Platz weglagen, und mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu wohl verriethen wie sie bewohnt seien.

Und nichts — gar nichts Freundliches boten sie, kein Gärtchen schmiegte sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth die sorgsame Hand des Gärtners — keine Blume blühte, kein Grashalm fast war hier soweit das Auge reichte zu sehn, die Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder Wagengleis nicht hatte erreichen können; Alles war umgewühlt und roh, und einzelne Schweine die in den Pfützen arbeiteten und mit dem Rüssel den Schlamm aufschaufelten, schienen hier in der That den Ton anzugeben und auch die einzigen Wesen zu sein, die sich wirklich wohl und behaglich fühlten.

»Und das ist eine Farm?« sagte Herr von Hopfgarten, der zuerst die Sprache wieder gewann, und mit keineswegs freudiger Überraschung die Scene um sich her betrachtete; »guter Gott, die Geschichte habe ich mir doch eigentlich anders gedacht.«

»Das ist eine Farm Gentlemen« sagte aber Ezra Ludkins freundlich — »oder soll vielmehr erst eine werden, denn die Leute haben erst vorigen Winter angefangen den ersten Baum zu fällen und es sieht noch eher ein Bischen wild und unbehaglich aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn, wenn hier erst das corn (Mais) zwölf und vierzehn Fuß hoch mit seinen armstarken Kolben und wehenden grünen Blättern steht, wenn ordentliche Cabins gebaut und Obstgärten angelegt sind, und die Leute erst beginnen sich ein wenig comfortabel zu fühlen — nachher »schwätze mer anders« und die railroad (Eisenbahn) wird keine zweihundert yards von hier vorbeilaufen.«

»Es ist das der erste Beginn« sagte aber auch jetzt der Professor seufzend, »der erste Kampf der Civilisation gegen die Wildniß; die erste Verschmelzung, wie man beinah sagen könnte, des Waldes mit der Cultur, in der der Mensch wieder mit zurück in seinen Urzustand gezogen wird, und ein Stadium, das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden durchmachen zu müssen. Wie gefällt es Ihnen, Brockfeld?«

»Mir?« sagte der Weber, wie überrascht durch die Anrede, »ih nu — es ist — es ist recht hübsch hier — scheint gutes Land zu sein und — und recht viel Platz; nur noch ein Bischen wild. Tüchtiges Stück Arbeit noch, die Baumstümpfe alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein kann.«

»Mit dem Pflug hinein?« sagte der Pensylvanier sich erstaunt nach ihm umdrehend — »das ist ja hier schon gepflügt.«

»Das hier?« rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend, »aber wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand mit einem Pflug drin herum gekratzt wäre — nun das ist ein Kunststück? wie kommt man denn damit einem Pflug durch? Da muß unser Einer freilich wieder von vorn anfangen zu lernen.«

»Aber kommt Gentlemen, kommt« sagte der Amerikaner, »wir verlieren hier zu viel Zeit und haben noch einen guten Ritt vor uns.«

»Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Häuser im Inneren ansehn?« sagte der Professor.

»Verdammt wenig, was wir da würden zu sehn kriegen« lachte Ludkins; »so kahl wie's von außen ist, sind auch die Wände im Innern, und die Leute haben höchstens einen Kasten oder gum[27] zum draufsitzen, und einen roh zusammengenagelten Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und ein skillet (Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; wer aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders und viel behaglicher einrichten — diese squatter wissen es eben nicht besser.«

Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Zügel gelassen, und die Männer ritten durch die lange »lane« oder eingefenzte Straße hindurch, wieder in den Wald hinein, bis sie zu einer anderen, eben solchen Lichtung kamen. Die nächste Farm stand aber schon etwas länger, und zum Theil wenigstens mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Gebäude freilich sahen eben nicht viel besser aus und aus den Thüren schauten, als sie vorüberritten, das etwas bleiche Gesicht einer jungen Frau in einem lichten baumwollen Kleid, und vier oder fünf blondhaarige sonst aber sehr vernachlässigte Kinderköpfe heraus.

Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg, ihnen die Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar hie und da die Bäume zu zeigen, an denen die Ecken der Sectionen mit Buchstaben und Zahlen angemarkt waren; er besaß darin eine außerordentliche Ortskenntniß der verschiedenen Stellen, und wurde nicht müde ihnen die Vortheile der einzelnen Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegründen auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber seiner Aussage nach doch die Farm, die er für sie bestimmt hatte, ebenso in Lage, wie in Boden, Gebäuden und Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er übrigens vorsichtig dazu setzte, ein wenig unpromising (wenig versprechend) drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bedürfe ehe sie vollkommen wäre.

So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, der nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gestört als belebt wurde, hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn zu haben, als in ihrem Wachsthum gestörte grüne Wände, die ihre zerbrochenen Zweige und mishandelten Stämme wie anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich durch dünnes Kiefergebüsch und über dürren Boden fort, für den selbst der Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische Meile berganreitend den Kamm eines Hügels erreichten, und hier ihren Pferden überrascht in die Zügel fielen.

»Mein Gott wie schön!« rief der Professor fast unwillkürlich, als sich ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht bewaldet und nur hie und da von freundlichen grünen Lichtungen unterbrochen, vor ihren Blicken soweit das Auge reichte ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen, wellenförmigen, aber ebenfalls holzbedeckten Hügeln begrenzt wurde. Die Wildniß lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor ihren entzückten Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande der Welt den Bäumen solchen Farbenschmuck verleiht wie in Amerika, hatte den Wald mit seinen wundervollen Tinten förmlich übergossen. In roth und grün in gelb und braun und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flächen glühend, dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch einander, und während die jungen schlanken Hickorystämme wie flammende gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen, prangte Ahorn und Eiche in so wundervollem Purpur und saftigem Braun, das nur von dem hindurchgeflochtenen in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch übertroffen wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, daß das Auge, geblendet von der Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum zu fassen, zu begreifen vermochte.

»Nun? — wollen wir nicht weiter?« frug der Pensylvanier der diesen Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Außerordentliches darin zu finden, und jetzt nicht recht begreifen konnte weshalb die Fremden gerade hier anhielten, wo eben gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht einmal ein Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der abgeschlagenen Rinde gemalten Buchstaben — »hier haben wir allerdings Nichts wie Wald, aber ein kleines Stückchen weiter unten kommen wir wieder zu einer Farm, und dann ist's genau noch eine Quartersektion bis zu dem Platz wohin wir heute wollen.«

»Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier« rief aber der Professor, die Mahnung kaum hörend — »sehn Sie nur Hopfgarten, jene Gruppe dort hinten, mit dem mächtig dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus dem die Lichter ordentlich wie Strahlen nach allen Seiten schießen.«

»Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche schlängeln, mit den Gold und Purpur durchwirkten Blättern« rief von Hopfgarten, »und den Massen dunkelblauer, daran niederhängender Trauben — oh wie schön, wie wunderbar schön ist dieß Land!«

»Ja, 's ist putty considerable hübsch« sagte der Amerikaner, der Nichts dagegen hatte daß die Fremden den blanken Wald schön fanden, während er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit halber nach links mit über den Sattel legte und den rechten Arm darauf stemmte, »'s läßt sich ansehn, und famoser Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde Kirschen in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst wär' es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird schon noch hübscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht; seht Ihr Leutchen, gerade über die kleine Ridge[28] da drüben wo die vielen Hickorys stehn — sie sehn jetzt alle gelb aus — da soll sie weg gehn, und ein Bruder von mir hat sich da oben schon angekauft — aber 's ist jetzt noch ein Bischen einsam da.«

Die Männer konnten sich kaum von dem wundervollen Schauspiel, über dem sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte, losreißen, als Ezra Ludkins aber glaubte daß sie sich nun lange genug die »Blätter« angesehn, warf er sein Bein wieder zurück, angelte ein paar Secunden damit nach dem schlenkernden Steigbügel, und ritt dann langsam voraus den Hang hinab.

Eine halbe Stunde später, und immer noch in dem prachtvollen Wald hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Straße ganz übersahen, erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten Platzes, und Ezra hatte von dem Augenblick an das Wort. Hier kannte er jeden Baum, gezeichnet und ungezeichnet, auf jede Senke in der die Bäume stärker und laubiger standen, machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach und den lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf üppigem Boden wächst, auf die stämmigen Maisstengel endlich als sie die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen Fenzen, auf den vortrefflichen Weideboden und die gesunde Lage, auf die netten Häuser — die sich allerdings nur wenig oder gar nicht von den früher gesehenen unterschieden, auf das kräftige Vieh, von dem sie einige Stücke im Wege trafen, bis sie zuletzt vor der Hütte selber hielten, und ein junger, etwas bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit der Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu begrüßen und ihnen, mit Hülfe eines anderen etwa zehnjährigen Knaben die Pferde abzunehmen.

Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen, bis sie wieder zurückkämen »etwas zu essen« für sie bereit zu halten, führte die Fremden jetzt vor allen Dingen in das Maisfeld selber, wo die Kolben noch nicht gepflückt und eingesammelt, aber zum großen Theil nieder geknickt waren, damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken konnten, und einfließender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel standen aber in der That kräftig und stämmig da, die Kolben selber waren groß und stark, und mächtige Kürbisse lagen, mit dem Mais gepflanzt, durch das ganze Feld. Der Boden mußte hier allerdings fruchtbar sein, und der Weber besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude über das herrliche Land kaum zurückhalten.

Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem kleinen, rings von bewaldeten Hügeln eingeschlossenen Kessel, ein nicht großer, aber sehr klares Wasser haltender Bach lief munter plätschernd hindurch, und eine nicht unbedeutende Anpflanzung von jungen Äpfel- und Pfirsichbäumen, die allerdings noch keine Früchte trugen, aber für spätere Jahre reiche Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher etwas freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang bilden zu späterer Obstzucht und Gärtnerei. Die Verhältnisse mit dem Land waren ebenfalls annehmbar, und vierzig Acker die, wie ihnen der Pensylvanier sagte, schon von ihm als Eigenthum vom Staat erworben worden, während leicht noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congreßpreis, in der Nähe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen noch wild und unbehaglich aus, und nachdem sie einen langen Spatziergang um das ganze Grundstück herumgemacht, und auch noch zu einer anderen Rodung geführt waren, wo der jetzige Eigenthümer eben begonnen hatte weitere fünf Acker urbar zu machen, sein Feld zu vergrößern, gingen sie langsam zu dem Haus zurück, in deren Thüre sie eine junge schlanke Frau in die einfache aber geschmackvolle selbstgewebte Tracht der Waldestöchter gekleidet, freundlich begrüßte.

Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem Haar und Auge, aber wieder störten den Professor die bleichen Gesichtszüge, störte ihn die fast durchsichtige Haut — nur die Kinder, ein kleiner Bube von drei und ein Mädchen von zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.

Das Haus war übrigens nur eine der gewöhnlichen Blockhütten, ohne Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin der fast die ganze hintere Wand einnahm, und ein paar eingetriebene Plöcke auf denen ungehobelte Breter lagen, die wenige Wäsche wie ein paar Bücher zu tragen, bildeten mit drei ordinairen Rohrstühlen und einem mit der Axt zugehauenen Tisch, das ganze Hausgeräth. Auf dem Tisch lag aber ein schneeweißes Tuch ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und Blechbecher, die ihnen ordentlich entgegen blitzten, standen darauf, und eine riesige Kaffeekanne wie ein großer steinerner Krug voll Milch schienen die Gäste schon lange erwartet zu haben.

»So Kitty, trag auf was Du hast« sagte Ezra Ludkins in englischer Sprache, ohne sich auch nur die Mühe zu geben der Frau guten Tag zu bieten, »die Herren hier sind schon seit Tagesanbruch auf und draußen, und werden Hunger haben — keine süßen Kartoffeln?«

»Ja wohl Mr. Ludkins« sagte die junge Frau — »wenn die Herren niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.«

Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein braunes kuchenartiges Gebäck, das ihm aus der einen Schüssel warm entgegenduftete, sah so einladend aus, daß er selbst die Examination des inneren Hauses bis auf weiteres verschob, und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten gefolgt, rasch nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thür stehn und betrachtete sich höchst aufmerksam das große Baumwollen-Spinnrad das unfern davon, mit der weißen Flocke noch am aufgewickelten Garn hängend, in der Ecke stand. Er dachte gar nicht daran sich mit dem Professor, seinem jetzigen Herrn, und dem Herrn Baron aus der Cajüte, an einen Tisch zu setzen.

»Nun Mister?« sagte der Pensylvanier — »keinen Hunger? kommen Sie her und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.«

»Oh ich bitte — ich kann ja warten« stammelte der Mann.

»Warten? — weshalb; hier haben wir alle Platz.«

»Aber die Madame« meinte Brockfeld, denn es war allerdings nur noch ein Sitz am Tisch frei.

»Kitty? — die ißt nachher — kommen Sie nur es wird kalt.«

»Machen Sie doch keine Umstände lieber Brockfeld« sagte ihm aber auch jetzt der Professor freundlich — »hier sind wir nun einmal in Amerika, und wo uns da etwas geboten wird müssen wir zulangen.«

»Nun wenn Sie denn befehlen« sagte der Weber, dessen Weigerung fehlender Appetit keineswegs verschuldet hatte, und über ein rundes wunderliches Gestell, das wie ein abgesägtes Stück Baumstamm aussah und mit einem dünnen Bret übernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte tüchtig mit zu.

Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete übrigens ein groß mächtiges Stück warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins jetzt, der hier förmlich zu Hause zu sein schien, große dicke Scheiben abschnitt und jedem vorlegte; eine dunkle Sauce wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen, und der Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt, dem ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte seinen Speck kaum in die Brühe getunkt und zum Munde geführt, als er die Gabel auch erschreckt wieder absetzte, niederlegte und an zu lachen fing.

»Ich habe aus Versehn Syrup zu meinem Fleisch genommen,« sagte er dabei schmunzelnd, »das hätte doch curios schmecken sollen.«

»Du hast noch keinen Syrup? — oh, beg your pardon, hier steht er,« sagte Ezra freundlich.

»Essen Sie Syrup zum Speck?« frug der Professor, eben nicht angenehm von der neuen Kost überrascht.

»Thust Du das nicht?« frug der Pensylvanier mit einem halb ungläubigen Lächeln.

Die Fremden glaubten sich aber keine Blöße geben zu dürfen und langten von da an, ohne irgend eine Einwendung zu machen, wacker zu; aber auch das wunderschön aussehende Gebäck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das dem schönsten Sandkuchen glich, erwieß sich als etwas sehr trockenes, bröckliges Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher Sand dazwischen wäre, und nur auch in der That mit dem sehr fetten Fleisch genießbar schien. Auch gegen die sogenannten süßen Kartoffeln hatten sie, schon des Namens wegen, eine Art Widerwillen zu überwinden, und der gebratene Speck, den die Amerikaner zum Gekochten aßen, konnte den nicht zerstören.

Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vorüber als sich den Umständen nach erwarten ließ. Die Leute waren eben hungrig, und da schmeckt Manches gut, was der gesättigte Magen selbst mit Widerwillen zurückweisen würde; so mit dem heißen Kaffee dazu, standen sie auch gesättigt vom Tische auf, ohne übrigens von der Amerikanischen Farmerskost, von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich erbaut zu sein.

Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Gebäude, fanden da aber allerdings noch viel zu wünschen übrig, denn die kleine Hütte, in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer daneben machte den Hauptbestandtheil derselben aus. Dann stand noch ein Maisschuppen etwa dreißig Schritt vom Haus entfernt, und eine Entschuldigung für einen Stall, ein offenes Gestell, eben nur nothdürftig gedeckt und kaum im Stande das dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu schützen, da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die Summe für das Ganze war auch, wenigstens nach Europäischen Begriffen nicht hoch. Das schon vom Staat gekaufte Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten, wobei allerdings das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und Hütten besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit dem dazu gehörigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht vierzig Schweine und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot sich ihm der Amerikaner billig zu überlassen — einzig und allein nur weil sein Sohn »nach dem Westen» zu ziehn beabsichtige, und er selber von der Stadt aus die Bebauung des Platzes nicht leiten könne, auch wirklich zu viel mit seinen städtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.

Die für Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise kamen dem Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und dem Weber mäßig vor; jedoch wollte der Erstere keinesfalls abschließen ohne mit seiner Frau vorerst darüber gesprochen und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben; überdieß konnte er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes Blockhaus dicht neben dem schon stehenden errichtet wäre, dem man dann zwei Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange darin unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein bequemes, und seinen Wünschen wie Bedürfnissen entsprechendes Wohnhaus aufzurichten.

Nach allen Einrichtungen, die er sich übrigens schon im Geist machte, schien der Professor mehr als halb gewillt die Farm, die er jedoch noch zu einem mäßigeren Preis zu bekommen hoffte, zu kaufen. Er konnte ja doch auch nicht mit seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten Dienerschaft im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel verzehrt hätte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und Vieh kostete — und die Familie hier lassen, während er allein reiste, war fast eben so mislich. Das Bedürfniß einen Platz zu haben den er sein nannte, und wo er anfangen konnte zu wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf dem Heimweg, während der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt, mit Herrn von Hopfgarten darüber sprach, und dieser ihm rieth doch am Ende nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache zu handeln, vertheidigte er den Kauf schon, selbst nur den dritten Theil der Hoffnungen angenommen die der Amerikaner mit solcher Zuversicht über den Wachsthum der kleinen Stadt ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.

Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts herunter lassen; er behauptete schon die billigste Summe angegeben zu haben. Dem Professor aber zu beweisen wie er gern erbötig sei Alles in seinen Kräften stehende zu thun ihn zufrieden zu stellen, erbot er sich ihm, wenn sie sich über den Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der bezeichneten Stelle unentgeldlich neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, während der Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere Bezahlung dafür zu nehmen, zu verköstigen.

Das war ein Vorschlag zur Güte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau Professorin — zum ersten Mal in ihrem Leben im Sattel — auf dem vollkommen gutmüthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem Pensylvanier nochmals hinübergeritten war den Platz in Augenschein zu nehmen, wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor Lobenstein abgeschlossen, und der Professor — war Farmer in Indiana.

Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen einwenden, obgleich es ihm — er wußte eigentlich selber nicht recht weshalb — doch ein gewissermaßen unbehagliches Gefühl war, die Damen in den Häusern, die sie da oben gefunden, als Bewohnerinnen zurückzulassen. Die Wirklichkeit war doch, so sehr er sich dagegen sträubte einzugestehn er wäre mit zu poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben, und die blanke Thatsache der Blockhäuser mit dem schauerlichen Speck und Syrup ließ sich eben nicht fortphantasiren. Er selber hatte sich aber auch schon länger hier aufgehalten, als es im Anfang seine Absicht gewesen, denn er wollte vor allen Dingen nach Cincinnati, von da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen, und dann zurück nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepäck gelassen, um von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem Westen zu unternehmen. Jetzt war hierzu, besonders die nordische Reise abzumachen, die günstigste Jahreszeit, denn der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika ziemlich den ganzen Herbst umfaßte und einen wolkenleeren blauen Himmel über October und November, ja nicht selten bis über die Hälfte des December spannte, lag mit seiner wundervollen Reine und Frische auf dem Land. Konnte er in diesem seine nördliche Tour beendigen, so blieb ihm der ganze Winter für die südliche Reise, und er war dann vielleicht im Stande im nächsten Frühjahr — der erste Eindruck mußte doch kein so günstiger gewesen sein, daß er schon wieder an die Abreise dachte — nach Europa zurückzukehren.

Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen er sich erst vor allen Dingen entledigen mußte, und zwar Befürchtungen, die in ihm — er wußte sich selber keinen bestimmten Grund dafür anzugeben — gegen Henkels Charakter aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der jungen Frau erfüllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart der Damen, die er vielleicht unnöthiger Weise ängstigte, Worte zu geben, hätte er nicht gerade ihrer Hülfe bedurft, Gewißheit zu erhalten. Den letzten Abend also, wie sie in Ludkins Inn beisammen saßen, brachte er zuerst das Gespräch auf die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen Frau während der letzten Tage an Bord, und erst als ein Wort das andere gab, und Marie zuletzt gestand, daß der Abschied von der Freundin ihr einen unendlich schmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rückte er selbst mit seiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in Mariens wie Annas Herzen bis dahin fast unbewußt gelegen, gleichfalls Worte.

Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, sie mußten sich eben Gewißheit darüber verschaffen, und das war für jetzt nur schriftlich möglich. Es ließ sich auch denken, daß sich Clara, wenn ihr irgend etwas das Herz bedrücke, schriftlich eher gegen die Freundin aussprechen würde, als mündlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben — Stoff und Grund hatte sie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder nach New-Orleans hinunter kam — ja was er dann thun wollte, wußte er eigentlich selber noch nicht, aber Clara sollte doch wenigstens nicht ganz ohne Freund, von Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und war Hülfe und Beistand nöthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel ihn zu leisten.

Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, die sich von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch schrieb, und nicht allein versprach auf seiner Rückreise aus dem Norden hier wieder anzuhalten, sondern sogar seinen Koffer bei ihnen zurückließ, und nur seine Reisetasche mitnahm, durch überflüssiges Gepäck bei möglichen Abstechern bald dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er wollte dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter nehmen, was ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, und versprach selber auf das Ausführlichste zu berichten, wie er die Verhältnisse gefunden.

Am liebsten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein nehmen zu können, die von Ezra Ludkins im Geist angelegten Schienenwege bestanden aber noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter genug, fürchtete sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor Gefahren, die hätte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschloß also mit dem nächsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise rascher und bequemer fortzusetzen.

Das kam aber schon am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, und ehe Hopfgarten selber im Stande gewesen war seine Toilette ordentlich zu beenden und sich bei den Damen zu empfehlen. Versäumen durfte er es aber auch nicht, und so, während der älteste Knabe des Pensylvaniers nach unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang hatten stromauf dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, stopfte er die schon bereit gelegten Sachen schnell in die Reisetasche, ließ sich durch Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern auf das Freundlichste empfehlen und wenige Minuten später Grahamstown mit all seinen Hoffnungen künftiger Größe hinter sich.

Als das Boot eben um die nächste Biegung, oberhalb der Stelle wo die Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch wie ihm Jemand mit einem weißen Tuche vom Hügelkamm aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr erkennen wer es war.

Capitel 9.