Der Feuermann.

Es war Nacht, und die »Backwoods-Queen« schnaubte den Strom hinauf. Das Boot hatte vor kurzer Zeit die nördliche Grenzlinie Louisianas hinter sich gelassen, und auf dem linken Stromufer, im Staat Mississippi Holz eingenommen. Es mochte elf Uhr vorbei sein, und die Feuerleute und Deckhands der »Hundewache« (von 12-4), die aus ihrem kurzen Schlaf aufgestört worden die Feuerung mit an Bord zu tragen, mochten sich, der halben Stunde wegen, nicht wieder niederlegen, und saßen und lagen jetzt bunt gruppirt vor den Kesseln auf dort nachlässig hingeworfenem Klafterholz, dem letzt an Bord gekommenen, das hier nur so ohne Ordnung hingeschüttet worden, gleich mit verfeuert zu werden. Vor den Kesseln, unter denen die mächtigen Thüren geschlossen waren und die langen Scheite, über diesen, durch kleine dazu angebrachte Klappen hineingeschoben wurden, standen die Feuerleute, die ihre Wacht von acht bis zwölf hatten, mit den unten rothheißen Schürstangen in den rußgeschwärzten Händen, und wühlten die flammenden Scheite durch- und ineinander, daß sie wieder Raum bekamen frische oben hineinzuwerfen, als Nahrung für die Gluth.

Mitten zwischen der Gruppe stand eine riesige blecherne Kanne, die wohl einen halben Eimer Kaffee fassen mochte, daneben eine bauchige Kruke mit Whiskey gefüllt, und Einer der Leute kam eben vom Bug vorn, wo ein halb Dutzend gewaltige Zuckerfässer, die nicht mehr in den Raum gingen, frei auf Deck lagen, und brachte eine große Blechschaale voll Zucker herbei, die er mit einem gespaltenen Schilfstück aus den großen, der frischen Luft wegen darin angebrachten Bohrlöchern der Fässer herausgepurrt hatte.

Es war dieß ein vielleicht dreiundzwanzig Jahr alter wunderhübscher junger Bursche, mit einem leichten dunklen Schnurrbart auf der Oberlippe, und langem wie seidenem, fast mädchenhaftem Haar; auch das Gesicht, wo es Rußflecke nicht bedeckten, war zart und weiß, und die langen Wimpern schatteten ein paar dunkle, aber keck und entschlossen umherblitzende Augen, die jetzt besonders von einem eigenen lebendigen Feuer leuchteten.

»Hallo Wolf, was bringen Sie?« rief ihm Georg Donner lachend entgegen — »hat's Brei geregnet draußen?«

»Brei nicht,« lachte der junge Mann, »aber Zucker! Wetter noch einmal, wir werden doch diese Unmasse guten Stoffes nicht den Mississippi hinaufführen, ohne wenigstens so viel Zoll davon zu erheben, als wir in unseren Whiskey brauchen; kommen Sie her Donner, nehmen Sie eine von den kleinen Blechschaalen dort, ich will uns einmal einen richtigen Feuermannstrank zusammenbrauen.«

»Bei Golly,« lachte Einer der andern Feuerleute, ein Neger, der mit zwei andern Landsleuten oder wenigtens doch gleichfarbigen Kameraden, an der Larbordseite des Bootes, das sechs Feuerleute auf Wache hatte, heitzte, »was die Bukras[13] da für Zeug zusammenschwatzen, keine Kuh wird d'raus klug.«

»Aber was der da ineinander gießt werden wir schon verstehn,« schmunzelte der Andere. — »Oh Jimminy das riecht gut.«

Der junge Deutsche hatte indessen die gereichte Schaale halb voll Whiskey gefüllt, dann Kaffee dazu gegossen, fast so viel als das Gefäß halten wollte, und warf nun, mit dem gespaltenen Rohr, mit dem er auch die Mischung ordentlich umrührte, Zucker hinein, es süß zu machen.

»So,« sagte er, als er es erst langsam gekostet, und dann einen tüchtigen Zug gethan, »das wird gut sein — brennt wie Feuer und treibt die Hitze hier von den Kesseln wieder hinaus aus dem Körper. So lange wir das haben, brauchen wir nicht zu fürchten krank zu werden.«

»Ist doch ein wunderliches Leben hier an Bord,« sagte Georg, der ebenfalls einen tüchtigen Zug that, und zurück zu den Kesseln trat, die Scheite, die nur wenige Minuten ruhen dürfen, wieder frisch aufzuschüren, »großer Gott, wenn man bedenkt wie wir von zu Hause gewohnt waren zu existiren, und jetzt dieß Dasein damit vergleicht — und darum nach Amerika;« setzte er langsam mit dem Kopf schüttelnd hinzu.

»Geht es mir besser?« lachte Wolf, der mit Georg Donner, drei Negern und einem Irländer ein und dieselbe Wacht hatte, während Carl Berger ebenfalls mit drei Negern, einem Amerikaner und einem Franzosen feuerte — (die dritte Wacht, die erst um vier an die Reihe kam, war gleich nach dem Holztragen wieder zu Coye gegangen) »geht es mir etwa besser? — wenn Sie meine Geschichte kennten, Georg, würden Sie mehr als einmal den Kopf schütteln über den Wahnsinn, der mich, z.B. hierher über das Meer getrieben.«

»Lieber Gott, es wird die Geschichte von Tausenden von uns sein« sagte Georg — »sehn Sie dort den jungen Burschen an, der sich da kaum auf die Scheite geworfen hat, und schon wieder so sanft und süß eingeschlafen ist, als ob er im weichsten Bette läge; das ist ein deutscher Deserteur, den die Soldaten noch wieder vom Schiff holen wollten, und den der Untersteuermann, wir wissen selbst nicht wie, auf so geschickte Weise versteckt hatte, daß ihn die Policey nicht finden konnte, und ihn aufgeben mußte. Jetzt arbeitet er sich nun tüchtig in's Leben hinein und wer weiß, ob er nicht in einigen Jahren, anstatt die Muskete in Deutschland herumzuschleppen, hier seinen eignen Heerd gegründet hat. Ich selbst — wer hat es mir an der Wiege gesungen, daß ich einmal hier auf dem Mississippi, nachdem ich in Deutschland studirt, die Kessel eines Dampfboots, mit Negern und Mulatten zusammen, heitzen sollte, und doch bin ich jetzt scharf dabei, und noch sogar froh eine derartige, wenigstens lohnende Beschäftigung gefunden zu haben. Kommt Zeit kommt Rath, und nur erst einmal vollkommen der Englischen Sprache mächtig, findet sich dann auch schon etwas anderes, besseres für uns.«

»Das ist Alles recht schön und gut« lachte Wolf, »aber lange nicht so romantisch oder — toll wenn Sie wollen, wie mein eignes Schicksal, das es vielleicht recht gut mit mir gemeint, dem ich aber im wahren Sinne des Wortes durch die Lappen gegangen bin.«

»Die Romantik hat an unserer jetzigen Beschäftigung allerdings nur einen ganz geringen Theil« sagte Donner lächelnd.

»Ja und nein« rief Wolf, seinen Strohhut auf das Holz und seine dunklen Locken mit einer raschen Bewegung des Kopfes aus der Stirn werfend; »auch ich betrachte es als Mittel zum Zweck, und muß, so prosaisch das klingen mag, Geld dabei verdienen.«

»Da ist die Romantik schon zum Teufel« sagte Georg.

»Und doch nicht« rief Wolf, »ja wenn ich es thäte zu leben, aber mein Vater ist reich.«

»Dann begreife ich freilich nicht, weshalb Sie sich hier in den untersten Schichten der Gesellschaft auf solche Art herumtreiben« sagte Georg, »zum Vergnügen doch wahrhaftig nicht.«

»Wäre wenigstens ein wunderbarer Geschmack« lachte der junge Mann, »wüßten Sie aber meine Geschichte, würden Sie mir recht geben.«

»Sie sind jedenfalls aus guter Familie« sagte Georg.

»Meine Freunde in Deutschland — bah, Freunde, das Wort ist zu gut für sie — meine Bekannten in Deutschland würden allerdings nicht sowohl lachen als die Nase rümpfen, wenn sie den einzigen Sohn des Grafen vom Berge hier als Feuermann auf einem Dampfboot, mit Negern aus einer Schüssel essen, in einem Feuer schüren sähen!«

»Aber was um Gottes Willen hat Sie da zu diesem verzweifelten Entschluß getrieben?«

»Die Liebe« lachte der junge Mann, seinen Schürer wieder ergreifend, die kleine Thür oder Klappe öffnend, und mit dem langen Eisen die Scheite durcheinander rührend — »die Liebe, Georg, und die Sache ist ungeheuer einfach und rührend. Ich liebte und liebe ein bürgerliches Mädchen, mein Vater, noch ein ächt Pommerscher Graf von altem Schrot und Korn, drohte mich zu enterben, wenn ich dem Mädchen nicht entsagte, und ich arbeite jetzt daran ihm zu beweisen, daß ein Graf vom Berge keine hinterlassenen Schätze braucht, sich selber einen eignen Heerd zu gründen. In Deutschland wäre mir das nicht möglich gewesen, hier bietet sich die Aussicht dazu. Schon ein Jahr arbeite ich jetzt wie ein Sclave — aber nur um ein ganz kleines Capital zusammenzuhaben; mit harter Arbeit allein wird jedoch Niemand hier im Stande sein rasch Geld zu verdienen, die Speculation muß ihm dabei helfen, und dieß wird deshalb die letzte Reise sein, die ich auf einem Dampfboot mache, dann gehe ich nach dem Westen der Vereinigten Staaten in das Indianische Territorium, dessen Verhältnisse ich schon recognoscirt habe, und fange einen Schweinehandel an. Lachen Sie nicht, das Geschäft ist, wenn richtig betrieben, vortrefflich und wenn ich sieben Jahre, wie Jacob um seine Rahel dienen müßte, ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, und setze ihn durch — oder gehe darüber zu Grunde.«

»Und Ihr Vater?«

»Wenn ihm der Sohn mehr am Herzen gelegen als sein Wappenschild, hätte er mich gar nicht ziehen lassen.«

»Und haben Sie sich das ganze Jahr in solchem Leben schon herumgetrieben?« frug ihn Georg erstaunt.

»Gott bewahre« rief Wolf, wieder neue Scheite ergreifend und durch die enge Öffnung in den inneren, glühenden Raum stoßend — »lieber Himmel, was habe ich nicht schon Alles getrieben seit ich in Amerika bin. Zeitungsaustragen war mein erstes Geschäft, um nicht zu hungern, aber das rentirte schlecht und widerstrebte mir auch, einer Masse Sachen wegen die drum und dran hingen; dann wurde ich Holzschläger am Mississippi, auch das war nicht schlecht, aber ich bekam es satt; ging dann wieder in die Stadt und wurde Mäkler. Dabei aber fühlte ich das Mangelhafte meines Englisch und zog in den Wald, mir mit der Jagd Geld zu verdienen. Das war die schlechteste Speculation; wo es Wild gab, galt weder Wildpret noch Haut viel, und wo Nichts mehr zu schießen war, versäumte ich Wochen oft vergebens. Da brach das gelbe Fieber in New-Orleans aus, Alles flüchtete von dort und das schien mir der geeignete Platz rasch zu einer kleinen Summe zu kommen und meinen Plan, den ich als Jäger im Westen von Arkansas gefaßt, in's Werk zu setzen. Bald sah ich daß ich mich nicht geirrt — zwischen Leichen und Gräbern eine Zeit durchlebend, die mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen macht, wenn ich daran zurückdenke, erreichte ich aber meinen Zweck und verdiente Gold. Arbeiter waren fast gar nicht mehr zu bekommen, und die wenigen, die aus Noth oder Gleichgültigkeit der Seuche trotzten, wurden mit Geld überschüttet. Neben mir fielen dabei meine Kameraden, Burschen von allen Farben und Nationen, wie die Fliegen, ich selber blieb, Dank meiner guten Natur, oder wenn Sie wollen von jenem unerforschten Wesen beschützt, gesund und kräftig. Jetzt aber ist die Zeit in New-Orleans vorbei; das Fieber hat seine letzten Opfer für dieses Jahr gefordert, Arbeiter strömen, so rasch sie eine Unzahl von Dampfbooten den Strom nieder oder aus Europa herüberführen kann, in ordentlichen Schaaren dahin, und ich selber bin jetzt im Stand einem anderen, besseren Leben entgegenzugehen. Ich hätte als Passagier fahren können, aber es liegt ein eigner Reiz, den ich früher nie gekannt, darin, ein kleines, selbsterworbenes Capital nicht unnöthiger Weise wieder zu verringern, sondern eher zu vergrößern; so schür' ich mich denn nach St. Louis hinauf, verlasse dort das Boot, und beginne meinen Handel, der mich ein freies prächtiges Jägerleben dabei führen läßt. Werden Sie mir nun einräumen, daß auch in diesem Beruf auf solche Weise Romantik liegen kann?«

»In dem Beruf darum doch nicht, Herr — ich weiß jetzt wahrhaftig nicht wie ich Sie nennen soll« — unterbrach sich Georg lächelnd.

»Wolf, bei meinem Vornamen« rief der junge Mann rasch, »das Andere paßt nicht zur Schürstange und zu der Umgebung hier, hab ich mir den Titel einst wieder verdient, darf ich ihn tragen, hier klänge er wie Spott.«

»Vorwärts boys, vorwärts« rief da des Ingenieurs Stimme, der um die Kessel herum nach vorn gekommen war, das Heitzen zu überwachen. »Steht nicht da wie die Schlafmützen und laßt mir das Feuer ausgehn; die Pest auch, es sieht ja ordentlich schwarz unter den Kesseln aus.«

»Geht nicht mehr hinein Massa« lachte ihm der eine Neger entgegen, »hahaha bei Golly, wenn wir noch mehr feuern, blasen wir das süße Ding von einem Boot in die Luft hinein!«

»Blaßt sie zum Teufel!« rief der Ingenieur, »aber, gebt ihr Hölle — verdamm' meine Augen, wenn ich nicht die Kessel noch rothheiß haben will — zu boys, zu, macht daß wir von der Stelle kommen, das alte faule Boot kriecht ja nur so am Land hinauf!«

»Alle Wetter« rief Georg, als der Mann wieder zurück zu der Maschine gegangen war, »der Bursche scheint selber »rothheiß« zu sein, wie er es nennt, und dem Whiskey mehr als gerade zweckmäßig zugesprochen haben; wenn er nur keine dummen Streiche macht.«

»Ah bah,« sagte Wolf, »so ist er jedesmal auf seiner Wacht, aber sonst ein guter Kerl, und sorgt dafür daß seine Feuerleute ebenfalls nicht Durst leiden — er weiß am Besten wie das thut — heda Scipio, Du gießt ja den Whiskey hinein als ob's Wasser wäre — laß noch 'was in der Kruke Gesell.«

»Genug Wulfy, genug« lachte der Schwarze, die fast gefüllte Schaale, die reichlich eine halbe Flasche des starken Trankes halten mochte, auf einen Zug leerend, »und andere Wacht mag wieder für sich selber sorgen — dieß Kind,« auf seinen eigenen Magen deutend, »macht's genau ebenso.«

Der Mate oder Steuermann stieg in diesem Augenblick die kleine steile Treppe vom Boilerdeck nieder, ging nach der vorn hängenden Glocke und schlug darauf nach Schiffsart, acht Glasen (12 Uhr).

»Feierabend!« rief Wolf seine Schürstange aufgreifend, den Raum unter den Kesseln, wie das Sitte ist von der abziehenden Wacht, noch einmal frisch aufzufüllen.

»Das ist recht Jungens, das ist recht!« nickte ihnen der wieder zurückkommende Ingenieur Beifall zu, indem er auf der »guard« stehen blieb und nach dem nahen Lande — sie passirten eben eine der größeren, mitten im Mississippi liegenden Inseln — hinüberdeutete — »hurrah wie das geht; jetzt soll uns einmal eines der anderen schuftigen Boote versuchen nachzukommen. Feuert Jungens, feuert, daß sich die andere Wacht die faulen Knochen wärmen kann, wenn sie dran kommt.«

»So — wieder auf acht Stunden Ruhe« rief Wolf, seine Schürstange zu Boden werfend, »nun können sich unsere Kameraden ein Vergnügen machen — hallo Berger? — auch schon munter? — wie der Bursche verschlafen aussieht — «

»Oh — i« sagte dieser, der die kurze Zeit benutzt hatte, noch auf dem rauhen Holz ein halb Stündchen zu schlafen, indem er sich langsam streckte und dehnte — »ist das ein Leben, aber — zum Teufel auch — ich habe einen furchtbaren Traum gehabt, wie ich da auf dem verwünscht scharfen, eckigen Holze lag.«

»In der kurzen Zeit?« rief Wolf.

»Mir träumte« sagte der junge Bursch, in sich selber dabei zusammenschaudernd — »die Rothkragen hätten mich in Bremerhafen vom Schiff geholt, ich läge drin in der Festung auf scharfen Latten, und sollte mit Tagesanbruch Spießruthen laufen. Wie die Glocke dort tönte, knarrte die Thür und — ha« — er schüttelte sich in Furcht und Entsetzen bei dem Gedanken — »der Henker kam herein, mich abzuholen — Gott sei Dank, daß es nur ein Traum war.«

»Dickes Blut, Kamerad« lachte Wolf — »da steht noch Kaffee und Whiskey — nehmt einen Schluck, der wird Euch gut thun. Nun gute Wacht! — aber trinken möcht' ich noch einmal — haben Sie den Wassereimer da, Georg?«

»Hier liegt er« sagte dieser — »warten Sie, ich zieh' es selbst herauf — habe auch Durst!«

Carl Berger hatte eben die Schürstange aufgegriffen, nach dem Feuer zu sehn, während die beiden jungen Leute auf die guards hinausgingen, einen Eimer Wasser heraufzuziehen, als ein wilder gellender Schrei von Deck heraustönte:

»Thüren auf — um Gottes Willen — Feuer aus!«

Die Feuerleute fuhren empor und horchten, den Befehl nicht gleich begreifend, auf, als ein grell und dröhnend schmetternder Schlag das Boot bis in den Kiel erschütterte. Kochend heißer Dampf füllte zugleich einen Theil der unteren Räume, während Wolf und Georg entsetzt einen weißen zischenden Strahl über sich hinausschießen sehen, dem Trümmer und Balken, wie von dem Ausbruch eines Vulkans hinausgeschleudert, folgten. Ein Moment todtenähnlicher Stille folgte diesem Knall, aber im nächsten Augenblick schon schlugen die ausgeworfenen Stücke auf das Wasser nieder, während jammernde Menschenstimmen nach allen Richtungen hin laut wurden.

»Die Kessel sind geplatzt!« gellte der schrille Weheruf über die Fluth und die, durch die geborstenen Thüren hinausgeschleuderten brennenden Scheite Holz vermehrten nur noch die Verwirrung.

In diesem ersten Augenblick war sich auch, die schwer Verwundeten ausgenommen, noch Niemand bewußt, welches Unglück sie am Meisten bedrohe, ob das Boot sinke oder brenne oder ein zweiter Schlag sie vielleicht Alle zerstückt in die Ewigkeit senden würde — keinen Schritt weit konnte man dabei vor sich hinsehn, oder selbst den nächsten Nebenmann erkennen, so füllte dicker weißer zischender Qualm den ganzen Raum und lag wie ein dichter, undurchdringlicher Schleier auf dem Boot.

Bald aber änderte sich das Schauspiel — ein scharfer Windzug der über den Strom herüber strich, fegte wie mit einem Schlag den Nebel über Bord, und als Georg und Wolf zurück vor die Kessel sprangen, bot sich ihren Augen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern starren machte.

Von den Leuten, die dort noch vor wenigen Minuten gesund und kräftig gestanden, lagen vier todt und zerstückt über das Holz hingeschmettert, das von glühenden Scheiten bestreut, zu brennen begann. Durch das Boilerdeck und in die obere Cajüte hinein, war ein mächtiges Loch geschlagen, aus dem Winseln und Hülferufen wiedertönten, und beide Schornsteine — riesige wohl dreißig Fuß hohe Röhren von schwarzem Eisenblech mit fünf Fuß im Durchmesser hingen zerrissen über Deck, und neigten das Boot nach der Seite, während aus dem Zwischendeck ebenfalls schrilles und markdurchschneidendes Hülfegeschrei hervorgellte.

Die beiden jungen Leute, ohne für den Augenblick an einen der Verwundeten zu denken, griffen nur rasch die brennenden Scheite auf und warfen sie über Bord — noch größeres Unheil von dem Boote und seiner übrigen Mannschaft abzulenken, als ein neuer Schreckensruf auch diese Arbeit unnöthig machte.

»Wir sinken — wir sinken!« schrie es von der anderen Seite herüber »wir sind verloren!«

Wolf sprang wieder an den Rand des Bootes, sich von der Wahrheit des Rufs zu überzeugen, und fand hier wirklich daß die Guards kaum noch einen halben Fuß von der Oberfläche des Wassers entfernt waren, ja konnte den gurgelnden stillgrollenden Ton sogar hören, mit dem die gierige Fluth sich in einem irgendwo nicht weit von dort entfernten Leck sog. Dicht unter ihnen, denn das Boot, das jetzt keinen Fortgang mehr machte, trieb mit der Strömung wieder abwärts, ragten aber Bäume und dunkle Stämme aus dem Wasser — sie befanden sich gerade oberhalb derselben Insel, an der sie vorhin hinaufgelaufen, und wenige Minuten noch mußten ihr Schicksal entscheiden.

Georg hatte sich indessen über die Unglücklichen gebeugt, die der erste Schlag des platzenden Kessels getroffen, und erkannte mit Schaudern unter ihnen Carl Bergers Gestalt, der mit zerschmetterter Schulter, blutend und bewußtlos über die Scheite hingeworfen lag. Wohl athmete er noch, aber wie war ihm hier Hülfe zu bringen?

Ein heftiger Stoß traf zu gleicher Zeit gegen das Boot, unter dem die eine, das Boilerdeck tragende und stark gesplitterte Decke zusammenbrach, während ein Theil des vorderen Decks ihr nachfolgte. Die Frauen kreischten, die Verwundeten stöhnten und winselten, die Männer fluchten wild durcheinander, und hie und da sprangen Einzelne in Todesangst über Bord, die dort aus dem Wasser ragenden Äste versenkter Bäume zu erfassen, und sich dadurch vor dem, ihnen gewiß scheinenden Untergang des Bootes zu retten. Von dort aber konnten sie nirgends an Land; die dunkle Fluth quirlte und gurgelte dabei um sie her, und als ihre Kräfte erschlafften, und das kalte Wasser ihre Glieder mit Fieberfrost schüttelte, schrieen sie von dort herüber, wieder an Bord geholt zu werden.

Aber das Boot sank nicht, und ob auf den Sand, oder irgend einen schützenden, unter Wasser liegenden Stamm gelaufen, wohin es durch die mächtige Strömung gedrängt worden, blieb es sitzen, und nur das Vordertheil, gegen das die volle Fluth anpreßte, drückte sich halb unter Wasser, und ließ das schäumende Element darüber hinspritzen.

Wohl eine halbe Stunde verging, ehe nur einiger Maßen der erlittene Schaden übersehn, und Ordnung in das durcheinander Schreien und Stürzen der zum Tode erschreckten Menge, unter der sich auch mehre Frauen aus Cajüte und Zwischendeck befanden, gebracht werden konnte. Georg Donner hatte indessen den schwer verwundeten Landsmann mit Wolf's Hülfe zurück in das höher liegende Zwischendeck gebracht, wo jetzt auch die übrigen Todten und Verwundeten auf aus den Coyen gerissenen Matratzen gebettet wurden, und die beiden jungen Leute gingen dann daran, das Terrain zu untersuchen, auf dem sie sich befanden.

Mit einer über Bord geschobenen Planke, von denen der Zimmermann eine Menge auf dem hinteren Deck liegen hatte, fühlten sie daß das Wasser dicht hinter dem Boot und nach der Insel zu kaum vier Fuß tief war, und von übereinander gestürzten und dort anschwemmten Stämmen fast überdeckt wurde. Durch diese hin arbeiteten sie sich bis zu der, höchstens zwanzig Schritt entfernten Sandbank, die an dichtes Gestrüpp und Unterholz hinanlief. Wolf watete dann zum Boot zurück und ließ sich von dort unter den Kesseln vor, ein brennendes Scheit herüber reichen, das an seinem unteren Ende mit einem rasch aufgegriffenen Kopfkissen aus dem Zwischendeck, umwickelt wurde, um es in der Hand halten zu können. Dieß trug er zum Ufer, und bald loderte dort, von hinzugeschleppten, niedergebrochenen dürren Ästen reichlich genährt, ein helles Feuer auf, das die unheimliche Scene des gestrandeten Bootes mit seinem rothen Lichte übergoß.

Nun wünschte der Capitain besonders, an Bord zu bleiben und den Tag zu erwarten, damit sie von einem vorbeikommenden Boot konnten abgeholt werden; der Steuermann aber, der vorn am Bug das Wasser untersucht und es dort weit tiefer gefunden hatte als das Boot war, erklärte jetzt daß dieses nur auf irgend einen Stamm oder Ast aufgeritten sei, und jeden Augenblick von diesem abrutschen oder ihn niederdrücken könne, wo sie dann gar nicht sicher wären das ganze Boot dem einsinkenden Bug nachfolgen zu sehn; je eher sie daher das Wrack verließen, desto besser.

Capitel 6.
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Die Leute gingen denn auch, unter des Steuermanns Leitung, rasch daran eine sogenannte »stage« von zusammengebundenen Bretern zu bauen, die eine Brücke bis an Land bilden sollte, denn die Jölle war, bis Bahn gehauen werden konnte, in den verworrenen Ästen nicht zu brauchen. Diese halfen ihnen aber vortrefflich den rasch hergerichteten Plankenweg, oder die ihn haltenden Taue, zu tragen, und das beendet, wobei sie noch durch einen plötzlichen Ruck, den das Boot gab, zu größerer Eile angetrieben wurden, trugen sie vor allen Dingen die Verwundeten hinüber auf den Sand und neben das wärmende Feuer, wo ihnen die unverletzt gebliebenen Passagiere ein so gutes Lager als möglich herrichteten, während die Mannschaft dann beordert wurde zu retten was irgend anging.

Dazu aber behielten sie keine Zeit; der Steuermann hatte nur zu recht gehabt als er trieb das Boot zu verlassen, denn durch das in den Raum gedrungene Wasser, das besonders die Zuckerladung gleich sättigte, war der Rumpf so furchtbar schwer geworden, daß ihn der Stamm, auf den er jedenfalls aufgesessen, nicht mehr zu tragen vermochte, jetzt ein Stück nachgab, und dann, vielleicht mit der Wurzel ausgehoben, den Vordertheil des Boots niedergleiten ließ.

Die kecksten der Matrosen und Feuerleute, und unter ihnen der junge Wolf, denn Georg war mit den Verwundeten beschäftigt, ließen sich allerdings nicht durch das erste Sinken abhalten, sprangen nur zurück auf das hintere Deck, wo sie sich festhielten, und erwarteten das Weitere, ob dieser Theil des Bootes über Wasser bleiben, oder dem vorangegangenen Gewicht nachfolgen werde. Einen Augenblick schien es auch als ob es sich setzen wolle, aber ein neuer Stoß warnte sie bald auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu sein; noch einen Moment schwankte das große mächtige Boot, das jetzt halb seitwärts gegen die Strömung angedreht war, dann preßte diese es auf die Seite; das was es bis dahin noch gehalten gab nach, und schwerfällig die Fluth von sich abstoßend, die vor der andringenden Masse zurückwich, um gleich nachher nur so viel gieriger über die Beute herzufallen, glitt das Wrack in so tiefes Wasser hinein, daß nur der obere Theil seiner Cajüte an der Larbordseite daraus hervorsah, und die schmutzig gelbe Fluth gar unheimlich mit den weiß und gelben Zierrathen der blitzenden Fensterreihe spielte.

Die Leute hatten dabei wirklich kaum Zeit gehabt sich über die Planken hin an Land zu retten, und standen jetzt, ihres Alles beraubt, halbnackt, naß, erschöpft, Einzelne davon selbst ohne Hut und Schuhe, auf dem kahlen Sand der Insel.

Über den Kameraden hinüber gebeugt, der gerade die Augen zu ihm aufschlagen und die Lippen wie zum Sprechen bewegt hatte, stand Georg.

»Wie ist Ihnen, Berger, haben Sie viel Schmerzen?« frug er theilnehmend.

»Wasser,« stöhnte der Unglückliche.

Wolf sprang zum Wasserrand und brachte den gefüllten Hut zurück; der Verwundete that ein paar Züge, dann ließ er den Kopf zur Seite sinken. »Mein Traum,« flüsterte er, »sie — sie — holen — mich« — und sank todt in die Arme des Kameraden.

Über die Leiche gebeugt, mit gefalteten Händen, stand ein anderer Reisegefährte von ihm, Schultze, der auf demselben Boot nach St. Louis Passage genommen.

»Guter Gott« stöhnte er leise vor sich hin — »wie unerforschlich und dunkel sind Deine Wege; wie jubelte der junge Mensch als er sich frei, seinen Verfolgern entzogen sah, und wenige Monate nur, und todt und verstümmelt liegt er auf demselben Boden, dem er mit solch freudiger Hoffnung und Zuversicht entgegenstrebte!« —

»Hülfe — Wasser — « jammerten Andere daneben, und füllten mit ihren Wehklagen die Luft — »oh mein Gott — oh mein Gott! Hülfe, Hülfe!« und die Feuer loderten dazu hoch und glühend auf, und warfen ihren blutrothen Schein über diese Scene des Schreckens und des Jammers.

»Das ist die Vergeltung — das ist Gottes Gericht!« murmelte da dicht neben Georg, der mit Einem der anderen Verwundeten schon beschäftigt war, und dessen Schmerzen zu lindern suchte, eine leise, heisere Stimme in deutscher Sprache, und als er sich dorthin wandte, erkannte er überrascht die Frau von der Haidschnucke, die auf der damaligen Überfahrt fast fortwährend krank in ihrer Coye gelegen und jetzt, nicht weit von dem einen Feuer auf den Sand gekauert, die beiden mageren Arme um ihre Knie geschlagen saß, und vor sich hin in die Flamme stierend, mit dem Kopfe kalt und unheimlich dazu nickend, murmelte: »das ist die Strafe für begangenen Frevel von dem alten Mann da oben, der mir das Gewissen schon fast in Stücke zerrissen hat auf der langen Fahrt — die Kinder sind uns nachgekommen — die todten Kinder, und haben sich mit auf das Boot gesetzt — die zogen's hinab auf den Grund — tief, tief hinab — ha!« rief sie da plötzlich lauter und zusammen schaudernd — »sie haben ein furchtbar entsetzliches Gewicht.«

»Du wirst Dir das Maul noch verbrennen mit den tollen, wahnsinnigen Reden« flüsterte ihr da der Mann, der sich über sie gebogen, finster und mürrisch in das Ohr — »denk' wenigstens nicht laut, wenn Du denn einmal solch albernes Gewäsch fortwährend im Kopf herumtragen mußt, oder, Gott verdamm' mich, ich — ich kriege die Geschichte einmal satt, und gehe meiner Wege.«

»Wie das Kleine da im Bettchen liegt, mit den rothen gesunden Backen« fuhr die Frau aber fort, ohne auf die Drohung des Mannes zu achten, ja ohne sie wahrscheinlich zu hören — »ich mußte es noch einmal küssen, brach mir doch so beinah das Herz, und gleich wieder schlief es ein und schlief so sanft — so süß.«

»Beim ewigen Gott!« rief da Georg Donner, dem keines der Worte entgangen war, während er zugleich in das von der Flamme hell beschienene bärtige Gericht des Mannes geschaut hatte, indem er aufsprang und auf diesen zutrat — »Ihr stammt aus Waldenhayn, heißt Steffen und seid derselbe, der mit der Frau flüchtig geworden und die eigenen Kinder der Noth, ja dem Hungertode preis gegeben, zurückgelassen hat!«

»Geht zum Teufel — was wollt Ihr von mir?« rief der schwarze Steffen aber ärgerlich »ist Euch auch der Dampf in den Kopf gestiegen? — ich heiße Meier und nicht Steffen.«

»Was ist, was giebts?« rief auch jetzt Wolf, aufspringend und zu dem Kameraden tretend — »was ist mit dem Manne?«

»Das ist der Schuft der seine Kinder verlassen hat?« rief aber auch jetzt Herr Schultze sich gegen den Verbrecher wendend — »das ist der Bursche den sie in Deutschland mit Steckbriefen verfolgt, und den wir auf unserem eignen Schiff mit herüber gebracht haben nach Amerika?«

»Hallo — wo brennts nun wieder?« riefen aber die Amerikaner, die mit um das Feuer standen und kein Wort von der ganzen Verhandlung begriffen hatten, wirr durch einander; »was zum Henker kauderwelscht Ihr da jetzt zusammen?«

Da schilderte ihnen Georg, in edler Entrüstung das Verbrechen der Beiden, und zornfunkelnde wilde Blicke hafteten dabei auf der Gestalt des Mannes, der ihnen finster und trotzig gegenüber stand.

»Tod und Teufel!« schrie ein langer Bootsmann, »da ist's kein Wunder wenn wir, mit solcher Fracht an Bord, aufgeblasen sind — der Schuft verdiente seine Hände zusammengebunden zu haben und hier in's Wasser geworfen zu werden, wo es am tollsten wirbelt.«

»In's Wasser nicht; der würde die Fische vergiften« schrie da ein Kentuckier, sich durch die Übrigen Bahn machend, auf den Burschen zu, »aber an einem der Bäume hier sollte er hängen, zur Verzierung der Insel.«

»Zurück da!« rief aber der Mann, einen Schritt bei Seite springend, als der Amerikaner nach ihm herüberdrängte — »was wollt Ihr von mir? — es sind Lügen und Verläumdungen!«

»Was sagt er?« riefen Andere wieder, die ihn nicht verstanden — »und das da ist die Frau? — eine schöne Mutter!«

»Wie sie geschaut haben werden« flüsterte aber diese, das Toben und Schreien um sie her gar nicht beachtend, indem sie, in derselben Stellung als vorher, sich herüber- und hinüberwiegte — »wie sie geflucht haben werden, als sie am anderen Morgen kamen und die Alten vom Neste geflogen fanden, die Jungen zu füttern hatten — aber — was ist denn das?« — setzte sie unruhiger, sich scheu überall umsehend hinzu — »sie kommen nicht — nicht den ersten Tag — nicht den zweiten —nicht den dritten — das Mehl ist aufgezehrt — die Milch sauer geworden für das Kind — wie es schreit und die Händchen nach der Mutter ausstreckt — großer barmherziger Gott, ich muß zurück — ich muß, ich muß zurück!«

Sie war aufgesprungen, und hatte beide Hände, zwischen denen die matten glanzlosen Augen stier und wild umherschauten, fest gegen die Schläfe gepreßt. Georg, der wohl fühlte wie ihr Geist von den letzten Schrecken, mit dem nagenden Wurm des verübten Verbrechens am Herzen, angegriffen und erschüttert sei, trat da zu ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und wollte sie beruhigen.

»Fort« sagte sie aber leise, ohne sich nach ihm umzusehn — »an Deiner Hand ist Blut — mich schaudert wenn ich Dich anschaue.«

»Sie ist übergeschnappt« riefen jetzt die Bootsleute, die sich um sie drängten, und ihr halb scheu halb neugierig ins Gesicht sahen — »bei Gott sie ist verrückt!« Die Frau aber, ohne sich weiter um die Männer zu kümmern, sank wieder an ihrem vorigen Platz zusammen, zog sich ihr weißes Tuch über, daß es den Kopf völlig bedeckte, und blieb so, still und regungslos neben dem Feuer kauern. Als sich die Übrigen jetzt aber wieder nach dem Manne umsahen, war er in dem dichten, die Sandbank umgrenzenden Unterwuchs und Rohr der Insel verschwunden.

Allerdings wollte ein Theil der Leute den Burschen, der durch seine Flucht sein böses Gewissen hinlänglich bekundet hatte, aufgesucht, und den Amerikanischen Gerichten übergeben haben, die Insel war aber groß, und so lange es dunkel blieb an etwas derartiges gar nicht zu denken. Dann aber nahm auch die eigene Lage ihre Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, sich mit dem Fremden viel länger zu beschäftigen, als man ihn eben sah, und Alles drängte sich jetzt um den zweiten Ingenieur her, der ebenfalls schwer verwundet am Feuer lag, und gerade wieder ein erstes Lebenszeichen gab. Donner sprang zum Wasser hin, tauchte dort sein Tuch ein, es wieder anzufrischen, und legte es dem noch halb Bewußtlosen um die Schläfe, während ihm Wolf die Lippen netzte, und etwas Wasser in das Gesicht spritzte.

Der Mann kam endlich wieder zu sich, und seine Wunden erwiesen sich glücklicher Weise nicht so schwer, an seinem Aufkommen zweifeln zu lassen; andere aber, und unter ihnen zwei Passagiere, ein Deutscher und ein Amerikaner waren von dem heiß ausgeströmten Dampf furchtbar verbrüht worden, und jammerten und stöhnten, und baten um Gottes Willen ihren Leiden ein Ende zu machen.

Während Alles für diese geschah, was der Augenblick nur zu thun erlaubte, hatte sich der Ingenieur wieder so weit erholt, um wenigstens einige Fragen zu beantworten, die der Capitain über die Ursache des Unglücks an ihn richtete.

Was der arme Teufel noch aussagen konnte stimmte mit dem Zeugniß der Feuerleute überein. Er war kurz vorher, ehe die Explosion erfolgte, zu seiner Wacht geweckt worden, und hinunter in den Maschinenraum gegangen, wo ihm das schon auffiel, daß er Niemanden dort antraf. Über die Guards hin rasch den Feuerleuten zugehend, begegnete er hier dem andern Ingenieur den er augenblicklich für halb betrunken erkannte. Er bat ihn jetzt um das Holz, das dieser noch in der Hand hielt, die Stärke des Dampfes zu prüfen, der aber weigerte sich lachend ihm das zu geben, sich noch dabei äußernd daß er ihm dann seinen besten Dampf hinausließe, und das Boot gerade jetzt gegen den Strom anlief wie ein durchgehendes Pferd. Zurückgehend zur Maschine sah er da zu seinem Schrecken, daß die Sicherheitsvalve auf eine Weise beschwert war, die die Sicherheit des Bootes auf das höchste bedrohen mußte — rasch sprang er zu, die Gewichte fortzureißen, und rief dabei nach vorn die Thüren zu öffnen als er, wie er sich zu erinnern glaubt, auf dem Maschinenholz, in der Hast und Angst ausrutschte und in demselben Augenblick zu Boden stürzte, wo der eingepreßte Dampf sich endlich mit Gewalt seinen Weg in's Freie bahnte und die Kessel sprengte. Das allein rettete ihn jedenfalls, er wäre sonst, wie der andere Ingenieur der neben ihm, aber aufgerichtet stand, zu Atomen zerschmettert worden.

Mächtige Feuer waren indessen auf der Sandbank und dicht am Holzrand entzündet worden, Gesunden wie Verwundeten ein nur einiger Maßen erträgliches Nachtquartier zu bieten, und vorzüglich hatten die Amerikaner schon für die Damen aus der Cajüte, an einem besondern Feuer, ein dichtes Dach von Zweigen hergerichtet, sie gegen den Nachtthau und die kalte, über den Strom herüberstreichende Zugluft zu schützen; an Schlaf war aber, selbst für die gar nicht Verletzten, kaum zu denken, denn die Unglücklichen stöhnten und winselten in ihrem Schmerz bis an den hellen Morgen. Donner gab sich dabei jede nur erdenkliche Müh' ihre Schmerzen zu lindern, zerriß sein leinenes Hemd, das letzte das ihm geblieben, Verbände zu machen, und suchte vor allem die Fiebergluth der Armen zu kühlen. Aber menschliche Mittel, selbst wenn er Alles zu Händen gehabt hätte was er bedurfte, reichten da nicht mehr aus, und die beiden Verbrühten, die im Maschinenraum als die Kessel explodirten, auf dort aufgestapelten Kaffeesäcken geschlafen hatten, starben ihm unter den Händen, noch ehe die Sonne aufging und die traurig wilde Gruppe beleuchtete.

Bald nach Sonnenaufgang kam ein Boot stromauf, und dicht an der Insel vorbei — das noch zum Theil aus dem Wasser ragende Wrack, wie die Menschen am Ufer verriethen ihm deutlich genug was hier vorgefallen, und es schickte sein Boot an Land Mannschaft und Passagiere aufzunehmen und nach der nächsten Stadt zu bringen, wo sie Hülfe bekommen konnten. Die Verwundeten wurden zuerst an Bord geschafft, in Memphis wieder ausgeschifft zu werden, und nur die Frau, die noch immer regungslos am Feuer saß, weigerte sich ihnen zu folgen. Sie wollte keinen Schritt weiter mit dem Manne gehn, der Fluch und Elend über sie gebracht, und erst als ihr Georg, der die Unglückliche nicht in dem Zustand ihrem Schicksal überlassen mochte sagte, daß Steffen in den Wald entsprungen und nicht zurückgekommen wäre, stand sie endlich auf, strich sich die langen wirren Haare aus der Stirn, und folgte dem jungen Mann von da an willenlos, wohin er sie brachte.

In Memphis angekommen, wurden die Verwundeten gelandet und ärztlicher Pflege dort übergeben, und der Capitain der »Mississippi-Belle« wie das Dampfboot hieß das sie aufgenommen, erbot sich freundlich Passagiere und Mannschaft der Backwoods-Queen die sämmtlich ihr Gepäck mit dem Untergang des Bootes verloren hatten, unentgeltlich mit nach St. Louis zu nehmen, wohin auch er bestimmt war. Die meisten nahmen dieß großmüthige Anerbieten an, obgleich fast Alle, wie auch Wolf und Georg, ihr baares Geld bei sich trugen und gerettet hatten, nur Wolf verlangte seine Passage als Feuermann abarbeiten zu dürfen, wobei sich ihm Donner anschloß. Der Capitain lachte freilich über die eigensinnigen Burschen, ließ sie aber gewähren, und Wolf wie Georg wurden Feuerleute auf der Mississippi-Belle.

Die Frau brachte Georg, kurz vor der Abfahrt des Bootes, in ein deutsches Kosthaus, und bat die Leute dort sich ihrer anzunehmen, bis sie sich erholt habe; er selber wolle dann auf dem Rückweg wieder vorsprechen, und gern die Kosten, zu denen er schon einige Dollar da ließ, tragen.

Die Frau sprach dabei kein Wort — sie dankte ihm nicht, sie sah nicht auf, und saß still und regungslos, wie sie am Feuer gesessen hatte, in der Ecke, als er das Haus verließ.

Capitel 7.