Die Versammlung.
Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot« und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht — auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber; nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd, von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob — nur hie und da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem Zauberschlag nach dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches Leben brach sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal.
Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über des Lebens Meer — ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, mit dem Sturm, legte sich auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen wie ihr Herz da vor ihm lag.
Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, Kitty Clover, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische Flagge.
Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet, einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus vorblitzten.
Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin sandten.
Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang, eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht. Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich führen, und was sie eben schmuggeln können, nicht gern versteuern.
Die verbotene Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen, dawiderhandeln durften.
»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
»Von glauben ist da gar keine Rede, Captain dear,« lachte der Ire, »meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders, hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte. »Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher, und das will mir nicht so recht einleuchten.«
»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die Höhe treiben, und — was wollen wir mehr?«
»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend — »weiter nichts, Jimmy — höchstens noch etwas baar Geld — gutes Silber für unsere flüssige Waare.«
»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd — »ich glaube wirklich nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen solchen Artikel auszulegen; — ja wenn es Brandy wäre.«
»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein Theil der Waffen ist feste Bestellung — von Jemandem aber den ich nicht nennen darf — und verkauf ich das andere nicht hier, so weiß ich daß ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt dafür finde.«
»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend — »die Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber — verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß zum Risiko.«
»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain, und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob’s nun eben der Mühe werth ist, oder nicht.«
»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und etwas verlegen.
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu Hause wären, Captain dear — »aber dahinten kommen die Canoes,« unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort, als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer betrachtet — »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk’ ich, desto besser ist’s, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage gebrachten fast wie ehernen Zügen:
»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der heutigen Komödie — drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber — »dort geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für Streiche machen,« brummte der Alte dabei — »aber meiner Mutter Sohn müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
»Desto besser, Captain dear,« rief Jim, sich vergnügt die Hände reibend, »desto besser; s’wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange genug Frieden gewesen. Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant zu machen.«
»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain — »der Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz stellen, nicht einmal mitspielen — die aber die Nichts zu verlieren haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally — »he da vorn — damn it Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte die Zähne zu zeigen — Du kennst ja das Zeichen — so auf mit Euerem Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen unsere Hölzer nothwendiger. — Aber bis dahin bin ich auch auf jeden Fall wieder zurück.«
»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob angeredete.
Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch hinaufgezogen, »aber politisch ist’s nicht. — Sie können Einem freilich Nichts anhaben — Ach was,« setzte er dann laut hinzu — »der Wind schlägt das Tuch doch nur zu Schanden — wenn wir an Land sind nimm den Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot, das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt ein Fest gefeiert wurde.
Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes mishandelte, entstellt worden. Es war die fromme Schaar der Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch und sündig. Und weshalb? — es hatte Blumen getragen einst im heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer Gott dienen wollte, durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen — fort mit dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen — fort mit dem duftigen Kranz darin und den wehenden Silberfasern der Arrowroot — einen anständigen christlichen Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter, und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt — der Hut verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen die zarten Gestalten, nur den Fuß — nicht das Schönste an ihnen — frei zur Schau tragend.
»Waihine — naha — naha Maïre!« rief da eine neckische Stimme dicht neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen — »naha Maïre.«
Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? — »naha Maïre,« klang wieder und wieder der neckische Ruf — »bist Du’s aiu[U] oder nicht? — sieh her Maïre, sieh her und wende Dein Köpfchen.«
»Ah — da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen gründlicher Verachtung, ihre Lende — »da nimm das Du böse Ate-ate und laß mich zufrieden — bah über die Schwätzerin.«
»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen — »hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind wilde Dinger und taugen nicht zu uns — wenn’s der Mitonare sieht daß wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die funkelnden Augen voll die Gegner trafen — »albernes Zeug hier, könnt Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug — oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl toller treibt als ich?«
»Ah maitai maitai Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf — »so lebst Du noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Bananenblatt?«
»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,« zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte ärgerlich mit dem Kopf.
»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie nicht wieder ab,« sagte ein anderes Mädchen das neben Maïren ging — »so lange sie kurz sind bin ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
Drrrrrrrrum — drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb geliebtesten Tanzes.
»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend — »der Upepehe:
Horch!
Horch wie der Trommel Klang
Hell durch die Palmen drang,
Horch!
Zuckt mir’s durch Fuß und Knie,
Zuckt mir’s im Herzen hie
Horch!«
»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht so recht passen wollte.
»Horch!
Laut wie die Brandung jägt,
Gegen die Riffe schlägt,
Horch!
Wirbelt der Trommel Ton
Herzchen ich komme schon
Horch!«
Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange wenigstens die verführerische Trommel schlug.
Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach rechts und links — zögerten noch und — sprangen mitten hinein in den jubelnden Chor.
»Mi-to-na-re!«
Wie dem Schwimmenden das Wort ein Hai mit Bleies Schwere in die Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug das Wort in die Reihen der Tanzenden.
»Mitonare!«
Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt, und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel — »Mitonare!« und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder — jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar, unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite Straße entlang dem Paré zu.
Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort gewesen — dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren, Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand die fromme Schaar der Missionaire versammelt — sie Alle, nicht ein einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu — »er trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie perú[V] aussieht, in der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
»Bah’ heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück — »und zankt er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu — »geh ich zu dem anderen Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der Weißen.«
»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.
»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen Mitonares den Bambus auseinander — wenn ich nur hineinkomme.«
Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich ihm alle »Glieder der Kirche« (Church members) in feierlicher Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher Demuth.
Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in ihrem Boot begleiteten — »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den Leuten — wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
»Hätt’ ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen sehn,« lachte der Ire, »so glaubt’ ich’s auch — schwarz genug sieht der Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber so ernsthaft werden sie’s wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
»Und ich glaub’s nicht — wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen müssen. Ich kenne meine Leute.«
»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, nach der er den Kopf zufällig gewandt — »da kommen die Boote Ihrer Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
»So back water, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus betrachten.«
»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,« brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen hatte, zuströmte.
Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben eintraf.
Die Königin Pomare, oder Pomare Waihine saß, von ihren Frauen umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands, Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht, und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen entsage.
Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der eigenen Gemeinde nur, nicht dem wirklichen Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte gewußt weshalb er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und fröhlich in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten.
Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn — denn er führe genau zu dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen — nämlich zur Hölle.
Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu thun haben — sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein schlagen, die Menschen doch nur — das wenigste was man von ihnen verlangen kann — vernünftig zu machen.
So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen Hüten des Landes Königin.
Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten — und begriffen vielleicht dabei heut’ zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger eigentlich trugen.
Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:
»Pomare! unsere Königin, ia ore na oe!«[X] und wie der Schlag des Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »ia ore na oe!«
Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die Stimme versagte ihr — sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht schwach zu scheinen vor den Fremden.
Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.
»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas, »daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«
»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das Gebet zu halten.«
Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes Gebet.
»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen mögest unserer Noth.«
»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung, Jehovah!«
»Unsere Feinde sind stark — ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort — als Dein Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift — o Jehovah!« —
»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht — eines Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« — O Herr — hier — hier ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer gebracht wurden — hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen von der Sünde.« —
»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in Sicht — dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel entgegenziehen — und was das Ziel? — Die Nachricht von Gottes Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder — von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade. Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«
»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß, auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade. Aber — nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen Brüdern — nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie ein Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit — aber auch nur in Seinem Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«
Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen Strömen in Stirn und Schläfe — es war als ob sie reden wollte, aber nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der Ehrwürdige Mann fuhr fort.
»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns — nicht frei und offen aber trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick, fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn, wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit der Doppelzunge — der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des Teufels Hand nieder in einer schwarzen Stunde.«
»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.
»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben mir« — fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem Thema fort — »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges Herz nur und einfacher Sinn —«
»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die Herrlichkeit — schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes — aber —«
»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und rasch ein — und Amen riefen die Umstehenden, Amen hallte es, wie dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann hingen wie er zu seinem Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander — der Geistliche konnte nicht weiter beten.
Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte, das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron Otu’s. — Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß wenn heute doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist erzeugen.«
»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen, vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.
»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend — »jetzt werden sie gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche Nachbarschaft hätten —«
»Ruhe da! — Still! — gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.
Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre Meinung zu hören.
»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. — Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«
Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:
»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? — dasselbe Recht das sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt — nur daß sich der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und wieder zurückgeht — und der Ferani nicht. Aber es giebt viele Arten von Hai’s,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster über alle Weiße — »eine vorsichtiger — feiger wie die andere. Fanue möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen — nachher ließe sich leicht reine Bahn machen.«
»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig, »willst Du die Fahne beibehalten?«
»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,« sagte der Greis mürrisch — »wenn’s denn einmal eine sein muß, ist die so gut wie jede andere — weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von solchem Tant.«
»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort — »von solchem würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«
»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.
»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit krauser Stirn gelauscht — »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag, den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden ist. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als Deine Priester — gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest es sicherlich zu spät bereuen.«
»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich von ihrem Sitz erhebend — »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt — es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie — sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«
»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der Englische Capitain das Wort — »gezwungene Versprechen binden nicht, und ihrer eigenen Aussage nach ist sie dazu gezwungen, und zwar in einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die Frau schon sicher sein sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier übrigens, steht unter meinem besonderen Schutz.«
»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe, verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«
Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.
Aonui war ein frommer Christ — den geschorenen Kopf entblößt, trug er seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen dort hinein geknüpft — er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und freudiger Stimme:
»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre — aber Pomare ist unsere Königin ia ore na oe, und die Britische Flagge die natürlichste unseren Herzen, unserem Glauben.«
»Setz unseren Interessen hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen — »setz unseren Interessen hinzu, aber laß das Herz fort. Die natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße Kriegesfahne unserer Väter!«
»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend, »Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«
»Tati wird« — rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend, aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich, blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.
»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme fort — »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub’ ich, hab ich Alles wohl gesagt. — Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen wir nicht!«
»Nein, mehr brauchen wir nicht — wir haben unsere eigenen Gesetze und Lehrer und die Bibel — das genügt uns — fort mit der anderen Flagge!« fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt Avei — das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den Lärm.
Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne.
»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der freien Königin von Tahiti und Imeo — und fragt Dich weshalb hast Du Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu künden was Du thatest?«
Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern stolz befestigt.
»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher.
»Nein, nein, nein und abermals nein!« schrie aber jetzt der stolze Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann — »nur nicht ich brauche zu antworten solcher Frage — dort die Männer an Deiner Seite, die schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so neugierig bist.«
»Wir? — wer? — wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und immer noch gefährlichen Mannes.
»Ihr — und noch einmal sag ich’s, Ihr!« rief aber, uneingeschüchtert der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes, und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen. Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt — wir kannten es nicht, Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. — Ihr habt viel Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf den Ihr fußt — Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der Bibel —«
»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick — »das ist ja —«
»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort — »Das ist gut — das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser Land gekommen waren, durch Euch verbannt wurden von dieser Insel —«
»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.«
»Und wer gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling — »Ihr! — Wer deutete sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei — es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers, sich blind dahin zu stürzen wohin Ihr es verlangt. Dreht Euere Augen zum Himmel — Gottes Tod — hier steh ich und der Herr da oben mag mich stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen Fieberhitze giebt. — Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? — wagt es und sagt das Euerer Königin in’s Gesicht — sagt das Fanue, Terate und Avei — nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und Euer Ruf ist es — heimlich oder laut — der sie treibt.«
»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen.
»Ei wenn Pomare denn mit Willen blind ist,« rief der Häuptling trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen wollten die sie herbeigeführt — den Missionairen; von denen aber im Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend in schwererer Zeit gegen solche heimliche Feinde, schrieb ich meinen Namen unter das Papier — bist Du zufrieden nun?«
»Und Du Utami?«
»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter, und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut.
Und Paraita? und Hitoti?
»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige Paraita das Wort, »wir hielten’s nicht der Mühe werth da lang darüber nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.«
»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der Sprecher.
»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling — »weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich’s, und weil mir das Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche — es mag ein Fehler sein, aber ’s ist wahr.«
Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend, die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.
»Und wünscht Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der Feranis?«
»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durcheinander.
»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere Quellen süß, und kamen wir zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen — so lange er sich im eignen Lande helfen darf.«
»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti, »aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind — die Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie nicht — sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere Bedürfnisse — sie kennen nur Gottes Wort — laß sie das lehren, und wir wollen ihnen folgen und sie ehren.«
Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata, wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:
»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt, daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen — was Gott verhüten möge — so sei das Land kein anderes als Groß-Britannien, und stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen anderen Bundesgenossen als den Briten.«
»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge durcheinander — »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.«
»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,« knirrschte Tati zwischen den Zähnen — »meinetwegen verschreibt Euch dem Teufel.«
»England ist unser Heil, unser Stolz — England ist unser Anker in der Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem Gedränge ziehen.
»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:
»So laß sie beten und singen, und meinetwegen — aber ich will mich nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen. Fort, wieder hinaus in’s Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.«
Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt führt.