Die vier Häuptlinge.
Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind, aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde, oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs breitblättriger Feis[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus, Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.
Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen; aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht — die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.
Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas, mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend, schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.
Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre Kelche dem sonnigen Licht entgegen.
Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu jeder Stunde — ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können, sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden — bis es sank.
Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.
Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages, denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufenthalt der Qual.
In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten.
Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit dem pareu, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O] umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus, das seinen Strand bespühlte.
Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.
Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut — näher und näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf ihm haftete.
Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief, sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen Blüthen bunt durchwebt.
»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog — »Joranna Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor Dich hin, als ob Du« — es zuckte spöttisch um seinen Mund — »plötzlich ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« —
Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.
»Du siehst aus als ob Du zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,« sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer Zeit!«
»Das Schicksal?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro, heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem Land? — Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere Väter ehrten. — Gleisnerische Worte — Oros Zorn über sie, daß sie zu Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«
»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s so lange zu tragen haben?« rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s den Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die Diener des Herrn nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi’s[Q] dieses Landes zu setzen wagen?«
»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem Unheil?« frug Paofai lauernd.
»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd — »sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes mähten sie nieder.«
»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«
»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber essen — Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«
»Aber sie warten nicht bis er kommt!« entgegnete Paofai — »der tolle Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«
»Sie hätten recht — die Feranis werden uns auch nimmer den Segen bringen,« sagte Tati finster — »mich reut schon die Hand die ich dabei im Spiel gehabt, denn der gierige Wi—Wi scheint Lust an der Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange noch ein Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten — wir hätten ihr Grab graben sollen.«
»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati sagte finster:
»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns ins Lager gerückt — o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«
Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes, das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche Landmarke, erkennen ließ.
»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich landeten und an’s Ufer sprangen — »der dunkle Zug über der Stirn deutet bei ihm nichts Gutes — es ist wie ich gesagt!«
»Gruß Euch und Frieden — Joranna, Joranna bo-y!« riefen die beiden Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.
»Joranna Utami — Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai, während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.
»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde beobachtete straften sein Lachen Lügen — »ein neues Englisches Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf; der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor Gericht, denn wir sind Alle aufgefordert zu erscheinen.«
»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani abgeschlossen?« frug Tati finster.
»Kein Zweifel,« lautete die Antwort — »der Königin Boten fliegen heute durchs ganze Land — gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber und uns Beiden wurde selber aufgetragen Euch mit zur Stelle zu bringen, genügt Euch das?«
»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.
Paraita lachte.
»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von nichts Anderem — sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das Protectorat Frankreichs von sich weisen.«
»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht leiden,« rief Tati.
»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« sagte achselzuckend Paraita.
»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher Seite siehst Du den Segen unseres Landes?«
»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner von diesen Beiden. — Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair — laß sie sich unter einander schlagen.«
»Und Du gehst?«
»Gewiß — sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet habe.«
»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb — »gefürchtet,« wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend — »aber es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel — dem Volk wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«
»Unterthan? — keinem!« rief da Tati trotzig, der indeß mit verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde gelauscht — »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von uns würfen? — Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin, so sie jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath? Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder ein Reich, ein glückliches Reich zu gründen in unserem Inselland — jetzt wo das Volk gesehen welchen Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit Kraft und Gewalt, und dem einigen Volke können auch selbst die Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«
Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
»Zu spät — zu spät! — ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte — sie stehen zu fest, während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie sie dann sagten. — Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen den geistlichen Stolz.«
»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei — »wir sind zu schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden schwer werden das zu rächen, was sie jetzt mit leichter Mühe verhindern können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten Contrakt mit Füßen tritt?«
»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. — »Mit ein paar Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott — keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste abzuwenden.«
»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst — »unsere Aufgabe ist dem Land die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand — wir wollen es aus keiner fremden. — So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen — »ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. — Ich kenne meine Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den Grillen — unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und Hölle? — Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man lacht darüber wenn man sie hört — tödten sie doch die Zeit« — und den Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das Haus.