Mütterchen Tot's Hotel.

Tief in den Guiaven versteckt, und etwa nur vier-oder fünfhundert Schritte von den äußersten Häusern von Papetee entfernt, lag eine der gewöhnlichen lang-ovalen niederen Bambushütten dieser Inseln, mit Pandanusblättern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgeräth, als ein paar eisernen Kesseln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb ausgehöhlter Schemel, die den Eingeborenen über Tag zum Sitz, und über Nacht zum Kopfkissen dienen.

Die Wände waren übrigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie in den gewöhnlichen Indianischen Häusern, mit dünnen Bastmatten fast überall verhangen, und der Wärme wegen konnte das nicht gut geschehen sein, denn gerade dieser Platz hätte einer frischen Zugluft eher bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin ausgehauenen Hof und Hausraum umschloß; aber der Besitzerin dieses Platzes lag mehr daran ungestört und von neugierigen unberufenen Augen nicht belästigt zu sein, als frische Luft zu haben — obgleich sie deren Wohlthat wohl auch zu schätzen verstand.

Die Wände, wenn man das mit Bast überhangene Gatterwerk überhaupt so nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belästigt was etwa einen besonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwürfe, abgenutzt und geschwärzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der Hütte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener Cocosnußschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte ein alter, einst weiß gewesener, aber jetzt in jede mögliche, wie unmögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in besseren Tagen vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Hütte zu verträumen.

So kahl übrigens die Wände dreinschauten, so toll und wild stand alles mögliche Geschirr und Geräth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf diesen Inseln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern, Hutschachteln, Arbeitskörben, Speisekammern, Toiletten und Gott weiß was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine über die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen, einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit Feuerschloß, und darüber, aber so versteckt hinter den Matten, daß es nur von einzelnen Theilen der Hütte aus gesehen werden konnte, war ein schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.

Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die Bewohner wie gegenwärtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den viele der Indianer sogar in abergläubischer Furcht mieden, weil sie »Mütterchen Tot«, wie die Eigenthümerin von den Matrosen gewöhnlich nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz übernatürlicher Kräfte glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche Vermuthung, wenn überhaupt auf irgend ein menschliches Wesen anzuwenden, vollkommen.

»Mütterchen Tot« war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden, die selbst den Rohsten beschlich — aber ihr ehrwürdiges Aussehen trug wahrlich nicht die Schuld dabei.

Mütterchen Tot war übrigens — ehe ich den Leser mit ihrem äußerlichen Menschen, dem Anzug, bekannt mache — in Europa und zwar in dem Reiche ihrer Großbritannischen Majestät vor langen, langen Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob in dem bevorzugten England selber, dem »bonnie« Schottland oder der »grünen Insel«, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird. Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von diesen angenommen, daß, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der Polynesischen Sprachen verstand, den Schlüssel zu all' den wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande gewesen wäre Sinn oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen noch am leichtesten darüber hin, die ersteren glaubten sie spräche Englisch, die anderen hielten es für Indianisch.

In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böse Welt behaupten wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen Wallfischfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die Jahrelang draußen in See herumfahren sind nicht immer wählerisch) entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was riskirt die Liebe nicht, und setzte später die junge Dame, als er heimwärts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen Englischen Hafen wieder einzulaufen wünschte, auf den Sandwichs-Inseln ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu suchen.

Mütterchen Tot's Memoiren würden jedenfalls höchst interessante Daten liefern, könnte sie nur eben veranlaßt werden näher auf sie einzugehn; sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigstens über einen Theil derselben, Auskunft hätte geben können, und auf das ich gleich nachher zurückkommen werde, durfte nicht.

Soviel ist gewiß, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine kleine Wirthschaft zu gründen, in der sie besonders Matrosen beherbergte, und ihnen berauschende Getränke verkaufte, um die sie, wie um manches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort streifte sie nach Neu-Seeland hinüber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber von hier eine »Stütze ihres Alters«, wie sie einen kleinen einäugigen Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb, mitbrachte.

In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und dießmal, aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzuführen, wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten. Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmastete, strandete es an Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europäer fast in der Südsee, die besten Geschäfte und durch den Zwiespalt der Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher eine sichere Ruhestätte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht hätte.

Dem kleinen Irischen Schuster war das Alles gleichgültig; auch er hatte übrigens eine Vergangenheit, die in Sydney ihren Culminationspunkt, den Felsen gefunden, zu dem hingetrieben das Bächlein seines Lebens wild und toll genug gesprudelt hatte, bis es mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die ersten Convulsionen nur einmal vorüber, wieder seine völlige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit erlangt hatte.

Murphy — er wußte selber nicht ob er je noch einen anderen Namen gehabt — war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die »had left their country for their country's good« (zum Besten der Heimath, die Heimath gemieden). Wie er damals seine Freiheit wieder erlangt blieb sein Geheimniß, soviel aber ist gewiß, daß er in dieser Zeit gerade aufhörte ein Katholik zu sein, und das Studium der Bibel mit einem Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Protestantischen Geistlichen, in deren Wirkungskreis er kam, hätte sichern müssen, hätten diese nur eben zu ihm gelangen können, Zeuge seiner wirklich angestrengten Thätigkeit zu sein. Wunderbarer Weise benahm er sich aber bei diesem Studium fortwährend als ob er irgend ein entsetzliches Verbrechen beginge, und in steter Furcht und Todesangst lebe dabei ertappt zu werden. Witterte er einen Geistlichen in seiner Nähe (und die frommen Männer machten sich manchmal die Freude ihn und seine Gefährtin aufzusuchen, obgleich sie Beide lieber gehen als kommen sahen, denn sie verzehrten nicht allein Nichts, sondern suchten nur umher, Grund zur Anklage zu finden) so konnte Mütterchen Tot nicht rascher bei der Hand sein eine vereinzelte Branntweinflasche zu verbergen, die sich vielleicht in zu unerlaubter Nähe bei einem Eingeborenen befand, als Murphy auch mit seiner Bibel in die nächste Kalebasse hineinfuhr, und Alles darüber deckte, was ihm gerade unter die Hände kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht, faßte er jetzt gewiß den ersten besten Schuh auf, der ihm unter die Hände kam, und fing an daran herum zu schneiden und zu stechen und zu nähen, als ob sein Leben an seiner Eile hinge.

Mütterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwürdigenste, und kein Schimpfwort gab es auf Englisch, Irisch, Gälisch oder Schottisch, wie in irgend einer der bekannten Polynesischen Sprachen und Dialekte, das sie nicht schon an ihm abgestumpft, kein Geräth in ihrem ganzen Haus, das sie nicht schon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen Gelegenheit, nach seinem Kopf geschleudert hätte. Vor allen andern aber war es die heilige Schrift selber auf die sie es in ihrem schlimmsten und gefährlichsten Zorn abgesehen, und die sie dann im Fall eines Streites mit ihrem höchst sanftmüthigen Gatten (wenn ich diesen ungerechtfertigten Namen überhaupt gebrauchen darf) häufig aus der Hand riß und an den Kopf warf. Ja sie hatte schon mehrmals gedroht das ganze heilige Buch bei der nächsten passenden Gelegenheit — und die Gelegenheit war eigentlich immer passend — zu verbrennen; wunderbarer Weise hielt sie aber immer eine eigene Scheu, die sie sich aber nie selber eingestehen mochte, und jedenfalls mehr in einer abergläubischen Furcht wie irgend einem religiösen Sinn wurzelte, davon ab ihre Drohung auszuführen, während Murphy, der ihr doch nicht so recht trauen mochte, seinerseits Alles that ihr das Buch, wenn er ja einmal die Hütte verließ, aus den Augen zu bringen, und Kalebassen und Ecken unaufhörlich damit wechselte. Nur bei vollkommenem Waffenstillstand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen Bücherbret auf einem Haufen verschiedener Traktätchen von Mäßigkeits- und Bibelverbreitungsvereinen in Tahitischer Sprache, und Murphy hatte seinen Sitz so gestellt, daß er das Buch fortwährend dabei im Auge behielt.

Ich sagte vorhin daß Mütterchen Tots Aeußeres gerade nicht dazu dienen konnte besondere Ehrfurcht einzuflößen, und allerdings war sie, was ihre äußere Erscheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwischen 50 und 70 Jahren, denn wunderbarer Weise hielten Schmutz und Runzeln ihre Züge mit einem solchen Schleier überzogen, daß man sie bald dem einen, bald dem andern näher glaubte, hatte sie einen gewöhnlichen pareu von einst grellrothem aber jetzt verblichenen Kattun, mit breiten hochgelben Streifen, um die Hüften geschlagen, und am Tag trug sie ein dem ähnliches Obergewand, das ihre dürre Gestalt in weiten Falten umhing; Abends aber, wenn die kühle Seebrise über die Küste strich, obgleich sie die, von den Guiaven förmlich eingeschlossene Hütte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heißes Klima gewöhnten Mütterchen zu kühl, und sie zog einen alten erbsgelben schmutzigen Männer-Oberrock, der früher einmal lange Haare gehabt haben mochte, über ihr Kattunkleid, und knüpfte die zwei Knöpfe, die ihm noch geblieben, fest zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr dabei bis tief über die Knie nieder, und da seine Taschen ebenfalls tief saßen, in deren einer sie den einzigen Genuß aufbewahrte, den sie sich außer dem Brandy gönnte, ihre Schnupftabaksdose, so hatte sie nur mit dieser Unannehmlichkeit zu kämpfen, daß sie so tief nach der ihr unter den Händen fortweichenden Tasche niedertauchen mußte, und sich gewöhnlich endlich gezwungen sah, ihre andere Hand auch noch mit zu Hülfe zu nehmen, das scheue Taschenfutter zurückzuhalten.

Den Hals trug sie blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er in ihrer Jugend wahrscheinlich einmal das Ziel ihrer Wünsche gewesen — das Alter hatte sich daran festgeklammert, und unter den breiten, wunderlich geformten und mit ein paar künstlichen, aber selbst in der Kunst verblichenen und zerdrückten Blumen geschmückten Seitenwänden desselben hingen die grauen langen Haare wirr hervor.

Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zugluft, am Tag wie Abends, bis sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte suchte, über das sie jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquitonetz gespannt ließ; der Rock jedoch war unstreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrscheinlich frühere Besitzer schien seine Ansprüche daran keineswegs aufgegeben zu haben. Abends oder in Zeit der Kühle, bei Regenwetter oder sonstigen Witterungsfällen, wo überhaupt das Tragen eines solchen Rocks unter dieser Breite eine Entschuldigung fand, und nur den geringsten Grad von Befriedigung gewähren konnte, hatte sich freilich Mütterchen Tot darin eingeknöpft, und wollte Murphy dem Rechte des Besitzes nicht ganz entsagen, so mußte er den Sonnenschein benutzen — und das that er auch. — Jeden Tag wenigstens einmal, machte er den verzweifelten Versuch in den Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb darin zum Erstaunen aller, etwa in der Zeit eintreffenden Gäste, bis ihm das Wasser am ganzen Körper herunter lief, und er das nutzlose Kleidungsstück von den Schultern riß, aufpackte, zusammenrollte und versuchte in eine Kalebasse zu zwingen, was er nach einer Weile ebenfalls wieder aufgab, und sich dann seufzend an seine Bibel setzte — und der Rock blieb in der Ecke so lange liegen bis es Abends kühl wurde und ihn Mütterchen Tot wieder brauchte.

Außerdem trug Murphy ein paar sehr abgenutzte Sommerhosen, von irgend einem farblosen dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine gelbgestreifte Weste, statt der fehlenden Knöpfe an den betreffenden Stellen mit Bast zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch schon total schwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewissermaßen mit zu seinem Anzug gehörte, und ohne die er eben so leicht erschienen wäre, wie ohne die Hosen oder die Weste. Nur der alte Filzhut schien zum Staat an der Bambuswand zu hängen, und obgleich er ihn regelmäßig abwischte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte sich noch Niemand ihn je darunter gesehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsstücke alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfuß.

Murphy war Schuhmacher, aber natürlich nur für Europäer, denen er altes Schuhwerk ausbesserte oder, wenn sie ihm das Leder dazu lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Missionaire ihn und seine Begleiterin schon gewiß lange, des unerlaubten Verkaufs spirituoser Getränke wegen, weiter geschickt, es wenigstens nicht so unter ihren Augen geduldet hätten, so erwies sich der kleine einäugige Irländer doch auch wieder so nützlich, ja manchmal sogar unentbehrlich in dieser Hinsicht, daß sie das andere Auge zudrückten und ihn lieber duldeten als sich in den Fall gesetzt sehen wollten ihre Kundschaft einem dort kürzlich hingezogenen katholischen Schuhmacher zuzuwenden. Murphy fühlte auch eine gewisse Verehrung für diese Männer, die ihm, weniger vielleicht durch ihr sonstiges Wesen und ihre Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntniß der Bibel imponirten, und bediente sie stets auf das prompteste. Da aber geschah es — wie überhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten — wo er mit Mütterchen Tot auf das bösartigste zusammenkam, denn wenn sie irgend etwas haßte auf der Welt, so war es, ihren eigenen Worten nach, ein »schwarzröckiger Missionair«. Oeffentlich durfte sie aber freilich Nichts gegen sie unternehmen, als höchstens schimpfen wenn sie sich unter ihren Freunden befand, aber heimlich ließ sie auch dafür keine Gelegenheit verstreichen ihnen irgend einen Schabernak zu spielen, und die zerbrochenen Brandyflaschen welche die frommen Männer nicht selten Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeit gegen die scharfen Zwecken die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige Mangel an Concurrenz war im Stande gewesen, dem kleinen Iren die Kundschaft bis jetzt zu erhalten.

Mütterchen Tot's Hauptgeschäft war eigentlich der verbotene Brandyverkauf an die Indianer, den sie, trotz Consuln und Missionairen, trotz Spioniren und Wachen der »Kirchenvorstände« in vollem ununterbrochenen Gang zu halten wußte, und dabei eine Menge Geld verdiente, von dem kein Mensch wußte wohin es kam, und dessen Versteck aufzufinden selbst Murphys Scharfsinn bis jetzt entgangen war. Von den Indianern bekam sie nur theilweise baar Geld, das jene von den Europäern für Produkte gelöst, aber sie nahm auch alles Andere, Cocosnüsse und Früchte, süße Kartoffeln, Hühner, Ferkel, Matten, Tapa, Cocosöl, Perlmutterschaalen, Perlen; was ihr gebracht wurde, es war einerlei, und sie wußte es wieder zu den höchsten Preisen an die Schiffe, von denen sie ihre Spirituosen bezog, abzusetzen. Auch zu dem Schmuggeln derselben hatte sie wieder ihre besonderen Leute, großentheils unter den Europäern, und diese gerade waren wiederum mit ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine hübsche Gesellschaft in »Mütterchen Tot's Hotel«, wie die Bambushütte von ihren Gästen sowohl wie ganz Papetee genannt wurde, versammelt, und die alte Dame selber in bester Laune, denn gerade heute war ihr wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu eingeführten Rum und Brandys glücklich in ihrem »Versteck« geborgen worden, was sie auch wohl mit der klug benutzten politischen Aufregung zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beschäftigte ihre Aufmerksamkeit so vollkommen dem sonst scharf genug bewachten Strande zuzuwenden.

In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine ziemlich tiefe kleine eiserne Pfanne in der, aus dem flüssigen Cocosnußöl heraus, ein riesiger Docht flammte; auf dem nackten Boden aber umher waren verschiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die Abends ziemlich lästigen Mosquitos fern zu halten. In diesem Rauch, und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts saßen, oder kauerten vielmehr auf den niederen Sesseln, zehn oder zwölf Männer, Weiße und Indianer, mit drei oder vier Indianischen Mädchen zwischen sich, in buntem Gemisch zusammen, während im Kreis zwischen ihnen eine noch halb volle Flasche herumging, aus der sich Jeder, wenn er Bedarf fühlte, die vor ihm stehende Cocosschale füllte und die Flasche dann weiter schickte. Mrs. Tot saß unfern davon, wieder in Murphys weißen Rock eingeknöpft, auf einem ordentlichen Rohrstuhl, der sie den ganzen Kreis bequem überschauen ließ, und Murphy selber lehnte in seinem gewöhnlichen Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer Cocosnußschale brennen hatte, drückte den Kopf an die Wand und schlief — in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn sich Jemand mit geschlossenen Augen, nur blindlings, aber ununterbrochen, der auf ihn einstürmenden Mosquitos zu erwehren suchte.

Die Unterhaltung war indessen lebendig genug geführt worden, hatte aber meist gleichgültigen Gegenständen gegolten, in die die Mädchen hinein lachten und tollten, den Männern die Flasche wegnahmen und sie versteckten, und sogar Murphy in seiner Ecke mit einer Feder unter der Nase kitzelten, was ihn zwang entsetzliche Gesichter zu schneiden und mit den Händen, zu ihrem unbeschreiblichen Ergötzen, rasch und heftig nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer »zu windwärts von ihm«, wie sie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an seiner blinden Seite, an der sie am wenigsten eine rasche Entdeckung zu fürchten hatten, und trieben es so arg mit ihm, bis er zuletzt, ohne jedoch seine listigen wie boshaften Quälerinnen zu entdecken, munter wurde, sich die Augen (selbst das blinde dieser Operation unterwerfend) ausrieb, und mit einem halblaut gemurmelten Fluch auf die Mosquitos seine Lampe wieder ein wenig auffrischte, daß sie heller brannte.

»Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel,« mischte sich jetzt die Alte hinein, die auf dem Stuhl zusammengekauert, die Füße halb heraufgezogen und die zusammengeschlagenen Arme gegen die Knie gelehnt, dem Gespräch theils behaglich zugehört, theils das Kreisen der Flasche beobachtet, auch wohl einmal aufmerksam über den Lärm hinübergehorcht hatte, ob sie draußen kein verdächtiges Geräusch vernehme — »Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der süßen Insel bleiben? — segne Euere Augen Kind, Ihr hättet zu keiner gelegneren Zeit herüber kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr — laßt mir jetzt den Narren da drüben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich hetze ihn über Euch, g'rad wenn er aufwacht — Wespenzeug.«

»Hallo Mutter Tot ist heute Abend böser Laune,« rief Eine der Mädchen trotzig — »sollen wohl ruhig hier sitzen im qualmigen Nest — ehrbar wie in der Predigt? Kommt Waihines, draußen im Freien ist's besser, laßt sich die Schildkröte am Feuer räuchern.« Und lachend, die Melodie ihres Tanzes trällernd, zu dem sie mit den Füßen den Takt schlug, sprang sie, von den übrigen begleitet, denen der größte Theil der Matrosen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's Freie.

»Das glaub' ich, Mütterchen;« brummte indeß unser alter Bekannter vom Strande, ohne sich weiter um den Lärm der Fortspringenden zu kehren, »natürlich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schillinge, und wer weiß was sonst noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an »Bergthau« einzulegen?«

»Bah, Mann, es war keine Kunst den Branntwein an Land zu schaffen,« brummte aber die Alte kopfschüttelnd, »und das Geld dießmal mit Sünden verdient — kein Mensch schaute danach, und ich hätte ihn selber wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von einem Schuster da in der Ecke nur für irgend was anderes noch, als auseinandergegangenes Leder zu flicken, gut wäre.«

Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre schmerzhafte Anspielung zu verstehen, knurrte nur etwas in den Bart, erwiederte aber Nichts, und fing sich an seine Pfeife zu stopfen, mit der er von da an langsam aber sicher der Nähe der Flasche zu arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Länge von ihr zu kommen, und das Weitere dann seinem guten Glück zu überlassen, denn die Alte gönnte ihm keinen Tropfen ihres Getränks, daß sie als ihre Privatspeculation betrachtete, wenn er nicht eben so gut wie jeder Andere dafür bezahlte.

»Haha Mütterchen,« lachte aber sein Landsmann, ohne sich die Mühe zu nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuschauen — »nun die Arbeit gethan ist wollt Ihr sie herunter setzen, ich sage Euch aber daß Ihr Euch bald die Zeit wieder herbeiwünschen werdet wo sie Euch aufpassen bis unter Euer Mosquitonetz, denn wenn die Franzosen hier doch noch die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein so billig wie der Limonensaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen Tageslicht.«

»Wenn die Wi-Wis nur der Henker holen wollte,« knurrte die Alte, die heimlich diese Besorgniß schon lange theilte, »aber die Englischen »Eisenseiten« halten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den Tag noch erleben, wo wir sie hinaustreiben sehen aus der Bai, wie eine Schaar räudiger Hunde.«

»Puh,« lachte Einer der schon halb angetrunkenen Indianer, indem er von seinem Sitz hinunterrutschte, und sich, den Schemel unter den Kopf schiebend, lang ausstreckte und dehnte zwischen die Trinker — »puh, die Beretanis nehmen den Mund voll — sie sind lauter Worte und kein Brandy — morgen früh kein Schießcanoe mehr im Hafen.«

»Unsinn, Du Saufaus,« schimpfte aber die Alte, einen mürrischen Blick nach ihm hinüberwerfend, »was weißt Du von den Schießcanoes, daß Du Deine Zunge mit hineinhängst wenn vernünftige Leute reden.«

»Was ich von den Schießcanoes weiß?« lallte aber der Insulaner — »bin d'ran vorbeigefahren heut Abend — Toatiti ist nicht blind.«

»Der Bursche hat am Ende nicht so ganz Unrecht,« meinte O'Flannagan kopfschüttelnd — »der ehrwürdige Mr. Pritchard muß gar nicht so vortreffliche Nachrichten mitgebracht haben, sonst hätten seine Kameraden hier, schon einen ganz anderen Lärm geschlagen, und bestätigt sich jetzt das, daß die Engländer segeln, dann haben wir auch in acht Tagen die Franzosen wieder über dem Hals. Ich weiß nur jetzt nicht recht was man sich wünschen soll.«

»Daß sie Beide der Teufel hole!« knurrte die Alte mürrisch in ihrem wunderlichen Dialekt, »Einer ist so sehr darauf versessen einer armen alten Frau das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere, und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles — sie geben sich ordentlich die größte Mühe die Inseln nur so schnell wie möglich zu ruiniren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber die Franzosen als Herren wissen, denn Handel treiben die Missionaire auch, und wer von ihnen ungeschoren bleiben will, muß ihnen dann ihre Kattune und Bibeln abkaufen für gutes Cocosnußöl und Perlmutterschaale; anstatt solch Eigenthum hier ansässigen Leuten zu gönnen, klappert's in ihren eigenen Geldsäcken weiter.«

»Oh laßt Euer nichtsnutziges Indianisches Gewäsch, und redet daß es ein anderer ordentlicher Mensch auch verstehen kann,« rief aber hier Einer der Englischen Matrosen, der Zimmermann der Kitty Clover dazwischen, der mit der größten Aufmerksamkeit Mütterchen Tots Rede gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was sie eigentlich gesprochen — »wer ist todt und wo brennt's?«

»Laßt's gut sein, Mütterchen,« beschwichtigte diese O'Flannagan, des Engländers Einrede jedoch soweit beachtend, daß er in seiner Muttersprache die Unterhaltung weiter führte, »durch ihr Verbot des Brandy wiegen sie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in ihrer Schuld. — Wie viel rechnet Ihr etwa, daß Ihr jährlich an heimlichem Grogverkauf verdient?«

»Zählt einer armen Wittwe die Bissen die sie in den Mund steckt, heh?« fuhr ihn aber die Alte an — »daß ich zu leben habe an Brodfrucht und Cocoswasser ist's eben genug, gönnt Ihr mir das etwa auch nicht? — Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich durch Euch das ganze Jahr.«

»Haha Mütterchen,« lachte aber der Ire — »Ihr lernt das Prahlen wohl von den Franzosen, und dabei riskirt Ihr ohnedieß auch nicht Euere Haut, und sitzt wohl und sicher hier in Euerem behaglichen Haus, während sie unsereinem, wenn sie ihn faßten, vielleicht kurzen Proceß machten, statt aller Weitläufigkeit.«

»Bah, was riskirt Ihr,« brummte die Alte verächtlich — »daß sie Euch einstecken für ein paar Wochen, oder von der Insel verweisen dann schifft Ihr Euch in Papetee ein, und steigt in Papara wieder an Land — es ist ordentlich erstaunlich, daß Ihr es unter den Umständen wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde für funfzig schwere silberne Dollar zu arbeiten.«

»Ihr redet wie Ihr's versteht,« brummte Jim finster in den Bart — »und ich habe auch gerade keine besondere Lust Euch das Ganze hier weitläufig aus einander zu setzen; soviel aber kann ich Euch versichern, ich wollte lieber zehntausendmal mit Eueren glattrasirten Methodisten zusammenrennen, wie mit den großmäuligen Burschen, den Franzosen, und — habe dazu meine ganz absonderlichen Gründe, die eben Niemand weiter etwas angehen, wie mich selber. Wenn das übrigens wahr wird, was Taotiti da vermuthet, und die Engländer hier wieder klar Fahrwasser machen, in das die Franzmänner nachher mit fliegenden Fahnen einziehen, dann weiß meiner Mutter Sohn was er zu thun hat, und jede andere Insel ist dann für mich bequemer wie Tahiti — Ihr könnt mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu-Seeland mitgeben Mütterchen, wie?«

Murphy verzog bei diesen Worten das Gesicht zu einem breiten Grinsen, Mütterchen Tot wurde aber böse, und begann eben mit einer vollen Ladung Schimpfwörter gegen den heimlichen, aber desto boshafteren Angriff des Iren, als draußen ein leises Pfeifen gehört wurde, und Mrs. Tot sowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefühl größter Wachsamkeit vergaßen.

»Hallo was ist das,« sagte Jim, stand auf von seinem Sitz, und zog sich langsam nach einem entlegeneren Theil der Hütte hin, während Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zustöpselte, und unter sich schob, von wo sie Murphy, der jetzt recht gut den passendsten Zeitpunkt wußte, eben so rasch wieder entfernte, und damit auf seinen Platz zurückglitt — »da kommt Jemand.«

»Das war To-to's Zeichen,« flüsterte die Alte, vorsichtig die Hand vor die Flamme haltend, darüber hinwegschauen und den gleich erkennen zu können der ihre Hütte noch zu dieser späten Stunde betreten würde — »Toatiti, wahr' Deine Flasche.«

»Wahr meine Flasche?« knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfühlend wo er sie verborgen — »das haben Andere gethan — Oro's Zorn über sie.«

In diesem Augenblick öffnete sich aber die niedere Bambusthür, und von dem auf Wacht draußen postirten Insulaner dicht gefolgt, betrat, den Hut tief in die Augen gedrückt, ein Matrose den inneren Raum, blieb in der Thüre stehen, sich erst zu orientiren in was für Gesellschaft er eigentlich kam, und schritt dann, wie mit einem Blick um sich her vollkommen zufriedengestellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab, setzte sich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an seine Thonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehört hätte, und gar nicht beabsichtigte je wieder einen so angenehmen Platz zu verlassen.

Niemand in der Hütte war übrigens mit größerem Erstaunen diesen Bewegungen des Besuchs — der für ihn kein fremder schien — gefolgt, als Mr. O'Flannagan, der in dem späten Wanderer mit einer keineswegs freudigen Ueberraschung seinen früheren alten Spießgesellen, Jack, von der Jeanne d'Arc, erkannte, und sich dabei recht gut bewußt war, daß er ihn halb und halb selber eingeladen, an Land zu kommen.

»Well Jim,« begann dieser würdige Mann, nachdem er sich die Pfeife angebrannt, während die Anderen ihm schweigend, und durch seine Kaltblütigkeit wirklich überrascht, zuschauten — »wie geht's heut' Abend, was stehst Du denn dahinten in der Ecke? — habt Ihr Nichts zu trinken hier?«

»Hol mich dieser und Jener« brummte aber Jim, der jetzt langsam vorkam, und seinen alten Platz wieder einnahm, »wenn das nicht Jack ist von der Jeanne, nun mein Junge, hast Du den Platz hier wirklich aufgefunden, und wo willst Du hin?«

»Freundlicher Empfang das, bei Jingo,« lachte Jack — »hallo Mate da drüben, wenn Du mit der Flasche fertig bist, lang' sie mir einmal herüber.«

Die Anrede galt Murphy, der sich in diesem Augenblick unbeobachtet genug geglaubt, einen heimlichen Angriff auf die erbeutete Flasche wagen zu dürfen, und jetzt erschreckt absetzte und eine fast unwillkürliche Bewegung machte das corpus delicti rasch wieder, und bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, Toatiti war aber indessen auch aufmerksam geworden, und in die Höh springend und mit dem Rufe: »Hallo, weißer Mann — hat meine Flasche,« holte er sich sein Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefährliche Nachbarschaft des neugekommenen Fremden ebenfalls mied, und sich seinen Platz am anderen Ende der Hütte suchte. Jim reichte Jack indessen eine andere Flasche hinüber.

»Und wer seid Ihr, wenn man fragen darf, mein feiner Herr?« sagte aber jetzt Mütterchen Tot, mit noch immer etwas vorsichtig gedämpfter Stimme, als ob sie nicht recht traue daß nicht vielleicht noch eine andere Gesellschaft draußen an der Hütte stehen könne — »Ihr kommt hier gerade so breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehörtet, und müßt doch wissen daß ich, den streng gehaltenen Gesetzen der Insel nach, keinen Fremden über Nacht bei mir beherbergen darf, selbst wenn ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall ist.«

»Wer ich bin? — hm, Jim da drüben wird Euch das am besten erzählen können, wenn er sonst Lust dazu hat,« lachte der Matrose, zum ersten Mal wieder absetzend mit der Flasche, und sich das Naß aus dem Bart streichend.

»Aber wo kommst Du noch her so spät in der Nacht,« frug jetzt Jim selber, »und wie in der Welt hast Du den schmalen Pfad durch die Guiaven verfolgen können?«

»Verdammt wenig hab' ich überhaupt von einem Pfad gespürt,« lachte der Seemann, »nein Kamerad, einen nichtswürdigen Kreuzzug habe ich durch das niederträchtige Buschwerk hier gemacht nach allen Strichen und Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als ich noch zum guten Glück Euer freundliches Licht durch die Büsche schimmern sah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das leise Pfeifen des Burschen da hörte, der mich noch immer so verstört und mißtrauisch ansieht, als ob ich ihm alle Augenblicke wieder davon laufen wolle. Hab' keine Angst, mein Junge, der Brandy ist vortrefflich, und hier sucht mich doch kein Teufel, wenigstens nicht bis es Tag wird, und man sich nicht mehr in den stachlichen Orangengebüschen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen reißt.«

»Du bist desertirt?« frug O'Flannagan rasch.

»Desertirt?« schrie die Alte, von ihrem Sitz aufspringend — »und halt' ich ein Versteck hier, für entlaufene Matrosen? was wollt Ihr da hier? — weshalb seid Ihr hierhergekommen?«

»Pst, pst Alte,« suchte sie Jack aber wieder zu beruhigen, und die Flasche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen zweiten Zug, der eben nicht viel für einen dritten übrig ließ — »nur nicht solchen Lärm einer Kleinigkeit wegen; das haben bessere Männer vor mir gethan — Wetter noch einmal, der Brandy ist famos, und ich wollte die Flasche hier hätte eine Schwester.«

»Aber sie haben Dich noch nicht vermißt?« sagte Jim, ihn über das Licht aufmerksam betrachtend, »denn ich will doch nicht hoffen daß Du eben, von den Spürhunden gehetzt, hier nur so zu Bau gekrochen bist.«

»Der Vergleich könnte passen,« schmunzelte Jack, wie mit sich selber zufrieden; »erst mit Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven verloren, und ich kann's ihnen nicht übel nehmen, denn ich wußte selber nicht mehr wo ich war — wie sollten sie's.«

»Da haben wir's!« rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten Faust in ihre linke offene Hand schlagend; »wegen dem fortgelaufenen Lump soll ich mir hier das Dach über dem Kopf niederreißen und mich wieder hinaus in alle Welt jagen lassen? weiter fehlte mir Nichts — hinaus mit Dir mein Bursche, hinaus so schnell Du gekommen bist, oder ich lasse Dich binden und knebeln und selber wieder auf Dein Schiff zurückliefern, wohin Du gehörst, und das Du im Leben nicht hättest verlassen sollen.

»Herrliche Gastfreundschaft hier auf der Insel,« lachte Jack, ohne aber auch nur die mindeste Bewegung zu machen, als ob er dem Befehl Folge leisten wolle — »patriarchalische Freundschaft das, hol' mich der Böse — sie sagen's Einem doch erst ganz höflich, ehe sie Einen wieder hinauswerfen. Nun Jim, wie ist's? — willst Du mich nicht lieber wieder an Bord zurückschicken lassen? — Du weißt, ich könnte nachher gar keine Geschichte erzählen, Gott bewahre, nicht die mindeste.«

»Unsinn,« knurrte der Ire, »es wäre mir verdammt egal was Du, einmal erst wieder an Bord, erzählen oder erfinden könntest — na, ich weiß schon was Du sagen willst; die Alte hat aber in einer Hinsicht recht, hier kannst Du nicht bleiben, und ich auch nicht, wenn sie Dich wirklich bis an die Guiaven verfolgt haben, denn dann stöbern sie auch, von ein oder dem andern frommen Indianer geführt, die dabei ein gutes Werk zu thun glauben, diese Hütte noch vor Tagesanbruch auf, und könnten uns dabei im besten Schlaf erwischen.«

»Hol sie der Teufel!« rief Jack finster — »sie mögen thun was sie nicht lassen können, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht wieder allein in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze Mannschaft der Jeanne d'Arc hinter mir wüßte. — Wenn Ihr mich aus dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo, ich bin müde wie ein gehetzter Wolf und will schlafen; kommen die Monsieurs nachher wirklich noch hierher, was ich aber doch stark bezweifeln möchte, so kann sie die alte würdige Dame da, mit dem allerliebsten Hut auf und dem gewiß höchst modernen Anzug, leicht genug auf eine falsche Fährte bringen — so, jetzt wißt Ihr das Kurze und Lange davon.«

Mütterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen Praxis ein solches Beispiel von keckem Trotz, ihr gegenüber noch nicht vorgekommen war, stand im ersten Augenblick wirklich starr vor Ueberraschung — jedenfalls sprachlos, dann aber war sie eben im Begriff wie Gottes Zorn über den Unverschämten hereinzubrechen, der ihr hier in ihrer eigenen Hütte zu trotzen, ja sie zu verhöhnen wagte, als Jim dazwischen trat, und sie zurückhaltend den Arm des Matrosen faßte und diesen bei Seite zog.

»Was will der Mensch hier?« kreischte jetzt aber das gereizte Weib mit lauter, gellender Stimme, ziemlich unbekümmert wie es schien, wie viel Specktakel sie mache — »was thut er hier, was sucht er bei mir, daß er — «

»Halt Mütterchen,« rief aber Jim rasch und heftig sie unterbrechend, und den Arm drohend gegen sie aufgehoben — »halt, oder Du schreist Dich selber um den Hals — der hier ist ein alter Kamerad von mir, und ich werde ihn nicht in der Patsche sitzen lassen.«

»Aber hier in meinem Hause — «

»Ruhig Mütterchen — hier im Haus soll und kann er auch nicht bleiben — Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,« wandte sich Jim jetzt gegen diesen, der ziemlich geduldig das Ende der Unterhaltung zu erwarten schien — »Du stehst hier auf gefährlicherem Boden als Du wahrscheinlich vermuthest, und je eher Du aus dem Schein dieses Lichts kommst, desto besser für Dich — vielleicht für uns alle Beide.«

»Aber wie zum Teufel kann ich fort?« rief der Matrose ärgerlich, »das Dickicht draußen ist ordentlich zugewachsen, und mit dem Licht schon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewiß eine halbe Stunde förmlich durcharbeiten müssen, nur den Platz hier zu erreichen.«

»Du sollst auch nicht allein gehen,« unterbrach ihn Jim, »denn wir müssen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht lieber vorziehst in der Nähe vom Strand zu bleiben und mit erster Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Insel überzusetzen.«

»Nein nein — danke,« sagte Jack nach kurzem Ueberlegen — »draußen in See ist langsames und unsicheres Fortkommen, und der Henker traue den verschiedenen Fregatten die jetzt im Ein- oder Auslaufen sind; sie könnten Einem jeden Augenblick über den Hals kommen, und — neugierig sind sie alle. Nein, ich will's jedenfalls erst einmal eine kurze Zeit hier in den Bergen versuchen — auf Salzwasser komme ich noch immer zeitig genug.«

»Gut, dann soll Dich Toatiti in die Berge bringen,« sagte Jim nach einigem Nachdenken, und zwar in Tahitischer Sprache, mehr zu dem Indianer selber, als zu Jack gewandt.

»Toatiti wird sich hüten,« knurrte aber dieser, seine Stellung beibehaltend und sich nur etwas mehr auf die Seite hinüberdrehend, »Toatiti liegt hier ausgezeichnet und ist sehr durstig.«

»Schwamm!« zischte der Ire zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, aber er wußte auch daß mit den Insulanern, wenn sie einmal keine Lust hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Bösen, und deshalb den anderen jungen Burschen zu sich winkend, flüsterte er ihm etwas in's Ohr — irgend ein Versprechen, seine Faulheit zu beschwören, und mußte ihm dabei so dringend zugeredet haben, daß er wirklich seine Tapa fester um sich her zog, die Haare aus dem Gesicht schüttelte und sich bereit zeigte den Weißen »aus dem Weg« zu führen.

Der Insulaner der Südsee ist eigentlich nicht faul — wir haben wenigstens kein Recht für ihn, dem die Natur Alles gegeben was er braucht, wenn er nur die Hand danach ausstreckt, eine eben solche Thätigkeit zu verlangen, wie sie unser ganzes Klima, unser Boden, unser übervölkerter Staat schon zur Bedingung unserer Existenz gemacht, und uns also auch damit jedes Verdienst genommen hat, sie uns angeeignet zu haben — wir können einmal nicht ohne sie leben, und deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es würde ebenso wenig Einem unserer reichen Leute, unserer Rentiers und Capitalisten einfallen Holz zu hacken oder Straßen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke — »wir brauchen es nicht« sagen sie achselzuckend, »dafür haben wir unsere Leute.« Dasselbe sagt der Insulaner — »ich brauche es nicht«, oder wenn er's nicht sagt liegt es in jeder Muskel seines Gesichts, in jedem Nerv seines Körpers. Der Brodfruchtbaum ernährt ihn, und tausend andere Fruchtbäume schütteln ihm selber das luxuriöseste Mahl auf den Boden nieder; nur die Kleidung wurde früher von den Frauen und Mädchen aus der Rinde gewisser Bäume herausgeschlagen, und dieser einzig nöthigen Beschäftigung widmete wenigstens der weibliche Theil der Bevölkerung einige Zeit; aber selbst das ist jetzt, sehr zum Schaden der Insulaner, durch die erst von den Missionairen und später von anderen Europäern eingeführten Cattune unnöthig gemacht und aufgehoben, und die Missionaire selber verkauften ihnen die Europäischen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um einen Tauschartikel zu haben, für den sie ihren eigenen Lebensunterhalt, wie anderes was sie zur Bequemlichkeit ihrer Existenz gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte nützliche Beschäftigung genommen, und Bibellesen, das ihnen dafür Ersatz geben sollte, konnte sie natürlich nur so lange fesseln, als es eben den Reiz der Neuheit für sie hatte. Was kümmerten sie die Sagen eines Volks von dem sie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann es existirt, und jetzt gerade, wo das Glauben an die Wunder ihrer eigenen Götter durch die fremden Männer erschüttert, ja über den Haufen geworfen worden, sollten sie da gleich gläubig und vertrauungsvoll zu noch viel wunderbareren Sachen aufschauen? —

Ach was — die Sonne reifte ihre Früchte noch wie je — im Schatten ihrer wundervollen Wälder ruhte sich's so kühl wie sonst, und der Zukunft träumte es sich viel eher, wenigstens viel leichter entgegen, als daß sie die Hand hätten »an den Pflug« legen sollen, wie es die Missionaire fortwährend von ihnen verlangten. Wer etwas von ihnen haben wollte mußte es gut bezahlen — dann thaten sie es vielleicht; aber gezwungen wollten sie noch immer nicht dazu werden.

»Und wo führt er mich hin?« sagte Jack mit einem leisen Anflug von Mißtrauen als er sah, wie sich der Indianer fertig machte ihn zu begleiten, »hab ich weit zu gehen?«

»Zu einem Haus in den Bergen,« erwiederte Jim, ihm die Worte leise zuflüsternd — »selbst Mütterchen Tot braucht den Ort nicht zu wissen, obgleich sie Keinen verrathen würde, von dem sie nicht selber gleichen Liebesdienst fürchten müßte — der Platz liegt kaum eine halbe Meile von hier entfernt, aber sicher versteckt, und ist wenigstens nicht, wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matrosen in ganz Papetee, ja auf der ganzen Insel, berüchtigt — bist Du fertig?«

»Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen,« lachte Jack, »als meine Jacke wieder zuzuknöpfen? — aber die Flasche hier nehme ich mit, es ist immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den Bergen. Und nun ade, Mütterchen, und vergelt' Dir Gott die freundliche Bewirthung — bis ich's vielleicht einmal im Stande bin. Und Du, Kamerad?« wandte er sich plötzlich noch gegen den Mann von der Kitty Clover, der die ganze Zeit, seit Jack die Hütte betreten, keine Sylbe gesprochen, und den fremden Gesellen nur manchmal, wenn das unbemerkt geschehen konnte, unter seinem Hutrand vor beobachtet hatte, »hast Du nicht vielleicht Lust einen Abendspatziergang mitzumachen? — s'ist verdammt langweilige Arbeit so allein mit einer Rothhaut draußen in den Büschen herumzukriechen.«

»Danke,« brummte aber der Matrose ohne aufzusehen — »befinde mich g'rade hier wohl wo ich bin.«

»Auch gut,« brummte der Andere finster — »besser keine Gesellschaft wie schlechte,« und mit einem kurzen Gruß nach Jim hinüber, winkte er seinem Führer und verließ rasch und mürrisch das Haus.

Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambusthür wieder hinter den Beiden schloß, und die Zurückbleibenden horchten viele Minuten lang lautlos und aufmerksam den, bald in der Ferne verhallenden Schritten. Der Mann von der Kitty Clover, Bob mit Namen, brach zuerst das Schweigen wieder, und sich mit finster zusammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rückend brummte er, mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend, und die letzten Worte des wunderlichen Burschen wiederholend, der hier so plötzlich zwischen ihnen aufgetaucht und verschwunden war:

»Besser keine Gesellschaft wie schlechte? — Wetter Kamerad, Du würdest weit in der Welt herumsuchen müssen, wenn Du schlechtere finden wolltest wie Dein eigenes süßes Ich.«

»Kennt Ihr ihn?« frug Jim rasch, sich zugleich nach dem Sprecher umdrehend.

»Vielleicht nicht so gut wie Ihr,« lachte dieser trocken, »aber immer doch gut genug froh zu sein, daß ihm mein Gesicht nicht gerade alte Scenen in's Gedächtniß zurückrief. Wir waren vor gar nicht so langen Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgäste zusammen, und er wurde gepeitscht und später in Ketten an Land geschafft, weil er das M. und D. nicht von einander zu unterscheiden wußte.«

»Das M. und D.?« sagte Jim erstaunt.

»Nun das Mein und Dein,« lachte der Wallfischfänger, »aber noch schlimmere Sachen wurden ihm zur Last gelegt, und ein halbes Wunder nur rettete ihn damals von der Raanocke — verdient hatte er sie schon zehnmal.«

»Aufgepaßt!« flüsterte da die Stimme der Alten rasch und vorsichtig dazwischen — »aufgepaßt, draußen sind wieder Schritte die da nicht hingehören — und der faule Gauch von einem Schuster kauert da wahrhaftig wieder hinter seiner dickleibigen Bibel und schmiert die Seiten voll Cocosöl — hinaus mit Dir, Menschenkind, wohin Du gehörst, und daß doch der Böse mit Dir und dem Buch davonflöge.«

Murphy schien allerdings vollständig ausgeschlafen zu haben, und hatte sich, da ihm die Flasche wieder abhanden gekommen, seinen allnächtlichen Tröster, die Bibel, vom Gesims geholt, über der er bei dem matten Licht der unsteten Flamme brütete. Mütterchen Tot's Zornrede störte ihn nun allerdings etwas in dieser löblichen Beschäftigung, aber theils ärgerlich gemacht durch den Verlust des Brandy, theils durch die unermüdlichen Angriffe der Mosquiten, derer er sich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein sonst an ihm kaum denkbarer Geist, der Geist des Widerspruchs, in ihn gefahren, und mürrisch über das Buch und das Licht wegsehend rief er mit seiner feinen, jetzt ärgerlich erregten Stimme:

»Ach zum Henker, ich habe draußen Nichts zu suchen, und wenn man Einen wie einen Menschen behandelte, könnte man auch wie ein Mensch existiren. Laß die aufpassen die sich vor was zu fürchten haben; Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier lange gut.«

»Nun das hat mir noch gefehlt!« schrie Mütterchen Tot, von ihrem Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megäre zu bringen. Mütterchen Tot schien aber seine Taktik schon zu kennen, und mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend erwischte sie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und schleuderte es blitzesschnell und mit einem ingrimmigen Fluch nach dem Kopf des kleinen Schusters, der nur durch rasches Untertauchen dem nicht unbeträchtlichen Gewicht des Bandes entgehen konnte. »Da,« schrie sie dabei, kirschroth vor Wuth — »da Du Lump, da nimm das und studier's, und nun hinaus mit Dir, oder so wahr da oben der Mond am Himmel steht, ich gieße Dir das heiße Cocosöl über den Leib, und brühe Dich wie ein unreines Schwein das Du bist — Du — Du Lederstecher Du.«

»Zum Teufel noch einmal, Mütterchen,« rief aber Jim jetzt dazwischen, der sich indessen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und seine Jacke zugeknöpft, seinen Hut aufgesetzt hatte — »laßt den Lärm hier, Ihr macht ja einen Skandal, daß die Hunde am Strand an zu bellen fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich suche mir lieber ein stilleres Quartier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute Gesellschaft bringen, heut' Abend, und morgen früh dann — Teufel!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt, denn draußen rasselten plötzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben auf den Boden, dicht an dem Eingang der Hütte nieder, und die Stimme eines Befehlenden in Französischer Sprache wurde laut:

»Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang hat, und Ihr hier bleibt an der Thür; was mit Gewalt hindurch will den stoßt Ihr nieder — Feuer auf jeden Flüchtling.«

»Alle Wetter,« brummte Bob, jetzt ebenfalls aufspringend, und seine Segeltuch-Hosen nach Art der Seeleute in die Höhe zerrend — »Jack ist ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutscht.«

Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thür wurde in diesem Augenblick aufgerissen, und sich bückend trat ein Französischer See-Officier ein, dem eine Anzahl Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonett folgten, und somit ein Verlassen der Hütte, die keine Fenster hatte, unmöglich machte.

Der Officier, dessen Blick den inneren Raum, soweit das nämlich das ungewisse Licht der Cocosflamme erlaubte, überflog, haftete zuerst auf Murphy selber der, sich wenig um die Patrouille oder Haussuchung kümmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl schon gewöhnt sein mochte, nur rasch und bestürzt seine Bibel aufgegriffen hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht schnell genug in seine Hülfskalebasse hineinfahren konnte.

»Hallo Sir — was habt Ihr da so Kostbares zu verstecken he?« rief er in Englischer Sprache, und ging langsam auf den kleinen Mann zu, der fast instinktartig das erst halb hineingezwängte Buch bei Seite und in den Schatten drückte, und nach einem angefangenen Schuh griff, als ob er mitten in der Nacht seine mit Dunkelwerden aufgegebene Arbeit wieder beginnen wolle.

»Und seid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unsere Taschen zu visitiren?« knurrte aber unwirsch der kleine Ire, der schon einen tückischen Seitenblick nach der ihm verhaßten Uniform warf, und seinen ganzen trotzköpfigen Muth oder eher Widerspruchsgeist zurückbekommen hatte, als er fand daß der nächtliche Besuch nur Soldaten und keine Missionaire waren, »wenn's mir Vergnügen macht, kann ich meine Kalebassen und Taschen so voll stopfen wie und mit was ich will — was geht's Euch an?«

»Langsam mein Bursche, langsam,« lachte der Officier, unser alter Bekannter Bertrand, durch die mürrische Antwort keineswegs böse gemacht — »wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's doch noch zeigen müssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund und Schiffskameraden darin entdecken können, der sich wahrscheinlich von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin zurückfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus — Ihr solltet sie ein wenig lichten.«

»Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug;« brummte Murphy halblaut vor sich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem Officier entgegen:

»Deine Wohnung, Deine Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders als meine? und glaubt Ihr daß der schmutzige Schuster da eine Wohnung für sich selber hat? — Ist das auch eine Manier einer armen alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr dasteht wie von Gott verlassen?«

»Alle Wetter,« lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen über die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte — »das ist eine Dame; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung daß sich das schöne Geschlecht auch in solch alte Ueberröcke zurückziehen könnte.«

»Ach was schöne Geschlecht — Dame,« knurrte die Megäre, »was wollt Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit, und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.«

Der Officier hörte schon kaum mehr auf sie, sondern näher zum Licht tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen schützend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den, neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der Hütte befindlich, oder gar versteckt wären, einer eben nur oberflächlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.

Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoßen der Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber sein scharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig stehen und ließ sich dann sogar, als eben der Officier die Hütte betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die Hände gestützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mißtrauische und finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe vor, nach dem Officier hinüberschoß, wie die fest zusammengebissenen Zähne hätten können ahnen lassen, daß doch nicht Alles mit ihm so gut und richtig sei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben möchte.

»Was oder wen ich suche, Madame?« wiederholte Bertrand langsam und fast wie mit sich selber redend — »hm, Jack scheint sich richtig aus dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu haben. Ihr, da, zwei von Euch« wandte er sich dann in französischer Sprache an die Soldaten, »sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht; vielleicht können mir indessen diese beiden Burschen, die da so schweigsam sitzen, etwas nähere Auskunft über den Gesuchten geben. Heda Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen Bob nicht als Matrose zu verkennen war, während selbst Jim einen ziemlich seemännischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu Salzwasser gehörig gelten konnte — »ich suche einen entsprungenen Mann von der Jeanne d'Arc, der auf den Namen Jack hört, und sonst ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann mich Einer von Euch auf die Spur bringen?«

»Spur bringen?« brummte aber Bob dagegen — »wenn's auf See wäre, aber hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde, mich nicht zwischen den verdammten Bäumen zu verlaufen — da müßt Ihr Euch schon einen Anderen suchen.«

»Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad?« frug der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas Aehnliches fast vermuthen wollte. »Er heißt Jack.«

»So heißen wir ziemlich Alle,« knurrte der Seemann — »wenn man Eines Namen nicht weiß auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack — jeder Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm über den Schädel gießen.«

Bertrand hatte, während Bob sprach, zuerst Jim oberflächlich betrachtet, und sich dann wieder in der Hütte umgesehen, in seiner Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zügen des Mannes zurück, der am Feuer mit zusammengezogenen Brauen saß und jetzt anfing in seiner Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.

»Hallo Kamerad,« sagte er endlich, als die beiden Soldaten zurückgekommen waren und gemeldet hatten daß sich Niemand weiter in der Hütte befinde, »wo haben wir Beide denn schon einmal unser Fahrwasser gekreuzt? — Du bist ein Engländer?«

»Wenigstens nicht weit davon,« brummte Jim, sich noch mehr in seine Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt — »habe aber nicht die Ehre — Menschen gleichen sich wie Blätter und Eier — tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.«

Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch keine äußeren Eindrücke sein Gedächtniß zu beirren — ein thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist vorüber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten daß er sich den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf schüttelnd, schritt er mit verschränkten Armen ein paar Mal auf und ab in der Hütte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten, ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.

Jim war dabei diese höchst unnöthige Aufmerksamkeit, die der Officier, den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem Platz zu fühlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der Hütte zu.

Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß.

»Weiß der Teufel,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo mir die Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes war's das ist sicher — nun vielleicht fällt's mir wieder ein — ha — « sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem Sitz erblickte — »ah, der Herr schläft wohl hier, und will sich sein Lager zurechtmachen? — habt Ihr Erlaubniß an Lande zu bleiben, und auf welches Schiff gehört Ihr?«

»Ich gehöre auf gar kein's,« entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel der Hütte vor — »die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde d'rauf schlafen können, denk' ich.«

»Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst Du?« wandte er sich jetzt zu Bob — »oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen, mit Deiner Furcht vor den Bäumen?«

»Verdamm es, nein,« brummte der Seemann, »ich gehöre zur Kitty Clover.«

»Dem Wallfischfänger?«

»Ja.«

»Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah?« frug der Officier scharf — »die Kitty Clover steht überhaupt in dem Verdacht andere Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die Missionaire schon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy überschwemmt.«

»Die Missionaire können zu Grase gehen,« erwiederte Bob gleichgültig, »die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was übrigens die Kitty Clover thut geht mich nichts an — die Kitty Clover ist ein ganz selbstständiges Frauenzimmer.«

Bertrand lachte. »Doch apropos,« rief er plötzlich, sich zu Murphy wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel saß, und den in der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauisch betrachtete, »was war's denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von Euch nach — in der Kalebasse da drüben muß es sein, vielleicht daß uns das auf Jacks Spur bringt.«

»Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekümmern?« rief aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend, der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und nicht übel Willens schien es zum Aeußersten zu vertheidigen — »hab ich Euch nicht gesagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel weiß, und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünsche die gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben? — ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch wohin Ihr selber gehört, was wollt Ihr von uns? — was steht Ihr noch da?«

»Komm hier Mütterchen,« lachte aber der eine Soldat, ein riesiger Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite schiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche Kalebasse mit dem Bajonnet anspießte und nach vorn zog, wo das allerdings höchst unverdächtige Buch zu Lichte rollte.

»Eine Bibel,« lachte der Officier, »und weshalb versteckst Du die vor mir? — hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wäre der Letzte der Dich in Deiner Andacht störte — laßt sie los.«

»Gottes Fluch über Euch!« schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. »Pest und Gift in Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!« und zufällig vielleicht, oder auch mit Absicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge auszuschütten, stieß sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter laut ausgestoßenen Flüchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das sich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte übergießend.

»Alle Wetter Madonna,« rief Bertrand, der lachend zurücksprang, »Du wirst Dir selber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten — « sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkürlich zugewandte Antlitz des Iren, der sich überrascht nach der hellen Flamme umschaute, und wie ein zündender Blitz sprang zu gleicher Zeit die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon früher gegen Jim erwähnt, seinem Gedächtniß mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener Züge in die Seele rufend.

»Sapristi,« schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide reißend und gegen den Iren anspringend — »hab' ich Dich, Kamerad — ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!«

»Verdammt!« knirrschte Jim zwischen den Zähnen durch, »aber noch habt Ihr mich nicht!« und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem Franzosen vor die Füße schleudernd, daß dieser auf die Seite springen mußte nicht darüber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller Gewalt gegen einen der Bambusstäbe an, der, jedenfalls schon zu einem heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre benutzt, seinem Gewicht nachgab und sich nach außen bog. Der Körper des Flüchtigen war im Nu dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen führte, traf der zurückschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie Glas entzwei.

»Feuer! beim Teufel — Feuer!« schrie Bertrand, wüthend gemacht, und dem Knacken der Hähne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu zersplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen.

Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene schien Bob, der regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spöttisch mit dem Kopf schüttelte. »Hm, möchte wissen was da im Winde ist — verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war,« murmelte er vor sich hin; »sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich, denn auf einen bloßen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen — hab's mir aber etwa gedacht, daß der Bursche wohl was erzählen könnte — wenn er nur wollte.«

Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurück.

»Laßt ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,« sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend — »wart' aber Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? — nun hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet sind, und das nächste Mal kenn' ich Dich, darauf kannst Du Dich verlassen. Und Du Mütterchen,« wandte er sich plötzlich an die alte Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstürzung ihres Hausstandes, bald nach dem unglücklichen Schuster hinüber warf, an dem sie nur noch nicht recht wußte, wie sie einen Halt bekommen sollte, ihren Grimm auszulassen — »Du kannst mir vielleicht sagen wie der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heißt, was er treibt und wo er wohnt.«

Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, daß er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus kämen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben müsse in ihren alten Tagen.

Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein daß er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden würde, aus den hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken. Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel der Menschheit mehr zu nützen, und sich an die Alte wendend da der Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen würde, sagte er ruhig:

»Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid, red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.«

»Haufen Geld,« mumpelte die Alte mürrisch, aber auf einmal merkwürdig besänftigt, in ihrem zahnlosen Mund — »Haufen Geld, ja mit der Zunge, da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter — Haufen Geld — wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in dieser schweren, drückenden Zeit? — fort mit Euch, ich kenne Euch schon von alten Zeiten her.«

»Schon gut, Madonna, also Du weißt nicht wo jener Bursche, der da eben durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses außerordentlich vertraut scheint, sich über Tag aufhält, und wo er wohnt?«

»Nein — Nichts,« brummte die Alte mürrisch.

»Weißt auch nicht wie er heißt?«

Die Alte zögerte und sah halb unschlüssig Bob an, der aber sog ruhig an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lächelnd vor sich nieder — sie schüttelte trotzig mit dem Kopf.

»Gut,« sagte Bertrand, sich die Lippen beißend, »vielleicht fällt Dir's später ein; frischt sich aber Dein Gedächtniß, so kannst Du 500 Frank — verstehst Du? — 500 Frank verdienen, wenn Du mir Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.«

»Fünfhundert Frank?« sagte die Alte ungläubig.

»Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt bekommen — und selbst für den Anderen sollst Du zweihundert haben, wenn Du uns zu seiner Ergreifung behülflich bist.«

Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte lauernd an — Mütterchen Tot schien aber in der That in tiefem Nachdenken verloren über den Vorschlag, und es bedurfte einiger Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschütteln konnte — wenn sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.

»Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,« brummte sie kopfschüttelnd — »hat O'Flannagan sich — «

»O'Flannagan?« frug Bertrand rasch.

»Ach zum Teufel!« rief die Alte, jetzt selber ärgerlich werdend — »lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist — was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und sich so oder so nennen kann — wen kümmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus — versteht Ihr das?«

»Ich versteh' Euch, Mütterchen,« lachte aber Bertrand — »danke übrigens für den Wink, und — vergeßt die 500 Frank nicht. — Doch jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marsch!« und den Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thür mit gebückten Köpfen folgten, verließ er rasch das Haus, und bald verklang der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne.

Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter verschwimmenden Geräusch der ihm genug verhaßten Franzosen. Dann sich den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas weiter aus dem Gesicht schiebend, drückte er beide Hände neben den Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß das Haus zu verlassen.

Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal stehen, drehte sich um, nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:

»Mein Name ist Bob Candy,« und sich dann auf dem Absatz herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thür.

Mütterchen Tot aber löschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine Rücksicht zu nehmen, und drückte sich mürrisch und knurrend auf ihr Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelästigt auf sein Lager werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.


Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.