Intermezzo.
Fräulein Nippe saß im Stadtgarten, auf der kleinen Bank neben der Marmorgruppe: „Venus, Amor die Flügel beschneidend.“ Auf ihrem Schoß lag „Waldmeisters Brautfahrt“ aufgeschlagen, aber sie las wenig darin, bei jedem fernen Schritte durchzuckte es sie unruhig, — bald mußte er kommen! —
Wie heilig hatte sie ihre Rolle gespielt, im Schicksal Lottes und Herrn Könneckes! Und was war nun der Dank dafür? Sie fühlte sich abgesetzt, ihre Rolle war ausgespielt, man brauchte sie nicht mehr. Und sie war doch innerlich noch so jung, ihr Herz verlangte noch nach Liebe. —
Es nahten Schritte. Sie besah schnell noch einmal ihre Fingernägel und nahm dann „Waldmeisters Brautfahrt“ mit nachlässiger Eleganz zwischen die Finger. Ein junger Mann; sie umfaßte schnell die Erscheinung: Soigniert, proper, adrett. — O Gott, wenn er das doch wäre! Ob er das wohl war? Er kam näher, er schien nicht überrascht als er sie sah, und erst, als in ihren unverwandten Blick etwas wie eine leise Beschwörung trat, schien er zu stutzen, doch er ging vorbei und warf nur einen flüchtigen, etwas verwunderten Blick auf sie zurück. — Ob er es dennoch war? Hatte er vielleicht nur den Mut nicht, sie anzureden? War er zu schüchtern? — Sie zog eine Offerte aus der Tasche und räusperte sich laut. Aber die Gestalt verschwand langsam in dem Grün. „Herr von mittleren Jahren“ hieß es auf dem Papier. — Nein, ihr schnelles, impulsives Herz hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt, dies war kein Herr von mittleren Jahren, oder vielmehr: Leider war der Herr von mittleren Jahren nicht dieser junge Mann. Und sie hatte sich in den wenigen Augenblicken schon in diese Gestalt eingelebt, sie sah ihn schon in Gedanken auf irgendeiner Hotelterrasse Kaffee trinkend, sich gegenübersitzen, und hinter ihnen erhoben sich blaue Berge. —
Sie wartete.
Da kam des Wegs daher, langsam, und ein wenig behindert, wie es schien, ein ziemlich alter Mann. Er ging nicht gerade an einem Krückstock, aber sie mußte doch an einen Krückstock denken. Der Herr blieb stehen, stemmte, leicht vorgebeugt, den Stock mit ausgestrecktem Arm zu Boden, und sah sie an, mit blauen, etwas trüben Augen, und, wie es schien, gedrückt von jahrelangem Kummer. —
Du großer Gott! dachte Fräulein Nippe, sollte er das etwa sein? — Sie nahm sich vor zu tun, als sitze sie hier nur ganz zufällig, falls er sich etwa näherte. Aber mitten in ihrem Gefühl der Enttäuschung war ihr so, als könne noch ein dritter kommen, der noch viel schrecklicher wäre, und als müsse sie sich vorerst an diesen zweiten halten, der vielleicht überhaupt gar nicht der richtige war; dann konnte es ja garnichts schaden! — Sie lächelte schwach und sah zu Boden. —
Hm! sagte der alte Mann langgedehnt und ziemlich laut, halb unschlüssig, halb nachdenklich. — Was sollte sie nur tun?! — Hm! antwortete sie endlich, ohne aufzusehen. Dann fühlte sie, wie der Herr sich auf das andere Ende der Bank setzte. — Sie rückte unwillkürlich, so weit es ging, bis zu ihrem eigenen Bankende und wagte nicht zur Seite zu blicken. Endlich tat sie es aber doch, da sie fühlte, daß sein Blick noch immer auf ihr ruhte.
Der Herr schien zu einem Entschluß zu kommen. Er trommelte nervös mit den Fingern leise auf der Bank, dann sagte er mit verhaltener Stimme: Gestatten Sie mir eine Frage: Sind Sie’s, oder sind Sie’s nicht? — Sie wollte erst antworten: Mein Herr, Ihre Frage ist mir unverständlich! aber sie brachte kein Wort über die Lippen. — Es ist dies ein eigentümliches Zusammentreffen! sagte sie endlich. — Der Herr seufzte tief, sah lange zu Boden, und öffnete schließlich den Mund wieder: Hat es einen Zweck, daß wir zusammen reden? — Sie suchte nach einer Antwort. Dasselbe könnte ich Sie ja auch fragen! sagte sie nach einer Weile.
Beide sahen sich unschlüssig an, und endlich begann er wieder: Na, dann will ich also den Anfang machen. Ich kann Ihnen kaum mehr sagen, als Sie in meiner Annonce schon gelesen haben. Meinen Namen und den Stand meines Vermögens wissen Sie; Sie wissen, daß ich Angestellter bei einer größeren Firma bin, daß mich das Leben nach allen Richtungen enttäuscht hat und daß ich mich nach einem ruhigen Heim und nach einer gleichgesinnten Seele sehne. Sollten Sie sich nun einen Scherz mit mir erlaubt haben, so kränkt mich das weiter nicht, ich habe das schon mehrere Male erfahren und bin die harten Püffe gewöhnt im Leben. Einer mehr oder weniger schadet nicht. Und Ihre Neugierde dürfte auch wohl nicht sehr befriedigt sein, denn ich bin ein schlichter, einfacher Mann! — Er blickte beim Sprechen durchdringend auf sie, indem er fortwährend an einem Mantelknopfe drehte. — Also bitte, sagte er nach einer Pause, nun ist es an Ihnen! Dann lehnte er sich zur Bank zurück, sah zu den Bäumen auf, und sie merkte, daß er schnell atmete. —
Ja ich weiß nicht — — begann sie zögernd. Der Herr wartete, aber es kam nichts weiter.
Ich will niemand zur Last fallen! sagte er mit resignierter Stimme und wollte sich erheben. — Nein, bleiben Sie! ich muß mir die Sache doch erst überlegen! — Er sank wieder zurück, und Fräulein Nippe fing nun an. Sie sagte, auch ihr habe das Leben schlimm mitgespielt, auch sie sehne sich nach einem stillen Hafen, auf dessen glatten Spiegel die Sonne scheine. Jeder Mensch trage sein Ideal von Glück in sich: Dem einen sei es Reichtum, Perlen und Brillanten, des andern Brust schwelle der Ehrgeiz und öffne ihm uferlose Bahnen, wieder ein anderer jage schillernden Hirngespinsten nach und gerate darüber nur allzuleicht in den Sumpf, während das Flämmchen kaltherzig, ohne lebendiges Feuer weiterhüpfe; noch ein anderer — aber da unterbrach sie der Herr und sagte: Das geht uns hier nichts an. Bitte, reden Sie von sich! Antworten Sie auf die Frage: Weisen Sie den Gedanken an eine Ehe mit mir ohne weiteres zurück? — O nein, sagte sie unschlüssig, durchaus nicht, — das heißt — — — — Was heißt?? fragte er gewichtig. Sie wußte selbst nicht, was sie eigentlich weiter sagen solle, aber nun vollendete sie: das heißt, ich kann mich doch nicht eins, zwei, drei entscheiden! — Aber habe ich denn das gesagt? Habe ich denn das verlangt?? Sind Sie auch eine von den Menschen, die immer etwas anders hören als man sagt??? Lassen Sie uns jetzt nüchtern, ich möchte sagen: geschäftlich reden. Das übrige kommt später. Also: Sie weisen den Gedanken nicht von vornherein zurück. Gut. Von mir wissen Sie so ungefähr, was für den Anfang nötig ist. Ich muß aber auch eine Art von Grundlage haben was Sie selbst betrifft. Ich muß Klarheit haben über Ihre Persönlichkeit. Womit haben Sie sich bis jetzt beschäftigt? — Fräulein Nippe erzählte dieses, er nickte mehrere Male aufmerksam vor sich hin; er schien sich alles im Geiste zu notieren und mit eigenen Dingen in Zusammenhang zu bringen. — Dann sah er sie wieder an, sein Blick bekam etwas Unsicheres, Verlegenes, er wollte gern eine neue Frage anbringen, und suchte nach der Form. — Sie bemerkte das und errötete, indem sie dachte, er wolle fragen, ob sie noch rein sei. — Jetzt seien Sie nicht böse! sagte er mit einem Anlauf: wie steht es denn — nun also — hier mit? Er schlug sich auf seine Brust. — Dort saß das Herz. — Ich habe noch nie wahrhaft geliebt! antwortete Fräulein Nippe. Es fiel ihr Herr Könnecke ein, aber sie dachte: dem geschieht’s ganz recht! — Er schien den Zusammenhang mit seiner Frage nicht gleich zu begreifen, dann sagte er: Ach so, ich verstehe jetzt; nein, sehen Sie, das meinte ich! und er ließ sein Portemonnaie ein wenig sehen. — Aber ich denke, rief Fräulein Nippe lebhaft, das Geld haben Sie? und sie wollte sogleich wieder ihren Zettelausschnitt aus der Tasche holen. Er verhinderte sie aber und versicherte, er wisse ganz genau, was er annonciert habe; er habe da seinen Vermögensstand genannt, aber hinzugesetzt, daß Vermögen auf der andern Seite zwar nicht unbedingt erforderlich, aber doch erwünscht sei. Und über diesen Punkt habe sie in ihrer Antwort Stillschweigen bewahrt. — Er redete in ruhigem, sachlichem Ton, und — als befinde er sich einem Geschäftsmann gegenüber, gegen den er die Interessen seiner Firma zu vertreten hätte, fragte er halb zutraulich überredend, halb so als wisse er schon alles: Viel scheint da bei Ihnen wohl nicht los zu sein? — Fräulein Nippe schwieg. — Nur Mut! Wenn gar nichts da ist, haben wir beide schlimmsten Falls einen unnötigen Spaziergang gemacht, denn ganz allein kann ich es nicht bestreiten, beim besten Willen nicht, auch für Sie nicht, so gern ich’s möchte. Also, wieviel sind’s denn? — Fräulein Nippe schwieg noch immer. Diese Art des Kennenlernens war so nüchtern, so poesielos! Und überhaupt: Was saß sie eigentlich hier?! Sie dachte ja gar nicht daran, diesen Mann zu heiraten, der nichts von alledem besaß, was ihr an Idealen vorschwebte. — Da trommelte er wieder mit seinen Fingern. — Das kann Ihnen doch ganz egal sein! sagte sie halb gereizt. — Wie? fragte er, hörte mit Trommeln auf und sah sie von der Seite mit halb offenem Munde an. Schwerhörig schien er auch noch zu sein. — Sie wollte ihre Worte wiederholen, aber da kam abermals jenes sonderbare, halb klare Gefühl wie in dem Moment, wo sie ihn kennen lernte, und sie sagte, halb ärgerlich: Ach Gott, das genügt Ihnen ja doch nicht, wenn Sie so fürchterliche hohe Ansprüche machen. — Bewegt sich die Summe in den Hunderten? — O nein, das nun doch nicht, antwortete sie rasch, und nannte eine Zahl, die nach all dem Vorausgeschickten in ganz ansehnlicher Bescheidenheit dastand. — Sichere Papiere? — Bombensicher! Erste Hypotheken und Staatspapiere! — Er schien zu rechnen, seine Lippen bewegten sich halblaut. — Immerhin, es geht, es wird gehen, murmelte er schließlich; ich bin kein Mann, der große Ansprüche macht. — Ich auch nicht, sagte Fräulein Nippe. — Nun also, — ich möchte Sie noch allerlei fragen, zum Beispiel nach Ihrem Seelenleben — aber das geht nicht alles auf einmal. Wir können uns die Sache ja erst einmal beiderseitig überlegen. Wenn es nichts ist — ist es nichts. Sind wir bis jetzt ohne einander ausgekommen, werden wir auch in Zukunft ohne einander auskommen können, — das heißt, wenn das Geschick es will! Denn ich glaube an ein Geschick! Ich glaube an das Wort: Ohne des Herrn Wille fällt kein Sperling vom Dach; und wie wir uns auch entschließen werden: das Geschick erfüllt sich auf jeden Fall! Er sah sie voll und überzeugt an, und fragte: Habe ich nicht recht? Was? Ist das nicht die wahre Philosophie? — Jawohl! antwortete sie, innerlich gereizt, aber mit großem, bedeutungsvollem Blick, als folge sie ihm verstehend in schwindelnde Geistestiefen. — Wenn Sie Lust haben, so besuchen Sie mich in diesen Tagen einmal zum Kaffee, dann sehen Sie mein Heim, — ich werde Ihnen später diesen Besuch erwidern, und wenn wir uns erst einmal näher — ich meine: seelisch — kennen gelernt haben, dann wollen wir wieder über die Sache reden! Denn so jugendlich feurig eine Ehe schließen, ohne Prüfung, ohne Überlegung, das tue ich nicht! Das sind Geckenstreiche! Und vor solchen Geckenstreichen bewahren mich meine grauen Haare! Dazu bin ich zu alt! — Allerdings!! rief da Fräulein Nippe, bei der plötzlich aller Groll gegen das Schicksal durchbrach, Sie haben recht, — da haben Sie — weiß Gott! — recht! Und aus ihrer Kehle flog ein so bitterer Lachton, daß er sie erstaunt ansah. Sein Gesicht rötete sich, empfindlich verletzt suchte er nach Worten: Wenigstens, so sagte er endlich, mache ich mich nicht jünger als ich bin! — Habe ich das getan? fragte sie scharf. — Statt einer Antwort deutete er erregt mit seinem Stock auf ihre Haare. Sie griff nach ihrer Frisur: Glauben Sie etwa, daß das nicht echt ist?! Bitte ziehen Sie, bitte zerren Sie so fest Sie wollen! Sie neigte die Stirn zu ihm. — Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie! stotterte er, aber ich konnte unmöglich denken — — Also da sind Sie geschlagen! Nun bitte, was wissen Sie noch? Fragen Sie, fragen Sie, ich stehe für alles meinen Mann! — Fräulein Nippe blickte ihn mit geschlossenem Munde an, denn sie hatte teils falsche Zähne. — Er aber war ganz eingeschüchtert durch ihre Heftigkeit. War nun alles aus zwischen ihnen? Immer und immer wieder ließ er sich hinreißen zu einer zu großen Offenherzigkeit, zu rücksichtslosem Bekennen des von ihm als wahr Erkannten. Das hatte ihm schon vielen Kummer, viele Enttäuschungen im Leben bereitet, und nun hatte er sich gar noch geirrt! — Er wollte ablenken, beschwichtigen, aber Fräulein Nippe lachte höhnisch und sagte: Alles echt, Sie finden an mir nichts auszusetzen! Aber Sie? Sehen Sie sich doch mal in den Spiegel! Sie schreiben da in Ihrer Annonce: Herr von mittleren Jahren! Ich dachte mir: Ein bißchen graumeliert, — Gott, schadet nichts, um so vertrauenswürdiger! Aber als Sie vorhin den Hut abnahmen, bemerkte ich, daß da von Farbe überhaupt wenig die Rede sein kann! — Sie war selbst ganz erstaunt über diese geistreiche Wendung, die sie auch ganz gewiß nirgendwo einmal gelesen hatte. — Er wiederholte ihre letzten Worte langsam und fragend, da er den Sinn nicht gleich begriff. Dann sagte er: Ich sehe, wir passen nicht zueinander. Eines muß ich Ihnen nun aber doch schlank heraussagen: Überaus jugendlich sehen Sie auch nicht gerade aus! — Ich habe mich aber doch nicht jünger gemacht als ich bin! rief sie gereizt. — Bitte! Bitte! Bitte! Sein Stock deutete wieder auf ihr Haupt. — Aber ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt — fuhr sie auf — Ta ta ta ta ta ta! rief er dazwischen, ich rede ja gar nicht von Ihrem Haar, ich rede ja von Ihrem Hut! So ’nen Hut setzt eine Prinzessin auf, aber keine Dame in Ihrem Alter! Und wenn Sie meine Frau würden: Das Dings da käme herunter, und ’ne Kapotte drauf, wie sich’s gehört! — Fräulein Nippe wollte emporschnellen, blieb aber sitzen. Beide redeten nichts, jeder starrte erregt ins Leere. — Es verfloß eine lange Pause. Dann regte sich in beiden der Wunsch, wieder einzulenken, einen neuen geistigen Gedankenaustausch einzuleiten. Jeder suchte nach Worten, aber was um Gottes willen sollten sie nur reden! — Ja, sagte er endlich, sich erhebend, ich möchte nicht, daß unser Zusammensein mit einem Mißklang abschließt! — Aber wir sehen uns doch wieder?! fragte sie schnell und unwillkürlich. — Das hängt nur von Ihnen ab! Meinen Namen und meine Adresse wissen Sie; falls Sie — ich sage das für alle Fälle — über meine Verhältnisse, meine Lebensführung etc. etc. noch eine besondere Garantie zu haben wünschen, verweise ich Sie direkt an meinen Chef — er nannte eine Firma, die Fräulein Nippe schon einmal gehört hatte — da werden Sie jederzeit prompteste Auskunft erhalten. — Sie machte eine diskrete Bewegung mit dem Kopfe. Dann entgegnete sie: Wie ich mich auch entschließen werde: Ich schreibe Ihnen auf alle Fälle eine Postkarte! Es fiel ihr noch ein, daß es wohl schicklich und angemessen sei, wenn sie dieser Unterredung ein Ende mache, sie streckte ihm deshalb die Hand entgegen und sagte: Also — vielleicht — auf baldiges Wiedersehen! Oder wie sagt Gretchen? — Hä?! fragte er. Dann antwortete er: Jawohl, vielleicht auf Wiedersehen, Fräulein Nippe. — Adieu, Herr Feihse! — Wieder lüftete er seinen Hut, und es wollte sie bedünken, als ob sie diesmal doch etwas mehr Haare sähe als das erstemal. Und wieder dachte sie, indem sie ihm nachsah: Es ist ja nur ein Stock, aber es sieht trotzdem aus wie ein Krückstock! Dann seufzte sie tief und hing ihren Gedanken nach. — Sie hatte auf jemand gewartet, dem ihr Herz entgegen fliegen sollte, und was war gekommen? Ein alter Kerl! — Sie lachte laut und höhnisch, sah sich aber im selben Augenblick erschrocken um, ob sie jemand gehört haben könne, dann lachte sie noch einmal, wieder höhnisch, aber etwas leiser. Dieser Schafskopf! Ob der sich wirklich einbildete, sie wolle ihn heiraten? Hatte er nicht bemerkt, daß sie nur zum Spaß auf alles einging? — Das habe ich doch alles nur aus Spaß gesagt! so redete sie laut zu sich selbst, und lauschte respektvoll und unsicher ihren eigenen Worten. Ob der wohl jetzt jeden Morgen zum Briefkasten ging, mit Herzklopfen und zitternden Händen? — Ich werde ihm schon schreiben! Ich werde ihn schon bestrafen, wegen der Haare und wegen meiner Zähne, — — oder vielmehr Hut. Ich werde ihn erst noch sicherer machen, und dann die Maske lüften! Jawohl: die Maske lüften! Erkundigen will ich mich auch nach ihm, und wenn er mich angeschwindelt hat — — — Fräulein Nippe baute in Gedanken einen Satz zusammen: Der Unwahrheit Ihrer Aussagen auf den Grund gekommen, werden Sie es begreiflich finden ...
Als sie sich auf den Rückweg machte, begegnete ihr wieder jener junge Mann, den sie zuerst gesehen, diesmal mit einem Mädchen am Arm. — Unsauberes Pack! dachte sie; die Unsittlichkeit macht sich am hellen Tage breit! In diesem Satze entdeckte sie einen Reim, und nun reimte sie bewußt weiter, und dachte: So entstehen Gelegenheitsgedichte! —
Sie erkundigte sich in den nächsten Tagen wirklich bei jenem Chef, der Bescheid lautete günstig, so günstig, daß sie sich beinah ärgerte. Hatte sie doch gehofft, ihn zu entlarven! Aber nein: Sie sah doch nun, es war ein guter Mann, und wenn sie ihn auch nicht heiraten wollte — zu kränken brauchte sie ihn auch nicht. Er hatte ihr Vertrauen gezeigt, er war vor ihr auf die Knie gesunken — oder war er nicht vor ihr auf die Knie gesunken? nun, jedenfalls hätte er es tun können — und wenn er sie später auch beleidigt hatte — umso größer würde sie dastehen, wenn sie sich einfach, vornehm benahm. Sie wollte hingehen zu ihm, sie wollte ihm sagen, daß sie nur Freundschaft für ihn empfände, sie würde ihm beide Hände reichen, er würde beide Hände küssen, und dann — dann ging sie wieder. — Sie schrieb ihre Postkarte und war am nächsten Tage in Herrn Feihses Wohnung, die mit allem „Kongfohr“ ausgestattet war, wie sie, sich umblickend, bemerkte. — Er rückte ihr sogleich den besten Sessel hin, mit zitternden Händen, ach Gott, wie war der Mann erregt! auch damals zitterten seine Hände! — und dann wollte er sich sogleich daran machen, Kaffee zu kochen. Sie nahm ihm aber das Geschäft ab. So blieb er in seinem Lehnstuhl sitzen und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Wie weltdamenmäßig sie den kleinen Finger hob, als sie jetzt die Tasse zum Munde führte! Kaffee, sagte sie, sei die einzige Freude, die ihr das Leben biete. Sie könne Kaffee trinken bis sie umfalle. Seine Augen ruhten stets mit einem stillen, fragenden Blick auf ihr. Sie sah ein wenig verlegen auf dies Gesicht, das da so unverwandt und gerade auf sie blickte, mit einem so sprechenden, stummen Ausdruck! Heute war er ganz anders als damals, wo er immer so geschäftsmäßig redete. Und nun erzählte er, wie er schon als Kind die Kümmernis des Lebens kennen lernte; aus ganz kleinen Verhältnissen stamme er, als Knabe habe er Streichhölzer verkauft an Straßenecken; er selber habe früh die Pflicht gehabt, für die jüngeren Geschwister zu sorgen, aus denen dann aber auch später lauter tüchtige Leute geworden wären. Sein höchster Wunsch, wie er klein war, sei gewesen, sich einmal photographieren zu lassen: Er habe sich das Essen am Munde abgespart, bis er den halben Silbergroschen zusammen hatte; das kleine Jahrmarktsbildchen besitze er heute noch. — Zeigen Sie es mir, sagte Fräulein Nippe weich, es interessiert einen doch, die Wurzeln von dem zu kennen, was wir jetzt als Baumkrone vor uns sehen! —
Halb in Dankbarkeit, halb noch in Nachsinnen verloren, begab er sich zu einem kleinen Eckschrank im äußersten Winkel des Zimmers, und zwar — hinkte Herr Feihse, so wie es ihm das Angemessene und Natürliche war. Fräulein Nippe sah erst voll Verwunderung seine Hüfte jenseits des großen Tisches, den er halb umkreiste, abwechselnd auftauchen und wieder verschwinden, dann machte sie ihrem Erstaunen in klaren Worten Luft. — Herr Feihse blieb im selben Augenblick stehen, errötete bis an die Haarwurzeln und sah aus wie ein ertappter ehrlicher Mensch, den der Hunger zwang, Brot zu stehlen. —
Denken Sie nicht schlecht von mir! sagte er endlich, indem er zurückkam, denken Sie nicht, ich hätte es immer vor Ihnen verheimlichen wollen! Es war nur für den Anfang! Ich weiß ja nicht, ob ich sonst irgendwelche guten Eigenschaften habe, aber ich dachte mir: wenn sie gleich zu Anfang diese hier bemerkt, so ist es wahrscheinlich von vornherein verfehlt! Besser, sie lernt erst andere kennen. Wenn Sie aber daraufhin gehen wollen und nicht wiederkommen — — dann gehen Sie! Es ist mir zwar schmerzlich, aber ich habe im Leben genug Püffe bekommen; einer mehr oder weniger schadet nichts! Fräulein Nippe hielt es für angemessen zu betonen, daß sie auf Nichthinken keinen Wert lege: der Körper mag im Staube kriechen, wenn nur die Seele Flügel hat! —
Sie konnte sich diese Worte leicht gestatten, denn ihr Vorsatz, Herrn Feihse nicht zu heiraten, verdichtete sich noch. Er aber faßte ihre Worte ganz anders auf, und nun trat das ein, was Fräulein Nippe visionär voraus gesehen: Er küßte ihr zwar nicht beide Hände, aber wenigstens doch eine. — Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sie finden für alles einen so schönen und dichterischen Ausdruck! Dann setzte er hinzu, sein Schaden habe schon öfter bei einer Ehe, die er zu schließen gedachte, zu seinen Ungunsten den Ausschlag gegeben. Noch nie habe er eine Dame kennen gelernt, die so vorurteilslos sei wie Fräulein Nippe. — Sie wollte entgegnen, aufklären, aber sie schwelgte so sehr in der Vorstellung, die er von ihr hatte, daß sie es nicht vermochte. —
Sehen Sie, erzählte er, Sie würden nicht das geringste bemerken, wenn ich damals gut geheilt worden wäre! Aber lieber Gott, woher sollten meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen, damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhölzer verkaufte, zitternd vor Kälte, daß ich sowieso nicht fest auf meinen Beinen stand. Wenn da außerdem noch ein Betrunkener kommt und einen anrennt — — — ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! — Fräulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank! Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Fälle! — Und er erzählte weiter, wie er sich später vom Lehrling an in einem kleinen Seifengeschäfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe ich die Menschen viel vor den Kopf gestoßen, dadurch habe ich meine besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel bärbeißiger als ich bin. Es ist mir das ein Prüfstein für die Menschen! Aber die Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hören. So bin ich allmählich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen Mußestunden beschäftige! — Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf das Eckschränkchen zu und brachte ein Schächtelchen zurück, das lauter kleine geschnitzte Knochengegenstände enthielt. — Das ist ein Geduldspiel! erläuterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott werden läßt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich möchte ja so gern manchmal was anderes tun — Sie lächeln über meine Einfachheit! — zum Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer nennt mir denn ein gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: wenn ich ein Buch lese, so möchte ich mich auch gern darüber aussprechen, andere Meinungen hören und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! — O, Bücher lese ich genug! sagte Fräulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum Beispiel — nun, sagen wir mal: — Ach bitte! unterbrach sie Herr Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich müßte mich wahrscheinlich vor Ihnen schämen! — — Zum Beispiel — nun, sagen wir mal — — der Kampf um Rom! Den kennen Sie doch! — Er schüttelte den Kopf. — Nicht?! Aber Faust, das kennen Sie doch natürlich! — Wo der Teufel drin vorkommt? Ja, ich habe wenigstens davon gehört! — Oder — Hasemanns Töchter! Herr Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. — Aber jetzt passen Sie mal auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie das nicht kennen ... Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich? Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?! — Unter andern Umständen wäre Fräulein Nippe einfach aufgefahren. Aber sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges Gesicht, wurde so einsilbig, daß Herr Feihse traurig, aber mit fester Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! — Und, wie das erstemal, lenkte Fräulein Nippe auch jetzt wieder ein. — Falls Sie noch einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar, wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, daß es wohl besser wäre, sie sähen sich nicht wieder. Aber schließlich: wenn sie wiederkam, so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie hätte so gern gehört, was er über Hasemanns Töchter dachte. —
Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Töchter mit geteilten Rollen, sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr überlegenes Wissen anzubringen, hinzudeuten auf Größeres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes; dies hier sei so wie die kleinen Hügel am Gebirge, ehe die eigentlichen, die Riesen kämen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getümmels. Und sie begann herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wußte. Herr Feihse war entzückt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit sie sich bewahrt habe, eine wie große Frische und Lebendigkeit des Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, daß das Leben nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen Kern keusch und rein bewahrt!
Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung und chevaleresker Höflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das mit besonderer Prägnanz in seiner Anrede zutage trat: Fräulein Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk zusammen, und nun wollte er, daß sie ihn auch Othello nennen solle; aber sie erklärte, dies sei zu plump, und außerdem: Es wäre eine schlechte Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit hatte sie derartige Andeutungen öfter gemacht. Dann wieder, wenn er sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als verstände sie sie nicht, darüber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse wußte schließlich nicht was er denken sollte. — Will sie mich nun oder will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich genügend; und wenn sie ihn fragte: Er würde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! — Oft nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich sie aus. Schließlich ertrug er dies nicht länger: Fräulein Desdemona — er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede — Fräulein Desdemona! Wir kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal — damals auf der Bank im Parke — an Sie richtete: Wollen Sie die Meine werden? Ich werde Sie auf Händen tragen! — In diesem Augenblick zog Fräulein Nippe ein Tüchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen Kugel zusammenpreßte und zum Munde führte, indem sie mit dem Ausdruck eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, während ihr linker Arm anzudeuten schien, daß hier ihres Bleibens nicht sei. — Bleiben Sie, Fräulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun genügend Zeit gehabt zur Überlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschluß muß gefaßt sein! Bitte, jetzt ist es an Ihnen! — Fräulein Nippe streckte zagend ihr Tüchlein vor: Was soll ich tun — man drängt mich — man bestürmt mich — Ich bestürme Sie nicht und ich bedränge Sie nicht! sagte er in einem so ruhigen, sachlichen Tone, daß ihre poetische Stimmung wieder zu verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit halblauter Stimme, überlassen Sie mich ganz der Wonne dieses Augenblickes! — Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwärts. Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie zog sich schnell in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. — Lassen Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmöglich antworten! — Aber wann werden Sie mir denn endlich antworten? — In — in drei Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine Antwort! Dann zog sie sich zurück, mit einem stumm-beredten, rätselhaften Blick verschwand sie. —
Herr Feihse blieb in der größten Erregung zurück. Er wußte nicht, wie er sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch äußerst interessant! —
Fräulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte: Wenn ihr wüßtet, welches Schicksal in mir kreißt!
Schon früher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt. Herr Könnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige Ausbrüche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte steht mir nun doch mal näher als du, daran ist nichts zu ändern — Herr Könnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fühlt sich nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrängen, sie zieht sich ganz bewußt von uns zurück. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene Heim ihrer Enkelin und ihres „Herrn Schwiegersohnes“ teilte, meinte bedächtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht wundern, wenn die auf Freiersfüßen ginge!
Schon früher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in den Blättern durchzusehen, solche Ehen würden oft die glücklichsten, war dann aber sehr entrüstet, als Fräulein Nippe bissig fragte: Sie haben Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? — Frau Bornemann und Fräulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne daß man recht wußte, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie könnte sie nicht sehen.
Sollte sich Fräulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mußte sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?! Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht und durchsichtig, war unter ihren Händen gewachsen, hatte an Gewicht zugenommen, und während sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es vielleicht doch nur ein mildes, wärmendes, beglückendes Feuer, das diese Kugel — oder dieses Feuerzeug — auf sie niederregnen ließ?! War es ein befruchtender Tau oder war es ein reißender Gebirgsstrom, den es ausgoß, ein Strom, der sie erfassen würde, mit sich fortnahm in gefahrvolle, unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen würde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land geschwemmt wurde? —
Fräulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein Millionär, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Künstler, der sie hätte anregen können, kein frisches junges Blut, dem sie auch so ans Herz gestürzt wäre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze vor, das sie — wie sie sich vor sich selbst ausdrückte — mit jenen Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war kaltherzig und grausam, heimtückisch und ungerecht! — Und Herr Feihse wartete! Die letzten Nächte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie an ihr freudloses Leben dachte, daß es keinen Menschen gab, der ganz von selber an ihr Herz flog, dem sie alles hätte sein können: Freundin, Geliebte, Mutter. — Herr Feihse hatte durchblicken lassen, daß, wenn sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch ausschlüge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen könne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie war er aufgeblüht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht sein rettender Engel werden? Und wenn er immer kränker wurde, konnte sie sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? — Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu Häupten und seine schon halb erlöste Seele hielt sie in ihrem lichtweißen Kleide für einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und dann würde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte ja nicht, daß er stürbe, aber wenn er es doch tat, so stand im Hintergrunde ein ganz hübsches kleines Vermögen! Das war nicht schlecht von ihr gedacht, das war ganz selbstverständlich und natürlich. Und doch weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wußte nicht was sie tun sollte.
Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfaßt und am nächsten Morgen auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie ihr Schicksal abhängig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren schwer für sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mußte er jetzt endlich erscheinen. — Aber er erschien nicht. Mit leeren Händen eilte sie von der Redaktion wieder ins Geschäft oder in die Wohnung. — So war der dritte Tag beinah verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits geschlossen, sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann aber dachte sie: Wenn diese Tür sich mir verschließt, so weiß ich nun eine andere, die eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese herzlose Hand hier, die nur auf Bureautüren deutet, sondern die Hand des Schicksals selbst! — Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der Mitternacht würde sie Herrn Feihses Nachtglocke anläuten, und vorher wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen Leben! —
Ich gehe heute abend mit euch! sagte sie, als mache sie den beiden ein großes Geschenk damit. — Aber Herr Könnecke schien nicht erfreut darüber. — Du darfst es uns doch nicht übelnehmen, sagte er, als sie allein waren, daß ich endlich einmal auch ein Vergnügen mit Lotte allein haben möchte. Überall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob wir verheiratet wären! — Ich springe aus dem Fenster! schrie Fräulein Nippe plötzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen das herzlose Schicksal überkochte — und sie rannte durchs Zimmer und schwang sich wirklich auf die Fensterbank. — Komm da mal gleich wieder runter! sagte Herr Könnecke erschrocken. — Diesmal, rief sie, ist es mißlungen, aber das nächstemal wirst du mich nicht hindern. Rühre mich nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine körperliche Gemeinschaft! — Sie war wieder unten, und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien ihm nun die Nägel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie armes wehrloses Opfer. — Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem Ton, du bist absolut nicht objektiv! — Schon wieder dieses herzloseste aller Worte, das die Gefühle auf eine Wage legt und gegeneinander abwägt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, daß Herz und Lunge und Eingeweide klopfen! — Also du kannst ja mitgehen, wenn du durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! — Nein, nun will ich nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und sagt: nun trink! — ich danke bestens! — Jetzt ging die Tür auf, die alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttäuschter feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als würde hier gesungen! Aber ich muß mich wohl geirrt haben. Ich höre Lieder für mein Leben gern, aber wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch’s Klavier verkauft. Gott, was waren das für schöne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen: Lotte ist glücklich verheiratet mit’m Kind, ich bin bei ihr geblieben, das Kind wächst und gedeiht zu seines Schöpfers Ehre, und ich zahl’r meine Miete, wie sich’s gebührt! Und ein Liedchen trällernd, wie es schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.
Es geht nicht, es geht nicht für die Dauer! dachte Herr Könnecke, und ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Fräulein Nippes Geschick war.
Fräulein Nippe verließ das Haus: Nun würde sie sogleich zu Herrn Feihse gehen! Herr Könnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.
Sie läutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hörte seinen rhythmischen, erregten Gang, er öffnete, mit Tränen in den Augen stand sie vor ihm und sah ihn an mit verheißungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer zurück, sie folgte ihm. — Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr Glück erkämpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? — Herr Feihse keuchte so, daß er sich setzen mußte; er ergriff ihre Hände, auch ihm rollten die Tränen über das Gesicht; dann wollte sie einen Satz vom Lebensglück sagen, in dem das Wort „basiert“ vorkommen sollte. Aber sie brachte ihn nicht heraus; und überhaupt: Welcher Mensch denkt denn in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fühlt, an Fremdwörter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rührung halb erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der Bitterkeit gesagt, wenn du stürbest, so würde kein Hahn danach krähen; — du sollst dich getäuscht haben! —
Herr Könnecke saß mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Fräulein Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen wollten. Herr Könnecke hielt es für angebracht, etwas darüber zu sagen, daß sie zuviel die Hausordnung verletze; sie hätten sich alle um sie geängstigt; sie möge doch ein wenig rücksichtsvoller sein!
Fräulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwürfe machen zu lassen! — Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wißt ihr denn überhaupt von dem, was in der Seele eures Nächsten vorgeht! Ahnst du denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse gehabt, darüber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte sie ihr ganzes Triumphgefühl, die ganze Wucht ihres Schlages in die Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da können die Spießbürger die Mäuler aufsperren! Aber plötzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte wieder.
Neuntes Kapitel.
Fox Sintrup saß in einem Coupé vierter Klasse und fuhr nach irgend einem entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mußte es gemacht werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, daß er noch eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblättert, aber immerhin noch rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm gegenüber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen Augen; neben ihm saß eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt, obgleich sie nicht zu ihm gehörte. Ihre Augen waren starr und sie bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox würdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Töne einer Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied, während er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet hielt. — Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen die Dichter immer ihre Stoffe in erträumten Fernen, und überblicken die nächste Realität! Wie leicht könnte ich jetzt hieraus ein Gedicht machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten äußern Zwangslage geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, daß es wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie über Waldesduft und Blätterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefühl der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie die menschgewordene Frau Sorge, drängt sich nicht einem geradezu Zeile um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: — Tief eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen! Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; — na und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte er jetzt nur eigentlich in diesem Städtchen, dem er zurollte, mit jeder Sekunde sieben Meter? — Peter der Große hatte auf Schiffswerften gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. — Er mußte irgendwie seine Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles sträubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! — Sollte er doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und seinem Vater später auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, übers Jahr würde er dann Referendar sein — er war dann allerdings schon 28 Jahre — aber dann ging es mit Riesenschritten in die große Karriere hinein.
Am nächsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hühner wandelten, ernsthaft nach Würmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick der Hühner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Fräulein ein. Er hatte vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehörte einer vergangenen Lebensepoche an. — Die wenigen Aussteigenden hatten sich verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. — Was soll ich denn hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein! — Er überlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nächsten Großstadt — aber das Geld! — Er überzählte seine Barschaft. — Das genügt doch nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren für nichts und wieder nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem er nun die Torheit, den Blödsinn dieses Schrittes vorhielt. — Er suchte sich das beste Hotel, in der Überlegung, es werde guten Eindruck machen bei den Rechtsanwälten, die er aufsuchen wollte. — Vier Vertreter dieses Standes fand er in dem dünnen, magern Adreßbuch, alle vier besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. — Aber so schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe akademische Bildung! Ich bin kein gewöhnlicher Schreiber! Ich bin was Besseres! Einer gab ihm ein Geldstück. Fox nahm es, ohne zunächst den Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und führte darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen Augenbrauen auf den Geber, daß der in ein lautes Gelächter ausbrach und es gutmütig zurücknahm. — Wieder ein anderer — es war der letzte der vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er möge sich ans Amtsgericht wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es, als wenn Fox in die Länge und die Breite wüchse: Wüßten Sie, sagte er mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so hätten Sie das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann ebenfalls. Dann war er wieder auf der Straße, auf dieser abscheulichen kleinstädtischen Straße, und dachte: Und was wird nun?! — Vor einem Hause war ein Auflauf, viele Kinder drängten sich am Tor, zuweilen wich alles zurück, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem gegenüberliegenden Fußsteig, auch sie sahen voll Interesse herüber, und aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen mit den Untenstehenden. — Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an der Tür, auf einem Schild. — Schmiere! dachte er verächtlich; so tief bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und ärgerte sich, daß er überall an allen Ecken dieselben Menschen traf.
Als Klavierlehrer könnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er plötzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Töne durch irgendein Fenster hinaus die ganze Straße zu füllen schienen; — dazu braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich schon einführen! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lächerlich. Aber wenn ihn unter den Stammgästen die vier Rechtsanwälte erkannten? Dann war sein Renommee dahin! Er ließ sich Backen- und Schnurrbart abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete, beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern Beruf zerstört habe, für den der Bart vielleicht unumgänglich nötig sei.
Als er gegen Abend ins Hotel zurückkehrte, blieb das Zimmermädchen auf der Schwelle stehen. — Wann fängt denn der Theater an? fragte sie endlich langsam und neugierig. — Der Theater? Fox zog die Augenbrauen hoch und ließ den Blick groß zu ihr hingehen. — Sie stieß einen unterdrückten Lachton durch die Nase. — Sind Sie der Komeker? fragte sie, und ihre Augen glänzten schon vor Freude. — Komeker?! Machen Sie, daß Sie rauskommen! sagte Fox. — Er kleidete sich nun auf das peinlichste um, nichts sollte an seinen früheren Zustand erinnern. — —
Wann fängt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim Servieren. — Heute! sagte Fox geärgert. Der Kellner nahm das als einen Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach dem Stammlokal der ersten Bürger. Der Portier sah ihn etwas verwundert an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glück gehabt! Fast hätte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten müssen! Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er käme nicht, und heute hat Herr Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen! Wirklich ein rühriger Geschäftsmann! — Und woher wissen Sie, daß ich der Komiker bin? — Sie haben es doch selbst dem Zimmermädchen gesagt! — Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mühe wert diese Leute aufzuklären, daß er Regierungsbeamter — nee, was war er denn? Schreiber — Kammervirtuose — Fox wußte im Augenblick selbst nicht was er war. Er trat auf die Straße. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese elende Straßenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, daß fast alle Häuser dunkel waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er, unwillkürlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter der Gardine! Ich höre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da schnarcht was!! — Plötzlich befand er sich vor dem bezeichneten Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es Gott weiß wie weit bis dorthin wäre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! —
Drinnen saßen lauter Männer mit Bärten, die meisten auch noch mit Brillen. Es war ein geräumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt es!: Mit rascher, großer Gebärde legte er seinen Mantel ab, setzte sich an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht für ihn hinterlassen habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und interessiert. Nein!? rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorläufig sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte inzwischen schon öfter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. — Er erreichte was er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, „eine leidige Angelegenheit“, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister habe übrigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox schüttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur über größere Städte. — Ach das ist aber schade, äußerst schade! Nebenan im Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen, wenn es nicht unbescheiden ist? — Fox machte ein bedauerndes Gesicht; seit Monaten habe er keine Taste angerührt, jetzt gehe es seinen Nerven allerdings etwas besser. — Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht — — Fox ließ sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten die Eingangsklänge der Holländerballade, die Fox konnte. —
Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, unterstützt durch übrige Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen müsse, und ward mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheußliche Klavier. Einige nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im eigenen Hause. — Wenn Sie hier am Orte bleiben, müssen Sie uns unbedingt einmal die Ehre geben! — Meine Frau sucht schon lange einen Partner im Vierhändigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben künstlerische Ansprüche! — Mein Sohn klagt immer, zu was er denn Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen müsse, viel kann er ja noch nicht, aber Talent hat er. — Ich spiele selber Cello! und ärgere mich, daß meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich möchte ja immer gern mit der Frau Sekretär zusammen spielen, aber da sollten Sie mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.
Fox erklärte sich zu allem bereit, falls er sich länger hier am Orte aufhalte, was noch fraglich sei. Es käme auf die Luft an, die hier herrsche. — Übrigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige Stunden erteilen, — auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein Bedürfnis, junge Menschen, die Talent hätten, zur Musik auszubilden. — Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist wahrhaftig philantropisch! Schade, daß ich keine Kinder habe, ich würde sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das versteht sich von selbst. — Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau! Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden. Natürlich auch nicht gratis — wenn Sie nicht übermäßige Forderungen stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, über das Honorar könnten sie sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt ...! —
Er wartete noch auf andre Anträge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln! Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens Worte von der Honorarfreiheit zurück. —
Fox runzelte die Stirn und hielt es für besser, das ganze Thema vorläufig fallen zu lassen. Hätte er nur wenigstens soviel Geld gehabt, ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu können, dann würde er sich schon langsam eingeführt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick; selbst wenn es sich herausstellte, daß er in Wirklichkeit nur sieben Stücke konnte. Auf eigene Virtuosität kam es beim Stundengeben gar nicht an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich um Vorschuß bitten! — Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzählte von den Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstücke beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele? Immer! lautete die Antwort, und ein älterer Bureaubeamter warf ihm einen ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der Geist des Leichtsinns werde seinem Städtchen ewig fern bleiben. Mit dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser, niedrige, schmierige Gesellschaft! — Und wie früh ging dies Volk zu Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf der Bahn, zu seinem Vater reisen. — Während er so seinen Gedanken nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier Rechtsanwälten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinüber, schüttelte ihn dann aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. — Fox wurde es unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder auf der Straße.
Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gäste des Abendzuges erwartete, denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem der vier Rechtsanwälte. Fox grüßte schweigend und ging schnell hinauf, bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. — Sein Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Straße viele Meter weit hören. Fox ließ das Zimmer dunkel und öffnete vorsichtig das Fenster ein wenig. Was? hörte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? — Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute früh ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen lassen, und dem Zimmermädchen hat er es ja selbst erzählt! — Also doch! Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker, Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Straße daher. Pst! sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den Rechtsanwälten durchgesprochen war; ist der Mensch verrückt?! — Was dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich sofort am ersten Tage in unserm Städtchen populär machen, und ich muß sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgeführt! Ein Komiker darf sich manches erlauben, was andere nicht dürfen, ich sage Ihnen: wie er heute morgen mein Geldstück ansah, das ich ihm gab: Gebrüllt hab ich vor Lachen! Und heute abend als nervenkranker Künstler — ein bißchen zu dick ist er ja, aber dafür kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das ist ein Original! —
So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurückkam und die Untenstehenden veranlaßte, zurückzutreten, was dann wieder den Anstoß zu Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelächter.
Schweigend entzündete Fox sein Licht, schweigend, unbeweglich blickte er in den Spiegel, und schweigend erwiderte das Spiegelbild den Blick. Schweigend entkleidete er sich und stieg ins Bett, zog die Decke hoch und starrte auf den weißen Horizont des Leinens vor seiner Nase.
Was ist nun zu tun? dachte er, und suchte an dem Bart zu drehen, der nicht mehr da war. Sein ganzes Wesen drängte nach etwas hin, sich vor sich selbst in Respekt zu setzen. Er spuckte kräftig über das ganze Bett hinweg bis an die gegenüberliegende Wand. Damit war die erste Frage aber nicht erledigt. Abfahren! dachte er endlich; abfahren mit dem frühesten Zuge. Aber wohin?
Plötzlich erfaßte ihn eine große Wut gegen seinen Vater, mit einem Satz sprang er aus dem Bette und marschierte im Zimmer auf und ab. — Alles habe ich mir gefallen lassen, alles, aber dieses geht zu weit!! Ich werde prozessieren! Mein Vater ist verpflichtet, mich standesgemäß zu erhalten! — Aber während er so redete, fühlte er selbst das Lächerliche seiner Rede. Auf einmal blieb er mit einem Ruck mitten im Zimmer stehen: Wenn er nun morgen früh zum Direktor ging, wenn er nun wirklich Schauspieler wurde? Dann war ja alles in Ordnung, dann triumphierte er ja über diese ganze spießbürgerliche Gesellschaft! Der Direktor brauchte ja einen Schauspieler, sonst konnte er nicht die — gewissen Stücke spielen! Fox sagte nicht: Possen und Komödien, da er das Wort „Komiker“ vorläufig noch ignorierte, weil er sonst gleichsam sich selbst hätte fordern müssen. — Überhaupt: wer sagt denn, wenn ich ihm eine von den Rollen vorspreche, die ich bei Sander gelernt habe, daß er mich nicht als Helden anstellt? Vielleicht hat er auch keinen Helden, das kann doch niemand wissen! Und mal ein bißchen Theater spielen — tat das nicht auch Wilhelm Meister?! Dem Rechtsanwalt würde er ins Gesicht lachen, und eines Abends würde er wieder ins Lokal treten und sagen: Meine Herren, dieses letzte war auch wieder eine Mystifikation, denn eigentlich bin ich auch kein Schauspieler, aber mein Vater ist so weitsichtig, daß er seinen Sohn vom Studium nicht direkt in den Beruf hineinschiebt, sondern ihm Freiheit läßt, auch andere Fähigkeiten und Talente in sich auszubilden und die Welt wirklich kennen zu lernen, ein Edukationsprinzip, wie es Goethe in seinen Erziehungsromanen vorschwebte! So würde er von seinem Vater reden, der das weiß Gott nicht verdient hatte. Und die Bekanntschaft mit dem Kriegsminister, würde er fortfahren, war keine Mystifikation, denn der alte Herr hat schon öfter Billette von mir empfangen, also kenne ich ihn — ach nee, da irre ich mich, ich kenne ihn ja gar nicht wirklich — aber sagen kann ich es, denn dem Wortlaute nach ist es wahr! — Und dann würde Fox zu seinem Vater zurückgehen und erklären: ich habe dir nun gezeigt, daß ich mich selber zu erhalten weiß: ich erwarte, daß du mir wieder Vertrauen schenkst, und mir die Mittel bewilligst zur Beendigung meines eigentlichen Studiums. Und dann wollte er auch arbeiten, ehrlich und ernsthaft arbeiten!! —
Als er am nächsten Morgen am Portier vorbeischritt, legte er um seinen Mund markante Falten und fragte mit sonorer Stimme: Haben Sie schon gehört, wie ich gestern abend die Herren Bürger angeführt habe? — Glänzend, einfach glänzend! grinste der Portier.
Fox hatte sein Selbstbewußtsein voll zurückgewonnen. Dann stand er vor Direktor Steinert, einem anscheinend noch jungen, glattrasierten Mann mit schwarzen Augen und einem Hornzwicker. Außer ihm war noch eine alte Dame im Zimmer mit kompaktem rein kastanienbraunem Haar und einem Scheitel wie ein Lineal. — Die Mitteilung des Portiers bestätigte sich, Herr Steinert war in Not, telegraphische Verhandlungen schwebten allerdings mit Agenten, aber die Saison hatte schon begonnen, die halbwegs besseren Kräfte waren versorgt, und einen reinen Anfänger zu nehmen scheute sich die Direktion. Fox erklärte nun, er sei vollständig zum Schauspieler ausgebildet, durch Herrn von Sander, bei dessen Namennennung Herr Steinert eine kleine Verbeugung machte, da er ihn aus Annoncen der Theaterzeitungen sehr wohl kannte. Dann setzte Fox hinzu, daß er selbst einer hoch — höchst angesehenen Familie entstamme und mehr Bildung für den Beruf mitbringe als die meisten Schauspieler. Und dann sagte er: Nun passen Sie mal auf. Er begann die Rolle vorzusprechen, die er als allererste bei Herrn von Sander studiert und endlos repetiert hatte, und die deshalb noch am besten im Gedächtnis saß. Alle Bewegungen waren ihm noch gegenwärtig, durch die Gesangstunden, die er betrieben hatte, war sein Organ ebenmäßiger geworden, und Herr Steinert unterbrach ihn mitten in einem längeren Satz mit der Bemerkung, er habe schon genug gehört, Talent sei unverkennbar da, die äußere Erscheinung sogar glänzend, aber — wir brauchen einen Komiker und keinen Helden!! — Ja, Komiker bin ich nun nicht, sagte Fox in seinem trockensten Tone, und sah Herrn Steinert mit jenem großen, halb verweisenden Blick an, über den das Stubenmädchen so gelacht hatte. — Aber das schadet ja gar nichts! ließ sich die alte Dame jetzt durch die Reihe ihrer sehr weißen Zähne vernehmen, mit langsamer, etwas schwerer Zunge und in einem gedehnten, singenden Tonfall, der durch mehrere Oktaven zu spielen schien — das schadet ja gar nichts! Wenn er’s nicht ist, kann er’s noch werden. Wie Sie da vorhin ins Zimmer traten — so wandte sie sich an Fox — wie Sie nur Ihren Hut auf die Kommode stellten — es war gar nichts weiter als diese einzige Bewegung — ich sage Ihnen: Ich mußte lachen; glauben Sie mir, ich habe einen Blick für Menschen! Seit dreißig Jahren bin ich am Theater! Wenn Sie nur auf die Bühne treten, so lacht das Publikum! Ich will Sie damit nicht beleidigen! fuhr sie fort, da Fox ein verletztes Gesicht machte, im Gegenteil: Wirkliche Komiker sind heutzutage selten! Bleiben Sie nur bei uns! Herr Steinert warf ein, daß Fox ja gar nicht die nötigen Rollen beherrsche. — Dann lernt er sie eben jetzt noch! sagte sie mit ihrer eigensinnig klagenden Stimme, Schauspieler lernen schnell, und bei uns heißt es ganz besonders fest und energisch zu arbeiten, das ist hier jeder gewohnt. Sie müssen wissen: Mein Mann und ich sind für das Ideale! Fox sah überrascht erst auf sie dann auf Herrn Steinert: war das die Frau von dem? — Und dann, Hermann: Er soll doch die Rollen nicht von heute auf morgen lernen, sondern erst auf übermorgen oder nächste Woche. Wir eröffnen das Theater doch mit einem klassischen Stück, wo wir ihn nicht nötig haben — und die eigentliche Posse ist doch erst am Sonntag. Bis dahin hat er viel Zeit zum Lernen, und die Proben sind doch auch noch da! — Herr Steinert war nach wie vor skeptisch. — Aber das Publikum hier macht doch keine Großstadtansprüche! Und kurz und gut — ihre Stimme wurde ungeduldig und etwas stoßend — mir gefällt dieser junge Mann! Er wird wachsen mit seinen Aufgaben! Schließlich habe ich doch auch ein Wort mitzusprechen, und wie gesagt — ihre Stimme wurde wieder singend: Ich empfehle dir diesen jungen Mann dringend, ohne dich damit jedoch — und nun klang ihre Stimme geradezu ölig-zärtlich — irgendwie beeinflussen zu wollen. Herr Steinert warf ihr aus seinen wimperlosen, scharf umränderten Augen durch den Zwicker einen böse-versteckten Seitenblick zu, den sie aber nicht bemerkte, und meinte: Gut, Ida, versuchen wir es. Sind Sie einverstanden? wandte er sich an Fox.
In Fox bekämpften sich Regierungsassessor und Komiker. Daß er alle Rollen leicht lernen und tadellos spielen würde, war außer Frage. Doch vor den Leuten auftreten, damit sie über ihn lachten?! Aber schließlich: Auch Molière und Shakespeare waren Schauspieler gewesen, und beide hatten eine Fülle komischer Rollen selbst geschaffen! Und er selber hatte vor ihnen noch den Vorteil voraus, daß er seinen Namen nicht hergeben würde: Er wollte seinen uralten Familiennamen mit einem Pseudonym decken. —
Wie ist es denn mit dem Honorar? fragte er. — Herr Steinert wechselte mit seiner Frau einen Blick und nannte dann eine Summe, die kärglich gering erschien, und kaum das Dasein zur Not fristen konnte. Fox schwankte wieder; aber plötzlich faßte ihn ein Gefühl, all diesen niedrigen Erbärmlichkeiten ein Ende zu machen, durch eine halb verächtlich gegebene Zustimmung. — Hermann, wir könnten ihm doch fünf Mark mehr bewilligen! — Herr Steinert sah sie unbeweglich durch seinen Zwicker an. — Also es sind Ihnen fünf Mark mehr bewilligt! sagte er darauf zu Fox; Gesellschaftsanzüge, Salonrock, Frack usw. haben Sie doch wohl? — Fox unterdrückte ein kräftiges Wort und sagte: Selbstverständlich. Herr Steinert holte zwei Kontrakte, unterzeichnete den einen, gab ihm beide, mit der Bemerkung, zu Hause genau den Wortlaut durchzulesen und ihm am Nachmittag den zweiten, mit seiner Unterschrift versehen, zuzustellen. — Aber das kann er doch gleich hier durchlesen! Wozu denn diese Umständlichkeit! — Aber Fox nahm ihn mit und studierte ihn im Hotel. — Sechshundert Mark Geldstrafe für den Fall eines Kontraktbruches. Also so plötzlich weg kann ich da nicht, sonst bekomme ich die Polizei auf die Hacken! —
Horst Siegmaringen nannte er sich; das klang gut und ließ einen unterdrückten Adelstitel vermuten.
Fox war nun engagiert. Er zog in ein kleines möbliertes Zimmer. Dort lernte, übte und probte er für sich Charleys Tante. — Blödsinniges Stück! Es fehlt ihm jeder echte Humor! — Am nächsten Morgen war die erste Probe.
Das ist ja eine Scheune?! sagte Fox, als er das „Theater“ erblickte, — eine Scheune, ohne Tür?! Wo ist denn die Tür?! — Dies Theater war eigentlich ein Hotel mit größerem Saal, öde und verwahrlost, mit grauer abgebröckelter Zementfassade.
Die alte Dame war schon lange auf der Bühne; sie leitete das Ganze, sie war Regisseur, von ihr schien alles abzuhängen. Fox sprach seine Rolle im Tone eines Leutnants. Herr Steinert war verzweifelt: Das geht nicht, Sie müssen frauenhafter, damenmäßiger sprechen! Aber Frau Ida meinte: Laß ihn doch, Hermann! das gibt ja gerade einen schönen Effekt! Das wirkt fabelhaft! Wie er jetzt dasteht, dies Trockene, Geschäftsmäßige, — das macht ihm so leicht keiner nach. Denke dir doch noch die Perücke und die Frauenkleider, das wird ja zum Schreien! — Fox kam recht deprimiert nach Hause. Ekelhaft war ihm dies Ganze, und seine Kollegen und Kolleginnen — außerhalb des Theaters würde er mit keinem einzigen von ihnen sprechen, das war ausgemacht! —
Was waren das auch für Geschöpfe! Er erkannte da einen Herrn wieder, der die Bonvivantrollen spielte. Am ersten Mittag hatte der mit ihm am selben Tisch gegessen, einzig und allein ein Ragout fin, — nichts, nichts weiter. Und am selben Nachmittag hatte er ihn schon aus dem Fenster eines schnell gemieteten Zimmers schauen sehen. — Und die Damen, von denen war überhaupt nicht zu reden; wie Schneidermädchen, die sich billig und auffallend herausstaffiert haben, zogen sie über die Straßen; seine Partnerin, die Donna aus Charleys Tante, begegnete ihm abends auf dem Markte, ganz allein stand sie da, vom Wirtshaus zum Café, vom Café zum Wirtshaus sehend. Das war doch höchst fragwürdig! und als er an ihr vorbeischritt, zwinkerte sie und hakte ihren kleinen Finger in den seinen.
Alle nannten sich du, ihn selbst nannten sie auch du, er konnte nichts dagegen tun.
Die Aufführung von Charleys Tante nahte heran. Fox hatte seine Rolle gründlich gelernt, die Zeigefinger in die Ohren gebohrt, wie ein Schuljunge. Die Frau Direktor spielte mit großer Kraft einen einleitenden Galopp auf dem Klavier, dann zog ihr Mann den Vorhang auf, indem er sich, ihn in Bewegung zu setzen, an den Strick hängte. Fox hatte nicht das geringste Lampenfieber. Durch das kleine Loch im Vorhang sah er, ehe das Stück begann, in den Zuschauerraum, und empfand nichts weiter als Verachtung vor dieser kleinbürgerlichen Menge, die da unten Bier trank und rauchte und sich freute auf die Unterbrechung ihres stumpfsinnigen Einerleis.
Als er nun selbst auf die Bühne trat, erhob sich hier und da ein Klatschen, da man ihn erkannte; der hagere Offizial und der Vater des Gretchens, die inzwischen an ihren Stammtischen genügend geneckt waren, versuchten zu zischen, was nur den Applaus anwachsen ließ. Fox aber, wie ein großer, berühmter Gast, trat vor und verneigte sich dankend. Zurück! flüsterte der Direktor, halb ängstlich, halb erfreut, Sie stören das Ensemble! Und wie nun Fox, im Augenblick wie zerstreut, auf die Mitspielenden sah, als wolle er sagen: Ach, Ihr seid ja auch noch da, Euch hatte ich total vergessen! — brach der Applaus von neuem los. — Bis zu dem Moment der Verkleidung hielt sich das Publikum ruhig, aber als er dann anfing, sich als Dame hin und her schieben zu lassen, als er halb ungeschickt über seine Kleider stolperte und sich endlich fast nur noch wie in einem Zustand der Notwehr befand, gereizte Blicke um sich werfend wie ein Kater, der sich von Hunden bedrängt sieht, war der Erfolg vollkommen. Man nahm das, was in Wahrheit Unfähigkeit war, für raffinierte Kunst, und die Stammtischgäste aus dem Wirtshaus sagten: ja ja, so auftreten wie der damals kann auch nur ein ganz genialer Mensch! — Fox durfte sich am Schluß viele Male verneigen. Die Frau Direktor sprach ihm ihre Anerkennung aus, sagte mit Emphase, sie habe mit ihrer Prophezeiung recht gehabt und zog seinen Kopf, ehe er es verhindern konnte, an ihren Busen, der ungelüftet roch. — Diese Theaterleute, dachte er mit einem parenthetischen: Pfui Teufel — wissen doch nie die Grenze einzuhalten. — Charleys Tante wurde sofort wiederholt, und dann ging es an neue Stücke.
Fox übernahm jede Rolle mit einem verschluckten Proteste, er spielte sie, wie wenn man ihm einen ekelhaften Gegenstand zur Untersuchung übergeben hätte, gegen dessen Berührung er sich zuvor mit seinen roten Glacéhandschuhen bewaffnete, ehe er mit steifem Finger bald hier, bald da hineinstieß. Anfangs erreichte er damit immer wieder die erste Wirkung, aber schließlich fand man ihn langweilig. Einmal zischte sogar einer, worauf Fox mitten im Satze abbrach und in den Saal hineinstarrte, als wolle er den Zischer rügen. Herr Steinert suchte ihn nun mehr in Chargenrollen zu beschäftigen und begann einzusehen, daß er an Fox keine gute Kraft gewonnen habe. Fox war damit ganz zufrieden, betonte Herrn Steinert gegenüber, er sei ja auch eigentlich „Held“, und hier falsch am Platze, und hegte keinen Groll gegen den jungen Mann, den Herr Steinert das nächstemal probeweise als Lumpaci Vagabundus herausstellte. Aber auch in seinen Chargenrollen sprach Fox genau so wie vorher, und während einer Aktpause in Wilhelm Tell bekam er Vorwürfe vom Direktor, er solle sich mehr zusammennehmen, mehr wirkliches Feuer und patriotische Leidenschaft entwickeln. Herr Steinert spielte selbst den Wilhelm Tell und riß alles mit fort im Taumel seiner Rede. Frau Ida aber spielte, abgesehen von ihrer Mechtildrolle, noch eine andere, indem sie sich als alter Attinghausen im Rollstuhl hereinschieben ließ, ohne daß das Publikum den Betrug bemerkte, da der Theaterzettel einen anderen Namen aufwies. — Mensch, sagte Herr Steinert nach der Vorstellung zu Fox, Sie spielen immer wieder als Charleys Tante, das geht nicht, es geht wirklich nicht! — Aber Fox ließ dies nicht auf sich sitzen. Voll Antipathie starrte er auf dieses schwarzäugige Gesicht mit dem blonden unechten Germanenbart darunter: Schaffen Sie doch erst mal andere Dekorationen! In Ihrem Tell ist ja auch alles genau so wie in Charleys Tante! Wo bleibt denn da die Illusion?! Und die Kostüme sind ja auch immer dieselben! Ihre Berta von Bruneck zum Beispiel ist doch wieder nichts weiter als die Nichte von der Tante, und wenn sie sich auch ein grünes Umschlagetuch umhängt — für mich ist das noch lange kein Jagdkleid! Die Hälfte der Personen fehlt überhaupt ganz und gar, weil Sie keine genügende Anzahl von Kräften haben; was können Sie da vom einzelnen verlangen! Intrigen gibt es bei mir nicht, sagten Sie damals zu mir, als ich bei Ihnen eintrat; das verstehe ich jetzt vollkommen. Das bißchen Personal hockt ja hier zusammen wie eine kleine Familie im Regen, ohne Obdach! Jeder ist auf die Hilfe des Nachbars angewiesen, und einen Intriganten im wirklichen Sinne des Wortes besitzen Sie überhaupt nicht! Der Geßler wurde zum Beispiel vom Bonvivant gegeben! — Das verstehen Sie nicht! Das zeigt nur wieder, daß Sie sich in die Verwandlungsmöglichkeiten der einzelnen Kräfte nicht hineinzuversetzen vermögen, und das ist es ja, was ich Ihrem eigenen Talent vorwerfe! Außerdem: Die Charakterrolle wurde nicht vom Bonvivant gegeben, sondern eine Bonvivantrolle zufällig vom ersten Intriganten; das schadet nichts, absolut nichts, ich liebe es, meine Leute untereinander zu vermischen, auf die Weise erzielt man Allseitigkeit der Ausbildung! — Gemischt sind sie wahrhaftig genug! sagte Fox, und ärgerte sich, daß der Direktor dies nicht mehr zu hören schien, denn er hatte sich abgewendet, war auf einen Stuhl geklettert und hatte eigenhändig eine vergessene Gasflamme ausgedreht, und jetzt schrie er den Diener an: Die Beleuchtung verschlinge sowieso ein Heidengeld, und ob er meine, die Bühne solle heut abend noch einmal als Tanzsaal benutzt werden. —
Überall herrschte ein ganz entsetzliches Sparsystem. Zum Schminken, An- und Auskleiden gab es für Herren und Damen nur je einen einzigen kleinen Raum, nur die Damen hatten einen Spiegel, den Frau Steinert jeden Abend mit nach Hause nahm, da er ihr Privateigentum war, das sie morgens bei der Toilette benötigte. — Feste Kostüme, deren einzelne Bestandteile man nicht trennen durfte, schien es nicht zu geben. Wie in einem Trödelladen war alles durch- und übereinander gehäuft, jeder suchte sich heraus, was ihm nötig oder erstrebenswert erschien, und namentlich gab es da einen alten roten Samtmantel mit unechtem Goldbrokat, der unter den Damen ein ernstliches Zankobjekt bildete, während die Herren schon tagelang vor einer bestimmten Aufführung ein schwarzes Atlaswams zu „belegen“ pflegten, das einst bessere Zeiten gesehen zu haben schien. Nur der Direktor besaß einige Kostüme, die niemand in Bruchstücken für sich selbst verwenden durfte.
„Ich komme gleich, ich muß nur noch mal in den Saal“; dies Wort, das Fox häufig nach den Vorstellungen um sich herum hörte, verstand er anfangs nicht. Allmählich begriff er den Sinn: Gegen ein kleines Trinkgeld ließ der Kellner die Tische unten nach der Vorstellung noch einige Zeit unabgedeckt, und bei der spärlichen Beleuchtung der Sicherheitsstearinlampe am Türeingang huschten die dunklen Gestalten der Künstler und Künstlerinnen von Tisch zu Tisch, nach Bierresten und wohl auch nach halb aufgegessenen Brötchen und Fleischteilen spähend, und unter ihnen tat sich eine Dame ganz besonders hervor, welche „die appetitliche Giftmischerin“ genannt wurde, weil sie nicht, wie die andern, jeden Rest für sich austrank, sondern alles in einen einzigen Bierseidel zusammengoß, da sie dieses appetitlicher fand. Zuweilen kam es mit dem Kellner zu Szenen, da man ihm vorwarf, die besten Reste tränke er schon vorher selbst. Hier regelte sich auch die Nachfrage des einzelnen nach Tabak; ein Nichtraucher konnte einen Schluck Bier eintauschen gegen ein Zigarrenende, das er selbst verschmähte. Fox fand dieses Unwesen empörend: Lieber hätte er gehungert und gedürstet, als daß er da hinabgestiegen wäre!
Mit den Künstlern und Künstlerinnen war es ähnlich wie mit den Kostümen: Manchmal schienen zwei ein Ganzes zu bilden, bis sich plötzlich beide Teile mit einem dritten oder vierten vereinigt fanden. Es war unmöglich, in dem Knäuel der Möglichkeiten etwas Bestimmtes, Bleibendes festzustellen. — Fox blieb auf die Dauer hiervon nicht unberührt; er schenkte seine Zuneigung einer jungen Dame, die ihm noch ganz passabel erschien, wie er sich ausdrückte, verbot ihr aber, jemals „verhindert“ zu sein. — Alle Damen waren manchmal verhindert, das wußte jeder, niemand fand etwas daran.
Nur der Direktor und seine Familie führten ein streng in sich abgeschlossenes Leben. Was es mit ihm und seiner Frau auf sich hatte, wußte Fox nun auch. Frau Steinert war ursprünglich die Witwe eines Theaterdirektors, der ihren Jahren angemessen gewesen war. Schon zu dessen Lebzeiten hatte Herr Steinert, der unter ihm ans Theater gekommen war, sich erfolgreich um die Gunst des Kindes, ihrer Tochter, bemüht. Der Direktor starb, und nun machte Herr Steinert der Witwe den Vorschlag, er wolle die Tochter heiraten und gleichzeitig die Direktionsstelle des Vaters übernehmen. Da aber deutete ihm die Mutter an, der Weg zu jener Stelle ginge nur über sie selber. So entschloß er sich dazu, sie zu ehelichen. Aber Frau Steinert konnte es nicht verhindern, daß er auch ihrer Tochter weiter in Treue zugetan blieb. Anfangs entrüstet, fand sie sich allmählich damit ab, da er sie selber durchaus nicht vernachlässigte, die erste Zeit wenigstens, und sie in ihrer Tochter das jugendliche Ebenbild ihrer selbst erblickte. Und mit einem gewissen Rechte betonte sie allen Menschen gegenüber das innige Zusammenleben der kleinen Familie. Erst in den letzten Jahren waren die ehelichen Beziehungen erkaltet, und Frau Steinert rächte sich auf ihre Weise: Sie war eine kluge Frau und hatte sich mit jener Ehe, wie sie es nannte, nicht übers Ohr hauen lassen. In allen obersten Entscheidungen blieb das Vorrecht ihr, und dieses Recht übte sie nun rücksichtslos aus; ihr Mann war dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit war sie die erste. —
Wie sie Fox damals erblickte, war es wie ein Sonnenstrahl in ihr alterndes Herz gefallen, und Fox, der ihr zu Dank verpflichtet war, da sie von Anfang an sein Talent durchschaute und auch sein Engagement durchsetzte, begegnete ihr stets mit Ritterlichkeit. Wenn sie allein waren, streichelte sie zuweilen seine Hand und nannte ihn „mein Söhnchen“, was er sich, wenn auch widerwillig, gefallen ließ. — Er war stets der erste, der seine Gage ausbezahlt bekam, und wenn er die letzten Tage fast gehungert hatte, so entschädigte er sich nun gleich durch doppelte Ausgaben, so daß seine Kasse nach vierzehn Tagen schon wieder auf dem Nullpunkt angekommen war. Dann gab es einen Vorschuß, den die Frau Direktor, wie sie mit bedeutender Stimme sagte, nur ihm bewilligte. — Wirklich eine vornehme Frau! dachte er. Sie lud ihn auch manchmal zu sich ein, wenn sie allein war, und setzte ihm sehr viel Likör vor, den sie selber gerne trank. Sie klagte ihm auch nach und nach ihr Leid, wie sie im Grunde eigentlich allein stehe. Er dachte: arme Frau! und da er sich zu ihr auf das Sofa hatte setzen müssen, und sie ihm wie schutzbedürftig die Hand entgegenhielt, nahm und drückte er sie, konnte seine eigene dann aber nicht mehr zurückziehen, da sie sie festhielt. — Ich würde Ihnen ja gern Ihre Gage erhöhen, wenn Sie das wünschen, für Sie tue ich alles was Sie wollen, wenn Sie nur ein wenig Mitleid mit mir haben! Sie war ihm nahe gerückt und jetzt lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Fox befreite sich sanft, aber eindrucksvoll von ihr, stand auf und sagte in vollkommenem Kavalierton: Gnädige Frau, Sie sind schonungsbedürftig! Wollen Sie nicht ein wenig ruhen? Gestatten Sie, daß ich Sie deshalb verlasse. — Sie begriff die Lage sofort. — Jawohl, ich bin schonungsbedürftig, sagte sie in ihrer langsamen Sprechweise, nachdem sie ihn mit einem sinnenden Blick gemustert hatte, Sie haben recht und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie gehen wollen, man sagt das seinen Gästen nicht gern selbst. Leben Sie wohl — nun, heute abend sehen wir uns ja auf der Bühne. —
Fortan bekam er aber keinen Likör mehr zu trinken, und als er das nächstemal um Vorschuß bat, wiegte sie gleichmütig den Kopf hin und her und sagte: Es geht nicht, es geht beim besten Willen nicht, Sie haben nun schon so oft Vorschuß bekommen, mein Mann macht mir Vorwürfe, ich zöge Sie andern vor, und bei denen habe es schon böses Blut gemacht, mein Mann ist Direktor, und da muß ich ihm folgen. — O weh, dachte Fox, jetzt weiß ich was die Glocke geschlagen hat! — Wenn wir alle Ihre Vorschüsse zusammenrechnen, fuhr sie fort, so bleibt Ihnen nicht einmal mehr ein Pfennig Honorar für die ganze Saison. Ich fürchte sogar, Sie müssen mir einiges zurückzahlen. Ich habe alles notiert und kann es schwarz auf weiß beweisen mit den Quittungen! — So redete sie jetzt; und früher — nicht nur jenes letztemal auf dem Sofa — hatte sie ihm angedeutet, daß sie sein Gehalt vergrößern wolle, ja es war ihm so, als sei dieses — wenn auch nur mündlich — fest zwischen ihnen ausgemacht gewesen. Was nun an seinen Geldern Zuschuß, was Gehaltsvergrößerung war, das konnte er kaum mehr auseinanderscheiden. — Er hielt ihr dies jetzt vor. Sie sah ihn wie erstaunt an, dann lachte sie kurz und mütterlich und sagte: Sind Sie aber naiv! Wenn ich heute eine Million gewönne, würde ich sie sofort Ihnen und dem ganzen übrigen Personal abtreten, denn ich habe keine Bedürfnisse und liebe meine Künstler wie eine Mutter ihre Kinder. Aber Ihnen persönlich vor den übrigen einen Vorzug geben — das ist mir niemals eingefallen. — Aber Sie haben mir doch selbst gesagt — — Kurzum, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme wurde plötzlich fast männlich sonor und rauh, kurzum verbitte ich mir derartige Unterstellungen! Ehe Sie Vorzüge vor den andern beanspruchen, zeigen Sie mal Ihre persönlichen Vorzüge! Mein Mann hat ganz recht: Sie verderben uns direkt den Besuch des Theaters! Überall wo man hinhört, heißt es: der langweilige Siegmaringen! Und im Tageblatt steht’s genau so! — Das ist doch nicht meine Schuld! — Ja wessen denn? — Die Schuld von dem Kerl, der das geschrieben hat! Es liegt am Geschmack der Menschen, aber nicht an mir! Kein Mensch kann aus seiner Haut! — Das ist es ja eben! rief sie erregt, Sie stecken immer in Ihrer Haut, und das aus der Haut fahren überlassen Sie dem Publikum! — Auf solchen Ton einzugehen, sagte Fox, sehe ich mich nicht in der Lage. Mit einer eisigen Verbeugung entfernte er sich, und Frau Ida rief hinter ihm drein: Ihnen fehlt eben der Sinn für das Ideale! —
Was Frau Steinert über die Kritik gesagt hatte, entsprach der Wahrheit: Im Tageblatt war zu lesen, die Leistungen des Herrn Siegmaringen seien langweilig und dilettantisch, nachdem er zu Anfang, namentlich mit Charleys Tante, so Eminentes versprochen habe. Man gab der Direktion Winke, diesen Künstler nicht allzusehr zu beschäftigen, lieber in kleinen Nebenrollen auftreten zu lassen, wo er nicht viel verderben könne, und wirklich hatte die Direktion Fox im Laufe der Zeit alle größeren Rollen fortgenommen; selbst Charleys Tante wurde jetzt von jenem jungen Talent gegeben, das Herr Steinert versuchsweise in das komische Fach hatte einspringen lassen, in dem es sich auch vorzüglich bewährte. Der Direktor beklagte den Schaden, der der Kasse erwuchs, indem er dies Talent nun höher honorieren mußte.
Fox merkte, daß er wieder an einem Wendepunkte seines Lebens stand. Niemand borgte ihm hier einen Pfennig, an die Direktion hatte er Schulden, wie er selber einsah, als Schauspieler war er auch fast schon unmöglich — irgendein rettender Sprung mußte getan werden; vor allem mußte er sich Geld schaffen, damit er wenigstens die Mittel hatte einen Plan ins Werk zu setzen. An seinen Vater konnte er sich nicht wenden, seine früheren Freunde würden ihn verleugnen, so blieb nur Pitt.
Viel geschrieben hatten sich die beiden Brüder die letzten Jahre nicht, Fox wußte aber, daß Pitt nun seit geraumer Zeit in einer neuen, einträglichen Stellung saß. Sollte er seine klägliche Lage eingestehen, direkt um Geld bitten? Er schämte sich etwas. Da fiel ihm auf einmal ein Ausweg ein: Pitt besaß noch einen Haufen Aufsätze von ihm im Manuskript, die er ihm damals, als er ihn und Lotte verließ, eingehändigt hatte: Die mußte Pitt jetzt unter allen Umständen in einer Zeitschrift unterbringen, und ihm das Honorar sofort übersenden. Er schrieb an Pitt darüber, und schloß: Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber du weißt wohl vom Hörensagen, daß Künstler leichtblütigen Naturells sind, daß das Geld zwischen ihren Fingern hindurchrollt! Überraschend schnell hatte er das Honorar in Händen, viel mehr als er gehofft hatte. Pitt schrieb, er fühle doch durch, daß Fox das Theater nicht sehr befriedige, und er frage an, ob er geneigt sei, einen literarischen Beruf zu ergreifen? Er könne ihm eventuell zu einer Stellung sehr behilflich sein. Fox ergriff diese Möglichkeit mit beiden Händen; es verging wieder eine kurze Zeit, dann telegraphierte Pitt: Komm sofort. Fox hielt dies Telegramm in den Händen: Wie ein Erlösungsruf blickten ihn die Worte an, und er dachte: Der Pitt ist doch ein guter Kerl, wirklich ein guter Kerl, wenn ich mir diesen Ruf auch höchstwahrscheinlich selber durch meine Artikel geschaffen habe — immerhin — er hat das doch wirklich — also wirklich — — fair gedeichselt! —
Er studierte das Kursbuch und fand, daß der schnellste Zug am Abend gehe, gerade während des letzten Aktes. Ins Theater mußte er also noch. Das würde eine schöne Überraschung geben, wenn er auf einmal nicht mehr da war!
Herr Siegmaringen! schnell, schnell, es ist die höchste Zeit! gleich fällt Ihr Stichwort! rief der Direktor. Fox hatte sich extra absichtlich verspätet. — Sintrup, sagte er, mein Name ist Sintrup, Redakteur Sintrup. — Lassen Sie die Späße! Machen Sie ein einziges Mal so einen Witz auf der Bühne und ich bin zufrieden! Los, schnell! — Fox bequemte sich und spielte schlechter als jemals; hinter der Kulisse agierte Frau Steinert mit beiden Armen, das Tempo zu beschleunigen. Du alte Vogelscheuche! dachte Fox, du wirst heute noch ganz andere Augen machen; und er sprach als wolle er im nächsten Augenblick einschlafen. — In der Pause gab es Vorwürfe, die er grinsend über sich ergehen ließ. — Sie sind wohl betrunken?! fragte Herr Steinert plötzlich: Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich zusammen, ich werde sonst andere Saiten aufziehen. — Ich werde Sie peitschen lassen, entgegnete Fox und sah ihn trocken an. — Allmächtiger Gott, er ist irrsinnig geworden! rief Frau Steinert in klagendem Ton. Der Direktor wollte auf ihn los. — Na Kinder, regt euch nur nicht auf, es war nur Scherz; sagte Fox und lachte. Es ward wieder geläutet, Frau Steinert mußte rasch an ihr Klavier zurück, ihr Mann begab sich an den Vorhang. Es kam der letzte Akt, Fox hatte erst gegen Ende aufzutreten. Fieberhaft kleidete er sich in der Garderobe um — es gab gerade einen Volksauflauf, alle waren auf der Bühne beschäftigt — dann verließ er das Theater; den falschen Bart, den er zu tragen hatte — er bestand aus früher ausgekämmten Haaren der Frau Direktor, behielt er vorläufig noch im Gesichte.
Der Akt verging, es war schon von ihm die Rede, jetzt mußte er erscheinen, die Mitspielenden starrten auf die offene Tür, nachdem einer bereits deklamiert hatte: Doch wer naht da mit schnellem Schritt?! Hinter der Szene wurde geredet, eilige Schritte gingen hin und her, es folgte eine kleine Totenstille, dann fiel der Vorhang. Es drohte eine Panik im Hause auszubrechen, aber der Direktor trat mit schneller Geistesgegenwart vor den Vorhang und erklärte, es sei einem der Mitglieder plötzlich unwohl geworden, nur für einige Minuten. Sie seien gezwungen, eine kleine Pause eintreten zu lassen und dann die letzten Szenen zu wiederholen. Die Herrschaften, so schloß er, delektieren sich wohl inzwischen an den leiblichen Genüssen, die unser allverehrter Herr Restaurateur in so vorzüglicher Weise zu bereiten versteht! Er trat wieder hinter den Vorhang zurück, und nun begann ein fieberhaftes Suchen nach Fox Sintrup. Selbst die kleinsten Orte wurden durchgespürt. Sucht ihn auf dem Markt! befahl der Direktor, vielleicht war ihm vorhin wirklich übel und er hat die Zeit verwechselt und ist an die frische Luft getreten! — Er stürmte selbst die Treppe hinab. Hermann! Hermann! du erkältest dich! rief seine Frau, mein Gott, die heiße Luft, der Schweiß — und mit einem Tuche eilte sie hinter ihm drein.
Trübe, brummig und schweigend lag der kleine Platz da, mit seinen langweiligen einstöckigen Häusern, nur das bunte Schild des Glasermeisters Kuhlemann klapperte im Winde.
Lauf du nach seiner Wohnung, ich renne in die Kneipe! rief der Direktor, wir müssen ihn wieder haben! In fünf Minuten sind wir wieder da!
Im Zuschauerraum hatte sich inzwischen — niemand wußte durch wen und woher — herumgesprochen, Herr Siegmaringen sei plötzlich irrsinnig geworden, Frau Direktor habe es gesagt. Und mit einem Male hieß es: Er rase draußen auf dem Markte. Jetzt erhoben sich einige Neugierige, niemand wollte recht der erste sein, aber dann traten doch ein paar auf die Tür zu, andere folgten schneller, und mit einem Male drängte alles in dicken Haufen die Treppe hinunter und auf den Markt hinaus. In einiger Entfernung blinkte ein Schutzmannshelm. — Dort, dort ist er um die Ecke gelaufen, der Schutzmann hat vorhin jemand um die Ecke laufen sehen! Ein Haufe stürmte in der angegebenen Richtung davon, andere schrien: das war ja der Herr Direktor selber! Inzwischen waren auch die übrigen Schauspieler aus ihren Hinterbühnenräumlichkeiten ins Freie geeilt, als es sich herumsprach, daß das Publikum hinabdrängte und daß Herr Siegmaringen tatsächlich in irgend einem Wahnsinnszustande dort unten sei, der kleine Markt war jetzt belebt und voller Lärm, und die verschlafenen Häuser blinzelten mit müden Augen, die sich hier und da öffneten, in immer größerer Zahl. — Da kommt er! da kommt er! rief jemand und deutete in eine Seitengasse, wo niemand wen vermutete. Wirklich kam eine dunkle Gestalt dahergelaufen. Ihr auf den Fersen folgte eine andere, große, hagere, weibliche, die sich im Laufen die Haare mit beiden Händen festhielt. — Die Frau Direktor hat ihn! Die Frau Direktor hat ihn! Und nun wälzte sich der Knäuel auf die beiden zu. Energisch drängten jetzt die Schutzleute — es waren inzwischen zwei geworden — durch die Haufen, bis zu dem atemlosen Direktor und seiner Gattin. Er ist nicht da, wir finden ihn nicht! rief der Direktor. — Unser Geld, wir wollen unser Geld! riefen einzelne, die Vorstellung ist unterbrochen worden. Der Direktor verkündigte mit lauter Stimme, die Billetts behielten ihre Gültigkeit für dieselbe Vorstellung, worauf man auf dem Markte applaudierte, als befinde man sich in dem Theater selbst. Dann stürmte man zurück ins Haus, zu den Garderoben. —
Niemand wußte vorerst um die tatsächliche Wirklichkeit, nur das wußte man: in der Kneipe war Herr Siegmaringen nicht, und zu Hause auch nicht, denn seine Fenster waren dunkel. — Nur Foxens Freundin ahnte was geschehen sei: Er hatte ihr heute eine Mark geschenkt! Am nächsten Tage ward ihr diese Ahnung bestätigt: Fox war kontraktbrüchig geworden und hatte die Stadt verlassen. Man hätte ihn vielleicht polizeilich verfolgen, auch den Paragraphen der Konventionalstrafe in Anwendung bringen können, aber, was den Paragraphen betraf: Der stand nur auf dem Papier, niemand von all den armen Teufeln am Theater konnte sechshundert Mark bezahlen, und kein vernünftiger Schmierendirektor konnte sich selbst in Unkosten stürzen, eines solchen Trugbildes willen. Und was die polizeiliche Zurückholung anging: Nachdem der erste Zorn verraucht war, sah der Direktor ein, daß er sich im Grunde freuen müsse, diesen Künstler los zu sein, und in diese Ansicht stimmte auch die offizielle Presse ein, die durch das „Tageblatt“ vertreten war, das über den Vorfall am übernächsten Tage einen Leitartikel erscheinen ließ, überschrieben: Nächtlicher Spuk auf unserm Markte, und der mit den Sätzen schloß: Der Direktion können wir zu ihrem Verlust nicht kondolieren, da dieser Verlust in unseren Augen nur einen negativen Gewinn bedeutet. Unser allverehrter Herr Direktor würde sich auch wohl nie entschlossen haben, diesen Künstler zu engagieren, wenn er nicht damals gezwungen gewesen wäre, der Not zu gehorchen und nicht dem eigenen Triebe. Damit rühren wir in manchem unserer Leser eine Erinnerung auf, die wir einem größeren Leserkreis nicht aufzutischen gedenken, da wir, fern von aller kleinstädtischen Klatschsucht, unsern verehrten Abonnenten nur wirklich Gediegenes zu bieten gewohnt sind. Eine Frage aber drängt sich uns unwillkürlich auf, und wir reden hier im Namen von vier Herren unserer hohen Gerichtsbarkeit: Wie und wann begann die Mystifikation? Hatten wir es zu tun mit einem stellensuchenden Schreiber, mit einem Klaviervirtuosen, mit einem Schauspieler, oder nur mit einem — Schwindler?! —
Zehntes Kapitel.
Nachdem Herta sich von Pitt getrennt hatte, folgte eine Zeit der Zerrissenheit für ihn. Er sehnte sich nach ihr zurück, er rief ihren Namen, — und dann wieder war es, als ob er sie eigentlich überhaupt nicht vermißte. Er bildete sich ein, mit Herta alles verloren zu haben, und doch wußte er im Grunde, daß seine Liebe keine Leidenschaft gewesen war. Was er empfinden konnte, hatte er empfunden, und wenn er früher seine Liebesunfähigkeit damit getröstet hatte, daß ihm nur noch nicht der Mensch begegnet sei, durch den sein dürrer Boden befruchtet werde, so wußte er nun, daß er diesen Menschen niemals finden würde, daß seine eigene, innere Kälte ihn im letzten Grunde stets von allen Menschen entfernt hielt und immer einsam stehen lassen würde. Aber wie kam es dann, daß sein Gefühl ihn stets wieder zu den Menschen trieb, daß er seine Einsamkeit als etwas so Entsetzliches empfand? Sollte er abermals den Versuch machen, den Nebel zu durchbrechen, der um sein Wesen lag, so fest und ewig wie um Weltenkörper? Er schloß sich ganz in sich ab und dachte: Besser eine allgemeine graue Öde als eine Öde in die ab und zu Licht hineinscheint, das dann wieder verschwindet. —
Er wandte sich ganz der Arbeit zu. Aber diese Arbeit schien ihm leer und lästig, da er überhaupt nicht das mindeste Interesse hatte für die Schicksale fremder Menschen, für ihre Klagen und ihren Schrei nach dem Recht. Das alles kam ihm komisch und nichtig vor. Soll dieses ewig so weiter gehen? dachte er manchmal, und überlegte, ob er nicht alles aufgeben und davon gehen sollte. Aber was blieb ihm dann? Wovon sollte er leben? Er hielt es noch einige Zeit aus, und gerade, als er wieder einmal auf seinem Sofa saß und darüber nachdachte, daß irgendein Wechsel eintreten müsse, traf ihn die Nachricht von dem Testamente seiner Mutter. Sofort war sein Entschluß gefaßt: Er brach seine beruflichen Beziehungen ab und wollte sich in die Welt begeben. Er erwartete nichts von ihr als Zerstreuung, aber die war ihm auch genug. Er reiste, trieb sich mehrere Jahre in verschiedenen Ländern herum, nahm an flüchtigen Erlebnissen mit was sich ihm bot, und kehrte endlich ebenso beschwert und unbeschwert in seine Stadt zurück, wie er von ihr ausgegangen war. Daß er gerade hierhin zurückging, und nirgend wo anders, war für ihn so selbstverständlich, daß er gar nicht über den Grund nachdachte. Diese Stadt war ihm, trotzdem er nicht viel Glückliches in ihr erlebt hatte, wie seine Heimat, nach der es ihn schließlich, je mehr die Zeit vergangen war, immer dringender zurückgezogen hatte. Am Tage nach seiner Ankunft ging er zum Haus der van Loo, sah es lange an und dachte: Es steht noch immer da. — Von seinem Geld hatte er soviel zurückbehalten, daß er noch bequem einige Monate leben konnte, auch, nachdem jene erste unvorhergesehene und große Summe für seinen Bruder Fox davon abgezogen war; was werden sollte, wenn dieses Geld aufgezehrt war, wußte er nicht, aber als letzte Lösung begann seit einiger Zeit der Gedanke im Hintergrund zu stehen: Das Leben ist mir so wenig wert, daß es nicht allzuschwer sein wird es zu verlassen. Dieses war ein letzter Ausweg, und er beruhigte ihn halb, obgleich er ahnte, daß er ihn doch niemals gehen werde, da ihm zu jeder Gewaltsamkeit die Energie fehlte.
Er tat nun gar nichts, las viel in philosophischen Werken, auf dem Sofa, ganz so wie in früheren Zeiten, und suchte Zerstreuung in literarischen und dramatischen Vereinen. —
Großer Gott, dachte er eines Tages, indem er von seinem Fenster aus einer Dame nachsah, die ihn gerade verlassen hatte, sollte die sich etwa den Gestalten der Vergangenheit anreihen wollen? Bisher habe ich doch wenigstens keinen schlechten Geschmack gehabt! —
Diese junge Dame war Fräulein Heine, Tochter eines sehr reichen Bankiers, die er auf einem jener Vereine kennen gelernt hatte. Sie war nicht eben groß, hatte schwarzes Haar und trug fast stets ein rotes Kleid aus sehr feinem, teurem Stoff. In den Kaufmanns- und Bankierskreisen, die mit dem Hause ihres Vaters in freundschaftlicher Beziehung standen, galt sie für exklusiv und hochmütig; auch sei sie schöngeistig veranlagt und werde ihrem Hause gewiß einmal die Schande antun, irgend einen hergelaufenen Literaten zu heiraten. —
Fräulein Heine nun warf ihr Auge auf Pitt Sintrup, der einen so ganz besonderen germanischen Typus hatte, und eine so wundervolle feine Ironie, die beinah wieder wie Ernst klang, so fein war sie! Sie merkte, daß an diesem Menschen irgend etwas war, das sie noch bei keinem andern Manne kennen gelernt hatte, und beschloß ihn zu studieren.
Sie war äußerst belesen und wußte ihn in Gespräche über die verschiedensten literarischen Probleme zu verstricken, und er, halb gutwillig, halb zerstreut, konnte doch nicht anders als ihren Verstand anerkennen, so wie der sich auf Dinge richtete, die nicht sie selbst betrafen. Sie fragte ihn auch sehr viel nach seinem Leben, nicht allgemein, sondern indem sie ihre Sätze so detaillierte und formulierte, daß er einfach mit ja und nein zu antworten brauchte. Dadurch erfuhr sie eine ganze Menge, denn Pitt sah durchaus keinen Grund mit seinen ja und nein zurückzuhalten, manchmal freute er sich sogar gespannt auf irgendeine neue Frage, die er herannahen fühlte, und dachte: Wie wird sie das jetzt wohl hervorbringen?! Sie kam immer öfter zu ihm, und wenn sie ihn anfangs zerstreut und belustigt hatte, wurde sie ihm auf die Dauer nur noch lästig. Sie erzählte ihm auch, daß sie ihn liebe; sie habe nichts zu verbergen, so sagte sie, was für ihr eigenes Ich von so großer Wichtigkeit wäre, und was — allgemein gesprochen — im Leben eines jeden Individuums einen so großen Faktor bedeute. Hierzu lachte er nur, und meinte, daß er sie nicht wieder liebe, worauf sie entgegnete, das sei auch nicht verwunderlich, bei dem einen käme die Liebe rascher — das seien die eigentlich Dionysischen, bei den andern langsamer; für diese letzten hatte sie keine nähere Bezeichnung. — Er begann grob gegen sie zu werden; das machte ihr gar nichts: Ich liebe diese Grobheit, sagte sie, es tut einem wohl, einmal wieder eine natürliche Sprache zu hören, wenn man täglich die größten Schmeicheleien gesagt bekommt, das stumpft allmählich ab. — Wie viele Jahre bekommen Sie die schon zu hören? fragte Pitt. — Wenn ihr seine Grobheit zu arg wurde, schlug sie ihn burschikos auf die Schulter.
Sein Leben, wie es jetzt war, erschien ihr wahnsinnig; so wie es lag, gab es absolut keine Zukunft für ihn. Sie drang in ihn, er solle seine juristische Karriere wieder aufgreifen, bei seinen eminenten Fähigkeiten werde er bald viel Geld verdienen. Bei näherem Nachdenken aber sah sie selbst ein, daß er sich für einen solchen Beruf nicht eigne. Sie zerbrach sich oft den Kopf, ob sie selbst nicht eine Stellung für ihn wisse oder schaffen könne, die für ihn passend sei, und eines Tages erschien sie angeregt in seinem Zimmer. — Setzen Sie sich nicht, sagte Pitt, die Stühle sind frisch gestrichen! — Nach einem flüchtig konstatierenden Blick antwortete sie: Sie Grobian! und ließ sich nieder. Darauf machte sie ihm ihren Vorschlag: Es handelte sich um die Übernahme einer Redaktionsstelle.
Ihr Vater war Inhaber und Begründer einer Handelszeitschrift, die ein literarisches Feuilleton als Anhang hatte. Der jetzige Redakteur für diesen Teil hatte seine Stelle plötzlich aufgegeben, man brauchte Ersatz. Herr Heine verstand von Literatur und Kunst nicht das mindeste, seine Tochter hatte in diesen Dingen großen Einfluß auf ihn, sie hatte ihn auf Pitt Sintrup hingewiesen, das sei der Mann der Zukunft! Herr Heine wollte reelle Belege dafür sehen, und sie gab ihm einfach Besprechungen und Aufsätze, die Fox einst gemacht hatte und die sie einmal mit nach Hause nahm, um auch diesen Bruder geistig kennen zu lernen. Er las diese Artikel, die neben manchem ihm Unverständlichen auch sehr vieles enthielten, was er selbst oft gedacht hatte, wenn er aus dem Theater kam, und sagte: Ein solcher Mensch sei ihm ganz recht; etwas Unverständliches müsse heutzutage bei jeder schöngeistigen Sache mit unterlaufen, er selbst pfeife darauf, aber das sei modern, das ziehe. — Von diesen untergeschobenen Artikeln sagte sie Pitt nichts, da er ihr dann vielleicht alles zerstört haben würde. — Pitt machte ein verächtliches Gesicht und sagte, er wolle nicht. Sie ließ sich aber nicht abschrecken. Ein Mensch wie Sie, sagte sie, braucht eine Tätigkeit, die er als Nebenbeschäftigung, als Spiel ansieht, die ihm Geld abwirft, damit er leben kann. Ich garantiere Ihnen, Sie haben dort nicht viel zu tun!
Pitt horchte auf. — Nein, fuhr sie fort, schüttelte den Kopf und stieß mit dem Schirm auf den Boden, das garantiere ich Ihnen! Sie haben nichts weiter zu tun als täglich ein paar Manuskripte zu überfliegen. Sie sehen ja doch gleich nach den ersten Sätzen, ob eine Sache gut ist oder nicht. Dann akzeptieren Sie oder refüsieren Sie, je nachdem. Für alles Gröbere, Untergeordnete ist ein Nebenredakteur da, der unter Ihnen steht. Also — sagen Sie zu? Gehen Sie gleich mit mir zu meinem Vater! — Da er nicht antwortete, stand sie auf, holte seinen Hut, stieg auf einen Stuhl und drückte Pitt von oben mit einem Schlage seine Kopfbedeckung auf die Haare. Er tat sie ebenso schnell wieder herunter und warf sie auf den Tisch. Fräulein Heine stellte sich dicht vor ihn hin, sah mit lächelndem Blick zu ihm auf, ihr Kinn berührte fast seine Brust. Na?! fragte sie aufmunternd, kann der Herr sich nicht entscheiden?
Ich will mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben! sagte Pitt aus einem plötzlichen Gefühl heraus, suchen Sie sich lieber einen Menschen aus Ihrer Clique! — Sie lachte trocken und meinte dann mit ihrer resonanzlosen, etwas staubigen Stimme: Morgen komme ich wieder, ich hoffe, bis dahin sind Sie klüger geworden. —
Pitt hatte ein starkes Gefühl gegen diese Sache. Wäre sie ihm noch von jemand anders angeboten — aber gerade von Fräulein Heine — —! Doch schließlich verpflichtete ihn das ja zu gar nichts. Das Gehalt, was sie ihm nannte, war so hoch, daß er mit seinen geringen Ansprüchen sehr bequem leben konnte, und er war, wenn er annahm, wieder einmal für ein paar Jahre gerettet. Im Grunde war es ihm egal, ob er Redakteur wurde oder nicht; also konnte er es ja werden, da er dadurch Geld verdiente, auf eine bequeme Art und Weise.
Am nächsten Nachmittag fuhr er aus seinem Schlafe, da es sehr stark gegen die Zimmertür klopfte. —
Sie schon wieder! sagte er, als er Fräulein Heine erblickte — er hatte die ganze Sache in diesem Augenblick fast völlig vergessen. — Jawohl, ich schon wieder! sagte sie und machte breite Lippen, als wollten sich die ganz besonders durchsetzen. Nun, haben Sie sich jetzt entschlossen? Wachen Sie doch vor allem erst einmal völlig auf! — Pitt riß die Augenlider auseinander, dann wußte er plötzlich genau um alles Bescheid und gab nun zögernd seine Zusage. Während er sprach, betrachtete sie ihn mit zurückgeworfenem Kopf und humoristisch überlegenen Augen, als wolle sie sagen: Du Kind, begreifst du nun, daß ich es gut mit dir meine?!
Am Spätnachmittag machte er ihrem Vater einen Besuch. Klein, grau, gut gepflegt, sehr gemessen in seinen Bewegungen stand der vor ihm, bei der folgenden Unterhaltung zündete er sich eine Zigarre an und stieß lange Rauchwolken aus, wie eine gutgeleitete Fabrik, die einmal auch noch nach Feierabend in Betrieb ist. — Fräulein Elsa trat herein, sie begrüßte Pitt mit freundlich-herzlichen Worten, — er machte ihr eine etwas unsichere Verbeugung — und nötigte ihn wieder auf seinen Platz. — Sie hatte etwas Angst, ihr Vater könne sich im Laufe des Gespräches auf jene Foxschen Artikel beziehen, aber das tat Herr Heine nicht, es wäre ihm dies ebenso zwecklos erschienen, als wenn er über eigene vergangene Unternehmungen irgendein überflüssiges Wort verloren hätte: Er wußte von Herrn Dr. Sintrup Bescheid, das genügte. Während er über die Einzelheiten der Zeitschrift redete, warf Fräulein Heine diese und jene erläuternde Bemerkung ein, die Pitt mit einer leisen Verbeugung erwiderte; aber seine Gedanken irrten ab, und als Herr Heine für einen Augenblick ans Telephon gerufen wurde, fuhr Fräulein Elsa protegierend auf ihn los: Sie trauen sich viel zu wenig zu! Entwickeln Sie ein Programm! Lassen Sie ein paar Schlagwörter los! — und rüttelte ihn am Arme. — Was fällt Ihnen denn ein? sagte Pitt, lassen Sie mal sofort Ihre Hand von meinem Arm! Herr Heine kam zurück, die beiden waren plötzlich wieder ganz gesellschaftlich, aber während die Unterhaltung von neuem aufgenommen wurde, stand Fräulein Elsa, in Erwartung der Wirkung ihrer Worte, wie eine kleine Kanone da, deren Lauf auf Pitt gerichtet war. — Ich möchte jetzt gern mein Programm entwickeln! sagte Pitt, aber Herr Heine meinte, mit diesen Einzelheiten möge er sich lieber an den Chefredakteur wenden, dem er überhaupt in der ganzen Frage die letzte Entscheidung anvertraut habe. Pitt hatte sich in aller Schnelligkeit eine Rede mit allerlei Gesichtspunkten ausgedacht, die sparte er nun auf. Ihm erschien die ganze Sache mit einem Male lustig und unterhaltend.
Stecken Sie Ihre Hoffnungen nur nicht zu hoch! sagte der Chefredakteur, Herr Wolf, ein Herr mit dichtem, schwarzem Schnurrbart und glattrasierten blauen feisten Wangen — nachdem Pitt alle Gesichtspunkte, die sich für ein literarisches Organ finden lassen, erörtert hatte: Der literarische Teil ist bis jetzt nur eine Art von Anhängsel, und muß es vorerst auch noch bleiben, so sehr ich Ihrer Tatkraft ein größeres Arbeitsfeld wünschte. —
So war Pitt wirklich Redakteur geworden. Herr Wolf geleitete ihn am ersten Morgen in das literarische Arbeitszimmer und stellte ihm den Unterredakteur, Herrn Bertold vor, ohne jedoch dessen Namen zu nennen. Dies war ein blonder junger Mann mit einem Getümmel von Haaren auf dem Kopf. Wie eine Bildsäule stand der da, als Herr Wolf die Worte sprach: Das ist der Herr, mit dem Sie, Herr Doktor, künftig an einem Tische arbeiten werden; in den technischen Betrieb der Sache kann er Sie vorzüglich einführen, denn das versteht er. Im übrigen werden Sie ihn ja wohl selbst kennen lernen. — Bei diesen letzten Worten errötete Herr Bertold bis an die Haarwurzeln und sah Herrn Wolf halb herausfordernd, halb untertänig an. Dann entfernte sich Herr Wolf, und Pitt blieb mit Herrn Bertold allein; setzte sich ihm gegenüber und wartete, daß er in den Betrieb eingeführt werde. Aber Herr Bertold blickte nicht von seinen Papieren auf und Pitt harrte vergebens, daß nun etwas mit ihm selbst geschehen solle. — Was hat denn der? dachte er, als Herr Bertold zwischendurch die Papierschere ergriff und dabei einen tief verletzten Blick auf ihn warf. Und als er wieder so einen Blick bekam, sagte er: Ich kann ganz wahrhaftig nichts dafür, daß ich hier sitze; bitte, wie lange muß man vormittags hier bleiben? Weshalb antworten Sie mir nicht?! — Da legte Herr Bertold seine Schere weg: Habe ich Ihnen zu antworten? Muß ich Ihnen Rede stehen? Hat man es der Mühe wert gehalten mich gesellschaftlich mit Ihnen bekannt zu machen? O ich weiß ganz genau: das sind wieder so raffiniert ausgedachte Demütigungen, bei jeder Gelegenheit zeigt man mir es auf die roheste Weise, daß ich ein Unterbeamter bin; natürlich hat man Sie bereits angesteckt; alle von da drüben — er deutete auf die nebenan liegende Räumlichkeit — benehmen sich auf die gleiche Weise — das ist so Mode hier, das ist höchste Gebildetheit! — Er hatte seine Stimme sehr stark erhoben. — Was ist denn da los? fragte Herr Wolf, indem er seinen dunklen Kopf ins Zimmer steckte. Herr Bertold sah ihn mit verwirrten Augen an und sagte unsicher: o gar nichts, ich erzählte nur gerade etwas — worauf Herr Wolf die Tür mit einem bedeutenden Blick wieder schloß. — Sogleich gingen Herrn Bertolds Augen wieder groß und bitter auf Pitt Sintrup: Demütigen muß man sich vor diesen Menschen — und warum? Weil man sonst auf die Straße fliegt und verhungern kann! — Wenn Ihnen was an meinem Namen liegt — — sagte Pitt und nannte ihn. Irgend etwas an diesem Menschen war ihm sympathisch. Herr Bertold sah ihn unsicher an und fuhr fort, in sanfterem Ton: Sie müssen es mir nicht übelnehmen wenn ich mißtrauisch bin gegen alles, was da von nebenan hereinkommt. — Ich habe diesen Herrn erst gestern kennen gelernt, sagte Pitt. — Durch wen sind Sie denn hier in die Redaktion hereingekommen? fragte Herr Bertold etwas zutraulicher. Wohl durch Fräulein Heine? Pitt nickte, worauf Herr Bertold so blanke Augen machte als sei dies der beste Witz, den er noch in seinem ganzen Leben gehört habe. — Pitt hielt es für angemessen, sich nicht nach der Ursache dieses Grinsens zu erkundigen. — Er wurde nun in den Betrieb der Sache, wie es Herr Wolf genannt hatte, eingeführt, lernte alle Fächer und Schubladen kennen, in denen die verschiedenen Arten der Manuskripte lagen, die Namen der ständigen Mitarbeiter und ihre Funktion — Herr Bertold nannte sie samt und sonders Idioten — die Einteilung der Zeitschrift selbst in ihren Einzelheiten, den Termin des wöchentlichen Druckes, der Korrekturen und der Auslieferung.
Zu Anfang ließ sich Pitt seine Tätigkeit etwas schwer werden; das Manuskriptlesen machte ihm noch einigen Spaß, auch die Aufmunterungsschreiben an faule unzuverlässige Mitarbeiter und die Besuche der ständigen Kritiker — es gab auch allwöchentliche Theater- und Konzertbesprechungen — und es schien, als wolle er so etwas wie eine wirkliche künstlerische Tendenz durchführen; aber er erlahmte schon in den Anfängen. Wenn die Kritiker auf seine prinzipiellen Ausstellungen hin erwiderten: Sie machten das nun schon seit Jahren so und das Publikum sei noch stets zufrieden damit gewesen, das Publikum verlange so etwas geradezu — so dachte er schließlich: Nun ja, — und für das Publikum wird ja auch das Ganze gemacht und nicht für mich. — Mit Herrn Bertold kam er außerordentlich gut aus. Manchmal schwebte es ihm auf der Lippe zu sagen: Könnten Sie nicht dieses und jenes unternehmen statt meiner — aber es fiel ihm ein, daß Herr Bertold ja Unterredakteur war, Herr Bertold erschien ihm dann wie die Verkörperung des ganzen Unternehmens selbst — das Pitt an die erste und nicht die zweite literarische Stelle gesetzt hatte — wie seine eigene Obrigkeit gleichsam, die solches Ansinnen gerügt haben würde. Aber Herr Bertold selbst kam ihm zu Hilfe. Zu Anfang dachte er — so wie der Chefredakteur — Pitt sei von großen Plänen und starker Tatkraft beseelt, bis er dann allmählich merkte, daß Pitt sich über alles und sich selbst im Grunde nur lustig machte. Daß dies nicht einem Mangel an Fähigkeiten entsprang, fühlte Herr Bertold auch, und so erschien ihm Pitt nur wie ein Wesen anderer Art und vielleicht höherer Art als er sich selber. Mit halb freundschaftlicher, halb devoter Stimme fragte er, ob er ihm nicht das eine oder das andere abnehmen dürfe. Hocherfreut ging Pitt darauf ein.
Und alsbald schaltete und waltete Herr Bertold, immer unter dem Siegel von Pitts Unterschrift. —
Es geht gut, es geht vorzüglich! sagte Herr Wolf, seit Ihrem Eintritt ist ein ganz anderer Geist in die Sache gefahren! Nach Ihrer ersten Unterredung damals hätte ich gar nicht geglaubt, daß Sie einen solchen Sinn für das rein Aktuelle hätten! — Ja ja, antwortete Pitt, darauf kommt alles an! und er erschien sich in diesem Moment fast wie sein Bruder Fox. —
Fräulein Heine gratulierte ihm zu seiner Genesung, wie sie es nannte; ich bin der Engel, sagte sie, der Sie gerettet hat. Wissen Sie noch, wie zerfahren Sie zu Anfang gewesen sind? Morgen hole ich Sie von der Redaktion ab und gehe mit Ihnen in die Bildergalerie; ich bin mir über die Stellung Kranachs in der deutschen Malerei nicht ganz klar und möchte, daß Sie mir vor den Bildern sagen, was Ihre Ansicht ist. Später gehen Sie dann zu uns zum Essen.
Dies ist eine recht üble Karikatur der Vergangenheit! dachte Pitt, indem seine Gedanken zu Herta zurückgingen, ich muß dafür sorgen, daß es nicht zu toll ausartet, obgleich es mich jetzt schon manchmal elend macht. —
Seit sie Pitt jene Redaktionsstelle verschafft hatte, glaubte Fräulein Heine sich zu größeren Anforderungen berechtigt. Sie schlug einen freieren, entschiedeneren Ton gegen ihn an, und Pitt kam in eine schwankende Lage. Zunächst spielte er noch zwei Rollen ihr gegenüber: Sah er sie allein, so sprach er in seiner alten Weise, sah er sie im Hause ihrer Eltern, redeten beide mit freundlicher Hochachtung zueinander. — Es freut mich fast, sagte sie einmal zu ihm, daß Sie im Grunde so zäh Ihren Standpunkt gegen mich behaupten — obgleich es mich auch kränken müßte; aber es zeigt mir, daß Sie eine wirklich vornehme Seele besitzen: Andere an Ihrer Stelle würden sich zum Gegenteil bemühen und mir den Hof machen, denn schließlich — prüfen wir doch mal die Sache vom allgemeinen menschlichen Standpunkt, ich meine so, wie gewöhnliche Menschen sie ansehen würden: Ich habe Sie in diese Stellung hineingesetzt und kann Sie ebenso leicht wieder daraus vertreiben. Sie wissen es und riskieren es: Das zeigt mir Ihre stolze Seele. Glauben Sie aber, daß Sie nichts dabei riskieren, so zeigt mir das wieder, daß Sie mich für eine vornehme Seele halten, die erhaben ist über die Kleinheit der andern Menschen! — Ich halte weder Sie noch mich für eine große Seele, sagte Pitt gelangweilt, und im übrigen ist mir alles ganz egal. — Sie sah ihm skeptisch in die Augen, mit ihrem etwas nackten Blick, dann hielt sie ihm die Hand zum Abschied hin. Er nahm sie auch, da schob sie sie an seiner Brust hinauf, bis sie fast seinen Mund berührte. — Ich küsse niemals Damen die Hand! sagte Pitt. Sie schwankte einen Augenblick, dann zog sie die seine durch die Luft zu sich nieder, ein kleiner Knall wurde laut, und sie sagte: Küsset die Hand so euch züchtigt; heißt es nicht so irgendwo in der Bibel? Und ich kriege Sie doch noch rum, passen Sie nur auf! —
Ich will sie nicht zu sehr reizen, dachte Pitt zuweilen, denn wenn sie auch von ihrer großen Seele spricht — es wäre schade, wenn ich diese gute Stellung so schnell wieder verlassen müßte; sie ist doch eine Art von vorläufigem Ruhepunkt. — So erreichten ihre Worte die Absicht, in der sie gesprochen waren.
Pitt wurde sehr oft in das Haus der Familie eingeladen und er sah Fräulein Elsa schließlich mehr in dem Kreise der Ihren als allein, denn sie vermied es jetzt fast ihn außerhalb ihres Hauses zu treffen. Um so ausgiebiger widmete sie sich ihm im Beisein der andern. Pitt konnte nicht anders als höflich auf ihre Interessen eingehen, die wieder mit seinen eigenen verknüpft erschienen, sie sang vor, am Klavier, er mußte loben, wenn ihn Frau Heine, eine etwas üppige Dame, ermunternd ansah, er mußte auch Elsas Gedichte lesen und sich in deren Inhalt vertiefen, und ihr Maltalent bewundern, denn Fräulein Heine malte Stilleben.
Sie erreichte was sie wollte: Zunächst konnte er, wenn er sie allein sah, überhaupt keinen rechten Ton zu ihr finden, der alte frühere erschien ihm selber stillos, wo er sie jetzt die meiste Zeit als Dame sah und als Dame behandelte, und so kam es, daß er allmählich gar keinen Unterschied mehr machte, ob er sie nun allein oder in ihrem Hause sah, daß er ihr stets mit einer reservierten Freundlichkeit begegnete. Sie ergriff sofort vollkommen Besitz von diesem neuen Zustand, und als er einmal, wie aus Versehen, in seinen alten Ton zurückfiel, sah sie ihn halb kühl, halb herzlich an und sagte: Ich dächte, diese Zeiten wären nun vorbei!
Pitt wußte genau, daß bei allem diesem ein Plan vorlag und daß er selber in eine schiefe Situation hineingeraten war, aber was sollte er machen?! Er hatte einmal die Gastfreundschaft dieser Menschen angenommen und lebte von seiner Stellung, die er durch Fräulein Heines Bemühungen erhalten hatte, und dieses alles forderte, wenn auch keine Dankbarkeit, so doch einen guten höflichen Ton und einige Rücksicht, um so mehr als er merkte, daß Elsas etwas jüngerer Bruder Egon anderen Schlages war als die übrigen, von einem viel größeren Takt, einer fast wortlosen Zurückhaltung, und einem Feingefühl, das auch die leisesten ironischen Schattierungen im Tone eines andern heraushörte; er zog sich meistens zurück, sobald es die gesellschaftliche Höflichkeit zuließ, denn die ganze Art der Konstellation dieses Verhältnisses war ihm unsympathisch und peinlich. Er fühlte sehr wohl seiner Schwester Absicht und Pitts wahre Empfindung ihr und dem ganzen Hause gegenüber.
Bis jetzt hatte Fräulein Heine ihre Liebe noch mit ziemlicher Fröhlichkeit getragen, noch niemals sie als irgend etwas Schweres empfunden; aber das wurde auf einmal anders.
Eines Abends war sie Pitt immer näher gerückt und hatte heiße, rote Backen bekommen. Wie Pitt dann gegangen war und sie mit ihrer Mutter allein blieb, sagte Frau Heine, die sie sehr beobachtet hatte, mit pathetischer langsamer Stimme: Elsa, Elsa, wie steht es mit deinem Herzen?! — Da fühlte sich Fräulein Heine plötzlich wie von einem großen Schicksal übermannt, von dem sie kurz zuvor selbst keine Ahnung gehabt hatte, sie brach in Tränen aus und sank ihrer Mutter mit einer großen Bewegung in die Arme. Es folgte ein Schweigen. — Diese unselige Redaktion! sagte Frau Heine endlich, erst lerntest du den Bertold kennen, im literarischen Verein, dann ruhtest du nicht, bis er seine Position bekam und schienst bis über die Ohren verliebt in diesen armen Teufel! Du schafftest ihm neue Anzüge an, bezahltest seinen Arzt und ließest ihm sogar goldene Plomben einsetzen, da seine eigenen dir zu vulgär waren. Auf einmal lernst du diesen Sintrup kennen — es mag ja sein, daß er wirklich der richtige Mann war für die Position, die er dann bekam — das gehört nicht hierher — und nun war alles mit einem Male aus mit dem Bertold. Ich danke ja Gott, daß es aus war, ich ahnte damals schon es müsse irgend etwas dahinterstecken, aber daß du nun wirklich diesen Sintrup liebst, das — ahnte ich zwar auch schon, aber wirklich bestätigt sehe ich es erst heute abend. Schlag dir das aus dem Kopf! Egon sagt, er macht sich über uns alle miteinander lustig! Und über dich am allermeisten! — Das tat er früher! sagte Elsa hastig und heftig, aber jetzt tut er es nicht mehr, er hat selber eingesehen wie ich es gut mit ihm meine, und er zeigt das in seinem ganzen Wesen! Du hast ihn ja früher garnicht gekannt! Aber auch schon damals habe ich deutlich gefühlt, daß ich ihm absolut nicht gleichgültig war. Er war grob und impertinent zu mir, das ist man nicht zu Menschen, die einem egal sind! Er war darin geradezu erfinderisch, und alles kam in einem so herzlichen, kameradschaftlichen Ton heraus, ich regte ihn durch mein etwas burschikoses Wesen, das ihm neu und anziehend war, direkt zu Impertinenzen an! Ich empfand so deutlich, daß er sich wohl dabei fühlte und gar nicht irritiert, auf mich persönlich war das alles ja auch gar nicht gemünzt, es entsprang nur einem überschüssigen Teil an Geist und Witz, den ich gerade in ihm auslöste, weil er in mir unbewußt eine ihm verwandte Natur empfand! Er mag sich wohl im Anfang gewehrt haben, ich glaube ja auch nicht, daß er jetzt schon direkt verliebt in mich wäre, aber in der kurzen Zeit hat er einen Riesenschritt getan, und heute abend: Ist er auch nur eine Spanne weit von mir fortgerückt, hat er nicht ganz still gehalten?!
Mit diesem Abend trat in Fräulein Elsa eine Wandlung ein. Sie fühlte sich nicht mehr ganz sicher vor den Augen ihrer Mutter, wenn Pitt zugegen war, horchte unwillkürlich selbst mit feinerem Ohr, wenn er etwas sagte, um zu hören ob es wahr sei was Egon behauptet hatte. Er dagegen fühlte ihre neue Unsicherheit auch ihm selbst gegenüber, sie überschüttete ihn plötzlich mit Geschenken, und bei irgendeiner Kleinigkeit, die er gar nicht böse gemeint hatte, fuhr sie verletzt in die Höhe, daß er sie ganz erstaunt ansah. —
Sie wurde launisch und unberechenbar. Manchmal tat sie ganz intim, dann plötzlich, irritiert durch seine Gleichmütigkeit, schien sie kalt und abweisend. Einmal schickte sie ihm einen großen Blumenstrauß, und auf ihrer Karte stand: wegen gestern. Er wußte nicht was das zu bedeuten hatte, ahnte nicht einmal, ob sie meine, daß er sie oder daß sie ihn gekränkt habe, und antwortete ihr infolgedessen gar nicht. Als er sie wiedersah, war sie verschlossen und still, antwortete nur durch große fragende Blicke, wenn er etwas sagte, und wollte ihn dadurch zwingen, selbst von dem Blumenstrauße zu reden anzufangen. Er dachte aber gar nicht daran; so bezwang sie sich schließlich mit dem Gedanken: Geduld, Geduld, ich kriege ihn doch noch! Und dann redete sie wieder in ihrer früheren Art.
Er hatte jetzt jedesmal, wenn er von der Redaktion nach Hause kam, Furcht, es könne irgendeine Nachricht von Fräulein Heine auf seinem Tische liegen, was auch meistens der Fall war. Denn schließlich verging kaum ein Tag, ohne daß sie sich irgendwie fühlbar bemerklich machte. Er konnte sie überhaupt kaum noch sehen. Wenn er ihre trockene Stimme im Vorplatz hörte, überlief ihn schon ein irritiertes Gefühl, und die Abneigung steigerte sich mit jedem Tage. Wenn er zu Hause in einem Buche las, schob sich zwischendurch ihr Bild in seine Gedanken, und eine nervöse Unruhe ergriff ihn. Dann konnte er nicht anders als alle Augenblicke von seinem Buch auf durch das Fenster auf den Platz vor seinem Hause sehen, zu jener Ecke hinüber, aus der sie herauskommen mußte, wenn sie zu ihm auf Besuch ging. Und richtig! Irgendwann war jene Ecke nicht mehr leer, bewegte sich da ein rotes Kleid, und oben saß ein Kopf drauf, der suchend auf sein Fenster blickte. Und die Wirkung ihrer Augen, selbst in die Ferne, durch die Fensterscheiben hindurch, war eine latente Raserei in ihm. Dann pfiff sie womöglich noch ein Signal, das sie sich ausgedacht hatte, und endlich stand sie vor ihm. Mit Wut im Herzen konnte er doch nicht anders als höflich sein. Was war dies für ein höchst abscheulicher Zustand! Den Verkehr einfach abbrechen — das konnte er nur dann, wenn er seine Redaktionsstelle aufgab. Diesen Gedanken schob er immer wieder zurück. Aber immer heftiger meldete er sich wieder, zumal Fräulein Heine kürzlich — wie zum Scherz, aber mit sehr nervösem Tonfall — darauf zurückkam, daß er doch eigentlich seine Stelle nur ihr zu verdanken habe. Wenn er auch wußte, daß sie die Drohung, die hierin versteckt schien, niemals wahr gemacht haben würde, um ihrem Charakter keine Blöße zu geben, so wurde die Situation für ihn dadurch doch noch peinlicher. Er fühlte, daß es über kurz oder lang zu einer Entscheidung kommen mußte. Vorerst hielt er noch eine Zeitlang aus. Mehrmals kränkte er Fräulein Heine, aber sie überwand die Kränkungen, freilich jedesmal schwerer. Eine große Erbitterung war allmählich in ihr aufgewachsen, sie fühlte, daß es doch nicht so leicht war, Pitt Sintrup zu gewinnen, und je mehr sie sich in das Gefühl ihrer eigenen Liebe hineingeredet hatte, um so verletzlicher wurde sie gegen jede kleinste Äußerung seiner Gleichgültigkeit. Es bedurfte schließlich nur eines geringsten Anlasses, um alles, was sich in ihr angesammelt hatte, zum Überlaufen zu bringen. — Dieser Anlaß kam.
Sind Sie heute abend frei? telephonierte sie eines Tages. — Nein, sagte er. — Wohin gehen Sie? — Eine kurze Pause folgte: In die Oper. — Das trifft sich ja herrlich, gerade wollte ich Sie für die Oper einladen! Also holen Sie mich Punkt sieben bei mir ab! Sie sitzen mit in unserer Loge.
Du willst ins Theater? fragte ihr Bruder Egon sie am Abend; mit wem? — Mit Herrn Sintrup. — Er pfiff etwas verächtlich durch die Zähne. — Was soll das?! — Gar nichts. — Nein, bitte, rede. — Er wollte nicht, sie drängte immer heftiger, schließlich sprach er alles von seinem Herzen herunter, und schloß mit den Worten: Merkst du es denn nicht, daß dieser Mensch nach deiner Hand schlägt, wenn er sie fühlt?! — Sie wurde sehr rot und erregt, behauptete, es sei nicht wahr, was er da rede, kehrte ihm endlich den Rücken und ging schnell hinaus.
Während sie sich umzog, hörte sie immer jene letzten Worte ihres Bruders. All ihre Bitternis war durch sie verstärkt, verschärft. Es war so, als sei erst nachdem es ein anderer aussprach, alles wahr und wahrhaftig, was sie doch auch vorher nicht vor sich selber abgeleugnet hatte. — Ich will ihm schon zeigen, daß ich Stolz besitze, er soll sich nur in acht nehmen, so dachte sie, während sie die Schuhe wechselte, und wenn er es zu weit treibt — heftig riß sie die Schnürbänder auseinander — dann fliegt er einfach! Sie hatte die Schuhe ausgezogen und warf sie während ihrer letzten Worte in die Ecke, etwas verwirrt ihrem Fluge nachsehend, da sie das gedoppelt sah, was sich ihr zugleich als bildliche Einheit präsentierte. — Jedenfalls, dachte sie beruhigter, hat er für heute abend zugesagt, das ist doch schon etwas! Sie trat noch schnell zum Waschtisch und suchte aus all den Kristallflaschen ein Veilchenparfum heraus, denn Pitt hatte einmal gesagt, er rieche Veilchen besonders gern. Oder hatte er das nur aus Widerspruchsgeist behauptet, da sie selber sagte, sie habe sich Veilchen „übergerochen“?
Sie sah nach der Uhr. Pitt mußte eigentlich schon da sein. Wahrscheinlich war er im Salon. Aber dort war er nicht; die Uhr ging weiter, und schließlich saß sie da in Hut und Mantel, um Zeit zu sparen, da es sowieso schon zu spät wurde. Egon spottete; sie tat als höre sie das nicht. Sie überlegte, ob sie Pitt im Wagen entgegenfahren solle; dachte aber: Nein, ich will ihn hier erwarten und das Maß seiner Verspätung genau feststellen! Und nun wünschte sie fast, daß dieses Maß recht beträchtlich würde, und mit ihm auch der Grad ihres Ärgers, den sie immer stärker anwachsen fühlte und doch nicht in die leere Luft hinein äußern konnte. Egon hatte recht! Pitt zeigte geflissentlich, daß ihm nichts daran lag, mit ihr zusammenzukommen. Sie saß noch eine Zeitlang da, dann dachte sie auf einmal: Vielleicht konnte er aus irgend einem Grunde wirklich nicht herkommen! Sitzt schon längst in unserer Loge und wartet da auf mich! — Sie fuhr sogleich zum Theater, aber die Loge war leer und dunkel, und auf der Bühne wurde schon längst gesungen und gespielt. Sie gab sich Mühe auf die Musik zu hören, aber fortwährend irrten ihre Gedanken ab. — Wenn er nun plötzlich krank geworden war? Dieser Gedanke schoß auf einmal in ihr auf. Dies war ja nicht wahrscheinlich, aber immerhin nicht unmöglich. Sie erhob sich und verließ die Loge, ließ sich eine Droschke kommen und fuhr zu Pitts Wohnung. Wenn er nun ganz gesund war, sich verwundert nach ihr umdrehte und sich nichtssagend entschuldigte? Der Wagen hielt, schnell sah sie zu seinem Hause empor; sein Fenster hatte Licht.
Pitt saß in seinem Zimmer, beim Schein der Lampe. Vor ihm lag ein Brief von Fox. Der bat, gewisse von ihm geschriebene Artikel in irgend welchen Zeitschriften unterzubringen und das Geld sofort an ihn zu senden. Mit Fox mußte es ziemlich schlimm stehen. Der war nun längst beim Theater. Durch einen plötzlichen, abenteuerlichen Sprung hatte er sich herausgerettet aus allen Widerwärtigkeiten, er hatte eine Tat gezeigt; und wenn sie auch augenscheinlich etwas Verkehrtes war: Wenigstens hatte er sich frisch in eine neue Lebenswoge gestürzt und es darauf ankommen lassen, ob sie ihn tragen würde. Pitt selbst aber saß eingeschlossen in einem ganz engen Kreise, in der dumpfigsten Atmosphäre, und wußte doch nicht, wie er sich aus ihr befreien sollte. — Und wenn er jetzt wirklich seine Redaktionsstelle aufgab, was wurde dann aus ihm? Was blieb ihm? Sollte er doch in seine juristische Laufbahn zurückkehren? War das nicht noch immerhin das beste? — — — Er hielt die Augen lange geschlossen. Bäume tauchten vor ihm auf, und Felder, und auf einmal sah er jene zwei Knaben wieder, blond, in weißen Leinenhemden und im Schurzfell, wie er sie einst im Traum gesehen — — aber dann war es Elfriede, deren Bild alles andere verdrängte. Er hatte sie aufgegeben, endgültig aufgegeben. — Eine große Leere war in ihm, nur gefüllt vom Nebel der Erinnerung. — — Hatte er denn nichts, gar nichts, das wirklich war, das mit ihr zusammenhing? Er dachte lange nach, dann ging er an sein Bücherbrett, holte ein altes, philosophisches Werk, trug es an seinen Platz und begann es zu durchblättern. Wenn jenes Andenken noch da war, mußte er es zwischen diesen Seiten finden. Klein, schmal, vergilbt fand er es wirklich. Es war eine Blume, die ihm Elfriede einst im Scherz aufs Buch warf, als sie ihn lesend in der Laube fand, draußen auf dem Gute. — Er nahm sie, hielt sie sinnend in den Händen, strich mit den Fingerspitzen über ihre Blätter hin und dachte: Sie ist wirklich, sie ist greifbar, so greifbar wie die festeste Gegenwart — und doch gehört sie der Vergangenheit. — Wieder schloß er, in Erinnerung verloren, seine Augen: Gegenwart und Vergangenheit mengten sich zu einem dritten, das nicht das eine noch das andere war, das zeitlos dahin schwebte und ihn mit sich nahm. —
Es läutete. Draußen klang die erregte Stimme Fräulein Heines, und die seiner Wirtin. Pitt schob die Blume in das Buch zurück und schloß es. Gleich darauf trat Fräulein Heine ein, fast ohne anzuklopfen. Sie hielt den Blick auf ihn gerichtet, seine Augen erschienen groß und sonderbar leuchtend im Lampenschein, wie er jetzt ruhig zu ihr hinsah.
Also wirklich! Da sind Sie wirklich! sagte sie. — Wie können Sie sich unterstehen mich auf solche Weise zu behandeln? Mich durch dieses Geschöpf da draußen abfertigen zu lassen? Ich frage: wie können Sie sich unterstehen?! Sie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihn mit brennenden Augen an. Halt! rief sie, als er den Mund zu einer Antwort öffnete, überlegen Sie sich vorher was Sie sagen wollen; ich will keine Lüge hören.
— Es ist auch nicht meine Absicht zu lügen, sagte er, indem er ihr formell einen Stuhl anwies. — Antworten Sie mir überhaupt nicht! fuhr sie fort, etwas ernüchtert durch seine Ruhe, aber immer noch sehr heftig: Wenn Sie mich nicht ins Theater begleiten wollten, weshalb sagen Sie mir das nicht? Weshalb machen Sie da eine ganze Komödie? — Wer sagt Ihnen denn, fragte Pitt dagegen, daß ich nicht irgendeine dringende Abhaltung gehabt habe, weshalb fragen Sie nicht zu allererst nach meinen Gründen, sondern nehmen blindlings den an, der Ihnen am nächsten liegt?
— Also doch! rief sie erleichtert, o, dann ist alles anders, dann ist alles in Ordnung. Aber nun reden Sie auch, bitte, damit ich mein altes Gefühl zu Ihnen zurückgewinnen kann! — Ihr altes Gefühl? fragte Pitt; Sie haben ja vollkommen recht mit Ihrer Vermutung, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß man in solchen Fällen sachlicher zu Werke geht. — Es überlief sie kalt. — Ich dächte, fuhr er fort, es wäre deutlich zu ersehen gewesen, als Sie mich fragten, ob ich diesen Abend etwas vor habe: daß ich Ihnen auszuweichen strebte, indem ich sagte ich ginge in die Oper, ich sei nicht frei. Statt dessen zwingen Sie mich in Ihre Pläne hinein — —
Konnten Sie denn nicht später noch einmal telephonieren, fragte sie, daß Sie wirklich verhindert seien? — Das habe ich mir ebenfalls überlegt, aber, entschuldigen Sie, daß ich das ausspreche: Ich fürchtete, auch diese Absage sei Ihnen nicht erkennbar genug. — Das heißt: Sie halten mich für unfeinfühlig, ja — sprechen wir das Wort aus: für dickfellig?! — Pitt zog die Luft ein, hob die Augenbrauen, als dächte er angestrengt nach, dann wandte er den Kopf zu ihr zurück und sagte höflich: Menschen haben kein Fell. — Das war zu viel. Sie fühlte eine plötzliche Wut in sich aufkochen, aber sie bezwang sich: Und das ist der Dank für alles, was ich für Sie getan habe! Vom ersten Moment an wo ich Sie sah, habe ich stets nur Gutes für Sie empfunden und es in allen meinen Handlungen geäußert! Ich weiß, daß ich gelegentlich zu weit ging — Sie haben mir das auch zuweilen mit humorvoller Derbheit angedeutet, was ich Ihnen gerne verzieh, da ich gerade dieses scheinbar Harte in Ihnen liebe; aber dieses hier ist nicht mehr derb: dies ist plebejisch! — Ich fand das andere auch schon ziemlich plebejisch! warf er halb bedauernd ein. — Nein, dies ist anders, ganz anders, und ich verlange, daß Sie Ihr Wort zurücknehmen. — Ja sind wir denn Kinder? fragte er erstaunt: Ich bleibe bei allem was ich — oder vielmehr Sie selbst gesagt haben und will endlich Klarheit schaffen zwischen mir und Ihnen. — Sie lachte höhnisch auf: das ist ja ein reizender neuer Ton von Ihnen: Lieber Herr Sintrup — so mögen Sie zu Ihren Damen reden, die ich nicht kenne noch kennen lernen möchte, aber mir gegenüber verbitte ich mir das: Ich bin für Sie Fräulein Heine, Tochter des Kommerzienrat Heine, die sich für Sie als Mensch interessiert hat und diesem Menschentum nun auf den Grund gekommen ist. Eines muß ich Ihnen nun aber doch rund heraus sagen: Jetzt tun Sie den Mund ordentlich auf, wo Sie sich in Ihrer guten Stellung wissen und sich sicher darin fühlen; jetzt suchen Sie, wie Sie es geschmackvoll nennen, Klarheit zwischen uns zu schaffen; ich habe nie etwas Unreines zwischen uns zu sehen vermocht, aber jetzt öffnen Sie mir die Augen: Sie nannten Ihr Wesen humoristisch derb — nun, ich bleibe dabei: es ist plebejisch! — Was hat meine Stellung, fragte Pitt, ihre vorletzte Äußerung aufgreifend, mit meinen Beziehungen zu Ihnen zu tun?! — Sie sah ihn mit runden, maßlos erstaunten Augen an: Ja, habe ich Sie nicht zu dem gemacht was Sie nun sind? Haben Sie irgendeine andere Empfehlung gehabt als mich? Aber allerdings, ich vergesse: die Kritiken, die Kritiken! Aber die sind ja nicht einmal von Ihnen, die sind ja von Ihrem Bruder, fremde Federn mit denen Sie sich geschmückt haben! — Die Kritiken?! fragte Pitt, und verlor für einen Augenblick vollkommen den Faden. — Jawohl! Die Kritiken! Ach, das weiß er ja gar nicht! Gut, einmal sollten Sie’s erfahren, und nun hören Sie’s! Fräulein Heine erhob ihre Stimme, erzählte die ganze Geschichte von den untergeschobenen Arbeiten, und schloß damit, daß Pitt diese Stellung nie bekommen hätte ohne ihre freundschaftliche und erfinderische Hilfe. — Er war für einige Momente verblüfft, dann brach er in ein helles, klares Gelächter aus. — Ihr ganzes Triumphgefühl schmolz hin in diesem Lachen, das ihr fast Angst machte, weil irgend etwas Schreckliches, Kaltes darin lag, das sie nur dumpf verstand. Sie hatte den Überblick verloren, sie kam sich plötzlich unsicher, in ihrer Position erschüttert vor. Aber es galt sie dennoch zu wahren: Ja, sagte sie mit fester Stimme, das habe ich alles für Sie getan; mag sein, daß es nicht ganz recht von mir war, aber was tut man nicht für einen Menschen, den man — für den man ein menschliches Interesse hat! Es lag mir immer auf der Seele, ich mußte es einmal herausbeichten, und nun ist es geschehen! Von nun an werden Sie mich als Ihre wahre Freundin ansehen, die nicht nur in Worten, sondern auch durch die Tat gezeigt hat, daß sie es wirklich freundschaftlich mit Ihnen meint! Ich bereue es auch nicht, daß es zu dieser unliebsamen Aussprache zwischen uns beiden gekommen ist; so ein kleines Gewitter trägt nur zur Klärung bei, ich sehe jetzt ein neues Fundament für unsere Freundschaft. Sie nicht auch?
Pitt hatte den größten Teil ihrer Rede überhaupt nicht mehr gehört. Ganz entrückt, glücklich sah er in einen Winkel. Ihm war ein herrlicher Gedanke gekommen. Weiter in dieser Redaktion zu bleiben, weiter seine Beziehungen zu Fräulein Heine fortzuführen, daran dachte er nicht mehr, aber Fox — Fox — ließ sich da nicht etwas Wundervolles, Perspektivenreiches durchführen? Konnte er den nicht aus seiner Klemme retten, ihn zum Redakteur machen und ihm zu einer reichen — Frau verhelfen?!
Unsere Beziehungen, sagte er jetzt freundlich, sind ein für allemal erledigt. Sie selbst haben mich gebührend in meine Schranken zurückgewiesen, und ich werde mich darin zu halten wissen. Die Redaktionsstelle gebe ich auf, denn nicht ich, sondern der Schreiber jener Artikel wurde engagiert, — und das ist mein Bruder. Ich werde ihn kommen lassen, und hoffe, daß Ihr Auge günstiger auf ihm ruhen wird als auf mir. Die Entscheidung, ob Sie ihn haben wollen oder nicht, hängt natürlich von Ihnen und Ihrem Herrn Vater ab, aber ich zweifle keinen Augenblick daran, denn er hat ganz das Zeug für diesen Posten.
Pitt ging auf einen Kasten zu und kam mit einer Photographie zurück. Sehen Sie selbst! sagte er: diese Zielbewußtheit, diese Energie, diese im besten Sinne Männlichkeit! — Fräulein Heine, noch halb verdutzt über die neue Wendung, sah mit bereits erwachtem Interesse auf das Bild hin. Sie tat aber vorläufig sehr reserviert, und erklärte, das müsse reiflich überlegt sein. Dann ging sie, nachdem sie gesagt hatte, sie trage ihm nicht das geringste nach.
Pitt begleitete sie mit einem Licht die Treppe hinab. — Daß ich Sie nun noch bemühen muß! sagte sie höflich. — O bitte, das ist selbstverständlich. — Dies Haus scheint vor ungefähr zehn Jahren gebaut zu sein. — O ja, vielleicht ist es auch noch etwas älter, sogar. — Also gute Nacht, ich bedaure nochmals — Gute Nacht, von Bedauern kann keine Rede sein. —
Nach ein paar Tagen traf die Nachricht ein, Fox Sintrup möge sich vorstellen.
Elftes Kapitel.
Fox kam. Sogleich suchte er Pitt auf. Die Begrüßung der beiden Brüder war beinah herzlich. Ja ja, sagte Fox, das hast du dir wohl nicht träumen lassen, daß ich unserm Vater die Krallen gezeigt und mich ohne ihn durchgebracht habe! Ich habe das Leben kennen gelernt, mich in seinen untersten und obersten Schichten bewegt, und ich kann wohl sagen: Nichts Menschliches blieb mir fremd! Aber keusch und rein ist meine Seele geblieben, ich habe mir eine naive Aufnahmefähigkeit für alle Eindrücke bewahrt, um die mich mancher Schriftsteller beneiden könnte. Nun sag mal, worum handelt sich denn die Geschichte jetzt eigentlich, du hast dich ja darüber in so mystisches Schweigen gehüllt. — Pitt erzählte alles, und Fox war etwas enttäuscht, daß er eine Sache übernehmen sollte, von der Pitt zurücktrat. Als er dann aber die Geschichte von den Artikeln hörte, und welche Rolle sie früher spielten in der Frage, ob Pitt die geeignete Kraft sei, ging seine Miene über ein verblüfftes Erstaunen hinweg in eine Art Zufriedenheit über, und er sagte: Ich nehme dir das nachträglich absolut nicht übel, obgleich ich selbst wahrscheinlich anders gehandelt haben würde! Nach kurzem Nachdenken fügte er dann hinzu: Ach so, und als ich dich vor ein paar Wochen bat, jene letzten Artikel von mir zu veröffentlichen, da hast du wohl Angst gekriegt, ich könnte auch nach jenen andern fragen? Hast gedacht: Am Ende könnte nun alles rauskommen, lieber einen Fehler gut machen als ihn noch vergrößern? — Pitt klärte alles auf und fügte hinzu, jene Artikel seien hinter seinem Rücken als seine eigenen ausgegeben worden, von Freunden, denen daran gelegen war ihm jene Stellung zu verschaffen; durch Zufall habe er selber dies erst ganz vor kurzem erfahren. — Na na! sagte Fox gemütlich, also — jedenfalls: was geschehen ist, ist geschehen. — Pitt sah mit Freude, daß sein Bruder noch genau derselbe war wie früher. — Ja und du, lieber Freund, fragte Fox jetzt, was willst du denn nun eigentlich anfangen? Pitt zuckte die Achseln. — Könntest du nicht als Unterredakteur dort weiter bleiben? — Hier zog Pitt seinen Mund in die Breite, sah seinen Bruder voll inniger und tiefer Freude an und sagte: Nein. — Das wäre aber doch sehr zu überlegen! Na, über deine Zukunftspläne können wir ja später mal zusammen reden. Hauptsache, daß ich erst einmal meine eigenen ins Reine bringe.
Pitt hatte in die letzten Nummern der Zeitschrift alles hineingehäuft, was er an kurzen Aufsätzen von seinem Bruder besaß. Dies kam Fox sehr zugute, denn Herr Heine wie Herr Wolf wehrten sich zunächst gegen einen abermaligen Redaktionswechsel. Aber Herr Wolf sagte: Wenn Herr Sintrup auch das Blatt wirklich schneidig in seinem Teil geleitet hat — dieser Bruder scheint doch noch ganz andere Fähigkeiten zu haben: Ich empfinde seinen Stil direkt als Zeitungsstil, und der andere hat überhaupt nie selbst die Feder gerührt für unser Blatt. Fox machte Besuche bei beiden Herren, und der günstige Eindruck verstärkte sich.
Fox war voll Lobes über Herrn Heine: Habe diesem Herrn mal tüchtig auf den Zahn gefühlt, muß sagen: Gediegene Bildung, hier und da hapert es, das ist nicht anders zu erwarten. Und die Tochter: Also wirklich ganz reizend. Zu Anfang war sie allerdings auffallend zurückhaltend, beinah tragisch, Gott weiß warum, aber dann — wirklich ganz reizend. Nur der Sohn, der hat garnichts gesagt, mit dem scheint nicht viel los zu sein. — Auch mit Herrn Wolf war Fox zufrieden; der hatte — direkt achtungsvoll! — genickt, als er ihm auseinandersetzte, es müsse eine innere Harmonie, eine gleiche Weltanschauung herrschen zwischen dem Handelsteil und dem literarischen. Solche Einheit lasse sich finden, müsse sich finden lassen.
Mit der Monatswende erfolgte Pitts Austritt aus der Redaktion. Herr Bertold machte ehrlich betrübte Augen; er wußte, daß nun sein eigenes Regiment aufhörte, und für Pitt empfand er eine große Anhänglichkeit. Es begann für ihn ein schlimmes Leben. Fox behandelte ihn durchaus wie einen Untergebenen, fast wie ein Offizier seinen Burschen. Nach kurzer Zeit hatte er einen genauen Einblick in den äußern Betrieb der Sache, der so klar und einfach war, und den Pitt niemals recht begriffen hatte. Auch die unteren Arbeiten erledigte er die ersten Wochen selber, da es gegen sein Prinzip verstieß, jemand unter sich arbeiten zu lassen, ohne einen genauen, scharfen Einblick in dessen Tätigkeit zu haben. Nach ein paar Wochen verlangte er eine Verlags- und Vorstandssitzung: Er sei jetzt mit seinem Urteil zur Reife gekommen und habe positive Vorschläge zu machen. Er entwickelte seine Gedanken über die Zeitschrift und ihren Inhalt, soweit die Literatur in Betracht kam; er habe vor, reinigend, beschneidend, ausrodend, neu pflanzend vorzugehen, junge Kräfte heranzuziehen, alte, abgebrauchte auszuscheiden. Es laufen, so schloß er, auf deutscher Erde eine Masse junger, unbekannter Genies herum, lassen Sie mich diese auffinden, durch Zirkulare, Prospekte, Aufforderungen, und ich garantiere Ihnen: in ein paar Jahren sind wir die erste literarische Zeitschrift Deutschlands. — Er zählte eine Reihe von jungen Namen auf, die ihm noch von früher im Gedächtnis waren, und fügte noch einige hinzu, die er im Augenblick erfand. Man freute sich über diese Zielbewußtheit, warnte aber vor allzu hoch gesteckten Hoffnungen, da ja der literarische Teil — leider — vorerst noch Nebensache war und bleiben mußte. Dies waren allgemeine, prinzipielle Vorschläge. Fox sprach auch von praktischen, einzelnen: Dies und jenes sei in anderen Blättern besser arrangiert, besser eingeteilt, Voranzeigen müßten gemacht werden, einzelne Artikel seien durch Umschlagzettel hervorzuheben, die lateinische Druckschrift sähe er gern eingeführt — wobei er von Augenhygiene redete — und anderes mehr. Die Theaterkritiken werde er selbst übernehmen, er habe eine reiche Vorbildung, und der jetzige Kritiker gehöre in die Rumpelkammer.
So saß Fox nun — wie vorher Herr Bertold — schaltend und waltend in seiner Redaktion, und alle waren zufrieden. Er schrieb die Theaterkritiken wirklich, und eines Tages sah er seinen alten Freund, den Herrn von Sander, wieder, der ihn in der Redaktion besuchte. Man hatte ihm alle größeren Rollen weggenommen und die Kritik war gegen ihn gehässig geworden. Er bat Fox für ihn einzutreten, gemäß seinem Prospekte, auf dem er als höchstes Ziel in allen Kunst- und Rezensionsfragen die Forderung stellte: Rücksichtslos gegen alle Mode- und Zeitströmungen einzutreten für das als wahr Erkannte, ohne sich zu binden an hergebrachten Autoritätsglauben, gezüchtet durch Gewohnheit und gedankenlose Nachbeterei.
Fox versprach wohlwollend sein Bestes und hielt Herrn von Sander gleich einen kleinen Vortrag: Sie gehören einer alten Schule an, das werden Sie selber nicht bestreiten können; es ist kein Tadel, unsere Neuen und Neuesten täten gut, nicht so auf die Alten zu schimpfen, sondern von ihnen zu lernen, was von ihnen zu lernen ist. Das ist ja das Elend der heutigen Bühne: Es fehlt die Tradition! Das Alte und das Neue steht sich schroff gegenüber. Beide befehden sich, anstatt einen neuen Stil zu schaffen, gewachsen und genährt auf dem alten Boden, dem Mutterboden! —
Fox schrieb seine Kritiken streng und scharf. — Es sollte mich gar nicht wundern, sagte er einmal zu Pitt, wenn so’n Kerl plötzlich in die Redaktion einbräche, — na, vor meinem Blick haben die Menschen noch immer Angst gehabt; ich freue mich schon auf seine Verlegenheit, wenn der Kerl kommt, aber ich glaube der Kerl kommt gar nicht! Wenige Menschen haben den Mut wie ich ihn hatte. — Wann? fragte Pitt und freute sich auf eine erfundene Geschichte. — Damals, vor zwei Monaten, als ich den Kritiker ohrfeigte. Dieser Mensch erfrechte sich zu schreiben, ich habe als Don Juan den Champagner wohl schon vor der Vorstellung getrunken. Armer Kerl übrigens, der selbst den Champagner wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennt. — Don Juan? das ist doch eine Oper! sagte Pitt. Fox sah ihn mit großen Augen an. — Ach so, ich vergaß, daß du nicht weißt, daß es auch ein Schauspiel gibt, von Grabbe. Übrigens gibt es noch verschiedene andere Don Juans, die es ebensogut hätten sein können; na — also das schrieb der Kerl; am nächsten Tage ging ich in die Redaktion, zog mir Glacéhandschuhe an, ließ mir den Kerl zeigen, streifte meine Manschetten etwas zurück und ohrfeigte den Kerl, einfach so aus dem Handgelenk, schräg von oben nach unten, denn der Kerl saß auf einem Stuhle; und dann ging ich wieder fort. Sag mal, willst du nicht nach Hause fahren und dich da als Referendar anstellen lassen? Du hättest dann doch wenigstens etwas zu tun! Es wäre auch ganz gut, dort einmal unser Haus etwas zu regenerieren, es soll ziemlich schlimm stehen, du weißt, all die Hausdamen — wie ich höre werden sie immer übler.
Eines Tages fand Fox unter den eingelaufenen Manuskripten ein Gedicht, unterzeichnet „Selma Feihse“. Es besang die Sehnsucht einer jungen feurigen Seele, die das Liebesleben der Natur belauscht und, zurückgekehrt in die Welt der Menschen, wo es doch gerade so sein sollte, so einfach, selbstverständlich, nur Ablehnung erfährt.
Fox warf es nachlässig Herrn Bertold über den Tisch, damit der es returniere. Da fand er aber einen Begleitbrief, an ihn persönlich gerichtet, und nun erfuhr er, daß die Dame früher Selma Nippe hieß, „dieselbe Selma, die Ihnen in Freud und Leid treu zur Seite gestanden hat“. Wenn er das Gedicht nicht akzeptiere, sei sie nicht beleidigt — sie stände über jeder Verletzlichkeit — aber sie erwarte dann, daß er ihr das Kind, das sie in Schmerzen geboren — wirkliche, lebendige Kinder seien ihr bis jetzt versagt geblieben — zurücklege an ihr Mutterherz. Ihr Mann werde sich aufrichtig freuen, ihn kennen zu lernen; sie wohne längst nicht mehr bei ihrem Vetter und dessen Frau, jener Frau, die wie ein Dämon in Fox’ Leben getreten sei und es fast in den Strudel der Alltäglichkeit hinabgezogen habe. — Dämon! dachte Fox, ja ja, wahrhaftig, sie hatte etwas Dämonisches! — Am Schluß ihres Briefes bat sie ihn genau anzugeben, wann er käme, falls er dieses überhaupt wolle — und er, neugierig was für ein Leben sie jetzt führe, folgte ihrem Wunsche. Hier schien sich ein Schicksal erfüllt zu haben, ein bescheidenes zwar, aber immerhin ein Schicksal. Jedes Schicksal hat was Großes: Im kleinsten Sandkorn spiegelt sich die Welt!
Etwas überrascht war er über die Veränderung, die mit Fräulein Nippe vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fußfreie Kleidung und eine jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch immer frei war. Sie begrüßte ihn erst allein an der Tür, innig und herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schön ist er nicht! Es fiel Fox auf, daß sie dieses alles in gedämpftem Tone sagte, daß sie ihn schon an der Tür empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der Zimmer liege. — Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!
Da war ein großer Kaffeetisch, da saß Lotte, mit ahnungslosem Gesicht, neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoße hielt, gegenüber Herr Könnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Fräulein Nippe aber — oder jetzt Frau Feihse — weidete sich an ihrer Überraschung, und rief: Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht übers Herz bringen: Was auch die Vergangenheit über euch alle brachte — es ist ja doch begraben und vergessen, und die Stunde der Versöhnung hat geschlagen! Lotte, da ist dein alter Freund, von dem du den lieben süßen Jungen hast, Frau Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als männlicher Beistand ratend zur Seite stand — Wilhelm, du hast mit ihm das Lager geteilt, als ihr zusammen wohntet — habt euch nun alle, alle lieb und laßt mich an eurem Glücke teilnehmen!
Fox war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, Lotte, bestürzt in Scham und Überraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern saßen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort: Gnädige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine Schuld, daß dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten Sie, daß ich mich auf der Stelle wieder zurückziehe! Er wandte sich zum Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschloß die Tür und zog den Schlüssel ab.
Der Kleine war von Herrn Feihses Schoß herabgesprungen, auf Fox zugegangen, sah ihn mit großen, etwas dreisten Augen an und fragte: Mama, wer ist der Onkel? — Hört, hört! rief Frau Feihse, die Stimme der Natur läßt sich nicht bändigen, sie bricht hervor mit elementarer Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schämt euch ihr Großen, und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmündigen Kinde! Jetzt erhob sich Herr Könnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlüssel, und dann verließ er mit seiner Frau das Zimmer, während der Kleine hinterher lief und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der Onkel ist! —
Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch einmal mit Ihnen zusammen geführt, sollen Sie auch hören, was er mir für Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider — gehe in dich, suche den Weg des Heils! — Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle saß, zu zeigen, daß er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann wußte erst nicht recht was dieses heißen sollte, dann aber, halb noch erregt und halb schon wieder im Banne des täglichen Lebens mit seinen Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gruß durch einen etwas schüchtern-linkischen Knix, worauf sie den übrigen nachging.
Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau, deren Stimme man draußen leidenschaftlich reden hörte, und lud ihn ein, nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schälchen Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab zitternder Hand zur Kanne hinüber, um einzuschenken. Draußen flog eine Tür ins Schloß, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Bürgerpack! sagte sie, kleinliche Menschen mit Gefühlchen, ohne jeden Sinn für freie und vornehme Auffassung des Lebens! — Herr Feihse bemerkte, sie habe aber auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins Gegenteil gedeutet. — Das heißt, fuhr sie auf, daß du mich für unzart hältst! — Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. — Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht? Sie sind Zeuge! — Aber Selma ich bitte dich, laß doch die Szenen! Ich habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich! — Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrücks versetzt er einem einen Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht, und tut, als ob es ein anderer gewesen wäre! — Herr Sintrup, ich habe mit vieler Freude gehört, daß Sie eine so interessante Stellung an einer Zeitschrift haben! — Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hältst mich für unzart. Meine Haare wären nicht echt, sagte er, als wir das erstemal zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Außerdem war es gar nicht wahr! — Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse erregt, wenn du schon keine Rücksicht auf mich nehmen willst, dann nimm sie wenigstens auf unsern Gast! — Hören Sie es? Er wirft mir Rücksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rücksichtslos? — Ja; sagte Fox trocken, — wenn Sie mich direkt danach fragen! — Sie sah ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natürlich, wenn zwei Männer zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei für den andern. Ach diese Männer von heutzutage! Sie sollten erst einmal die gewöhnlichste Höflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften wollte ich! Es gibt soviel böse Gesinnung der Menschen untereinander, daß jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Kräften in seinem Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu säen, und das habe ich getan! — Du hättest die Herrschaften nicht so unvorbereitet konfrontieren dürfen, sagte Herr Feihse. — Ach! sieh mal! Nun, und wenn ich sie vorbereitet hätte, wären sie dann etwa gekommen? — Aber du siehst doch, sie sind ja doch auch so ohne weiteres auseinandergegangen! — Nun, und was ist da der Unterschied?? — Herr Feihse sah sie etwas blöde an; es verwirrte sich sein Denkvermögen, er wußte ganz genau, daß da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn allein hätte nachdenken lassen, würde er ihn auch gefunden haben. Aber unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebärden wurde er stets verwirrt; seine Gedanken lösten sich dann geradezu auf. — Ich habe wirklich mit großer Freude gehört, daß Sie jetzt eine so außerordentlich interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox erhob sich und sagte, er müsse leider aufbrechen. — Herr Feihse machte keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die Leute zogen sich von ihm zurück, da er ein einfacher, schlichter Mann war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es gelernt die Enttäuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte, schlimmste Enttäuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte, die — das fühlte er so deutlich — würde ihn ins Grab bringen, langsam, Schritt für Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau verhinderte es und er trat zurück, aus Angst, die spätere Szene, wenn sie allein waren, würde dann noch heftiger werden. Und bei solchen Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles plötzlich los in ihm — und er durfte das seinem kranken Körper nicht zumuten, und den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven — das sagte sie selber — zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren Ketten.
Daß wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz intim! sagte Selma an der Korridortür; ich hätte Ihnen so gerne manches mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal pensionsberechtigt, was ich früher annahm. Wäre er wenigstens noch dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann, was eine Ehe wahrhaft reich und glücklich macht — Kinder, — die sind uns ja versagt, wie es scheint! Ach, hätte ich einen jungen, schönen, feurigen Mann geheiratet, ich würde ihm wahrscheinlich Zwillinge geschenkt haben. — Na na, sagte Fox. — Und Lotte hat außer ihrem Jungen drei süße kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere verschenkt man aus Nächstenliebe — wie ich meinen Vetter an Lotte, und das Schlechte bleibt einem selber übrig, die Reste vom Tisch des Lebens, nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben. Hören Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hört, aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhören muß, fühle ich, wie mir die Adern an den Schläfen schwellen bis zum Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen Ort, wo man es nicht so deutlich hört, aber da bin ich auch nicht gern; dies miserable Haus hat ja nicht einmal überall Wasserleitung; ach, wie schön war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will, wahrscheinlich lacht er mich aus — aber was tut man nicht in der Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fühlt! —
Fox drückte ihr die Hand, klopfte ihr väterlich auf den Rücken und verabschiedete sich. — Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgär scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich selten in einer so interessanten Verkörperung gesehen! dachte er.
Er sprach am nächsten Tage lange mit Pitt darüber, wie es wohl komme, daß Personen des täglichen Lebens, mit all ihren Banalitäten, den Menschen auf die Nerven fallen, daß sie aber, wenn man sie künstlerisch verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine kleine Untersuchung darüber, und Fräulein Elsa lobte ihn außerordentlich.
Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen; deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich, da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie über seine vielen Nein-neins, über seine „also wirklich“, freute sich über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte. Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.
In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends erholen wollte. — Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer Jahre fußte, — er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug. Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte ihn an, neue Lieder zu studieren.
Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder, der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! —
Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden! Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein, Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich — oder in der Tat nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden. — Sie runzelte die Stirn, indem sie’s las, und kam sich sehr wichtig vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese Blicke ernst und bedeutend. — Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände! Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre kleine Figur etwas empor. — Sie fing an mehr auf seinen Körper zu achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte, und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände ansah, mußte sie nun öfter daran denken — ganz theoretisch nur! — wie es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht schmutzig. — Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich, so ahnungslos! — Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. —
Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. — Ich zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig und so furchtbar unjugendlich! — Sie hüpfte selbst ein Weniges in die Höhe. Sie spielten nun. — Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! — rief Fräulein Elsa. — Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. — Ein Arm wie der eines griechischen Götterheros! dachte sie.
Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!
Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. — Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um ihre Gunst bemüht habe.
Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen, wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte! Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! — Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht zugestand — dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was blieb dem armen Kerl sonst übrig?! — Allerdings: Heiraten — nur um zu einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies bestätigt hätte. — Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren, wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.
Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge still-bedeutend würden. — Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt, ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen Wasser! — Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer Gewalt alle Schranken niederreißend?!
Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig, um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? — Er träumte eigentlich niemals. — Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! — Die hatte Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen? — Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die reale Welt dazwischen kommen? — Also: Zwei schwarze, große Augen; ich weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. — Fox suchte vor sich selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick — — Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich angesehen hat — es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! — Es muß weit mit mir gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?
Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.
Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich, liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere Unruhe; ihre Phantasie beschäftigte sich mit Bildern, denen sie vorher keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurück vor ihnen, aber nur um so stärker kamen sie.
All ihre Anbeter waren Männer, die frühreif das Leben schon kennen lernten, über denen jetzt eine leise Müdigkeit der Erfahrung lag; sie alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverständlich; da kamen in gewissen Abständen Herren aus der kaufmännischen Gesellschaft, oder — wie es schon mehrmals geschehen war — korrupte Offiziere mit Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklärten und denen sie’s an der Nase ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte Egon ihr gesagt, sie dürfe sich keine Illusionen machen!
Und nun kam Fox Sintrup — das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige Gefühl haben: Sie war die erste, die er berührte! Sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer legen können! Es fiel ihr ein, daß sie zu Anfang öfters über ihn gelacht hatte. Aber worüber hatte sie denn im Grunde gelacht? Darüber, daß er anders war als andere Männer, daß ihm sein reines Verhältnis den Frauen gegenüber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man wohl belächeln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr kürzlich erst erzählte: Eine schöne Millionärstochter habe ihn einmal geliebt, er habe sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das bedrückende Gefühl losgeworden wäre: Sie könnte denken, ich nähme sie nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzählte, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionärstochter vor mir, zu der ich das sage! Oder sollte er — dies war eine ganz neue Perspektive — sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten Absicht erzählt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du kein Geld hättest, würde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nähmest? Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefühl so weit? War die Geschichte vielleicht überhaupt erfunden? War die schöne Millionärstochter sie selbst?! — Unwillkürlich warf sie einen Blick in den Spiegel: Es wäre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so furchtbar stolz und delikat!
Fox war sich inzwischen über sich selber vollkommen klar geworden: Er liebte Fräulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter überschaut, bis in ihre ersten Anfänge. — Und sie selber: Mit Deutlichkeit erinnerte er sich, daß sie bei der ersten Begegnung fast tragisch zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er’s erzählt! Also auch sie hatte es gefühlt, daß er ihr Schicksal sein werde, deutlicher, erschütternder noch als er selber! Sie hatte sich dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem großen Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefühl mit stummer Deutlichkeit hervor! Wie selten geschieht es doch, daß sich alles so natürlich und in so wahrhaft innerer Schönheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe gestehen? —
Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit großen Blicken trennten sie sich.
Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an seinem neuerworbenen Barte. — Nein, dachte er endlich, ich will nicht, daß die Familie womöglich denkt, ich sei ein Millionenjäger. Ich würde das der Familie zwar absolut nicht übelnehmen — dergleichen ist sehr menschlich und die Tatsache kommt — leider — häufig genug vor! Alles was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich könnte ihr aber mal wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anständig!
Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr stand, wurde er sehr rot, denn plötzlich hatte er das Gefühl: Heute kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errötete sie ebenfalls. Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, während er nach innen lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. — Setzen Sie sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme sonderbar beherrscht klang. Er erfüllte ihre Bitte sogleich, legte die Hände auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lächelte nervös und strich sich das Haar zurück. Dann saß sie ebenfalls. — Sie sind ein sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. — Wieso? fragte er, überrascht, plötzlich in seinem gewöhnlichen Tone. — Wie — so? wiederholte er, grübelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nüchtern geklungen hatte. — Ich halte Sie für einen ganz, ganz verschlossenen Charakter! — Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. — Also Sie leiden darunter?! — Natürlich, man empfindet es oft doch sehr schwer! — Mir geht es ähnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. — Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenüber. — Wirklich? Wie meinen Sie das?? — Ich habe das Gefühl, als wenn Sie gegen mich nicht so verschlossen wären! — Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine Worte eine Offenbarung; jawohl, das hängt von den Menschen ab. Gegen zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine Mutter! das heißt — sie brach ab. Er sah sie fragend an. — Das heißt, sagte sie lauter, stoßweise: das heißt, gegen meine Mutter bin ich jetzt auch verschlossen, und gegen Sie möchte ich es auch sein, aber was soll ich machen — — c’est plus fort que moi!! — Bin ich Ihnen solches Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, daß er das einmal irgendwann auf der Bühne gesagt hatte. Daß auch die kalte Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den höchsten Augenblicken des Lebens! — Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo ich Sie sah, waren Sie mir das! — Was sollte er darauf antworten? — Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. — O Sie Kind, rief sie, Sie großes ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? — Ich könnte noch vieles hinzufügen, aber daran hindert mich das Gefühl, daß ich nicht weiß, wie Sie dies aufnehmen werden! — Ich, ich nehme alles freudig auf, von Ihnen alles!
Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies Gefühl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur einmal vorkommt — oder vorkommen sollte — erschütterte ihn. Er sah gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit, auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. — Sie wissen es ja längst, sagte er mit belegter Stimme, daß ich Sie liebe, daß ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flüsterte sie. Als Antwort drückte er sie fester an sich. — Eigentlich ist sie etwas klein! sagte eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hörte sie nicht. Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefühl jubelnden Besitzes, mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mußte sie lachen: Ach du Kind, du kennst ja die Liebe nur aus Büchern und denkst, du mußt nun auch so sprechen wie die Helden in Romanen! Küsse mich ein einziges Mal, das ist besser als alle Worte! — Sie reckte sich etwas in die Höhe, und den Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselfälle des Lebens zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Kuß.
Zwölftes Kapitel.
Fox sagte eines Tages, er habe einen Brief für Pitt: Du mußt entschuldigen, daß ich ihn geöffnet habe; er kam in die Redaktion, wurde für mich abgegeben, und da ist es nicht verwunderlich, wo ich jetzt sowieso Hunderte von Glückwünschen zu meiner Verlobung bekomme, die überall wie eine Bombe eingeschlagen hat: Geschäftsbriefe, Glückwünsche, Telegramme, Bettelbriefe — das fliegt nur so. — Ja, sagte Pitt, mit deiner Braut hast du einen schönen Erfolg gehabt! Fox nickte: Und herzig niedlich ist meine Braut doch, was? Und so neckisch! — Pitt reichte ihm die Hand und wollte gehen. Halt! rief Fox; seinen Brief vergißt dieser Mensch natürlich mitzunehmen! — und er gab ihn seinem Bruder.
Der Brief war von Elfriede, sie bat Pitt, zu ihr zu kommen. Ihm war wie im Traume, als er auf ihre Schriftzüge sah.
Mehrere Jahre hatten Pitt und Elfriede sich nicht gesehen. Wozu, wozu soll ich jetzt zu ihr gehen, dachte er, ich beunruhige sie und mich von neuem, und scheitere abermals an mir selbst; ich habe mich nicht geändert, ich bin genau so wie ich immer war. —
Elfriede hatte ihr Studium längst beendet; der letzte Winter war mit Konzertreisen hingegangen, ein Ziel, das ihr früher so hoch erschien, und das sie nun, wo sie es erreicht hatte, ernüchterte, enttäuschte, trotz der Erfolge, die sie hatte. Sie war nach Hause zurückgekehrt, auf unbestimmte Zeit, und Frau van Loo wollte sie so bald nicht wieder gehen lassen, die sie in der Mitte ihrer Ehe geboren habe, wo alles in ihr und um sie herum am wärmsten und glücklichsten gewesen sei. — Ich habe mich, sagte sie, zu deiner Überraschung malen lassen, denn wenn ich einmal tot bin, sollt ihr alle eine schöne Erinnerung an eure Mutter haben. Das Bild ist in der Ausstellung; es hängt da, wo immer soviel Menschen stehen! —
Elfriede fand das Bild, und voll Stolz blickte sie auf die Gestalt ihrer Mutter in ihrem reichen, nachschleppenden Kleide, die so ganz bekannt und doch wieder fremd aus ihren schönen Augen auf sie niedersah.
Was wußte Elfriede eigentlich über das ganze Leben ihrer Mutter? War das alles wohl so einfach gewesen, wie sie es sich früher immer als selbstverständlich dachte? Hatte sie, die ihren Mann so früh verlor, die Liebe nie wieder kennen gelernt? Sprachen diese Augen wirklich nur von einem einzigen Glück, das weit, weit zurücklag? — Nachdenklich schritt Elfriede durch die Säle, bis sie plötzlich stehen blieb, als habe sie ein Wort erstarrt: Vor ihr war Pitt Sintrup, sein Kopf, sein Bild, er schien nur sie zu sehen, seine Augen glommen ihr entgegen. Allmählich vermochte sie sich zu sammeln, sie blieb lange vor dem Bilde stehen. Wie ein Traum erschienen ihr die letzten Jahre, gleichgültig alles, was sie brachten, das Leben knüpfte wieder da an, wo es einmal aufgehört hatte. — Wo war Pitt Sintrup jetzt? — Am Nachmittage suchte sie ein Hotel auf. Man hatte ihr gesagt, daß die Künstlerin, deren Bilder zu einer kleinen Kollektion in einem der Ausstellungsräume vereinigt waren, für einige Tage hier am Orte weile.
Ein hohes, blondes Mädchen stand ihr entgegen. Elfriede nannte ihren Namen, Herta hob überrascht den Kopf und ihre Augen gingen so prüfend erstaunt über sie hin, daß Elfriede leicht errötete. Herta lächelte. Ich habe Sie so oft beschreiben hören, sagte sie, mit ihrer klangvollen Stimme, aber ich habe Sie mir ganz, ganz anders vorgestellt. — Ja, sagte Elfriede, und ich komme um eben des Menschen willen, den Sie nannten, — oder haben Sie ihn nicht genannt — — Nein, sagte Herta, aber ich dachte an ihn, und wußte, daß Sie an ihn dachten. In plötzlicher Wärme berührte sie sie mit ihrer Hand, dann ließ sie Elfriede neben sich niedersitzen.
Es wurde Elfriede schwer zu beginnen. Sie wissen, sagte sie, daß ich mit Herrn Sintrup früher befreundet war? — Herta nickte und dachte im stillen: weshalb frägt sie mich nicht einfach, wo er sich jetzt aufhält, und geht dann wieder? So würde ich es machen. — Und Sie wissen, daß wir dann für Jahre getrennt wurden? — Ich weiß alles. — Nun möchte ich wissen, wie es ihm seither ergangen ist, was er tut, ob er sich glücklich fühlt, und dieses alles, dachte ich, müßten Sie mir sagen können. — Und wie kommen Sie dazu, gerade mich danach zu fragen? — Weil ich sein Porträt von Ihnen sah, und weil ich mir sagte: Jemand, der ihn so malen konnte, muß ihn ganz nahe kennen, muß ihm ganz nahe stehen — oder gestanden haben. Herta wunderte sich über die Unbefangenheit, mit der Elfriede redete. Aber dies Zutrauen ging ihr warm ans Herz. — Sie haben recht, sagte sie, ich habe ihn nah gekannt, aber das Porträt liegt weit zurück, und wenn Sie etwas aus den letzten Jahren wissen wollen, — da bin ich ebenso unwissend wie Sie. Mich hat das Leben längst weiter geführt. — Und früher? fragte Elfriede zögernd. — Früher?! — Ich will Ihnen alles sagen, begann sie mit einem plötzlichen Entschluß: Sie haben die Verbindung mit Pitt Sintrup verloren, Sie wollen ihn wieder für sich gewinnen. Elfriede widersprach nicht, nur sah sie Herta mit einem Blick an, der dies alles bestätigte, und in dem doch die Bitte lag, nicht weiterzusprechen. — Ich will ganz offen gegen Sie sein, fuhr Herta fort, wir begegnen uns wahrscheinlich nicht wieder im Leben, und vielleicht helfen meine Worte, Ihnen Schlimmes zu ersparen. Ich kenne Pitt Sintrup genau, wir haben uns nah gestanden wie nur zwei Menschen sich nahe stehen können; ich kenne sein ganzes Leben, er hat es mir oft und oft erzählt. Ich wußte, was für ein haltloser Mensch er ist, und ich wollte diejenige sein, die ihm einen Halt gäbe; ich fühlte mich stark dazu. Es schien zu gelingen, es kam eine Zeit scheinbaren Glücks, dann ging alles langsam, Stück um Stück zugrunde. Mehr Kraft als ich sie hatte, können Sie nicht haben, und ich bin nicht zum Ziel gekommen. Ich fühlte, daß ich selbst zugrunde gehen würde, wenn ich dies Leben mit ihm zusammen länger ertrug, — und so trennte ich mich von ihm. Pitt Sintrup ist ein einsamer Mensch, er leidet unter seiner Einsamkeit, aber er ist nicht geschaffen zu einem dauernden Zusammenleben mit einem andern; eine Zeitlang hält er es aus, dann treibt es ihn wieder fort, Gott weiß in was für Nebel. — Elfriede sah vor sich hin; ein Stück ihrer eigenen Erinnerung war wach in ihr. — Und ist er jetzt noch hier? fragte sie nach einer Weile. Das wußte Herta nicht, doch setzte sie hinzu, vor einiger Zeit habe sie gehört, daß er jetzt Redakteur an einer Zeitschrift sei; sie nannte den Namen. Elfriede erhob sich; Herta sah sie nachdenklich an: Wollen Sie es wirklich versuchen, ihm wieder nah zu kommen? — Elfriede antwortete nicht, aber ihr stummer Blick sagte alles.
Elfriede schrieb jenen Brief an Pitt. Frau van Loo zeigte keine Veränderung auf ihrem Gesicht, als sie es ihr erzählte. Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Du mußt es wissen, welcher Verkehr dir frommt; damals warst du ein halbes Kind, jetzt bist du erwachsen. — Sie sah ihr in die Augen und dachte: Wann wird deine Sehnsucht endlich zur Ruhe kommen. — Sie ahnte vieles von Elfriedes Leben, sie hatte es Elfriede stets fühlen lassen, aber ausgesprochen wurde nie ein Wort. —
Pitt kam; er hatte lange mit sich selbst gekämpft. Er trat in das Haus, das unverändert all die Zeit gestanden war, der Diener war immer noch derselbe, er begrüßte Pitt beinah wie einen Freund, während er damals, als Pitt noch im Hause verkehrte, stets steif und gemessen gewesen war.
Er trat in das große Zimmer, das ihm so vertraut war; nichts schien darin geändert, es war, als sei er gestern zum letzten Male hier gewesen. — Er mußte lange warten, endlich hörte er jenes dumpfe leise Rollen, das ihm so bekannt war, die Portiere schob sich langsam zurück, und Elfriede stand vor ihm, die graublauen Augen auf ihn gerichtet, unsicher, fragend. — Ihn durchflutete ein warmes, sanftes Gefühl. Elfriede! sagte er. Sie kam langsam auf ihn zu und hob die Hand, er ergriff sie, hielt sie unschlüssig und ließ sie wieder sinken. — Wie lange, lange sahen wir uns nicht! sagte Elfriede endlich. Er nickte, traumverloren. — Seit jenem Sommer, draußen auf dem Gute. Dann schwiegen sie beide. — Und Ihre Mutter? fragte er endlich. Sie sah mit verschleiertem Blicke zu ihm auf und fragte wie aus einer andern Welt: Wessen Mutter? Meine Mutter? Pitt, nenne mich nicht Sie. Wir waren doch Freunde, und ich glaube, wir sind es noch — oder wieder.
So saßen sie sich nun gegenüber wie in alter Zeit, nur daß inzwischen Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, daß alle Worte unwichtig und gleichgültig waren, daß das Wichtige unausgesprochen blieb. Es drängte sie, ihm alles zu erzählen, ihr ganzes Leben, seit sie ihn verließ, aber sie vermochte es nicht. So saßen sie noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefaßt. Endlich erhob er sich.
Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemühte sich ihren Worten einen leichteren Ton zu geben. — Er zögerte. Dann sagte er: Was hat es für einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn es uns wieder zusammenführt, so bringt es uns nichts Gutes. — Glaube das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war, ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an dich, sei wie du willst zu mir — du kannst mich nicht mehr enttäuschen, das alles ist vorbei. Es soll für dich wieder so werden, wie es früher war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, daß du mit mir befreundet warst. Denn ich weiß ja doch: Jene ganz frühe Zeit mit mir war die glücklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein kann, was ich dir damals war, so bin ich glücklich, denn du bist dann glücklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefühl der Ruhe denken kannst, mit dem Gefühl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glücklich — ich sehe es dir ja an, daß du noch immer allein bist!
Er blickte schwankend auf sie. — Für mich ist es jetzt schon schwer von dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein träumender Junge mehr, ich habe in all den Jahren gelernt meinem Gefühl zu mißtrauen; auf mir liegt kein Segen. — Komm wieder, Pitt! — Er sah ihr grübelnd in die Augen. Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. — Ich komme wieder! sagte er mit einem plötzlichen Entschluß.
Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta vielleicht erreicht hätte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles von sich abschüttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, daß niemand mit ihm glücklich werden konnte, da er mit niemand glücklich zu sein vermochte. —
Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu sehen wie er wollte — sollte er sich diese Möglichkeit des Glückes abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?
Er ließ nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton war frei, sicher, und voll verhaltener Wärme.
Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weißt du noch, Pitt, wie du dann später vor dem Hause zögertest und nicht wußtest, ob du mitkommen solltest? — Ja, antwortete er, und es war gut, daß ich es dann tat, euer Haus ist meine einzige Heimat. — Sie pflückte eine Blume und steckte sie an seine Brust.
Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrüßte ihn mit etwas reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe früher geglaubt, er sei inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hände gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. — Liebes Kind, sagte Frau van Loo, ich weiß doch, was ich gelesen habe! — Aber ich weiß es doch besser! Sein Bruder hat mir am nächsten Tage einen Brief geschrieben und sich entschuldigt, daß er den meinen geöffnet hätte, denn er wäre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo ließ sich nicht aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich weiß aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup? — Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! — Siehst du wohl, Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. — Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber längst nicht mehr in der Redaktion. — So? Dafür haben Sie auch nie gepaßt! Sie sollten in einer großen Bibliothek sitzen und das Leben nur in Büchern genießen, das wäre für Sie das richtigste. Ein Onkel von mir — jetzt ist er uralt — war gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner Bibliothek und genießt das beschaulichste Leben. Ich werde ihm schreiben, daß es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke auf dem Herzen trägt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball mitmachte — ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schöner Mann war — so wird er vermutlich auf mein Wort noch hören. —
Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb übrigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie plötzlich: Wie ist das denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? — Ich?! fragte Pitt. — Nun ja, mit Fräulein Heine. Pitt sagte, daß dies abermals sein Bruder sei. — Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van Loo schüttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem Wohltätigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgenötigt hatte. Dort verkaufte sie Rosen, weiter weiß ich nichts mehr von ihr. — Sie schwieg, und es war Elfriede, als verschlösse ihre Mutter gleichsam den Schachteldeckel über einem vielleicht insgeheim recht garstigen Figürchen. —
Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Fräulein Heine hob ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anständig, wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begründung eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte man, daß er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverständlich, das verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prämie gleichsam, stärkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anständig gelebt, sowohl im Sinne einer äußeren gediegenen Lebensführung als auch eines innerlich unantastbar reinen Wandels. —
Jeder Mensch, sprach er zu Pitt, hat — also Hand aufs Herz! — seine Jugendsünden; es ist nicht anders möglich in unserer heutigen Zeit mit ihrer erotisch so ungeheuer leicht erregbaren Psyche. Was unsere Eltern und Großeltern in ihren Jugend- und Entwicklungsjahren bewegte: Vaterland und Politik, und was ihre Leidenschaften füllte, das ist uns überkommener Besitz geworden. Man lese doch mal die Literatur von damals und die heutige, und vergleiche sie miteinander! Die Liebe ist ein ungeheurer Faktor im heutigen Kulturleben, dasjenige, was unsere Jungen und Jüngsten weitaus am meisten bewegt von allen Problemen. Auch mich hat dies Problem nicht schlafen lassen — wirklich manchmal nicht schlafen lassen — ich habe gekämpft für eine neue Form der Liebe, aber ich habe gefunden: die ältere ist doch die bessere. Wenn man in ein gewisses Alter kommt, sieht man das ein, muß man das einsehen. Überlassen wir die freie Liebe anderen Völkern: Der Deutsche ist und bleibt der geborene Ehemann. Vergeblich sträubt man sich gegen diese Tatsache, vergeblich versucht man die überkommenen Formen zu sprengen. Sie sind zu alt, zu ehern, zu heilig. Und ohne die Kirche geht die Geschichte auch nicht; wenn man auch nicht an die Sache glaubt — es gibt doch eine ganz besondere Weihe! Und irgendwas muß doch auch an der Kirche sein: wieviel hat man gegen sie angekämpft, durch Jahrhunderte hindurch, und sie sind alle noch immer im Betriebe! Na — meine sämtlichen Beziehungen — das heißt, es waren nur ein paar — habe ich abgebrochen, vor allem die mit der Schauspielerin, die ich Herrn Bertold abgetreten habe; das war sogar meine Pflicht, denn ursprünglich kam sie gar nicht zu mir persönlich, sondern in die literarische Redaktion, die ja auch in zweiter Hinsicht durch Herrn Bertold vertreten ist. Na, und du selbst, du lebst immer so stumpfsinnig weiter? — Was lachst du denn?
Pitt hatte während Fox’ Rede, ohne ein Wort von ihr zu verlieren, planlos irgend einen Goetheband vom Regal genommen, ihn halb in Zerstreutheit aufgeschlagen und seine Augen hafteten auf einem besonderen Satze. — Ja, sagte er jetzt, ich lebe stumpfsinnig so weiter, wie es von einem stumpfnäsigen Besenstiel, wie ich hier genannt werde, nicht anders zu erwarten ist. — Zeig doch mal her! sagte Fox erfreut. Pitt reichte ihm das Buch mit einem Lächeln, und Fox las: „Ich mag es machen wie ich will, so muß ich mir den großen Pitt als einen stumpfnäsigen Besenstiel, und den in so manchem Betracht schätzenswerten Fox als ein wohlgesacktes Schwein denken.“
Herr Sintrup, beglückt durch die glänzende Wendung in Fox’ Geschick, wurde eines Tages in große Aufregung versetzt: Fox meldete sich für die allernächste Zeit an, mit zukünftiger Frau und Schwiegermutter. — Ich erwarte, schrieb er, daß ich unser Haus in bester Ordnung vorfinde, und eine anständige Hausdame, die es versteht, in würdiger Weise zu repräsentieren; ich bitte dich aufs dringendste: Peinliche Sauberkeit und Ordnung nach innen wie nach außen! —
Herr Sintrup hatte in der letzten Zeit überhaupt keine Hausdame gehabt; sein Heim galt in der Stadt als kein gutes, er genoß den Ruf eines skrupellosen Witwers. — Sein erster Gang war zu einer Dame, die ihn täglich besuchte, und der er dies für die nächste Zeit verbot. Sie glaubte erst, hier hinter verberge sich ein plump angelegter Plan irgendeiner Täuschung. Als sie dann hörte wie alles war, schlug sie vor, sie selber könne ja als Hausdame auftreten; sie wisse ganz genau wie man das mache, sie habe das in vielen Romanen gelesen und besitze ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Herr Sintrup ging darauf nicht ein, unter keinen Umständen. Vermietungsbureaus waren schon geschlossen, und morgen war Sonntag. Er fragte bei Bekannten und Freunden herum; niemand wußte ihm eine solche Dame zu nennen, und ein alter Freund, der sich das erlauben durfte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: Altes Haus, hast du wieder Paschagelüste?! —
Herr Sintrup sah seine Wohnung jetzt mit ganz neuen Augen an: Staubig, unordentlich, wüst sah alles aus, wie in einer richtigen Junggesellenwohnung, der die Hausfrauenhand fehlt. Und wirklich etwas abenteuerlich! Herr Gott, wenn Mausi das erlebt hätte! All die schönen, früher sauberen Gardinen waren vollgequalmt und seit langem nicht erneuert — es waren frische da, aber Herr Sintrup wußte nicht wo sie lagen. Tischzeug! Wo war denn das gesamte Silber? Er fand nur weniges. Verdammte Weiberwirtschaft! Man hatte ihn gewissenlos bestohlen und sich selbst bereichert! — Die Kronleuchter hingen trüb-kristallen von den Decken, ohne Kuppeln, mit nackten Brennern und defekten Zylindern, aber voll verstorbener Fliegen. Goethe und Schiller schauten auf ihren Postamenten wie mit Pockennarben drein. Und überall diese verfluchten Spuren von Dingen, die einfach ungehörig waren! Zuschnitte zu Kleidern, Hüten — was hatten die in der guten Stube zu suchen? Konnte das die Person nicht ebensogut zu Hause nähen? Das Haus muß rein gehalten werden! — Mit einem Griff wischte er die ganze Bescherung vorläufig vom Tisch herunter und trat alles in einen Winkel. Wie sollte er eine Hausdame finden? Er war verzweifelt. —
In peinlich ausgeklopftem Überzieher, in einem tadellos neuen Hut, in roten Glacéhandschuhen, die sich dehnten und leise ächzten, stand Herr Sintrup aber am Tage der Ankunft auf dem Bahnhof und schaute wohlgemut dem Zuge entgegen. Der Zug hielt, Herr Sintrup gewahrte in der Ferne ein Bruderpaar seiner Handschuhe, das winkend in die Luft fuhr. Er eilte heran, Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Mein lieber alter Junge, sagte Herr Sintrup, und seine Augen schwammen; und Fox sagte: Mein lieber alter Papa! Dann drehten sich beide herum und halfen den Damen aus dem Wagen. Fox stellte vor, und Frau Heine dachte: Ein soignierter alter Herr, etwas kleinstädtisch, aber auch in der besten Gesellschaft präsentabel! — Das ist dein Papa? fragte Elsa und klatschte in die Hände. — Mein Papa und auch der deinige! sagte Fox mit Würde; und Herr Sintrup küßte auch ihr die Hand, dann rief er plötzlich: Mir altem Herrn dürfen Sie wohl erlauben — — seine Lippen drückten sich zart auf ihre Stirn, und, als wenn seine Worte inzwischen wie in einem unterirdischen Kanal weitergelaufen wären und nun wieder frei würden, endigte er dann: .... denn Sie sind ja gewillt, als Tochter in unsere Familie einzutreten!
Draußen hielt der Wagen, die Damen nahmen Platz, und ehe Herr Sintrup mit Fox hinterherstieg, nahm Fox seinen Vater leise beim Knopfloch und fragte mit bedeutungsvollem Runzeln: Alles in Ordnung zu Hause? — Alles, alles in Ordnung! gab Herr Sintrup in bester Stimmung zurück. Unterwegs zeigte er den Damen die Sehenswürdigkeiten der Stadt — viele sind es nicht, wir sind hier noch ein wenig zurück — und endlich hielt der Wagen. Man begab sich in das Haus, Herr Sintrup mit Frau Heine, Fox hinterdrein mit seiner Braut. Hier, Elschen, hier hat dein Bräutigam als Kind gespielt! sagte er, mit steifem Mittelfinger in den Garten deutend. Man stieg die kleine Treppe hinan, die Tür öffnete sich, und im schwarzen Seidenkleide stand da Fräulein Nippe, jetzt Frau Feihse, kürzlich erst verwitwete Frau Feihse, ging auf Fox zu, nahm warm seine Hand zwischen ihre beiden, und sagte glücklich: Wer hätte das gedacht, daß wir uns so wiedersehen würden! Dann begrüßte sie die Damen auf eine zeremoniöse Weise, und wie ihr Fräulein Heine die Hand gab, konnte sie nicht anders: Sie streichelte sie, sah ihr mütterlich in die Augen und hielt sich nur mühsam vor mehrerem zurück. Fox war sehr verwundert Fräulein Nippe hier zu sehen.
Bald nach dem Tode ihres Mannes hatte Frau Feihse Herrn Sintrup ihre Dienste angeboten. Zwar erinnerte sie sich, daß er sie einmal auf recht häßliche Weise ausschlug, nachdem er sie erst anzunehmen schien, aber sie trug nie jemand irgend etwas Böses nach! Herr Sintrup antwortete damals auf diesen Brief gar nicht, jetzt bekam sie plötzlich ein Telegramm von ihm. Und sie telegraphierte zurück: ich komme! nichts als dieses einfache, schlichte Wort, das so recht ihr ganzes Leben ausdrückte: Ich komme! — man braucht mich — — und ich komme! — Dann war sie da und ging sogleich an die Arbeit. Böse sah es in den Zimmern aus! Sie ließ Handwerker antreten, half überall selbst mit, bat Herrn Sintrup um alle Schlüssel. Es wurde nun geputzt, geklopft, gescheuert, gerieben und gewischt, überall hatte Frau Feihse ihre Augen, ihre Hände. Voller Schmutz und Schweiß stand sie am Abend da: Das gröbste war geschehen, das kleinere würde morgen vormittag alles erledigt werden. — Sie sind ja ein Staatsfrauenzimmer! rief Herr Sintrup, worauf sie prompt, mit kleinem Knix, erwiderte: Und Sie ein liebenswürdiger Grobian. — Am Mittag konnte Herr Sintrup durch alle Zimmer gehen und sich an der neuen Ordnung erfreuen. — Einige weibliche Handarbeiten, sagte Frau Feihse diskret, habe ich verschwinden lassen; auch habe ich die Pudertöpfchen aus dem Büfett herausgenommen, ich kann ja später alles wieder hineinstellen. —
Frau Heine fühlte sich so gemütlich hier! Was, Elsa, denk, die großen Räume bei uns zu Hause, diese vielen, vielen Räume, zwanzig sind es glaube ich — und hier dagegen diese Gemütlichkeit! Sie liebte doch eigentlich ganz kleine Zimmer! —
Fox lud sie ein sein früheres Stübchen anzusehen. — Dies ist, sagte er, oben die Tür öffnend, das kleine Heim, in dem Ihr Schwiegersohn, liebe Schwiegermama, so glücklich war! Herrn Sintrup traten die Tränen in die Augen, und er sagte: Jawohl, glücklich bist du gewesen, mein Junge, ach Gott, wenn deine Mutter doch noch lebte und dies neue Glück mit angesehen hätte! — War das die Mama von Fox, fragte Elsa mit interessierter Stimme und diskreter Wärme — die dort unten über dem Sofa hängt? Herr Sintrup nickte: Und ihr Geist, sagte er mit mühsam beherrschter, ein wenig vibrierender Stimme, ihr Geist herrscht noch in diesen Räumen. Alles ist genau so geblieben wie es war!
Frau Feihse zog sich zurück; am nächsten Morgen wollten die Herrschaften wieder abreisen, bis jetzt ging alles gut, sie sollten den denkbar günstigsten Eindruck von Haus und Wirtschaft gewinnen!
Das Essen verlief zu aller Zufriedenheit. Fox hatte sich um die Weine gekümmert und seine Kennerschaft bewährt. Herr Sintrup sagte stolz: Ja ja, mein Sohn hat auf der Universität nicht bloß Fach gesimpelt, er hat auch den Magen nicht zu kurz kommen lassen!
Man stieß auf das Wohl der Braut an, und Frau Feihse rief selbstvergessen: Heil Elsa von Brabant! entschuldigte sich aber sofort, falls dies zu intim wäre. Dann brachte Herr Sintrup einen Toast auf Frau Heine aus, die dies gütig über sich ergehen ließ. Schließlich hob Elsa ihr Glas, und sagte in einer plötzlichen Anwandlung: Es sei doch eigentlich schade, daß Pitt nicht zugegen sei — erntete damit aber keinen Beifall; vielmehr wurde Herrn Sintrups Gesicht ein wenig trübe, und er sagte: An den wollen wir uns lieber nicht erinnern, er hat es nicht verdient. — Aber er ist doch ein guter Kerl, meinte Fox, nur daß ihm das Zeug zu allem fehlt, das ist wahr. — Ich trinke trotzdem auf sein Wohl! Er hat mich immer so hübsch unterhalten! sagte Fräulein Heine. Elsa! rief Fox, neckisch mit dem Finger drohend, ich weiß, er ist dir immer nachgelaufen! — Was schadet denn das? fragte sie kokett, ich habe ihn immer gern gehabt und werde ihn auch ferner gern haben, und das Nachlaufen werde ich ihm auch nicht verbieten. — Elsa!! rief Fox mit warnender Stimme, aber sie legte sogleich ihre Hand auf die seine und beruhigte ihn. So lief der Abend ungetrübt, harmonisch hin, fast wäre es allerdings einmal zu einem unliebsamen Zwischenfall gekommen: Frau Feihse nämlich, angeregt durch den Wein, konnte sich nicht enthalten, ohne Namen zu nennen, auf Lotte anzuspielen, und schließlich gar zu sagen: Und wissen Sie wohl noch, der merkwürdige Junge, der immer rief: Wer ist denn der Onkel? — Hier mußte ein für allemal ein Riegel vorgeschoben werden. Fox erhob sich, indem er sagte, er wolle draußen Zigaretten holen, kam aber sogleich zurück und fragte Frau Feihse, wo sie ständen. Sie folgte ihm dienstbeflissen und war erstaunt, als er sie draußen sofort auf das deutlichste und schroffste zurechtwies, mit kurzer, unterdrückter, schneidiger Stimme. — Sie war sehr erschrocken und nannte sich selber taktlos und „ehrenrührig“. Um ihm ganz zu zeigen, wie sehr sie ihn begriffen, erzählte sie dann später von ihrem Vetter: eine wie glückliche Ehe der führe mit eben jener Dame, die sie zuvor genannt habe, und daß der Himmel ihm so viele Kinder beschert habe. Einmal sei ihr eigener Mann, Herr Feihse, als diese Kinder groß genug waren es zu verstehen, ihnen als Weihnachtsmann erschienen. Sein höchster Traum wäre gewesen, einmal seinen eigenen Kindern als Weihnachtsmann zu erscheinen, aber da sie ihm versagt blieben, mußte er es vor fremden — die gute alte Haut! Und wie er nun vor den Kindern stand, da habe er kein Wort hervorbringen können, denn er sei zu erregt gewesen. —
Am nächsten Morgen umarmte Herr Sintrup Fox abermals, sagte, er habe Freude an seinem Sohn erlebt, und händigte den Damen mit großer Galanterie zwei Blumensträuße aus. Zum Schluß bekam Frau Feihse einen Weinkrampf: Frau Heine vermißte ihren Brillantring; sie hatte ihn auf dem Waschtisch liegen lassen, er fand sich nicht gleich, und nun konnte man vielleicht ihre arme, unschuldige Seele im Verdacht haben! — Gott sei Dank! sagte Herr Sintrup als er vom Bahnhof zurückkehrte, Frau Feihse, Sie haben sich wirklich glänzend bewährt! Sagen Sie mal, wollen Sie nicht dauernd die Wirtschaft bei mir führen? Ich sage Ihnen aber gleich: Es geht bei mir etwas drüber und drunter. Sie könnten hier famos Ihre Muttertalente anbringen! —
Muttertalente! Ja, sie war zu alt geworden zur Liebe, das fühlte sie; sie hatte endgültig verzichtet, sie machte sich keine Illusionen mehr, nun noch jemand zu gewinnen: Muttertalent, das war das einzige Pfund, mit dem sie noch wuchern konnte, das war das Zauberwort, das ihrem Leben einen Inhalt geben würde! Dieser Mann war noch nicht alt genug, um ganz auf die Freuden des Lebens zu verzichten, — Haarnadeln, Puderbüchsen, Brennmaschinen — das alles deutete auf kein Alleinleben. Und das sah sie ja in allem: ausgenützt wurde dieser Mann! Sie würde ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, mit ihrer Menschenkenntnis, ihn warnen und bewahren vor allem Bösen, und wenn sie manchmal für zwei zu bügeln hatte, was war da schließlich dabei?! Sie fühlte sich erhaben über die Vorurteile der Menschen. Wenn Herr Sintrup einmal starb, würde er ihr doch für ihre opferwillige Tätigkeit eine kleine Rente aussetzen, und Fox, der reiche Fox, war doch dann auch noch da! Er würde ihre Aufopferung für seinen Vater splendide revanchieren, an seiner Desdemona! Sie blieb, und bat Herrn Sintrup in der Folge, sie wieder bei ihrem Mädchennamen zu nennen.
Pitt hörte von diesen Dingen, auch von seines Bruders Reise und Triumph, aber das alles traf ihn wie Nachrichten aus einer andern Welt. Ihm war, als sei er um Jahre zurückversetzt, als kehrten frühere, glückliche Zeiten wieder, nur mit dem Unterschied, daß er sie jetzt bewußt als Glück genoß. Er sah Elfriede oft, so oft er wollte, und nur die eine Sorge befiel ihn zuweilen: Daß dieses Glück wieder aufhören könne. Mit heimlicher Angst wartete er manchmal darauf, daß ihr Wesen allmählich wieder jenen wortlosen, verschlossenen Charakter annehmen könne, wie früher, damals, draußen auf dem Gute. Aber das geschah nicht, sie war gleichmäßig warm und zart, sie zeigte keine Veränderung des Wesens, selbst wenn bei ihm manchmal die alte Zerstreutheit, die bekannte Kühle, die völlige Abwesenheit aller Gedanken eintrat, wenn er mitten im Gespräch etwas völlig Zusammenhangloses erwiderte, wenn er ihre dringlichen Fragen über Dinge, die ihr am Herzen lagen, überhörte. Sie gewöhnte sich daran, sie wollte sich daran gewöhnen, denn sie mußte es. Manchmal dachte er, ob er wohl so mit ihr zusammen leben könnte wie mit Herta; dann wollte es ihn bedünken, als gestaltete sich mit ihr zusammen alles leichter — und doch schob er diesen Gedanken ängstlich in den Hintergrund. Alles war so, wie es war, viel schöner. — Aber er konnte nicht verhindern, daß die Gedanken wiederkamen. —
Frau van Loo sah dem Verkehr der beiden zu, und ahnte, zu welchem Ende er führen würde. Sie redete mit Elfriede, und Elfriede sprach es als etwas Selbstverständliches aus; Frau van Loo sah sie sinnend und zärtlich an und sagte: Du mußt es wissen, Elfriede, was du tust; du hast jahrelang Zeit zum Nachdenken gehabt, und wenn dies die Frucht deines Nachdenkens ist, so muß ich zufrieden sein.
Wie ein stilles Wasser floß die Zeit hin, so still und milde wie draußen jetzt die Tage waren. Der Sommer war vorüber, aber ein leises Leuchten lag über der Erde, über den Feldern und allen Bäumen, der Himmel war klar, hellblau und kühl, und doch wärmte die Sonne fast wie im Sommer. Leise begann das Laub sich bunt zu färben, und durch die Luft zogen feine, silberne Fäden, die sich glänzend in der Ferne verloren.
Elfriede fühlte in Pitts Wesen eine innere Wärme, die nie ganz auf die Oberfläche drang, sie fühlte, daß er sie so liebte, wie er überhaupt zu lieben fähig war, und eines Tages sagte er es ihr selbst. —
Sie war zu ihm herangetreten und hatte in leiser Zärtlichkeit ihren Kopf an seine Brust gelegt. — Könnten wir denn nicht ganz zusammen bleiben? fragte sie mit ruhiger, verhaltener Stimme, scheint es dir denn so ganz, ganz unmöglich? —
Er machte sich los von ihr. Elfriede! sagte er, du weißt nicht, was für ein Mensch ich bin; es ist ganz, ganz unmöglich. — Doch, doch, sagte sie, ich weiß alles. — Nein, du weißt es nicht, wie haltlos, wie unbeständig ich bin. Mir ist es jetzt, als liebte ich dich; ich fühle es stärker als ich Herta gegenüber fühlte; aber ich kenne mein Gefühl, ich weiß, daß es nicht standhält. Ich empfinde zu Zeiten gegen die allernächsten Menschen so, daß ich im Zweifel bin, ob ich überhaupt irgend eines Gefühles fähig bin. Es liegt nicht an den Menschen, es liegt nur an mir, an der Zusammensetzung meines Wesens. Du stehst mir jetzt unendlich näher als damals, wo wir zum erstenmal zusammen waren, ich weiß: Wenn ich das Leben mit jemand leichter ertragen kann als ganz allein, so bist du es; eine Zeitlang wird es scheinen, als seien wir beide glücklich; dann kommt wieder langsam jenes halb wahnsinnige Gefühl über mich: Mich herauszureißen aus allem was mich bindet! — Es soll dich nichts binden, sagte Elfriede, du sollst das Gefühl behalten frei zu sein, durch nichts gebunden. Du sollst gehen können wann du willst, du sollst nicht immer bei mir bleiben; ich weiß: nur wenn du das Bewußtsein deiner Freiheit hast, kannst du dauernd mit einem Menschen zusammen sein. Und wenn die schlimmen Zeiten kommen, wenn du wirklich gehst, so weiß ich: du wirst zurückkommen, ich werde immer die sein, die dir am nächsten steht. — Pitt hob den Arm: Du kannst es nicht ertragen, du wirst Bitterkeit gegen mich empfinden, du wirst es fühlen, wie egoistisch, wie herzlos ich im Grunde bin. Du sollst dich nicht täuschen lassen durch meine Worte: ich sagte dir, du ständest mir am nächsten von allen Menschen. Genau dasselbe habe ich einst zu Herta gesagt, und ich weiß: ich habe damals mich und sie selbst betrogen. Herta war für mich nichts anderes, als das, was der Ast, der über den Fluß hängt, für einen ist, der auf den Wellen treibt. Ich klammerte mich an ihn, ich suchte mich aufs Land zu ziehen. Kaum war ich ein wenig trocken, kaum hatte ich die Erschöpfung etwas vergessen, verlor ich alle Dankbarkeit, wollte ich wieder zurück in den Strom, ging mich der Ast im Grunde nichts mehr an. Ich suchte mich vor mir selbst zu täuschen, mir einzureden, das alles sei nicht wahr. Herta fühlte es aber ebenso deutlich wie ich, nur hatte sie mehr Mut und Klarheit, und machte da ein Ende, wo ich immer flicken und wieder flicken wollte. Dann bildete ich mir ein — wie früher schon in ähnlichen Momenten: ich liebte dich — um nicht so völlig leer und gefühllos vor mir selber dazustehen: Elfriede! Glaube nicht an mein Gefühl, es ist nur Täuschung und Halbwahrheit. Du weißt nicht, an was für einen Menschen du dich ketten willst, all deine Liebe würde nicht hinreichen das Leben mit mir zu ertragen. — Nur dann, sagte Elfriede, wenn ich fühlen würde, daß alles wahr ist was du sagst. Aber es ist nicht wahr! Zuvor hast du gesagt: du liebst mich so, wie du einen Menschen nur lieben kannst, und jetzt, wo ich hierauf weiter bauen will für mich und für dich, widerrufst du alles, setzest du alles in ein zweifelhaftes Licht. Pitt, daraus sehe ich, daß dein Gefühl zu mir ein echtes, tiefes ist; es packt dich eine Angst der Verantwortung, und nun widerrufst du alles, weil du mich zu sehr liebst um mir ein Schicksal zu bereiten, das nur in deiner Angst besteht! — Ja, sagte er, so ist es; ich will nicht schuld sein, daß du unglücklich wirst. Herta ist nicht unglücklich geworden, aber sie hat auch die Kraft gehabt, frühzeitig genug alles durchzuschlagen, und dann liebte sie mich lange nicht so wie ich fühle, daß du mich liebst! — Du redest immer von Hertas Stärke — ich kann dies nicht als Stärke empfinden, ich fühle mich viel kräftiger als sie, denn meine größere Liebe macht mich stärker gegen alles was mich treffen kann. Alle Zeiten scheinbarer Entfremdung, die zwischen dir und mir kommen können — und sie werden kommen — werde ich ertragen in der Gewißheit, daß du dich stets, stets zu mir zurückfinden wirst. Wir werden Kinder haben, und in ihnen werde ich dich selber wiederfinden, und du vielleicht auch mich. Du siehst mich noch zu sehr mit den Augen, mit denen du mich früher sahst: ich bin kein junges Mädchen mehr, voller Ideale und Ansprüche, meine Liebe zu dir ist eine andere geworden als sie war. Ich wollte dich vergessen, mehr als ein Menschenschicksal hat sich mit meinem eigenen gekreuzt — und ich habe es erfahren, daß der Weg aus ihnen immer wieder zu dir zurückführt. Ich bin geläutert worden und komme wieder zu dir: ich weiß alles, alles, wie es werden wird, aber dies alles zu tragen bist du mir wert, denn nie war ein Mensch da, den ich so liebte, und nie, nie wird jemand in mein Leben treten, zu dem ich so empfinden könnte wie zu dir. Mir ist ja, als kennte ich dich, so lange ich überhaupt nur denken kann! — Du weißt es nicht, Elfriede, was du auf dich nehmen willst! — Ich weiß alles, und ich nehme es auf mich. — Sie war zu ihm getreten und sah ihm in die Augen. Da zerlöste sich alles in ihm in einem Gefühl unsäglicher Dankbarkeit, er sank fast an ihr nieder. — Ich will es versuchen, Elfriede, und wenn du mir hilfst — mein Gott, wenn nicht alles tot und wüst ist in mir — o Elfriede, wenn ich noch mit dir zusammen glücklich würde! —
Du wirst es, soviel du überhaupt glücklich werden kannst! Und ich mit dir! — Und deine Kunst, was wird aus deiner Kunst? — Die wird mir doppelt wert werden, denn ich werde mich viel an sie halten müssen. — Elfriede, ich schäme mich, wenn ich dich so reden höre; bin ich denn wirklich so fürchterlich, wie ich mir selbst erscheine? — Sie lächelte: So lange du so fragst, bist du es nicht. — Er legte seine Hände um ihr Haar und küßte sie. — Du bist stark und kräftig, sagte er, und deine Kinder werden es auch sein, wenn sie dir nachgeraten. Du wirst mit ihnen jung bleiben und leben, und ihr alle werdet kräftiger und stärker sein als ich. — Seine Augen sahen über Elfriede hinweg ins Abendrot; er schwieg, und wie zu sich selber sagte er nach einer Weile langsam: In einem aber werde ich sie alle überholen; einen nach dem andern werde ich hinter mir lassen, denn ich fühle es: Ich werde ur — uralt.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einem anderen Schriftstil markiert.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
- ... diese Sternschuppe. Sie fand ihn viel vernünftiger als ...
... diese Stern[schnuppe]. Sie fand ihn viel vernünftiger als ... - ... der ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. ...
... [oder] ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. ... - ... oingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ...
... [Gingen] sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ... - ... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er. ...
... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er[:] ... - ... der mit Pitt auch nicht die geringste Ahnlichkeit mehr ...
... der mit Pitt auch nicht die geringste [Ähnlichkeit] mehr ... - ... half ihn die Erwägung hinweg, daß — wie er ...
... half [ihm] die Erwägung hinweg, daß — wie er ... - ... hervor?! Und mach du mir nicht weiß, daß du mich ...
... hervor?! Und mach du mir nicht [weis], daß du mich ... - ... seinen eigenen Augen, die ihm aus einem gegenüberhängenden ...
... seinen eigenen Augen, die [ihn] aus einem gegenüberhängenden ... - ... zwischen dir und mir, dann erhälst du keinen Pfennig ...
... zwischen dir und mir, dann [erhältst] du keinen Pfennig ... - ... Kind, begreifst du nun, daß ich es gut mir dir meine?! ...
... Kind, begreifst du nun, daß ich es gut [mit] dir meine?! ... - ... heißt, sagte sie lauter, stoßweiße: das heißt, gegen meine ...
... heißt, sagte sie lauter, [stoßweise]: das heißt, gegen meine ...