20. Der Frauenmörder.

Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse, das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können. An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf, sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien. Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen. Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten — aber es blieb Allen ein Räthsel.

Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen, wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke, seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang, das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und alle Kosten selbst zu tragen wünsche.

So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war, zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht, seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte; mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten, daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein, höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte, woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir, als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich: »Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.« Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz, ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge. Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn, was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« — sagte er, — »soll Niemand es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« — sagte der alte Herr, — »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte er ihrem Begehren willfahren.

Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem stolzen Edelhofe zurückgeblieben.

Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun, mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme. Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen. Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe. Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen. Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten — und mir würde das nicht unbekannt bleiben —, so müßte ich dir mit eigener Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn du sie mir nicht selbst zeigen magst.«

Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.

Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer, welche die Frau nicht betreten durfte —sollte sie doch nicht einmal an der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht: »Schlüssel und Schloß« — meinte sie — »haben keine Zunge, mit der sie dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir, wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.« Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil; der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden —wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot übertreten hatten.

Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo möglich wieder gut zu machen.

Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen, und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat, brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen konnte. »Ruchloses Geschöpf!« — schrie er mit fürchterlicher Stimme — »du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«

Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen, aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder ihres Gatten Herz zu erweichen.

»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete, schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu tödten.

Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten ein schwerer Knüttel auf seinen Kopf, so daß ihm das Beil aus der Hand fiel, und er selbst hinstürzte. In seiner Wuth hatte der Mörder nicht bemerkt, daß ein Mann mit einem Knüttel hinter ihm her schritt, als er die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tönnis. Die Frau war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so daß sie nichts mehr von dem wußte, was um sie her vorging. Tönnis band dem Herrn Hände und Füße mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner Betäubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden Böses zufügen. Dann eilte Tönnis der ohnmächtigen Frau zu Hülfe, die erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.

Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde unter die Armen vertheilt.

Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.


21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]

Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt, ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe, fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite, Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das Joch eines Weibes zu legen.

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte, machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht, die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später, daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst, denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.« Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge? dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen, oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört — Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte dich vor aller Furcht.«

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten, wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher, die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er für seine Frevel büßen müsse. — Als später auf die Nachricht von dem Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor. Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht; allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte. Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, — darum getraute sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen zu suchen.« —So sprach der alte Bauer.

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben. Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen, und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten Schloßruinen.

Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern, ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher, durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch, welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort, daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war, fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf, und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe, welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!« rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern, und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an, sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir, Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht vergessen sollst. — Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu, damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr Schaden zufügen kann.«

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe Höhle gelangten.

In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger Geldhaufe, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold. Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den Haufen in zwei Theile theilen, so daß beide ganz gleich werden und kein Rest bleibt. Während du mit dieser Theilung dich beschäftigst, will ich mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.« Der Riegenaufseher machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder. Damit kein Versehen vorkommen könne, theilte der Riegenaufseher so, daß er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Thaler oder Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestärkt seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstück war übrig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte, fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals, streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, daß Nichts übrig blieb. Ich mußte deshalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem Andern erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind! war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank, tausend Dank dir für deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du jetzt zum Lohn für deine Mühe, den andern aber mußt du unter die Armen vertheilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die große schwarze Katze dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.« Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte der Schenkwirth, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten, wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten zu, übergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen Schatz errungen hatte.