Fußnoten:
[1] Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen müssen, s. Kalewipoëg (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) XIII. 521 ff. XIV. 470 ff. L.
[2] Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in vorchristlicher Zeit für heilig. Im Kalewipoëg, Gesang XIII, V. 423 kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach Rußwurm, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. Kreutzwald zu Boecler, der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104. Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach nelja-päew, d. i. der vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag, Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.
[3] Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke vertheilt. Vgl. Boecler, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. Kreutzwald, p. 37. Neus, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.
[4] Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-Sohn (Kalewipoëg), dem Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser Töll od. Töllus. Vgl. Rußwurm, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. Neus in den Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866. Bd. I, Heft I, p. 111. L.
[5] wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich »Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.
[6] Vgl. die folgende [Anm. und die Nota S. 25] zu 2. »die im Mondschein badenden Jungfrauen.« L.
[7] Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind, erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch) durch den Wind vertrieben werden. Vergl. Kreutzwald zu Boecler, ehstn. Aberglaube, S. 105 ff. u. Kreutzwald u. Neus, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten, S. 13. L.
[8] Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird, characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im ehstnischen Epos vom Kalewi-Poëg Ges. XVI., V. 72 ist von Ahti's Sohn und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.
[9] Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches). L.
[10] Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto; er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter herabhängenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus dem Heidenthum ist von »Manas wahrem Bekenntnisse« die Rede. S. Kreutzwald u. Neus, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die Mana-Zauberer kommen auch im Kalewipoëg vor: XVI, 284. Der Kalewsohn nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen will. — Der Mana-Zauberer ist der stärkste, und stärker als Spruch- und Wind-Zauberer — nur durch den Manazauber gelingt es dem Entführer der Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken. Kalewipoëg, XI, 334. Mana's Hand hält den nach dem Tode zum Höllenwächter bestellten, auf weißem Roß sitzenden Kalewsohn fest, so daß dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreißen und davon reiten kann. S. den Schluß des Kalewipoëg. — Die Mana-Zauberer heißen ehstnisch Mana targad; das Wort tark, pl. targad, bedeutet eigentlich den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.
[11] Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent statt: als die Localität wird der sirtsosoo (Heimchenmoor) westlich vom Peipussee genannt. S. Kreutzwald u. Neus, Mythische u. mag. Lieder der Ehsten, S. 77. L.
[12] Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen geschmiedet. S. die [Anm. zu Märchen 17]. L.
[13] S. die betreffende [Nota zu dem Märchen 8] vom Schlaukopf. L.
[14] Die »Haube« steht für die Trägerin derselben verwaist, wie das lat. orba, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch Neus, ehstn. Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.
[15] Ueber Mana s. d. [Anm. zu S. 25] in dem Märchen von den im Mondschein badenden Jungfrauen. L.
[16] Vgl. Boecler, der Ehsten Gebräuche ed. Kreutzwald, S. 139. L.
[17] Der Text sagt Rootsi wennaksed d. h. schwedische Brüder. Das Colorit des Märchens ist aber ganz ehstnisch; Belege für meine Uebersetzung finde ich nicht. L.
[18] Dieser wird gebildet durch Klötzchen, die an einer Schnur hängen und mit Ringen wechseln. L.
[19] Ein Landstrich nördlich vom Peipus-See. L.
[20] Es haben sich also auch die Ehsten, gleich den Finnen, ganze Naturgebiete unter dem Schutze bestimmter Gottheiten, und dann wieder einzelne Naturindividuen von Schutzgeistern oder Elfen (ehstnisch hallijas, finnisch haltia) beseelt gedacht. Was hier blutet und jammert, ist die Dryas, die sich der Ehste jedoch männlich denkt. L.
[21] Aus der Klage des verwaisten Hirtenknaben im Kalewipoëg (XII. 876). Auch bei Neus, Volkslieder, passim. L.
[22] Vgl. über den Abscheu der Ehsten vor dem Hingeben ihres Blutes zu zauberischen Zwecken Boecler u. Kreutzwald, der Ehsten abergläubische Gebräuche p. 145 und Kreutzwald und Neus, mythische und magische Lieder der Ehsten p. 111. In unserm [9. Märchen] betrügt der Donnersohn den Teufel (den »alten Burschen«), indem er statt des eigenen Blutes Hahnenblut zur Besiegelung des Vertrages nimmt. L.
[23] »Heidnische Altäre haben sich unter den Ehsten einzeln bis in unsere Zeiten erhalten. Von einem solchen bei dem Landgut Kawershof im Felliner Kreise berichtet Hupel, »er stehe unter einem heiligen Baume, in dessen Höhlung noch oft kleine Opfer gefunden würden; sei aus einem Granitblock kunstlos gehauen.« Kreutzwald u. Neus, mythische u. magische Lieder der Ehsten S. 17. L.
[24] Baltischer Provinzialismus für Vorratskammer oder Speicher. L.
[25] Hier möchte wohl ein schwacher Nachhall von der Sampo-Mythe anklingen, die in der Kalewala, dem finnischen Epos, eine so große Rolle spielt. Auch der Wunder wirkende Talisman Sampo wird unter dem Bilde einer selbstmahlenden Mühle gedacht. Vgl. Castrén's Vorlesungen über finn. Mythol. S. 264 ff. u. Schiefner im Bulletin hist. phil. der Petersb. Akad. d. Wiss. t. VIII. Nr. 5. L.
[26] Hausgeister, welche ihren Herren Schätze zutragen. Sie werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. Kreutzwald u. Neus, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.
[27] Vgl. Kreutzwald zu Boecler p. 105. Kreutzwald u. Neus, Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die Hexen umher. L.
[28] Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fällt der ehstnische Hexen-Sabbat. L.
[29] Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende Brautwerber an. L.
[30] Ehstnisch lähkre-kiwid d. i. Steinchen, die man zur Reinigung des Milchgefäßes (Milchfäßchens), Legel, schwed. tynnåla, ehstn. lähker (sprich lächker) braucht. Man führt ein solches Milchfäßchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.
[31] Identisch mit der Wassermutter, wete ema. Weibliche Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter, Rasenmutter (s. die betr. [Anm. zu Märchen 8] vom Schlaukopf) und in unserem [Märchen 17] die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des »Stüms,« des Schneegestöbers, auf. — Eine Wetterjungfrau kennt der Kalewipoëg X, 889 als Tochter des Donnergottes (Kõu). Die Finnen haben eine »Windtochter.« L.
[32] Vergleiche das »See spielen« im [Märchen 4] vom Tontlawald, und das [Märchen 11], Der Zwerge Streit. L.
[33] Dieses Märchen lehnt sich an die beiden Höllenfahrten des Kalewsohnes, die im Kalewipoëg Ges. XIII-XV. XVII-XIX erzählt sind. Die Züge der Sage sind im Märchen wunderlich gebrochen und verschoben, und andre Märchenstoffe hineingewoben. L.
[34] Ein mythisches Wunderland. Im Kalewipoëg bewirbt sich des Kunglakönigs Sohn um Linda, nachmalige Gattin des Kalew, die ihn abweist, weil »der Kunglakönig böse Töchter hat, welche die Fremde hassen würden.« Doch lassen sich dieselben Töchter des Kunglakönigs durch den Gesang des ältesten Kalewsohnes zu Thränen rühren, Kalewipoëg III, 477. Ebendaselbst XIX, 400 werden vier Kunglamädchen genannt, welche goldene und silberne Gewebe wirken. Vgl. auch über den Reichthum des Landes Kungla das Märchen 23 vom Dudelsack-Tiidu. L.
[35] Dieser Streich wird im Kalewipoëg nacheinander dem Alewsohn, dem Olewsohn und dem Sulewsohn gespielt, welche die Warnung der am Kessel beschäftigten Alten verachteten, weil sie nicht glaubten, daß der winzige Knirps, der um Erlaubniß bat zu schmecken, solchen Schaden anrichten könne. Aber dieser reckt sich auf dem Rande des Suppenkessels über 70 Klafter hoch und verschwindet im Nebel, während der Kessel leer geworden. Als aber die Reihe, bei dem Kessel zu wachen, an den Kalewsohn kommt, verlangt dieser erst von dem als Zwerg erscheinenden Teufel das Glöcklein zum Pfande, welches er um den Hals hat und worin seine Kraft steckt. S. Kalewipoëg XVII, 327 ff. Da unser Märchen ein großes Festgelage für alles Volk fingirt, so läßt es auch übertreibend sämmtliche Vorräthe, Speisen und Getränke verschwinden. L.
[36] Die Rasenmutter ist es auch, welche im Kalewipoëg (I. 340) aus dem Küchlein die reine (oder Thau-?) Jungfrau Salme umgebildet hat. Nach Kreutzwald zu der cit. Stelle ist die Rasenmutter eine Schutzgöttin des Hauses, deren Obhut besonders der Hofraum und Garten anvertraut war. Der ehstnische Mythus hat von ihr die liebliche Vorstellung, daß sie es ist, die aus dem geschmolzenen Schnee des Winters die weiße Anemone (Anemone nemorosa, ehstnisch Frostblume) bildet. S. Kreutzwald zu Boecler S. 188. Vgl. unser Märchen 2 von den im Mondschein badenden Jungfrauen; diese heißen dort des Waldelfen und der Rasenmutter Töchter. Die Töchter der Rasenmutter sind es auch, welche im Kalewipoëg XVII, 777 ff. den nach der großen Schlacht bei Assamalla ruhenden Helden Traumgesichte weben. L.
[37] Es ist also von denjenigen Krebsthieren die Rede, deren Augen auf beweglichen Stielen stehen, nicht unmittelbar auf dem Kopfe. L.
[38] Vgl. [Anm. zu Märchen 21], der beherzte Riegenaufseher. L.
[39] Sepik, mit Hefen gebackenes nicht gesäuertes Brot, das im südlichen Ehstland nur aus Weizenmehl gemacht wird. S. Wiedemann, Ehstnisch-Deutsches Wörterb. s. v. L.
[40] Aus dem Glöckchen der Sage, Kalewipoëg XVII, 633 ist im Märchen ein Ring geworden. Im Glöckchen dort, im Ringe hier steckt des Höllenfürsten Kraft. Vgl. das [Märchen 18], vom Nordlands-Drachen, wo der Ring Salomonis, der im Besitz der Höllenjungfrau ist, Felsen zertrümmert, wenn er am Daumen der linken Hand steckt. L.
[41] Ein mit einem Deckel und unten mit einem Zapfen versehenes Tönnchen Dünnbier (Kofent), das in den Bauerstuben steht und woraus sich Bier abzapft, wer Durst hat. L.
[42] Hier fehlt also das Dritte, der Wünschelhut aus Nägelschnitzeln, den Kalewipoëg bei seinem ersten Höllenabenteuer benutzt und dann verbrennt. S. darüber die [Anm. zum 11ten Märchen], von der Zwerge Streit. L.
[43] Kalewipoëg XV, 70 ff. Vers 217 heißt die Hexen- oder Wünschelruthe geradezu der Brückenfertiger (sillawalmistaja). L.
[44] Kalewipoëg XV, 108 ff. vgl. mit XVIII, 815 ff. In diesen Stellen thut »der Leere« (Tühi) oder wie er im 18. Gesang heißt, der Gehörnte (Sarwik) alle Fragen hintereinander, während unser Märchen sie auseinander legt und auf die verschiedenen Gänge Schlaukopfs vertheilt. Die Sage berichtet von einem Zweikampf des Kalewsohnes mit dem Höllenfürsten; bei dem zweiten Höllengang des Kalewipoëg endet dieser Zweikampf mit der Ueberwältigung und Fesselung des Gehörnten. Kalewipoëg XIX, 87 ff. L.
[45] Vgl. oben S. [45], [46]. L.
[46] Auch der Kalewsohn raubt die Schätze der Unterwelt. L.
[47] Erinnert an »das in verborgener Schmiede von unterirdischen Meistern« (Mā-alused, vgl. [Märchen 17]) gefertigte Schwert, welches der Kalewsohn zum Ersatz für sein von dem Finnenschmied geschmiedetes und von dem Zauberer des Peipus-Strandes entwendetes Schwert aus der Hölle nimmt. L.
[48] Nota zu 9 u. 10. Beide Märchen behandeln einen und denselben Stoff: die Entwendung des Donnerwerkzeugs durch den dasselbe über Alles fürchtenden Teufel, welchem es der in einen Fischerknaben verwandelte Donnergott wieder abnimmt.
Was zunächst den Namen des Donnerwerkzeugs betrifft, so heißt es in beiden Märchen »pil«, womit zwar im Ehstnischen jedes Instrument bezeichnet wird, hier aber nur ein Blaseinstrument gemeint sein kann. Und zwar kein anderes als der bei den Ehsten seit uralter Zeit sehr beliebt gewesene Dudelsack, schwedisch dromm-pîp, drumm-pîpa. Drumm ist das Trompeten-Ende dieses Instruments, es brummt stets denselben Baßton und erweckt den Ehsten die Vorstellung des Donners. Im Inlande Jahrg. 1858, Nr. 6 ist eine Version unseres [Märchens 10] abgedruckt, welche die Ueberschrift führt Müristaja mäng, was mit Donnertrommel übersetzt ist. Aber mäng bedeutet nicht Trommel, sondern Spiel, Spielzeug, und da es im »Inland« gegen den Schluß heißt: »er holt den »Himmelsbrummer« hervor und setzt die fünf Finger an denselben,« so deutet dies offenbar keine Trommel, sondern ein Blaseinstrument an, den Dudelsack, der speciell toru-pil, Röhreninstrument, heißt, aber auch pil schlechtweg, wie in unserm [Märchen 23], Pilli-Tiidu, Dudelsack-Tiidu. Von Trommel und Pauke heißt es im Ehstnischen trummi löma, die Trommel oder Pauke schlagen, und weder an Schamanentrommel noch an ein Tambourin ist bei dem Ausdrucke pil oder müristaja mäng zu denken. Nach Neus, myth. u. mag. Lieder der Ehsten S. 12. 13. vgl. mit 41. hängt das ehstnische müristamine, das Donnern, mit einem finnischen Verbum zusammen, welches vom Brummen des Bären gebraucht wird, und weist auch der ehstnische Name des Donnergotts, Kõu, auf ein finnisches Nomen für Bär zurück. Auch der nordische Donnergott, Thunar-Thor, führte den Beinamen des Bären. Also nicht der Schall einer Trommel, sondern das Gebrüll eines Thieres oder eines daran erinnernden Instruments wird dem Donner verglichen. Der ehstnische Donnergott entlockt dem Dudelsack furchtbare, aber auch liebliche Töne — schrecklichen Donner, aber auch sanft rieselnden Regen. Wenn die Vorstellung von dem Erregen des Gewitters durch ein Instrument wie die Sackpfeife eigentümlich ehstnisch ist (nach Rußwurm, Sagen, Reval 1861. S. 134, ist der Dudelsack Erfindung Tara's, und steht mit den altheidnischen Volkssitten und Götterdiensten in Zusammenhang, weßhalb christlicher Eifer das Instrument auf den Teufel zurückführte), so kennt die ehstnische Sage doch auch den Äike oder Pikker, der Donner und Blitz hervorbringt, indem er auf einem Wagen mit erzbeschlagenen Rädern über Eisenbrücken dahin rasselt, Kalewipoëg III, 12 ff. vgl. mit XX. 728 ff. Hier wird man sogleich an Thunar-Thor erinnert.
Was den »Donnersohn« betrifft, so theilt Kreutzwald zu Boecler auf S. 11 mit, er (Kreutzwald) habe in Wierland (dem nordöstlichen Uferdistrict Ehstlands) den Namen Pikse-käsepois, d. h. des Gewitters Befehlsknabe, gehört, aber nicht erfahren, wer damit gemeint sei. Nach ehstnischer Tradition ist der Lijonsengel, der in unserm Märchen 9 zum Fischer, und in 10 zum Fischer Lijon umgestaltet ist, Vermittler zwischen den Sterblichen und dem Tara oder Altvater, und »der Gott auf der Erde, der mit dem Gewitter zusammengeht.« So liegt die Vermuthung nahe, daß der Lijons-Engel (stamme er nun von dem biblischen »Legion« oder von dem ebenfalls biblischen »Elias«, russisch »Iljá«), der oben angeführte Befehlsknabe des Gewitters, und unser Donnersohn — eine und dieselbe Hypostase des Donnergottes selber sind. Nach Rußwurm Sagen, 1861. S. 131 hat auch der ehstnische Teufel einen kleinen Sohn, Thomas, der dem eigenen Vater zuweilen Possen spielt. Wie in unseren Märchen, so entweichen auch im Kalewipoëg, vgl. die oben citirten Stellen und X, 198, die bösen Geister vor ihrem »Züchtiger« und seinen Pfeilen in die Flut — das Wasser macht den Blitzstrahl unschädlich. Daß der Donnergott sich in einen Fischerknaben verwandelt, erinnert einigermaßen an Thors Fischfang mit Hymir. Mannhardt, Götterwelt, I, 218. L.
[49] S. die [Anm. S. 67] zum Märchen vom Tontlawald. L.
[50] Castrén bemerkt in seinen Vorlesungen über finnische Mythologie, daß man den Donner viel mehr fürchtete als den Blitz, und daß man noch jetzt hie und da in Finnland beim Donnerwetter nicht wagt den Namen Ukko (Beherrscher des Himmels) zu nennen, oder irgend etwas Ungebührliches zu reden oder zu thun. L.
[51] Kõu heißt der Donnergott; Pikne, Genitiv Pikse, war eigentlich der Blitzstrahl, wird aber auch für den Donnergott gebraucht. Auch die Formen Pitkne und Pikker kommen vor. Der Kalewipoëg X, 889 kennt eine Wetterjungfrau als Kõu's Tochter. L.
[52] Im Kalewipoëg wird diese Kraft einem aus Nägelschnitzeln gemachten Hute zugeschrieben, den der Kalewsohn dem Höllenfürsten entwendet und nach gemachtem Gebrauche verbrennt. Vgl. die betr. [Nota zu 11], der Zwerge Streit. L.
[53] Nach Rußwurm, Sagen aus Hapfal, der Wiek, Oesel und Runö, Reval 1861, p. XVII, denken sich die Ehsten die Wolken als Gallert, und findet man nach Gewittern zuweilen Wolkenstücke auf der Erde, was Rußwurm auf eine Flechtenart (Tremella Nostoc) beziehen möchte. L.
[54] Siehe die [Anm. S. 122] ff. u. [S. 126]. L.
[55] Man bringt das Ferkel zum Quieken, um dadurch die Wölfe anzulocken. L.
[56] Vgl. [S. 114, Anm. 2]. L.
[57] Wörtlich: Ochsenknieleute. L.
[58] S. die [Nota auf der folgenden S]. L.
[59] Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipoëg XIII, 831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Körper auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes bemächtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Höllenfürsten (Gehörnten, sarwik) in verschrumpfter gewöhnlicher Mannslänge, als aber der Kampf ihn schwächt, läßt er sich durch den Hut wieder zum Riesen machen, hebt den Gehörnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den Boden. XIV, 811 ff. Darauf muß der Hut, der auch Wunschhut heißt, ihn und die drei in der Hölle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den Höllenschätzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wünschelhut. Darüber klagen die Schwestern:
»Warum, starker Sohn des Kalew,
Hast den lieben Hut zerstört du?
Auf der Erden, in der Hölle
Flicht man nie mehr einen solchen.
Todt sind fortan alle Wünsche
Und vergeblich alles Sehnen« ibid. 909. ff.
Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, daß man nach dem Beschneiden der Nägel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz über die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich Mützenschirme daraus machen. S. Kreutzwald zu Boecler S. 139. L.
[60] Vgl. im Märchen 4. vom Tontlawald S. [64]. L.
[61] Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Dörren geschoben wird. L.
[62] Vgl. das [Märchen 8.] vom Schlaukopf, wo der Teufel sämmtliche Speisen und Getränke durch sein Kosten verschwinden läßt. L.
[63] Neun Uhr. L.
[64] Er denkt dabei an die ehstnische Redewendung: »die Tage gehen in der Richtung (zum Besten) des Wirths« — d. h. sie nehmen zu. Dagegen: »die Tage gehen in der Richtung des Knechts« — d. h. sie nehmen ab.
[65] Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten werde. Kalewipoëg VII, 809 ff. L.
[66] Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer Ziege. L.
[67] S. [Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108]. L.
[68] S. unten die [Anm. zu dem Märchen 15]: Rõugutaja's Tochter. L.
[69] Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d. [Anm. 2, S. 102], zum Märchen 8, vom Schlaukopf. L.
[70] Külimit ist ein Getreidemaß von verschiedener Größe. Das Revalsche Loof von drei Külimit ist etwas weniger als ein viertel Scheffel Preußisch. L.
[71] Die Grundzüge dieser phantasievollen Schilderung finden sich im Kalewipoëg X, 378 ff. vgl. mit XIII, 491 ff. Auch dort scheinen auf der Straße zur Wohnung des höllischen Geistes weder Sonne, noch Mond und Sterne — nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Höllenthors geht ein trüber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.
[72] Reminiscenz aus dem Kalewipoëg XIII, 401 ff., wo dem Kalewsohn über den in der Eingangshöhle zur Hölle kochenden Kessel Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehörnte, dann die alte Mutter, dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Köche und Knechte. L.
[73] Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei Schwestern erzählt dem Kalewsohn, daß des Gehörnten Base die Höllenhündin, seine Großmutter die weiße Mähre sei. Kalewipoëg XIV, 428. — Auf einem weißen Rosse sitzt der Kalewsohn als Höllenwächter, ibid. XX, 1005. Vgl. eine von Rußwurm über Kalews Tod mitgetheilte Sage. Rußwurm, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.
[74] Vgl. das Glühendmachen der künstlichen Hand und das Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Märchen von Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge, S. [54]. L.
[75] Rõugataja, dessen Frau hier (wie im Märchen 13 S. [173]) eine so häßliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipoëg II. 501 ff. als geburtshelfender Gott. Er und der Gott Ukko, welcher gleichbedeutend ist mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte Tāra treten an das Lager der kreißenden Wittwe Linda, welche ihre Hülfe angerufen hatte, und nachdem beide Götter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn glücklich zur Welt. Nach Castrén. Vorl. S. 45, wurde der finnische Ukko nur bei schweren Kindesnöthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die ehstnische Ueberlieferung den Rõugataja als Schützer der Wöchnerinnen und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der mütterliche Schooß nicht unfruchtbar bleibe. S. Kreutzwald zu Boecler S. 18. 42. 43. Dann tritt Rõugataja mit abgeschwächter Bedeutung nur noch als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wärterinnen beim ersten Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S. 49. 53. 54. u. Kreutzwald u. Neus, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt ist der Gott Rõugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt, mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. — Der Name, der auch in der Form Raugutaja vorkommt, scheint mit dem finnischen Roggen- oder Saatengott Ronkoteus zusammenzuhängen. Daß ein Gott der Saaten mit dem Gebären des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die griechische Braut betritt mit gerösteter Gerste das Haus des Bräutigams. Auffallend ist es, daß die ehstnische Mythologie, die doch sonst an weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die griechische Eileithyia, oder die römische Lucina aufzuweisen hat. L.
[76] Sfoba, »ein Stück des festlichen Anzuges, ein weißes wollenes Tuch mit bunt ausgenähten Kanten und mit Troddeln an den kurzen Rändern, auf der Brust mit einer Spange zusammengehalten.« Wiedemann, Wörterb. s. v. L.
[77] Vgl. [Nota zu dem Märchen von den zwölf Töchtern S. 89]. L.
[78] Vgl. [Anm. zum Märchen 1, die Goldspinnerinnen S. 2]. L.
[79] Die Unterirdischen (ma-alused) »die geheimen Schmiede Allvaters« schaffen bei nächtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so hört man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen — ja man unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nächtlichen Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man gastfrei gegen jeden Unbekannten; läßt auch den Tisch mit Speisen besetzt stehen und verschließt die Speisekammer nicht. Nach Rußwurm, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schöne Mädchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwächst. Die verlassenen Bräute hören noch Wochenlang das nächtliche Wehklagen der Geister, und werden von diesen geplagt, wenn sie später Verbindungen mit ihres Gleichen eingehen.
Die Unterirdischen wollen nicht gestört sein; wer sich (erhitzt!) auf den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. alvgust, Elb-, Elf-Hauch) oder Erdzorn heißt, und den man heilt, indem man die Urheber durch ein Opfer von geschabtem Silber besänftigt. (Nach Kreutzwald und Neus.)
Die finnischen maahīset, denen diese ehstnischen Unterirdischen (ma-alused) entsprechen, bezeichnen nach Castrén (finn. Mythol. S. 169) eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bäumen, Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber menschenähnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen. Man ehrt und nährt sie. — Mit den Haus- und Schutzgeistern hängen die finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in ehstnischen Beschwörungsformeln die Schlange als Unterirdische bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar langer Zeit geübt wurde. L.
[80] S. d. [Anm. zum Märchen 6, die zwölf Töchter, S. 89]. L.
[81] Vgl. [Anm. zu Märchen 1, die Goldspinnerinnen, S. 11]. L.
[82] Vgl. [Anm. zu S. 110. im Märchen 8]. L.
[83] Aus Kalewipoëg XIX, 140, 141, wo aber der Gehörnte mit diesen Versen den Kalewsohn vor Uebermuth warnt. L.
[84] Riege ist baltischer Provinzialismus für Scheune, Dörr- und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthält auch Kornkammern, Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.
[85] S. die [Anm. 2. zu 8, »Schlaukopf«, S. 102]. L
[86] Aus dem von einem Hühnchen ausgebrüteten Ei eines Birkhuhns ist Linda, die Gattin des Kalew und die Mutter des Kalewsohnes, hervorgegangen. S. den Anfang des Kalewipoëg. L.
[87] Nicht diese letztere Form des Versprechens, aber die übrigen kommen auch in anderen, sonst nicht unmittelbar in diesen Kreis gehörigen Märchen vor, z. B. bei Grimm Nr. 92, Schott Walachische Märchen Nr. 2 (das zuerst Begegnende); Asbjörnsen Nr. 9 (das unterm Gürtel); Wolf S. 199, Waldau S. 26, v. Saal Märchen der Magyaren S. 129 (das nicht Gewußte zu Hause).
[88] Die Fee Manto in Ariosts Rasendem Roland (XLIII, 98) und die Sibylle im Roman »Guerino Meschino« (Dunlop Geschichte der Prosadichtungen, übersetzt von F. Liebrecht, S. 315) werden ebenfalls alle Sonnabende — aber nicht bloß vom Nabel an, sondern ganz — zu Schlangen.