Der Yoga-Schlaf.
Die zu allen Zeiten und bei allen Völkern, ehedem noch allgemeiner als gegenwärtig verbreitete Meinung, dass der Mensch nicht Herr seiner unwillkürlichen Muskeln werden und sein könne, gewährte einzelnen, besonders veranlagten und listigen Individuen die Möglichkeit, als Vermittler der Geisterwelt, als Propheten und Zauberer nämlich, die Einfalt der Mitlebenden auszubeuten. Die Frage, ob ein Mensch auch die quergestreiften Herzmuskeln, die in der Regel der Willkür des Individuums nicht unterstehen, durch seinen freien Willen in ihrer Tätigkeit zeitweilig einstellen, d. h. ob er einen totähnlichen Zustand bei sich herbeiführen kann, muss als Ausnahmeerscheinung wissenschaftlich bekräftigt werden. Man hat zuzugeben, dass man im engeren Sinne des Wortes bei manchen Menschen eine derartige allgemeine oder nur auf Muskelbündel beschränkte Machtübung beobachtet, die die Meinung von einer Unwillkürlichkeit vollkommen widerlegt. Anlage und Schulung bringen es hierin zu einer Bewunderung erweckenden Kunst, und mit dem Wunder geht auch der Wunderglaube Hand in Hand, und gerade aus solchen Wundererscheinungen schöpfen die Volkreligionen vielfach die Kraft über die Gemüter ihrer Gläubigen.
Die moderne Ethnologie und mit ihr auch die junge Disziplin, die sich unter dem vielverheissenden Titel einer Religionwissenschaft einführt, leidet nur zu sehr an der unbegründeten Annahme, dass man gewisse Erscheinungen nur bei den sogenannten primitiven aussereuropäischen Völkern erheben könne. Die Volkkunde, als die Detailforschung der Völkerkunde, erfüllt damit einen hohen Zweck, wenn sie Schritt für Schritt den Nachweis erbringt, wie haltlos die Herstellung der Grenzen zwischen Kultur- und Unkulturvölkern nach üblicher Rassen- und Gruppeneinteilung sei. Es gibt Abstufungen in der Bildung und Bildungfähigkeit unter Individuen, es gibt an Bildung und Besitz reichere und ärmere Menschengruppen oder Völker, aber die Menschen als Menschen bleiben sich auf der ganzen Oikumene gleich. Das ist ein Gesetz, das in Sitte, Brauch und Glauben der Menschheit überall nachweisbar ist. Einen Beitrag hiezu soll auch diese Betrachtung über den Yoga-Schlaf liefern.
Ich hatte einen Jugendgespielen — er war lange Zeit königlich chrowotischer Oberförster — der zwar in der Schule das Muster eines Stierkopfes war, aber bei alledem die Begeisterung und zum Teil den Neid seiner Mitschüler durch eine eigene Kunst hervorrief: er war Herr seiner Ohrenmuskeln. Er konnte die Ohren bewegen trotz einem grauen Gauch oder einem von Stechfliegen geplagten Ross. Durch sein Ohrenspiel deutete er seine Empfindungen an. Wir rufen jemand mit einwärts gekrümmtem Zeigefinger herbei, er besorgt dies mit Ohrenwackeln. Einer meiner Freunde in Slavonien — er ist praktischer Arzt — gebietet über seine Augenmuskeln derart, dass er nach Belieben zu jeder Zeit auf alle denkbare Weise zu schielen und dadurch seinen Gesichtausdruck merkwürdig zu verändern vermag. In den sechziger Jahren hielten sich zu Požega in Slavonien abwechselnd im Kriminal zwei Bauern auf, die Virtuosen in der Beherrschung ihrer Darmmuskeln waren. Als siebenjähriger Knabe hatte ich das Vergnügen als Gratisblitzer der Vorstellung des einen von ihnen beizuwohnen[1].
Einer meiner Mitschüler namens Pero Agjić, ein Bauernsohn aus dem Dörfchen Mihaljevci (er war nachmals katholischer Pfarrer zu Svisveti), legte einen Stolz darein, bei allen schauerlichen Misshandlungen, denen ihn unser chrowotische »Lehrer«, ihn, wie jeden anderen Armerleutesohn zu unterziehen pflegte, keinen Schmerzlaut auszustossen. Er sagte nach der Marter gewöhnlich zu uns: »Dieser verfluchte Galgenstrick kann mich töten, aber ich ergebe mich ihm nicht!«, d. h. er wollte ihm die Freude am Gewinsel und Geheul nicht bereiten. Mein »Perica« ist für seinen »Heroismus« ebenso sehr oder wenig anzustaunen, wie die Kitchi-Gami-Jungen, von denen J. G. Kohl berichtet[2], oder die anderen Indianer, deren Brinton gedenkt. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Indianer aus religiösen Motiven eine Schmerzunempfindlichkeit heucheln.
Grosse, fast an Verehrung streifende Bewunderung erregen in Europa Leute, die über ihre Muskel, genannt Magen, scheinbar unumschränkt gebieten, d. h. lange Zeit der Nahrungzufuhr entraten können. Man übersieht dabei gänzlich, dass diese Kunst einem ansehnlichen Bruchteil der Menschheit, in den ältesten Zeiten unbedingt mehr als heutzutage, von der lieben Not aufgezwungen ward und man sie gewohnheitmässig ausüben musste. Unter den »Wilden« vermögen daher nur die tüchtigsten Hungerkünstler zu Bedeutung und in den Geruch der Heiligkeit zu gelangen. Die Herren Tanner, Succi, Merlatti und tutti quanti würden sich wahrscheinlich unter James Mooney’s Indianern oder unter den indischen Fakiren, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auch noch in den Dienst des Geisterglaubens stellen und zugleich eine andere Seite ihrer Begabung ausbilden müssen, vor allem nämlich auch die Muskel Herz bezwingen lernen. Sie müssten sich auch in den Yoga-Schlaf versetzen können.
Diese, schon etwas kompliziertere Kunst hat mit dem Mesmerismus, Somnambulismus, Spiritismus, der Autosuggestion u. drgl. unmittelbar gar nichts zu schaffen. Hier in Wien steigt eine 43jährige, nach Vradiš in Oberungarn zuständige, arme Frau H. F. herum (ihren vollen Namen und ihre Adresse kann ich jederzeit bekannt geben[3]), die sich ohne weiteres tot zu stellen und über ihren Zustand erfahrene Spitalwärterinnen und alte Ärzte irrezuführen versteht. Ich kannte einen mit seinem Wägelchen und seiner Familie halb Ungarn brandschatzenden Landstreicher (sein Winterquartier hatte er jahrelang im Dorfe Jakšić im Požegaer Komitate), der sich damit durchbrachte, dass seine Gattin, nebenbei bemerkt, eine gut genährte, lebensfrohe Person, in jedem Orte plötzlich verstarb und für sie die Leichenkosten, sowie für die armen Waisen des untröstlichen Witwers Unterstützungen schleunig aufgebracht werden mussten.
Zur Budapester Milleniumausstellung (1895) verschrieben sich die Unternehmer, um in Oes-Budavár (Alt-Ofen) besondere Zugkräfte für die Gafflust zu besitzen, zwei Originalfakire aus Indien, damit die während der Ausstellungdauer als lebendige Tote öffentlich hungern und schlafen sollen. Im guten Glauben und Vertrauen, sich unter anständigen Menschen längere Zeit ausschlafen zu dürfen, legten sich die Inder auf die Bahren zur Ruhe hin. Indes machten sich einzelne Besucher den Jux, mit Nadeln die Schläfer zu stechen, mit Zangen zu kneipen und mit brennenden Streichhölzern zu kitzeln. Bei Tag ertrugen es die Fakire, doch betrachteten sie diese Behandlung als einen Vertragbruch und hielten sich demzufolge der Verpflichtung enthoben, unausgesetzt regunglos dahinzuliegen. Nachts erhoben sie sich, gaben ihrer Meinung über die europäische Höflichkeit Ausdruck und beschlossen, sich zumindest mit Speise und Trank regelmässig allnächtlich zu stärken. Man erwischte sie einmal dabei, und erklärte sie für Schwindler und Betrüger. Die Yogi waren über diese ihnen bis dahin ungewohnte Betitelung tief gekränkt und einer von ihnen, Bherma Sena Pratapa erhob in einem an die Neue freie Presse in Wien gerichteten Brief (veröffentlicht teilweise in der Nummer vom 8. August 1895) entschiedenen Einspruch gegen die Verunglimpfung und sagte ganz zutreffend und sachlich: »Der Yoga-Schlaf ist eine Wissenschaft, wie alle andern, die von Leuten, welche die nötige Begabung dafür haben, theoretisch und praktisch erlernt werden kann.«[4]
Hier ist nur der Ausdruck »Wissenschaft« volksprachlich im Sinne von einer vollendeten Fertigkeit aufzufassen und man muss dem Fakir beipflichten. Minder einwandfrei ist die daran geknüpfte Erörterung des Berichterstatters der Zeitung, der dem Inder, weil er sich wegen Wiederherstellung seiner Geschäftehre nach München an den dazumal daselbst tagenden Psychologenkongress wandte, unlautere Beweggründe unterstellt[5]. Der Kongress wies den Fakir ab, vielleicht aus Scheu vor dem Spotte der sogenannten Öffentlichkeit. Der Fakir hat wahrscheinlich von uns Europäern eine geringe Meinung gewonnen, aber ich will ihm nachträglich hier eine gewisse Ehrenrettung verschaffen, indem ich Beweise beibringe, dass seine Kunst auch bei uns in Europa ihre würdigen Vertreter in junger und in einer nicht zu lang entschwundenen Vergangenheit besass und dass man solcher Meister wegen bedeutender Leistungen noch immer gerne gedenkt.
So erwerbtüchtig, wie der indische Yoga, ist auch unser serbische Landmann, nur stört ihn im Fortkommen eine der Kunstübung abholde Behörde. Im Jahre 1845 gleich in den ersten Monaten tauchte im Dorfe Bare (Sümpfe) im Požarevacer Bezirke der Prophet (prorok) Milija Krajinac auf, der aus dem Dorfe Popovica in der Krajina gebürtig war[6]. Durch seine unbeugsame Selbstbeherrschung riss er das leichtgläubige Volk mit sich und gab damit der Regierungbehörde zu schaffen. Schliesslich wurde er zum Gegenstand eines ausführlichen Berichtes, den der damalige Minister für innere Angelegenheiten dem Fürsten (unterm 15. Sept. 1845, Geschäftzahl 1628) überreichte.
Milija pflegte sich in eine Verzückung (zanos) zu versetzen und in diesem Zustande 5 bis 6, 8, 12, ja bis zu 17 Tagen zu verharren. Während dieser Zeit enthielt er sich sowohl der Speise als des Trankes, als auch jeder sonstigen Befriedigung eines leiblichen Bedürfnisses. Der im Archiv des königl. serbischen Ministeriums für innere Angelegenheiten sub »G. Z. 483 ex 1845« erliegende Befundbericht des Dr. A. Medović über das Verhalten Milija’s während seines Verzückungzustandes, über die an seinem Leibe beobachteten Erscheinungen und über die Peinigungen, die er ertragen, ohne mit der Wimper zu zucken, ist darum für uns äusserst belangreich, weil er nomine mutato ebenso von einem Fakir handeln könnte. Als Milija einmal in »Trans« lag, brachte man ihn ins Bezirkamt, legte ihn in einer Stube auf ein Leilach, und da blieb er volle sechs Tage lang liegen. Im Laufe dieser Zeit steckte man ihm unter die Nase die kräftigsten Riechstoffe, sie erweckten ihn nicht; man heftete ihm Senfpflaster an, er blieb unempfindlich; man riss ihm einzeln die Haare aus der heikelsten Leibgegend aus, er muckste sich nicht; man strich ihm auf die Fusssohlen dreissig Rutenhiebe auf, er zuckte nicht; man legte ihm brennende Glutkohlen auf den Leib, er liess sie auf seiner Haut ruhig verglimmen, ohne zu zeigen, dass es ihn juckt. Schliesslich goss man ihm mit Gewalt ein Brech- und Abführmittel in den Mund, und als es ihn zu quälen anfing, bat er letzlich um einen Trunk Wasser. Man holte wohl Wasser, verweigerte ihm jedoch die Labung, bis er nicht die Wahrheit über sich aussage. Da endlich bequemte er sich zum Geständnis, dass er sich immer bloss verstellt (pretvarao) habe, um vom gemeinen Volke ein paar Paras herauszulocken. Hunger und Durst habe er allmählich zu ertragen gelernt, erzählte er, so dass er zu guterletzt 24–30 Tage sein konnte, ohne das Geringste zu geniessen, ebenso habe er sich gewöhnt, den Stuhlgang zurückzuhalten, bis seine Natur an diese Qual angepasst war; und bezüglich der ihm mit den Glutkohlen zugefügten Schmerzen sagte er: »Ihr mögt mir das Fleisch vom lebendigen Leib stückweise abhacken, ich zucke dabei nicht einmal mit der Wimper; so sehr kann ich Schmerzen ertragen.«
Ein weibliches Seitenstück zu Milija, eine Chrowotin, lernte ich persönlich kennen. Am ersten Sonntag des Monats August 1877 sagte der Leibelschneider Mika Gavrić in Pleternica zu mir: »Komm mit mir ins Gebirge nach Zagragje. Dort ist eine neue Vračara (Zauberin) erstanden, die den Leuten alles bis aufs Haar richtig voraussagt.« Wir gingen über Ferkljevci und Kadanovci einen Querpfad und langten erst in drei Stunden an. Es war eine Witwe, deren Eidam zu ihr ins Haus eingeheiratet hatte. Ihr Wohnhaus bestand aus zwei Stuben, die durch einen Küchenraum voneinander geschieden waren. In der grösseren Stube lag die Bäuerin auf einem hohen, städtischen Bette ausgestreckt. An den Zimmerbalken hingen mehrere geräucherte Schweineschinken, eine mächtige Speckseite, an Stangen eine Menge gestickter Handtücher und auf einem Tischgestelle befanden sich drei grössere, aus Stroh gewundene Brotkörbe (Simperl), der eine mit Kreuzern, der andere mit Silbersechserln und der dritte mit grösseren Silbermünzen gefüllt; lauter Weihegaben frommer Besucher. Die Luft in dem Raume war unglaublich schlecht. Die Bäuerin selber sah sehr angegriffen aus. Sie mochte damals fünfzig Jahre zählen. Zufällig war sie zur Zeit nicht im Dauerschlafe befangen. Sie phantasierte den Leuten auf gestellte Fragen allerlei wirres Zeug zur Antwort vor. Als sie mich erblickte, befahl sie den Besuchern hinaus zu gehen und mich mit ihr allein zu lassen. »Ei, mein lieber Frica«, sagte sie »erweist auch du mir die Liebe eines Besuches! Schau, so arm war ich, dass ich hungern und weinen musste und die letzte im Dorfe war. Jetzt hat mir der liebe Gott und die hl. Mutter Gottes so schön geholfen, dass ich für mein Hungern und Schlafen Liebegaben im Überfluss bekomme. Mach dich vor deinen Eltern über mich nicht lustig. Nimm dir von den Geschenken, welches dir behagt und rühme mich vor den Leuten!« Um sie nicht zu beleidigen, nahm ich ein Handtuch und sagte dann draussen zu den Besuchern: »Wahrhaftig, sie hat mir die lautere Wahrheit mitgeteilt!« (Ein Bericht über diesen Besuch war meine erste literarische Arbeit, die ich deutsch verfasste, nur lehnten ihn die Zeitungen als »nichtaktuell« ab.)
Die Gläubigen werden von meinen Nachrichten kaum erbaut sein, vielmehr mich für einen Spötter betrachten; denn ihnen ist der Glaube an die dämonische Macht solcher Individuen eine Herzenbedürfnis und sie sind auch mit der Erklärung bei der Hand, das Medium habe nur infolge des sozialen Druckes seine wahrhafte Mediumschaft in Abrede gestellt. Rationalistische Köpfe helfen sich ihrerseits mit dem Schlagworte: hysterische Zustände und Erscheinungen aus, und damit ist für sie die Sache abgetan. Wie aber, wenn es Menschen gibt, die die Kunst des Sichtotstellens trotz jedem Fakir verstehen und dabei weder eine Spur von Hysterie besitzen, noch im allerentferntesten je aus ihrer Fertigkeit ein Glaubengeschäft auf Kosten der Verstandschwäche ihrer Nebenmenschen betreiben? Hoch erhaben über eine derartige Zumutung stand Radovan, der herrliche Junker, Sohn Ritter Georgs und Schwestersohn des venezischen Provveditore von Zengg Elias Smiljanić da, der in der Vollkraft seiner Jünglingjahre bei strotzender Gesundheit den Todschlaf heucheln konnte. Er machte aus seiner Kunst kein Hehl und erwarb als Simulant einen gewissen Ruf, so dass man ihm den Tod auch dann nicht mehr glaubte, als einmal vom Glauben daran sein Leben abhing.
Radovan lebte vor beiläufig 260 Jahren. Er war eine ebenso historische Persönlichkeit, wie irgend jemand seiner Zeitgenossen. In der Überlieferung der Serben führt er die Namen Rade mali (R. der Kleine, wegen seiner Gestalt), uskok Rade (der Überläufer R., weil er sich zu den Moslimen geschlagen), Rade konjokradica (R. der Pferdedieb, weil er in Dalmatien Pferde zu stehlen und sie in Bosnien zu verkaufen pflegte. Mustapha Schmerbauch’s von Kladuša berühmter Schimmel stammt auch aus Rade’s Rennstall) und Kaica (aus Missverständnis daraus Kaić): Stirnschmuck. Rade war als Kind sehr schön, und weil seiner Mutter vor Beschreiung und bösem Blick bangte, wand sie ihm als kluge Frau um die Stirne ein Bändchen mit phallischen Amuleten. Darnach bekam er den Übernamen.
Rade ist mehr noch bei den Moslimen als bei den Christen wegen seiner an edlen Heldengestalten beliebten Eigenschaften: der Mordlust, Verlogenheit, Tücke und Gaunerei, hochberühmt[7]. Das nachfolgende Lied, das von ihm handelt, war ursprünglich moslimisch, gefiel aber auch Christen, die es sich zurechtlegten, doch nicht so geschickt, dass die Entlehnung nicht auffällig bliebe.
Das Lied sang mir am 13. Oktober 1885 mein Guslar Milovan Ilija Crljić Martinović, dessen ich schon wiederholt gedacht habe. Er erlernte es um das Jahr 1855 von seinem Mutterbruder Marijan aus Dolnji Rgovi.
NB. Es sind keine Druckfehler, sondern dialektische Eigentümlichkeiten im Texte: V. 8 mljesec, V. 37 primišljat usw. (der Itazismus fast durchgehends), V. 133, 234 mregju, V. 154 baanove (Verszwang!); V. 159 ćamlje; V. 173 metro, V. 222 mere, V. 235 obljesi, V. 266 oblje. — Zu V. 163 ursprünglich vielleicht Tanković Osman, der Wahlbruder Rades. — Zu V. 205. »Schwarzes deutsches Pack.« Ja, heisst denn njemac einen Deutschen?! Im modernen Sprachgebrauche wohl, doch nicht hier in der mit Survivals durchsetzten Volksprache. Das Publikum und die Preisrichter waren diesmal Slaven und Italiener; das weiss doch auch der Guslar, aber nijemac (der Stumme, der Sprachunkundige) war dem Bauer jeder Fremde und dann jeder nichteinheimische Mann, etwa so, wie noch im judendeutschen Sprachgebrauche goj für jeden Nichtjuden gebraucht wird, ohne gehässige oder feindselige, konfessionelle oder nationale Nebenbedeutung. — Zu den V. 210–215 setzte weiland Dr. Isidor Kopernicki, der nach meiner Forschungreise einen Teil meiner Niederschriften durchlas, die Randbemerkung hinzu: pyszne! (prächtig). — Zu V. 287 u. 295. Über das dunkle Wort šafka vergl. meinen etymologischen Deutungversuch in: »Novak der Heldengreis«, Anm. zu V. 218. — Zum Schluss sei erwähnt, dass die Begen Pilipović zu Glamoč in Bosnien Rade als den Stammvater ihres Geschlechtes verehren.
Richard Schmidt und anderen, die vor ihm über Fakire, Dervische und gleichartige Wundermenschen geschrieben, entging es, dass eine der beliebtesten Gestalten der deutschen Nationalliteratur ihren Ruf und Ruhm vor allem Künsten verdankt, die alles überragen, was Fakire je zu leisten vermocht. Wer sich davon überzeugen will, der lese Das alte Faustbuch nach, von dem August Holder auf Grund der alten Ausgaben und anderer Quellen eine vorzügliche neue Bearbeitung geliefert hat (Leipzig 1907, Deutsche Verlagaktiengesellschaft). Erkennen und kennen wir vorerst unser eigenes Volktum, so verliert für uns das anderer Völkergruppen sehr bald vieles von seinen Unverständlichkeiten und Unbegreiflichkeiten. Auch Rade hat in unserer Gesellschaft seinesgleichen.
[1] Siehe Anthropophyteia III (1906) S. 402 f.: ‘Von einem der Melodien farzte’ u. S. 404.
[2] Zitiert bei Daniel G. Brinton in Religions of primitive peoples, New-York 1897, S. 199.
[3] Am besten zu erfragen bei Frau Henriette Fleissig, Wien-Währing XVIII, Anastasius Grüngasse 13.
[4] Man vrgl. darüber Richard Schmidt, Fakire und Fakirtum, Yogalehre und Yogapraxis. Mit 87 farb. Illustrationen. Berlin 1908, H. Barsdorf. Dies Werk des um die Erforschung der indischen Erotik hochverdienten Gelehrten erlaubt es mir, mich hier ganz kurz zu fassen.
[5] Der Zusatz lautet: »Mit der ‘Wissenschaft’ des Yoga hat es in gewissem Sinne seine Richtigkeit, wie auch die in München zum Kongresse erschienene Flugschrift ‘Yoga’ von Dr. Karl Kellner behauptet. Yoga ist eine sehr alte und lange geheim gehaltene Lehre, die ihren Jünger in Stand setzt, durch gewisse Übungen die Erscheinungen des künstlichen Somnambulismus willkürlich in sich hervorzurufen. Und da die Ekstase bis zur Bewusstlosigkeit dem religiösen Indier als der höchste Zustand menschlicher Seligkeit erscheint, so werden die Yogi als heilige Menschen besonders geachtet. Sich nun aber als ‘Schwindler’, das heisst als Nicht-Schläfer verurteilt zu sehen, nachdem er sich in Budapest, wie Herr Pratapa versichert, ohne die geringste Geldentschädigung von Seite des Impresario zur Schau gestellt hatte, das ist ihm sehr schmerzlich. Der Yoga-Schlaf Pratapa’s hat noch einen anderen Apologeten gefunden, und zwar am Mystiker und Theosophen Dr. Franz Hartmann, der eine eigene Monatschrift für die Propagierung der indischen Religionlehre: ‘Lotusblüte’ herausgab. Als Zweck der Schaustellung Pratapa’s bezeichnet er in einer kleinen Flugschrift ‘Yoga-Schlaf’: ‘Denkfähigen Menschen den Beweis zu liefern, dass es ausser dem äusserlichen Leben des Körpers noch ein innerliches Seelenleben gibt, und dass somit wohl das Leben des Körpers von der Gegenwart des Seelenlebens, nicht aber die Seele vom Körper abhängig ist. Damit ist denn auch die ganze verkehrte sogenannte ‘materielle’ Weltanschauung in ihrer Grundlage erschüttert und umgeworfen.’ Der schlafende Fakir hatte also keinen geringeren Beruf, als die ‘materielle’ Weltanschauung umzuwerfen — und zu diesem Zwecke zog er nach München, wo die Psychologen zu dem ganz entgegengesetzten Zwecke versammelt waren, wo die bedeutendsten Forscher den Nachweis führten, dass ohne körperliche Vorgänge kein Denken geschieht? Eine Weltanschauung durch Schlaf erschüttern zu wollen — das ist grossartig!«
[6] M. Gj. Milićević, Kneževina Srbija, p. 1085.
[7] Eine Biographie Rade’s (Uskok Radojica) lieferte P. Mirković im Javor, Bd. XIV, S. 705–707, 721–723, 737–739. Er verlegt Rade irrtümlich ins 16. statt ins 17. Jahrhundert. Im übrigen leidet der Aufsatz an allseitig unzureichender Stoffkenntnis und patriotisch-banaler Kritiklosigkeit des Biographen.