Ein Heldengemetzel.
Unter den von Guslaren vorgetragenen Volkliedern, ist die Zahl derjenigen Lieder, die einen mythischen Hintergrund haben, oder in die Gestalten und Gebilde des Volkglaubens hineinragen, verhältnismässig sehr bescheiden, wenn man vom Standpunkte nüchterner Volkforschung die Erzählungen so nimmt, wie sie vom Volke selber verstanden und aufgefasst werden und sich scheut, mythologischen Krimskrams der durchsichtig einfachen Volkanschauung künstlich zu unterschieben. Der seinem Grundzuge nach aufs Gemüt beängstigend wirkende Volkglaube der Südslaven mochte die Guslaren abhalten, ihn darzustellen. Eine kleine Ausnahme machten sie wohl mit den Vilen, den Holz- und Moosfräulein. Die Vilen gehören zur grossen Sippe der Baumseelen und Waldgeister, die international sind[1]. In den Guslarenliedern ist den Vilen nur eine untergeordnete Rolle zugeteilt. Sie erscheinen meistens als dii ex machina, um ihren Lieblingen zu helfen, sei es durch Rat oder Tat. Als Waldgeister hausen sie nicht bloss in Bäumen, sondern auch in Felsen und Wolken. Sie sind gute Schützen und ihre Pfeile (Sonnenstiche) wirken tödlich, aber sie vermögen auch als Ärztinnen die Getöteten wieder zum Leben zu erwecken. Fällt man einen Baum, so tötet man eine Vila, die im Baume haust. Die vom Baum losgelöste Vila ist aber auch sterblich. Ein kühner Held kann ihr das Leben nehmen. Dies ist älterer ursprünglicherer Glaube, wie er noch als Überlebsel in Guslarenliedern vorkommt.
Nachfolgendes Lied ist aus zwei Teilen lose zusammengestellt. Die Einleitungzeilen 1–23 stehen in keinem inneren sachlichen Zusammenhange mit der eigentlichen Erzählung, sind aber keineswegs überflüssig. Ein abendländischer Epiker hätte das Bild einer grossartigen Hochgebirglandschaft entworfen, um den Hintergrund für die Begebenheit zu schaffen. Der Guslar erzielt den gleichen Erfolg bei seinen bäuerlichen Zuhörern durch Erwähnung der Vilen, denen er glücklich eine kurze Charakteristik der auftretenden Helden in den Mund legt.
Die Fabel behandelt einen Kampf um nichts, ein furchtbares Gemetzel um einige Tropfen verschütteten Weines. So ist der Südslave seit jeher gewesen und so zeigen sich auch die slavischen Balkanstaaten in der Gegenwart. Die Politiker nennen den Balkan den Wetterwinkel Europas. Man hat von dort manche politische Überraschung erlebt, für die man sich keine Erklärung zu geben weiss. Man höre den Guslaren und seine Lieder, dann wird man auch den Südslaven verstehen.
Zu V. 3. jutra für jutro. Dieses a ist auf die verschwommene Aussprechweise des Guslaren zurückzuführen.
Zu V. 8 ff. Johannes von Zengg im Küstenlande, Peter Mrkonjić und Komjen der Fähnrich sind christliche Helden, Mustapha Hasenscharte (Hrnjica) zubenannt, war der Burgherr von Alt-Kladuša in der Lika, Tanković Osman und Ramo der Schmied moslimische Ritter aus Udbina in der Lika. Mustapha ist Osmans Vetter gewesen; alle diese Herren werden sowohl in den Liedern christlicher und moslimischer Guslaren unzähligemal genannt. Sie lebten beiläufig um die Zeit von 1620–1680.
Die Bezeichnung guja (Natter) für einen grimmigen Helden ist in Guslarenliedern allgemein üblich. Stereotyp ist die Wendung: ljuće guje u krajini nema (eine giftgeschwollenere Natter gibt es nicht mehr im Grenzland, scl. der Türken), wenn jemand als ausgezeichneter Held charakterisiert werden soll. Im gewöhnlichen Leben gilt ‘guja’ als ein böses Schimpfwort für einen heimtückischen Menschen.
In V. 4 und 5 spricht die Vila nur von zwei Nattern oder Helden, dann aber zählt sie drei Paare auf. Der Widerspruch besteht nur für uns, nicht aber für die Zählungweise des Bošnjaken, der hier nur mit je einem Paar rechnet. In diesem Falle hängt dies mit der Kampfweise der Südslaven zusammen. Wenn sich zwei schlagen, so schauen alle übrigen gelassen zu und greifen erst im letzten Augenblick ein, um die Entscheidung herbeizuführen. Komjen hat hier durch seinen vorzeitigen Eingriff gegen die südslavische Kampfregel gefehlt und dadurch das Gemetzel heraufbeschworen.
V. 20. Die Jagd auf Vilen ist ein Sport halbmythischer christlicher Helden, des Prinzen Marko, des Komjen und anderer. Diese Helden sind mit Vilen wahlverschwistert, haben ihnen Zauberkünste abgeguckt und meistern dadurch selbst die Lehrmeisterinnen.
V. 20 und 25. Die Führer erscheinen gewöhnlich an der Spitze von 30, bei einem Raubzug von 300 Mannen. Das sind beliebte runde Zahlen, so auch 1000, 3000, 100 000 und 300 000.
V. 30. Mustapha erlaubt sich zu scherzen, doch Johannes will den Scherz des Moslims nicht verstehen. Da, wie stillschweigend vorauszusetzen ist, Reich- und Landfrieden herrschte, hätte es sich geschickt, dass Johannes dem Helden Mustapha einen Trunk angeboten. Daran will ihn Mustapha erinnern. Es verdriesst ihn, dass ihn sein Grenznachbar nicht einmal mit einem Schluck Weines ehren mag.
V. 40. ledenik durch Volkdeutung (eiskalt) aus vedenik entstanden, welches Wort auf venedik (Venedig) zurückzuführen ist.
V. 51. Wir nennen nach Uhland einen solchen Streich einen Schwabenstreich. Zur Ausrüstung eines Helden gehört auch »ein Damaszenersäbel«, »der den Reiter in Panzerrüstung zu Ross und das Ross unterm Reiter auf einen Hieb durchsäbelt«.
V. 55. salamet vom arab. selamet, Gesundheit, Heil, Friede, Rettung, Erlösung.
V. 57. Sprichwort und stereotyp. Vrgl. Krauss im ‘Smailagić Meho’, Ragusa 1885, S. 60, zu V. 1915.
Der Guslar dieses Liedes ist mein schon öfters gerühmter Reisebegleiter Milovan Ilija Crljić Martinović aus Gornji Rgovi am nördlichen Abhang der Majevica in Bosnien.
[1] Über Vilenglauben bei Krauss in: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien. Wien 1889. S. 123–130. Eine eingehendere Beleuchtung in »Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven«.