Fünfundsiebzigster Brief.
Paris, den 29. October 1848.
Ich weiß nicht, ob unter Bekannten und Unbekannten die Täuschung noch fortdauert: ich lebe hier herrlich und in Freuden, unter interessanten Personen, üppigen Festen, heiteren Zerstreuungen u. s. w. Umgekehrt, nichts von dem Allem! Da ich zu meinen hiesigen Ausgaben keine bestimmten Summen erhalte, sondern im Ganzen das Verbrauchte angeben soll; so gebe ich bei natürlicher Ängstlichkeit und pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit nur das durchaus Nothwendige aus, um dem (so leicht eintretenden) Vorwurfe zu entgehen, ich hätte auf öffentliche Unkosten geschwelgt. Und dennoch muß ich mir gestehen, mein hiesiges Thun sei so viel Geld nicht werth, als ich verbrauche. Unterrichtete Personen, so B—e, sagen mir: wenn auch die Verhältnisse es unmöglich machen, daß Sie positiv viel ausrichten, so ist doch Ihr Einfluß und Ihre Persönlichkeit negativ von großem Nutzen. Sie halten Übeles ab, berichtigen Mißverständnisse und Irrthümer, fördern die Wahrheit, stehen mit Allen in gutem Vernehmen, während viele Andere leicht Alles verdorben hätten u. s. w. — Mit derlei Trost lasse ich mich denn von einem Tage zum anderen hinpäppeln.
Bei meinem öfteren, früheren Aufenthalte in Paris bin ich als Professor in unzähligen Gesellschaften gewesen; jetzt ißt und trinkt der Quasireichsgesandte beim Restaurant oder auf seiner Stube; denn Niemand giebt Gesellschaften, und die wenigen sogenannten Soiréen sind entweder so überfüllt, daß man sich nicht rühren kann und an Unterhaltung nicht zu denken ist; oder leer und bisweilen sogar langweilig. Ganze Tage lang läuft man umher nach sogenannten interessanten Leuten, findet sie aber nicht zu Hause; oder wenn dies ausnahmsweise einmal der Fall ist, so haben Alle denselben politischen Butterfrauentrab eingeschlagen. Von anderen Dingen (Kunst, Wissenschaft, Geschichte) ist nicht die Rede, sondern lediglich von den vielen Leiden der Gegenwart und den geringen Hoffnungen für die Zukunft. So summt und brummt man hin und her, wie eine Tagesfliege, stößt mit dem Kopfe gegen helle Fenster oder dunkle Wände, findet aber nirgends einen wahren, beruhigenden Ausgang, nirgends Vertrauen, Heiterkeit und Zufriedenheit. — So in dem großen Normalbabel, welches aber doch original ist; während Berlin und Wien sich als schlechte, verzerrte Copien darstellen, und nur die Belgier (früher als Affen der Franzosen verspottet) jetzt auf ihren eigenen Beinen, gesund, frisch und muthig einherschreiten.
Welch ein Unterschied zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In beiden Ländern steht eine Präsidentenwahl bevor; hier ist aber eigentlich nur von zwei ausgezeichneten Bewerbern die Rede, welche (wer auch obsiege) in allen wesentlichen Dingen die gleiche, bestimmte, nicht zu verfehlende Bahn einschlagen. Nirgends Umwälzungen, Gefahren, oder große Gegensätze; mittelmäßige, gefährliche Bewerber unmöglich, der große Bau fest und gesichert, und die Fahne, welche man auf die Kuppel pflanzt, keine unsichere Wind- und Wetterfahne. — Wie ganz anders in Frankreich: Alles nochmals in Frage gestellt, Republik oder Monarchie, Krieg oder Frieden, Papiergeld, Bankerott, Recht auf Arbeit u. s. w. Viele Bewerber mit den verschiedensten Richtungen: darunter (so spricht man) ein Unfähiger, ein Hauptconfusionarius, ein rother Republikaner, ein weißer Republikaner, drei, vier Monarchisten oder Legitimisten. Jeder stellt dem Anderen ein Bein, wartet auf des Anderen Sturz und Verbrauchtheit; Jeder beginnt den Bau der bürgerlichen Gesellschaft von Neuem und nach wesentlich verschiedenen Grundsätzen. Niemand weiß wer zunächst obenauf kommen wird; Niemand glaubt, daß der und das Obsiegende auch nur ein Jahr lang sich erhalten und obenauf bleiben werde. — Das wirbelnde, kreisende Chaos; Jeder wünscht: es werde Licht; aber Der fehlt, der aus eigener Kraft sagen könnte: und es ward Licht. — Die Formel, „von Gottes Gnaden“, wie sie unser König auslegt, reicht dazu nicht hin. — Jedes Recht ist von Gottes Gnaden, das meinige, wie das des Königs; aber eben deshalb und weil es von Gottes Gnaden kommt, ist keins unbedingt und unumschränkt.
Zu den obigen, für Frankreich stattfindenden Gefahren, treten noch andere hinzu: Erstens, daß die Massen und Parteien geneigt und gewöhnt sind, die Ergebnisse gesetzlicher Entwickelung zu verschmähen, sobald sie ihnen nicht behagen, um auf revolutionairem Wege ihre eigenen Ansichten durchzusetzen. — Und so, ohne Grazie, in infinitum! — Zweitens reichen die förmlichen Bestimmungen der Verfassung nicht aus, die Rechte und die Macht des Präsidenten und der Nationalversammlung zu regeln; man wird darüber hinausgehen, und andererseits dahinter zurückbleiben, das Gesetze Geben und Gesetze Anwenden nicht genau scheiden wollen und scheiden können, mithin zwischen Übermacht und Ohnmacht hin und herschwanken und sich darob vielfach zanken. — L. Bon. Bewerbung wird von sehr Vielen begünstigt, damit er die Republik stürze; ob aber die Minderzahl der entschlossenen Republikaner sich dem geduldig fügen wird, ist noch immer die Frage. Erhält er nicht zwei Millionen Stimmen, so treten vier Bewerber neben ihn hin, und schwerlich wird dann die Versammlung für ihn entscheiden. So wissen mächtige Regierungen und große Völker nicht, was ihnen bevorsteht und sehen hinaus in eine finstere Nacht der Zukunft; wie kann ich verlangen, daß mein Schicksal (so weit es von Außen kommt) bereits feststehe.
Den 30. October.
Sie sind jünger wie ich und nehmen vielleicht deshalb die Dinge heiterer und leichter. Sonst stehen wir Beide auf derselben Stelle, das heißt: wir haben in Wahrheit — nichts ausgerichtet. Denn die Anerkennung der Thatsache: daß in Frankfurt ein Reichsverweser und eine Reichsversammlung ist, hat gar keine Bedeutung, so lange man in London und Paris auf alle anderen Wünsche, Hoffnungen und Forderungen gar keine Rücksicht nimmt; z. B. hinsichtlich Italiens, Holsteins u. s. w. Die Hauptschuld dieser Geringschätzung oder Nichtachtung tragen die Deutschen selbst. Der Straßenunfug in München, die Anarchie in Wien, die muthlose Erbärmlichkeit in Berlin, die Frechheit der äußersten Linken u. s. w. Das sind Übel so großer Art, daß sie mit aller diplomatischen Gewandtheit nicht wegzuräumen sind. Um jedoch nicht offen (und leider mit Recht) anzuklagen, versteckt man sich in London und Paris hinter kleinliche Formen und Sylbenstechereien, und wir trösten uns mit der sprachlichen Deutung: officiös und officiell sei dasselbe. Dem ist aber in Wahrheit nicht so. Mißtrauen in das Gelingen der deutschen Bestrebungen, ja der Wunsch dieses Mißlingens leuchtet bei Vielen durch jenen diplomatischen Vorhang und Vorwand hindurch; alle Freunde der Unordnung deuten das Zögern der großen Mächte zu ihrem Vortheile und benutzen dasselbe; dem tüchtigen Ministerium in Frankfurt wird seine Bahn dadurch wesentlich erschwert und 45 Millionen Deutsche müssen (ich wiederhole: leider hauptsächlich durch eigene Schuld) leiden, was sich Engländer und Franzosen schwerlich bieten ließen. Beide nehmen z. B. ein Monopol der Einmischung in die italienischen Angelegenheiten in Anspruch, während sie uns auf bescheiden vorgetragene Wünsche keiner Antwort würdigen. Was würde England sagen, wenn sich Österreich ähnlicher Weise in die irländischen Angelegenheiten mischen wollte. Ich halte Englands Politik in Bezug auf Deutschland für irrig; die diplomatischen Vieillerien — würde ein Mann von Lord Palmerston’s Energie leicht unter den Tisch werfen, wenn nicht andere als die angegebenen Gründe (bloße Quisquilien) im Hintergrunde lägen. Hat ihn das Provisorium in Palermo etwa von sehr deutlicher Mitwirkung zurückgehalten?
Die Unsicherheit der französischen Regierung und der alte Aberglaube: Deutschlands Schwäche gereiche Frankreich zum Vortheil, — entschuldigt das Benehmen dieser Macht weit eher, als sich (bei wesentlich anderen Verhältnissen) das Benehmen Englands erklären und rechtfertigen läßt. Und doch: lassen sich nicht alle die offen dargelegten, ostensibeln Gegengründe Frankreichs widerlegen! — Die deutsche Verfassung (sagt man) ist noch nicht fertig; Niemand kennt die Zukunft und dergleichen.. Ist denn aber die französische Verfassung fertig? Weiß denn Jemand, wer binnen vier Wochen in Frankreich und wie er, mit oder ohne Verfassung, regieren wird? Alle Leute sagen: „L. B. wird zum Präsidenten erwählt, damit er der Republik den Garaus mache und die neue Verfassung ins Feuer werfe.“ — Mit solchem Glauben oder Unglauben geht man, Gottlob, bis jetzt doch nicht in Frankfurt zu Werke. — Das deutsche Volk hat die frankfurter Versammlung erwählt, alle Staaten und Fürsten haben sie anerkannt und finden jetzt in ihr eine Stütze. England und Frankreich ziehen es aber vor, Gesandte von Baden, Hessen, Anhalt u. s. w. als sakrosankt anzuerkennen, und dem zerstückelten, ohnmächtigen Deutschland Complimente zu machen, während man den Reichsgesandten als ein hors d’oeuvre nebenher laufen laßt. Ich gelte seit meiner Jugend für einen Optimisten und mein Wahlspruch ist immer gewesen: nil desperandum; — aber ich kann die Sonne nicht sehen, wenn Wolken davor stehen, obwohl ich fortdauernd an sie glaube. Glauben Sie nicht, daß verletzte Eitelkeit mich zu dieser ernst-wehmüthigen Betrachtung führt; persönlich geht es mir außerordentlich gut und Hrn. Bastide’s Urtheile über mich sind günstiger als ich je erwarten konnte. Über meine unbedeutende Person kann ich aber Deutschland nicht vergessen.
Mittags.
Es ist nur eine Stimme darüber, daß, trotz aller förmlichen Verfassungsmacherei, Niemand etwas über die Zukunft wissen könne. Der Präsident wird in derselben Weise gewählt wie die Nationalversammlung, weil aber später als diese, wird er sich des neuesten und größten Vertrauens rühmen und danach handeln wollen. Treten etwa im Mai neue Wahlen für die Nationalversammlung ein, so kehrt sich die Zeitrechnung um und die Versammlung nimmt die größte Macht in Anspruch. Nach der Verfassung kommt ihr der größere, dem Präsidenten der kleinere Theil dieser Macht zu; der Buchstabe solcher Urkunden hat aber niemals in Frankreich entschieden. — Der Geschichtschreiber soll das Band der Ursachen und Wirkungen nachweisen; wie ist dies aber da möglich, wo man Alles einem Glücksspiele, einer bloßen Lotterie preisgiebt? Höchstens kann man den Gründen nachspüren, welche veranlaßten, daß man so quitte à double spielt. — Dennoch sind die Franzosen weiter in ihrer staatsrechtlichen Entwickelung, als die Deutschen; in so fern als sich die große und nicht unthätige Mehrzahl für Ordnung und Recht verwendet; während die deutschen Wühler sich für die rechten Erlöser ausgeben und die Massen noch immer verführen. Wie lange wird dieser Götzendienst dauern? — Wird Gesetzlichkeit in Wien zurückkehren, oder Berlin in einen ähnlichen Abgrund der Anarchie versinken?
Es klingt mir in den Ohren immer wieder: multa agendo, nil agimus. Aber wenn man uns mißachtet, wer anders trägt die Hauptschuld, als wir selbst? Als ich vor zwei Monaten meine nicht gehaltenen Reden drucken ließ, wollte die Linke durch die Reichsgewalt alle einzelnen Staaten (angeblich zum Heile Deutschlands) vernichten; jetzt fordert sie die Herrschaft für die einzelnen Staaten und will (wieder zum angeblichen Heile Deutschlands) die frankfurter Versammlung auseinanderjagen. Und zahllose Dummköpfe stimmen in das erste, wie in das zweite Geschrei ein, ohne zu merken, worauf es beide Male abgesehen war und ist. — Krisen dauern nicht lange, das zeigt der Februar, März, Mai, Juni u. s. w.; aber Krankheiten können 30 Jahre lang währen, für ein Jahrhundert abschwächen, oder mit dem völligen Tode des Einzelnen, oder der Völker endigen. — Wie arm ist diese letzte Zeit an großen Männern und Charakteren; das Mittelmäßige macht sich überall breit und gilt für groß, so lange es neu ist. Bald darauf wird es freilich verhöhnt und mit Füßen getreten. Und dennoch drängen sich Unfähige, Lahme, Schwindelige zu diesen Tempeln, um den Salto mortale, durch das politische Faß hindurch zu wagen! Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.