Hundertdreiunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. März 1849.
Nach bedeutenden Ereignissen muß man umschauen, sich orientiren, Gang und Zusammenhang zu begreifen suchen, um nächstdem mit Verstande weiter zu handeln. Ich will dies (selbst auf die Gefahr mancher Wiederholungen) nochmals versuchen.
Welcker stand an der Spitze Derer, welche sehnlich wünschten und glaubten, daß Österreich in den engen, nothwendigen Bundesstaat treten werde. Als ihn endlich amtliche Erklärungen vollständig enttäuschten und bekehrten, faßte er seinen bekannten Entschluß, buchstäblich über Nacht. Diejenigen, welche längst eingesehen hatten daß ein, möglichst eiliger, Abschluß der Verfassung dringend nothwendig sei, konnten (um einzelner Bedenken willen) den Antrag nicht zurückweisen. Er fiel aus mannigfaltigen Gründen durch, von denen ich nur einige erwähnen will. Ohne Zweifel ist der wichtigste, die Verbindung der Österreicher mit der Linken, wovon ich schon oft gesprochen habe. Bei Anderen trat hinzu: Furcht vor Übereilungen, Hoffnung, bei einzelnen Abstimmungen noch mehr zu gewinnen, Abneigung gegen einen Erbkaiser, Besorgniß vor den Einreden der Könige, Neid gegen Preußen u. s. w.
Ich habe schon berichtet, welche Leidenschaftlichkeit und Muthlosigkeit sich nach jenem Mißlingen Vieler bemächtigte, und wie auch ich meinerseits aus allen Kräften für Ausharren, Zusammenhalten und festes Handeln kämpfte, und behauptete: es sei keineswegs Alles verloren!
Was ist denn wahrhaft verloren, in welcher Hinsicht sind wir geschlagen? Wir sind es in Beziehung auf die Frage der Form, wonach (was Ängstlichen und selbst manchem Besonnenen mißfiel) Alles auf eine Karte gesetzt und mit einer Abstimmung sollte entschieden werden. Ich mache mich anheischig (ohne Sophistik) nachzuweisen, daß dieser scheinbare Verlust, von anderem Standpunkte aus, als ein Sieg kann betrachtet werden, welcher Stimmen der Ängstlichen für uns gewinnt und den Vorwurf, daß aus falscher Begeisterung nur Übereilungen hervorgingen, beseitigt.
Es ist eine unbewiesene Voraussetzung, daß wir bei allen nachmaligen Abstimmungen über wichtige Punkte gewiß unterliegen würden; ich gebe aber selbst für diesen schlimmsten Fall nicht Alles verloren, oder der Verlust ist keineswegs so groß, wie er Vielen erscheint. Es sei mir erlaubt, in dieser Beziehung Folgendes zu wiederholen.
1) Die Absätze 2 und 3 über die Personalunion mit Österreich wurden im vorigen Sommer mit 340 gegen 76 Stimmen angenommen. Seitdem haben Viele (so ich selbst) sich überzeugen müssen, daß Worte und Handlungen der österreichischen Regierung, jetzt mehr als je den Gedanken aufzugeben zwingen: mit Einschluß Österreichs einen kräftigen Bundesstaat zu gründen, und über den alten Bundestag hinauszukommen. Ich kann (trotz aller neuen Coalitionen) nicht glauben, daß sich jene ungeheure Mehrheit in eine Minderheit verwandeln werde; und geschieht dies nicht, so ist für Frankfurt (wenn auch nicht für Diplomaten) der König von Preußen unvermeidlich.
2) Das unbedingte oder aufschiebende Veto? Eine (wie ich bereits schrieb) theoretisch unzweifelhafte, in einem constitutionellen Staate praktisch unbedeutende Frage.
3) Ein Zeit- oder Erbkaiser? Jenes, unbedenklich der weit schlechtere Ausweg. Die sachliche Frage ist aber in diesem Augenblicke vorzugsweise eine persönliche. Wird ein Duodez-König den König von Preußen nach sechs Jahren aus dem Sattel heben können, wenn dieser zu reiten versteht?
4) Öffentliche oder geheime Wahl? Jene, meines Erachtens die weit bessere Form, welche (ich hoffe) durchgeht, da uns bei der ersten Lesung nur wenige Stimmen fehlten. In Zeiten, wo die öffentliche Meinung nach irgend einer großen Richtung ergriffen, oder beherrscht wird, verlieren aber beide Formen an Gewicht, und der Strom drängt zu einer unvermeidlichen Entscheidung.
5) Direktorium. Preußen entscheidet auch da, wenn es sich nicht selbst aufgiebt und von Österreich ins Schlepptau nehmen läßt.
Meine Forderung, nicht den Muth aufzugeben, meine Behauptung, daß sich keineswegs immer so viel Stimmen gegen uns vereinigen würden, wie bei dem Welcker’schen und Ausschuß-Antrage, hat sich gestern bestätigt: alle, nicht unbedeutende, Vorschläge unserer Gegner sind mit großen Majoritäten verworfen worden. — Ihre Taktik (um nicht härtere Ausdrücke zu gebrauchen) kam dabei wieder einmal recht ans Tageslicht.
Die Österreicher wünschen Zögerungen, die Linke unbedingte Annahme des Wahlgesetzes. Deshalb schlug diese vor, über dasselbe zu allererst abzustimmen (was verworfen ward), und nahm einen Antrag zurück, welcher durch Abkürzung der Formen zu einer raschen Annahme der Verfassung führen sollte. Ihnen unerwartet nahmen aber wir den Antrag auf, und während Die, welche ihn gemacht und unterschrieben hatten, dagegen stimmten, erhielten wir eine Mehrheit von 101 Stimmen.
Wir sind verloren! rufen die Kleingläubigen und Kleinmüthigen. Ich antworte: wir haben sehr viel gewonnen. Im Junius vorigen Jahres verging kein Tag ohne die ungebührlichsten Schmähungen wider Preußen, und wenn ich behauptete: man müsse, wo nicht zum Angriffe übergehen, doch Nothwehr üben, betrachteten Manche (z. B. der ermordete Auerswald) dies als Thorheit, ja fast als Verrath, welcher die Süddeutschen und Österreicher verletzen dürfte.
Erst bei dem verdammlichen Angriffe Brentano’s auf den Prinzen von Preußen riß unseren Landsleuten der Faden ihrer Schafsgeduld, und sie hörten meine zornigen, den Prinzen und die Prinzessin vertheidigende Worte mit Beifall. Welch ein Unterschied von dem Tage, wo man Hecker über den Prinzen von Preußen stellte, bis zu der Frage: ob der König von Preußen Erbkaiser von Deutschland werden solle!
Ich weiß, daß ich mich unzählige Male wiederhole: allein wenn ich heute mein Herz ausgeschüttet habe, ist es morgen derselben Dinge voll. Man kann aus diesen Variationen des einen politischen Themas nicht heraus, am wenigsten ein Abgeordneter in Frankfurt. Gäbe der Himmel nicht Stärke, die Sorgen und Anstrengungen des Geistes und Leibes müßten einen völlig zu Grunde richten. Es ist indessen auch eine ehrenvolle Aufgabe, im Frieden sein Leben dem Vaterlande zu opfern!