Hundertfünfter Brief.

Frankfurt a. M., den 1. Februar 1849.

Ich melancholisire gar viel an allen Theilen meines Leibes und Geistes. Augen und Nase leiden durch Tabacksdampf, die Ohren durch Überschwall unreiner Beredtsamteit, die Zunge hat keine Lust am Schmecken, der Magen keinen Fleiß zum Verdauen, die Lungen klagen über verdorbene Luft in der Paulskirche, der H— seufzt, daß er sechs Stunden auf einer Stelle still sitzen soll, die Beine weigern sich den ungeheuern Schmuz zu durchmessen, der ganze Leib sich dem Sturme und Schneegestöber auszusetzen u. s. w. u. s. w.

Aber, spricht die eitele Eitelkeit: du bist sehr gemeinnützig! Wodurch? Daß ich im Laufe eines ganzen Monates einige Male Ja und einige Male Nein gesagt habe? Das hätte Jeder gekonnt. Zum Reden komme ich nicht, und wenn ich dazu käme, würde es so viel wirken, wie wenn der Hund den Mond anbellt. Gewisse Leute haben ihr bleibendes Nest auf der Rednerbühne gebaut, und da die Klubs (aus ihrer Parteiansicht heraus und vor aller allgemeinen Berathung) entscheiden, wie Jeder stimmen soll, so ist alle Rederei in der Paulskirche eigentlich unnütz, und man sollte nur die Stimmzettel aus den Klubs hinschicken.

Die Gutgesinnten (ruft man mir zu) müssen aushalten. Allerdings, und ich meine, daß ich seit zwei Jahren viel ausgehalten, aber wenig ausgerichtet habe! Im Casino sind lauter Männer, die sich den Gutgesinnten beizählen, und doch können sie bei ihren gesetzgeberischen Bestrebungen nicht von dem Grundgedanken eines feindlichen Gegensatzes von Regierung und Volk loskommen, und drehen und drechseln an Inhalt und Fassung so lange, bis sie hoffen dürfen daß das Vorgeschlagene von der Mehrheit angenommen werde. Auf diesem Wege kommt man aber nicht zur rechten, lebendigen Mitte, sondern zu Halbheiten, die unpraktisch sind und Keinem genügen.

Vorgestern hatte man im Casino einen Satz angenommen: daß in dem Falle aus zureichenden Gründen ein Ort, ein Bezirk in den Belagerungszustand (oder wie man die Maßregel nennen will) erklärt werde, dennoch die Preßfreiheit (oder Frechheit!) ganz unbeschränkt bleiben müsse und binnen vierzehn Tagen der Reichstag zu berufen sei. Gestern trieb mich mein Gewissen in die Versammlung zu gehen, und ich versuchte, das Ungenügende und Unpraktische dieses Vorschlages umständlich darzuthun. In dem Augenblicke kam ein Abgeordneter eines anderen Klubs, und machte einen Antrag, welcher ganz mit dem meinigen übereinstimmte. Dennoch entschied die Versammlung mit 23 gegen 19 Stimmen ihren Beschluß aufrecht zu erhalten. Nun sollte noch berathen und abgestimmt werden: ob dies eine Parteifrage sei: das heißt, ob die 19 so stimmen müßten, wie die 23 befehlen. Da ich mich nimmermehr dieser, angeblich weisen Disciplin unterwerfen werde, ging ich fort; — und habe so wieder einen Abend verloren.

Zu Hause wollte ich mich an Lockhart’s Leben Scott’s erholen. Das Buch ist aber so breit und langweilig, wie Byron’s Leben von Moore anziehend und unterhaltend.

Den 2. Februar.

Die Grobheiten der Linken, das Geschrei der Rechten und die jämmerliche Nichtigkeit der Leitung waren mir gestern so widerwärtig, daß ich die Sitzung vor dem Schlusse verließ. Zuletzt trägt das Alles zu der Selbsterkenntniß bei, daß ich nicht berufen bin zum Parteigliede. Ein solches soll die Fehler seiner Partei verkleinert, die der Gegner vergrößert sehen und darstellen. Ich bin lebenslang zu der Unparteilichkeit des Geschichtschreibers berufen, welche von der Leidenschaft des Tages verworfen und verachtet wird. Ihr ist die Wahrheit das Untergeordnete, Hemmende, Zweckwidrige, Charakterlose; mir ist sie die erhabene Göttin, der ich das ganze Leben hindurch diente und opferte. So befinde ich mich in einer unangemessenen, falschen, höchst unbequemen Stellung.

In Paris war ich nichts; hier bin ich 1⁄500 eines gesetzgebenden Körpers! so büße ich alle Persönlichkeit ein, und werde sie erst in der stillen Heimat meiner eigenen vier Pfähle zusammensuchen müssen. Ich weiß wohl wie stolz Viele auf das M. A., oder M. P. sind (member of Acad., of Parliament); wie Wenige aber aus diesem Rummel sind als Personen bekannt, oder einwirkend über den Tag des Abstimmens und Ablesens hinaus. Die Demuth und Bescheidenheit bietet sich mir so natürlich dar, daß ich sie gar nicht (aufrichtig oder lügenhaft) zu suchen brauche.

Ich bin jetzt mit Tagespolitik überpäppelt, überfüttert, übernudelt; ists da zu verwundern, wenn ich mir einige Fasttage verschreiben will?

Ihr könnt mit Recht sagen: dieser ganze Brief sei parteiisch, nicht geschichtlich; ich sei also aus der Rolle gefallen, die ich mir selbst zuschreibe. Nun, so will ich ein andermal zu diesem mir oft vorgeworfenen Einerseits das Andererseits zu liefern versuchen. Jedoch erst dann, wenn ich muß; um durch Pflichtgefühl dem einseitigen Raisonniren und Klagen ein Ende zu machen.

Der Gräfin Hahn Reisebriefe (welche ich zufällig nur angeblättert hatte) lese ich mit Theilnahme und Vergnügen. Die Fremdwörter ließen sich sehr leicht durch einheimische ersetzen, und ihre Aristokratie hat mehr geschichtlichen Boden und regelrechtere Methode, als die jetzt modige demokratische Judenschule. Beide bedürfen einer Reinigung und Verklärung. Jedenfalls ist und bleibt die Hahn eine geistreiche Frau; mehr als ein halbes Schock aufgebauschter Schriftstellerinnen mit einer breiten Sittsamkeit auf breitester demokratischer Grundlage.