Hundertfünfunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 25. März 1849.

Der Entwurf der Verfassung zählt 135 Absätze. Von diesen sind in zwei Vormittags- und Nachmittagssitzungen 53 angenommen worden; es bleiben also 82 noch übrig. Zwar befinden sich unter diesen bei Weitem die wichtigeren; weil aber nicht gesprochen, sondern nur abgestimmt wird, so wird man (selbst bei zahlreicheren namentlichen Abstimmungen) in wenigen Tagen die zweite Lesung beendet haben, und sich in irgend einer entschiedenen Weise aussprechen müssen. Die Verwerfung des Welcker’schen Ausschußantrages hat also diese Nothwendigkeit keineswegs so lange hinausgeschoben, als die Unentschlossenen, Charakterlosen wahrscheinlich wünschten und glaubten.

Es ist noch gar nicht vorauszusehen, wie man die großen Fragen über Veto, Zeit- oder Erbkaiser, Direktorium u. s. w. hier entscheiden wird; — und diese leidige Ungewißheit fällt der preußischen Regierung großentheils zur Last. Sie hat ihre treuen Freunde (trotz alles Bittens und Flehens) hier ohne Rath, Warnung und Fingerzeig gelassen; sie hat seit langer Zeit nicht einmal gesprochen, viel weniger gehandelt, und das Feuer edler Begeisterung eher ausgelöscht, als gefördert.

Giebt es denn zwischen voreiligem Hervortreten und muthlosem Verstecken keinen Mittelweg? Soll man aus Angst vor Gegnern, die Freunde verletzen und verläugnen? Hätte man in Berlin zwischen Zuviel und Zuwenig, zwischen Verzagtheit und Tollkühnheit, den rechten Mittelweg gefunden, und die Gesellschaft des Weidenbusches ermuthigt, die Widersacher eingeschüchtert, und den befreundeten Regierungen und Volksstämmen offen die Hand gereicht; — der Sieg wäre bereits erfochten!

Die Besorgniß vor der Ansicht und Entscheidung der berliner Kammern, konnte allerdings hemmend einwirken; seitdem aber diese (hier einmal alle unnützen Streitigkeiten bei Seite legend) sich so kräftig für Deutschland erklärten, erwartete man mit Ungeduld andere bestimmtere Erklärungen auch von der Regierung, damit die alten Freunde in der Paulskirche gekräftigt und neue gewonnen würden.

Doch was schelte ich? Hat nicht Hr. v. A. gesprochen und ein Meisterstück diplomatischer Kunst der Welt vorgelegt? Welche glatte Worte, welche Komplimente nach allen Seiten, welche Gewandtheit, Alles als bejaht und zugleich als verneint zu fassen, jede Deutung vorzubehalten und ihr Raum zu geben; für oder gegen Österreich, für oder gegen Frankfurt! O über diese Wiedergeburt der so lang verehrten alten Diplomatik!

Es giebt Bücher mit Musterbriefen für alle Liebesangelegenheiten und für alle diplomatischen Verhältnisse. Hr. v. A. scheint eins der letzteren zu Hülfe genommen zu haben, und eine gleich zweideutige, überhöfliche Antwort zu erwarten, wie sie auf der nächsten Seite abgedruckt ist.

O Gott! in diesem für Preußen und Deutschland allerwichtigsten Augenblicke hält man derlei Phrasendrechselei, derlei inhaltsloses Geschwätz für eine stärkende Lebensquelle; man verliert den letzten Augenblick, wo der Sieg noch möglich war, und bietet nun solch einen papiernen Wisch als eine Siegesfahne in der entscheidenden Schlacht!

Alle unsere Gegner triumphiren schon jetzt, daß Preußen sich unterordne und mit 16 Millionen nicht so viel wage, als Friedrich II und Friedrich Wilhelm III mit 5 Millionen; daß Schwarzenberg sein hiesiges Heer befeure, ohne von der 6, 7, 9, 38 u. s. w. u. s. w. irgend etwas aufzugeben. — Und wir!! — 25 Regierungen und 10 Millionen Deutsche, die uns vertrauten und sich uns opfern wollten, wenden sich von uns ab, da keine andere als die A—sche Kindertrompete erklingt.

Es liegt nicht am Mangel des Muthes, wenn wir besiegt werden und uns nach wenigen Tagen vielleicht nichts übrig bleibt, als unsere Kleider zu zerreißen, unsere Häupter mit Asche zu bestreuen und unter Spott und Hohn nach Hause zu gehen! Die Weltgeschichte wird uns billiger behandeln, kann aber das Geschehene nicht ungeschehen machen. Brächte doch der Telegraph im Augenblicke der Entscheidung eine erhebliche Hülfe.

Österreich bleibt, ohne Einverleibung in Deutschland, eine europäische Großmacht; nicht so Preußen. Es gehört durchaus und ganz zu den Deutschen, es wird mit Deutschland, — und Deutschland mit ihm stehen oder fallen.