Ausblick
Ich komme zum Schluß. Ich habe in objektiver Weise die Verhältnisse geschildert, die zum Mädchenhandel geführt haben, und die Mittel angegeben, durch welche eine Einschränkung desselben möglich ist. Mir bleibt nur noch übrig, an jeden einzelnen meiner Leser die Bitte zu richten, diesen Kampf nicht als etwas Gleichgültiges anzusehen oder gar zu glauben, daß die Bekämpfung lediglich Sache des Staates sei. Der Staat ist machtlos, wenn nicht die Allgemeinheit hilft. Wir tragen sämtlich Schuld, daß derartige entsetzliche Zustände eingerissen sind. Der Spruch, daß die Männer polygamisch und nur die Frauen monogamisch geschaffen seien, ist ja sehr bequem, aber er ist egoistisch, ungerecht und grundfalsch. Daß Enthaltsamkeit zur Geisteskrankheit führt, ist eine Behauptung, die kein Arzt der ganzen Welt unterschreiben wird. Im Gegenteil ist gerade das berüchtigte „Ausleben“ der Grund, weshalb wir so auffallend viele junge Greise in der Gesellschaft sehen. Daß junge Leute sich an der Arbeit der Bekämpfung des Mädchenhandels beteiligen, ist kaum zu hoffen. Wir sind ja schon zufrieden, wenn sie die Berechtigung unserer Arbeit anerkennen. Daß aber die städtischen Behörden in so vielen Städten von unserer Arbeit nichts wissen wollen, ist mehr als traurig und wirft auf die Sittlichkeitsbestrebungen unserer Zeit ein merkwürdiges Licht. Wir befinden uns in Deutschland mit unserer Moral auf einer schiefen Ebene. Die Erzeugnisse der Pornographie, sowohl auf dem Gebiet der Photographie als auch in der Herausgabe pikanter Lektüre, ist nicht nur bei uns, sondern sogar im Ausland zum großen Teil in deutschen Händen; die Kellnerinnen der ganzen Welt rekrutieren sich aus deutschen Mädchen, die Achtung vor dem Weiblichen Geschlecht ist im Sinken, das Nachtleben in den großen Städten so überschäumend, wie nirgends in der Welt. Gibt es wirklich keine Ideale mehr? Kann der Materialismus uns in der Tat befriedigen? Wird der einzelne nicht stutzig, wenn er sieht, daß sein Leben solche Erscheinungen zeitigt, wie den Mädchenhandel? Wie ist es möglich, daß diese Mädchen, welche das denkbar traurigste Leben führen, Freudenmädchen genannt werden können? Wie ist es erklärlich, daß femmes entretenues hochgestellter Persönlichkeiten durch die Stellung des Mannes gesellschaftsfähig gemacht werden können? Ist dies bloße Gedankenlosigkeit, oder hat nicht in der Tat eine Umwertung aller moralischen Begriffe derartige Folgen gezeitigt?
Wir sind kein eitles Volk, das sich damit brüstet, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren, aber wir waren doch immer ein gesundes Volk, welches stets die Kraft in sich selbst fand, sich aus den schwierigsten Verhältnissen und unglücklichsten Zeiten wieder heraufzuarbeiten. Diese Kraft müssen wir uns erhalten. Dies können wir unter allen Umständen, wenn wir der Unsittlichkeit, welche sich überall breit zu machen versucht, entgegentreten und uns nicht von ihr beherrschen lassen. Ich bin absichtlich nicht auf die Statistik der Geschlechtskrankheiten eingegangen, weil sie völlig unzuverlässig ist. Die französischen Tabellen beweisen, daß durch die öffentlichen Häuser der Gesundheitszustand des Landes sich gebessert hat, während die englischen Listen eine Besserung der Volksgesundheit von der Abschaffung dieser Häuser herleiten.
Die deutschen Listen sind nur von einem Teil der befragten Ärzte aufgestellt. Ein großer Teil der Ärzte hat auf die an sie gerichteten Fragen nicht geantwortet, und die Naturheilkundigen, welche 50% der Kranken behandeln, sind überhaupt nicht befragt. Wie man aus diesen willkürlich zusammengesetzten unzuverlässigen Listen und Zahlen irgendeinen Beweis herleiten kann, ist mir nicht erklärlich.
Der Standpunkt, den die städtischen Behörden in der Frage des Mädchenhandels zum großen Teil einnehmen, ist ein falscher. Daß die Prostitution nicht zu beseitigen ist, weiß jeder, der im öffentlichen Leben steht. Das kann und darf doch aber nicht dahin führen, die Prostituierten zu sanktionieren und aus ihnen womöglich pensionsberechtigte Staatsbeamtinnen zu machen. Das Bordell hat keinen Vorteil, aber tausend Nachteile. Zu diesen Nachteilen gehört in erster Linie, daß durch sie der Mädchenhandel entstanden und großgezogen ist. Diese Ansicht muß in das große Publikum dringen, dann wird die Zahl der Anhänger der öffentlichen Häuser sich verringern, dann wird es möglich werden, strafrechtlich gegen die Inhaber vorzugehen und ihre Häuser zu schließen.
Bei der Begründung der National-Komitees war dieser Kampf nicht vorgesehen, ja, er war sogar direkt verboten. Durch die Vertiefung der Arbeit mußte aber diese Einschränkung fallen und der Kampf aufgenommen werden. Wenn wir hierbei sehen, wie tief bereits die Unsittlichkeit sich eingenistet hat, dann ergibt sich, daß auch auf diesem Gebiet energischer gearbeitet werden muß. Dies ist aber Sache der religiösen und Sittlichkeitsvereine. Ein einzelner Verein ist nicht imstande, alle Übelstände, die auf sittlichem Gebiet vorhanden sind, zu beseitigen, dazu gehört in erster Linie Arbeit an sich selbst und die Erkenntnis, daß man mit schönen Worten eine so traurige Erscheinung, wie den Mädchenhandel, nicht beseitigen kann.
In den letzten Jahren ist in den Zeitungen, Zeitschriften und Büchern so viel über den Mädchenhandel geschrieben, daß es kaum möglich ist, Neues darüber zu sagen. Trotzdem gebe ich mich der Hoffnung hin, daß die vorstehenden Zeilen dem Kampfe gegen den Mädchenhandel wenigstens einige neue Kämpfer hinzuführen und vor allem die Leichtgläubigkeit der jungen Mädchen und besonders ihrer Eltern erschüttern werden.
Alle Wege führen nach Rom. Es werden von anderer Seite andere Mittel zum Kampf gegen den Mädchenhandel angegeben werden. Der sicherste und kürzeste Weg aber ist: Beseitigung aller öffentlichen Häuser. Möge es nicht zu lange dauern, ehe dies Ziel erreicht wird.
Wir glauben, unsere Ausführungen nicht wirksamer schließen zu können, als durch die Wiedergabe nachstehender Ausführungen in der Sitzung vom 14. Februar 1911 des Preußischen Hauses der Abgeordneten (gekürzt nach dem stenographischen Bericht):
Abgeordneter Marx:... Mit dieser Frage — der Prostitution — steht in naher Verbindung die Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels. Das Deutsche Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels unter der bewährten Leitung unseres verehrten Mitgliedes Exzellenz v. Dirksen hat seit Jahren in dieser Beziehung überaus segensreich gewirkt. Ich möchte den Herrn Minister bitten, den Bestrebungen dieses Komitees nach jeder Richtung bis an die Grenzen jeder Möglichkeit seine hilfreiche Hand zuteil werden zu lassen. (Bravo!) Ich möchte Sie bitten, das Bestehen des Mädchenhandels durchaus nicht als etwas zu behandeln, was sich vielleicht in den Köpfen einiger, besonders für diese Frage interessierter Männer gebildet hätte. In den letzten Jahren haben sich die Verurteilungen wegen Mädchenhandels und die Nachrichten über Verschleppungen von Mädchen ganz ungeheuer gesteigert, und gerade in den letzten Wochen haben Mädchenhändler die verschiedensten, auch ländliche Gegenden aufgesucht, um unter Vorspiegelung der mannigfachsten Tatsachen dort Mädchen zu verschleppen; es sind solche Fälle in Hangard, Sulzbach, Saarlouis und anderen Gemeinden vorgekommen. Ich meine, auch die Herren im Hohen Hause werden die Liebenswürdigkeit haben, in jeder Weise die Bemühungen des Nationalkomitees zu unterstützen und der Bekämpfung des Mädchenhandels ihre Aufmerksamkeit zu leihen.
Minister des Innern v. Dallwitz: Meine Herren, ich bin gern bereit, soweit mein Ressort in Frage kommt, den Wünschen, die der Herr Abgeordnete Marx soeben ausgesprochen hat, nachzukommen und dem Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels tunlichste Förderung angedeihen zu lassen, um so mehr, als ich die Ehre gehabt habe, diesem Komitee längere Jahre selbst anzugehören.
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Inhalt der Hauptabschnitte: I. METHODIK DER GERICHTLICHEN MEDIZIN. — II. DIE GEWALTSAMEN TODESARTEN. Der Tod durch Erstickung (reine Erstickung, Strangulation, Ertrinken). Mechanische Todesarten (Schuß-, Schnitt-, Hieb-, Stichwunden, Stumpfe Gewalt). Abnorme Temperaturen. Verhungern. III. FORENSISCHE PSYCHIATRIE. Methodik der Untersuchung (Simulation). Die einzelnen Formen seelischer Störungen (melancholische und manische Verrücktheitszustände, progressive Paralyse, Altersblödsinn, Alkoholismus, Morphinismus, Kokainismus, Epilepsie, Hysterie, Neurasthenie u. a.). Zeugnis-, Haft- und Verhandlungsfähigkeit. IV. SEXUELLE FRAGEN. Kindesmord. Abtreibung. Sittlichkeitsverbrechen. V. KRIMINELLE VERGIFTUNGEN.
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ZENTRALBLATT FÜR RECHTSWISSENSCHAFT:
Ein Monumentalwerk, um das uns fremde Nationen beneiden werden.
SCHWEIZERISCHE JURISTEN-ZEITUNG, ZÜRICH:
Ein hervorragendes Geistes- und Kulturwerk, berufen, reichen Segen zu bringen.
MÜNCHENER NEUESTE NACHRICHTEN:
Ein mutiges, erlösendes Werk.
STAATSANWALT DR. ERICH WULFFEN
DER SEXUALVERBRECHER
Mit zahlreichen kriminalistischen Originalaufnahmen erster Polizeibehörden und wissenschaftlicher Autoritäten
46½ Bogen (744 Seiten) Lexikon-Format, auf Kunstdruck Preis M. 18.—, gebunden M. 20.—
Das vorliegende Werk ist für Juristen — Richter, Staats- und Rechtsanwälte —, Ärzte, Polizei- und Gefängnisbeamte absolut unentbehrlich. Denn Wulffens „Sexualverbrecher“ schildert das gewaltige Gebiet des Sexuallebens und Sexualverbrechens in ungemein fesselnder Form und völlig neuer Auffassung. Die Illustrierung bietet ein weiteres Novum. Niemals wohl haben bisher erste Polizeibehörden und Fachmänner durch Beisteuerung kriminalistischer Originalaufnahmen ein Werk derart gefördert, wie die Erkennungsdienste von Berlin, Wien, München, Dresden, Hamburg, Chemnitz usw., und wissenschaftliche Autoritäten es für Wulffens „Sexualverbrecher“ getan.
Unter „Sexualverbrecher“ versteht Staatsanwalt Dr. Wulffen denjenigen Verbrecher, dessen nicht nur sexuelle, sondern allgemeine Verbrechensverübung auf seine Sexualität als letzte Ursache zurückzuführen ist. Diese Erkenntnis ergibt den Typus eines neuen Sexualverbrechers. Somit führt das vorliegende Werk uns mitten in die geheimnisvolle Werkstatt der Natur hinein und erschließt uns den innersten Zusammenhang der Kriminalität mit den großen biologischen Problemen des Lebens.
Inhalt: ALLGEMEINE SEXUALBIOLOGIE. — SEXUALPSYCHOLOGIE UND CHARAKTEROLOGIE. — ALLGEMEINE SEXUALPATHOLOGIE. — SEXUAL-KRIMINALSTATISTIK. — VERBRECHEN AUF SADISTISCHER GRUNDLAGE. — VERBRECHEN AUF MASOCHISTISCHER UND AUF FETISCHISTISCHER GRUNDLAGE. — VERBRECHEN AUF HOMOSEXUELLER GRUNDLAGE. — SEXUALDELIKTE MIT VORWIEGEND SOZIALEM CHARAKTER.
Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.
ERICH WULFFEN
GAUNER- UND VERBRECHER-TYPEN
1.-10. Tausend. Preis M. 3.—, eleg. geb. M. 4.—
BERLINER BÖRSENZEITUNG:
In glänzendem Plaudertone erzählt uns Wulffen in diesem spannenden Buche eine Unzahl wirklicher, charakteristischer Begebenheiten aus dem modernen Gaunerleben, zeigt er uns an geradezu verblüffenden Beispielen Schlauheit, Dummheit und Pech des Verbrechers. Der Aufbau des Werkes in seiner Steigerung, seinen Übergängen vom zwingenden Humor über die Tragikomik bis zum erschütterndsten Ernst des Gaunerlebens vollzieht sich in wahrhaft künstlerischer Form. Das Buch bietet zugleich eine unschätzbare Belehrung, denn es gibt wohl keinen Stand und Beruf, an den sich Diebstahl, Betrug und Gewalt nicht schon herangewagt hätten. Die originellen Tricks der verschiedensten Spezies wie: Laden-, Taschen-, Juwelen- und Museumsdiebe — Paletotmarder — Darlehns-, Kautions- und Schatzschwindler — Kurpfuscher — Bauernfänger — Banknoten-, Bilder- und Münzfälscher usw. usw. — lernt der Leser kennen und damit die Möglichkeit, sich vor den tagtäglich vorkommenden Gaunereien zu schützen.
BRESLAUER MORGENZEITUNG:
Der bekannte Staatsanwalt stellt in diesem Werke ein Material zusammen, wie es an Reichhaltigkeit und Lebendigkeit kein anderes aus der Reihe kriminalistischer Lehrbücher bietet. Verbrecherschlauheiten und Verbrecherdummheiten fügen sich hier zu einem Bilde zusammen, das die heutige Verbrecherwelt zeigt, wie sie wirklich ist; das Buch ist in reizvollem Plauderton geschrieben, mit packender Eindringlichkeit und realistischer Überzeugungskraft.