Einleitung

Am 12. September 1905 wurde in einer Versammlung der Kriminalistischen Vereinigung zu Hamburg die Behauptung aufgestellt, in Deutschland gäbe es keinen Mädchenhandel. Dieser ginge von Polen, Ungarn, Galizien über die Häfen des Mittelländischen und Schwarzen Meeres nach Amerika, der Levante und Südafrika. Es sei also Aufgabe dieser Länder, den Mädchenhandel aus der Welt zu schaffen; Deutschland habe keine Veranlassung, besondere Maßregeln zu ergreifen. Diese Verhandlungen haben der Bewegung gegen den Mädchenhandel nicht unwesentlich geschadet. Viele Menschen glaubten natürlich den Richtern mehr als dem Deutschen National-Komitee und nehmen an, daß die Angaben des letzteren viele Übertreibungen enthielten und deshalb das große Publikum keine Veranlassung habe, sich an der Bewegung zu beteiligen.

Das Deutsche National-Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat sich von Anfang an bemüht, dieser Ansicht entgegenzutreten und den Beweis zu führen, daß auch in Deutschland ein lebhafter Mädchenhandel besteht. Ich benutze deshalb gern die Gelegenheit, aus meinen Erfahrungen, die ich in langjähriger praktischer Arbeit habe sammeln können, das zu veröffentlichen, was ich für die Verallgemeinerung unserer Tätigkeit für nützlich und vorteilhaft halte. Ich habe nicht die Absicht, ein wissenschaftliches, juristisches Werk zu schreiben. Ich beabsichtige lediglich, die jungen Mädchen und deren Angehörige vor den Gefahren zu warnen, die ihnen im Ausland drohen, und den Beweis zu liefern, daß die Verhältnisse sich nicht ändern können, wenn wir nicht ebenfalls unsere Ansichten respektive unsere Lebensweise ändern. Außerdem will ich zeigen, daß der Mädchenhandel nur dann aus der Welt verschwinden kann, wenn die Bordelle beseitigt werden.

Der Kampf gegen den Mädchenhandel bewegt sich auf drei Gebieten: Information, Agitation und Organisation. Große Erfolge sind bisher nur auf dem Gebiet der Information erreicht, nicht ganz unerhebliche, wie weiter unten gezeigt werden soll, auf dem der Organisation erzielt. Die Agitation aber trifft überall auf die stumpfe Gleichgültigkeit des großen Publikums. Der Grund ist ein doppelter: einmal die Überschwemmung Deutschlands mit wohltätigen Vereinen, und deshalb die Schwierigkeit der Begründung neuer Vereine, dann aber das Gefühl, daß man einer nicht zu bewältigenden Aufgabe gegenübersteht. Vielleicht zeigen die folgenden Zeilen, daß es doch eine Möglichkeit gibt, das gesteckte Ziel zu erreichen, und vielleicht läßt sich der eine oder der andere Leser bestimmen, seine bisherige Zurückhaltung aufzugeben.