2. Wesen und Ursache.

23.

Was bedeutet Nihilismus? – Daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“

24.

Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das „göttlich“, das leibhafte Moral sei.

Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.

25.

Nihilismus. Er ist zweideutig:

A. Nihilismus als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: der aktive Nihilismus.

B. Nihilismus als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilismus.

26.

Der Nihilismus ein normaler Zustand.

Er kann ein Zeichen von Stärke sein, die Kraft des Geistes kann so angewachsen sein, daß ihr die bisherigen Ziele („Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind (– ein Glaube nämlich drückt im allgemeinen den Zwang von Existenzbedingungen aus, eine Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen gedeiht, wächst, Macht gewinnt....); andrerseits ein Zeichen von nicht genügender Stärke, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben zu setzen.

Sein Maximum von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft der Zerstörung: als aktiver Nihilismus.

Sein Gegensatz wäre der müde Nihilismus, der nicht mehr angreift: seine berühmteste Form der Buddhismus: als passivischer Nihilismus, als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft sein, so daß die bisherigen Ziele und Werte unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden –, daß die Synthesis der Werte und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werte sich Krieg machen: Zersetzung –, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen Verkleidungen, religiös oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.

27.

Der Nihilismus stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf gar keinen Sinn): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind, – sei es, daß die décadence noch zögert und ihre Hilfsmittel noch nicht erfunden hat.

Voraussetzung dieser Hypothese: – Daß es keine Wahrheit gibt; daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. – Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste. Er legt den Wert der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten keine Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der Wert-Ansetzer sind, eine Simplifikation zum Zweck des Lebens.

28.

Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert schien – nämlich durch irgendeine übermenschliche Autorität. Nachdem man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung nach einer anderen Autorität, welche unbedingt zu reden wüßte und Ziele und Aufgaben befehlen könnte. Die Autorität des Gewissens tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der Theologie, um so imperativischer wird die Moral) als Schadenersatz für eine persönliche Autorität. Oder die Autorität der Vernunft. Oder der soziale Instinkt (die Herde). Oder die Historie mit einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich überlassen kann. Man möchte herumkommen um den Willen, um das Wollen eines Zieles, um das Risiko, sich selbst ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung abwälzen (– man würde den Fatalismus akzeptieren). Endlich: Glück, und, mit einiger Tartüfferie, das Glück der Meisten.

Man sagt sich

1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,

2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.

Gerade jetzt, wo der Wille in der höchsten Kraft nötig wäre, ist er am schwächsten und kleinmütigsten. Absolutes Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft des Willens fürs Ganze.

29.

Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“ und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man legt Hand an, man richtet zugrunde.... Das ist, wenn man will, unlogisch: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein.... Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: – das Nein der Tat kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung durch die Hand.

30.

Zur Genesis des Nihilisten. – Man hat nur spät den Mut zu dem, was man eigentlich weiß. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz ist.

31.

Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt man diesen „Sinn“, dieses Maß? – Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen unbefriedigend, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins müßte dem Philosophen Vergnügen machen, wenn anders es zu Recht bestehen soll....

Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des Geschehens nur den Sinn von Mitteln haben können: es bliebe übrig, zu fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen könnten, ob nicht die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. –

32.

Die Arten der Selbstbetäubung. – Im Innersten: nicht wissen, wohinaus? Leere. Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne Menschen oder Zeiten (als Haß usw.). – Versuch, besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige Genuß der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („le fait“), das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an sich selber; irgend welche beständige Arbeit, irgendein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die Ausschweifung tötet das Vergnügen).

1. Willensschwäche als Resultat.

2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast gefühlt.

33.

Der unvollständige Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.

Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, ohne die bisherigen Werte umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.

34.

1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist ein Irrtum, auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar auf Korruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer ganz bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.

2. Der Untergang des Christentums – an seiner Moral (die unablösbar ist –), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der Tat...).

3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der moralischen Weltauslegung, die keine Sanktion mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist – erweckt das Mißtrauen, ob nicht alle Weltauslegungen falsch sind –). Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe – eine moralische Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“ und „schön“ und „gut“ – –

4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen Systemen rückständig. Es fehlt eine Kritik der christlichen Moral.

5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe folgt endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen sich, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x.

6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der erlösende Stand und Mensch, die Rechtfertiger –

7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „praktischen Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches Olympiertum.

8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners Nibelungen-Schluß).

35.

Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der modernen Welt, – nicht der Welt und des Daseins.

36.

Das allgemeinste Zeichen der modernen Zeit: der Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an Würde eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des Daseins zu beweisen – wie es alle Metaphysiker tun, die die Würde des Menschen festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an die Moral fest.

37.

Ursachen für die Heraufkunft des Pessimismus:

1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher verleumdet sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat;

2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere Mißtrauen des Menschen die Unablösbarkeit dieser Instinkte vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet;

3. daß nur die Mittelmäßigsten, die jenen Konflikt gar nicht fühlen, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung gegen sich einnimmt, – daß andererseits das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, indigniert (– daß niemand ein Wozu? mehr beantworten kann –);

4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, – daß die Vergegenwärtigung dieses ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird, daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie verzagt und sich unterwirft.

38.

Welche Vorteile bot die christliche Moralhypothese?

1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten Wert, im Gegensatz zu seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens;

2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid und Übel den Charakter der Vollkommenheit ließ, – eingerechnet jene „Freiheit“ – das Übel erschien voller Sinn;

3. sie setzte ein Wissen um absolute Werte beim Menschen an und gab ihm somit gerade für das Wichtigste adäquate Erkenntnis;

4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war ein Erhaltungsmittel.

In summa: Moral war das große Gegenmittel gegen den praktischen und theoretischen Nihilismus.

39.

Die Zeit kommt, wo wir dafür bezahlen müssen, zwei Jahrtausende lang Christen gewesen zu sein: wir verlieren das Schwergewicht, das uns leben ließ, – wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in die entgegengesetzten Wertungen, mit dem gleichen Maße von Energie, das eben eine solche extreme Überwertung des Menschen im Menschen erzeugt hat.

Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach oder überspannt:

a) man versucht eine Art von irdischer Lösung, aber im gleichen Sinne, in dem des schließlichen Triumphs von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);

b) man versucht ebenfalls das Moral-Ideal festzuhalten (mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der Willensverneinung);

c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur als antilogisches x; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;

d) man versucht die göttliche Leitung alten Stils, die belohnende, bestrafende, erziehende, zum Besseren führende Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen;

e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als Aufgabe empfindet (– das ist englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);

f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ego: Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung und als désintéressement zu verstehen;

g) man erlaubt der Kirche, sich immer noch in alle wesentlichen Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen Weihe, höheren Sinn zu geben: wir haben noch immer den „christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ –

40.

Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die Wahrhaftigkeit: diese wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt ihre Teleologie, ihre interessierte Betrachtung – und jetzt wirkt die Einsicht in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus – das, was wir erkennen, nicht zu schätzen und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu dürfen – ergibt einen Auflösungsprozeß.

41.

Dies ist die Antinomie:

Sofern wir an die Moral glauben, verurteilen wir das Dasein.

42.

Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben sollte, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, – diese sozialen Werte hat man zum Zweck ihrer Tonverstärkung, wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung und zukünftige Welt über dem Menschen aufgebaut. Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, – aber das ist nur ein Zwischenzustand.

43.

Ursachen des Nihilismus:

1. Es fehlt die höhere Spezies, das heißt die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)

2. Die niedere Spezies („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und metaphysischen Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein vulgarisiert: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisiert sie die Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten werden.

Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquiert („Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).

Widerstand gegen höhere Typen als Resultat.

Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen. Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden als Maßstab für die Höhe der Seele.

Es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter.

44.

Die nihilistische Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) als Folge der moralischen Wertschätzung: – das Egoistische ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des Unegoistischen); – das Notwendige ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit eines liberum arbitrium und einer „intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen – damit hat die andere Sphäre, in der wir leben, noch keineswegs an Wert gewonnen: im Gegenteil, wir sind müde, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. „Umsonst bisher!“

45.

Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von „Pessimismus“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.

Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß Pessimismus kein Problem, sondern ein Symptom ist, – daß der Name ersetzt werden müsse durch „Nihilismus“, – daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.

Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen décadence.

46.

Grundeinsicht über das Wesen der décadence: was man bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen.

Damit verändert sich die ganze Perspektive der moralischen Probleme.

Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: – es gibt keine „Besserung“ (gegen die Reue).

Die décadence selbst ist nichts, was zu bekämpfen wäre: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. Was mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des Organismus.

Tut man das? Man tut das Gegenteil. Genau darum bemüht man sich seitens der Humanität.

– Wie verhalten sich zu dieser biologischen Grundfrage die bisherigen obersten Werte? Die Philosophie, die Religion, die Moral, die Kunst usw.

(Die Kur: zum Beispiel der Militarismus, von Napoleon an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)

47.

Zum Begriff „décadence“.

1. Die Skepsis ist eine Folge der décadence: ebenso wie die Libertinage des Geistes.

2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der décadence (Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).

3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern nicht den Gang der décadence, sie halten nicht auf, sie sind physiologisch null – :

Einsicht in die große Nullität dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den Menschen der décadence zu annullieren, ein Minimum seiner Schädlichkeit durchzusetzen.

4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der décadence.

5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der décadence: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.

6. Die soziale Frage ist eine Folge der décadence.

7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, sind Anzeichen, daß die Defensivkraft der starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so daß Lust und Unlust die Vordergrundsprobleme werden.

48.
Allgemeinste Typen der décadence:

1. Man wählt im Glauben, Heilmittel zu wählen, das, was die Erschöpfung beschleunigt; – dahin gehört das Christentum (um den größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); – dahin gehört der „Fortschritt“ –

2. Man verliert die Widerstandskraft gegen die Reize, – man wird bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des Willens; – dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie mitklingt und wie eine überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme Irritabilität....

3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die décadence nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche Ursache des Sich-schlecht-befindens; – dahin gehört die ganze religiöse Moral....

4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben wird tatsächlich als Grund zu Übeln empfunden, – man taxiert die bewußtlosen, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich wertvoller, als die bewußten; daraus eine Methodik....

49.

Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die Krankhaftigkeit: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft; moralisch ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.

Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der Geschwächten, Geisteskranken und Neurastheniker vergleichen kann: sie stellen in einer milderen Form dieselben Übel dar....

Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal schlecht sichtbar sind, zeigen....

Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes, wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben. Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften Zustand (Claude Bernard).

So gut „das Böse“ betrachtet werden kann als Übertreibung, Disharmonie, Disproportion, so gut kann „das Gute“ eine Schutzdiät gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.

Die erbliche Schwäche, als dominierendes Gefühl: Ursache der obersten Werte.

Nebenbei: Man will Schwäche: warum?.... meistens, weil man notwendig schwach ist.

Die Schwächung als Aufgabe: Schwächung der Begehrungen, der Lust- und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben- und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche.... die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf Feindschaft und Zorn.

Der Fehlgriff in der Behandlung: man will die Schwäche nicht bekämpfen durch ein système fortifiant, sondern durch eine Art Rechtfertigung und Moralisierung: das heißt durch eine Auslegung....

Die Verwechslung zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum Beispiel die Ruhe der Stärke, welche wesentlich Enthaltung der Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), – und die Ruhe der Erschöpfung, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle philosophisch-asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber meinen in der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.

50.

Das gefährlichste Mißverständnis. – Es gibt einen Begriff, der anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist der der Erschöpfung. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein, – in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den Wert der Dinge....

Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und fühlt, unfreiwillig abgibt an die Dinge, sie voller, mächtiger, zukunftsreicher sieht, – der jedenfalls schenken kann –, verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, – er verarmt den Wert: er ist schädlich....

Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer verwechselt worden sind mit den Vollsten – und die Vollsten mit den Schädlichsten.

Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....

Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann verwechselte man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht... Der Kultus des Narren ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der Macht empfunden worden: als göttlich.

Diese Art Stärke, die Furcht erregt, galt vor allem als göttlich: von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, hörte, suchte man Weisheit.... Hieraus entwickelte sich überall beinahe ein Wille zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome der Zerrüttung provozieren – das hieß stärker, übermenschlicher, furchtbarer, weiser werden: – man glaubte damit so reich an Macht zu werden, daß man abgeben konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen, der abgeben kann.

Hier war irreführend die Erfahrung des Rausches. Dieser vermehrt im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, die Macht. – Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der Berauschteste stehen, der Ekstatische. (– Es gibt zwei Ausgangspunkte des Rausches: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter Ernährung des Gehirns.)

51.

Zu begreifen: – Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend gewordenen Werturteilen die décadence sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern alle bisherige décadence rückständig, das heißt lebendig geblieben ist. Eine solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, eine solche Gesamt-décadence des Werturteils ist das Fragezeichen par excellence, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. –

52.

Schwäche des Willens: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann. Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker Wille“; – im ersteren Falle ist es das Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision und Klarheit der Richtung.

53.

Hauptsymptome des Pessimismus: – die dîners chez Magny; der russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische Pessimismus, l'art pour l'art, „description“ (der romantische und der antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische Pessimismus (Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische Pessimismus; die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung; der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische Pessimismus: ich selber.

54.

Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der décadence selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das Verfallsgebilde der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich die eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt.

Das niedersinkende Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen seine Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal alter überlebter Rassen ähnlich....

Der Herdeninstinkt sodann – eine jetzt souverän gewordene Macht – ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer aristokratischen Sozietät: und es kommt auf den Wert der Einheiten an, was die Summe zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern Instinkt als den der Herde, das heißt der summierten Nullen, – wo jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein....

Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem Frieden einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil ist antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der décadence des Lebens.... Das Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst ein Mittel zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein décadent, – er ist es auch als Moralist (– er sieht im Sieg des Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).

55.

Entwicklung des Pessimismus zum Nihilismus. – Entnatürlichung der Werte. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch, statt das Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend gegen das Tun.

Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter gemäß, weil leichter faßlich.

Die verworfene Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren, wertvollen“. – Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die „wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig und rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer Verwerflichkeit.

Damit ist der Nihilismus da: man hat die richtenden Werte übrig behalten – und nichts weiter!

Hier entsteht das Problem der Stärke und der Schwäche:

1. die Schwachen zerbrechen daran;

2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;

3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.

Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.

56.

Der Pessimismus der Tatkräftigen: das „Wozu?“ nach einem furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal wichtiger ist als die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt aller starken Naturen, – und folglich auch, ob sich die anderen gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer zu bringen, jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die große Leidenschaft.

57.

Das „Übergewicht von Leid über Lust“ oder das Umgekehrte (der Hedonismus): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum Nihilismus....

Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter Sinn gesetzt, als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.

Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen, eine Absicht, einen Sinn zu setzen: – für jede gesündere Art Mensch mißt sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße dieser Nebensachen. Und ein Übergewicht von Leid wäre möglich und trotzdem ein mächtiger Wille, ein Ja-sagen zum Leben; ein Nötig-haben dieses Übergewichts.

„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die Tränen?...“ – eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „Un monstre gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.“