Leidenschaft und Inbrunst

Durch den Damm der Hemmungen, durch die Ehrfurcht muß durchgestoßen werden in die dahinter liegenden Höhen- und Tiefengebiete der Liebe. Von Zeit und Gezeiten war bisher nur bei der rhythmischen Teilung des Einzellebens die Rede. Das Leben des einzelnen Menschen wächst durch die Zeiträume seines Lebens. In der Zeit, doch blind vor ihr.

Wer nun in Beziehung zu einem anderen Menschen gerät, setzt zunächst auch dort stillschweigend seine eigene Lebensbewegung voraus. Doch merkt er dann bald, daß etwas nicht stimmt. Für den Anderen sind andere Zeiträume maßgebend, sind die rhythmischen Schwingungen des Lebens kürzer oder länger, sind die Pausen dichter oder weiter gesät, jedenfalls an anderer Stelle liegend. Dementsprechend sind auch die Aufschwünge des Lebens häufiger oder seltener und meist nicht gleichzeitig. Jeder trägt seine eigene Zeit in sich, und Getrenntsein heißt andere Zeit haben. Was Ehrfurcht genannt wurde, ist die Verehrung der anderen Zeit des Geliebten. Diese Ehrfurcht gebietet, auf ihn zu warten oder ihm vorauszugehen, beides im Hinblick auf ihn. Es ist leidenschaftliches Verlangen der Liebe, den Rhythmus des eigenen Lebens dem des anderen gleichzustimmen, den Geliebten zu begleiten, mitzuschwingen wo es irgendeiner Gipfelzeit entgegengeht. Hier wird Liebe in hinreißender Form. Wo der Geliebte in Ehrfurcht eine Zeitlang gewartet oder ruhig ein Stück vorausgegangen ist, und nun die aufschießende Wucht des anderen Lebens gewaltig hinterdrein flutet, steigert sich Liebe zu ihrer leidenschaftlichen Gipfelung.

Das Erlebnis gleicher Zeitaufschwünge ist das Hinreißende daran. Durch den Gleichklang des steigenden Doppellebens wird die letztmögliche Näherung an den Zustand des Ungetrenntseins erreicht.

Wo es wieder hinabgeht, ist die Gefahr. Es geht nicht gleichzeitig hinab. Einer macht den Anfang. Kein Bild »wie er war, da man ihn am meisten liebte« darf nun im Hinabgleiten hemmen. Die ehrfürchtige Grundregung läßt den Geliebten nun wieder in das Entfernte gleiten, in die Zeitfolge, die ihm allein gemäß ist. Es gilt wieder zu warten, nun aber in Richtung auf den Tiefpunkt, wo das Leben des Anderen in seine Ruhelage hinabschwingt. Das tosende Licht des gemeinsamen Aufschwungs kann Mißklänge übertäuben. Hier aber wo es schweigt, wo es gärt, wo das Leben sich sammelt, sinkt Liebe zu der Tiefe ihrer Gewißheit. In dieser Tiefe der schöpferischen Pause ist es gegeben, in Liebe ganz und gar zu sein. Hier ist das Gegenbild der Gipfel-Leidenschaft, unsichtbare, unregbare, unerschütterbare Inbrunst.

Wer es vermag, in schöpferischer Inbrunst den Anderen zu erwarten, also in seinem eigenen Grunde noch liebe-gerichtet zu sein, für den erst ist der Besitzgedanke wirklich und endgültig aufgehoben. Das nur erst ahnende Wissen von dem Entferntsein des Anderen braucht Ehrfurcht, als den ersten schützenden Wall vor der Machtgier. Inbrunst macht den Wall der Ehrfurcht überflüssig. In der gemeinsamen Tiefe ist Ungetrenntsein, in der Tiefe jedes Atemzuges, in der Tiefe jeder Nacht ist es zu spüren. Macht wird reizlos und darum sinnlos. In dem dunklen Jubel dieser umfassenden Gewißheit muß die glänzende Wunschgestalt von Herrschaft und zeitlichem Besitz auseinanderstieben. Viel tiefer, unterhalb des Stromes von Zeit und Raum wird der Geliebte wahrhaft besessen.

Inbrunst ist das Gegenbild der Leidenschaft. Es ist die Liebes-Verhaltenheit, die in jedem einzelnen Menschen je nach Maß seiner Kraft verborgen liegt. In ihrem inbrünstigen Zustand tritt Liebe nicht in die Erscheinung. Auch wenn gar niemand zu lieben da ist, vermag es inwendig zu brennen und weiter zu brennen. Hier gilt all das, was von der Kraft der schöpferischen Pause gesagt wurde. Je tiefer der liebende Mensch in die Tiefe der schöpferischen Pause hinabschwingen kann, desto tragender wird seine Liebe, desto krampfloser seine leidenschaftlichen Aufschwünge. Trennung von dem Geliebten, Abschied, Entfernung, jedes gewollte und ungewollte Alleinsein wird in dem liebe-gerichteten Menschen sogleich zu inbrünstiger Entspannung umgewandelt.

Die Tiefe des ruhenden Atems, die Entspannung des Tages in die Nacht, die Ruhe nach einer gereiften Tat … immer der Abgrund, wo sich die neue Lebenswoge bildet, heißt dann Inbrunst. Ist der andere, der geliebte Mensch wieder da und wirklich bei sich selbst, so ist die Woge der Liebe, die sich aus dieser Tiefe herauf ihm entgegenwölbt, fast greifbar in ihrer überflutenden Stärke. Ist der Geliebte fern, so ergießt sich dieselbe Kraft vielleicht in eine neue Tat oder auch nur springquellhaft müßig in irgendeine einsame körperliche Regung, irgendeine ausdruckgefüllte Gebärde, die keiner sieht, oder auch in einen klaren Gedanken, der bald wieder vergessen ist und verfällt. In der Tiefe ihres Ursprungs sind alle diese Regungen des einsamen Selbst mit den Liebesregungen eins und dasselbe. Wer in sich Bescheid weiß, vermag sogar durch einen ganz kleinen Ruck in der Tiefe große Umstellungen an der Oberfläche zu bewirken. Doch wird dies stets Geheimnis bleiben.