Rhythmische Leistung

Der Erzieher in den heutigen Schulen läßt den jungen Menschen in der Auffindung seiner eigenen Bedingungen, seines eigenen Naturgesetzes völlig allein. Man setzt voraus, er werde sich schon selbst »finden«. Die allermeisten finden sich selbst tatsächlich aber niemals. Und alle diese leitet man nun trotzdem zu einem Können, das überhaupt nicht oder noch nicht in ihnen selbst bedingt ist. Die Folge davon tritt in diesen Zeiten schon als ein wahrer Höllenzustand überall zutage.

Alles Können, alles Gekonnte hat sich losgelöst von dem erzeugenden Menschen und wird getrennt von dem Erzeuger gewertet. Getane Werke, Erzeugnisse der Hand und des Geistes, Dinge, die Menschen hervorbringen, haben Eigenmacht gewonnen über die lebendigen Menschen. Dieser Zweckgedanke, diese ungeheuerliche Überschätzung der Sache, der Leistungen, hat ihren immer wieder neuen Nährboden in der Erziehung, welche die Menschen von vornherein doch wenigstens zu einem gewissen Mindestmaß von Leistung abrichtet. So werden dem jungen Menschen von vornherein allein die Dinge, die von Menschen geschaffenen Werte, hingehalten mit dem stillschweigenden Bedeuten: auch du hast später in deinem Leben zu diesem Haufen der Werke deine Arbeit, mag sie nun klein oder groß sein, hinzuzulegen. Die sich selbst zur Qual verdammende europäische Menschheit jagt ihre Kinder mit Hilfe der Erziehung immer wieder von neuem in diese trostlose Sklaverei, wo die Menschen meist ohne Freude und weit über ihre Kraft hinaus Dinge herstellen müssen für Menschen, die auch wieder nichts tun als Dinge herstellen oder Dinge verbrauchen.

Mit all diesen Worten wurde nichts gegen Arbeit und Leistung selbst gesagt. Nur gegen die Losgelöstheit der Arbeitsleistung von den Menschen, die sie hervorbringen. Arbeit ist aber doch Hervorgebrachtes, ist die Frucht vom Baume Mensch, die Frucht, die zu ihrer Zeit abfällt.

All das atmende, durch Tag und Monat, durch Jahr und Lebensalter hindurchschwingende Leben ist ja eigentlich nur Kraftbereitung für die hier und da selten, dann aber wuchtvoll zutage tretende, schöpferische Leistung des Menschen. Für solche Früchte, solche Werke hat all das schwingende Leben dann die Bedeutung der schöpferischen Pause; denn aus der Tiefe des Lebens schießt diese Kraft herauf.

Jedes Kind bringt zugleich mit seiner Lebenskraft auch schon die Urausdrucksform dieses Kraftüberschusses, den Spieltrieb ins Leben mit. Spiel ist die leichteste Form des Ausbruchs aus dem ruhenden Selbst, und darum auch selbst in seiner Übertreibung für die schöpferische Pause nicht gefährlich. Im Spielenkönnen ist gewissermaßen noch unentfaltet alles Können enthalten, was sich nachher bei den erwachsenen Menschen in Einzelfähigkeiten gespalten ausdrücken soll. Die gewöhnlichen Schulbetriebe der heutigen Zeit sind nun so einseitige Vorbereitungsanstalten für das sogenannte »Leben« geworden, daß die Form des Spieles in ihnen gar nicht oder nur sehr wenig Raum findet. Der Grundsatz der Arbeitsteilung beherrscht den »Stundenplan«, und damit ist das zweckmäßigste Mittel gefunden, möglichst viel an Leistung herauszupressen. Stundenweise, immer wenn der Lernende ermüden will, bekommt er ein anderes Gebiet der Arbeit vorgesetzt. Dies erinnert an die ehemals übliche Methode, bei überreichen Gastmählern durch die Verschiedenartigkeit der Gerichte immer von neuem den Appetit anzureizen.

Schnell ausmünzbare kleinteilige Arbeitsweise lernen die Kinder auf der Schule. Was sie gelernt haben, müssen sie auch gleich anwenden und benutzen. Daß nur ja nichts verschwindet! Der Lehrer will gleich Erfolge sehen und die Eltern zu Hause auch, und so muß das Kind denn von Tag zu Tag immerfort zulernen; je klagloser es sich dazu zwingen läßt, d. h. je schwächer es in seiner Anfangskraft ist, umsomehr wird es gelobt. Dieser ganze Zwang zur Arbeitsleistung, diese Vorbereitung aufs Leben, überhaupt das ganze Arbeitsdogma muß beiseite gelassen werden, wenn es sich um die Erziehung des kleinen Kindes handelt. Der Führer braucht nichts weiter zu tun, als den kindlichen Schatz an spielenden Ausdrucksmöglichkeiten verwalten helfen. Aber nicht mehr darf er diesen Schatz zerstreuen und vergraben, weil für ihn selbst das Leben ernst geworden ist. Er muß spielend Führer sein. Und um das zu können, muß er in seinem Blute den Ursinn alles gestaltenden Lebens kreisen fühlen: ganz gleich ob so oder so, wenn nur überhaupt! Und zugleich muß er als erster und immer wieder mit dem spielenden Kind die Ernsthaftigkeit des Spiels freudig bejahen, das Werfen aller Kraft auf das Ziel dieses einen Spieles: wenn einmal überhaupt, dann so und mit aller Kraft nur so! Beides zusammen: die freudige Erkenntnis der Zwecklosigkeit alles Spiels und trotzdem die ernsthafte Ergreifung des einen gewählten Spieles macht allein locker und leicht genug, um immer und immer wieder in die Tiefen der Ruhe hinabzuschwingen, aus der sich dann zu ihrer Zeit die schöpferische Leistung ungezwungen erheben kann.