Die Rundfrage

In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt: täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei — hopla, meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix und or’j’nell, wenn ich bitten darf...

Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken Sie über vorgeburtliche Erziehung?“

Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig: „Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles weg!

Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s im Register unter F, S oder T zu kontrollieren hatte. Ha, da stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der „Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der „Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen —

Ha, da kam ihm ein Gedanke:

„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über ‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“

„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘, letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte —“

„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ — he, Kollege?“

„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. — Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen — die sind nicht so ausgekocht.“

Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr Haupt in die Hand. — „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über irgendwas Merkwürdiges gemacht?“

„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“

Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:

Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.

I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu treten?

a) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?

b) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt? 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal? abnorm?

In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden Begleitbriefes:

Hochverehrter Herr und Meister!

Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen. Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter Herr und Meister, geeignet erscheint usw.

Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...

Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit. Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.

Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der ‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich hinzuweisen...“

Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen. Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“

Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen, kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“

Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte: „Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter. Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“

Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke, Briefträger.“

Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.

Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß, soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften ihre Meinung sagen.

Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte, nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“

Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die Setzerjungen kommen.

„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ — „Jawoll, Herr Doktor.“ — „Na?“ — „Nischt, Herr Doktor.“ — „Nanu?“ — „Weil ’n verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge stapft.“

Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig, wahnsinnig, blödsinnig, — aber or’j’nell.“

Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu. Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze — nu’ soll ick’t ooch noch lesen? Is nich.“