Brennesseln und Regenwürmer.
Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.
Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.
»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen weiterfrühstücken!«
Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? – So!«
Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«
»Meinst du?«
»Ja! Ganz sicher!«
»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! – So! – Na, also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«
Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.
So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die Stullen belegt sein, da das alles so mundet!
Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da kannst du schon fester zufassen!«
Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige mal!«
»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!«
»Wozu nimmst du denn den mit?«
»Nicht doch, du! – Für unser Rotkehlchen!«
»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens. Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.
»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel.
»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.
»Na, sie sind doch schädlich!«
»Schädlich? Wieso denn?«
»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«
»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes Erdboden! Weißt du das noch nicht?«
Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«
»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter. Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende zuerst ins Loch ziehen!«
Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!«
»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein, denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried recht.«
»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet, »ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«
Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken: »Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr Doktor,« – der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein – »warum sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?«
»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein gedüngt, wieder von sich gegeben haben!«
Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen.
Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«
Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?«
»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen sie hervor und verrichten hier oben« – dabei beugt sich Doktor Fuchs zu Puntz hin und sagt nur halblaut – »ihr Geschäftchen. Wer hat denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete Kotballen, meine ich.«
Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich! Herr Doktor!«
»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«
Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!«
Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen sollen.
»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. – Also! Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1 Quadratkilometer?«
»1000 × 1000 × 10.«
»Das sind also doch 10 000 000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer. Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? – Dann hat sich Darwin –. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«
»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht, Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer weiter.«
Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.«
Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler. »Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!«
»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch viel näher als ich!«
Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift sans façon nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken. »Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest, wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird. Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder auf einen Quadratkilometer 2 500 000 Kilogramm oder 5 000 000 Pfund oder 50 000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 mm geben. Na, Dicker, bist du nun bekehrt?«
»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.«
»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld – damals war er noch jung – Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem Menschenalter wieder – ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand er die Kreideschicht 16 oder 17 cm unter der Oberfläche. Macht aufs Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ cm, auf 100 Jahre ½ m, auf 200 Jahre 1 m. Item, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein, die auf unsrer Erde leben!«
Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde; keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr.
Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der Giesel fertig.
»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein. Ja!«
»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.
»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer! Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!«
Das macht die Jungen stutzig.
»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!«
Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben liegen!«
Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.
»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes genau noch einmal so reichlich.«
Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«
»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht. Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht lebensfähig.«
»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!«
»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden! Na, Jungs, wollen wir weiter?«
»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke Puntz.
»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also en avant, messieurs!« –
Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch alle?«
Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!«
»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie sehen denn die aus?«
»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«
»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!«
»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«
»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«
Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das Gift in die Wunde und zieht Blasen.«
»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!«
Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst etwas über die Blätter streift.
Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln diese Härchen?«
Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum Schutze!«
»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? – Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe steht sie ihm!«
»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«
»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« – Doktor Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. – »Nun, seht mal her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«
Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten Blüte zu Leibe gehen will.«
»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!«
Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, wie man das nennt, Jungs?«
»Zuchtwahl!« – Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge.
Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja, Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«
Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal auch in Gräben und hinter Hecken?«
Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier immer unter den Eichen?
Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung: »Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.«
»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!«
Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« –
Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so weit die Jungen auch um sich gucken.
»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!«
»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«
»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«
»Na, denn los! Sanfter Galopp!«
Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle, starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem Lumpengesindel der Nesseln.
»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft hat. – Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. – »Na, wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«
Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die Nahrung und das Licht weg!«
»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«
Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und dünn wie Weidengerten!
»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es wird dir mal schlecht beim Militär gehen!«
»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s manchmal nicht zu best.« –