»Dieser Stein vom Seinestrande.«
Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später rechtwinklig auf die alte Berlin–Potsdamer Landstraße zu stoßen.
Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist. Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.
»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.
»Frage do’ nich so dumm!« – Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und schnell denkender Berliner. – »Damit keener runtersaust, wenn er ’n Schwips hat.«[11]
[11] Bezecht ist.
»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«
Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«
»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«
[12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.
Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch weich genug.«
»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«
»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man –«
»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die Mütze. Der Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.
Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. –
Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.
Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«
Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und – rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.
»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«
»Na, ich will die Enten zählen!« – Ein ganzes Heer von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.
»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«
Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist – ein Stück von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er – ein echter Brandenburger! – damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:
»Dieser Stein vom Seinestrande,
hergepflanzt in deutsche Lande,
ruft, o Wanderer, dir zu:
Glück, wie wandelbar bist du!«
Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist das alles?«
»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine Tasse Schokolade zu haben?«
Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!« erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«