Strafe muß sein!
Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein Junger unter Jungen!
Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber – was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten »Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch.
»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz.
»Ja,« – Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen – »et’s bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« – – –
Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. –
Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte, schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete, daß es allen durch Mark und Bein ging.
»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un Fennje!«[10]
[10] Pfennige.
»Na nu?« – Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt, sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. – »Schon?« – »Was ist denn eigentlich heute mit dem los?«
Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er – wie er einmal selber verraten – seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald stehen sollte.
Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern. »Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix jetzt!«
Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich hinsah.
»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine Köckeritz, der Frechdachs.
Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen.
»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (NB. wenn Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken – ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen. Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der Unter-Tertia O zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht. Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet. Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden über die Vaterlandsliebe. Das ist meine Meinung. Und deshalb werde ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben, bestrafen.«
Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen.
»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade nicht angesehen hat!«
Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen.
»Herr Turnwart!« – von Schoener ist damit einen Schritt weiter vorgetreten. – »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!«
»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß er ran!«
von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe.
»Drei … sechs …… fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet, jetzt ein Viertelstündchen, und die andern sehen zu. Und zweitens dürfen die andern dann kürturnen, und ihr seht zu. Die Paradejungen aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! – Die Parade austreten!«
»Die Parade austreten?« – Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot, »beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das Kommando: »Halt!«
»Ausrichten! – Haeseler, man nich so schlapp dhun! – Bonin, an deinen Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! – Schoener, dhu man nich so! Willst woll Eindruck schinden? – So! Nun habt ihr noch lange nicht so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung – kehrt! Vorwärts – marsch! … Ganze Abteilung – halt! Ganze Abteilung – kehrt! So! Hier bleibt ihr stehen und seht zu!« – Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung Kürturnen!«
Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen, jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang! Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen! Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!
Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.
»In Rotten antreten! Haltung!«
Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.
»So!« – Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein gemütliches Gesicht. – »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den Pfingstferien die Hand geben!«
Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn, die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei »gezwiebelt« hatte. – – –